von und mit Hartz 4 über.leben

Am 14. 3. 2018 fragte Zeit Online Menschen in Hartz 4, nach ihrer Lebensrealität.
Wir haben einen langen Text geschrieben.
Diesen langen Text haben wir noch einmal ergänzt.

 

Von und mit Hartz 4 überlebe ich seit seiner Einführung im Jahr 2005.
2005, da war ich 18/19 Jahre alt. Jugendhilfekind seit 3/4 Jahren. Betreut in der ersten eigenen Wohnung, aus Gründen, die etwas mit meinem Willen zum Überleben und der Entscheidung zum Leben selbst zu tun hatten.

Eine Wahl, ob ich Hartz 4 in Anspruch nehme oder nicht, hatte ich nie. Um in mein Leben als schwerbehinderte, durch Gewalt in der Familie komplex traumatisierte Person hineinzufinden, brauchte ich institutionelle Hilfen. Die bekommt man als Jugendliche_r nur dann, wenn man nichts hat und niemand sonst dafür aufkommt.

Mein Hilfebedarf und der strukturelle Ausschluss, den ich aufgrund meiner Behinderung erfahre, halten mich bis heute in Hartz 4.  Nach meinem Realschulabschluss an der Abendschule, für den ich aufgrund mehrerer Krankenhausaufenthalte länger brauchte als die Schüler_innen, mit denen ich den Bildungsgang begann,  folgten 10 Jahre Bewerbungsphase, Mangelmangament und ein Kampf um das eigene Leben, der weitestgehend unsichtbar für die Menschen in meinem Leben und vielleicht auch weite Teile der Gesellschaft war.

Bei Antragsstellung auf Hartz 4 konnte ich noch eine Erstausstattung für Möbel, Waschmaschine und Kühlschrank beantragen. 10 Jahre später sind die Pressspanmöbel, die ich von dem Geld im Möbeldiscounter kaufen konnte alle kaputt, denn umziehen kann man mit solchen Möbelstücken nicht besonders oft.
Steigende Mieten bei gleichbleibend niedrigen Wohngeld erforderten aber genau das.
Einen Antrag auf Ausstattung kann man nur einmal stellen. Wenn man später erneut große Anschaffung machen muss, muss man ein Darlehen beim Jobcenter beantragen. Das wird dann in Raten vom Existenzminimum abgezogen.

Heute wohne ich in einer überalterten Wohnung mit Dusche übern Gang und Durchlauferhitzern an allen Wasserhähnen. Und zahle immer noch mehr Miete, als es mein Wohngeldsatz abdeckt.
Warmwasser ist ein Luxusgut in meiner Wohnung. Jedes Jahr streite ich mit der Wohnungsbaugenossenschaft, ob eine Mieterhöhung angemessen ist, oder nicht. Sollte ich diesen Streit einmal verlieren, verliere ich wieder ein Zuhause.

Von der Erstausstattung damals habe ich heute nur noch den Kühlschrank und die Waschmaschine.
Was ich mache, wenn die kaputt gehen? Ich habe keine Ahnung.
Ob, und wenn ja, wie ich solche Gegenstände ersetzt bekomme, passiert in meinem Leben nach dem Zufallsprinzip, das viel mit damit zu tun hat, wie leicht ich meinen Stolz und das bisschen Verlangen nach Würde, das ich durchaus noch habe, hintan stellen kann – noch mehr jedoch mit schierem Glück.

Als mein Backofen kaputt ging, bot jemand bei Twitter an, mir einen neuen zu bezahlen. Die gleiche Person hat mir eine neue Matratze gekauft, als meine alte, die ich schon gebraucht hatte kaufen müssen, nach 8 Jahren nicht mehr nutzbar war. Ich vermeide es aktiv darüber nachzudenken, wie sich das für mich anfühlt. Weil ich weiß, dass es kein gutes Gefühl ist.

Wenn Freund_innen ihre Kleidung aussortieren, schicken sie mir das, was sie nicht mehr wollen.
Seit Jahren sehe ich also überwiegend aus, wie andere Leute nicht mehr aussehen wollen und was würde besser zu einem Menschen passen, der so lebt, wie andere Leute nicht leben wollen?

Jens Spahn meint, mit Hartz 4 müsse man nicht hungern und ich kann ihm darin zustimmen.
Mit Hartz 4 muss man nicht hungern. Man kann wählen, ob man hungern will oder lieber keinen Strom haben. Oder keinen Telefonanschluss. Oder keine Monatskarte für den ÖPNV. Oder keine Schulsachen. Oder keine kulturelle Teilhabe. Oder Möbel. Oder Kleidung.

Ich habe das “Glück” auch noch wählen zu können, ob ich hungere oder auf Medikamente verzichte.
Als die Politik die Praxisgebühren für eine gute Idee hielt, sparte ich an Hausarztbesuchen, um meine regelmäßig notwendigen Facharzttermine haben zu können. Denn Praxisgebühren zusammen mit Rezeptgebühren und den Kostenanteilen für Krankentransporte, übersteigen das Budget, das ich für Medikamente und medizinische Notfälle frei machen kann.

Natürlich gibt es die Möglichkeit von diesen Kosten befreit zu werden, aber natürlich ist auch das wieder an Bedingungen geknüpft. Es muss bereits ein Betrag gezahlt worden sein – den muss man aber erst einmal haben. Und dann muss diese Befreiung auch noch bei der Krankenkasse beantragt werden.
Für mich ist das ein weiterer bürokratischer Akt, der von mir Fähig- und Fertigkeiten abverlangt, die mir aufgrund der Behinderung mit der ich umgehe, nicht nur “nicht so einfach von der Hand gehen” , sondern auch immer wieder Auslöser für psychische Krisen bis hin zur Suizidalität werden.

Als Person im Hartz 4-System ist diese Art der strukturellen Hürden nur allzu bekannt für mich.
Deshalb habe ich mich nach Jahren der Einbrüche in die inzwischen als “Hartz fear” bekannten Ausnahmezustände, für eine freiwillige gesetzliche Betreuung entschieden.
Ein weiterer Punkt an dem meine Würde begrenzt wird. Eine weitere Instanz, die eine Akte über mich und mein Leben in einem Büro stehen hat.
Es ist eine zusätzliche Erinnerung daran, dass ich und mein Leben von gesichtslosen Instanzen verwaltet und bestimmt werden, statt von mir selbst.

Mein Über.Leben mit Hartz 4 halte ich heute nicht mehr unsichtbar.
2008 habe ich angefangen meine Er_Lebensrealität im Internet mitzuteilen. Immer wieder habe ich aufgeschrieben, wenn mir die Existenzangst den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Jede Ablehnung auf eine Bewerbung, jede verspätete Zahlung des Jobcenters, jedes Ringen um Anträge auf Hilfeleistungen, Darlehen und die Zweifel an meinem eigenen Wert als Mensch in dieser Gesellschaft, habe ich in mein Blog geschrieben und tue das noch heute.
Nicht, weil ich mein Leben für besonders exemplarisch halte, sondern, weil es noch viel zu wenig Menschen tun (können) und es so weiterhin als Ausnahme gilt.

Für mich war Hartz 4 nie der Lückenfüller zwischen zwei Jobs oder das, was ich haben kann, während ich etwas tue, was mich perspektivisch davon unabhängig macht.
Hartz 4 hat mich zu dem Problem gemacht, das ich heute für Teile der Gesellschaft bedeute.

Oder eben auch nicht. Es kann ja auch praktisch sein, eine Bevölkerungsgruppe in Armut zu halten, damit man eine Art nachwachsende Masse an Menschenlebensrealitäten hat, mit der man anderen Menschen genug Angst macht, damit diese immer mehr Ausbeutung mit sich machen lassen.

In eineinhalb Jahren werde ich meine Berufsausbildung beendet haben.
Dann bin ich 33 Jahre alt und habe Anlass zur Frage, ob und wenn ja wie Familiengründung und verantwortungsvolle, vielleicht auch autonome Zukunftsplanung für mich möglich sein können.

Als schwerbehinderte Person mit Kinderwunsch, ohne Familie im eigenen Unterstützerhintergrund, wird es in keinem Szenario leichter, einfacher, sicherer, weniger von Zufall und politischem Gusto abhängig, wie ich in Deutschland überleben können werde.

