Tag 11

NakNak* weckt mich um 5 nach 4 auf dem unheimlichsten aller Campingplätze bisher.

Aus ihrem Körper rinnt Eiter, die Augen sind glasig. Sie säuft ihre Schüssel dreimal leer und legt sich zitternd zurück ins Zelt. 

Wir packen. Stopfen. Schmeißen alles durcheinander in die Taschen und Körbe, die wir haben. Wickeln den Hund in den Schlafsack und torkeln zwischen heulen vor Muskel-Erschöpfung-Angstschmerz und kämpfen gegen den Widerstand des vollbeladenen Rades.

Aus der 17km-Strecke wird eine mindestens 23 Kilometerstrecke, weil wir uns verfahren. Es ist 10, als wir bei einem Tierarzt ankommen. 

Es ist 10 Uhr und wir haben uns von NakNak* schon verabschiedet. Eine Notoperation ist der Todesstoß für unseren Hund. Das haben wir klar, seit wir sie haben. 

Dem Tierarzt ist das egal. Ihm ist egal, dass wir nicht zahlen können, dass wir vor ihm zerfallen, heulen, krampfen, nicht mehr wissen, wo sprechen aufhört und denken anfängt. 

Unsere Menschen klingen hohl für uns. Nerven. Tun weh. Und sind so sehr gebraucht. Vielleicht zu sehr. Wir fühlen uns fern und denken, vielleicht waren wir nie nah. 

Wir lassen NakNak* operieren. Weil wir keine Kraft dafür haben auszuhalten, dass man uns für unsere Einschläferungsentscheidung verachtet. Weil wir diesen „Was bist du nur für ein egoistischer Mensch“- Blick nicht aushalten. Obwohl wir wissen,  wie leicht es sich so gucken lässt, wenn man denkt, ein lebender Hund sei besser, als ein Mensch, der sein eigenes Überleben nicht mehr finanzieren kann.

Wir fangen jetzt an zu bitten. Und ja – auch zu betteln: 

Bitte gebt etwas in unseren Sammelpool (unter „Geburtstag haben“). Wir brauchen genau jetzt Geld.

Kein Mitleid, kein Flausch. Keine Hochachtung, keine Bewunderung. Kein Mitgefühl, keine Tipps für Ratenzahlungen oder hätte würde wenn.

Wir brauchen Geld und eure Hilfe bei der Verbreitung des Links, ohne Verpflichtungen oder Bedingungen hinten dran.

Unsere Radtour endet heute.

Tag 9

Das erste Gewitter erleben wir in Meppen. Wo wir für eine Gurke, eine Paprika und einen Eisbergsalat 5,20€ bezahlen und denken, das wäre ein okayer Tausch mit dem eigentlich geplanten Cafebesuch über Mittag.

Mit der Gurke in der rechten und einem Pulverkaffee aus dem eigenen Vorrat in der linken Hand, sitzen wir dann am Kanal unter einer Kastanie, während der Regen auf unseren Regenponcho und den Anhänger mit der schlafenden NakNak* drin, pladdert.

„Wie lange habe ich nicht mehr innegehalten, wenn es regnete?“, denke ich, als sich das Pladdern in ein Strömen wandelt. 

„Lange.“, denkt ein Innen zurück und rollt sich in meinen Schneidersitz. 

Wir bleiben sitzen und schauen kleinen Möwen mit dunklem Kopf zu, bis sich in unserer Fahrtrichtung die Wolkendecke aufhellt.

Tag 8

Am Morgen verpassen wir den ersten Anruf vom BaFög-Amt und bröseln wieder einmal unter den Strukturen auseinander.

Die Eltern haben das Sorgerecht für uns. Schlimm genug. Jetzt beginnt wieder einmal ein Zuständigkeitstammtamm mit Betteln um die Einzelfallentscheidung, die uns schützt. Auf unsere Kosten. Natürlich. Denn wir wollen ja was. 

