Wenn ich tot bin, will ich frei sein.

Gestern schickte Julian von Thanatos Bestattung (@_Bestattung) einen Tweet (Link zum Tweet) raus, den man vervollständigen kann.
„Wenn ich tot bin, möchte ich…“

Nachdem gerade der Vater des Partners gestorben ist, haben wir uns natürlich auch mal wieder mit den Formalia des eigenen Gestorbenseins befasst. Wir wollen nicht verbrannt werden. Wir wollen nicht auf einem Friedhof und auch nicht in einem Sarg beerdigt werden. Wir wollen einfach nackt in ein Tuch eingewickelt in der Natur eingegraben sein und fertig.
Unser Werk soll Gutes tun, unsere Sachen anderen hilfreich sein. Das ist nicht viel aber schon genug, um wieder etwas zu wünschen, was nicht erlaubt ist. Man darf nicht ohne Sarg beerdigt werden. Man darf nur auf Friedhöfen beerdigt werden. Man muss seine Sachen und Werke rechtssicher zuteilen. Man darf nicht erwarten, dass, nur weil man das auf einen Zettel geschrieben hat, im eigenen Sinne über die eigene Leiche, den eigenen Nachlass entschieden wird.

Für mich ist das schlimm. Denn wie im Leben zählt auch im Tod mein Wunsch über meinen Körper und mein Eigenes überhaupt nichts, weil unsere Gesellschaft das so will. Ich weiß, das klingt verkürzt – aber soll ich hier wirklich immer wieder hinschreiben, dass Gesetze von der Gesellschaft gemacht werden? Und dass sie da einen autoritären und also immer gewaltvollen Weg wählt?
Ja, auch das Sterben, das tot sein, ist politisch – und mein Sterben, mein Leichesein, der Anlass zur Wiederholung von Gewalt an mir. Selbst die Toten werden noch zum Machtgewinn oder -erhalt benutzt.

Wir leben mit einem Bewusstsein für unsere Sterblichkeit und Lebensgefahren, das stark geprägt ist von gemachten Gewalt- und Nahtoderfahrungen. Dass wir sterben könnten, denken wir jeden Tag mindestens ein Mal. Keine Woche vergeht ohne, dass wir uns einen Weg aus dem Dickicht von mehr oder weniger konkreten Todesängsten oder ihrem Nachhall schlagen müssen. Tod und Sterben sind für uns ganz alltägliche Denkgegenstände und nichts Abstraktes. Und schon gar nichts, das immer nur den anderen passiert.

Wir haben unser erstes Testament mit 9 geschrieben und schon da stand drin, dass wir mit der Welt verschmelzen wollen. Ohne Sarg, ohne Friedhof, ohne Balsamierung, mit einer Einladung an arme Menschen, sich aus unserem Zimmer zu nehmen, was sie haben möchten. Wir werden nicht mitkriegen, wer uns vermisst und mit welchen Gesten das wem kommuniziert. Wir brauchen das Zeremoniell des Bedauerns nicht und wollen auch nicht daran erinnern, dass es das gibt und man sich entsprechend fühlen sollte, indem wir es „weil man das so macht“ schon mal vorbereiten. Für mich, für uns, braucht es das alles nicht und ich halte es für wichtig, dass sich Hinterbliebene das klarmachen. Was ist für dich wichtig, was ist für mich wichtig. Und welcher Wille entscheidet – mein letzter und der, den du jetzt gerade in diesem Moment hast, bevor viele andere nachkommen?

Solange ich lebe, muss ich meinen Willen wie mich selbst prüfen, kommunizieren, um- und durchsetzen. So will es das Gesetz der Justiz und auch das des sozialen Miteinanders. Ich war und bin oft müde davon. Habe viele Jahre nicht gemerkt, dass diese Müdigkeit eine Traumafolge ist – eine Resignation vor immer wieder ignorierten, missachteten, ausgenutzten Wünschen und Willen. Eine Art Aufgeben, Nachlassen, entgrenzter Existenz, die nichts mit dem Leben, aber viel mit dem Sterben zu tun hat.
Gewalt tötet. Immer. Auch wenn danach noch Blut zirkuliert, ein Gehirn arbeitet, gesprochen, gefühlt, interagiert wird. Sich auf einen letzten Willen zu konzentrieren ist ein starker Pol für uns, denn es ist der letzte Wille, dem alle Angehörigen und auch die Rechtsprechung zumindest einmal richtig zuhören und Beachtung schenken. Es ist unsere sichere Bank, wenn wir an anderen Stellen scheitern.
Das macht die Bestattungsrealität in Deutschland für uns so schlimm.