Das Einzige worauf ich mich verlassen kann, ist, dass es immer wieder Menschen geben wird, die versuchen das eigene Selbstbild Gewissen mit Wohlfahrtsgesten  auf zu polieren zu beruhigen. Es wird immer Menschen geben, die Mitleid und den Wunsch haben, die_r Retter_in für die armen, alten und kranken Menschen in der direkten und indirekten Umgebung zu sein. Und es wird immer Menschen geben, die diese Menschen einspannen, um Geschäftsmodelle zu realisieren und zu etablieren, die ihrerseits arme, kranke und alte Menschen in Not brauchen.

Ich selbst habe “die Tafeln” in den letzten 13 Jahren insgesamt 5x in Anspruch genommen.
3 x weil meine Stromkostennachzahlungen den Wert von 3 Wochen Lebensmittel hatten, 2 x, weil ich Winterjacke und –schuhe gegen Essen eintauschen musste.
Ich hätte auch Freund_innen um Geld bitten können. Sie hätten mir alle was gegeben. Doch diese 5 Male konnte ich das einfach nicht ertragen.  Diese 5 Male wollte ich vor meinen Freund_innen nicht die sein, die Geld für Essen erbetteln muss.

“Die Tafeln” haben sich gegründet, um der Lebensmittelverschwendung etwas entgegen zu setzen und sehen ihren Auftrag nicht darin eine Armenspeisung zu machen. Für mich zeigt sich in diesem Selbstverständnis die Ignoranz, die nur entwickeln kann, wer nie (über längere Zeit) auf Hartz 4 und Spenden angewiesen war.
Denn es sind und waren schon immer arme Menschen, die den Müll, den niemand sonst mehr will, im besten Fall geschenkt, in der Regel jedoch zu- und ausgeteilt bekommen.

In Deutschland gibt es meiner Meinung nach keine Sicht auf Spenden und Hilfen, die für die eigene Abschaffung sorgen. “Die Tafeln” sind ein gutes Beispiel dafür.
Lebensmittelverschwendung ist ein Problem, das verantwortungslose Verkäufer_innen verursachen. Anstatt nur so viel einzukaufen, wie auch wirklich verkauft wird, wird so viel eingekauft, das immer ein Überschuss bleibt, dessen Entsorgung durch Müllwirtschaft preisgünstig und einplanbar ist. “Die Tafeln” und andere Lebensmittelrettungsorganisationen kommen zu diesen Verkäufer_innen und nehmen ihnen diese Verantwortung auch noch ab.

Es ist eine Verwertungsschleife. Eine weitere Profitschleife.
Keine Maßnahme, die zu nachhaltigen Veränderungen am Grundproblem führt.
Das Schlimme daran ist nicht, dass das so ist – das absolut Schlimme daran ist, dass es das nie sein sollte: eine echte Veränderung eines Grundproblems.

Meiner Ansicht nach ist das Grundproblem das, überhaupt für Dinge bezahlen zu müssen, die die Grundbedürfnisse von Menschen sichern und befriedigen. In unserem Wirtschaftssystem muss man für das eigene (akute) Überleben ganz direkt bezahlen und hält das für normal.
Lassen Sie das vielleicht einmal richtig einsinken:
Wenn man nicht isst, dann stirbt man.
Wenn man nicht warmgehalten ist, dann stirbt man.
Wenn man krank ist und nicht versorgt wird, dann stirbt man.
Wenn man keinen sicheren Ort hat, dann stirbt man
Wenn man keine soziale und kulturelle Teilhabe hat, dann sieht man keinen Sinn mehr darin zu leben.

Damit man nicht stirbt, bezahlt man Geld. Und zwar immer wieder.
Das Leben selbst hat so in keinem Fall mehr einen “unschätzbaren Wert”.

Wir als Konsument_innen bezahlen nicht dafür, dass Bauer Heinze es sich leisten kann, seine Äcker so zu bewirtschaften, dass er ihn noch so lange nutzen kann, bis er nicht mehr will oder kann. Wir geben ihm Geld für einen Teil seines Ertrages plus den Profit, den der Verkauf einbringen soll.
Damit wir etwas zu Essen haben. Damit wir nicht sterben.

Hartz 4 hat mich lange in der Idee gehalten, immer möglichst viele Lebensmittel für so wenig Geld wie möglich einzukaufen. Dazu gehörte der Konsum von fertigen und durch staatliche Subventionen dauerbillig gehaltene Lebensmittel. Also vor allem Milch und Fleischprodukte, die mir, wie ich heute weiß, gesundheitlich massiv schaden und auf vielen anderen Ebenen hochproblematisch sind.

Ich habe mich lange nicht im wirtschaftlichen/produktiven Sinne gefragt: Wofür leb ich eigentlich?
Denn für mich ist die Antwort darauf schmerzhaft: Als Hartz 4-Empfänger_in (die mit Behinderungen lebt) ist mein Überleben vor allem als Konsument_in wichtig. Nicht als Produzent_in. Nicht als Mit_Gestalter_in. Nicht als Mit_Bestimmer_in.

Mir wird Geld gegeben, damit ich überleben kann, damit Bauer Heinze überleben kann, damit andere Profit machen können, damit alles immer verfügbar ist – egal wie, egal wie lange noch, egal mit welchen Auswirkungen auf die Mitwelt und all die Generationen nach uns.

Niemandem scheint es darum zu gehen, wie lebenswert das Leben ist, das mir genau jetzt mit Hartz 4 gesichert wird.
Niemanden scheint es zu interessieren, was ich und all die anderen Menschen in meiner Lage zu geben haben, wenn wir nicht 24/7 damit beschäftigt sind zu nehmen, um zu überleben.

Das ist kränkend und krank machend. Manchmal auch: krank haltend.
Vor allem, wenn Außenstehende meinen, sie könnten das in irgendeiner Form nachempfinden und besser machen.

 

Ich weiß – sie fragen in Ihrer Zeitung nur danach, wie ich so mit Hartz 4 lebe, aber ich will bei der Gelegenheit auch sagen, was ich mir anders wünsche und von der Regierung fordere

Ich wünsche mir die Möglichkeit als Hartz 4-Empfänger_in vom Jobcenter bei jeder Art von Aus- und Weiterbildung finanziell unterstützt zu werden.
Meine Ausbildung, als nicht mehr Minderjährige wird zum Beispiel finanziell nicht unterstützt, obwohl meine Chancen auf eine Berufstätigkeit mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung steigen wird. Und genau das doch ist, was mich angeblich aus dem System Hartz 4 herausbringen soll.

Ob ich studieren kann, hängt vom Bafög-Amt und dem Engagement für die Inklusion von schwerbehinderten Studierenden einer infrage kommenden Fachhochschule bzw. Universität ab.
Ob Ausbildung und Studium genügen, irgendwann selbst für mich und mein Leben aufzukommen, wird der Arbeitsmarkt und sein Grad an gelebter Inklusion dann zeigen.

Ich fordere von der Regierung die konsequente Inklusion und Entschädigungen für Personen wie mich, die in der Zeit zwischen Unterzeichnung der UN-Menschenrechtskonvention und der konkreten Umsetzung, wegen struktureller Diskriminierung aufgrund einer Behinderung keine andere Wahl hatten als abhängig, arm und ausgeschlossen zu sein.

Den emotionalen Schaden, den die Jahre in Hartz 4 (und damit in Armut, Ausgrenzung, permanentem Mangel und Perspektivlosigkeit) mir beigebracht haben, wird kein Geld der Welt jemals ausgleichen können.
Sich aber wenigstens für eine Weile nicht mehr zwischen der Erfüllung von Grundbedürfnissen entscheiden zu müssen und dadurch Zeit und Raum für Perspektivenentwicklung und Zukunftsabsicherung zu haben – das wäre nur gerecht und angemessen. Eine wahrhafte Grundsicherung.

An die Menschen mit Behinderung bzw. chronischer Krankheit hat man weder bei Konzeption noch Einführung von Hartz 4 jemals gedacht. Man denkt selbst in der Diskussion heute nicht an diese Personengruppe, sondern konzentriert sich auf all die Menschen, die kontinuierlich arbeitsfähig sein könnten, würde es Stellen für sie geben.

