„Sometimes, like, you make plans, but, again, these promises and plans always go into chaos.
Its like – I think according, like, to Nietzsche, that life you think has one circle, but no, there are added circles to extra added circles, which create chaos. And than you – its sort of like you’re drowning.“
Ja, „like you’re drowning“, als würde man ersticken. Die Welt verliert alles Licht, jede Richtung, jeder Kontext verliert sich in Mustern, Kreisen, Ebenen. Als würde man das Sterben leben. Ohne Sinn, ohne Halt. Und dann kickt die Traumascheiße. Die Erinnerung daran, wie das war, als man kurz davor war zu ertrinken. Als man kurz vor dem Ersticken war. Als Leben um das Sterben, das beinahe, das ersehnte, das unkontrollierbare Sterben kreiselte.
Und dann ist es bei uns kein Tagtraum, sondern das Leben von jemand anders. Ein anderer kleiner extra hinzugefügter Kreisel, der die Lücken schließt, Kontexte verbindet, die Zeit, den Moment, das Alles festhält und in sich zu etwas verbindet, das er_lebbar ist.
Behinderungen sind nicht sekundär. Nicht für uns. Wir sind die Behinderung, unser Menschsein ist auch, behindert zu sein. Ist wir sein. Deshalb sagen wir „behinderte Menschen“.
Ich mag, wie unsere Perspektive, der Perspektive von Jordan in dem Film, einen kleinen Kreisel hinzufügt und die Verbindung die self advocacy ist. Kein Chaos.
Letzte Nacht war ich zu Hause.
In meinem vom Heuschnupfenmedikament ausgelösten Traum hatte ich mich wieder in L. einweisen lassen.
Auf die Station, in der wir etwas über ein Jahr gelebt haben.
Da war Frau R., die immer noch so weich und so unaufdringlich war. Kein Stück gealtert. Ein Pfleger wurde durch einen unserer Heutelehrer ersetzt, der ihm sehr ähnlich ist. Sonst war alles wie damals. Der holzige Kaffee-Sterilitätsgeruch, der Klingelton vom Stationstelefon. Die Enge, die Nebengeräusche, die blaue Tür mit den kleinen dicken Glasfenstern drin.
Wir waren erwachsen und trotzdem willkommen.
Und K. war auch noch da.
K., die damals schon vor uns da war und erst nach uns entlassen worden war. Mit der wir so gern in Kontakt geblieben wären, aber doch zuletzt 2004 telefonieren konnten. Und mit der wir auch in dem Traum nicht sprechen konnten, weil sie ständig umgeben von anderen Leuten war und nicht in Ruhe mit uns sein konnte.
Es war einer der Träume, die weh tun und über die man heulend aufwachen würde, wäre das Grundgefühl nicht so ein schönes. Mir wurde bewusst, dass wir dieses L.-Gefühl hatten. Dieses Zuhauseseingefühl und gleichzeitig die schon damals durchaus bewusste Bitterkeit darüber, wie abgefuckt die eigene Lage bitte ist, wenn man sich in einer Kinder- und Jugendpsychiatrie zu Hause, sicher und wohl fühlt.
Ich weiß nicht, wieso ich im Traum da war. Merkte auch, wie es mir von Tag zu Tag dort schlechter ging als vorher.
Und ich weiß noch, dass ich mich zum Aufwachen entschieden hatte, weil ich nicht zulassen wollte, dieses gute Grundgefühl mit meinem Schlechtergehen zu vermischen.
Jetzt wo der Traum zu Ende ist, würde ich ihn gern nochmal zurückspulen und ihn mir Bild für Bild ansehen, um mir das L.-Gefühl in hauchdünnen Scheibchen rauszuschneiden.
Gleichzeitig bin ich kurz davor nach K. zu googlen. Ich frage mich, ob sie noch lebt und wenn ja, wie. Ich würde sie gern treffen und fragen, ob sie auch ein L.-Gefühl hat. Ob sie Frau R. manchmal auch vermisst. Ob sie heute auch weder Skip-Bo noch Phase 10 oder Uno spielen kann, ohne an den Küchentisch neben dem Stationskabuff zu denken. Ob sie noch raucht und wenn ja, ob sie manchmal noch mit Kaffee und Kippe innere Wahrheiten auf Collegeblöcke schreibt, so wie wir miteinander, egal wie kalt es draußen war. In der Raucherecke des Innenhofs, wo der Boden mit rauen Gummiplatten ausgelegt war und ein seltsames Gehgefühl machte.
Ich würde gerne wissen, ob sie sich zu Hause gefühlt hat.
Und ob sie, so wie wir heute, ein selbstgewähltes sicheres Zuhause hat.
Ich habe K.s Nachnamen vergessen.