Sie erinnert uns daran, dass wir nicht frei sind. Dass wir nicht selbstbestimmt sind. Dass wir über uns selbst zu keinem Zeitpunkt ganz und gar nur uns selbst gehören. Wir sind ein Objekt und sollen das in Ordnung finden.

 

Fundstücke #77

Da war dieser Post, in dem aufgeklärt wurde. Wieder einmal dachte ich: Das ist übergriffig. Deine Aufklärung hier, die ist gewaltvoll.
Und scrollte weiter. Wie ein Passant, der nicht in eine Schlägerei eingreift, nicht beisteht, namenloser Zeuge bleibt.

Ich kläre nicht auf. Glaube nicht an Unwissenheit als Grund für falsches Verhalten und problematische Meinungen. Jedenfalls nicht so sehr wie ich an Unbewusstsein über Zusammenhänge und daran, dass man bestimmte Sachverhalte nicht in ihren Zusammenhängen verstanden und in sich integriert hat, glaube.

Ich glaube ans Lernen. Nicht an Bildung.
Und ich merke, dass es genau das ist, was mich immer weiter scrollen, weiter mein eigenes Ding machen, weiter irgendwie nicht in eine Reihe stellen lässt mit Menschen, die meine Themen haben.

 

Ich bin kein_e Busfahrer_in – eine Kritik am Disability-Mainstream-Aktivismus

Letzte Woche wurden in einer Potsdamer Einrichtung 4 behinderte Menschen getötet und einer schwer verletzt. Seitdem strudelt und blubbert es in meiner Timeline. Es gibt viele Threads, viele laute, empörte, wütende, verzweifelte …~aktivistische~ Tweets und in mir drin eine dumpfe Nulllinie.
Nun merke ich, dass wir keine Aktivist_in sind. Nicht so. Wir können das nicht. Nicht so. Vielleicht nicht mehr, aber wenn wir ehrlich sind, vielleicht auch noch nie so richtig. Unsere Betroffenheit in der Sache ist einfach nicht, dass wir die Opfer betrauern, weil sie auch behindert waren und getötet wurden oder weil wir Heime für behinderte Menschen eh abgeschafft haben wollen, sondern weil wir an unsere Erfahrungen mit Psychiatriegewalt erinnert werden. An eine Station, auf der wir untergebracht wurden, weil uns niemand bei sich wohnen haben wollte. An das Team, das sowohl miteinander als auch mit den Patient_innen gewaltvoll und missbräuchlich funktioniert hat. An die 3 Tage, die der Aufenthalt dauern sollte und die 5 Monate, die wir dann letztlich aushalten mussten, ohne irgendeine Chance auf Rettung von außen. Daran, dass das unser Zuhause war und für alle anderen ein Arbeitsplatz.

Ich merke, dass so mancher Aktivismus Gewalterfahrungsberichte wie unsere benutzt, um sie in Slogans zu verdichten. Merke, dass die Unterkomplexität der Aktion die Realität verzerrt, der Wissenstransfer abgekürzt und oft sogar ganz unterlassen wird, um mit der Macht der Masse zu überzeugen. Die Punkte, auf die man sich einigt, sind oft quadratisch, praktisch – und vor allem unfassbar klein.
Nach #Aufschrei dachte ich noch, dies sei dem Thema geschuldet. Sexismus ist ein großes Thema, die Situationen, in denen Menschen sexistisch denken und handeln sind vielfältig an der Oberfläche, folgen aber einer einfachen Mechanik in ihrem Kern – ja gut, das muss man wohl oft aufzeigen. Ok, ja, da ist oft nicht viel Zeit, also verkürzen wir. Ah, den meisten Leuten ist es scheiß egal, weil sie auf die Gewaltdynamik des Sexismus angewiesen sind – oh aber das ist schon wieder too much zu erklären, wer soll dem denn folgen, was ist denn Gewalt huuu – hm, naja, ok also noch ein Text mit Erklärung – ja ja iiiirgendwaaaaann nimmt sich mal jemand die Zeit das zu lesen lol …