Das muss sich ändern.
Deshalb habe ich Ihnen all das hier aufgeschrieben.
Bitte sehr.

Fundstücke #58

Und dann sind die Termine und Verabredungen, die wir ausmachen, nur noch Steine, die ich wahllos ins Nirgendwo werfe, um mich von ihrem dumpfen Aufprall trösten zu lassen.

Eine Englisch-Gruppenarbeits-Deadline am Sonntag, Nachhilfe und Laptop-Hospiz am Samstag. Freitag morgens wackelt die provisorische Krone am Schneidezahn, abends fällt das Kronenprovisorium rechts oben raus.
Ich sehe jemandem im Spiegel und könnte kotzen, als es in meinen Mund hineingreift, um den Kunststoff mit Zahnpasta festzukleben.

Montag, Dienstag sind kaum zu erwarten. Ein Etwas flattert wie wild in meinem Zwerchfell umher, weil es einen Virtual-Reality-Workshop besuchen darf. Gruppenarbeit mit fremden Mitschüler_innen, in einer fremdem Umgebung, mit fremden Lehrer_innen. 6 Stunden ab 10, kurz vorher noch mal schnell zur Zahnärztin, die Krone richtig ankleben lassen. Montagabend Therapie und die Angst, all das runtergeschluckte Kotzen der letzten Wochen auf einmal nicht mehr drinnen behalten zu können.

Es freut sich so, ich habe Angst krank zu werden. Verdammt nochmal, wieso husten und niesen so viele Leute ohne die Hand oder ein Taschentuch vor dem Gesicht?!

Der Deal ist am Mittwoch krank zu werden. Schlafen und genesen bis Montag, dann ist die Matheklausur für die ich noch gar nicht lernen konnte. Aber Termin ist Termin nicht wahr – von irgendwo wird sie schon hergeflogen kommen, die Leistung, die „ich“ eigentlich immer erbringe oder nicht erbringe, egal ob ich lerne oder nicht, ob ich will oder nicht, ob ich kann oder nicht.

Ist alles zu viel? Nein. Ja. Doch. Und nein.
Gleichzeitig.

Mist ich wollte noch eine Email wegen der Lernpartnerschaft schreiben. Oh man, wir müssen schlafen. So dringend ausschlafen, Ferien haben, Pause machen, Leerlauf haben.
Und gleichzeitig ist alles okay.
Frühlingsflüstern, erste Wärme.

Alles wird besser, denn es ist alles gut.
Eigentlich.

kein Schicksal

Mein Schicksal teilen, schlägt eine Freundin vor. Ein bisschen hilflos vielleicht. Ganz sicher überrascht von der offensiven Art mit der ich plötzlich von etwas spreche, über das sie mich noch nicht hat sprechen hören.

Ich gehe üblicherweise nicht in Kontakte und sage: “Ich fühle mich gerade ekelhaft, denn der Flashback von vor 20  Minuten lässt mich nachwievor erinnerfühlen, wie mir Sperma den Oberschenkel runterläuft.”. Bis heute.
Und dann sagt sie etwas von Selbsthilfegruppen und Schicksal teilen.

Und mir wird klar, dass es doch etwas ausgemacht hat, “diese Traumadinge” einfach nicht auszusprechen. Denn zumindest für sie ist es noch immer “ein Schicksal” und keine Gewalt_tat, die jemand beging, weil es möglich war.

Mich hat das getroffen. Nicht Wutpanzer-drüber-und-weiter-gehts-getroffen, sondern Tränen-die-nach-innen-abfließen-getroffen. Denn: ein “Schicksal” ist etwas, das niemand beeinflussen kann. Das über den Menschen hereinbricht und von nichts und niemandem verhindert werden kann.

Schicksal, das ist für uns göttlich. Lauf der Dinge. Natur.
Gewalt ist kein Schicksal. Gewalt ist menschlich. Gewalt ist verhinderbar.
Und zwar von jenen, die sie ausüben, die sie legitimieren und von jenen, die sie ermöglichen.

Meine Freundin versteht das nicht.
Sie versteht nicht, dass sie mit dieser Begrifflichkeit die Gewalt an mir zu etwas macht, das nichts mit den Täter_innen zu tun hatte.

Sie versteht nicht, was es mit mir macht, wenn sie meine Gewalterfahrungen mit den Erfahrungen von Tsunami- oder Erdbebenüberlebenden gleichsetzt.

Sie versteht nicht, wie stumm sie mich damit macht. Denn G’tt kann ich nicht anschreien, nicht strafen, nicht anzeigen und für das verurteilen, was durch si*hn mit mir passiert ist.

Sie versteht nicht, dass sie mich mit diesem Framing ohnmächtig macht. Und hält. Denn mehr als teilen kann man Schicksale nicht. Man kann sie nicht auflösen, indem man sie verarbeitet, wie man das mit einer menschengemachten Wunde in Menschenseelen.fleisch tun kann.

Sie versteht nicht, dass wir erstmal eine Weile keinen Kontakt mit ihr haben wollen.

Medikamente

Wir waren schon einmal über den Punkt hinaus, an dem ich durch innere Rahmen gehe, eine Tür nach innen schließe und alles von mir streife, um in das Hier und Jetzt zu gehen, das mich er_fordert.

Das merke ich jetzt, wo wir einmal mehr Medikamente nehmen, als in der Weglaufkrisen-Episode am Jahresende.
Jetzt, wo keine Therapietermine waren. Jetzt, wo alles einfach läuft. Glatt mit üblichen Lebenshuckeln. Emotional mittig mit bloßem Dämmern einer Erinnerung daran, wie tief man fallen könnte, würde man die Tiefen mitleben.

Die Medikation lässt das Innen nicht verschwinden.
Ich kann es fühlen. Kann sehen, was da passiert. Merke, dass es etwas mit mir zu tun hat. Alles ist okay. Es ist nur nicht da, wo ich bin, wenn ich da bin.
Es ist ein kleines Stück der Verschiebung. Ganz subtil. Aber es reicht, um vom Lauf der Dinge nicht so grob hin- und hergeworfen zu werden, wie sonst.

Dinge passieren und ich bin da. Immernoch. Obwohl sie mich sonst weggewischt, zerrissen oder verwässert hätten. Und ich kann reagieren, einfach und genau so, wie ich mir das überlegt habe.

Was mir auffällt sind Liebsein, Warmsein, Zärtlichkeiten uns gegenüber, die mir sonst nicht auffallen.
Was mir einmal mehr bedeutet, dass dissoziative Amnesien eben doch real sind. Dass sie mir eben nicht nur das nehmen, was ich nicht aushalten kann, weil ein aversiver Reiz zu groß ist, sondern auch die Facetten menschlichen Miteinanders, die nicht primär an mich gerichtet sind, sondern an das von anderen Menschen wahrgenommene oder empfundene Innere, das an anderer Stelle des Innen passiert.

Was ich merke ist, dass ich das passieren lassen kann. Selbst dann, wenn ich gerade zu gedämpft, vielleicht auch betäubt?, bin, um zu danken oder andere Gesten zu machen, die so etwas wie eine adäquate Reaktion sein sollen.
Ich kann uns das passieren lassen und es fühlt sich an wie eine aktive Tat, obwohl ich nichts weiter tue als gezieltes Nichtsdagegen oder –dafür tun.

Von mir aus kann es für immer so weiter gehen.
Alles funktioniert. Nichts tut weh, außer das Wissen, dass es Medikamente sind, die mich so beruhigen, ordnen, stabil machen. Doch selbst das kann ich im Laufe eines Tages passieren lassen, ohne, dass es mich umhaut.

Ich bin kein Zombie. Ich bin nicht ausgeschaltet. Niemand von uns wird unterdrückt oder “weggemacht”.
Dieser Zustand ist keiner, der irgendwie problematisch ist.

Er ist nur nicht echt.

Fundstücke #58

„Das ist bestialisch“, hatte die Therapeutin dazu gesagt. Und während ich mich unter dem Gefühl der Kongruenz durch ihren Ausdruck von Abscheu und Abgrenzung entspannte, fiel mir auf, wie praktikabel das Mittel der Entmenschlichung ist. Nicht nur heute, wo es eine tückische Entlastung ist, menschlicher Gewalt den Wortmantel der Unmenschlichkeit anzulegen, sondern auch früher, wo sich die Energie der Gewalt ihre Bahn durch Selbst und Sein eines Kindes brach und keine als menschlich akzeptierte Eigenschaft hinterließ.

