Was unser verdammer scheiß- toller schlauer Körper alles kann

[Atmen kann er- das find ich immer am Besten haha]

Er kann vorallem aushalten!
Nachdem unser Körper gerade in den letzten Tagen durch gefühlte Abwesenheit glänzte, habe ich heute früh einmal mehr gespürt, wieviel so ein Körper aushalten und machen kann.

Es ist mit das beschissenste Element von Erinnerungen die heute auf uns einknallen: Körpererinnerungen.
Für den Laien einmal in Blanko:
Stell dir vor du liegst im Bett und bist dabei einzudösen und auf einmal- einfach so- ohne äusseren Anlass, fühlst du wie dich eine Macht packt und einmal in der Mitte durchreißt und gleichzeitig vollstopft und staucht- brutal, ohne Zögern, ohne Gnade, ohne Entkommen. Es gibt keine Schonhaltung für dich; nichts ausser einen Schreih in deinem Kopf und einen Schmerz der dich in eine Schwärze fallen lässt, die kein Molekül Platz mehr bietet. Es gibt keine Worte. Keine Sprache. Eigentlich nicht mal mehr Körper nebst Kopf. Da ist nur dieser explodierende Schmerz.

Wenn sich das Schwarz etwas lichtet- sei es weil dein Körper den Sauerstoffmangel auszugleichen beginnt (denn du hast den Atem angehalten), sei es weil dein Hund anfängt, die Tränen in deinem Gesicht abzulecken oder weil du aus dem Bett gefallen bist und plötzlich mit irgendeiner einzelnen Hirnzelle merkst:
HEUTE-HIER-JETZT
dann- aber erst dann- kannst du etwas tun.
Vorher musst du und muss der Körper vorallem eins: aushalten.

Ich habe heute morgen gespürt, wie sehr der Körper in diesem Moment- ja fast wiederholen muss, was er schon einmal durchgemacht hat. Er krampft, zieht alle betroffenen Muskelgruppen zusammen, zieht sich dicht an dicht, bietet kleinstmögliche Angriffsfläche, pumpt Massen an Adrenalin durch den Körper, verteilt Blut und Sauerstoff auf genau die gleiche Art wie früher. Wehrt ab und schützt gleichzeitig.

Innerlich rutsche ich auf Knieen vor Dankbarkeit, wenn der Schmerz abebbt. Dann kommen Bilderfetzen, Kurzfilme und was weiß ich. Da gucke ich schon gar nicht mehr hin. (<— Guckst du Therapieerfolg!)
Wenn ich es nur schaffe aufzustehen und festzustellen: “Ja- es gab keinen äusseren Anlass. Es ist alt. Es ist nicht heute, es nicht gerade jetzt gewesen. Niemand hat mir gerade wehgetan.”

Dann kann ich schon fast anfangen meinen Körper beruhigen. Blutdruck senken, einatmen, ausatmen,
eiiiiin- Tick-Trick-Track und das Fähnlein Fieselschweif- auuuuuussss, Boden fühlen, Körpermitte suchen, finden, vorstellen ein Band auszuatmen. Nase in die von der Freundin gewaschene (und entsprechend nach ihr riechenden) Decke drücken- denken, sie ist jetzt da…
Mein Körper nimmt sowas dankbar an. Die Schmerzen lassen nach.
Für den Bereich der mir so oft zerrissen wurde, hab ich durch die großartige Ina May Gaskin einige tolle Imagination gefunden bzw. zwei Visualisierungen, die oft helfen:
Zu Anfang noch: “your body is not a lemon (in a juicer!) ” (auch wenn er gerade das tut: sich zusammenquetschen wie eine Zitrone in einer Presse)
und etwas später: “an opening flower” (Blättchen für Blättchen langsam und vorsichtig aufgehen lassen… sich “wieder richtig hinlegen lassen”; “den Schmerz-(manchmal auch: die Schmerzursache) rauslassen”)

Das ist Arbeit.
So einfach wie das jetzt so klingt ist es nicht. Wenn sich mein Körper erinnert, dann erinnert sich die Psyche in der Regel gleich mit und es hämmert mir Erlebnis um Erlebnis im Kopf herum. Früher bin ich dann, öfter noch als heute, direkt in eine Kette gerutscht: A erinnert an B und das an C und es wird immer tiefer und tiefer. Und es wird immer schwerer sich zu orientieren- irgendetwas anderes als das Alte wahrzunehmen.
Innenkinder fliegen wie freie Radikale unter der Oberfläche und je schwieriger die äussere Umgebung ist, desto schwieriger wird es auch ihnen klar zu machen, dass es sich zwar gerade jetzt so anfühlt, es aber keine Situation ist wie früher (die ihr “draussen sein” bzw. ein Aushalten durch sie nötig macht).

Mal abgesehen von den seelischen Problemen, werden solche Körpererinnerungen vorallem dann zum Problem, wenn man so behämmert ist, wie wir zur Zeit.
Nicht genug essen heißt: Muskelkrämpfe, nicht genug Treibstoff für solche Anstrengungen, der Blutdruck eh ständig jenseits von gut und böse, anhaltende Schwäche und Konzentrationsprobleme
Nicht genug schlafen heißt: das Risiko für diesen blöden Zwischenzustand zwischen Schlafen und Wachen ist exorbitant hoch- schon nur auszuruhen und mal kurz irgendwo zu sitzen kann ihn dann schon auslösen
Nicht darauf achten, was innen passiert, wenn man genau das alles nicht macht- oberblöde! Schon dieser allgemeine Zustand von Schwäche und körperlicher Erschöpfung ist Futter für solchen Mist, denn er ist ein Trigger bei uns.

Und unser Körper? Dieser arme Metabolismus…
Der soll nicht zu dick sein. Der soll bitteschön schön aussehen. Der soll nicht auffallen. Der soll tot und lebendig sein. Mal dies mal das. Manchmal soll er ganz dick sein und dann wieder ganz spillerig. Dann soll er Megakräfte haben. Achja, aber bitte ohne allzu hart auszusehen, sich allzu hart oder zart anzufühlen. Er soll bitteschön noch zur allgmeinen (sexuellen) Befriedigung dienen, naja zur eigenen dann nach Bedarf. Immer zur Verfügung bitteschön. Für alle gleichzeitig: innen und aussen.
Aber wehe er tut etwas, dass ihn nach so einem anstrengenden Wieder-Erleben erleichtert!
Erbrechen, Durchfall, Zittern, Schwindel der uns zwingt, sich hinzulegen und die Beine hochzulagern.

Auch wenn ich weiß, dass wir beim nächsten Mal wieder so unfair sein werden. Und so undankbar und rücksichtslos… für jetzt in diesem Moment, wickle ich ihn ein, versuche ihn zu wärmen, zu nähren und sage ihm, dass ich ihm sehr dankbar bin.

Dass er in der ganzen ganzen schlimmen Zeit niemals aufgehört hat für uns zu leben.

im Wald

Ich bin auf der Suche nach dem „richtigen” Baum.

