unterwegs #4, Kinder, Lehrer_innen, für immer unterwegs sein wollen

Und dann ist der letzte Inselmorgen. Wir packen, frühstücken und googlen die nächsten Versorgungspunkte.

Wir haben Sonnenbrand auf den Lippen und befühlen ihn zwischen Erstaunen und Faszination.

Als wir am Kaffee aufwachen, hören wir ein Kind im Waschhaus. Es ruft seine Mutter, doch auch nach dem dritten Ruf bekommt es keine Antwort. Mama ist irgendwo auf dem Platz und versorgt das Geschwist.

Aus dem Rufen wird ein Weinen und aus dem „Mama“ eine lange Vokalkette, dessen Ende in unser Inmitten sticht. Wir stehen auf und gehen hin. Der kleine Otto steht da in nassen Hosen, mit den nackten Füßen in einer Pfütze und hält sich an der offenen Klotür fest.

Ich merke wie mir Federn aus der Haut stechen und alles merkwürdig wird. Wie ich oder etwas, das mir vertrautfremd ist, mich vor ihn hockt und fragt, ob wir ihm vielleicht helfen sollen. Er nickt und atmet und starrt uns aus großen Augen an.

Wir helfen ihm aus der Hose und geben ihm Papiertücher zum Aufwischen, während wir die Sachen durchspülen. Zufrieden, mit seiner Saubermacharbeit, läuft er zur Hochform auf, als wir ihn fragen, ob er weiß, wo sie geschlafen haben. Seine Eltern sind bestimmt auch dort.

Als wir nacheinander zu ihrem Platz gehen, denke ich, dass die Klos hier viel zu hoch sind für Otto. Besonders, wenn es dringend ist. Aber vielleicht hat er auch nur den Weg zu den Kinderklos vergessen? Ich hab keine gesehen.

Für Otto ist die Welt wieder ok, als er bei Mama ist. Diese dankt mir und sagt, sie hätte sich das Unglück schon gedacht. Wir fragen sie nicht, wieso sie ihm dann denn nicht gleich geholfen hat. Was wissen wir denn schon von ihrem Alltag oder dem, was diesem Moment vorangegangen war.

Aber wir merken uns das. Für später. Für die eigenen Kinder.

Wir frühstücken. Dann nieselt es. Dann windet es. Wir kriegen Geld zurück vom Platzbetreiber und kaufen uns davon einen Pin in der Form von Amrum. Für die Therapie und die Schule. Erbsenmomentanker aus dem echten Leben, baby.

Wir nehmen die Fähre um 5 nach 12 und schreiben dort unsere Inselpost. Das muss man verstehen – im Fährrestaurant hat es 20° und schöne Aussicht. Horst und Gisela aus dem schönen Schwaben machen das auch so, nur für eine riesige Verwandtschaft.

Auf dem Festland ist es wärmer. Hier ist es nur der Wind, der kalt und unangenehm ist. Wir fahren nach Süderlügum, wo unsere Schlafstelle auf dem Gelände eines Jugendheimes ist. Wieder finden wir kein Schild, wieder gibt es keinen Hinweis auf die Initiative „Wildes Schleswig Holstein“.

Aber eine Schulklasse treffen wir, die mit zwei Lehrer_innen ihre Klassenfahrt hier machen. Für sie ist es kein Problem, wir sprechen uns ab und bauen unser Zelt in strategischer Entfernung zu den Zimmern der 13 bis 15 jährigen Krawallquellen.

Wir essen zusammen Abendbrot und tauschen uns über die aktuelle Realität von Inklusion und Lehrer_innenalltag aus. Und wieder denken wir darüber nach, vielleicht doch irgendwas Soziales zu studieren oder zu lernen.

Wir sind kein gefühlskalter Roboter, der alles hübsch kontrolliert haben muss oder Gefühle anderer Menschen für abstoßend hält. Es ist nicht das, was wir meinen, wenn wir sagen, dass der Autismus uns diese Art des Berufs sehr erschweren würde.

Es ist nur so, dass wir an den Strukturen zerbrechen würden, in denen Menschen, die mit und an Menschen überwiegend arbeiten müssen. Weil wir gute und richtige Arbeit machen wollen.

Später sitzen wir mit am Lagerfeuer und sprechen über dies und das und ich merke, dass Lehrer_in zu sein in keinem Fall ein sozialer Beruf ist, obwohl ein Großteil die soziale Auseinandersetzung mit den Schüler_innen ist. Mir kommen die beiden vor wie genau die Beamt_innen einer Leistungsbehörde, die sie sind. Trotz aller Herzenswärme und Einsatz für die Schüler_innen.

Am nächsten Morgen ist die Klasse bereits im Wald, um Bäume zu töten und sich das pädagogisch legitimieren zu lassen. Wir essen, nehmen uns Obst mit und fahren.

Und fahren. Und fahren. Und fahren.

Dann sind wir in Flensburg und kaufen ein. Sind traurig, dass wir nicht mehr Platz in den Packtaschen für all die dänischen Lakritzsüßigkeiten haben, die es hier gibt.

Dann frühmittagessen wir und suchen den Landeplatz für heute abend. Wir entscheiden uns für eine warme Dusche und bezahltes Internet, also steuern wir Pommerby an.

Hier ist es toll. Die Ostsee liegt genau am Campingplatz, das Mysterium um unsere dauernde Roaminganzeige im Handy wird gelöst. Das Internet hier hat keine Ahnung von der deutsch-dänischen Grenze.

Wir duschen, waschen ein paar Sachen, essen Süßigkeiten und lesen Emails. Der Sonnenbrand im Nacken hat eine braune Stelle hinterlassen, der auf der Nase ist im Stadium der Pelle.

Jetzt gehen wir zum Strand und machen Fotos. Morgen fahren wir zum Stocksee. Übermorgen nach Fehmarn. Jetzt ist die Phase, in der wir jeden Tag, für den Rest unseres Lebens unterwegs sein wollen.

unterwegs #3, Möwen, Verunsicherung und eine getötete Auster

„Möwen sind schon übertriebene Tiere.“, denke ich, als ich auf dem Dach des Platzhaupthauses drei Exemplare beobachte, die sich scheinbar anschreien vor Lachen.

Übertrieben ist auch der Temperatursturz. Heute zeigt das Thermometer 15°C – wir tragen sehr leichte Sommersportsachen. Das Zelt schlackert im Wind und weckt uns immer wieder mit seinem Plastikklatschgeräusch.

Dabei ist schlafen genau das, was wir heute brauchen. Ausruhen, liegen, Mineralien und Kraft tanken. Dass es zwischendurch immer wieder regnet macht dieses Vorhaben leichter.

Am Nachmittag bin ich so genervt von den Zeltgeräuschen, dass ich die Kühle draußen vorziehe. Wir packen eine Gurke und etwas Obst ein, füllen die Wasserflasche auf und laufen zum Strand. Es ist viertel 3, als wir starten und halb 8 als wir in Norddorf ankommen. Müde, hungrig und inzwischen ziemlich verfroren.

Wir warten auf den Bus, fahren zum Platz, essen und gehen schlafen.

Niemand spricht mit uns mehr als „Moin“. Der Kellner auf der Fähre war der Letzte, zu dem wir etwas gesagt haben.