Und meiner ist bald ein anderer.
Die Sonne schien, NakNak* wuselte mit uns im Bett herum, als das Telefon klingelte.
“Unsere Standesbeamtin” war dran. Einige Tage nachdem wir schon dachten sie würde sich nicht melden, weil unsere Begründung nicht ausgereicht hat.
Wir vereinbarten einen Termin, keine zwei Stunden später. Kamen an, saßen rum, traten ein und stellten den formalen Antrag auf Änderung des Vor- und Zunamens. Bei Ausstellung des neuen Personalausweises würde auch der Künstler_innenname eingetragen werden.
Jetzt ist es nur noch ein Führungszeugnis und eine Kopie des Geburtseintrags, dann werden wir anders heißen. Wenn alles glatt geht bereits auf dem Abschlusszeugnis.
Wir kamen aus dem Rathaus, machten gleich einen Termin für das Führungszeugnis, völlig Banane nächste Woche, da sind wir gar nicht da. Kauften uns ein Brötchen, obwohl wir gar nicht hungrig waren. Auch interessant so ein Übersprung in der Schüssel.
Unsere Behördenkrambetreuerin sagte erst am Montag, dass das ja alles auch kathartisch werde würde.
Der Abschluss, der Umzug, der neue Name. Große Befreiung, als weg, alles raus. Neuanfang, weiße Weste trallala
Sie weiß nicht so viel über strukturelle Dissoziation, vielleicht hat sie es deshalb als etwas Positives erwähnt.
Für uns ist genau das eher zu verhindern. Alles hier lassen, ganz neu im neuen Zuhause starten, alles loslassen, bei 0 anfangen. Das hatten wir schon oft und jedes Mal ist ein neues Alltagssystem aufgetaucht, das keinen oder nur spezifisch Bezug zum Vorher hatte.
Sicherlich, wird sich das jetzt heute nicht so wiederholen. Wir sind abgesichert, gestützt, gehalten, sind in uns so viel konsistenter als früher, wir denken nicht, dass es diesmal zu so einer Spaltung kommt, aber mitdenken müssen wirs.
Deshalb haben wir bereits jetzt Monatsmülltüten. Ein Mal im Monat schmeißen wir kreuz feldein weg, was wir nur behalten, weil wir es nicht ersetzen können. Oder weil wir denken, man könne uns verübeln, dass wir es nicht behalten. Oder weil wir denken, unsere Herkunftsfamilie würde das mitbekommen.
Alles weg damit, warten, nachfühlen, merken: Alles ist wie immer, alles ist an seinem Platz.
Das könnten wir nach dem Umzug noch nicht so schnell sagen, denn dort muss alles erst einmal an den richtigen Platz gelebt werden. Deshalb machen wir es jetzt. So lange bis nur noch da ist, was uns das Gefühl gibt, dass alles okay ist. Denn genau das werden wir im neuen Zuhause brauchen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Vorgehen, das nicht lauter HALLO GESUNDES VORGEHEN brüllen könnte. Nicht antidissoziativer wirken könnte.
Und der neue Name?
Wir haben den alten schon weggeschmissen. Schon vor 19 Jahren.
Er ist eine Hülle, die das Außen auf uns drauf wirft, uns aber nie benennt. Uns schmerzt, nie nutzt.
Wir heißen nun schon seit Jahren für alle ‘Hannah’, das muss sich nicht ändern, nur weil ein neuer Ausweisname da ist. Alles bleibt gleich, alles bleibt an seinem Platz.
Außer der Schmerz.
Der bleibt im Standesamt der Stadt aus der wir wegziehen.
Zwischen zwei Abgaben und einer überschrittenen Deadline war der Krampfanfall. In der Schule. Das haben wir lange vermeiden können, aber Notenvergabezeit ist Stresszeit, keine Zeit für einen Schritt nach dem anderen.
Die Lehrer_innen, die da waren, wussten viele Dinge nicht so recht. Entschieden für einen Notarzt. Der kam und britzelte uns seine Neonkleidung ins Hirn. Schob den Pulli am Handgelenk hoch und sagte: “Oh scheiße.”.
Und irgendwie war das gut. Es hat sich gut angefühlt, dass er das so gesagt hat. Oh scheiße, dieses Handgelenk ist einfach mal zu einem Drittel Suizidversuchsnarbengewebe und das andere auch.
Oh scheiße oh scheiße oh scheiße das alles. Dass das so ist, dass das so nötig war, dass es nie anders ging, dass man es für immer sehen wird. Oh scheiße, dass man da keinen Puls mehr fühlen kann, aber, wenn man sich Mühe gibt, unsere Not vor 18, 17, 16, 15 Jahren.