Wir deligieren. Lassen unsere Not in Twitternachrichten rinnen. Trinken eine letzte Tasse Kaffee und machen uns auf den Weg von Nordhorn nach Lingen bis zum Speicherbecken Geeste.

Es ist bewölkt, kühlwarm und windig. Wir schlagen unser Zelt neben einem Kinder- JugendZeltlager auf.

Erinnern uns an die Mittelohrentzündung. Damals im Zeltlager. Mit den Falken, dem Geschwist und den Gefühlen des Glücks um Stille, Alleinsein und das Lexikon bei 39°C Fieber. Es war das einzige Zeltlager in dem wir so ein Glück empfanden.

Tag 7

Es sich leicht machen. Annehmen, was kommt. Wann welche Gesten zu Hilfe werden und wie leicht das geht, wenn man weiß, dass man nicht bleibt.

Es gibt soviel Raum, dass die Zweifel, die Not, die Angst daran zur Seite geschoben werden können. „Jetzt sind wir hier und für jetzt ist es ok – wenn wir wieder da sind, kannst du mich bestrafen.“, denke ich.

Dachte ich an Tag 5, an Tag 6, an Tag 7. Nachdem ein Herzmensch kam und Laura, das neue alte Fahrrad für uns kaufte. Mit uns sprach, aß, lachte und miteinander war. Nachdem ein Fremder uns half, als Laura einen platten Hinterreifen hatte und sich die Nacht am Tagesrest entlang heranschlich. Nachdem dieser Fremde am nächsten Morgen noch einmal vorbei kam und uns mit allem Zeug zurück in die nächste größere Stadt mitnahm. Nachdem der junge Mechaniker unser Rad noch reparierte, obwohl die Werkststt schon fast zu war. Nachdem der Herzmensch via Internet lokale Hilfe suchte, fand und vermittelte. Nachdem der Begleitermensch sein Ohr öffnete, damit wir unsere Sorgen, Zweifel und Kummer hineinschütten konnten, und dann erleichtert und von seinem Zuspruch getragen, in die Begegnung mit einer neuen Person zu gehen, die uns Bett, Dusche, Zeit und Raum für uns anbot.

Wir haben Niedersachsen erreicht und das Moment, in dem wir verstehen, dass Hilfe anzunehmen nicht bedeutet keinen eigenen Anteil mehr an der Lösung eines Problems zu haben. An dem ich die Idee habe, ich könnte wirklich stolz und anerkennend unserem Wirken gegenüber sein, weil es tatsächlich sehr anstrengend, kraftzehrend, schwer war durch diese Tage zu kommen, ohne die gewohnten Möglichkeiten des Umgangs zu haben.

An Tag 7 beobachte ich frisch geschlüpfte Hühnerküken, Rinder, die mit Wasser spielen, NakNak*, die ihren ersten Haarschnitt bekommt und uns. Wie wir atmen. Wie wir sind. 

Einfach so. Ganz leicht und angenommen.

Tag 4

Am vierten Tag ist Pitti gestorben.

Wahrscheinlich hätten wir schon an Tag 1, 2 und 3 – vielleicht sogar noch am Morgen des Tages 4 – gemerkt, dass der Tritt schwergängiger war, wäre nicht insgesamt alles schwergängiger, als sonst.

Wir gingen auf einen Hof, fragten nach Strom und Zeltstellplatz, durften bleiben und erlebten, neben einem dieser herzerwärmenden Twitterwunder, wie verbunden wir noch immer sind.

Mit unseren Menschen. Gemögten. Herzmenschen. 

Wie sie da sind, obwohl sie nicht da sind. 

Es gibt uns Kraft auf jemanden und dessen Hilfe zu warten. 

Wir haben seit vielen Jahren nicht mehr auf irgendjemandes Hilfe gewartet. Auf Hilfe wartet man in unserem Leben nicht. Man hilft und hilft sich selbst.Und wenn man das nicht mehr kann, dann wartet man bis man den Tod stirbt, der ein anderes Innen gebiert.