Heute, am Montag, denke ich darüber nach, morgen kurz nach Hause zu fahren. Das Zelt nervt so sehr, dass andere Dinge wie Kälte, Wind, lange warten bis das Wasser kocht und das, durch die Stille in uns viel leichter hochkommende Innen, schwerer zu managen sind.

Ich werde unsicher, ob das alles jemals aufhören wird. Kann mich denn nicht einmal ein Zelt einfach nur nerven? Muss denn immer irgendwie auch gleich alles andere schlimm bis unaushaltbar werden, nur, weil eine Sache komisch guckt oder nervt?

Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Ich will denken: Ich kriege das hin. Alles.

Weil ich mir nicht genug glaube, bitte ich die Therapeutin uns anzurufen. Ich will sie bitten mir das zu bestätigen. Dann geht’s meistens.

Wir fahren nach Wittdün, finden nur Touristenquatsch für den man bezahlen muss. Dann fahren wir nach Nebel und fahren von dort aus an den Salzwiesen vorbei bis nach Norddorf. Es windet. Uns ist kalt. Die Bewegung hilft.

Wir fahren so weit wie es geht nach Norden und laufen dann bis zur Nordspitze. Das Vögelgekreisch, der Wind, das Pickeln und Pieksen der Muschelschalen an den Füßen, alles wärmt uns auf und gibt uns das Gefühl, okay hier und jetzt zu sein, so wie wir sind.

Halb 6 beginnt die Wattwanderung, für die wir uns dann doch noch entschieden haben. Wir lauschen, fragen, erleben. Haben einen sehr veganen Moment, als wir dem Mann, der bereit ist eine frisch geöffnete Auster zu essen, sagen, dass er jetzt ein lebendes Tier essen wird. Und als wir in die giggelnde Runde sagen, dass wir ja froh sein können, dass man dieses Tier nicht schreien hört.

Ich finde es abstoßend. Alles an der Aktion erscheint mir barbarisch. Nicht, weil sie es tun oder geschehen lassen – das tue ich ja selbst auch bzw. würde es im Notfall wohl auch tun. Aber die Profanität des Tötens, die Legitimation – das schüttelt mich und triggert Erinnern im Innen. Diese Auster ist für Neugier gestorben – das kann doch nichts sein, womit man wirklich und ohne jeden Zweifel okay ist.

Wir entfernen uns von der Gruppe. Essen Seespargel und Seesalat. Beobachten Seeschnecken und Möwen. Fusseln mit Schlick bis der Wattführer die Runde für beendet erklärt.

Jetzt sitzen wir am Haupthaus des Campingplatzes, tippen diesen Text, haben ein warmes Gesicht und die Versicherung unserer Therapeutin, dass wir das alles schaffen.

Die Fähre nach Dagebüll geht um kurz nach 3. Genug Zeit für Inselpost und einen ersten letzten Kaffee in einem Touristenquatschcafé.

Die nächste Station ist Süderlügum. In ein paar Tagen kommt J. uns auf der Tour besuchen. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Und auf wärmere Temperaturen. Darauf auch.

unterwegs #2, Soulfood

„Jaaa, aber das ist doch alles kein SOULFOOD“, sagt J. mit zusammengeknautschtem Gesicht, als ich ihm von unseren veganen Getreide- und Linsengerichten auf der Tour erzähle. Er möchte, dass es uns gut geht. Dass wir gut versorgt sind. Dass wir glücklich sind.

Als wir am Morgen im Husumer DM-Markt stehen und weitere drei Päckchen Cashewmilch greifen, denke ich an diesen Moment zurück.

Nach den Hafermilchdramen auf der letzten Tour, sind wir froh um diese kleinen Portionen. Glücklich, nicht auf unsere Morgenroutine aus Wasser, Milchkaffee und Haferbrei verzichten zu müssen.

Wenn wir Leuten davon erzählen, wie gern wir unterwegs sind, dann können sie das oft nicht mit uns verbinden: jeden Tag woanders sein, was anderes machen, was anderes essen, als sonst.

Für uns ist aber genau das ein Privileg. Vielleicht auch, weil wir es uns nachwievor im Alltag nicht erlauben ganz und gar so zu leben und zu sein, wie wir es wollen und brauchen.

Wir würden sehr gerne jeden Tag das Gleiche essen, anziehen, machen. Aber gegen die Angst, die intrusiven Empfindungen und Gedanken, die darauf folgen, kommen wir nachwievor nicht an.

Als wir später in der Tankstelle von Hattstedt ein Paket mit Quatsch, den wir mitgenommen haben, aber doch nicht brauchen können, aufgeben, quillt mir eine Erinnerung an ein Zeltlager hoch.

Eine Geburtstagskarte an meinen Vater, in dem auf der einen Seite mit gelbem Filzstift der Glückwunsch steht und auf der anderen Seite die Bitte darum abgeholt zu werden.

Das Zeltlager auf Poel mit den Falken. Mit dem Neptunfest, dessen Konzept wir bis heute weder verstehen, noch so witzig finden, dass man es dringend wiederholen muss.

Beim Neptunfest verkleiden sich alle meerisch als Fisch oder Krebs oder Meermensch oder so etwas. Dann sitzen alle am Strand und werden von Neptun „getauft“. Der Name wird ausgerufen und es wird erwartet, dass man wegrennt. Nicht, so wie wir, sich meldet. Denn man muss ein widerliches Getränk trinken und wird mehr oder weniger dazu gezwungen, weil „Neptuns Hescher“ eine_n festhalten.

Wir wurden damals „lahme Seekuh“ getauft und hatten durch die ganze Aktion jegliches Zutrauen, jeden Spaß, jeden Bezug zu dem Camp verloren. Die Karte zu schreiben, war ein Rettungsgesuch. Ich glaube nicht, dass es beantwortet wurde.

Jetzt, wo mir diese Kinder so nah sind merke ich die Alltagszwangschrauben, die ihnen noch chronisch akut – uns Rosenblättern jedoch dumpf latent im Fleisch stecken. Da ist kein Raum für Entspannung, für Versinken im Eigenen – für das Eigene, das Selbstsein. Da ist permanenter Druck sich offen, aufnahmefähig, kopfisch, physisch funktional zu halten. 24/7 Interaktionsdruck, ohne selbst etwas davon zu haben, geschweige denn zu verstehen, wozu genau das wichtig sein soll. Und obendrauf kommt die Gewalt, wenn die Erschöpfung schlicht nicht mehr zu unterdrücken ist.

Unterwegs auf dem Rad machen wir stundenlang nur eine Sache. Fahren. Wir hören keine Musik, keine Hörbücher, keine Podcasts. Nur das Rauschen des Gegenwinds und die Fahrgeräusche des Rads.

Wir fahren keine 6 Stunden am Stück, weil wir sportliche Höchstleistungen erbringen wollen oder uns keine Pausen gönnen. Wir sind 6 Stunden. Wir fühlen uns 6 Stunden. Wir kommunizieren mit uns 6 Stunden. Wir interagieren, wie wir das wollen 6 Stunden.

Im Alltag unter Menschen, die weder merken, noch wirklich glauben können, wie immer überfordernd ihr Normal für uns ist, haben wir niemals so eine freie Ecke für uns. Schon die Möglichkeit, dass es jederzeit klingeln könnte, jemand anrufen könnte, jemand etwas von uns wollen oder brauchen könnte – und sei sie noch klein! – vernichtet uns bereits die Option zu Hause diese Ecke zu haben.