Oh scheiße, das Leben ist so fragil, aber gleichzeitig kannst du dein Blut aus dem Handgelenk wie aus einem Springbrunnen hüpfen sehen und doch nicht daran sterben. Das Leben ist nicht zwangsläufig, was man erlebt und trotzdem alles, was man leben kann. Und oh scheiße, wie schlimm das manchmal ist.
Ich mochte den Notarzt. Er hat mein Nochnichtwiedersprechenkönnen nicht zu brechen versucht. Hat alles angekündigt, hat uns allein gelassen, nachdem die Lage gesichert war.
Er hat die Scheiße gesehen und daran geglaubt, dass wir damit umgehen, damit leben können.
Das war toll, denn so ist das Leben auch.
Zeit, Prozess.
Scheiße in der Vergangenheit und Umgang damit für immer.
Ich brachte NakNak* zu C., damit sie nicht mit nach Berlin kommen musste.
Dachte zwischen Augenauf- und zuschlag daran, wie viel besser und sicherer es für uns wäre, könnten wir sie mitnehmen. Spürte eine Ängstlichkeit, verwischte sie mit einer Augenbewegung. Berlin ist ein Moloch. Wir haben da keine eingeübten Routen, keine festen Bezugspersonen, die NakNak* kennt. Wenn wir da umfallen, gibt es da noch jemanden, die_r sie einfach zu sich mitnimmt.
C. hat sich ein Exemplar von “aufgeschrieben” gewünscht und eine Widmung. Es ist allen gewidmet, das steht da drin, aber alle sind nicht alle, die sich davon auch bewidmet fühlen. Vielleicht ist da eine Ebene, die wir noch nicht so richtig verstehen. Ich vertröste sie und mache mir einen Knoten in den Anfang dieser Forschungsreise.
Fahre nach Hause. Übe das Vorlesen der Kapitel. Denke, dass es gut wird. Arbeite an einer Abgabe weiter, für die ich am Samstag keine Zeit und am Sonntag keine Kraft haben werde.
Im Zug schreibe ich Schuldinge, höre Musik, denke an R. und das, woran wir gerade therapiearbeiten.
In Berlin scheint die Sonne auf meinen dicken Körperversteckpullover. Tempelhofer Feld, Vögel, gutes Sprechen, Erklären, Überlegen am Nachwachshaus, an anderen Projekten. So haben wir uns das immer gewünscht. Diese Konspiration ums Nachwachshaus. Wie früher. Auf dem Boden sitzen und Aspekte durchsprechen. Fragen aufstellen, lösen, neue finden, dabei auf etwas rumkauen. Damals Zigaretten, heute süße Früchte. Zeit vergessen, Prozess werden.
Dann das Kind. Das Essen. Das noch mehr Sprechen. Schön wie eine Wand, in die man sich einwickeln kann. Wissen: Ja, das können wir auch hinkriegen. Ein Kind. Nicht trotz allem, sondern, weil das allem zum Trotz nichts fremdes ist. Es ist nur für und mit jemandem sein, um dessen Verstehen und Ver_Sorgen man sich länger einseitig bemühen muss. Vielleicht. Noch ein Knoten an einen Forschungsgedanken, dann die Lesung und Verlagsvorstellung.
Kurz ist da Nervosität, dann nicht mehr. Aufgabe, Menschen, Sprechen, Reagieren, Freuen, Wiedererkennen. Im Laden ist es schön, riecht nach Kaffee. Man schaut aus dem Fenster und sieht Menschen, die sich dicht an dicht auf die Wiese im Park gesetzt haben. Wir werfen den Ablauf durcheinander, das passt zu unserem Verlag und wieder weiß ich, dass wir da einen guten Platz gefunden haben. Wir machen, was alle machen, aber wir machen es anders und es ist weder schlimm noch destruktiv. Wir sind nicht mehr allein damit so zu sein und das ist, was uns da auf dem Bühnchen vor dem Fenster vor der Wiese mit den Menschen in der Sonne sitzen bleiben lässt.
Wir sind nicht allein. Yori ist auch da und es ist gut, obwohl so viele Leute uns ansehen und anhören.
Das sind zu viele Gefühle auf einmal und wir wissen bis heute nicht, ob wir uns gut gefühlt haben. Was wir da gefühlt haben außer diesem Willkommensein im Andersseinmachen und der Erleichterungsfreudenverwirrung darüber, dass Menschen, die wir kennen, unser Buch gekauft haben um es zu lesen, obwohl wir sie gar nicht darum gebeten haben.