Fliege segelnd durch die Gruppen und Grüppchen der bunten Bäume, über die Sträucher und Büsche hinweg. Durch den Blätterregen hindurch.

“Mein Herz, weißt du noch als wir mit der Helfer-Gemögten hier waren?” Ich fühle eine leise Bewegung. “Weißt du noch wie die Marienkäfer flogen? Da hast du sie gezählt, weil du so eine Angst hattest, weißt du noch?” Ich höre ein schwaches Seufzen und fühle wie sie sich mir zuwendet. “Kannst du versuchen heute die Blätter zu zählen? Guck mal nach oben in den Himmel. Die Blätter sehen auch so aus, wie der Schwarm Marienkäfer.”
Ich spüre ihren bestialischen Schmerz mit ihr hoch kriechen. Von der Mitte der Lenden bis hinauf hin den Brustbereich, wo sie sich nun festklammert, um über meine Schultern in den Himmel sehen zu können. “Halt dich schön fest, gleich finde ich den richtigen Platz für uns”

Ich breite meine Flügel aus und setze meinen Flug fort. Und finde den Richtigen.
Gut versteckt mitten im Wald, fern der Wanderwege, dick, stark, mächtig, gut eingemummelt in Moos und Flechten.

“Ist es der Richtige?” Vielköpfiges Nicken überstimmt verächtliches Schnauben, verwirrtes Achselzucken, desinteressiertes Weggucken und messerschwingende Drohung.

Ich setze mich und schaue mir die Umgebung an.
Ja. Ich finde es auch gut.
”Kannst du den Baum sehen, mein Herz? Siehst du das Heute?” Sie nickt. Lässt ihre Tränen in meine Federn rollen.
Ich senke meine Flügel herab und lasse sie in die Rillen der Baumrinde fallen.
“Möchtest du den Baum mal fühlen? Schau mal, wie stark er ist. Unser ganzes monströses Körpergewicht hält er aus. Und sogar deine Tränen hat er ausgehalten.” Sie steigt, von Federn gestützt, ab, hält sich an meinem Flügel fest. Legt sich auf den Baum und horcht in ihn hinein. Erzählt ihm unhörbar ihre Geschichte.

Die Sonne geht langsam unter.
“Ist es besser?”, frage ich. Sie nickt. Ich beuge mich herab und lasse sie zwischen meine Federn krabbeln.

“Möchte noch jemand etwas hier lassen?”. Ich frage nicht nur “meine Herzen”. Ich denke, diese Art Schmerz werden Viele mehr gespürt haben. Und tatsächlich umarmen noch ein paar andere den Baum und lassen ein Stück Schmerz dort. Mitten im Nirgendwo. Ganz weit weg von zu Hause. Von fremden Blicken. Von Verantwortung. Von dem was sie repräsentieren. Von Scham über ihr Handeln und Denken. Bei diesem Baum, der obschon tot und umgestürzt, so stark und mächtig hier ruht.

So befreit und geklärt verlassen wir diesen Ort.
NakNak* steht auch auf.
Sie saß die ganze Zeit neben uns. Ganz ruhig. Wie eine Wächterin. Als hätte sie genau gespürt, dass hier etwas passiert, das absolute Stille verlangt.

Jemand trocknet die Füße ab und zieht die Schuhe wieder an.
Jetzt fühlen wir auch so den Boden wieder.

Es ist wieder ein Stückchen besser.

Sonnenscheintag 4 oder: Armut, Demut, Unmut

Wir haben den 16. des Monats und noch 22,43€ zur Verfügung.

Wir sind nicht drogensüchtig, haben kein Geld zum Fenster herausgeworfen und wurden auch nicht ausgeraubt. Wir haben einfach nur Rechnungen bezahlt und versucht auszusehen, wie ein normaler Mensch (was bedeutet: wir haben das Unsägliche getan und uns endlich Wäsche für 5 Tage in Größe 40 gekauft, statt immer noch weiter in Größe 48 herumzulaufen- zum unglaublichen frevelhaften Preis von 7,98€)

Tja, wat nu?

Entgegen der Meinung der Intelligenzbestien, die sich ihre Meinung zum Thema Hartz 4  mit Hilfe von RTL und Co zusammenschustern, ist es NICHT so, dass man als Mensch in so einer Situation wirklich und echt Hilfe bekommt die einfach und unkompliziert angenohmmen werden kann.

Zumindest nicht von uns. Ich habe jetzt einige Texte und Schilderungen zu dem Thema gelesen, aber noch niemand hat es aus der Sicht eines (früh)traumatisierten- allein stehenden- Menschen geschrieben. Also dann (man hilft ja wo man kann haha)

Was ist das Wichtigste? – Nahrung! (alles Andere hab ich ja schon bezahlt- deshalb ist ja nix mehr übrig)

Wo kann man Nahrung bekommen, wenn man sie nicht bezahlen kann? Bei der Armenspeisung. Weil es politisch korrekter ist, nennt man sie inzwischen “die Tafeln”, “der Lebensmittelkorb”, “der Tisch” und wer weiß wie  noch.

Okay. Alles klar- hier haben wir Problem und Lösung. Tadaaa!

So. Und jetzt komme ich mal mit meinen Problemen und allen laufenden Prozessen dazu.

Ich bin essgestört, leide unter dem Reizdarmsyndrom (ganz interessant: ca. 30% aller Reizdarmsyndrompatienten sind Missbrauchsopfer und die Mehrheit der Erkrankten sind Frauen… ), halte keine Menschenansammlungen aus, halte mich sowieso schon für den Dreck der noch unterm Abschaum aller anderen Menschen steht und bin durch die Unfähigkeit unseres Staates Kinder vernünftig vor Gewalt zu schützen und selbige als Erwachsene heilen zu lassen, arm und (zumindest derzeit) absolut ohne Perspektive, dass sich das schnell (je?!) ändert.

Grundsätzlich bin ich ein Freund davon verzehrbare Lebensmittel nicht einfach wegzuschmeißen und sie an jene kostenlos bzw. für reinen “Ranschaff/Zusammenraff und Verteil-Aufwandspreis” abzugeben, die sonst hungern müssten.

Aber ich komme mir vor wie ein Bittsteller. Und nicht wie jemand der keine direkte Schuld an seiner Not trägt und einfach davon profitiert, dass viel zu viel produziert wird.

Und es erinnert. Es ist ein Gleichnis “Du bist Dreck- Du bekommst nur Dreck- Du bekommst nur das was sonst keiner will und dafür hast du gefälligst dankbar zu sein- sonst musst du sterben (verhungern)”. Es ist das Gleiche. Es ist das Gleiche das Gleiche das Gleiche!