Als der Regen am Morgen nachlässt fahren wir gerade aus Hattstedt raus auf einen Mitteldeich vor der Nordsee. Vorbei an Schafen und über ihre Kacke, fahren wir knapp 3 Stunden nach Dagebüll Hafen. Kaufen eine Fahrkarte für die Fähre, steigen auf.

Einer der Fährfahrer kommentiert meinen Sonnenbrand im Nacken, macht Späße mit uns, bis wir das Rad gut verstaut haben.

Ich bin froh, daß ganze Prozedere bereits mit L. einmal durchgemacht zu haben, als wir vorletztes Jahr mit ihr nach Föhr gefahren waren. Jetzt macht es uns keine Angst mehr und wir bewegen uns sicher auf der Fähre.

Als es uns oben zu warm und unten zu laut wird, setzen wir uns in die Mitte und bestellen wie ein Millionär. Einen Kaffee mit Keks, für 3,30€.

Auf Amrum angekommen lassen wir uns den Weg zum Zeltplatz erklären, kommen an und sind überwältigt.

Erstmal von dem Preis, denn für 3 Tage und 4 Nächte bezahlen wir 58€, was mehr als ein Drittel unseres gesamten Budgets ist. Aber wir sind gesichert. Nur den Hut mit Nackenschutz und die geführte Wattwanderung müssen wir sein lassen.

Der Platz ist aber toll. Mitten in den Dünen gelegen, umgeben von Sträuchern und Gräsern, mit Blick auf den Leuchtturm. Das Möwengeschrei kommt noch obendrauf.

Nach einer Dusche und Handwäsche der, inzwischen krass stinkenden Shirts, sind wir bereit für einen Spaziergang. Der beginnt vom Platz aus auf einem Holzbohlenweg durch sumpfmooriges Gebiet mit Gänsen, Hasen und vielen unterschiedlichen Pflanzen. Dann geht es auf einer im feinen Sand liegenden Holzleiter über die Düne zum breiten fast menschenleeren Strand.

Wir verbringen Stunden hier. Fusseln im Sand, beobachten Wellen, lassen uns vom weichen Wind streicheln. Als wir eine Hängematte finden, beginnen wir nach einer Schaukelpause diesen Text.

„Leben, was schmeckst du heute gut“, denke ich und frage mich, ob J. vielleicht auch so etwas als „Soulfood“ bezeichnet.

Unterwegs #1, Hühnengrab und Kühe

„Echt?“, denke ich, als ich sehe, dass es Albersdorf ist. Dort gibt es einen Steinzeitpark mit Nachbauten und verschiedenen Originalen aus der Steinzeit, in dem man als (Rad)Wandernde_r das Nachtlager aufstellen darf, ohne etwas bezahlen zu müssen.

Dort gibt es auch die erste Wohngruppe, in der wir gelebt haben.

Als wir mittags in Elmshorn starten, denke ich nicht mehr „Echt?“. Ich denke gar nichts. Die Mittagssonne fällt wie Beton auf mich und der Radweg nach Itzehoe ist eine einzige Katastrophe. Wegen solcher Wege haben wir ein Trekkingrad und 5 bar auf den Reifen.

Halb 6 kommen wir im Park an – niemand ist mehr da. 17 Uhr wird geschlossen, das Steinzeitdorf und die Wanderwege auf dem Gelände sind immer offen.

Wir haben Edge-Empfang und können auch mit einem Spaziergänger nur noch raten, wo wir uns hinstellen dürfen. So kommt es, dass wir um halb 9 neben einem Hühnengrab aus der Jungsteinzeit einschlafen und halb 6 vom Vogelzwitschern wieder aufwachen.

Dieses Grab zeigt uns das große Geschehen, in dem auch wir passieren. Wir frühstücken daneben und lassen uns von der Morgensonne streicheln. Der Mensch, der hier vor über 3000 Jahren beerdigt wurde und die Idee von den Menschen, die ihn begraben haben, sind die beste Gesellschaft für diesen Morgen. Sie sind bei mir, obwohl sie schon lange nicht mehr sind.

Albersdorf und die Menschen, mit denen wir zusammenzuwohnen versucht haben, sind auch noch bei uns. Als schmerzhafte kleine Knoten, die sich bei der Fahrt durch den Ort Richtung Husum auflösen.

Ich trage die Jugendlichen wie mein Trinkwasser in einer Blase auf dem Rücken und höre ihrem Rauschen zu. Sie haben keine Angst oder irgendwelche anderen „heißen“ Gefühle. Da ist nur die Stille enttäuschter Hoffnungen und die Dissonanz zwischen der emotionalen Anstrengung aus 2001 und der körperlichen Anstrengung jetzt 2018.

Sie erzählen mir nichts von damals. Sagen nur, dass sie nicht nach Heide wollen. Ich zeige Ihnen unsere Route – sie führt an Heide vorbei.

Vorbei müssen wir wenig später auch an 5 Kühen, die keine 20 cm neben uns liegen und verdauen, weil sie auf dem Deich vor der Nordfelder Schleusenanlage grasen.

Als wir sie sehen, gehen wir zurück. Schieben das Rad auf den Deich. Suchen Optionen. Als wir sehen, dass es keine gibt, erinnere ich mich an das, was Temple Grandin über Kühe erzählt. Ich nehme den Helm ab, verstaue alles glitzernde und wackelnde an mir. Und bleibe doch unsicher vor ihnen stehen.

Dann knackt es in einem Lautsprecher. „Sie brauchen keine Angst haben – die Tiere tun nix.“.

„Na dann!“, rufe ich lachend zurück und schiebe mich durch die schwarz-weißen Grazien. Zu wissen, dass da noch jemand ist, hat geholfen.

Ein paar unfertige Gedanken über die Sicherheit des einen durch die Unfreiheit des anderen später, sind wir in Drage, dann in HmHmHm, dann in HmHmHm und dann in HmHmHm – wo ich immer wieder einen Ort suche, um Pausen zu machen, doch nicht fündig werde.

Ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Zwei Falafel und mehrere Liter Wasser bringens dann eben doch nicht.

Vor Husum kaufen wir uns Tomaten, eine halbe Wassermelone, 4 Äpfel und eine Gurke.

Auf dem Zeltplatz merke ich den Sonnenbrand im Nacken. Die Schmerzen in den Füßen. Dursthunger. Die Luft steht, die Sonne brennt und brennt und brennt.

Doch es ist gut.

Der Zeltplatz ist ohne Deich an der Nordsee. Wir trinken, essen, fangen ein Hörbuch an. Am Abend staksen wir das erste Mal durchs Watt, das sich hier wie Pudding auf Steinboden anfühlt. Ein Tierchen bleibt kleben, wir filmen es.

Die Nacht beginnt früh für uns. Der Morgen auch. Heute fahren wir nach Dagebüll und von dort nach Amrum.

“Aber ich quäl sie nich.”