Im Zug nach Hause übe ich Mathe. Integralrechnung olé olé. Am Donnerstag ist der Klausurtermin für die Vornote des Abschlusses. Nach der Klausur zu Prüfungsbedingungen am Montag, nach der MTD-Klausur und dem Rest der Probeprüfung. Vor den restlichen Abgaben und Probeprüfungen. Noch 2 Wochen dann sind 2 Wochen Ferien und eine davon werden wir beim Freund sein. Endlich. Schnell einen Knoten an diese Forschungsrichtung um Vermissen eines Menschen und dem immer noch fremdneuen Wunsch nach seiner Anwesenheit an der Seite. Zurück zu Mathe.
Die Probeprüfung lief gut und wir danach nach Hause, vorbei an gegen den Stadtlärm anbrüllenden Vögeln und gefällten Bäumen. Der Planet stirbt und wir werden eine gute Note in Gestaltung auf dem Zeugnis haben olé olé
Wir schlafen bis halb 6, fahren zur Therapie. Erinnern uns an die Lesung, wollen davon erzählen, aber was wissen wir selbst nicht so richtig. R. ist in der Stunde, wir gehen raus und haben eine aufgekratzte Stelle am Arm, die brennt und nervt bis Donnerstag.
Da schreiben wir die Arbeiten, kommen nach Hause und finden einen Brief von ihr, in dem sie ihre Zeit beschreibt. Damit haben wir nicht gerechnet.
Der vierte Weltautismustag mit dem Wissen um den eigenen Autismus.
Was kann ich dazu schreiben. Eigentlich nichts. Wir sind nicht nur autistisch. Ich denke, dass an so einem Tag nur die sprechen sollten, die ausschließlich das sind. Autist_innen.
Ich weiß, woher ich diesen Gedanken habe und weiß, dass ich ihn nicht haben muss. Er ist trotzdem da und wirkt. Dieser Text ist ein Versuch daran vorbei zu kommen.
Denn es ist unser „nicht ausschließlich autistisch“-sein, das die Diagnose so lange verunmöglicht hat und es auch heute noch erschwert, als auch autistische Person verstanden und anerkannt zu werden.
Es gibt enorm große Schnittmengen zwischen Autismus und dissoziativen Störungen (aufgrund traumatischer Erfahrungen). Sich auf gleich zwei so umfassenden Spektren verorten zu wollen, ist eine Herausforderung und nachwievor sind wir damit (gefühlt) völlig allein.
Durch unsere schulische Ausbildung haben wir viel Raum, uns damit auseinanderzusetzen, worin unsere Lern.Be.hinderungen und unsere Kompensationsstärken liegen. Wir haben gelernt, dass wir eine Stärke für Details und Analysen hochkomplexer Zusammenhänge haben, gleichzeitig jedoch Schwierigkeiten so schnell Verbindungen herzustellen – und beizubehalten – wie in der Schule und auch manchmal im Alltag erforderlich.
Wir bewegen uns geistig wie sozial nie im großen Ganzen – sondern immer im präzise durchanalysierten und scharf beobachteten Moment. Wir können darin mehr aufnehmen als andere Menschen, viele Verläufe und Möglichkeiten gleichzeitig berechnen, abwägen, einordnen, können sie aber oft nicht als das kommunizieren, was hinter unseren Analyseergebnissen (und entsprechendem Re_Agieren) steht.
Wir können sehr gut schreiben und gut sprechen, etwas für andere Menschen verständlich zu sagen jedoch, raucht uns sehr schnell, sehr tiefgreifend aus.
Wir sind konsequent wie eine Guillotine im freien Fall, wenn wir uns etwas vorgenommen haben und gleichzeitig ohne jede Struktur, was ebenjene Vorhaben bzw. ihre Umsetzung angeht.
Die Gegensätzlichkeiten und Widersprüche in unserer Interaktion und Kommunikation sind in einer Linie mit der Art, wie wir gestrickt sind und das ist eine merkwürdig guttuende Erkenntnis.
Wir sind “geistig behindert” und gleichzeitig hochbegabt. Kriegen nichts auf die Kette und haben gleichzeitig das Potenzial sogar mehr zu können bzw. zu schaffen, als viele andere Menschen.
Wir sind eine Person, ein Einsmensch, und gleichzeitig viele. Viele Seelen, viele Leben, in einem Körper.leben.
(Diese) Gleichzeitigkeit mitzudenken, zu erleben und zu empfinden ist, was uns ausmacht.
Ob das eine rein autistische Geschichte ist, wissen wir nicht. Die Dinge, die wir in den letzten Jahren über Autismus gelesen haben, befassten sich nicht bzw. wenn, dann eher am Rande mit solchen Aspekten.
Meistens ging es um autistische Kinder. Um autistische Kinder in der Schule, im Defizit, im Zentrum der Angst vor sozialem und ökonomischen Abstieg der Eltern. Es ging um neuere Studien zur genetischen Grundlage des Autismus, um mögliche Risikofaktoren während Schwangerschaft, Geburt und frühster Kindheit.