Und dabei soll und will ich doch richtig annehmen, dass ich mehr wert bin, als ich denke. Dieser Gedankengang begleitet mich also als Schleife. “Ich bin wertvoll ich bin wertvoll ich bin wertvoll- obwohl ich grad nicht wirklich so behandelt werde. Bitte Innenleben hör doch auf zu weinen. Es ist zwar das Gleiche- aber es gilt nicht als das Gleiche.” (Also- eigentlich verarsche ich mich, damit es nicht so weh tut.)

Kommen wir zur Verwaltung der Lebensmittelausgabe.

Hier läuft das so: Freitags um 10 Uhr werden Nummern verteilt (jaja wegen Datenschutz und so und weil ja jeder die gleiche Chance haben soll- nicht, dass der Erste das Beste bekommt und so weiter). Okay- kann man hinnehmen- wir sind in Deutschland- hier steht man auf Ordnung und verteilt dafür hübsch laminierte Karten mit einer Ziffer drauf.

Meine Ziffer beim letzten Mal war die 10. Und ich war total dankbar. Diese Dankbarkeit steigerte sich, als ich die Ziffer 132 bei einer Frau die dort ebenfalls wartete in der Hand aufblinken sah.

Um 13 Uhr beginnt die Ausgabe der Lebensmittel.

Solange sitzen viele der Menschen dort in der Kirche herum. (Gecheckt? In der Kirche. Für mich Horror. Schlicht und einfach. Allein die Panik (die noch nicht mal meine ist und die ich nur gedämpft durch zig innere Filter wahrnehme) dieses Gebäude zu betreten, ist etwas, dass mich normalerweise dazu brächte, gar nicht erst dort aufzutauchen. Allein dieser Umstand zieht unglaublich viel Kraft) Wir fahren dann immer nochmal wieder nach Hause (4km hin- 4km zurück bei jedem Wetter) um Kraft zu sparen und zu schöpfen- obwohl der Körper eigentlich nicht genug “Treibstoff” für zweimal 8km radeln und dann nachmittags noch die von NakNak* geforderten 7km laufen, bekommt.

Dann die Ausgabe. Inzwischen ist es richtig voll. Es wird gedrängelt und geredet, Einkauftrolleys und Bollerwagen nehmen noch zusätzlichen Platz weg. Alle Sprachen werden gesprochen- auch jene die mich triggert und direkt mal in einen Zustand jenseits von Gut und Böse befördert. Also stehe ich draussen herum, werde ein paar Mal fast umgerannt und krümme mich halb vor (alten) Schmerzen und spitze die Ohren um meine scheiß Nummer zu hören- die ich aber natürlich nicht höre- die Sprache die mich antriggert aber dafür um so besser.

Die Frau in der Ausgabe wird sich wohl gedacht haben: “Ach komm Scheiß auf Datenschutz- es muss vorwärts gehen” und schrieh meinen Namen über die Gespräche hinweg. Hmpf. Danke sehr.

Naja, also ich mich durchgekämpft. (Und ja: Ich hatte zwischen drin die Assoziation von mir im Camouflageanzug mitten in der Schlacht um Stalingrad bzw auch kurz von Aladin dem Meisterdieb der sich durch den Basar schlängelt)

Endlich angekommen bei der guten Frau. Ich habe zu dem Zeitpunkt schon den 4ten Tag in Folge nichts gegessen. Mir geht es richtig richtig dreckig und eigentlich ist zu diesem Zeitpunkt weder denken, noch mitdenken, noch planen, noch irgendwas anderes als das schiere Überleben wirklich möglich. Ich brauche, dass jetzt jemand einen Plan hat und weiß was er tut. Diesen Anspruch hat die Frau anscheinend leider nicht und zerrt mich von Station zu Station.

Vorbei an Bergen von Brot (das ich nicht mehr vertrage bei meinem Stresslevel in Kombination mit dem Reizdarm), an Kuuuuuchen (großes Heulen innen), an Nudeln (die ich auch nicht essen sollte- von denen ich aber doch ein Paket mitnehme, weil es sonst gar nichts Haltbareres zu geben scheint- was ich aber dann 4 Tage später bitter bereue, weil mich mein Bauch zu zerreissen droht) und dann zum Obst und Gemüse. Ich gehe hinaus mit

1 Paket Nudeln, 5 Möhren, 1 Blumenkohl, 3 Tomaten, 1 Gurke, 100gr Putenwurst, 1 Liter laktosefreier Milch (okay dafür war ich supermega oberdankbar- die ist so teuer), 1 Zitrone und 5 Kartoffeln.

Um um mehr zu bitten, bin ich zu diesem Zeitpunkt viel zu geschwächt (mal abgesehen davon ist hier für mich noch die Frage: Wann würde ICH jemals um Essen betteln? Wieder! Ich bzw. mein Innen kennt doch die Antwort längst: “Du bekommst nichts mehr!”. Mir tanzen Punkte vor den Augen, der Kopf dröhnt und Erinnerungen rütteln an ihren Käfigtüren. Mein Organismus belebt die alte Zeit wieder und niemand steht mir bei. Weder mein Geist, noch die Frau die mir doch an die Seite gestellt wurde, um mir zu helfen. Sieht sie denn nicht, wie wenig das ist?!

[Nein- das ist viel zu viel- du darfst das alles gar nicht haben! Ich krieg Ärger dafür! Legs weg- bitte gibts zurück!!!- Ja los legs zurück du fettes Schwein!- Du bist es nicht wert!- Ich bin es wert ich bin es wert ich bin es wert… ]

Ich sehe zu, dass ich verschwinde und komme irgendwie wieder nach Hause. Um mich dort angekommen ohrfeigen zu können. Wieder 7 Tage vor uns und praktisch nur für 2- vielleicht 3 Tage Essen zum satt werden. Und was machen wir? Wir denken, dass es uns nicht zusteht, doch noch die anderen Lebensmittelausgaben abzuklappern, um mehr abzugreifen. Wir strecken diese paar Sachen über 7 Tage hinweg. Und wundern uns dann, weshalb das System komplett in den reinen Überlebensmodus schaltet. Weshalb es uns so schlecht geht.

Jetzt gehts uns noch gut.  In 11 Tagen dürfen wir realistisch das Kindergeld erwarten. Heißt wir können pro Tag jetzt noch 2€ ausgeben um etwas zu essen zu kaufen. 1,60€ sind es, wenn wir Pech haben und das Geld erst am 29 sten bekommen. Von einer Ernährung die uns gut tut sind wir weit entfernt. Von Lebensumständen die uns heilen lassen könnten, fange ich gar nicht erst an zu reden.

Aber ich muss nicht zu dieser Armenspeisung gehen. Wenigstens in diesem Punkt darf und kann ich diesen Monat gut für mich sorgen.

[Wer weniger als umgerechnet 1,25$ pro Tag zum Leben hat, gilt als arm. 1,25$ sind 0,96484€. Man bin ich reich. Was stell ich mich eigentlich so an?]

Was Innenkinder sind

Innenkinder sind Leben.

Sie sind Kraft, sie sind Verletzung, sie sind Hoffnung, sie sind Verzweiflung.