Die Person in Not auf diesem Hof, wartet auf Gott. 

Weil sie niemanden hat.

Tag 3

Es ist der dritte Tag und meine Finger schmecken salzig. 

Erst jetzt fällt mir auf, wie oft ich mir eine Finger- oder Daumenspitze in den Mund stecke. Wie oft ich draufbeiße. Wie oft ich mich mich beiße, wenn ich darüber nachdenke, ob ich jemanden anspreche. 

Hier, unterwegs auf unserer Reise lohnt es sich mehr, Menschen anzusprechen. Wir bekamen Trinkwasser aufgefüllt und Wege gezeigt. 

Wir durften die Kuh streicheln, von der ein klitzebisschen Milch mit in dem Liter ist, den wir im Hofladen gekauft haben. Wir haben den Schlafplatz für unsere dritte Nacht in Carolas Bauch gezeigt bekommen. 

Auch hier hört man eine Autobahn als Hintergrundrauschen, wie schon in der ersten Nacht. Inzwischen fragen wir uns, wie geschützt die Natur wohl ist, wenn der Umgebungslärm so durchgehend ist. 

Wie schützt sich die Natur in diesem Gebiet?

Morgen erreichen wir Greven. Etwa 85 Kilometer haben wir schon geschafft. Die Hälfte davon heute. 

mein Kram–dein Kram

Andere Menschen haben Sozialleben. Andere Menschen haben Termine. Andere Menschen haben ihren Kram, in dem wir hineinpassen müssen.
Wir haben nie Kram. Wir haben Ansprüche und Forderungen und davon viele. Meistens überzogene oder falsche.

Und dann haben wir zunehmend und absehbar selbst auch noch Kram, in den andere Menschen hineinpassen sollen und wollen. Und, dass das so ist, wurde nun auch der Therapeutin klar. Wird auch so langsam anderen Menschen klar, die mit uns arbeiten wollen und uns immer wieder absagen, vertrösten unsere Ablaufpläne verschieben, was ihnen sehr leid tut, aber klar total verständlich ist, denn unser Kram ist anderer Kram, als der anderer Leute.

Leute, die arbeiten. Leute, die analoges Sozialleben haben. Leute, die in unsichtbare unbewortbare Kontexte eingebunden sind, die wir unbesehen als so unveränderbar anzunehmen haben, wie es von uns verlangt wird, damit wir ihnen weiter in den Kram passen dürfen.

Die Erkenntnis ein Verwaltungsobjekt zu sein ist eine schmerzliche.
Wir werden in Terminkalender notiert und wieder daraus herausgestrichen, wenn es nicht mehr passt – egal, warum wir dort drin standen. Um unser Leben geht es in irgendwelchen Leistungsanträgen, die genauso wahrscheinlich abgelehnt, wie bewilligt werden können. Einfach, weil das geht.

Mir ist wichtig an der Stelle zu sagen, dass uns das nicht kränkt oder wir das Gefühl haben weniger wert zu sein oder abgewertet zu werden.
Es ängstigt uns einfach nur zu Tode und, dass dieser Umstand weder mitbedacht noch berücksichtigt wird, ist, was ich schwierig empfinde.

Und worüber ich mich zunehmend ärgere. Denn unsere kleine soziale Welt scheint zu glauben, dass wir durch den Wind sind, weil sich mit der Ausbildung alles verändert und wir Angst vor irgendeiner diffusen Veränderung haben.
Ja klar, beunruhigt uns die Größe der Veränderung. Ja klar, haben wir Angst zu versagen. Ja klar, haben wir bewusst, dass es sich um einen neuen Lebensabschnitt handelt. Viel schlimmer ist jedoch, dass wir nicht wissen, wie allein und wie belastet wir in dieser Zeit sein werden und welche Kompensationsmöglichkeiten es für uns geben wird, denn wir wissen noch nicht, wie gut wir unseren Leuten dann noch in den Kram passen.