“Es wird immer schlimmer”, sagt sie und schleicht, das Tier an der komplett eingezogenen Flexi-Leine haltend, auf uns zu. “Jetzt kommt schon Blut aus dem Auge.”
Die mittelgroße Hündin neben ihr versucht den Grünstreifen zu erreichen. Sie zieht sie wieder zu sich ans Bein.
”Besonders nachts. Da weint sie viel. Da muss ich immer hingehen. Wird immer schlimmer.”

Bei mir wird auch alles immer schlimmer.
Da ist eine Wut und sie ist so dicht, so nah, so eng, dass ich merke, dass es auch meine ist.

“Aber Tierarzt sagt, geht noch. Sie is ja so jung. Is ja erst 10.”. Sie hält die Hündin weiter fest neben sich. Diese versucht mich aus der Ferne zu wittern. “Neulich hats auch neben der Nase geblutet.”

„Meine Nase blutet auch gleich“, denke ich. Wir haben eine Neigung zu Nasenbluten, wenn wir sehr aufgeregt sind.
Diese Situation regt uns sehr auf.

Wir wissen ja, dass viele Dinge, die Menschen tun manchmal einfach irrational sind. Wissen auch: mehr als feststellen können wir das nicht, denn es liegt weder in unserer Macht, noch in uns selbst als Ziel, das immer und bei allen irgendwie zu verändern. Aber ach.
Manchmal eben doch. Manchmal ist es eben doch ein Ziel. Oder besser gesagt: ein Wunsch.

“Aber ich quäl sie nich. Mal sehen, wie lang ich sie noch hab.”

Ich denke, dass sie sich selbst nicht so hört, wie ich sie höre, würde mir aber wünschen, dass sie das täte.
Mir tut der Anblick des Tieres, ihre Worte und alles, was sie da gerade macht so unglaublich weh. Es macht mich traurig zu merken, wie sehr sie sich an das Tier hängt, als wäre es ein Objekt ohne eigenen Seelenkosmos. Wie sehr sie glaubt aus Liebe zu handeln und einzuschätzen, während sie das Tier, das bereits sichtbar Schmerzen hat, für sich am Leben hält.

Die Hündin hat maligne Tumore. Sie wird nicht mehr lange leben. Und das, was sie noch leben wird, wird nicht schön, nicht gut, nicht bedeuten, dass sie einfach immer alles darf, was sie selbst möchte. Schnüffeln, wo sie mag, liegen, so lange sie mag, so viele andere Hunde begrüßen oder nicht begrüßen, wie sie mag.

“Lass sie doch wenigstens etwas von dir weggehen”, denke ich und merke, wie ich heulen würde, würde ich nicht vor ihr stehen. “Muss sie denn erst sterben, um frei von dem, was du Liebe nennst, zu sein?!”, denke ich und sagte zu ihr: “Und wo ist die Grenze? Hast du überlegt, wann der Punkt ist, dass du sie einschläfern lässt?”

Hat sie nicht. Natürlich nicht.
Sie kann dem Tier keine persönlichen Grenzen zugestehen, wieso sollte sie welche in dessen Leiden anerkennen.

Später überwiegt wieder die Wut.
Nachdem wir uns verabschiedet haben, denke ich wieder einmal an alles das, was “uns Hundehalter_innen” so beschäftigt ein Hundeleben lang.

Da gibt es  Leinenpflicht so gut wie überall in der Stadt und auf dem Land, läuft der freie Hund Gefahr von Jäger_innen erschossen oder von Autofahrenden getötet zu werden. Immer wieder Sorge, wenn er etwas aus dem Gebüsch frisst, weil man nie weiß, ob es ein Köder mit Rasierklingen oder Gift drin ist oder doch nur ein an Feinstaub erstickter Singvogel.
Das beste Futter, das wertvollste Spielzeug. Hundesport, weil das aktive Raubtier sonst im Wohnzimmer Amok läuft. Schicke Leine, gutes Halsband. Zecken, Durchfall, nie genug Mülleimer für die Pflichtplastitüte. Klar, dürfen die Kinder auch mal streicheln. Alle dürfen streicheln. Immer. Das ganze Fell, der schöne Flausch, das lädt ja richtig dazu ein. Und der mag das ja, der feine beste Freund des Menschen.

Und wenn man alles das nicht mitmacht – macht man es dann überhaupt richtig?

Wir wissen, dass NakNak* uns nicht liebt. Wir lieben sie auch nicht.
Sie ist nicht unsere beste Freundin. Sie ist sie und wir wohnen zusammen.
Wir freiwillig mit ihr, sie unfreiwillig beimit uns.

Wir leben in einer ausbeuterischen Beziehung miteinander, in der ich sie zu 100% unterdrücke.
Aber kein_e Hundepsycholog_in der Welt würde ihr raten, sich von uns zu trennen.

So normal ist die Gewalt, die man Haustieren antut.

Es ist nicht nur das „immer und überall zu wenig Auslauf“, die so oft nicht gegebene Rudelhaltung oder die Welpenproduktion in Vemehrerhaushalten – es ist der ganze Menschenscheiß, den Hunde in ihrem Leben haben.

Das ganze “Liebesding”, das ganze “Retterding” – die ganze menschzentrierte Scheiße, für die Hunde – Haustiere – herhalten müssen.
Diese merkwürdigen Übertragungsdinger, wo sich Personen, wie die mit der krebserkrankten Hündin, wie gnadenvolle Wohltäter_innen fühlen, wenn sie bestehendes Leiden so lange aufrechterhalten, wie es geht, damit sie es lindern können bis es nicht mehr linderbar ist. Lindern heißt nicht wegmachen. Das Tier leidet immer noch. Aber der Mensch fühlt sich gut, weil sie_r ja lindern kann.

“Aber ich quäl sie nich”, hat sie gesagt.
Ich glaub, das ist der Auslöser für mich.

Weil: wir quälen NakNak* – und die hat keinen Krebs.
Wir hauen sie nicht, wir füttern sie gut, wir laufen am Tag um 10km durch Wald und Wiesen. Sie hat ihre Kumpel, sie hat ihr Bett (unser Bett).
Aber machen was sie will, leben wie sie will, lassen wir sie nicht.

Würde das jemand mit uns machen, würden wir uns gequält fühlen. Eingesperrt, gefangen.
Vielleicht auch nicht – man gewöhnt sich an alles und so lange es nicht körperlich weh tut…

Es ist ein Dilemma.
Uns war das alles nicht bewusst, als wir uns dafür entschieden NakNak* zu behalten.
Jetzt bleibt uns nur, das bewusst zu behalten und das ist weder leicht, noch findet man Tipps und Tricks zum Umgang damit so einfach, wie unnötige Konsumgüter für Haustiere.

Jemanden zu treffen, die_r nicht so bewusst damit ist, fällt schwer. Macht wütend. Traurig.
Aber ist auch ein Moment für Demut.
Für: sich zu selbst zurücknehmen, innehalten und atmen.

Anerkennen, dass das gerade das ist, wie die Gesellschaft und damit die Mehrheit der Menschen um uns herum damit umgeht, dass man sich daran gewöhnt hat, Raubtiere zu unterwerfen, zu halten, zu züchten, abzurichten und für die eigenen Zwecke auszubeuten.

Anerkennen, dass das die Ebene über dem individuellen Leiden eines Menschen ist, der zusehen muss, wie sein Hund an einer unheilbaren Krankheit verstirbt.

