Wenn ich tot bin, will ich frei sein.

Gestern schickte Julian von Thanatos Bestattung (@_Bestattung) einen Tweet (Link zum Tweet) raus, den man vervollständigen kann.
„Wenn ich tot bin, möchte ich…“

Nachdem gerade der Vater des Partners gestorben ist, haben wir uns natürlich auch mal wieder mit den Formalia des eigenen Gestorbenseins befasst. Wir wollen nicht verbrannt werden. Wir wollen nicht auf einem Friedhof und auch nicht in einem Sarg beerdigt werden. Wir wollen einfach nackt in ein Tuch eingewickelt in der Natur eingegraben sein und fertig.
Unser Werk soll Gutes tun, unsere Sachen anderen hilfreich sein. Das ist nicht viel aber schon genug, um wieder etwas zu wünschen, was nicht erlaubt ist. Man darf nicht ohne Sarg beerdigt werden. Man darf nur auf Friedhöfen beerdigt werden. Man muss seine Sachen und Werke rechtssicher zuteilen. Man darf nicht erwarten, dass, nur weil man das auf einen Zettel geschrieben hat, im eigenen Sinne über die eigene Leiche, den eigenen Nachlass entschieden wird.

Für mich ist das schlimm. Denn wie im Leben zählt auch im Tod mein Wunsch über meinen Körper und mein Eigenes überhaupt nichts, weil unsere Gesellschaft das so will. Ich weiß, das klingt verkürzt – aber soll ich hier wirklich immer wieder hinschreiben, dass Gesetze von der Gesellschaft gemacht werden? Und dass sie da einen autoritären und also immer gewaltvollen Weg wählt?
Ja, auch das Sterben, das tot sein, ist politisch – und mein Sterben, mein Leichesein, der Anlass zur Wiederholung von Gewalt an mir. Selbst die Toten werden noch zum Machtgewinn oder -erhalt benutzt.

Wir leben mit einem Bewusstsein für unsere Sterblichkeit und Lebensgefahren, das stark geprägt ist von gemachten Gewalt- und Nahtoderfahrungen. Dass wir sterben könnten, denken wir jeden Tag mindestens ein Mal. Keine Woche vergeht ohne, dass wir uns einen Weg aus dem Dickicht von mehr oder weniger konkreten Todesängsten oder ihrem Nachhall schlagen müssen. Tod und Sterben sind für uns ganz alltägliche Denkgegenstände und nichts Abstraktes. Und schon gar nichts, das immer nur den anderen passiert.

Wir haben unser erstes Testament mit 9 geschrieben und schon da stand drin, dass wir mit der Welt verschmelzen wollen. Ohne Sarg, ohne Friedhof, ohne Balsamierung, mit einer Einladung an arme Menschen, sich aus unserem Zimmer zu nehmen, was sie haben möchten. Wir werden nicht mitkriegen, wer uns vermisst und mit welchen Gesten das wem kommuniziert. Wir brauchen das Zeremoniell des Bedauerns nicht und wollen auch nicht daran erinnern, dass es das gibt und man sich entsprechend fühlen sollte, indem wir es „weil man das so macht“ schon mal vorbereiten. Für mich, für uns, braucht es das alles nicht und ich halte es für wichtig, dass sich Hinterbliebene das klarmachen. Was ist für dich wichtig, was ist für mich wichtig. Und welcher Wille entscheidet – mein letzter und der, den du jetzt gerade in diesem Moment hast, bevor viele andere nachkommen?

Solange ich lebe, muss ich meinen Willen wie mich selbst prüfen, kommunizieren, um- und durchsetzen. So will es das Gesetz der Justiz und auch das des sozialen Miteinanders. Ich war und bin oft müde davon. Habe viele Jahre nicht gemerkt, dass diese Müdigkeit eine Traumafolge ist – eine Resignation vor immer wieder ignorierten, missachteten, ausgenutzten Wünschen und Willen. Eine Art Aufgeben, Nachlassen, entgrenzter Existenz, die nichts mit dem Leben, aber viel mit dem Sterben zu tun hat.
Gewalt tötet. Immer. Auch wenn danach noch Blut zirkuliert, ein Gehirn arbeitet, gesprochen, gefühlt, interagiert wird. Sich auf einen letzten Willen zu konzentrieren ist ein starker Pol für uns, denn es ist der letzte Wille, dem alle Angehörigen und auch die Rechtsprechung zumindest einmal richtig zuhören und Beachtung schenken. Es ist unsere sichere Bank, wenn wir an anderen Stellen scheitern.
Das macht die Bestattungsrealität in Deutschland für uns so schlimm.

Sie erinnert uns daran, dass wir nicht frei sind. Dass wir nicht selbstbestimmt sind. Dass wir über uns selbst zu keinem Zeitpunkt ganz und gar nur uns selbst gehören. Wir sind ein Objekt und sollen das in Ordnung finden.

 

3 thoughts on “Wenn ich tot bin, will ich frei sein.

  1. Ich überlege gerade, ob es Wasserbestattungen wie in den Piratenfilmen (offiziell und legal) noch gibt, das käme eurem Wunsch auch ziemlich nahe. Das habe ich mir als Kind immer gut für mich vorstellen können.

    Eure Gedanken zur Gewalt bis über das Sterben hinaus sind wir so noch nie gekommen. Ich kann sie aber gut nachvollziehen und kann mir gut vorstellen, wie belastend sie sind.

    Was nach meinem Tod mit meinem Körper geschieht, ist mir persönlich nicht so wichtig, zumal ich auch Organspende zulasse. Das sieht jeder Mensch anders und hängt mit unseren Erfahrungen zusammen.

    Was ich mir persönlich sehr – und schon seit jungen Jahren –, sehr wichtig ist: Mein Sterben soll selbstbestimmt und würdevoll geschehen dürfen. Würde bis zum letzten Atemzug (und natürlich auch danach, aber dann um meiner Mitmenschen willen).

    Ich denke viel über Sterben und Tod nach und über die Frage, warum wir als Gesellschaft das alles ein so großes Tabuthema haben werden lassen.

    Danke, dass ihr darüber schreibt!

  2. Das war und ist von Kindheit an auch unser Wunsch gewesen: Nach dem Tod den Körper in ein Tuch gehüllt in der Erde dem Kreislauf des Lebens übergeben. Es fühlt sich so richtig und natürlich an.
    Aber da wussten wir noch nichts von Ämtern und Gesetzen.

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