Es ist tückisch, denn es bestätigt die Ablehnung des Ausmaßes der Folgen für das Kind, in der es die Gewalt als etwas wahrnimmt, das nie aus einer gemeinsamen Basis kam.
Doch genau das stimmt nicht.
Und das ist das Problem.

Menschen, die Gewalt ausüben, durchdringen und versehren eine Entität, die sich im günstigsten Fall darüber nie Gedanken machen musste. Das ist ein Schmerz, den Menschen vermeiden, sobald sie geboren sind und durch viele soziokulturelle Praxen und Technologien im Laufe des Lebens immer sicherer nicht zu erleben versuchen.
Warum sollte ein Mensch einem anderen Menschen diesen Schmerz zufügen? Was sollte denn jemand von etwas haben, das niemand will?

Zwischenmenschliche Gewalt wird heute so vielfältig erklärt und analysiert. Da gibt es Machtanalysen, da gibt es Pathologisierung, da gibt es Räume voller Fragezeichen und individueller Erzählungen von Menschen, die über ihre eigene Täter_innenschaft reflektieren.
Hinterher. Wenn ES vorbei ist und die Gewalt_Hinterbliebenen versuchen sich selbst und die Welt, in der sie passieren, in dem wieder zu finden, was ihnen geblieben ist: Leib, Leben, Da_Sein.

Das Geständnis vom Monster im Innen, den Tieren unter uns, dem Biest unter der Haut, das die Welt zerstören kann, haben wir nie abgelegt, um einen Selbsthass auszudrücken oder um mehr als eine, mal mehr mal weniger nah, wahrgenomme Zerstörungs- bis Tötungsenergie zu benennen.
Diese Innens/Anteile/Energien nehmen wir so wahr und wissen, dass es Menschen gibt, die diese Wahrnehmung wenigstens in dem Moment geteilt haben, in dem sie sich davon bedroht gefühlt haben. Vielleicht, weil da eine Facette von Menschlichkeit – menschlicher Überrestigkeit – spürbar war, die nicht mit dem eigenen Wahrnehmen und Erleben von Menschlichkeit in Einklang zu bringen war.

Es ging auch nie darum anderen Menschen die Angst zu breiten, die wir vor uns selbst haben und uns selbst von eben jener Angst abzutrennen, indem wir uns als etwas positionieren, das nie mit ihnen zusammen passiert.

Heute denke ich, dass es dem Kind, das ichwir einmal waren, damals schon klar war, dass ein Mensch, dem so viel zerstört wurde, einen anderen Rahmen übrig hat. Ein anderes Funktionieren. Eine andere Art des Lebens.
Ein unmenschliches Leben. Nicht: ein schlechteres Leben, nur: ein unmenschliches

Es gibt die Idee in der Erklärung wie sich Identitätsstrukturen ausentwickeln und -gestalten, dass es fixe Ideen bzw. mehr oder weniger reflexhaft assoziierte Identifikationen sind, die dazu führen, dass man in manchen Vielen Roman- oder Fantasiefiguren findet. Unter anderem Monster, Tiere, Bestien.

Eine Therapeutin vertrat uns gegenüber aber auch schon die Ansicht, dass diese von uns als unmenschlich wahrgenommenen Innens der Versuch war/ist, die Identität und die Zerstörungsintension der Täter_innen uns gegenüber zu erklären und abzuwehren. Am Ende: dass wir aufhören müssten, uns und dadurch jene, die an uns zu Täter_innen wurden, zu verkleiden.
Als wäre das alles eine schiefgegangene Scharade. Ein Eskapismus, eine Flucht vor einer Realität, die wir uns kreiert haben, weil uns die gegebene nicht gefallen hat.
Nicht, weil es das war, was wir noch aus dieser Realität danach machen konnten.
Diese Flucht in Aspekte der Realität, die so vielen Menschen in unserem damaligen Kinderleben scheinbar verborgen war.

Wir selbst schreiben oft von Dissoziation als trennendes Element. Jedoch merke ich gerade, wo DAS DA in mir arbeitet und wie ein auf leichter Flamme vor sich hin wirkendes Geblubber auch da sein kann, dass es manchmal auch um Verschmelzung geht.
Verschmelzung mit Dingen, die von der Gesellschaft, der Realität, dem Leben, das von so vielen Menschen abkürzungshalber „Normalität“ genannt wird, getrennt passieren.
Mit dem Moment, in dem jemand „wie ein Tier“ rast, wütet, Gewalt ausübt (… leidet …) – und doch ein Mensch ist, der menschliches tut (… erlebt).

Nur nicht mehr als solcher akzeptiert wird.
Von allen anderen um ihn herum.

Als würde die Menschlichkeit der Täter_innen als Bestie verkleidet, um sie und ihre Tat zu verstecken.
Abzutrennen. Zu Dissoziieren.
Als sei nur so ein Urteil zu fällen oder eine Einordnung zu treffen. Als könne man der Gewalt und ihren Folgen nur so begegnen.

Mit Gewalt durch Aberkennen der Zugehörigkeit zur Menschenheit.
Einem unveränderlichen, unbeeinflussbaren, unwählbaren Merkmal.

was zum Schmunzeln

Wir haben die „Kids Try“-Serie von Cut vor einer ganzen Weile gefunden. Inzwischen haben die Kinder ihren eigenen YouTube-Kanal, „Hiho-Kids“.
Ernie, Vanessa und Talbot sind uns total ans Herz gewachsen und diese drei Videos von ihnen, auch nach dem x-ten Mal anschauen immer wieder ein Grund zum Schmunzeln.

Viel Spaß!

 

 

Fastenzeit – Merk_würdigkeit

Mir kommt es vor, als würden sich zunehmend mehr Menschen der christlichen Tradition (des christlichen Ritus) des Fastens widmen. “Ein Jahr keinen Alkohol”, heißt es dann oder “Dieses Jahr verzichte ich komplett auf Essen vom Lieferservice” oder “Dieses Jahr verzichte ich auf Verpackungsmüll.”.

Merkwürdig kommt mir das aus vielen Gründen vor.
Erstens, weil die gleichen Leute, die jetzt das große Fasten verkünden, die Leute mit Neujahrsvorsätzen noch herablassend belächelt haben.
Zweitens, weil so manch Fastenwillige_r an Karfreitag noch extra derb auf die Partypauke gehauen hat, weil Jesus’ Todestag für sie kein Grund für Zurückhaltung, Trauer oder schlichte Rücksichtnahme auf den Glauben der Christen, für die das anders ist, war.
Drittens, weil Verzicht mit Fasten etwa so viel zu tun hat, wie Baden mit Desinfektion oder Lernen mit Dressur.

Es sollte mich nicht verwundern, dass in Zeiten von rechtsmotivierter Verstärkung von Traditions- und Heimatbewusstsein auch die Wiederentdeckung christlicher Kultur und Religion einhergeht. Und doch, es wundert mich, verorte ich mein Umfeld doch als anarchistisch ~ links_radikal bis liberal mit Selbstverortung als links.

Doch wieder einmal brauche ich nicht von einer so engen Verbindung mit politischer Orientierung ausgehen, die das eigene Handeln definiert. Viel treibender scheint the good old Selbstoptimierung zum Zweck der Abgrenzung zu anderen Menschen zu sein. Vorzugsweise jenen Menschen mit weniger Privilegien und implizit weniger Werten.

Verzicht ist eine Praxis des Luxus.
Etwas muss immer und jederzeit verfügbar sein, sonst ist Verzicht nicht möglich.
Was das für eine privilegierte Grundlage ist, das machen sich die wenigsten Menschen klar, die ihren Unkonsum als Verzicht deklarieren und darauf warten ein besserer Mensch zu werden, weil sie sich auf die Erfahrung einlassen, einer Gewohnheit ausnahmsweise mal nicht zu folgen.