Werden wir weiter einmal in der Woche an unserem gewohnten Platz mit unserer Therapeutin arbeiten können?
Werden wir es irgendwann überhaupt mal je schaffen, mehr als das seltsam verbindlich-unverbindliche Ding mit dem Begleitermenschen zu haben?
Werden wir noch die Kraft haben, 4 bis 5 Mal in der Woche mit Renée zu telefonieren?
Werden wir noch die Nerven für unsere Unterstützer_innen haben?

Werden wir noch die Kraft haben, so lieb zu euch allen zu sein, damit ihr euch die Zeit, Kraft und den Raum freinehmt, um euch unserem Kram unseren Forderungen und Ansprüchen zu widmen?

Ich merke häufig, wie das, was wir als unsere Dinge formulieren mit angenommenen Emotionen aufgeladen wird, wenn das Thema aufkommt.
Wie dann aus solchen Fragen, wie den oben formulierten, ein “Ausdruck innerer kindlicher Not oder Verunsicherung” wird. Oder sowas wie: “sie fühlt sich zu wenig beachtet.” oder schlicht: “Ja, sie muss ja jetzt auch noch irgendwas wollen, weil unser Miteinander sonst auch keine Grundlage hätte”.
Manchmal spielt ein Gefühl nicht mit etwas gesehen zu sein, auch tatsächlich da hinein – am Ende geht es mir bzw. uns bei diesen Fragen aber nicht um ein Gefühl, sondern um Realitäten, die wir verzweifelt einzuschätzen versuchen, aber daran scheitern, weil uns alle flauschen, statt irgendwie für Klarheit zu sorgen.

Was nutzt mir denn ein Tröste-“Das-wird-schon-alles-werden” mit Händchenhalten von der Therapeutin jetzt, wenn ich damit rechnen muss, dass ich in zwei Monaten von ihr höre: “Ja also – das passt jetzt alles irgendwie nicht mehr. Hm – aber Sie sind ja eine starke Frau – Sie kommen schon klar.”.

Ich kann auch überhaupt nicht einschätzen, ob und wie und wofür genau wir den Begleitermenschen dann noch treffen. Vielleicht um uns nicht aufzugeben nur, weil grad unsere Therapie zu Ende gegangen ist, weil wir ja so dringend „großes Mädchen, das eine Berufsausbildung anfängt“, spielen mussten.

Wir haben so wenig Erfahrungen mit  dem selbstbestimmten Leben allgemein und längeren sozialen Kontakten, die nicht für die Zeit mit uns bezahlt werden, dass wir nicht wissen, wie oft man sich treffen oder hören muss, damit der Kontakt okay ist. Wir wissen nicht, wie wir unsere Kraft fürs Telefonieren mit Renée freimachen müssen. Nicht als Pflicht, sondern als schlichte regelmäßige Pflege.

Bis heute haben wir nicht so recht verstanden, warum Menschen überhaupt den Wunsch haben uns in dem Blog und unserem Arbeiten zu unterstützen, aber sie tuns und wir freuen uns darüber und versuchen immer weiter, immer mehr zu machen, damit niemand das Gefühl hat, es wäre alles umsonst gewesen, wir hätten das nicht gut genutzt oder nur Quatsch mit dem Geld, der Zeit, den Hilfen angestellt. Aber was ist, wenn klar wird, dass es nie um ein Extra ging? Was, wenn allen wirklich endlich klar wird, dass sie uns auf “Normalnull” geholfen haben und da gar nichts weiter hintersteht, als eine Person, die wirklich so ist und denkt, wie sie das von sich sagt? Was, wenn auch nur eine_r von euch uns jemals trifft und wir sind gerade zu gestresst, zu vereinnahmt von uns und unserem Kram unseren Ansprüchen und Forderungen, um auf eine Not, ein Gefühl, einen Wunsch, einen Bedarf nicht angemessen zu reagieren? Was wird, wenn uns niemand mehr unter_stützt?