Und jetzt ist es Ableismus.
Jetzt lese ich Texte und Threads über Ableismus und dass er scheiße ist und abgeschafft gehört und die Autor_innen teilen durchgehend in „Menschen mit Behinderung“ und „Menschen ohne Behinderung“ ein. Was eine ableistische Einteilung ist und behinderte Menschen ausschließt.
Dann wird mir unter meinem Thread darüber, was Ableismus ist bzw. wie er funktioniert, gesagt, der Gender Gap sei falsch, weil Screenreader ihn nicht gut vorlesen und überhaupt, wer so darüber schreibt wie ich würde sich intellektuell hervortun wollen und nicht an Leser_innen denken, die es einfach brauchen. Man begegnet mir also ableistisch, unterstellt mir mich und meinen Bauch zum Bepinseln vor das Thema zu stellen und fordert Einfachheit ein, als wäre sie automatisch inklusiv. Einfachheit ist aber unfassbar schwer herzustellen und für mich zumindest nur mit großer Anstrengung zu ertragen, weil Einfachheit in der Regel mit Weglassung konstruiert wird, die kompensiert werden muss. Tja, und dann steht man da.

Disability-Mainstream-Aktivismus ist wichtig. Nichts von meiner Kritik soll heißen, dass man das nicht machen soll oder es sei unwichtig „alle“ abzuholen. Aber „alle“ sind enorm viele Menschen. Unter anderem auch Menschen, die vom Mainstream – zum Beispiel aufgrund ihrer Behinderung – immer wieder weggestoßen werden.
In der Netflix-Doku „Der Sommer der Krüppelbewegung“ zählt eine Person die Hierarchie der Behinderungen auf. Diese Hierarchie bezieht sich darauf, wer wie gut oder schlecht von der Gesellschaft akzeptiert und integriert wurde (und bis heute wird). Das ist im aktivistischen Kontext meiner Meinung nach bei vielen behinderten Leuten überhaupt nicht reflektiert.
Es ist als Aktivist_in enorm wichtig sympathisch zu sein. Weiß zu sein. Gut sprechen zu können. Charmant und erfrischend witzig zu sein. Dem privilegierten Gegenüber nicht als Bedrohung zu erscheinen. Keine Schuldangst auszulösen oder ein Klima zu erschaffen, das sie auflöst. Dafür sind Fähig- und Fertigkeiten wichtig, die viele Menschen, die mit Behinderungen leben, welche im sozialen und interaktiven Bereich wirken, wenig oder gar nicht oder völlig anders zeigen können.
Als Aktivst_innen agieren wir untereinander ableistisch, wenn wir das ausblenden, unkritisch hinnehmen – ja uns sogar daran anpassen, weil wir glauben nur so etwas bewegen zu können – oder die Erwartung an einander richten, praktisch unbehindert aktiv zu sein.
Nicht ableistisch, nicht sexistisch, nicht rassistisch, nicht klassistisch – nicht normativ miteinander umzugehen, hat niemand von uns schon das ganze Leben lang gelernt, aber die Erwartung daran wird einander mit der gleichen Ignoranz angetragen, wie sie uns im Alltag mit Menschen, die Behinderungen leicht und ohne Hilfe kompensieren können, jeden Tag begegnet und verletzt.

Wir könnten es so anders machen und machen es dann doch wieder entlang der Mechanismen von Gewalt. Und wir sprechen untereinander nicht darüber, weil wir alle mitnehmen wollen.

Ich bin kein_e Busfahrer_in. Ich muss niemanden mitnehmen.

die Wurmkiste

Eigentlich haben wir eine große Wurmkiste im Garten stehen. Es ist der Komposthaufen.
Dort haben wir im letzten Jahr allerdings so viel Hecken- und Rasenschnitt, Unkrautbobbel und Geäst zusammengetragen, dass gerade mal genug Kompost für das Tomatenbeet entstanden und noch jede Menge unreife Masse übrig geblieben ist.
Dann haben wir von Wurmkisten erfahren. 1000 Eisenia fetida, Eisenia Andrei und Eisenia hortensis, die Schicht für Schicht pflanzliche Abfälle weggknupsern und damit nährstoffreichen Wurmhumus und – wenn die Bedingungen dafür stimmen – Wurmtee produzieren. Wir haben bei wurmwelten.de eine Wurmkiste gekauft, die schon gestartet ist. Das heißt, dass wir nicht zaghaft und mit dem ganzen Fehlerpotenzial anfangen mussten, sondern nach einer einige Tage langen Eingewöhnungszeit schon richtig loslegen konnten.