Überforderung

“So ein kleines Zeltpäckchen hatten wir noch nie im Arm”, dachte ich und wappnete mich für den Weg nach Hause.
Das nächste, was ich wirklich erinnere, ist ein Sanitäter, der mich anspricht. Ich bin nicht weit weg von zu Hause, bin bei mir, bin ganz da. Ich bin da und lebe. Ich könnte zurück auf mein Rad klettern und zu meinem Abendessen fahren. Es wäre okay für mich. Das, was gerade passiert, ergibt keinen Sinn für mich. Die Fragen, die Zahlen, das Piepen des Sauerstoff-Pulsdings an meinem Finger.

Wir fahren ins Krankenhaus und warten eine Weile. Dann kommt ein Arzt und fragt, wie es mir geht. Ich sage “Besser, danke.”, obwohl ich mich frage, was er denn meint. Was von all dem, was in mir vor sich geht, geht denn gerade mit mir?

Ich würde gerne jemanden anrufen und lass es dann bleiben. Jemand hat F. abgesagt. Das Smartphone ist plötzlich nichts weiter als ein Hafen, der von niemandem benutzt wird.

Haben Sie das öfter – Ja
Kennen Sie die Auslöser – Ja
Oh hm. Ja gut. Können Sie denn jetzt nach Hause – Ja

Ich werde entlassen und fahre zu NakNak*, die auf ihr Abendessen wartet.

Als mich das scharfe heiße Curry endlich richtig aus der Dissoziation reißt, ärgere ich mich darüber, dass ich dem Arzt den Auslöser nicht genannt habe. Es ist legitim unter Überforderung zusammenzubrechen. Scheiß egal, ob es eine emotionale oder physische Überforderung ist. Irgendwann bricht auch der stabilste Balken.

Wir brauchen Urlaub. Und emotionale Entlastung.
Die Freiheit und den Mut manchen Menschen in unserem Leben zu sagen, dass wir sie nicht länger tragen können. Dass wir im Moment ein zerbrochener Balken sind.

Fundstücke #63

Ich erinnere mich an einen Urlaub mit den Großeltern in Dänemark.
Wir waren im Legoland und nach einigen Runden in kleinen Autos wurde dem Geschwist und mir ein Kinderführerschein ausgestellt. Darin gab es freie Zeilen für den Namen, die Adresse, Allergien und sonstige Empfindlichkeiten.
Ich erinnerbeobachte mich, wie ich mit dem Füller reinschrieb, dass ich empfindlich bei Weh Wehchen sei.
Der Grundschulschwung der W’s in diesem Wort ist mir nachwievor deutlich vor Augen.

Weh Wehchen.

Meine Fresse.

Hoffnung

“Sag mal K. – worum geht es dir eigentlich?”, fragt sie mich aus einem zusammengedrückten Gesicht. Das Schleimpfeifen aus meiner Lunge führt meinen rasselnden Atem an wie eine unbeirrbare Vorhut. Dieser Spaziergang ist schon viel zu lang für mich. Die Luft zu dicht, um die Flügel in meinem Oberkörper anzuheben.
Hinter uns grollt ein Wärmegewitter den Berg hinauf, den wir gerade bestiegen haben.

Ich drücke mein Gesicht zusammen, wie ihres und frage, was sie denn mit “eigentlich” meint. Frage sie, was sie denn glaubt für wie viele Eigentlichs ich neben dem, was ich, was wir, so mühsam rausbringen, noch Kraft aufbringen würde.
Wieder bin ich da, wo ich mich frage, ob sie mich für dumm hält, oder heimlich doch nicht glaubt, dass es schwer für mich ist zu sprechen, obwohl ich es tue. Ärgere mich darüber, weil es ineffizient und doch wieder eine Etappe ist.

“Brauchst du jetzt ein Eigentlich von mir, weil dir nicht klar ist, was ich dir gesagt hab oder willst du “den einen schlimmen Aspekt” wissen?” Ich bleibe stehen, hebe die Arme über den Kopf und versuche mich zu weiten.
Sie beobachtet mich. Ich merke, wie ihr jemand ins Gesicht springen will.
Sie fragt: “Gibt es denn mehr als einen schlimmen Aspekt?” und es ist als würde sie mich mit einem Fingerpieks einen Abgrund runterschubsen.

Antworten, die Fragen sind. Sie weiß das. Ich hab ihr das schon so oft gesagt. Warum macht sie das trotzdem.

Ich wühle nach meinem Notfallspray und dem Wasser in meinem Rucksack. Sage nichts mehr, bis wir zu Hause sind. Das Cortison treibt uns an, wir werden schneller als sie. NakNak* läuft voraus. Hält bei jedem Donner inne.
Ich fühle mein Trauma unter meiner Haut. Merke, wie da etwas wühlt, kämpfen will, doch nicht durch meine Haut aus Stein kommt. Das schnelle Gehen fühlt sich falsch an. Die Bewegung ist jetzt, aber nicht in Einklang zu bringen mit dem, was ich wie eine Hülle den Berg hinunter trage.

Unsere Gemögte spricht weiter auf mich ein, doch es kommt mir eher vor, als würde sich mich mit Wörtern abduschen, als mit mir zu kommunizieren. Sie perlen von mir ab, bedeuten nichts außer sich selbst. Versickern spurlos in der Zeit, brauchen weder mich noch sie.

Als wir in der Küche sitzen und dem Donner über dem Haus zuhören, fragt sie, ob es immer noch um die Akzeptanz geht, DAS DA erlebt zu haben. Ich sage “Nein” und denke: “Aber vielleicht doch.”

“Ich verlier die Hoffnung, M.”, sage ich. “Darum gehts mir.”
Sie streichelt NakNak* die Ohren. “Die Hoffnung worauf?”. “Dass wir alles aufgelöst kriegen.”
Es donnert. Draußen raschelt Birkengeblätt im Gewitterwind.

“Ich will Frieden machen mit dem ganzen Scheiß. Ich will es leichter haben. Ich will, dass sich alles auflöst und kein Problem mehr ist.”. Ich nerve mich selbst mit dem was ich sage. Höre auf zu reden. Es kommt mir sinnlos vor.

M., die uns schon lange, mich immerhin seit ein paar Jahren kennt, schweigt mit mir den Moment in die Breite.
Mit einem langen Schluck trinkt sie ihr Glas aus.

“Ich hab noch keine Klientin gehabt, deren Wunden von Hoffnung allein geheilt wurden.”

Fundstücke #62

“Werde, wer du wirklich bist”, heißt ein Buch von Alison Miller, in dem es um rituelle Gewalt und die Überwindung von Mind Control geht.
Es ist ein Selbsthilfebuch für Betroffene und steht bei uns auf der Liste der Bücher, die wir irgendwann vielleicht eventuell mal lesen wollen. Dann, wenn wir wissen, wer wir denn wirklich sind.

Diese Lücke ist mir gestern noch einmal bewusst geworden, als ich einen Artikel über narzisstische Menschen, die mit einer Borderline-Persönlichkeitsorganisation leben, las.
Seit wir als narzisstisch persönlichkeitsgestört “diagnostiziert” wurden, stolpern wir öfter über solche und ähnliche Texte. Und natürlich versuchen wir uns darin zu finden. Immer noch. Obwohl wir wissen, dass wir keine so gelagerte Persönlichkeits”störung” haben.

