Nachtrag zum Tag des Folteropfers

flieder Gestern am 26.6. 2014 war internationaler Tag der Folteropfer.
Das
Institut für Menschenrechte trägt immer viele gute Sachinformationen zum Thema zusammen und macht auch in diesem Jahr, wie so ziemlich jede Organisation mit dem Schwerpunkt “Menschenrechte”, darauf aufmerksam, dass die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter bis heute im Grunde ein Ehrenämterposten mit dem Prüfungsauftrag sämtlicher Heime, Kliniken und Verwahrungsanstalten von Deutschland ist.
Es geht um Geld, Verantwortung, Schuld, den Begriff der Folter.

Es geht nicht darum Opferschaft als einen Zustand zu markieren, der vorbei geht und doch so tiefgreifende Spuren hinterlässt, dass das “nach der Folter”; “nach der Opferschaft”; “nach der Täter-Opferschaft”; “nach der Zeuge von Folter – schaft” gleichsam als sowohl Folter-, als auch Gewaltpräventionsraum anzusehen ist.

Folter ist ein Akt der Gewalt, der weit mehr als Symptome einer PTBS entstehen lässt, wie quälende Ängste, Flashbacks und darauf aufbauend Vermeidungsverhalten und Somatisierungen. Das Ziel von Folter ist es, zu Gunsten Dritter, sämtliche Internalisierungen über Werte, Normen, emotionale Bezüge in einem Individuum zu zerstören.

In manchen Kontexten steht am Ende der Folter eine Aufgabe Funktion des Individuums, zum Beispiel als SoldatIn Teil einer (Bürgerkriegs) Armee zu werden, oder als SpionIn, KurierIn oder auch bloßes Objekt zur Benutzung jeder Art eingesetzt zu werden.
In anderen Kontexten steht am Ende der Folter, die Integration in eine Gesellschaft, deren Normierungszwang die Folter erst ermöglichte. So sind geschlossene (Kinder und Jugend- ) Heime und die Psychiatrie als Ort zu betrachten, in denen das Sein der Irren und Ausgeschlossenen nicht nur in Gefahr ist, weil sie exkludiert sind und sich, warum auch immer, selbst- und/oder fremdschädigend verhalten, sondern auch, weil diese Art der Sprache, des Ausdrucks, als “verschwunden”/ “geheilt”/ “kompensiert” gelten muss, um eine Chance auf Reintegration zu erhalten. Das Stigma psychischer Krankheit verhindert jedoch bis heute gründlich die Inklusion von Menschen mit Psychiatrieerfahrung jeder Art.
In diesem Kontext hinterlässt die psychiatrische Folter also nicht nur den Verlust der Integrität über eigene Normen und Werte, sondern auch noch den individuellen Ausdruck dessen, zu Gunsten einer Gesellschaft, die sich selbst nach einem Anpassungsvorgang (selbst wenn das Individuum die totale Selbstentfernung und/oder Verleugnung vorgenommen hat und bereit ist sich neuen Aufgaben zu stellen) nicht dazu entschließen muss, sich diesem Individuum anzunehmen.

In jedem Fall bedeutet das Ende der Folter, den Anfang von einem Leben in dem vorrangig folterbedingte Internalisierungen das Individuum wenn nicht kontrollieren, so doch früher oder später, mehr oder weniger beeinflussen.
Die Möglichkeit selbst zum Folternden oder zum Folter nicht ablehnenden Menschen zu werden bzw. so zu handeln, weil keine Alternativen erlernt/eingeübt wurden und/oder gesellschaftlich akzeptiert und somit gesichert (privilegiert) werden, ist vielleicht nicht in 100% der Fälle zu beobachten, dennoch aber nicht von der Hand zu weisen.
Gewalt gebiert Gewalt – das gilt auch und in manchen Kontexten sogar explizit für Folter (siehe “Kindersoldaten”).

Am Tag des Folteropfers nicht über die Situation der zu Opfer gewordenen Menschen zu sprechen, halte ich persönlich für einen gewaltkulturellen Reflex unserer Zeit und ein Symptom für als selbstverständlich betrachtete Dualismen, die nicht als Gewaltmechanismen anerkannt werden.
Es ist offenbar selbstverständlich, dass zu Opfer gewordene Menschen weder in der Politik noch im ehrenamtlichen Engagement mitmischen dürfen, sondern bestenfalls als Fallgeschichte oder emotionalisierendes Einzelschicksal auftreten dürfen (!). Es ist offenbar nicht möglich, die verschiedenen Instanzen, die mit der Versorgung von Menschen die Folter überlebt haben (überleben mussten) zusammenzubringen und das Wissen über die Entstehung, Ausübung und Folgen von Folter zusammenzutragen, um es zu einem Einfluss für eine Gesellschaft ohne Ausgrenzung, Unterdrückung … Exklusion werden zu lassen.