Noch steht unsere Kiste im Flur und verteilt dort erdigen Waldgeruch. Wenn es wärmer wird, stellen wir sie draußen in den Schatten. Die Würmchen (im Kompostforum auch „Judels“ genannt, weil sie zweigeschlechtlich und damit als JUngs und MäDELS leben) werden aktiver, wenn sie es warm haben und können in Spitzenzeiten bis zu 2 Kilo Grünzeug pro Woche verarbeiten. Man muss ein bisschen drauf achten, was man ihnen gibt, aber dazu findet man im Forum und auf der Webseite reichlich Informationen und Erfahrungswerte.

Ist eine Wurmkiste fancy schmäncy und man könnte auch einfach mehr Arbeit in den Gartenkompost stecken? Ja.
Hat man mit einer Wurmkiste eine Herausforderung in Sachen Objektkonstanz? Auf jeden Fall!
Ist es super interessant und bedeutet mehr Kontakt mit dem Kreislauf des Lebens, wenn man direkt beobachten kann, wie aus Essensresten ein Baustein für die Pflanzen werden, die dann zu Essen werden? Oh ja!

Möchtet ihr mal hören wie es in der Wurmkiste klingt? Bitte sehr:

Perfektionismus

Jemanden, die_r Fehler und Lücken schnell sieht und sie benennt, wird oft als perfektionistisch und kontrollierend gerahmt.
Perfektionismus gilt als etwas, mit dem man Kontrolle ausübt oder herstellen möchte. Über sich oder über alles und alle im direkten Umfeld. Oft schwingen dabei Ideen mit, in denen es um das Selbstbild der perfektionistischen Menschen geht, manchmal aber auch Ideen darum, dass (komplex) traumatisierte Menschen mit ihrem Perfektionismus die Konfrontation mit dem Bewusstsein um die Ohnmacht und den globalen Kontrollverlust während traumatischer Erfahrungen vermeiden.

Perfektionismus kann aber auch ein Werkzeug sein, die Menge und Art zwischenmenschlicher Interaktion zu kontrollieren, das habe ich vor Kurzem an mir reflektiert. Die meisten Menschen stecken sehr viel Interaktion und Kommunikation über Fehler, Mängel, Imperfektion. Für Sieger_innen gibt es 5 Minuten Angeguckt werden auf einem Podest, für Verlierer_innen eine unabsehbar lange Zeit, in der das Versagen besprochen und bearbeitet wird. Beides ist mir unangenehm, denn beides bedeutet Druck. Beides bedeutet eine unkontrollierbare Aufmerksamkeit auf mich, die_r sich selber in einem ständigen Kampf um Kontrolle über die eigene Körper_Sprache und das eigene Selbst befindet.
Mache ich etwas einfach perfekt, dann ist eindeutig, wann diese Aufmerksamkeit endet und dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nett gemeint ist (also keine Lebensgefahr bedeutet, obwohl mein traumatisierter Körper mir das vielleicht so rückmeldet).
Unter neurotypischen Menschen kann man nie nichts machen. Immer immer immer bedeutet irgendwas irgendwas und immer werden Annahmen formuliert, die eine Absicht implizieren. Etwa: „Du willst immer die_r Beste sein, um jemand besseres zu sein.“ oder „Du willst nur positive Aufmerksamkeit, damit niemand deine negativen Seiten bemerkt.“ oder „Du musst dich perfekt fühlen, um deine Annahme alle anderen seien weniger wichtig/richtig/gut, als du zu bestätigen.“
So klar eingerahmte Absichten wie die, die ich_wir tatsächlich verfolgen, werden mir_uns oft nicht geglaubt. Unter anderem, weil man Absichten an sich nicht wahrnimmt (zum Beispiel durch Verhaltens_Beobachtung), sondern die wahrgenommenen Reize mit der eigenen neurotypischen Lebenserfahrung, sozialen Werten und ihren Maßstäben und daraus resultierenden Erwartungen vermischt. So wird aus „Hannah rückt ein Bild gerade“ ein „Hannah kontrolliert ihre Umgebung, indem sie bestimmt wie ein Bild an der Wand zu hängen hat.“ oder eben aus „Hannah will die volle Punktzahl erreichen“ ein „Hannah will mal wieder die Geilste von allen sein.“

Perfektionismus wird häufig negativ gerahmt. Viele Menschen halten perfektionistische Menschen für dumm, weil diese etwas versuchen, was sie für unmöglich halten, weil es extrem anstrengend ist und es die Idee gibt, man hätte mehr Energie für „die wirklich wichtigen Dinge“ (wobei mir nach wie vor schleierhaft ist, was das konkret für Dinge sein sollen), würde man nicht immer in allem perfekt sein wollen. Dass es bei perfektionistischem Verhalten vor allem darum gehen könnte, den Kontakt zu Menschen zu reduzieren, die sich weder für den individuellen Begriff von Perfektion interessieren noch gleichermaßen wertschätzen (und also gar nicht auf die Idee kommen, wie sehr sich die Anstrengung dann eben doch lohnt) wird in aller Regel ausgeblendet.