Manche haben nie einen Himmel sehen dürfen. Manche hüpfen mit Schmetterlingen über eine Wiese. Manche schreihen noch immer. Manche sehen Dinge für die ich blind bin.

Manche haben keine Stimme. Manche quatschen den ganzen Tag- ohne etwas zu sagen.

Manche leben Gewalt. Manche retten dem Tode nahe Lebewesen.

Manche brauchen meine Flügel.

Manche sind meine Flügel.

Das

sind Innenkinder.

drei Nummern größer oder alte Kontakte neu erleben

Vor ein paar Tagen schrieb ich es in einer Email: “Das sind die Tücken von Krisen: Man kann daraus auch so groß wieder herauskommen, dass man ein neues Paar Schuhe braucht haha “

Wir haben im Zuge des “den hyperaktiven Kraken machens” Kontakt aufgenohmmen zu Menschen die uns früher ein Stück weit begleiteten auf verschiedene Arten.

Und wieder einmal habe ich in verschiedene Fenster blicken können. Es gibt Menschen mit denen wir damals viel Zeit verbrachten und die absolut erschüttert über unser jetziges Leben sind. Und es gibt Menschen, mit denen ich weniger eng oder intensiv oder bei denen wir weniger Nähe zulassen konnten, die uns nun in Gänze sehen- die jeden Schritt- jeden gewachsenen Zentimeter an uns zu schätzen und zu würdigen verstehen.

Was für eine Erfahrung!

Zum Einen fühle ich mich bzw die Innenkinder-Jugendliche darin bestätigt, dass anscheinend wirklich nicht jeder unsere Not und unser Elend wahrnahm- aber zusätzlich kommt auch mehr Verständnis dafür auf, warum nicht. Was es natürlich nicht besser macht- aber es wird greifbarer und erklärbar. Echter. Es gibt uns mehr in die Hand, um jenen Innenkindern und Jugendlichen eine Art Trost zu reichen, der ihnen vielleicht beim (Nach)Wachsen hilft.

Da war zum Beispiel eine Musiklehrerin. Jemand von uns hat bei ihr Klavier gespielt und eine kleine Insel im Alltag gehabt. Dieses Jemand hatte kein Wissen von unserem Doppel-Dreifach-Vierfach- multidimensionalen Pseudoleben. Ob dieses Jemand viel mehr gesehen hat, als die “Musikwelt” in der wir aktiv waren, ist bis heute unklar. Was hätte das Jemand also der Lehrerin vermitteln können? Gequetschte Finger, Brandblasen, entzündete Nägel, später dann Wunden in Handgelenknähe- das war alles Unvorsichtigkeit eines Mädchens das halt wild ist und die Klavierstunden als Ausgleich und Konzentrationstraining braucht. Die Eltern dankens ja.

Wir sind heute ein bisschen traurig. Und enttäuscht. Vielleicht gekränkt, nicht genug wahrgenohmmen worden zu sein. Aber mal wieder auch sehr verständnisvoll. (Mensch-ehrlich wir müssen uns das abgewöhnen- so kommt man nie dazu auch der Wut Raum zu geben.)

Ich habe mit der Lehrerin gesprochen. “Wie du arbeitest nicht? Du hast doch soviel Potenzial! Was ist aus deiner musikalischen Ausbildung geworden? Du bist so begabt! Ich habe gern deine Kompositionen gehört! Wofür hast du das aufgegeben? Was ist passiert?!”.

Einen (ganz flachen) Austausch (“Ich bin erkrankt und das hatte mich aus der Bahn geworfen”) später ist klar, warum auch dieser Mensch für uns nie Rettung hätte sein können. Es fehlt das Wissen darum, dass es eine Hölle auf Erden geben kann. Zu behütet, zu weit oben im System, zu sicher, zu gefestigt.  Wir hätten- selbst wenn besagtes Jemand ihr etwas vermitteln hätte können- enorm an ihrem Weltbild rütteln müssen und sie hätte es zulassen müssen.

Das ist etwas, das unter Umständen sehr viel (Gegen)Wert erfordert. Wir haben uns damals (und viele von uns tun das bis heute nicht) nicht für so wertvoll gehalten, dass ein Kämpfen “die Sache” (von der ja nie klar war, was sie a) eigentlich ist und b) was sie bedeutet bzw. was ein Leben in ihr bedeuten könnte!)  wert sei.

So nehmen wir heute die Begegnung mit dieser Lehrerin auf als Bestätigung dessen, was uns unsere ehm. Therapeutin auf ihre Art versuchte zu verdeutlichen: Damals war alles anders- wir waren anders und wir haben auf die Art überlebt, wie sie einzig möglich war. Etwas Anderes von sich zu erwarten (bzw. wütend über das eigene Handeln damals zu sein) oder auch von (manchen) Anderen (nicht den Tätern) zu erwarten, wäre nicht gerecht. Wir würden mit unseren Riesenschuhen von heute, die Babysteps von damals niedertreten und die verletzten Innenkinder und Jugendlichen in ihrer Not bestätigen.

 

Wir haben auch Kontakt aufgenohmmen mit Menschen deren Wertschätzung unserer Person schon damals bewusst war. Die uns schon früher mehr angenohmmen haben, als wir uns selbst. Die uns die Art bedingungsloser Zuwendung schenkten, die jeder Mensch bekommen sollte. Damals war es in unserem Kosmos vermutlich  noch die blanke Überforderung und vielleicht auch Angst.

“Du bist nicht jeder Mensch”,

“Du bist [… Entwertendes…]”

“Deine Bestimmung ist es […Platz für Pseudoreligiösität…] “

Alles das ist um so vieles mehr verankert und eingeprägt als jede Wertschätzung und Zuwendung, dass wir früher noch nicht viel mehr tun konnten, als entweder abzuwehren oder nach aussen anzunehmen, um es dann in einem Akt der stellvertretenden Zerstörung von uns zu weisen.

Nun habe ich Kontakt aufgenohmmen zu zwei Menschen, die nie aufgehört haben uns zu vermitteln, dass wir ihnen nicht egal sind. Dass wir für sie von Wert sind. Dass sie uns mögen so wie wir sind- mit Allen und Allem drin. Obwohl uns soviele Jahre trennen und wir uns eigentlich gar nicht mehr kennen.

Was für ein Geschenk!

Kann es eine bessere Begleitung beim Einlaufen der neuen (größeren) Schuhe geben?

Wohl kaum!

auf wundersame Weise oder: Psychopharmaka- wenn man schluckt was man fühlt- obwohl man gar nichts fühlt

Psychopharmaka

Sag dieses Wort zu mir und in meinem Kopf ploppen die Tabellen, Listen, Berechnungen und halbe Neurologiestudiengänge auf.

Wie bereits berichtet Klick setzten wir in einem Anfall von “Verdammte Hacke 10 Jahre künstliche Stimmung- ich schmeiß die jetzt alle weg”, alle unsere Medikamente ab.