Zur Lage und Lebensqualität komplex traumatisierter Autist_innen oder autistischer Menschen, die komplex traumatisiert wurden, haben wir noch immer keine Veröffentlichung gefunden. Keine, außer unserer eigenen, von denen wir bis heute nicht so recht wissen, ob sie nachvollziehbar, sinnig, ~wertvoll, konstruktiv für irgendetwas oder irgendwen nutzbar sind.
Am Weltautismustag wird in Amerika nachwievor die (von Autist_innen scharf kritisierte) Organisation “Autismspeaks” beworben, die ein Puzzleteil als Logo hat. Die Ironie ist groß. Sagt man doch auch über Leute, die viele sind, sie wären innerlich ein Haufen auseinandergerupfter Teile, die zusammen ein Ganzes ergeben.
In unserem vierten Jahr mit Autismusdiagnose und dem inzwischen siebzehnten Jahr DIS-Diagnose denken wir beides gleichzeitig in uns und fühlen uns damit isoliert. Weggerupft.
Wir sehen nachwievor keine Inklusion von autistischen Menschen in der Traumaforschung und von anerkannt traumatisierten Menschen in der Autismusforschung.
Wir sehen nicht, dass sich Traumaspezialist_innen für die Neurodivergenz und ihre Auswirkungen auf das Gelingen oder Nichtgelingen von Traumatherapie interessieren. Sich fort- und weiterbilden, sich dazu entscheiden, anzunehmen, dass auch behinderte* Menschen von Traumatherapie profitieren können, wenn man es ihnen ermöglicht.
Wir sehen nicht, dass der institutionellen Pflege und Versorgung von autistischen Menschen die Idee von Selbstermächtigung innewohnt. Sehen noch bei viel zu wenigen Menschen das Bewusstsein dafür, dass man bei bestimmten Heil-, Hilfe- und Förderungs.be.handlungen das Potenzial einer grundfesten Traumatisierung autistischer Menschen mitbedenken muss.
Wir sehen nur einen Haufen Puzzlestücke, die sich hier und da um einzelne Aspekte klumpen, die letztlich nicht den Menschen dienen, um die es geht.
Und wissen auch in diesem vierten Jahr der Auseinandersetzung nicht, ob mehr Awareness das Einzige ist, das gebraucht wird, um das zu verändern.
Eingerahmt von Übersprungsgeräuschen dachte ich, wie mutig unsere Therapeutin eine Email vorlas, die wir beide erhalten hatten. Von jemandem von uns.
Das ist neu in seiner Altheit. Und erschlagend in seiner Realität.
Dinge wie Anfang der 2000er zu tun, als wäre nichts anders – als hätten wir auch heute noch keinen privaten, einzig von uns allein einsehbaren Emailaccount – bedeutet Teenager-Innens. Bedeutet die Notwendigkeit von Mut.
Bedeutet zu lernen, dass es noch immer Internetcafés gibt. Dass man ein Mailpostfach nicht verliert, nur weil man es zuletzt vor 14 Jahren benutzt hat. Dass ein Ich noch genauso rasend ablehnen und das eigene in den Ohren rauschende Blut gegen eine fremde Verzweiflung pressen kann wie früher.
Als. wäre. nichts. passiert.
Es ist nicht überraschend passiert. Wir wollten das. Wollen das.
Aber.
Und.
Irgendwie – nicht so.
Ich will diese Party machen können von der ich in einem Quatschratgeber für Vielemenschen gelesen habe.
Ich will hingehen – Vorhang auf – tadaa ach da bist du ja – komm rein altes Haus, hier isses richtig geil. Im Vergleich zu dem woher du kommst. Nimm dir Kuchen, halt die Nase in die Sonne, das Leben gibt heute einen aus!
Aber so läuft das nicht bei uns. So lief das noch nie.
Schon weil wir diesen Vorhang nicht haben. Eher einen Schleimblobb aus Nebel, Angst und Dunkelheit, der dann und wann Gedanken, die auch gut Einbildungen sein könnten oder Gefühle, die genauso gut Übersprungshumbug sein könnten, durchlässt. Bevor wir wissen: Ah das ist ein Innen – bevor wir in diese achtsame Mutigkeit von unserer Therapeutin kommen, exerzieren wir das Falsememory-Einmaleins und unsere Diagnosensammlung durch, obwohl wir wissen wie völlig Banane das ist und auch wie destruktiv.
Und: wie selber Anfang der 2000er, dem inneren “Ich habe sicher einen Hirntumor und werde bald tot sein”-Zeitalter.