Das sind Dinge, die wir uns fragen und auf die wir keine Antwort finden, die uns Handlungsabläufe bereitstellt, außer dem, einfach zu sagen, dass diese Fragestellungen da sind. Nicht, weil wir uns ängstlich zitternd Sorgen machen. Nicht, weil wir Sozialflausch wollen und grad dringend haben müssen. Sondern, weil wir nicht wissen, was wir machen sollen und jede Person, der wir das sagen mit einem Haufen Sozialflausch ankommt. Das hat wirklich was von Betäubung und Dämpfung – und wir kommen nicht dahinter, ob unser Umfeld das vielleicht einfach braucht – vielleicht braucht man uns gerade ganz unbesorgt und mit allem einfach mal leiser und weggedämpft, weil wir unbemerkt schon wieder irgendwas in den Menschen anticken, was sie selbst beunruhigt – oder, ob wir grad zu unfähig sind, irgendwelche für alle anderen Menschen total klaren und deshalb nicht beworteten Abläufe zu sehen und umzusetzen.

Ich weiß, dass das jetzt hier genau eines dieser krassen und allein für uns wirklich schrecklichen Missverständnisse ist.
Und ich weiß, wie oft in unserem Leben genau sowas zu schlimmen Entwicklungen für uns geführt hat, gerade weil niemand kapiert hat, worum es uns ging. So eine Todesangst kommt nicht einfach aus dem Nichts und sie ist auch nicht einfach so triggerbar. Aber sie ist ausblendbar, wenn man nicht mitbedenkt oder vielleicht auch nie darüber nachgedacht hat, wie das eigentlich genau jeweils für uns war und ist, an bestimmten Punkten einfach ganz grundlegend anders als viele andere Menschen in der gleichen Situation, abhängig davon zu sein, richtig verstanden zu werden, um nicht retraumatisiert zu werden.

Diese ganzen unsichtbaren Gewalterfahrungen, die nie mit blauen Flecken einher gingen, sind irre schnell aus dem Fokus. Gerade im Helfersystem geht das unheimlich fix. Aus Gründen, die aufzuschreiben schon wieder einen Roman entstehen lassen würde.

Ich denke im Moment oft: “Tut uns das bitte nicht an. Bitte diesmal nicht – diesmal bitte nur einen Lebensbereich im Ablauf verändern und nicht gleich wieder alles.” und denke, dass es gut ist, das ganz bewusst zu bemerken. Weil mir immer sicherer bewusst wird, dass wir wahrscheinlich nur deshalb so viele Alltagssysteme haben, weil genau diese Lebensabschnittsveränderungen bei uns immer wieder ganz global gewirkt haben.

Jedes Mal, wenn wir jemandem oder etwas nicht mehr in den Kram passen, werden wir special, sonder, extra nach außen und auf eine Art unpassend, die bedeutet, dass wir allein und damit hilflos, ungestützt/ungehalten/fassungslos zurückbleiben.
Nicht immer ist das schlecht – um zu gucken, ob man alleine Fahrrad fahren kann, muss man die Stützräder irgendwann auch mal abnehmen.
Aber im Moment haben wir dafür keine Kapazität und keine Bereitschaft. Und vielleicht auch nicht den Lebenswillen, der sowas mit inkludiert. Vielleicht müssten wir den haben. Vielleicht sollten wir den haben, wenn wir denn so wahnsinnig erwachsen und fähig sein wollen. Aber ich merke, dass das eine dieser Grenzen ist, die etwas brechen und spalten würden, würden wir darüber gehen. Erneut.