Auch, dass „unter Perfektionismus zu leiden“ an sich oft gar nicht der Punkt ist, wenn perfektionistische Menschen leiden.
Perfektion macht einsam, weil sie überwiegend als Leistung(sergebnis) und weniger als Momentum wertgeschätzt wird. Ich für mich glaube, dass es kein Gefühl gibt, dass mir mehr Sicherheitsgefühle, mehr Ruhe, Gelassenheit und Entspannung vermittelt als das Wissen darum, dass etwas perfekt ist, einfach, weil ich weiß, dass ich in dem Moment absolut für mich und mit mir bin und sein darf – und niemandes Erwartung enttäusche oder eine andere Gefahr übersehe, der ich dann schutzlos ausgeliefert bin.
Wenn ich früher darunter gelitten habe, etwas nicht perfekt zu schaffen, dann habe ich darunter gelitten, dass ich eine Aufgabe, eine Herausforderung durchhalten muss, obwohl am Ende dieses Moment der Ruhe und „MitMir-Samkeit“ ausbleiben würde und sich vor mir ein unüberblickbarer Zeitraum von Sprechen und interagieren müssen vor mir ausbreitet. Von dem ich weiß, dass ich ihm nicht gewachsen bin, dass ich ihn nicht durchqueren kann, ohne mich selber zu verlieren und der in mir den Wunsch zu sterben aufkommen lassen wird, um mich entziehen zu können – und mit all dem allein, ungesehen, unverstanden, ohne jede Hilfe oder Rettung zu sein.
Mir in solchen Momenten zu sagen, dass man nicht in allem perfekt sein kann, war niederschmetternd für mich, denn das bedeutete ja, dass ich mich damit würde abfinden müssen, dass ich in meinem Leben überwiegend leiden muss, weil das eben so ist. Weil es anders ja gar nicht geht.

Zusammen mit dem, was mir_uns über die Gründe für die Gewalt an uns gesagt wurde, war das unfassbar schlimm.

 

Made im Speck

Ich grabe Schnittgrasbüschel aus und Erdbeerpflanzen ein. Und als ich damit fertig bin, könnte ich Kartoffeln unter meine Fingernägel stecken.
Die Vögel zwitschern und flirren um uns herum. Hummeln taumeln von Löwenzahn zu Löwenzahn. Mir ist düsig, dem Partner auch. „Vielleicht haben wir beide Jetlag“, denke ich und spüre dem Nesselbrennen der Brennesseln in meinem Fingerspeck nach. Es ist so viel passiert, vielleicht merken wir jetzt, wie gründlich es uns überholt hat.

Ich schütte Dreck in ein Töpfchen und bohre ein Loch ins Dunkle. Wann sind die Tomaten eigentlich so groß geworden? Ich kann mich kaum dran erinnern, dass ich sie ausgesät habe. Jetzt hängt ihr intensiver Geruch zwischen uns und ihre zarten Wurzeln wie Babyhaar in der Luft.
Anfang der Woche haben wir die erste Impfung erhalten. In der Woche davor die Nachricht, dass unsere Krankenkasse die Therapie finanziert. Gestern haben wir das Fahrzeug gefunden, mit dem wir unseren Führerschein machen könnten. Eine Made im Speck sind wir.
Vom Schwein, das wir haben.
Wahrscheinlich ein Glücksschwein.

languishing Selbstgefühl – was pandemiebedingte Isolation und Psychiatrie für Wunden schlagen

Am Dienstag hatte ich einen Thread zu „Corona-Erschöpfung“ in meiner Twittertimeline.
Darin wurde eine für mich neue Vokabel verwendet. „Languishing“. Google-Translate übersetzte den Begriff mit „schmachten“ und in mir verband sich die Erinnerung an eine frühere Mitpatientin von uns, die ständig von ihrem Schmacht nach einer Zigarette, Alkohol, einem Joint erzählte.
Languishing is a sense of stagnation and emptiness. It feels as if you’re muddling through your days, looking at your life through a foggy windshield. And it might be the dominant emotion of 2021.„(Link zum Artikel, NY-Times, englisch)