Zu diesem Zeitpunkt schluckten wir etwas gegen Depressionen, tropften uns in den Schlaf mit Neuroleptika und betäubten aufkommende Panik mit chemischen Tranquillanzien. Trautes Trio für inzwischen fast jeden Menschen mit einer psychischen Erkrankung oder Traumafolgestörung.

Die Verordnungen von Medikamenten denen eines gemein ist- nämlich die symptomatische Beeinflussung von psychischen Erkrankungen bzw. Leiden, welches nach psychischer Erkrankung aussehen könnte (eventuell vielleicht…)- ist in den Jahren von 2000 bis 2009 wie folgt angestiegen:

Antidepressiva 419 Mio. DDD – 1058 Mio. DDD

Neuroleptika 219 Mio. DDD – 294 Mio. DDD

Tranquillantien 185 Mio. DDD – 133 Mio. DDD

(DDD=  defined daily dose Quelle: klick  )

Wer ausser mir hört noch dieses Klingeln?  Nein nein- keine Stimmen! Es ist ein lautes überdeutliches Klingeln! Und zwar in den Kassen der pharmazeutischen Unternehmen.  Naja- von irgendwoher muss ja die Rettung kommen. Jemand muss die Pille ja erfinden, produzieren und verkaufen. Ist doch nur gerecht, wenn jemand der dafür sorgt, dass es so vielen Menschen besser geht und dafür dann Geld erhält.

Ja. Richtig.

WENN es den Menschen dann wirklich besser geht! Befindet sich etwa flüssiges Glück in den kleinen Tablettchen, Tröpfchen und Pastillchen? Felix felicis! Ist Harry Potter mit seinem Zaubertrankbuch etwa bei Pfitzer und Eli Lilly angestellt?!

Nein, natürlich nicht. (Wir Unschizophrenen wissen das ja lol )

Warum nehmen dann soviele Menschen diese Mittel ein? Und wieso werden es immer mehr?

Für mich ist die Antwort inzwischen ziemlich klar:

Leidensdruck bei gleichzeitiger Alternativlosigkeit; chemische Gewalt durch Ärzte in der Psychiatrie und inzwischen auch in Altersheimen und: (gezielte) Desinformation zum Zwecke der Wirtschaftlichkeit von künstlicher Befindlichkeit. 

Ich erinnere mich als wäre es gestern an meinen ersten Besuch bei einer Psychiaterin. Wir gerade 15 Jahre alt, bereits zweimal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diagnose “Anpassungsstörung, Borderline Syndrom”, selbstverletzendes Verhalten

Nach einem Gespräch von insgesamt 10 Minuten ging ich mit einem Handzettel für meinen nächsten Termin (6 Monate später) und einem Rezept über Antidepressiva in der Hand hinaus. Mein Leidensdruck war riesig. (Wie riesig wusste ich aber damals noch nicht) Zu dem Zeitpunkt hatte ich bereits 6 Suizidversuche überlebt und hatte überhaupt keine Ahnung wieso ich das getan hatte (ICH hatte das ja auch nicht getan…).  Jeder Helfer aussen nahm eine Not war und konnte aber nicht so helfen wie er vielleicht gewollt hätte. Man brauchte eine schnelle effiziente, kurzfristig wirksame Lösung. Sonst hätte es ja beim 7ten Versuch klappen können und man hätte sich der Frage stellen müssen: Wieso wurde nichts unternohmmen?   (So gesehen kommt mir die tägliche Pille fast wie ein Entschuldigungsbonbon vor)

Also Antidepressiva. Aus meinem bereits existierendem “Mittelstimmungsfeld” wurde ein :

“MIttel”= es geht mir gut

“niedrig”= es geht mir nicht so gut

Ich habe mich immer neutral gefühlt vorher. ich war nie traurig- nie obermäßig happy. Ich fühle mich wie ich bin: neutral- alles ist da- alles okay- alles hat seine Seiten und ist eben wie es ist.

Unter diesem Mittel wurde ich: depressiv und latent suizidal. Meine Fähigkeit alle Seiten beleuchten zu können wurde einwattiert und unbrauchbar. Diese Empfindungen sind übrigens sogenannte “paradoxe Nebenwirkungen” wie sie insgesamt recht häufig auftreten (es handelt sich hier also nicht um ein besonders seltenes Phänomen- sondern um etwas, dass man billigend in Kauf nimmt)

Ich konnte das alles damals überhaupt nicht kommunizieren- deshalb sind Verordnungen dieser Mittel an unter 18 jährige Menschen auch eher in einer psychiatrischen Kliniken oder in einem allgemein streng überwachten Setting angesagt. Bei uns war das in der Form gar nicht möglich, weil dann ja schon unser Flipperkugelleben durch die verschiedenen Heime und Kliniken losging. Die Namen der Präparate änderten sich und irgendwann kam es bei uns ja auch zur – so scheints-  unvermeidlichen Diagnose der Schizophrenie (ehrlich- ich werde nie verstehen, wieso jede/r Multiple, den ich bisher (ob virtuell oder real)  traf mindestens einmal als psychotisch oder schizophren diagnostiziert wurde).

Nun kamen noch die Neuroleptika dazu. Ohne Diagnostik, Nennung einer Alternative, ohne Hinweise auf Nebenwirkungen und ohne Hilfe beim Umgang mit selbigen. Da waren wir gerade 16. Von 59 auf 78 Kilogramm in 2 Monaten- und niemand hat was dazu gesagt ausser: “Ja keine Sorge- das ist bei allen so die das Mittel bekommen.” Großartig. Ganz großartig.

Unser Gehirn war zu der Zeit im biologisch bedingtem Umbau. Es bildeten sich noch immer Verbindungen. Wenn man 16 ist dann schreiht der Körper: “Attacke- jippie yeah- auf zur vollständigen Reife!!!”   Ob und wenn ja was genau aus meinem Gehirn noch (mehr als jetzt) hätte werden können, wenn es nicht so tiefgreifend gestört worden wäre, mag ich mir gar nicht so genau ausmalen. Zum Glück ist die Forschung in dem Punkt auch noch nicht so weit, als dass ich anfangen könnte traurig darüber zu werden.

Fakt ist, dass bei unsin unserem speziellen Fall– diese Mittel im Grunde – zu genau diesen Zeitpunkten und unter diesen Umständen ein schlicht falsches Hilfsmittel waren. Uns wäre geholfen gewesen, wenn wir sicher gewesen wären. Angenohmmen, respektiert und nachsozialisiert. Uns hätte viel erspart werden können. Wir wären ein sehr viel billigerer Patient gewesen, wenn wir von vornherein schlicht und einfach einen richtig ordentlichen Traumatherapeuten vor die Nase gesetzt bekommen hätten, statt ein Rezept nach dem anderen.