Um die Metapher zu nutzen: Ich merke zunehmend, wie oft wir uns auf die Fresse packen, merke, wie anders unser Fahrrad funktioniert und wie anders wir lernen überhaupt darauf zu fahren, wenn wir allein in unserem Alltag sind – wir sind noch nicht soweit unsere Stützräder abzunehmen. Wir sind noch nicht mal soweit darüber nachzudenken, wie das wäre, ohne welche zu fahren. Wir sind noch damit beschäftigt, drauf klar zu kommen, dass wir uns so oft auf die Fresse packen, OBWOHL welche dran sind und, dass das offenbar von außen nicht wahrnehmbar ist.
Die Stützräder abzunehmen, würde uns im Prozess unterbrechen und den Fokus verschieben. Es würde ein anderes Funktionieren erfordern, um zu überleben.
Und was macht ein DIS-Gehirn vor solchen Anforderungen?
Eben.

Ich weiß noch nicht, wie wir das lösen, im Innen sortieren und wie gut wir es schaffen, uns von diesem Angstfeld zu distanzieren in den nächsten 3~ 4 Wochen, während wir unterwegs sind. Aber immer mehr denke ich, dass es gut ist, dann jetzt auch endlich bald aufzubrechen.
Montagmorgen.
Weil wir Sonntag nicht wollen und uns für Samstag wegen des Pitti-Drama’s zu spät um eine Radfahrkarte in der Bahn gekümmert haben.

Naja.
[very professional Geräusch]

Fundstücke #29

Am Ende des Dienstags lag mir die Gesamtsituation in kleinen Scherbenhäufchen zu Füßen.

Hier der Umstand in einer allgemeinen Dauerüberforderung, da der Komplex “behindert sein – behindert werden”, dort Erinnerungsstürme, die, in bunte Gläser gefüllt, meine Idee von dem Kinderleben, das wir ich die eine große Kleine von uns, vermutlich gehabt haben könnte, ergänzen und da all das, wohinein wir uns bewegen wollen.

Am Montagabend verkeilte sich das Hinterrad von Pitti im Rahmen, als wir einen Berg hinab rollten. Die Pedale klacken in jeder Drehung.
Seit Wochen und Monaten schraube ich an diesem Fahrrad herum und tausche wilde Pfandflaschen gegen Ersatzteile. Ich war, nein, bin so frustriert, dass es kein Ende nimmt. Am Dienstag bin ich also erneut in die Werkstatt und befestigte das Hinterrad. Das Klacken in den Pedalen, käme sicher von den Gängen, sagt der Typ in der Werkstatt.
Bis Mittwoch hatte ich drei Bücher und ein Wiki über Fahrradreparaturen gelesen und war mir sicher, dass es das Tretlager ist. Bin mir sicher, dass es das ist.
Ein Teil, das hochbeansprucht und bei einem so gebrauchten Rad wie Pitti ganz normal nach einem halben – dreiviertel Jahr hin ist. So ging ich dann heute in die Werkstatt.
Und dann scheitert die Nummer daran, dass der Typ nicht glaubt, dass es das ist.

Und ich? Wurde das Mädel für das er mich zu halten scheint und sah zu, dass ich das Hinterrad (das sich auf dem Weg zur Werkstatt erneut im Rahmen verkeilt hatte) erneut und diesmal mit aller Macht festschraube, um wieder zu verschwinden.

Ich bin meine Inkonsistenz so leid. Meine nicht kontinuierlich abrufbare Kraft, die sich in Dinge verpulvert, die nichts mit den Dingen zu tun hat, die ich machen will oder soll oder muss, sondern mit den Menschen darum herum, diesem scheiß Krach, den ganzen Bedeutungen und Symboliken, die sie alle überall und immer machen, diesen Erklärungen, die immer und überall nötig sind, all dem – ich bin es so leid.
Ich will weg_laufen. Will nicht mehr da sein.
Nicht jetzt. Nicht mehr. Nicht so. Weil darum. Und nicht, weil X und Y und Z. Einfach so. Nicht, weil ich alles schlimm finde. Nicht, weil mich alle nerven. Nicht, weil ich so furchtbar leide, weil ich so eine verkrachte Existenz bin. Es ist einfach nur viel. Viel zu viel. Auf einmal, auf zweimal, auf dreimal viel zu viel von allem.