Diesen Satz hätte auch ich mit 15, 16, 17, 18 schreiben können. An einem kühlen glatten Tisch vor einem Kunststofffenster, in einem sauberen Zimmer, das wie ein Hotel eingerichtet über lange Zeit mein Zuhause war. Wo fremde Menschen zum Dienst kamen und mir weder Eltern noch Freund_innen, aber doch versorgend, oft herzlich, immer über_wachend waren. Wo jeder Schritt beobachtet, eingeordnet und bewertet aber nur selten in mir kontextualisiert wurde. Wo ich – inmitten von vielen anderen Mitpatient_innen und Stationen drumherum – emotional wie sozial geschmachtet habe.

Es ist schwierig für mich ganz konkret zu beschreiben, was da gefehlt hat. Heute würde ich es als „soziales Hintergrundrauschen“ beschreiben. Als „das weiße Rauschen der Freiheit“, als „unterbewussten Takt der Normalität“. Und zwar, weil es bei dieser lange anhaltenden Deprivation nicht um den Entzug von Licht, Luft oder sozialer Interaktion ging, sondern um den Stoff aus dem Familie, Zuhause, Intimität, Vertrautheit und der Sicherheitsgefühle, die sich daraus entwickeln, gemacht ist.

Die Parallelen zur heutigen Situation sind frappierend, wenngleich die Unterschiede (glücklicherweise) ebenfalls. Auch damals gingen wir selten raus. Erst, weil es einen Beschluss gab, der es uns verbot, dann weil es kaum einen An_Reiz gab. Klar waren wir in der Stadt, haben Musik oder Kleidung gekauft, aber keine Freund_innen, keine Familie, keine Sehnsuchtsorte zum Besuchen gehabt. Die Umgebung war steril, wir der Keim, die Klinik unser Behälter. Es gab Interaktion aber kaum Ver_Bindung.
Dieses Zurückgeworfen sein auf sich selbst und das eigene Verhalten ist, was vielen Menschen kurzfristig helfen kann, um die Schwierigkeiten, in denen sie sind, zu begreifen und aus Re_Aktionsschleifen herauszukommen, die sie unfrei machen, weil sie sie mit dem Außen verwickeln und ver.w.irren. Über lange Zeit hinweg jedoch kommt es zu einem Verlust von etwas, das man braucht, um sich selbst überhaupt (ganz) wahrzunehmen. Man ist ja immer man selbst, aber wo beginnt man selbst und wo eine andere Person? Wie soll man das herausfinden, wenn da keine andere Person ist? Oder sehr viele Personen von denen keine mehr Nähe zulässt als es die professionelle Distanz erlaubt? Wie soll man sich als Teil von der Welt begreifen, wenn man von der Welt isoliert ist?

Menschen, die während der Pandemie praktisch die ganze Zeit zu Hause sind, bemerken jetzt, wie sehr der Weg zur Arbeit, das Milchschaumherz auf dem Kaffee mit dem kleinen Keks neben der Tasse auf der Veranda eines Restaurants, das Geknittel mit den Kolleg_innen, die Gelegenheiten, zu denen man die unbequeme Hose anzieht, weil man glaubt damit würde man ernster genommen, auch sie ist. Dass das nicht nur Dinge sind, die sie erleben und gestalten, sondern auch sie selber sind. Und das ist nun weg.
Das ist, was allen entzogen wird, die länger in einer Psychiatrie oder einem Pflegeheim sind – das ist aber auch, was zum Beispiel schwerbehinderten Menschen erschwert zugänglich wird, wenn die Mobilität verweigert oder Assistenzen verwehrt werden.

Was mich an dem Artikel und dem Thread berührt ist, dass es mir das Ausmaß des Schadens der Psychiatriezeit kontextualisiert.
Es ist das eine mit einer Biografie zu leben, in der das überhaupt passiert ist, das andere zu begreifen, dass das Gefühl, das ich seit einem Jahr mehr oder weniger aktiv weg reorientieren muss, ein emotionaler Flashback auf diesen Hunger, diesen Schmacht, nach sich selbst ist, hinter dem das Gefühl der drohenden Vernichtung des eigenen Ich, des eigenen Selbst steht.
Es ist anders, ja, aber doch auch nicht viel anders als Todesangst. Es ist Selbst_Verlustangst. Ja, die mag nicht existenziell sein, die mag nicht weh tun, aber sie wirkt genauso extrem ein, wie jede andere Vernichtungsangst.