Das Fasten hat in allen Weltreligionen einen festen Platz als rituelle Praktik.
Es geht um Widmung, um die Vertiefung des Glaubens, um einen Akt, der von Verbundenheit und Hingabe zeugt.
Wer religiös fastet, enthält sich bestimmten Speisen oder bestimmten Tätigkeiten, um ihre Existenz bzw. die Möglichkeit jenen Tätigkeiten nachzugehen, als das Geschenk, das Glück, das Wunder, das es ist, hervorzuheben. Es geht darum sich selbst zurückzunehmen und eben dem, was von einem wie auch immer benannten G’tt oder einer Kraft oder Energie kommt oder gegeben ist, Raum und damit auch Wert zu geben bzw. anzuerkennen.

Natürlich kann der Verzicht auf Alkohol auch dazu dienen, selbiges wieder mehr als Ausnahmegetränk zu begreifen, aber führt der Verzicht auch zu mehr Wertschätzung von sauberem Trinkwasser und anderen Getränken? Nicht für alle, wage ich mal zu behaupten. Denn wer verzichtet, muss sich auf das Objekt des Verzichts konzentrieren.
Den Effekt kennen viele Raucher_innen, die mit dem Rauchen aufhören wollen, jedoch nie Erfolg damit haben, auf ihre Zigaretten zu verzichten: Wenn du weißt, worauf du gerade verzichtest, obwohl du es immer und jederzeit haben könntest, dann denkst du immer an etwas, das du jederzeit und immer haben kannst. In diesen Gedankengängen braucht es nur noch einen kurzen Moment des Wollens (und bei körperlich abhängigen zusätzlich noch den des Brauchens, um unangenehme Entzugserscheinungen zu beenden), um letztlich doch wieder zu rauchen.

Eine ernsthafte und aufrichtige Widmung dessen, was mit dem Fasten einhergehen soll, hat einen grundlegend anderen Ansatz.
Um bei der Rauchmetapher zu bleiben, geht es nicht darum aufzuhören zu rauchen, sondern darum zu entdecken, was neben dem Rauchen bzw. der Zigarette alles da ist. Was man noch alles tun kann, anstatt zu rauchen. Es geht nicht darum, ein Nichtraucher zu werden, der Joggen kann und nicht stinkt wie ein Aschenbecher, sondern darum sich Zigaretten zu ent_halten (also: nicht halten, im Sinne von: keinen Kontakt dazu zu haben), zu joggen und sich darum zu kümmern, dass man nicht stinkt – und irgendwann nach Wochen, Monaten, Jahren festzustellen: “Wow, seit ich nicht mehr rauche, hat sich mein Leben/ meine Haltung zu bestimmten Dingen, total verändert.”

Das religiöse Fasten wird von vielen Gläubigen als eine Möglichkeit begriffen, die eigene Beziehung zum Glauben und der religiösen Praxis zu verstärken oder auch zu erneuern. Für manche Menschen geht es auch um die engere Beziehung zu den Menschen in der Glaubensgemeinschaft. Es werden Wertbindungen erschaffen und gemeinsam etabliert. Das ist etwas, was Religionen bis heute erhält und weiterentwickelt.

Wir hier in unserer säkularisierten Gesellschaft, leben im Kapitalismus. Unsere gemeinsame Wertbindung passiert über Güter und darüber definierten Status.
Wir können rein theoretisch alles immer haben. Verzicht bedeutet im Kapitalismus im Grunde nichts anderes als: “etwas anderes konsumieren” (um den eigenen Status zu halten oder vielleicht sogar zu verbessern).
Das auf Konsumgüter übertragene, aufrichtige, religiöse Fasten würde bedeuten, ein schlechter Kunde zu werden und sich auf sich selbst zu besinnen (also insgesamt anders zu konsumieren).
Es würde darum gehen Dinge anders zu machen und möglicherweise damit anzuecken, ausgeschlossen zu werden und auch mit einer fremden Langeweile konfrontiert zu sein. Denn heute machen wir viele Dinge nicht mehr nur aus Selbstzweck, sondern sehr oft auch aus Gründen der kapitalistischen Verwertungslogik.

Nun will ich nicht allen Menschen, die sich vorgenommen haben zu fasten, unterstellen, sie wären nicht aufrichtig in ihrem Vorhaben. Wohl aber will ich aufzeigen, wie wenig Tiefe in dem, was von vielen als “fasten” bezeichnet wird, steckt und aus was für einer privilegierten Perspektive so manche Fastvorsätze kommen.

Die Folge ist für manche Menschen mit weniger Privilegien nämlich der Ausschluss über etwas, was für sie bereits Realität ist: Verzicht.
Arme (und anders minderprivilegierte) Menschen haben bereits keine Option auf eine Veränderung des Status durch Veränderung des Besitzes, denn ihr Besitz ist bereits das Ergebnis von Verzicht. Natürlich können auch arme Menschen noch verzichten, doch ihre Rolle im Kapitalismus lässt keine gleichermaßen “klassenübergreifenden” neuen Wertbindungen zu.

So viel Verachtung und weniger Wertschätzung es heute für Religion und religiöses Leben gibt, so hat dieses Leben und Werten dann doch etwas für alle Menschen gleich freigehalten: die Möglichkeit der Widmung dessen, was über den Menschen bzw. das Individuum hinausgeht.

Beim religiösen Fasten ist die soziale Rolle, der gesellschaftliche Status praktisch egal.
Enthaltsamkeit und Askese kann in jeder Form und zu jeder Zeit praktiziert werden. Das Bewusstsein um das Wunder der Schöpfung oder schlichter ausgedrückt: die Krassheit des eigenen am Leben seins – hier und jetzt, da wo man gerade ist – kann nur mit einer gewissen Selbst_zurückhaltung wirklich wahr_(an)genommen und er.ge.lebt werden.

Und, dass das immer weniger Menschen bewusst und wichtig ist – das ist doch interessant.

Merk_würdig.

Fundstücke #57

Im Nachhinein merke ich, dass ich immer dachte, es gäbe so etwas wie eine Grenze des unkontrollierten Erinnerns. So, als wäre ein “nicht richtig aufwachen und in eine desorientierte Gewalt-Wiederleben-Schleife sinken” das obere Ende dessen, was unverarbeitete Erfahrungen mit sich bringen.
Vielleicht ist meine letzte Nacht auch nicht wirklich eine Steigerung dessen.
Vielleicht ist es insgesamt unsinnig Symptomatiken zu skalieren, wenn es doch mehr meine Gefühle dazu sind, die ich skalieren will, damit sie mir gleichzeitig greifbar und entfernt von mir sind.

Dieses “Einsinken” ist grauenhaft. Mir ist dabei nicht klar, dass ich etwas erinnere bzw. erlebe, was längst vorbei ist. Selbst “Ich” ist mir in dem Moment nicht so klar. “Einsinken” ist wie eine Art Ohrwurm der Sinne, der mich total absorbiert, sich aufdrängt und nicht weggeht bis irgendein unbestimmtes Moment ihn unterbricht.
Aber wenn es einmal unterbrochen ist, dann ist es das auch.
Ich fühle mich scheiße, aber ich weiß, dass ich da bin, wo ich bin und was ich tun kann.

Heute Nacht bin ich aus etwas aufgewacht, dass ich mit “Ekel5000” überschreiben will.
Ich weiß nicht wovor, ich habe keine Bilder dazu, keine Gedanken – nur Ekel und einen drückenden, stauchenden, stiebenden Wust aus einander widersprechenden Impulsen und Körper_Reaktionen.

Jetzt einige Stunden später denke ich, ob ich vielleicht das unterbrechende Moment war, denn ich bin aufgewacht, weil ich mich übergeben musste und das auch rückhaltlos tat, als wäre ich selbst das andere Ende dessen, was sich zusammenreißt, hart macht, verdichtet – sich von mir abtrennt und so viel Platz wie möglich frei, leer, dissoziationsnebelweiß lässt.

Normalerweise erdet und beruhigt es uns insgesamt chaotische Bettsituationen aufzulösen.
Für manche Innens ist es bis heute gut “Spuren zu vernichten” oder “alles wieder gut zu machen”. Für mich ist es das Gefühl etwas tun zu können, das mir hilft. Ich mag die Muster, die sich für mich auftun, wenn ich etwas tun kann, das mit dem Alltag zu tun hat. Und sei es das Bettzeug abzuziehen, zu waschen, neu zu beziehen und zu lüften.
Es ist Alltag. Heute-Alltag. Ich-Alltag.