Der Therapeutin zuzuhören und zu denken: “mutig”, war irgendwie gut. In fact, war das mein klarster Gedanke in der ganzen Stunde und als sie am Ende sagte, dass es okay war, dachte ich: “mutig ist okay” und das war irgendwie gut. Merkwürdig entwickelt, seltsam dissig eingebaut, aber irgendwie … gut.
Ich schenkte dem Lehrer, der mir bei der Paginierung von “aufgeschrieben” geholfen hatte, ein Exemplar. Eine dreiviertel Stunde später gab er zwei Bestellungen von anderen Lehrer_innen an mich weiter.
Leute, die über das hier – also ALLES DAS HIER, was meine beiden Arme selbst in einem Bogen ausgestreckt nicht berühren können, nichts wissen.
Ist das ein Outing? Hm, nee. Aber vielleicht für sie. Wer weiß.
Menschen haben das Buch in der Hand gehabt und gesagt: “Oh das ist aber schön.”. Awkwardness at it’s max. Das wollte ich sie empfinden lassen – wieso klappt das so einfach? Das klappt doch sonst nicht? Oder doch? Wie reagieren Leute eigentlich sonst auf meine Machwerke? Ist das Dissoziation? Hm. Wer weiß.
Die Sonne scheint. Der Wind zupft an meinen Wimpern. “aufgeschrieben” zwischen Krokussen. Vor einer Steinwand. Vor einer Wand aus gesprungenem Glas. In eine Metallwand geklemmt. Auf Holz. Auf Gras. Was passt zum Buch, was zum Style des Instagramaccounts des Verlags. Oh man, alle werden sehen, dass wir .. dass das .. es ist wirklich jetzt da. Wir haben das gemacht und es ist da. Ist das Angst? Hm. Wer weiß.
Die Plastikfolie um jedes Exemplar ärgert mich. Die Grafiken sind nicht gelungen. An einigen Stellen ist der Text falsch gesetzt. Wenn man es aufmacht, stinkt es. Jedenfalls in meiner Nase. Das Papier ist zu dünn. Wir hätten noch so viel anders machen müssen. Mein Exemplar liegt drei Tage offen, dann muss ich reinschauen, weil mich Leute nach dem Inhalt fragen oder bitten etwas darüber zu sagen. “Es ist nicht so perfekt wie es an meinem Computer in den letzten 3 Monaten ausgesehen hat, das tut mir so unendlich leid, ich wollte es besser, richtiger, perfekt schaffen, aber vielleicht geht das auch gar nicht, vielleicht geht nur “gut genug”, findest auch “gut genug”, gut genug zum Angucken und Lesen?”, das will ich schreiben, aber das ist nicht, wonach gefragt wurde. Es steht für niemanden in Frage sich ihm zu widmen und vielleicht auch zu lesen. Das ist so krass. Oder? Hm. Wer weiß.
Die Sonne scheint mehr. Blendet, wärmt, brutzelt zuweilen.
Im Mailpostfach einige Anfragen für Lesungen. Beim Öffnen des Kalenders Zukunftsmusik. Hier Lesungen, da der Schulabschluss, dort Umzug zum Freund und, mit Bleistift am Rand, der Moped-Führerschein.
Ist das schön?
Ja. Ziemlich.
Als ich mich für ein Brot mit Erdbeermarmelade entscheide, wird der Regen in weißen Streifen durch die Luft gewogt. Als sich die Marmelade gerade in das weiche Margarinenbett kuscheln will, kommt die Sonne raus. Es ist hell und strahlend, der rote Bobbel vor mir leuchtet wie ein Stück Theatereingeweide.
Ich lass es liegen. Werd schon nicht verhungern.
Was mach ich jetzt. Nichts mach ich.
Die Langeweile zieht mich vor Netflix. Die Schwangerschaft mit unserem Buch hält uns da. Oder vor dem Wolkehaushalt in die Sims3. Nicht denken, nicht machen. Einfach nur so durchfischeln. Das geht. Meistens. Oft genug.
Die Dinge in unserem Leben jetzt, sind alle nicht spruchreif. So viel Zukunftsmusik, dass mir die Ohren klingeln und der eingeigelte Stummtaubblindverkrümel zu werden, ist oft das einzige, was wirklich hilft.
Alles was wir für diese Zukunft wollen, können wir nicht einfach entscheiden. Wann ausziehen, wann umgezogen sein – der Freund muss mitreden, hat eigene Dinger am Laufen, braucht auch Sicherheiten. Nicht so einfach. Alles muss daran angepasst werden. Das ist wie noch einmal 5 Lautstärkestufen rauf mit der Zukunftsmusik unter der das Knacken und Knirschen unserer Anpassungsprobleme unhörbar werden. Alles eine Frage der Kommunikation. Schwierig so auf die Distanz.