Nicht von dir. Nicht von dir und nein auch nicht von dir. Ihr seid alle toll und ich bin froh, wenn ich euch merke. Wenn ihr da seid, wo ich euch vermute, wenn ihr bleibt, weil ihr nicht gehen wollt.

Ich will nur nicht bleiben, wo ich bin.
Ich brauche eine Veränderung. Eine radikale Veränderung. Radikaler als eine Glatze oder eine umgestellte Wohnung. Krasser als ein Beziehungsende und konstruktiver als eine depressive Episode. Die Radtour soll sie machen. Ganz begrenzt im Außen und ganz offen nach innen.
Natürlich fahren wir trotz dem Pitti jetzt diesen Schaden hat. Ich habe eine professionelle Werkstatt angerufen und hoffe einfach, dass Amanda und Willi, die beiden an Killefitschäden verstorbenen Schrotträder verrechenbar sind mit der Rechnung. Wenn es wirklich das Tretlager ist, kriegen wir das hin.

Es ist nur der Plan, der kaputt geht und das Stück Welt_Raum_Zeit, das damit für mich zu einem unheimlich kräftezehrendem Loch wird, weil es unsere Pläne sind, die uns sagen, was wann wie wo mit wem und weshalb eigentlich. Es geht um Sinnerfüllung. Darum, nicht den Kopf, die Kontrolle, den Willen zum Leben zu verlieren. Etwas zu haben, was, wenn es schon nicht Kraft und Kontrolle ergibt, so doch wenigstens Sinn.

Es ergibt so wenig von dem Sinn, was mir begegnet. So viele Dinge, die ich mich frage, kann ich mir beantworten ~ lassen, doch die Antwort findet keine Richtigkeit im Lauf der Dinge. Alles ist wie es ist, aber nicht immer so, wie man sich das vorstellt, in der Praxis anders als in der Theorie und überhaupt, muss man ja auch nicht alles immer so nehmen, wie es irgendwo steht.
“Ja, was denn nun?”, denke ich und drehe und wende mich, meine Sicht, meine Ideen und merke, wie diese Drehung zum Kreisen wird bis ich den Anschluss verliere und erstarre.

Wie Dienstagnachmittag, als wir mit dem Begleitermenschen und der gesetzlichen Betreuung über Hilfen und ihre Anträge sprachen.
Ich bin erstarrt und zu etwas verdampft, das 15 ist und Tränen, Fuchteln und falsche Entscheidungen auf ihrem Weg nach Außen abfängt. Erneut. Obwohl und trotz dem, wir das kennen. Es ist nicht neu. Es ist kein neuer Schmerz. Es ist einfach der Schmerz, die Angst, die Verwirrung, die Not, die man nicht haben darf, weil man ja gerade schon mit Menschen ist, die sich um Hilfen kümmern.
Diese vielen Extras und Sonderlösungen, die special für Behinderte, Kranke, Bedürftige da sind, um “allen anderen” das Gefühl zu geben, es, dieses Elend, das sie mit dieser Lebensrealität verbinden, ohne sie je erfahren zu haben, sei kontrollierbar.

Was ich sehe ist, wie lange wir schon erwachsen spielen, weil wir in jedem solcher Gespräche das Gefühl haben, einen Luxus zu ergaunern – irgendetwas special super sondergutes zu brauchen, das nur nach sorgfältigster Abwägung gewährt wird – obwohl wir es brauchen, weil wir es brauchen.
Nicht weil X, nicht weil Y, nicht weil Z, sondern, weil wir wirklich und echt ein behinderter Mensch sind, der braucht, ohne zu wollen. Der soll ohne zu müssen, weil es nicht darum geht, was mit ihm ist oder wird, sondern darum, dass jede_r soll aber nicht alle müssen müssen.