Aber es entstehen interessante Gedanken und Fragen.
Zum Beispiel die danach, wer wir denn nun sind. Wie es denn nun wirklich um unser Selbstwertgefühl steht. Ob, und wenn ja, inwiefern und wozu wir Menschen ausbeuten. Ob, und wenn ja, wir Kritik fürchten. Ob, und wenn ja, für wie großartig wir uns denn halten. Ob, und wenn ja, wie überzogen unsere Ansprüche und Anforderungen an unsere direkte und indirekte Umwelt denn wirklich sind.

Tatsächlich finden wir uns in Schilderungen von Menschen mit sogenannter “narzisstischer Persönlichkeitsstörung” nicht wieder. Aber wir verstehen, weshalb die Ärztin damals Anlass hatte das in uns zu sehen. Und obwohl uns das nachwievor belastet, weil wir nichts daran ändern, geschweige denn andere Patient_innen vor ihr schützen können, können wir uns daraus ableiten, für wen es (im Kontext der Traumatherapie) wichtig ist, an so etwas wie ein “wahres Ich” oder “wahres Selbst” zu glauben. Und warum.

Die dissoziative Identitätsstruktur wird nachwievor oft und überwiegend durch eine psychoanalytische Brille betrachtet und behandelt. Danach gibt es eine Persönlichkeit, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” entwickelt, weil das erlebte Trauma zu schrecklich ist um weiter am Leben zu bleiben bzw. das soziale Umfeld zu ertragen, in dem das Trauma erlitten wurde.

Für grundsätzlich falsch halte ich das nicht, aber diese Sichtweise legt die Vorannahme einer Persönlichkeit, die da ist und etwas erschafft, das neben sich steht und passiert, fest.
In diesem Modell wird häufig dann auch Hierarchie eingebettet und Kämpfe um “gut” oder “böse”, “stark” oder “schwach”, “männlich” oder “weiblich”, “erwachsen” oder “kindlich” verortet.
Die therapeutische Arbeit ist dann eine Art “kontinuierliche Demaskierung” der “Stellvertreterpersönlichkeiten”, als Selbstschutzmechanismen oder eben auch verselbstständigte narzisstische Reflexe.
(Like: “Du hast es nicht ertragen, dass die Person dich, die du dich für so großartig/wichtig/besonders hältst/gehalten hast (weil dir das so eingeredet/vermittelt wurde), behandelt wie ein Stück Scheiße, also hast du jemanden erfunden, der ein Stück Scheiße ist, damit dich das nicht erreicht”).
Daneben kommen noch Aspekte der Reorientierung als erwachsene Person, die helfen sollen, die “Stellvertreterpersönlichkeiten” nicht mehr als etwas zu sehen, das fremd ist, sondern eigen und er.tragbar von der “eigentlichen Persönlichkeit”.

Wir haben schon Menschen mit dissoziativer Identitätsstruktur getroffen, bei denen diese Herangehensweise geholfen hat und insgesamt auch passt: Menschen sekundärer struktureller Dissoziation. Menschen mit DDNOS.
Also Personen mit einer “Kernpersönlichkeit” und mehreren Alter Egos, die zu bestimmten Zeiten oder bestimmten Aspekten im Leben der Person aktiv waren oder sind.
In der Serie “United States of Tara” ist so eine Person (filmkünstlerisch und kapitalistisch verwertbar aufbereitet) dargestellt.

Weniger passt diese Herangehensweise bei uns.
Bei uns gibts es durchaus auch “Stellvertreter”, allerdings sind das keine autarken Innens, also “Persönlichkeiten”, sondern Zustände, auch “States” genannt, die innerhalb eines Systems verortbar sind und nur dort überhaupt funktionieren.

Als wir die Diagnose als Jugendliche gestellt bekamen, hatten wir uns bereits daran abgearbeitet unseren “ursprünglichen Kern” zu finden. Sahen uns immer wieder damit konfrontiert, dass Menschen “das eigentliche Problem”, den “wahren Ursprung” von uns Innens “als Ganzes” sehen, finden, behandeln wollten.
Und als wir an dem Punkt waren zu merken, dass es den bei uns nicht gibt – samt aller Implikationen, die das für uns hat und hatte – begann für uns eine Forschungsreise, an deren Ende wir in dem Buch „Das verfolgte Selbst“ auf unsere Struktur stießen: das Modell der tertiären strukturellen Dissoziation.

Darin gibt es einen solchen Kern nicht, wohl aber Funktionssysteme, die zu bestimmten Lebenszeiten, sozialen Kontexten und Anforderungen aktiv werden bzw. sind und durch dissoziative Barrieren nicht oder kaum mit den anderen Systemen in Kontakt sind.

Hier funktionieren therapeutische Ansätze von “Demaskierung” und Reorientierung nur teilweise, nämlich nur in ebenjenen Systemen, die in der Therapiestunde aktiv sind (oder für die Therapie entstanden sind) oder aktiv sein müssen oder aktiv sein dürfen oder die Fähigkeit haben in der Therapie aktiv sein zu können.

Das heißt bei uns: Wenn wir Rosenblätter in der Therapiestunde sind und erkennen, dass wir untereinander funktionale Stellvertreter sind, um mit den Anforderungen von interpersoneller Kommunikation (in zum Beispiel Psychotherapie, Behörden, Blogkommentarspalten, ehrenamtlicher Tätigkeit usw.) zurecht zu kommen, weil unser Gesamtsystem (unserer Ansicht nach ist das unser Gehirn bzw. unser Körper) eben dies als potenziell lebensgefährliche Bedrohung missinterpretiert, dann können wir das nur so akzeptieren und in unser „Rosenblätter-Leben“ integrieren.

Nicht aber in eine “Kernpersönlichkeit”, die dadurch mehr Kraft oder allgemeine Integrität erhält.
Bei uns wird mit so einer Art therapeutischen Arbeit am Ende also nichts und niemand “ganzer” oder “echter”, außer wir selbst als System, neben anderen Systemen.

Diese Kernpersönlichkeitsidee, ihre Implikationen und der Anspruch das als Therapieziel zu verfolgen, werden aber immer das sein, was uns dazu zwingt eine “Stellvertreterpersönlichkeit” aufrecht zu erhalten – nämlich so etwas wie eine Hannah C. Rosenblatt, die es gibt, um als eine Persönlichkeit gelesen und angesprochen werden zu können, obwohl man keine ist.

Nach der Lektüre des Borderline-Narzissmus-Textes habe ich verstanden, wie praktisch so ein Kernpersönlichkeitsmodell ist.
Gerade dann, wenn man selbst nicht dissoziativ funktioniert, aber selbst sehr verschiedene soziale Rollen erfüllen muss oder will. Dann kann man etwas von sich selbst in der anderen Person finden und man kann ähnliche, wenn nicht gleiche Maßstäbe an sie anlegen.