Später kam die richtig fette PTBS. Natürlich dann als die Gewalt und der Stress von aussen nachliess und Selbstbestimmung wirklich und echt möglich wurde. Es gab Zeiten in denen Schlaf nur alle 3-4 Tage möglich war. Wochen und Monate an denen kaum ein Tag ohne Panik, Angst oder Flashbacks verging. Da bekamen wir dann den nächsten chemischen Freund- nennen wir ihn mal “BENZO”.

Benzo trat in unser Leben und es wurde schön. Schlafen ging mit Benzo, denken ging mit Benzo, leben ging mit Benzo. Angst ging weg mit Benzo. Angst vor Angst ging mit Benzo.

Jaaaa bis dann auf einmal ganz ganz viel Benzo in unserem Leben war. Soviel Benzo, dass man gar nicht mehr ohne konnte!

Der Entzug war kompliziert- aber es hat geklappt. Ein Erfolg den wir mit jeder selbst durchstandenen Krise zementieren müssen, um uns von unseren Fähigkeiten zu überzeugen.

Wir haben inzwischen viel gelernt um Angst vor der Angst, Panik der Innenkinder, Flashbacks, Bildererleben und Intrusionen selbst  und aus uns heraus zu versorgen. Ich schreibe hier ganz konkret nicht: “zu bewältigen” oder zu “überwinden”, weil es darum nicht geht. Angst ist wichtig, Flashbacks erfordern aufmerksames Analysieren und Wahrnehmen der Ursache, Innenkinder brauchen unglaublich viel Fürsorge… (überwinden und bewältigen können nur Medikamente- aber nicht das was das Problem ist- sondern den, der mit dem Problem zu kämpfen hat!)

Nun ist seit unserem eigenmächtigen Absetzen der Medikamente 1 Jahr vergangen.

Wie ich damals bereits beschrieb haben wir seit dem Absetzen des letzten Antidepressivums keine Krampfanfälle mehr gehabt. Inzwischen habe ich viel über das Mittel an sich, die Psychopharmaka allgemein und die Reaktion des Gehirns auf Psychopharmaka im Besonderen gelernt.

Es geht uns gut. Besser als vorher. Jetzt können wir nämlich völlig klaren Geistes wütend über die Nonchalance unserer früheren Ärzte sein. Ich bin wieder in der Lage ganz unwattiert alle Aspekte des Lebens und Miteinanders zu betrachten und Schlüsse zu ziehen.

Ich habe meine Mittelfeldstimmung wieder. Ich kann teilhaben, wenn ein Innens bei uns spontan in der Lage ist zu lachen oder zu weinen- was in den Jahren von 2001 bis 2011 nur sehr selten vorkam.

Ich möchte ermutigen.

Seid kritisch! Wenn euch ein Arzt ein Medikament nach 10 Minuten Konsultation verschreibt so ist das nicht in Ordnung! Ihr habt ein Recht umfassend und neutral über alle Nebenwirkungen und die Wirkungsweise informiert zu werden! Mit “lesen Sie den Beipackzettel” ist es nicht getan- denn den hat in der Regel nicht einmal der Arzt selbst wirklich gelesen. Wenn ihr auf der Suche nach unabhängigen Informationen zum Thema Psychopharmaka seid, so ist ein Gang über die Neurologie absolut empfehlenswert.

Auch das Buch von  Stefan Weimann “Erfolgsmythos Psychopharmaka” ist sein Geld absolut wert!

In diesem Artikel soll es nicht darum gehen Medikamente als unwirksam oder schlecht darzustellen. Es geht mir darum anhand meiner Fallgeschichte (eine mit der weder Ärzte noch Pharmakonzerne werben können) zu zeigen, welche Dimension die Einnahme von Psychopharmaka auch haben (können).

Wir habe von den Mitteln auch profitiert und etwas gewonnen. Aber eine viel größere Kraft hätten wir fast gar nicht entdeckt, wenn wir sie nicht abgesetzt hätten

Uns selbst.

Kopf—>Schreibtisch

Wir sind auf der Suche nach einem ambulanten Psychotherapeuten.

Hach was macht das einen Spaß! Und wie schlau ich mir jedes Mal aufs Neue vorkomme!

Obwohl mein Innenleben zum Zerreißen gespannt ist und, während ich mit dem Therapeuten spreche, eigentlich schon direkt nach 2 Minuten vermeldet, ob wir wieder gehen können oder nicht, kann ich es dann doch nicht lassen meiner Neugier (und ja: inzwischen auch irgendwie meiner Verachtung- die will ja auch gefüttert werden) Freiraum zu gewähren.

So sitzen wir dann also da in einem Erstgespräch.

Vor mir sitzt eine Psychotherapeutin die geschätzt vielleicht 20 Kilogramm wiegt. “Wissen Sie, also mit Traumatisierungen kenne ich mich schon aus- aber mein Schwerpunkt liegt auf Essstörungen”- Jupp- das ist unübersehbar meine Liebe- aber WIESO ZUM GEIER HABEN SIE UNS DANN HIER JETZT 40 MINUTEN QUATSCHEN LASSEN UND UNS DAS GEFÜHL GEGEBEN EIN KLAPSENROUTINIER ZU SEIN?!

Kopf—> Schreibtisch

Die Nächste bitte! (Echt- es fühlt sich an wie “Therapeut to go”: Morgens einen, Mittags einen, abends Einen… kostenlos auf Kranke Kassenkarte)

Letzte Woche saß uns ein vertrocknetes Röslein gegenüber. “Ja, was führt Sie denn zu mir?”

Ich (innen): “Klappe jetzt – ja ich weiß das es defintiv NICHT diese Eiche rustikal Inneneinrichtung ist, die uns her zieht”

Ich (aussen): “Ich leide unter einer Traumafolgestörung, die mich einschränkt und verhindert, dass ich ein lebenwertes, gutes Leben führen kann. Das möchte ich ändern.” (zigmal vorm Spiegel geübt- weils so derartig nach Buch klingt…)

Sie (innen): *Grillenzirpen?

Sie (aussen): Ja hm. Was ist ihnen denn passiert?

Ich (innen): “NEIIIIIIN!!!! Ich verrate nix-ich verrate nix- ich verrate nix- alles gut. Alles okay- alles in Ordnung. Wir haben 2012- ich bin groß. Alles tutti. Ich mach das schon… phu phu… äh ähm… kann mal bitte einer das Geplärre abstellen?!”

Ich (aussen): “Das möchte ich hier so direkt bitte nicht besprechen, weil das hier ja ein Erstgespräch ist und sich durch das Sprechen darüber die dissoziative Symptomatik bemerkbar machen könnte und das Gespräch nicht mehr für mich nachvollziehbar sein könnte.”

Sie (innen): *Fröschequaken???

Sie (aussen): Aber sie haben doch gesagt sie hätten eine Traumafolgestörung? Was hat das denn mit Dissoziation zu tun?!

Kopf —> Schreibtisch

Nunja.