Es hinterlässt ein emotionales Trauma dieser Angst, diesem Gefühl 24/7 über Monate, in unserem Fall Jahre, ausgesetzt zu sein. Und Trauma ist Trauma. Wenn da eine Wunde ist, dann muss sie versorgt werden. Ja, obwohl kein Blut fließt, ja obwohl es dafür keine_n konkreten Täter_in gibt, ja, obwohl emotionale Traumata als Ding noch so gut wie nie gleichwertig mit Traumata durch Natur-, Krieg- und „Zwischen – Menschengewalt“ begriffen werden.
Wunde ist Wunde. Egal wie, wo, wann geschlagen. Darin kann man sich verbinden, statt sich zu vereinzeln. Dies wird jedoch schwierig, wenn man die Erfahrung dem äußeren Kontext unterordnet und weiterhin weiße bisher gesunde Leute, die Behinderungen ohne Hilfe kompensieren können, dazu interviewt wie sie die Pandemie erleben, woran sie davon erinnert werden und was ihnen hilft, damit umzugehen.

der Schnack

Neulich hatte ich einen Schnack. Es ging um E-Bikes. War früh am Morgen, gerade hatte ich das regionale Käse Werbeblatt beim Bäcker liegen lassen und war zu meinem Rad gegangen.

Es war spontan und ok. Und merkwürdig.
Seit wir hier wohnen, denken wir daran herum, ob wir unser Rad aufrüsten lassen oder nicht. Es ist so schön leicht, das ist perfekt für lange Radtouren. Aber seit wir hier wohnen, konnten wir noch keine lange Radtour machen. Und wenn alles so kommt, wie wir es uns wünschen, werden wir dieses Jahr eine kleine machen können und dann erst mal einige Jahre nicht. Jedenfalls nicht so.
Hier gibt es Strecken, wo man über viele Kilometer dem Wind komplett ausgeliefert ist und von da aus wo wir wohnen, ist einfach jeder Weg irgendwohin ~eine Strecke~.

„Ich wollte erst keins, ich bin ja noch nicht so alt“, sagte die eine Person, die andere lachte und machte eine wegwerfende Handbewegung. Da ist sie wieder. Die Idee man müsse für alles eine Bedingung erfüllen. Man dürfe nicht einfach haben, was man sich wünscht, nicht einfach probieren, was man gut findet. Und das merkwürdige Weglachen von etwas, das nicht wegzulachen ist.
Und dann die Einigung darauf, dass es einfach cool ist, mobiler zu sein als vorher. Öfter zu fahren als vorher. Mehr Kraft zu haben als vorher.

Wir verabschieden uns, ich fahre los. Fahre zurück als mir auffällt, dass ich das Anzeigenblatt vergessen habe. Auf dem Weg nach Hause bläst mir der Wind die Tränen aus den Augenwinkeln. Ich denke über Bedingungslosigkeit nach und wie wir, der Partner und ich wohl schaffen werden, F. zu vermitteln, dass es einen Unterschied zwischen Priorisierung, Privilegierung, Bedingung und Voraussetzung gibt.
Vermutlich wird auch das ~eine Strecke~.

note on: Selbstvertretung von Vielen, die nicht selbst sind

Vor einigen Wochen hatten wir Kontakt mit jemandem die_r Viele ist und uns lange beschäftigt hat, weil uns die Person irgendwie leer vorkam. Nicht im Sinne von „hat keine Hobbys“ oder „hat keine Gefühle gezeigt“, sondern eher im Sinne von „hat keine Persönlichkeit“ oder „ist nicht greifbar“. Also ein klassisches Schutz- und Abwehrverhalten von Menschen, die Viele wurden, weil Menschen, auf die sie angewiesen waren, sie misshandelt haben.

Es hat mich beschäftigt, weil es Wut in mir ausgelöst hat. Wut und Aggression.
Und später die Frage, wie man Menschen, die so sein müssen oder wollen (oder auch einfach so sind) in eine mehr oder weniger organisierte Selbstvertretung integrieren könnte.
Als ~“Aktivistin“~ zeigen mir solche Menschen auf, dass sich selbst zu vertreten, sich für die eigenen Belange hörbar zu machen und Forderungen zu formulieren, einfach „high level“ ist. Man muss entweder schon einigermaßen weit in der Therapie sein oder sehr privilegiert im eigenen sozialen Netz, um eben nicht beim kleinsten kritischen Unterton, beim ersten Konflikt, einer Meinungsverschiedenheit oder schlicht „grad keinen Bock haben, wenn alle lostoben wollen“ zu einer waberig ätherischen Masse zu werden, und sich aus der Situation zu verpdissen.