Das funktioniert genauso wie in der Sparte des Inklusionsaktivismus, in der die Person, die auf einen Rollstuhl angewiesen ist, “eigentlich ja gar nicht so anders ist, als die Person, die keinen braucht”.
„Da ist ja nur eine kleine Unterschiedlichkeit, welche die Person, die keinen Rollstuhl braucht ja sogar an sich selbst simulieren kann, um der anderen Person zu gleichen.“

Was dabei das Problem ist, ist das Gleiche wie bei der Identifikation nicht dissoziativ strukturierter Menschen mit Menschen, bei denen diese Struktur vorliegt:

Wie es ist, eben nicht und niemals wählen zu können so zu er_leben; wie das ist, damit 24/7, vielleicht bis zum Lebensende so zu leben; wie das ist, damit umgehen zu müssen, dass andere Menschen glauben, dieser Unterschied wäre “eigentlich” nichtig – diese Erfahrung ist exklusiv. Und zwar nicht, weil das so geil ist und eine Aufwertung vor anderen Menschen bedeutet, sondern, weil der Unterschied eben alles andere als “eigentlich nichtig” ist, sondern fundamental.

Es ist eine andere Er_Lebensform. Ein anderes in der Welt sein.
Nicht besser, nicht schlechter – einfach nur fundamental anders.

Mit “dem anderen” umzugehen ist niemandes Job. Interessanterweise gehen mit “dem anderen” nur jene um, die anders sind. Und zwar, indem sie leben und sind, wie sie sind.
Psycholog_innen, Mediziner_innen und was weiß ich nicht so alles, sind nicht damit beauftragt menschlich, individuell damit umzugehen, dass es das gibt. Sie sind für wissenschaftliche, gesellschaftliche, individuelle Einordnung und die Sicherstellung sozialer Kontrolle durch Diagnosen und Behandlungen zuständig.

Davon auszugehen, dass “das Andere” “eigentlich” gar nicht anders ist, ist also auch eine Art positiver Diskriminierung, um realen gesellschaftlichen Ausschluss aufgrund von Andersartigkeit zu verschleiern.
Und damit natürlich auch der eigenen Beteiligung daran.

Mir ist dieser Gedanke nur deshalb gekommen, weil wir merken, wie sehr das Kernpersönlichkeiten-Modell bei uns nicht greift und wie schwierig es ist, an Erfahrungsberichte zu kommen, wo jemand nicht auf der Grundlage dieses Modells gearbeitet hat.

Erst recht haben wir noch kein Material gefunden, in dem die Lebensumgebung der betreffenden Personen gleichermaßen ausgeleuchtet wurde, wie ihre inneren Landschaften.
Damit wird sich in der Praxis einfach nie beschäftigt. Die Person und ihr Verhalten in diesem einen speziellen Setting einer Behandlung wird angeschaut, ähnlich bis gleich gemacht mit Menschen, die sich nicht in diesem Setting befinden und das wars.

Mich würde sehr interessieren, wie oft Menschen, die mit offensiv mit ihren Unterstützungsbedarfen umgehen und keine Schamperformance machen, als Person, die mit ihrer Rolle kokettieren, wahrgenommen werden und vielleicht sogar aufgrund dessen pathologisiert werden.
Genauso interessiert mich – besonders bei Menschen, die viele und über den akuten Krisenstatus hinaus sind – wie oft es vorkommt, das durch Therapie entwickelte Resilienzen und Abgrenzungsfähigkeiten, irgendwann (Wann genau?) als Arroganz oder Hochmütigkeit gelesen werden.
Wann werden Selbstschutzmechanismen als Noncompliance, wann die Nutzung von positiven Ressourcen als kritisch eingeordnet?

Geht es um die verwendeten Modelle, die einer Diagnose zugrunde liegen, oder um die Personen, die diese Modelle wählen, um sich selbst in der Beziehung zu der Person leichter zu verorten?

Oder geht es darum, wer wer „eigentlich“ ist und wessen “wahres Selbst” wann wie wo als das legitimiert ist, was es ist?

 

Vielleicht werden wir “Werde wer du wirklich bist” nie lesen, denke ich gerade.
Wir machen unsere Therapie nicht, um wirklich zu werden.
Wir sind schon wirklich da. Uns gibt es schon so wie wir sind.

Unser Ziel ist, das auch genau so selbst wahrnehmen zu können, ohne aufgrund dissoziativer Selbst- und Umweltwahrnehmung darin behindert zu werden. Ich weiß nicht, inwiefern sich dafür unser Selbstsein verändern muss?

note on: der Polizei die Bilder der eigenen Gewalterfahrung zugänglich machen?

Die Dokumentation von sexualisierter Gewalt am eigenen Körper, an der eigenen Seele, der Polizei übergeben, um in geschlossene Foren einzudringen und Mit.Täter_innen so ausfindig zu machen.
Das ist ein Vorschlag, den Ingo Fock, Vorsitzender von “ gegen Missbrauch e.V. ” kürzlich in einer Live-Diskussion mit der hessischen Justizministerin Eva Kühne-Hörmann aufbrachte und auch in einem Interview im Infoportal Rituelle Gewalt besprach.
Im Folgenden möchte ich beschreiben, wie ich das sehe.

Grundsätzlich: Auch Menschen, deren Gewalterfahrungen gefilmt, fotografiert, schriftlich beschrieben oder sonst wie dokumentiert wurden, haben Persönlichkeitsrechte an dem Material. Schon deshalb ist die Verbreitung von solchen Medien ein weiterer Gewaltakt, der den Gewalterfahrenen angetan wird.
Für mich: Völlig unabhängig davon, wer sie dann zu sehen bekommt.

Es stellt mich bereits vor eine enorme Hürde damit umzugehen, dass sich in meiner Therapeutin unweigerlich Bilder von mir in diesem Körper, in der von mir geschilderten Situation, entwickeln. So funktionieren Gehirne und weder ich noch sie können etwas dagegen tun.
Was wir tun können ist, diese Bilder zu entfernen und als das nehmen, was sie sind: die Art, wie Gehirne Aufgenommenes (Erfahrenes) verarbeiten.
Das heißt: Wir können einen Umgang damit finden, dass es sie gibt und, dass sie verschwinden, sobald sie verarbeitet sind.

Genau das passiert mit Gewaltdokumentationen, die von Mit.Täter_innen und Konsument_innen sexualisiert und benutzt werden, nicht. Auch nicht, wenn die Polizei sich das Material angesehen hat und die_n Täter_in.nen gefunden und evtl. (!) verurteilt wurden.
Da stellt sich mir die Frage: Wozu sollte ich das Material, von dem ich weiß, dass es das von mir gibt und kursiert, zur Verfügung stellen, wenn es doch weiterhin existieren muss/soll (und also potenziell immer wieder angesehen werden kann)?

Viele Mit.Täter_innen benutzen solches Material nicht als Ersatz für tatsächliche Handlungen, sondern als Erinnerungsstück oder auch als Trophäe. In Bezug auf Tauschplattformen und Foren auch als Währung, als Statussymbol, als wirtschaftliche Anlage.

Das ist wichtig zu wissen: Es geht nicht um die Personen, die abgebildet sind.
Es geht um Besitz. Um Macht. Um die Mit.Täter_innen und um Verewigung.

In dem SternTV-Beitrag wird vorgeschlagen, computergeneriertes Material zu erstellen, um in geschlossene Foren, in denen Material getauscht wird, einzudringen.
Für mich ist das ehrlich gesagt blanker Zynismus und wieder ein Punkt, auf den ich als Aktivist_in zeige und sage: Auf genau so eine Idee kann nur kommen, wer sich nie mit den Gewaltüberlebenden, Gewalterfahrenen, Gewalthinterbliebenen, Gewaltausübenden und Konsument_innen von Gewaltdokumentation auseinandergesetzt hat.