Es gibt ja auch noch welche mit Köpfchen. Mit : “Kopf runter senken und durch die Wand- Köpfchen” Das ist immer fast ein bisschen traurig, weil es solche Leute sind, die eigentlich genug Bockigkeit für die Gutachterschreiberei und für die  “ für den Patienten Kämpferei” in sich haben. Aber neiiiin! Solche Leute werden irgendwie immer grundsätzlich Verhaltentherapeut oder Coach für Sinnkrisen.

Da saß mir mal eine Therapeutin gegenüber (Was ist eigentlich aus dem seitlich halb schräg –nebeneinander Konzept geworden?!- Echt ich bin inzwischen echt zum “gleich erstmal hier alles umrücken”-Trampel mutiert. Stuhl ist schon schlimm genug und provoziert eigentlich schon direkt zu Anfang nen Halb-weg-Schuß- aber dann auch noch direkt gegenüber von jemand der fremd ist… ba! Geht nicht!) <— oh guck mal! Ein Therapieerfolg!!!

Naja- jedenfalls diese Super-knall-peng-mit- dem- Kopf- durch-die- Wand- Frau saß mir gegenüber und erzählte mir die Urschleimgeschichte rund um die ambulante Psychotherapie. “Gut “, dachte ich: “Weniger Platz für die überlange History über unseren Psychowerdegang- dann kanns ja auch gleich weiter gehen mit ihrer Arbeitsweise und ihrem Tätigkeitsschwerpunkt und dann warum ich hier bin”… ja…. 48Minuten später: “Ja- beim nächsten Mal erzählen Sie dann etwas von sich ja?!”

Kopf —> Schreibtisch

Neiin?! Jemand der mich fragt ob ich schon ambulante Therapieerfahrung hab, darf sich die Antwort auch gerne anhören?! (Die da übrigens ganz klar lautete “Ja, ich weiß, wie das Prozedere ist.”) Was ist wenn sie irgendwann mal fragt: “Und wenn ich ihnen zu nahe trete, dann sagen sie Stopp- ja?” und genau gleich reagiert?  Sorry- wir brauchen unsere Energie nicht dafür auf, darauf zu achten, dass der Therapeut seine rhetorischen Fragen nicht mit den ernst gemeinten verwechselt- aber fest davon überzeugt ist, das Richtige zu tun und uns noch das Gefühl gibt schräge Ansprüche zu haben oder übermäßig unangepasst zu sein. (Haha die Punk-Rosenblätter!)

Nett sind auch die kleinen niedlichen Pflänzchen (wo wir grad bei Punkrosenblättern sind…)

Sag mir mal bitte einer wie ernst das zu nehmen ist, wenn es ein Therapeut schafft in einem Gespräch (- in dem es nicht um Schlimmes geht!!!) mehr als 3 “Oh je”s, 2 “Ach G’tt”s und 4 “hmmmm” s unterzubringen!

Kopf —> Schreibtisch

Hach und jetzt komme ich in Fahrt:

“Ich bin in der Hinsicht sehr kompetent. Also ich hab schon viele schwierige Fälle erfolgreich behandeln können.” Fälle?! …. Bin ich etwa der erste MENSCH den sie trifft?!

Kopf —> Schreibtisch

“Ich habe bereits ein bisschen Erfahrung mit DIS machen können, aber ich muss ihnen leider sagen, das waren keine Guten…” Ach NEIN! Meine Erfahrungen mit DIS wollen sie gar nicht haben!

Kopf —> Schreibtisch (bereits mit Delle in Kopfform)

“Es tut mir leid ihnen sagen zu müssen, dass ich keine Menschen mit DIS behandle- das ist mir zu gefährlich mit dem organisierten Verbrechen.” Oh- herzlichen Dank für diese direkte Projektion ihrer Vorurteile auf mich!

Kopf —> Schreibtischplatte durchgebrochen

Heute wurde ich allerdings etwas gefragt, was mich aus dem Tritt brachte. “Können sie bei den ganzen Vorerfahrungen denn überhaupt noch eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen?” (Sie meinte das jetzt zwar als Therapiegrundlage was mich schon wieder —> Kopf —> Schreibtisch .. aber naja)

Tja… keine Ahnung. Und überhaupt- was heißt hier vertrauensvolle Beziehung? Wir vertrauen nicht. Wir trauen –zu! Dem einen mehr- dem anderen weniger. Mir wird ja auch nicht vertraut- ich vertrau mir ja nicht mal selbst! Wir haben noch nicht viel Gelegenheit gehabt zum Vertrauen lernen. Immer wenns kurz davor war in den Bereich des Möglichen zu rücken, mussten die Therapeuten gehen-doof werden- in Ungnade fallen oder die kranke Kasse hat nicht mehr gezahlt.

Bis jetzt gibts auch nur eine Kandiatin in unserem Therapeutencasting von der ich sagen würde, dass sie menschlich super gut zu uns passen würde. Aber diese hockt vermutlich gerade bei sich zu hause und macht

“Bin ich kompetent genug?” Kopf —> Schreibtisch

Für den Fall dass sie das hier mal lesen: Ja sind sie!

Selbst-Werte

Das mit dem Selbstwert ist so eine Sache.

Ob man etwas wertvoll findet, liegt im Auge des Betrachters und selten kann man Augäpfel eröffnen und herausfriemeln was einmal drin war.

Bei der Recherche für diesen Artikel habe ich einige Webseiten von Coachpsychologen und Psychotherapeuten durchgeblättert, um einen Anfang zu finden. Interessanterweise scheint gerade das Thema der eigenen Werte und des Selbst-Wertes eines zu sein, das viele Selbstfragebögen und Auswertungen erfordert.

Und klar- ich konnte es natürlich nicht lassen und hab schlicht einen gemacht.

Das Ergebnis: Ich halte mich für wertvoll (oder naja- zumindest reflektiert) genug, um mir das Ergebnis nicht anzugucken.

Weshalb ich das Thema aber eigentlich gewählt hatte war der lange Artikel “Security!…”.

Selbstwertgefühl, selbst-wert-er-leben spielen meiner Meinung nach ganz erheblich in den Selbstschutz mit hinein. Wer sich selbst furchtbar findet und es immer wieder gesagt bekommt (von innen oder schlimmer noch: von aussen), der wird sich nie als so wertvoll sehen, dass er es schafft sich nachhaltig gut um sich zu kümmern.

Nun ist das aber so mit den Werten- die bilden sich nicht von allein.Schon gar nicht neu und ersetzend. Man braucht ein Gegenüber zur Reflektion und Verbindung. Einen jemand der etwas als wertvoll vorlebt. Dinge als wertvoll darstellt. Jemand der im günstigsten Fall wertschätzend (und nicht nur wertend in verschiedene Richtungen) mit einem umgeht.

Wie einfach Werte vermittelt werden können sehen wir sehr schön dargestellt im Propagandafernsehen. Es reicht eine geistige Verbindung und Zack! tröpfeln sie von A nach B.