Am Donnerstagmorgen hatte ich Erdbeermarmeladenbrot und abends den Brief mit der Begründung für eine Namensänderung in der Hand. Wir fuhren sehr spät nachts noch mit dem Rad hin, um ihn einzuwerfen, aber dann doch nicht.
Bist du wirklich sicher? wummerte die Zukunft mit grellen Lichtblitzen auf mich ein. Ich bin nicht sicher. Ich bins nicht, ich werds nie sein. Zukunft, das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, wie sicher ich mir bin, es geht darum, wie sicher ich mir bin, damit umgehen zu können, wenn Dinge nicht so richtig klappen. Oder völlig anders als gedacht. Frag mich, wie bereit ich dafür bin, daran zu arbeiten, dass es so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Frag mich nach meiner Kompromissbereitschaft. Frag mich, ob ich dich mögen werd, auch wenn du mir weder grüne Wiesen im Sonnenschein noch Fettlebe mit Zuckerguss zu bieten hast.
Zukunft, wenn du so fragst, dann ich will dich bitten mir aus dem Weg zu gehen. und das hatten wir doch schon so oft. Wir wissen beide, dass das nicht geht.
Am Freitag klebte ich eine Grüffelo-Briefmarke auf den Antrag und warf ihn in einen Briefkasten.
Fuhr nach Hause. Kochte Süßkartoffelsuppe. Draußen regnete es und drinnen fragte ich mich, ob das Buch denn wohl bald fertig gedruckt ist.
Dann schaltete ich den PC ein, um nach Familie Wolke zu sehen.
Um mich herum Zukunftsmusikdisco.
Klingt komisch. Awareness-Day.
Ein Bewusstseinstag für eine “Erkrankung”, die so vieles unbewusst bleiben lässt.
Und irgendwie auch schlimmer wird, je mehr Bewusstsein für sie entsteht.
Die dissoziative Identitäts”störung” ist mehr als ein psychiatrisches Krankheitsbild von besonders dispositionierten Individuen.
Sie ist auch eine soziale Diagnose, denn die Ursachen sind überwiegend soziale Akte.
Misshandlung, Vernachlässigung, emotionale Grausamkeit, sadistische Quälerei, sexualisierte Ausbeutung, psychische Manipulation, jahrelang anhaltende latente Lebensgefahr, Folter. Zum Beispiel.
Das liest man schnell mal so weg und die Abstraktion der Begriffe geht soweit, dass sie die Menschen darin oft mitnimmt. Der soziale Akt, die Menschlichkeit, die auch Gewaltbereitschaft, Lust an Gewaltausübung, Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer enthält.
Ein Bewusstseinstag für DIS kann nicht nur ein Tag sein, an dem man sagt: Guck mal hier, das gibts!
Das wäre zu wenig, auch wenn es für die meisten Menschen dann doch wieder zu viel ist.
Mit dem Bewusstsein für Menschen wie uns, für Menschen, deren Identitätsstruktur von dissoziativen Brüchen definiert ist, kommt die Konfrontation mit der eigenen Dissoziation.
Der Dissoziation, die vor dem Bewusstsein schützt, dass die Welt auch ein gefährlicher, schlimmer, schlechter grauenhafter, moralisch abstoßender, erschreckender, bestialischer Ort sein kann. Jederzeit und genau jetzt für so viele Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt absolut schutzlos darin befinden.
Die Dissoziation um die Wahrheit, dass es wahr ist, wenn Menschen über Menschen sagen, dass sie das gefährlichste Lebewesen auf der Welt sind.
Die Dissoziation um die Realität der Überlebenden. Um die relative Nähe zueinander.
Ich halte es für problematisch nicht auch dafür Bewusstsein herzustellen.
Denn allein das Wissen um eine Problematik, Erkrankung, Störung reicht nicht, um Umgänge zu finden oder Ideen um Fragen nach Heilung, nach Rehabilitation, nach Verarbeitung zu diskutieren.
Nicht alle Menschen mit DIS sehen sich als krank. Wir sind einer davon. Deshalb nennen wir es Identitätsstruktur, sprechen von “Traumafolgen” oder “Traumafolgeproblemen”.
Die Diagnosekriterien der DIS sagen uns nur, dass wir gesehen und erkannt, eingeordnet und klassifiziert werden können. Das bedeutet: die Diagnose validiert uns aufgrund dessen, was jemand außen verstanden und anerkannt hat. Es geht dabei um uns, wie wir “wir” sind. Dass wir da sind und uns als Ichs im Leben eines Einsmenschen erleben.
Es geht nicht um die Flashbacks, es geht nicht um dissoziative Phänomene wie Krampfanfälle, Sinnesausfälle, Depersonalisation, Derealisation. Es geht nicht um Angst, nicht um Depressionen. Es geht nicht um die Isolation unter Menschen, deren Identität so grundlegend anders strukturiert ist.