Was ich sehe, ist für mich völlig verwirrend und doch ein festgezurrter Bestandteil unserer letzten 15 Lebensjahre.
Einerseits sieht man unsere Probleme und Behinderungen – andererseits sollen wir klar kommen. Will uns niemand reinreden. Sollen wir entscheiden, was wir überhaupt nicht tragen können. Müssen wir aushalten, was andere überhaupt anzufassen sich verweigern würden.
Niemand will uns klein machen, aber wie groß wir sind, ist nie geklärt worden.

Ich hab Angst vor der Frage danach. Angst vor der Antwort.
Ich will sie nicht hören. Ich will sie nicht denken.

Ich will Sinn. Ich will einen Sinn, für den ich bleiben kann.

Aufregung

Am Freitag gehts also los.
Wir fahren mit NakNak* und Pitti und Tim und Erik und Carola und Alberto an die Nordsee.

Wir haben alles beieinander nur nicht unseren Verstand. Offensichtlich haben wir den irgendwann zwischen “Yeay – wir haben einen Ausbildungsplatz!” und “Whoa whaaaat KlinikAutismusErinnernHerzmenschenZukunftHoffnungAngstAngstAngst…” verloren.

Alles überschlägt sich. Gerade stehen in Berlin viele Menschen auf der Straße und halten Transparente hoch auf denen “Nein heißt Nein” steht. Morgen gibt es eine Demo gegen das Bundesteilhabegesetz in seiner jetzigen Form. Mittwoch müssen wir zum Arzt und vorher noch das Podcast für Juli schneiden. Donnerstag gehts zum Atmungsarzt und Allergologen, nachmittags zur Therapie. Winke Winke zum Abschied in die weite Welt. 4 Wochen mit dem Rad unterwegs sein. Weglaufen, weg sein, unerreichbar sein und doch so auf dem Weg an einen Punkt, an dem zu sein wir uns gut und schön vorstellen.

Ich darf nicht vergessen, den Müll wegzubringen. Nicht vergessen mich zu erkundigen, was die Fahrradmitnahme im RE wirklich kostet. Und das Geld –  oh G’tt das Geld. Ich brauche einen Plan. Mache einen Plan. Stehe fuchtelnd davor und weiß nicht womit anzufangen. Ich mache mir die Aufgaben noch kleiner. Stehe da und denke: Wozu da alles?
Lausche dem feinen Fiepton im Ohr nach und mache eine Pause. Denke: “Aufschreiben – schreib einfach alles auf und atme.”

So blöd immer zu denken “Ich darf nicht vergessen.” Ich darf sehr wohl vergessen. Ich wünsche es mir nur, nicht zu vergessen, weil ich weiß, dass ich Dinge verhindern kann, die ich nicht möchte.
Ich will Müsliriegel backen. Die machen lange satt und geben viel Energie zum Radfahren. Aber.
Ich will die viele freie Zeit nutzen, um meine Bücher zu lesen. Aber sie sind alle zwischen zwei und drei Finger dick. Nehme ich sie alle mit, bin ich viel zu müde, um auch nur eines aufzuschlagen. Und überhaupt – Literatur zu Autismus, Gewalt und soziologischen Auseinandersetzungen – brauchen wir die, wenn wir von Mücken und Spinnen umwölkt in einem Zelt irgendwo im Nirgendwo sitzen?
Was für eine neue Idee, dass es einen Zeit_Raum geben könnte, an dem es nicht wichtig ist, dem ständigen Gefühl nicht genug verstehen, um sich schützen zu können, etwas entgegensetzen zu können!

Und was, wenn der Atmungsallergologenarzt fragt, ob wir völlig durchgeknallt sind mit den Problemen erstmal mitten durch Wald und Wiesenlandschaft zu radeln? Sind wir fahrlässig uns selbst gegenüber zu denken: “Na wir haben schon unsicherere Situationen überstanden”?
Werden wir übermütig wie der junge Held, der seiner Unverwundbarkeit bewusst ist und nichts vom Lindenblatt auf seiner Schulter weiß?

“Vielleicht von Tag zu Tag…”, denke ich und atme durch.