Bei uns ist diese Kiste mit den Werten wie das Schachspiel von Star Trek:

StarTrekSchach

nur was für echte Freaks und Menschen, die den Nerv dazu haben (naja- und die die das halt in sich tragen und entsprechend leider nicht soviel Entscheidungsfreiheit haben…)

Im Inneren gibt es verschiedene Werte und sie alle wollen vereint werden in unserem Leben. Und hier ist ein großer Bereich in dem nicht die Trennung von “früher” und “heute” vorrangig erscheint. Ich habe den Eindruck, dass ein “sich bewusst machen” schon zu einer tiefen Verunsicherung führt (aber hilft). In der Zeit als wir Ebene für Ebene abgedeckt haben bzw. mal ganz flüchtig kurz und auch jaaaa nicht genauer unter das Tuch gelinst haben, kam es teils zu Schockerlebnissen, teils aber auch zu einer Verwunderung und Freude, ob der Großartigkeit dessen was da alles bewahrt wurde.

Es ist schon verwirrend wenn die zarten Bande untereinander zu festen Steingebilden werden und sich heraus stellt, dass sowohl absolute Verachtung als auch totale Idealisierung ein und der selben Sache betreffend ganz gut nebeneinander stehen können. Es ist schräg und natürlich immer wieder Konfliktstoff- aber es geht! Wirklich!

Schwieriger ist es für uns die inneren Werte mit denen der Mehrheitsgesellschaft in Einklang zu bringen. Ich stelle immer wieder an uns fest, dass es einen Teil gibt der einfach fehlt. Oder besser gesagt, dass es einen Konstruktionsfehler gibt den man nicht durch ein paar Dübel links und rechts beheben kann. Wir sind so abgeschlossen aufgewachsen, dass Äusseres schnell als überfordernd (weil nicht in Gänze fassbar) erscheint. In den ersten Jahren… Himmel! Small Talk, Popkultur, Fernsehen, diese schräge Marken und Konsumwelt… Wir waren sowas wie ein Waldkind: völlig geblendet von Werten und Wichtigkeiten die uns sowohl fremd als auch komplett fern lagen (und nachwievor liegen- diese antikapitalistische Macke kommt nicht von ungefähr haha )

Über seine Werte definiert man in der Regel auch Teile seines Selbstes. Wir sind uns gegenüber noch oft so, wie wir es von klein auf angenohmmen (vorgelebt bekommen)  haben und wie sich eben Innens in Folge der Sozialisierung selbst entwickelten. (Deshalb finde ich es immer bescheuert, wenn jemand mir ein “niedriges Selbstwertgefühl” bescheinigen will. Ich bin nichts wert und weiß das auch. Das ist ein Fakt- kein Gefühl. Das kann mit einem Test oder hochpsychologisch wertvollem Fragebogen nicht erfasst werden- innere Wahrheit versus rein- bzw. draufgekipptes Äusseres… )

Was uns aus dieser (Ab)Wertigkeit hilft ist Bewusstsein. Bewusstwerden. Bewusst-gemacht-bekommen. Sprich: Therapie und Leben mit viel geistiger Verbindung und positive Leitung.

Wir haben lange gedacht, dass wir vielleicht irgendwie abartig sind oder so, weil wir zeitweise total gerne mit unserer Therapeutin zusammen waren. Aber inzwischen wissen wir, dass wir, gerade in den ersten Jahren so mit 15-16-17-18 gerade von den tollen Frauen die uns da begleitet haben soviel aufgesaugt haben, was man anders als mit schlichter Gemeinsamkeit gar nicht hätte einbringen können.

Wir hatten mal eine Therapeutin die mit uns zwei Mal durchs halbe Land gefahren ist. Mit dem Zug. Ich weiß gar nicht wie lange wir da unterwegs waren. 6-7 Stunden jeweils? Jedenfalls würd ich heute die Hände überm Kopf zusammenschlagen (“Argh! Es heißt DAS Therapeut! Die wohnen in ihrer Praxis/Klinik und stellen sich um 17.30 Uhr ab, um sich um 8.00Uhr wieder anzuschalten!”), aber damals war es eine super wichtige Erfahrung für ganz viele Impulse zu schauen wie normale Interaktion geht; wie unwichtig der eigene Wert (und für uns ja der vermeintlich “höhere Wert”) sein kann- und wie okay selbiges sein kann!

Man darf (obwohl man ein wertloses Stück Scheiße ist) eine Fahrkarte kaufen, Menschen fragen wo welches Gleis ist, einen Sitzplatz für sich beanspruchen etc etc etc Man darf sogar im Kino sein und laut lachen wenn was witzig ist! (Boooooaaa DIE traut sich ja was O.O … “Darf ich das auch?” –”Ja klar!” )

[Um so abartiger erscheinen mir gerade beim Lesen diese Eingrenzungen von Gewährung von therapeutischer Hilfe unter unmöglichen Vorgaben und die Finanzierungsunmöglichkeiten- wie sehr würden wir zum Beispiel jetzt gerade davon profitieren, wenn uns eine Helferin direkt beim Essen und in der Zeit danach die Hand halten würde? Wie viel leichter würde es uns fallen uns immer wieder unserer Daseinsberechtigung zu versichern, wenn wir jederzeit bzw. jeder-notwendigs-zeit jemanden fragen könnten?

Für uns ist Therapie auch sehr viel Nachsozialisierung- dafür gibts aber keinen Passus in Gesetzgebung oder so… Soviel dann auch zur individuellen Beurteilung der Patienten…]

Unsere Freundin ist nachwievor unser großer Gradmesser  im Aussen und –dem Himmel sei Dank!- unglaublich verständnislos gegenüber unserer gelebten und  (inneren) gegenseitigen Abwertung. Es reicht leider nachwievor nicht um wirklich alle Bereiche mal in einer Perspektive zu sehen und zu probieren, ob noch mehr Dinge “gehen”, obwohl man total wertlos ist (Zum Beispiel das große Ding mit dem “Glauben, dass man als Mensch grundsätzlich nicht wertlos sein kann”- irgendwie gilt das emotional immernoch nur für andere- niemals und unter keinen Umständen für uns. Oder das Ding rund ums Gemocht werden… oder das Ding ums große “Dürfen” … oy vey! still much to learn! )

Ich bin übrigens froh darum, dass wir Menschen überhaupt in der Lage sind uns Werte zu bilden. Es ist eine spannende Sache und bietet viel Möglicheit sich zu positionieren. Im besten Falle dort, wo es am angenehmsten für einen selbst ist.

Dort wo man es wert sein darf zu sein.

Übrigens…

Nach über 10 Jahren in denen wir betreut wurden, sind wir nun bereits 5 Tage ganz frei!

Kein gesetzlich aufgezwungener Kontakt in die Vergangenheit mehr!

Offiziell sind wir jetzt autonom.

 

Cool, hm?

(Ähm und ja: es ist auch beängstigend und auch in keinster Weise so frei-fühlig wie gehofft. Aber es ist so wie es ist- egal wie es sich anfühlt.)