Nicht einmal gestreift wird dieser Aspekt des Lebens in einer Gesellschaft, die jene Umstände zulässt, aus denen wir hervorgegangen sind, und kollektiv an der Aufrechterhaltung der Dissoziation dazu arbeitet. Nie gedacht an den Verrat, den das auch bedeutet.
Die Diagnose selbst ist das Ergebnis dieser kollektiven Gewaltdissoziation.
Es gäbe eine völlig andere Struktur der Hilfen, der Forschung, der Heilungsdiskurse, wäre das nicht so.
Es erscheint so vielen Menschen unvorstellbar, sich Menschen frei von Gewalt zu widmen, dass es noch mehr von ihnen undenkbar ist.
Wie soll man jemandem helfen, wenn man gar kein Doktor ist?
Hmm wenn die Person viele ist ach nee da soll mal lieber ein Profi dran – ein_e echte_r Psycholog_in am Besten!
Das ist Vermeidungsverhalten. Und zwar eins das an allen Ecken und Enden in unserer Gesellschaft nicht problematisiert wird. Es wird im Gegenteil sogar bestärkt, gestützt und als natürlich gegebene Funktionalität unserer Gesellschaft als Ganzes verhandelt.
Aber Menschen, die Viele sind, die bekommen solcherart Stützen nicht. Die versuchen das oft sehr lange und sehr aufwendig in ihrem Leben aufzubauen. Versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich in ihre Wechsel und Brüche, ihre Vermeidungen, ihre Symptome und Schwierigkeiten hineinzuorganisieren, doch scheitern endgültig in dem Moment, in dem ihnen gesagt wird: “Das ist krank. Was du da machst, wie du bist, was du da erlebt hast und bis heute erlebst, das ist nicht normal.”
Obwohl es extrem normal ist. Es ist extrem normal Gewalt zu erleben. So viele Menschen erleben genau jetzt Gewalt. Genau jetzt, während du das hier liest, sterben Kinder an Gewalt, die ihnen angetan wurde. Genau jetzt überleben wer weiß wie viele Menschen Folter, Qual und Not.
Krank werden diese Überlebenden aber erst mit dem einordnenden Blick einer dazu legitimierten Macht.
Das ist wichtig zu verstehen.
Denn Viele zu sein bzw. mit einer dissoziativen Identitätsstruktur zu leben, ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Und zwar einer, der ganz natur_logisch eingebaut entstehen kann, wenn er nötig ist um zu überleben. Nichts daran ist krank oder falsch oder irgendwie künstlich.
Was krank und falsch ist ist, wenn die gleichen Leute, die das Erlebte entnormalisieren und das Gelebte pathologisieren sagen: “Wenn du normal sein willst und also unterstützt, versichert, heil und gut, dann offerieren wir dir diesen wunderbunten Strauß der Optionen, aus dem du frei* wählen kannst. Wenn du nichts wählst, ja dann kann dir auch niemand helfen. Selbst schuld. Stirbste halt doch vielleicht.” [*solche Entscheidungen sind niemals frei, denn in unserer Gesellschaft ist niemand frei]
Das hier soll kein Text sein, der dazu führt, dass man Therapien und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen, die mit einer DIS leben, ablehnt oder für allesamt falsch erklärt.
Aber er soll dazu beitragen sich bewusst zu machen, dass das der Kosmos ist, in dem dieser Zustand nicht nur be- sondern auch verhandelt wird.
Spricht man über oder von DIS, dann nutzt man psychologische, psychiatrische, medizinische Modelle des Menschseins. Man bewegt sich in psychologischer, psychiatrischer, medizinischer Terminologie. Man denkt an die Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung, man forscht und seziert die Mechanik der Psyche durch die Brille ganz spezifischer Deutungshoheiten über objektifizierte, also versachlichte, Subjekte.
Das ist ein ernstes Problem, denn es trägt nicht dazu bei, dass die ursächliche Gewalt nicht mehr passiert.
Es trägt nicht zu einem Verständnis der verschiedenen Lebensrealitäten der Betroffenen bei.
Es trägt einzig zur Einordnung, Klassifizierung, Erforschung und Veränderung des Zustands überlebender Individuen bei.
Das ist viel, ja, aber nicht alles.
Und längst nicht genug.
Das möchten wir in diesem Text bewusst machen.
Wir wissen, dass die meisten Leute lieber eine fesche Infografik wollen, irgendein witziges Meme, das verlinkt ist mit irgendeinem psychologischen Text, der sagt: “Ja, gibts wirklich. Ja, ist echt schlimm. Ja, muss man therapieren.”
Wir wissen, dass man den Überbau dazu lieber vermeiden will.
Deshalb machen wir das so und nicht anders.