Denn: den Ersteller_innen, den Täter_innen, den Konsument_innen, den Verbreiter_innen, den Wegbereiter_innen ist es egal, ob da eine Animation abläuft oder ein echter Mensch gequält wird.
Auch digital erstelltes Material, das Gewalt an Menschen darstellt, ist Material, das Gewalt an Menschen darstellt.
Es wird Konsument_innen finden. Einen Fetisch gibts für alles und ja, auch animierter Gewaltsex* gehört dazu.
Es verhindert nichts, nur weil es keine reale Szene zeigt. Die Szene wird durch den Film real und das ist, was zu verhindern ist.

Meiner Ansicht nach, ist es die Aufgabe der Polizei die Produktion und die Umstände, durch die diese möglich wird, sowie die Verbreitung solchen Materials zu verhindern. Für mich auch: egal, ob real oder digital animiert oder in Form von “so tun als ob” (zum Beispiel Material, das zeigt, wie Menschen Puppen, die Kindern nachempfunden sind, “sexualisiert misshandeln”).
Was die Polizei aber tatsächlich tut ist: ermitteln, wenn es bereits passiert ist.

Das ist ein altes Dilemma der Strafverfolgungsbehörden, das weiß ich – es ändert aber nichts daran, dass der Staat Deutschland sich einen, was die Straftatsprävention- und –intervention, die “Sicherheitsherstellung- und aufrechterhaltung” angeht, doch eher dysfunktionalen Apparat hält, um sich nach innen und außen zu sichern und zu schützen.

Hinzu kommt ein Aspekt den Herr Fock im Interview mit dem Infoportal Rituelle Gewalt aufbringt: Irgendwann sieht eine digitale Figur einem real existierendem Menschen sehr ähnlich – und was macht das für ein Fass auf? Und wer kommt für daraus entstehende Schäden und Schwierigkeiten auf?

Fock betont wie Wichtigkeit der Freiwilligkeit, wenn es um die Frage nach der Zurverfügungstellung des Materials von eigenen Gewalterfahrungen geht. Er sagt auch, bei den Ermittlungsbehörden brauche es eine Anlaufstelle für Menschen, die sich das vorstellen können oder darüber nachdenken oder auch: sich fragen, ob es Material von ihnen im Internet gibt.

Die Gedankenkreisel um genau diese Ungewissheit ob oder ob nicht irgendwas im Netz gelandet ist, kenne ich auch.
Heute bin ich jedoch an einem Punkt, an dem mir das die Weiterentwicklung und Aufarbeitung der Gewalterfahrungen nicht mehr erschwert oder verwehrt. Ich gehe pauschal davon aus, dass es Material von meinen Gewalterfahrungen im Internet gibt, einfach, weil es in den Kontexten, in denen definitiv welche produziert wurden, eine logische Verwertungsinstanz darstellt.

So sehr das Außenstehende vielleicht auch erschüttert: Mir hilft es heute zu wissen, dass es bei all dem nie um mich ging, sondern um diese Menschen und ihre Interessen. Es hat meinen Körper getroffen, aber das Ziel war und ist bis heute (mindestens im Welt- und Selbstbild der Mit.Täter_innen) etwas anderes.
Und genau das kann man Mit.Täter_innen und Konsument_innen meiner Ansicht nach nehmen.

Zum Beispiel, indem Material jeder Art gelöscht bzw. unzugänglich bis zur polizeilichen Bearbeitung gemacht wird oder, indem Forenbetreiber_innen zur Zusammenarbeit mit Ermittlungsbehörden gezwungen werden können, sobald diese auch nur den begründeten Verdacht hat, dass es sich um eine Plattform zum Tausch von illegalem Material handelt.

Daneben aber auch, indem man Mit.Täter_innen mit den Überlebenden und Hinterbliebenen ihrer Tat.en konfrontiert.
In Konkreten natürlich nur, wenn diese dem auch zustimmen, im Allgemeinen jedoch mit einer verbesserten Präsenz von Gewalterfahrenen, –überlebenden, – hinterbliebenen in der Öffentlichkeit.

Vielen Menschen ist nicht klar, dass aus vielen Kindern im Wort “Kinderpornografie”, irgendwann Erwachsene werden bzw. geworden sind.
Genauso, wie manche von der Gewalt traumatisierte Menschen, sich immer wieder hilflos, ausgeliefert, misshandelt und gedemütigt wie ein Kind erleben, weil sie mit Flashbacks und anderen Traumafolgen umgehen müssen, so haben die Täter_innen ihre Opfer für immer als Opfer, als kindlichen Körper, als unterlegenes Objekt in Erinnerung, auf Band oder Fotopapier.

Und genauso wie es für Gewalterfahrene wichtig ist, sich als mündiges Subjekt, als selbstbestimmte erwachsene Person zu begreifen und erleben, um zu heilen, Abstand zu gewinnen, zu verarbeiten, halte ich es für wichtig auch Mit.Täter_innen diesem Realitätscheck zu unterziehen und ihr Material als etwas zu enttarnen, dessen Sinn und Zweck ganz allein in ihnen passiert.

Nicht, damit sie begreifen, was sie getan haben, sondern, dass sie es einem Jemand angetan haben. Einem Jemand, das heute erwachsen ist, wie sie es damals waren und heute sind.
Und damit sie begreifen, dass sie sich selbst mit etwas umgeben, dass nur deshalb ewig bleibt – ihnen “nicht genommen werden kann” – weil sie sich selbst nur in dieser Vergangenheitsform erleben können/wollen.
Und nicht, weil das, was sie ihren damaligen Opfern angetan haben, auf ewig so geblieben ist, wie sie es angerichtet haben.

Natürlich ist besonders Letzteres etwas, das wenig mit der Strafverfolgung zu tun hat oder damit, was man machen kann, um Foren und Plattformen aufzulösen. Ich glaube jedoch, dass es wichtig ist, solche Aspekte und Möglichkeiten nicht außer Acht zu lassen, denn sie formen die gesellschaftlichen Kontexte, in denen man über den strafrechtlichen Umgang mit solchen Straftatbeständen nachdenkt.

Einen Schritt in diese Richtung hat Ingo Fock mit seinem Beitrag geleistet.
Gewalterfahrene als Personen zu markieren, die Rechte an den Materialien haben, die sie jedoch selbst nicht einfordern können, ist eine neue Art auf die Problematik der Gewaltdokumentation zu schauen.

Es wird deutlich: für diese Herangehensweise gibt es keine Strukturen. Gäbe es Strukturen, ergäben sich neue Mittel und Wege, wie mit dem Problem, wie mit dem Umstand, dass diese Gewalt passiert, umgegangen werden kann. Es zeigt auf: an erwachsene ehemalige Opfer und ihre Rechtsansprüche über das Unrecht, das ihnen mit der dokumentierten Gewalt geschah, hinaus, hat man bisher noch nicht gedacht.

Wie denn auch, spricht man doch nachwievor überwiegend von Kindern, die zu Opfern werden, statt von Erwachsenen, die Kinder waren, als sie zu Opfern gemacht wurden.