Und diesmal hätte ich die ganze Zeit kotzen können. Über mich, über die Situation, darüber, dass meine Bettwäsche nicht nur mit einem Handgriff, sondern einer ganzen Menge Handgriffe zu wechseln ist, darüber wie meine Haare über die Ohren rascheln – alles, was den noch so kleinsten Widerstand in mir aufmachte, brachte dieses “Ekel5000”- Ding mit sich.
Das ist, was es anders macht. Und schlimmer.

Üblicherweise sind es ja genau diese kleinen Widerstände und die Möglichkeit sie durchzusetzen, was es mir ermöglicht mehr und mehr Orientierung aufzubauen. Sie mit diesen Gefühlen und Impulsen beantwortet zu kriegen, hat mir diese Möglichkeiten genommen. Mehr als das zu erleben und auszuhalten, ging nicht und es hat bis in den frühen Morgen gedauert, bis ich an dem Punkt war, an dem aus mir heraus keine Widerstände mehr kamen. Nicht, weil ich sie aktiv unterdrückt hatte, sondern, weil da einfach keine mehr waren.

Für mich hatte das nicht nur so eine Ebene des Aufgebens, sondern irgendwie auch von Entfernung zu dem, was wir seit Jahren machen und wollen. Wir wollen diese unkontrollierten Momente nicht mehr, also machen wir therapeutisches Resilienzen pflegen, hören nicht auf mit ständiger Orientierung, mit Verankerung, mit klaren Bewegungen weg von dem, was uns nicht gut tut und stärkt.
Das loslassen zu müssen, um Erleichterung zu empfinden, verwirrt mich noch immer. Es ergibt keinen Sinn und widerspricht allen Erfahrungen, die ich bisher im Umgang mit solchen Situationen gemacht habe.

Vielleicht geht es am Ende wieder nur um meine komischen Kontrollquirks, das weiß ich gerade nicht, aber es ist eine neue Ebene der Unkontrolle und eine Konfrontation mit Erinnerungsfragmenten, die ich in der Form noch nicht hatte.

Es verunsichert mich.

von Haien und Sardinen, Ausgrenzung und Selbstvertretung

“Euer Podcast gibt mir immer weniger.”, sagte uns eine Freundin am Samstag, kurz bevor wir den Film starteten, den wir uns ausgesucht hatten. Sie sagte, sie könne für sich immer weniger rausziehen, die Folgen seien zu lang und das Geplänkel zwischendurch wäre mal ganz nett, aber …
Hm ja, dachte ich. Feedback ist wichtig, wir legen uns das mal an die Seite.

Auf dem Weg nach Hause dachte ich darüber nach, was die Dinge, die wir tun, anderen Leuten überhaupt geben soll und ob wir beeinflussen können, was sie sich nehmen wollen und was nicht.

Am Sonntag bekamen wir Besuch für ein Projekt, in dem es ums Vielesein geht.
Wenn die Person da ist, sprechen wir über uns, wie wir uns wahrnehmen, wie was bei uns funktioniert und was es bedeutet, dass es so ist, wie es ist.

Am Abend stellten wir ein Modell fertig, das unsere “innere Landkarte” symbolisiert.
Eine Arbeit, die wir schon lange für die Therapie machen wollten, aber doch nie gemacht haben.
Zum Einen, weil wir Angst davor hatten, unerwartet mit Dingen konfrontiert zu werden, auf die wir nicht vorbereitet sind. Zum Anderen, weil es in uns nachwievor Unsicherheit darüber gibt, ob das überhaupt wichtig ist. Ob das jemand wissen will. Ob das Sehen unseres Seins etwas ist, das anderen Menschen (der Therapeutin, der Projektperson, den Personen, die das Projekt später sehen oder generell: überhaupt irgendjemandem) “etwas gibt”, was auch uns mit einschließt.

Für uns ist es normal so zu sein, wie wir sind. Wie wir funktionieren, ist für uns nichts fremdes oder besonderes – das ist es erst geworden, nachdem uns gesagt wurde, dass es das nicht sei. Dass es eine Krankheit sei, dass es eine Störung sei, dass das, was dazu geführt hat, unnormal sei. Unrecht. Falsch. Schlecht.
Wir, wie wir sind und wie wir geworden sind, hat also nur durch die Gegenüber- oder Nebeneinanderstellung mit dem Leben und Sein anderer Menschen überhaupt diesen Status von etwas, dem man sich anders widmet und/oder widmen will/muss/sollte, als dem, was diese als üblich wähnen.

Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Dinge, die wir wahrnehmen und denken, teils massiv von dem abweichen, was andere Menschen wahrnehmen und denken. Nicht, weil wir andere politische Haltungen vertreten, nicht, weil wir Dinge mögen, die jemand anders nicht mag – einfach nur, weil unsere Perspektive durch unser Sosein, durch unser Sogewordensein eine völlig andere ist.
Und auch das nicht nur so ein bisschen. So ein bisschen, dass andere Menschen sich eventuell vielleicht doch – mit ein bisschen Anstrengung, Empathie und intellektueller Verdrehung – in uns und unseren Blick auf die Welt hineinversetzen können.

Nein. Wir sind auf eine Art anders gestrickt, dass wir nicht nur ein zwei Aspekte anders erleben und entsprechend einordnen, wenn Wind und Mond mal zufällig komisch stehen oder ein Trigger wirkt oder uns irgendetwas irritiert.
Die grundlegende Struktur ist zu jedem Zeitpunkt anders, als bei Menschen, die nicht viele sind (und zufällig auch noch autistisch).

Für mich beginnt der Unterschied schon dort, dass ich die Normalität der Menschen, die nicht autistisch und nicht viele sind, weder kenne, noch erklärt bekomme, noch als etwas erlebe, das ich als etwas potenziell auch von mir er_lebbares nachvollziehen kann, wenn ich mich in diese Menschen hineinversetze.
Es ist für mich weder denkbar, noch vorstellbar, nicht so zu sein wie ichwir.

Interessanterweise geht mir das auch so mit Tieren.
Ich kann mir nicht im Mindesten vorstellen, wie es ist eine Giraffe zu sein, geschweige denn einen Begriff von ihrem Bewusstsein oder der Art ihrer Wahrnehmung und ihrem Ich-Erleben zu haben.
Dieser Umstand wird von allen Menschen als gegeben akzeptiert. Niemand verlangt es von irgendjemandem und niemand maßt sich selbst ernsthaft an, all das über eine Giraffe zu wissen oder “mit ein bisschen Anstrengung/Empathie schon irgendwie nachvollziehen zu können”.
Es würde sich auch niemand mit vorwurfsvoller Miene vor eine Giraffe stellen und ihr sagen, sie solle sich mal ein bisschen klarer (bitte ohne Geplänkel) ausdrücken, damit man ebenjene Dinge über sie in Erfahrung bringen kann.

Ich will uns und Menschen in ähnlicher Situation nicht mit einem Tier gleichsetzen.
Ich will hier auch nicht zu dem Schluss kommen, dass wir “in einer anderen Welt” als andere Menschen leben. Ich will auch nicht das so oft bemühte “wrong planet”-Bild nutzen.
Ich will aufzeigen, wie groß die Kluft zwischen unseren Wahrnehmungen und Er_Lebensrealitäten ist.
Und wie ungleich groß zuweilen die Bemühungen darum sind, miteinander in Kontakt zu kommen und einander zu verstehen. Und wie verschieden die Motivationen dazu sind, das überhaupt anzustreben.

Ich will es nicht darauf reduzieren, aber schreibe es nun doch so auf:
Ohne die Pathologisierung, die Stigmatisierung, die Ausgrenzung, ohne den tiefen krassen Schmerz, den es bedeutet so wie wir sind in dieser Welt und in diesen Kontexten zu leben, würden wir uns kein Stück um ein Miteinander mit Menschen kümmern. Wir würden es sein lassen.
Wir würden all die Kraft, die es uns kostet in Lautsprache zu denken, zu erklären, zu kommunizieren einsparen und all die Dinge tun, die uns und vielleicht sogar nur uns allein zur Kommunikation und Interaktion mit der Welt dienen.  Wir würden uns nicht erklären, würden nicht all die großen und kleinen sozialen Dressuren aufführen, die es braucht, um überhaupt von als Mensch mit Seele und Sein an_erkannt zu werden.