Aber was macht man denn dann als Community, die sich selbst vertreten will?
Das Leben ist bedrohlich. Menschen haben Konflikte. Selbstvertretung bedeutet, sich vor Menschen für das eigene Leben einzusetzen. Es ist eine Triggerbombe 3000. Aber wenn man weiter zulässt, dass ausschließlich Psychologie, Medizin, profitorientierte Medien oder praktisch entmenschlicht organisierte Stellvertreter_innen-Organisationen über Viele sprechen und sie so definieren, wird das auch immer so bleiben.
Und wenn immer nur die aktiv sind, immer nur die gehört werden, die das schon können, dann werden diese Leute zu Stellvertreter_innen, für jene, die es noch nicht können. Man würde also im Kleinen wiederholen, was im Großen schon problematisch war.

Ich habe gemerkt, dass ich anfange, mich zu fragen, ob manche Menschen das aber auch gar nicht anders wollen.
Dass sie uns sagen: „Yeah Selbstvertretung!“, weil sie wissen, dass wir keinerlei Vorteile darin erkennen, sich von Autoritäten beschreiben und behandeln zu lassen, statt selber zu schreiben und zu handeln. Und weil sie wissen, dass wir sie in ihrer Haltung kritisch herausfordern würden. Allein schon durch die Frage: „Wie sieht du dich selbst?“ oder schlimmer noch: „Wer bist du und was möchtest du für dich erreichen?“

Heute Morgen dachte ich, dass das vielleicht einfach nicht zu lösen ist. Man hat die gleichen Spannungsfelder auch in politischen Gruppen. Und Widersprüchlichkeit ist ja auch, was Viele ausmacht. Es ist eben genau die Problematik, nicht an sich selber heranzukommen. Genau dieses Ausgeliefertsein vor den eigenen Schutzmechanismen, die von anderen Menschen dissoziieren, auch wenn man sich die Verbindung sehr wünscht. Vielleicht können die Vielen nur von ihrer Existenz vertreten werden und sonst nichts.
Das ist machbar, wenn man sie als Menschen an.erkennt, erfordert jedoch, unsere Gesellschaft entsprechend zu bilden und ihre kulturellen wie sozialen Praxen dahin gehend zu beeinflussen. Und wie sieht es an der Stelle aus? Man lässt Menschen im Mittelmeer ertrinken, Polizisten junge Menschen töten, man plant den Tod von Menschen am gleichen Reißbrett wie die Profite von Konzernen.

Ist das vertretbar?

die Beerdigung

Wenn jemand stirbt, sprechen viele von einer Lücke oder einem Loch. Im Herzen, im Leben, in der Welt.
Als wir auf dem Friedhof stehen, ist da ein Loch im Waldboden. Darum herum keine wackligen Tagespläne, höfliches Schweigen, Telefonate mit Fremden über Verträge, die nun keine Gültigkeit mehr haben, sondern rote Rosen, Nadelbaumzweige und eine kleine Trauergemeinde.

Der Partner hat eine berührende Trauerrede geschrieben. Wir halten uns an den Händen, das Rauschen einer fernen Straße umspült uns. Ich habe vergessen zu fragen, wo man bei einer Beerdigung hinguckt. Wissenslücke. Erfahrungslücke. Das richtig echte Beerdigen kann man nicht üben. Beerdigen ist eine Fertigkeit, deren Fehlen keine Lücke ist, bis man eine im Leben hat.

Ich betrachte das Urnenbesteck. Immer, wenn der Name des Gestorbenen fällt, schaue ich sein Foto an. Drei Hummeln fliegen über das Buchenlaub, eine krabbelt hinein. Als die Musik kommt, weiß ich, dass es gleich vorbei ist. Das Beerdigen, das Loch. Gleich ist alles aufgeräumt, gleich hat alles s.eine neue Ordnung.

Das macht mich traurig, denn es ist ja klar: Es geht nicht um eine schöne Blumenvase, die nun bei uns im Fenster steht und einen vollen Laster vom Entrümpler vor 3 Tagen, sondern ein Leben ohne jemanden, der schon immer da war und jetzt nicht mehr.

Ein Loch, das nicht gefüllt werden kann, wie wir das Loch mit der Urne, Blumen, Blütenblättern und Erde gefüllt haben, bevor wir die Grabstätte verlassen haben.