Wir fragen uns nie, “was es uns gibt” uns die Abbildungen und Darstellungen in Film und Fernsehen, in Romanen, in Erzählungen oder Klatsch und Tratsch von neurotypischen (nicht komplex traumatisierten) Leuten reinzuziehen, weil wir von vornherein wissen, dass das, was dort verhandelt wird, aus einer Perspektive kommt, die wir niemals je selbst einnehmen werden. Da werden Interaktionsmuster gezeigt, die wir nur kopieren, jedoch nie in ihrer Tiefe und Intension selbst auch erfahren. Da werden Werte und Normen repräsentiert, die uns nicht mehr sagen, als, dass sie wichtig für diese Personen sind. Da werden zwischenmenschliche Dramen und Erfahrungen mit_geteilt, die wir selbst entweder gar nicht machen (können) oder, die wir machen, ohne mehr damit anfangen zu können, als das, was wir ohnehin schon 24/7 tun: analysieren, entschlüsseln und mit anderen Erfahrungskontexten abgleichen, bevor sie abgespeichert werden.

Wir wissen, dass uns all diese Medieninhalte nichts geben – wir wissen, dass sie euch etwas geben. Deshalb nehmen wir uns all die Dinge daraus, die uns im Kontakt mit euch eventuell mal hilfreich sein können.

Wir werden daneben übrigens auch nie gefragt, wie das für uns ist nirgendwo kongruent in unserem Sein und Er_leben repräsentiert zu werden.
Manche Menschen erwarten Reaktionen von uns auf Filme, in denen Viele sein oder autistisch sein vorkommt, aber sie erwarten selbst von unseren Reaktionen auf Medien, die Menschen mit einer so krass anderen Perspektive und Er_Lebensrealität über (Aspekte) unseres Seins und Er_Lebens gemacht haben, noch einen Mehrwert für sie und ihre Sicht auf das Thema.
Was sie nicht erwarten ist Unverständnis dafür. Gekränkt davon zu sein, schon wieder von jemandem ohne gleichen Hintergrund für einen Kontext benutzt worden zu sein, in dem wir selbst weder mitgedacht werden, noch sonstwie in einer Art passieren, die auf gegenseitigem Begreifen, Verstehen und inkludiertem Miteinander beruht.

Um ein weiteres Tierbild zu bemühen:
Manche Haie kapieren nicht, dass es Sardinen kränkt, wenn ein Hai einen Sardinenfilm dreht, um unter Haien als der geilste Filmer bekannt zu werden, Haie ins Kino zu bringen, Haien ein weiteres Mittel zur Etablierung einer Haikultur zu schenken, in der sich Haie erkennen und so zu einer Verbesserung oder Veränderung des Haimiteinanders beitragen können.
Und manche Haie haben darüber für Sardinen dann oft auch nicht mehr übrig als “Nja mag ja sein, dass das für dich persönlich jetzt voll blöd ist, aber mich brings voll weiter.” – während die Sardine zurückbleibt. Nicht nur mit ihrer persönlichen Verletzung, sondern auch mit dem Bewusstsein selbst eben nicht weitergekommen zu sein, sondern nur dazu benutzt worden zu sein, einer Gruppe weiterzuhelfen, die nichts außer ebenjene Benutzung mit ihr zu tun hat.
Und, die ihrerseits zu keinem Zeitpunkt überhaupt einen Anlass hat sich einer anderen Gruppe als sich selbst zu widmen.

Die Selbstverständlichkeit mit der sie sich selbst vielleicht mal gut, vielleicht mal eher schlecht repräsentiert wieder_finden können, lässt die Information von komplettem Ausschluss für sie völlig absurd wirken.
Denn selbst sehr schlechte Darstellungen werden ja nur für sie gemacht. Nur sie können die Tiefe, die unausgesprochenen Codes entschlüsseln, nur sie sind gemeint. Nur um sie geht es bei der ganzen Sache. Um ihre Kultur, ihr Miteinander, ihr Sein.

So sitzen wir also da mit der Kritik an einem Projekt, das ist wie es ist, weil wir sind, wie wir (und Renée) sind und sich an Menschen richtet, die sich davon nehmen dürfen sollen, was sie selbst auch nehmen wollen.
Um dann vielleicht auch mal mit Menschen, die erheblich viel anders sind, als sie in an_erkennenden Kontakt zu kommen.

So sitzen wir nun da mit einem Modell von unserem Innen und wissen gleichzeitig, dass wir das Modell des Innen eines Menschen, der nicht viele und nicht autistisch ist, vermutlich niemals zu sehen kriegen werden.
Geschweige denn erklärt und im gleichen Format beschrieben.

Wir sitzen da und fragen uns, was wir denn davon haben, das so zu machen.
Und wieder einmal kommen wir zu dem Schluss, dass wir davon nicht mehr haben als das Wissen, dass wir wenigstens versuchen unseren Schmerz an der Kluft zu anderen Menschen zu lindern. Dass es uns wenigstens nicht so selbstgefällig scheißegal ist, wie es uns damit geht, dass mit uns so umgegangen wird, wie mit uns umgegangen wird.

Wir wissen, dass wir alles dafür getan haben, was wir können, damit es Miteinander gibt. Dass es mehr Möglichkeiten zu Verstehen und Begreifen gibt. Dass niemand sagen kann, wir hätten ja in Wahrheit gar kein Interesse daran.
Wir wissen, dass wir jeden Tag alles was wir können tun, um sowohl uns selbst, als auch anderen Menschen in ähnlichen Lagen zu markieren, dass der Status Quo einer ist, in dem die Mehrheit über aufwendig konstruierte Minderheiten bestimmt.

Wir wissen, dass wir nichts weiter tun und wollen, als uns selbst zu repräsentieren und selbst in unseren Themen und Forderungen zu vertreten.
Und zwar, damit wir selbst am Ende etwas davon haben.
Nämlich die An_Erkennung in unserem Sosein, wie wir sind.
Nämlich die Gewährung von Respekt, von Schutz, von gesellschaftlicher, kultureller, ökonomischer und struktureller Gleichstellung mit genau den Menschen, an deren Normen und Werten entlang, wir, egal wie wir dazu stehen, als anders, fremd, krank definiert werden.

“Ausbildung inklusive”, Episode 10: “Halbzeit” oder “Warum Punktekonten problematisch sind”

“… die Anpassung des einen, kann das beHindernis, des anderen sein…”

Ein Gedanke, der mir kam, als ich am Tag der Zeugnisausgabe nach Hause ging.
Am Tag vorher hatte ich von meiner Note in Wirtschaftskunde erfahren. Auf dem Schulflur. Zwischen Tür und Angel, denn Wirtschaft in eines der Fächer, das wir uns überwiegend allein zu Hause erarbeiten.
Ich habe eine schlechtere Note, als meine schriftlichen Tests vermuten ließen, bekommen, weil ich nicht alle Wahlpflichtaufgaben des Punktekontos erfüllt hatte. Pudels Kern: Die Wahlpflichtaufgaben sind ohne beständige Präsenz im Unterricht und mit einer Problematik in der sozialen Interaktion und Kommunikation nicht erbringbar.
Das nennt der Volksmund “Arschkarte”, ich sage, dass es eine unfaire Benotung ist.

Punktekonten sind der moderne heiße Scheiß.
Und für manche Schüler_innen super. Wenn sie zufällig Freund_innen in der Klasse haben, immer pünktlich, immer präsent und zufällig die Lerntypen sind, die mit Mind Maps, Vokabelkarten und anderen gut überprüfbaren Mitteln arbeiten können.
Für manche Lehrer_innen sind sie vermutlich auch super. Soweit ich das aus meiner Schüler_innenperspektive sehe, hat man damit ein strukturiertes, klares Mittel der Leistungserhebung, das davon befreit, Schüler_innen individuell und/oder vielleicht sogar von Sympathie beeinflusst, zu benoten. Man kann sein Ding durchziehen. Muss nicht weiter überlegen. Behandelt alle Leistungen gleich.

Jedes Punktekonto ist ein Standard, eine Norm.
Jede Leistung, jeder Punkt, der in einem Halbjahr nicht erbracht wird (werden kann) frisst an der Endnote.
Motivation, Engagement, Eigeninitiative, Kreativität bei der Auseinandersetzung mit den Unterrichtsinhalten werden damit nicht gefördert – viel mehr werden sie für das Konto ab_geleistet.
So ergab ein Gespräch mit meinen Klassenkamerad_innen, dass niemand von uns Vokabelkarten für den Englischunterricht, in dem wir ebenfalls ein Punktekonto haben, verwendet, jedoch fast alle welche haben, um die Punkte aus dem Wahlpflichtbereich zu bekommen.
Was genau ist an der Stelle die Leistung? Die pünktliche Abgabe einer zu erbringenden Leistung ohne persönlichen Nutzen, oder die Englischvokabeln, die im späteren Leben zu persönlichem Nutzen verhelfen sollen?

Aus meiner Sicht sind Punktekonten auch schon deshalb problematisch, weil sie Tür und Tor für lerntoxische und übergriffige Akte im Miteinander von Schüler_innen und Lehrer_innen öffnen.
Ich finde es zum Beispiel grauenhaft, wenn Lehrer_innen meine Mappen einsammeln, um ihre Führung zu benoten – oder “für das Punktekonto zu bewerten”.
Denn meine Mappen sind mein Lern- und Arbeitswerkzeug. Da ist meine Ordnung wichtig. Ich muss damit arbeiten können – und auch damit arbeiten wollen. Das Wissen um die Durchsicht für Punkte und damit auch für Noten hemmt mich.
Tatsächlich entwickelt sich bei mir schnell eine Parallelwelt in der Mappenführung, weil ich 90 % der Arbeitsblätter barrierefrei für mich umgestalten muss. Das heißt: die hübschen Kopien aus dem Lehrerzimmer, landen in der hübschen chronologischen Mappe, mit Deckblatt und Punktekonto und Inhaltsverzeichnis zu den durchnummerierten Seiten
– die Dinge, die dafür sorgen, dass ich verstehe, worum es geht, de zeige ich niemals irgendjemandem.

Meine Lernmittel, sind Notizen, Kringel, Schleifen, für Außenstehende vielleicht wirre Skizzen, diverse Webseiten und YouTube-Videos, in denen mir der Stoff wieder und wieder in Dutzenden Variationen erklärt wird, bis ich durch die Wiederholungen das konkrete Muster finde und mit den Unterrichtsmaterialien und den Worten der Lehrer_innen in Verbindung bringen kann.
Heißt: Die Auseinandersetzung mit den Inhalten ist meine Art zu lernen. Das ist langwierig und manchmal ist es auch gar nicht sichtbar, weil ich die Inhalte in mir bewege und innerlich mit der Umgebung abgleiche.
Mein Weg, um Dinge zu begreifen, führt nicht darüber, dass ich mit anderen darüber spreche oder Vokabeln lerne.
Ich lerne über Mustererkennung und brauche dafür eine Umgebung ohne Ablenkung und mit relativer Ruhe, in der ich mir ohne Probleme oder Sorge um mögliche Unterbrechung, ein Video nach dem anderen, einen Text nach dem anderen, über ein und dasselbe Thema reinziehen kann.

Ich lerne dabei nichts auswendig. Ich sammle die Wörter, behalte die, die am häufigsten genannt werden und mit jedem weiteren Text wird mir ihre Position – ihr Kontext klarer. Diese Kontexte brauche ich nach einer Weile immer weniger angestrengt suchen. Und irgendwann – meistens in der Phase vor einem Test, bin ich dann soweit, dass ich sogar im Unterricht anwesend sein kann, ohne mich daran zu verausgaben, zu suchen, was die_r Lehrer_in erzählt, fordert, beschreibt.

Diesen Teil meiner Lernarbeit zu verstecken, gehört zu meinem Leben seit immer.
Denn: die meisten Menschen können das so nicht nachvollziehen.

Die verschiedenen Lerntypen sind über die Sinnes- und Interaktionskanäle definiert.
Es wird zwischen “auditiven” und “visuellen”, aber auch “motorischen” und “kommunikativen” Lerntypen unterschieden.
In diesem Modell fehlt sowohl die Annahme von Menschen, die nicht nur “visuell ein bisschen und motorisch etwas mehr”-Typen sind, sondern auch die Menschen, deren Sinnes- und Interaktionskanäle ganz anders funktionieren und miteinander zusammen (oder entgegen) arbeiten.

Lernen, das ist bedeutet ja nicht nur, Informationen aufzunehmen und abzurufen.
Lernen bedeutet auch, die Beschaffenheit von Informationen zu erkennen, einzuordnen, flexibel einbringen/anwenden zu können und passend zur Fragestellung abrufen zu können.
Das erfordert neurologische Prozesse, die bei neurotypischen Menschen bereits prima erforscht sind und ergo zu solchen Lerntyp-Einordnungen führen.

Wie man meinen Lerntyp nennt, weiß ich nicht.
Ich kenne keine anderen Menschen, die sich mit Inhalten ganz genauso auseinandersetzen müssen, um sie zu erfassen und in die Lage zu kommen, irgendwas damit anfangen zu können.

Ich kann anderen Menschen oft nicht gut klar machen, wie flach mir das vorkommt, was ich als neue Information erhalte.
So seltsam flach, dass ich es meistens als fast körperlich unangenehm empfinde und dann logischerweise verändern will.
Ich bin keine besonders wissbegierige Person. Bin kein “Streber” oder außerordentlich neugierig. Das, was heute mein großer Wortschatz ist, mein, im Kontext zu meinem Leben, meiner Klasse und der Nichtbildung in den letzten Jahren, erstaunlich breites Allgemeinwissen, ist das Ergebnis von dem angenehmen Gefühl, eine unangenehm flache Information zu etwas werden zu lassen, das sich bewegen, be_greifen, anwenden lässt.

Da geht es nicht darum, dass ich mich dann schlauer fühle und deshalb gut oder überlegen.
Ich fühle mich einfach weniger gestört, unangenehm berührt … dumm … manchmal auch: gequält von etwas, das mir zuweilen sogar Angst macht, weil es so gar keine Tiefe oder Bezüge zu irgendetwas hat, aber DA ist und sich immer wieder bemerkbar macht.

Herrje – was für ein Abschwiff.
Zurück zur schlechteren Note.

Ich akzeptiere die Note so nicht und werde auch im nächsten Schuljahr den Wahlpflichtleistungsteil des Punktekontos in dem Fach nicht so akzeptieren. Die Lehrerin hatte mir keine alternativen Möglichkeiten zur Verfügung gestellt, so dass ich gar keine weiteren Punkte “machen” konnte, als die, die ich erbracht habe.
Die alternativen Möglichkeiten stehen mir als Nachteilsausgleich zu.

notsofunfact: der ist offiziell noch immer nicht für uns beantragt.
Warum? Wir haben das an die Schule bzw. die Menschen, die uns da unterstützen wollen, abgegeben.

Inzwischen ist die Hälfte der Ausbildungszeit um.
Wir haben nach wie vor keine Unterstützung beim Schulweg, bringen die Kosten zur Anpassung des Materials selbst auf, unsere Betreuerin sammelt noch immer Absagen von Behörden, wenn es um die Kostenübernahme der Materialgebühren der Schule geht.
Anfang des Monats kam ein Brief von der Stadt wegen des Antrags auf eine I-Kraft, in dem nach dem “Hilfebedarf des Kindes” gefragt wurde.
Das war der Moment, in dem ich dem Direktor und der Klassenlehrerin sagte, dass ich mich manchmal selbst verletze, um handlungsfähig zu bleiben und gleichzeitig der Moment, in dem wir merkten: seit dem Jahr 2000 hat sich für mich (und damit für uns alle) in Bezug auf das “in einem Schulbetrieb sein und lernen” nichts verändert, außer dem Ausmaß der Scham, das mit so einem “Geständnis” einhergeht.
Und das Alter des Körpers, den wir uns teilen.
Und dem Bewusstsein darum, dass dieses So-sein “Autismus” heißt.
(Also vielleicht doch etwas?)

Wir sind trotzdem nicht unglücklich mit der Ausbildung an sich oder denken, dass wir das gar nicht schaffen.
Wir sind manchmal einfach nur sehr sehr müde.
Müde, frustriert und der Alleinsamkeit mit manchen Dingen so bewusst, dass es eben doch sehr weh tut.