Es heißt konstruktive Vorschläge wären neben der Formulierung der Problematik, dem Informieren über diesen Tag und sein Thema gern gesehen.
Hier meine Vorschläge und Ideen zur Prävention von Folter und folterähnlicher Zustände in geschlossenen Einrichtungen von Deutschland

1) Jeder/ jedem PatientIn*/ KlientIn*/ HäftlingIn* eine/n FürsprecherIn*
Diese/r muss:
– geschult sein in PatientInnenrechten bzw. in Haftkontexten in Rechten von Gefangenen
– global unabhängig vom Kostenträger der Einrichtung bzw. Anstalt sein
– befugt sein jederzeit Kontakt zu seinem/ seiner KlientIn* aufzunehmen (gleiches gilt für die KlientInnen*)
– befugt sein sofort und auch ohne Zustimmung und Kenntnis der Einrichtung Meldung über Missstände zu machen – im günstigsten Fall an eine kontrollierende Instanz, die, wenn nötig Maßnahmen zur Veränderung der Situation einleiten kann

2) geschlossene Einrichtungen müssen sich (entsprechend Punkt 1) vom Privileg der Selbstorganisation und freiwilligen Selbstkontrolle verabschieden

3) die Personalschlüssel in geschlossenen Einrichtungen werden angehoben

4) das Personal wird in im gewaltfreien Umgang mit ihrer Verantwortung als Definitionsmacht geschult

5) Für KlientInnen* wird ein größeres und besser nutzbares Netz an Alternativen zur Veränderung ihrer Lage geboten
Das bedeutet:
– ein Ausbleiben von Einweisungen auf “freiwilliger Basis, weil Alternativen der (sicheren) Unterbringung fehlen”, was wiederum der Nutzung der Psychiatrie als exkludierende Instanz entgegenwirken kann
– die Förderung von Projekten und Wohn- und Therapiekonzepten, die ambulante wie stationäre Aufenthalte in bisher neuem Umfang und fern psychiatrischer Kontexte zum Ziel haben
– die Finanzierung ambulanter Therapieangebote ist bis zur Heilung* eines Individuums gesichert – auch Erhaltungstherapie wird so lange gesichert, wie es nötig ist*
– die Bedarfsplanung zur Behandlung psychisch erkrankter Menschen orientiert sich an sowohl der angenommenen Dunkelziffer von Gewaltüberlebenden, wie an der Dunkelziffer noch nicht durch MedizinerInnen diagnostizierter Menschen
– stationäre Einrichtungen (wie zum Beispiel traumatherapeutisch arbeitende Kliniken mit offenem Konzept) werden in die Lage versetzt ihre PatientInnen* so lange und so individuell zu behandeln, wie es sowohl den BehandlerInnen, als auch den PatientInnen effektiv erscheint

[Menschen die zu Opfern von Folter wurden, warten derzeit bis zu 2 Jahre auf einen Therapieplatz in Kliniken unter Umständen weit entfernt von ihrem Wohnort, wo es oft genug weder konzeptionelle noch räumliche noch finanzielle Möglichkeiten gibt, sie in der Verarbeitung ihrer Erlebnisse wie auch der autonomen Gestaltung eines gewaltfreien Lebens zu unterstützen]

6) Traumata und die Behandlung ihrer Folgen für Körper Geist und Seele wird allgemeiner Bestandteil in sowohl der Ausbildung von Menschen, die mit Menschen arbeiten (PsychologInnen/ PsychotherapeutInnen, MedizinerInnen, LehrerInnen, ErzieherInnen, SozialarbeiterInnen, PflegerInnen, Hebammen, PolizistInnen, JuristInnen) als auch der zivilen Bevölkerung

7) politische Initiativen, Gremien, Vorstände etc. arbeiten zusammen mit Menschenrechtsorganisationen, Überlebenden von Folter/folter ähnlichen Umständen und BehandlerInnen (sowie VertreterInnen oben genannter Berufsstände) um am Problem bestehender Risikofaktoren in geschlossenen Einrichtungen zu arbeiten und Lösungen zu formulieren bzw zu erarbeiten

8) Menschenrechte werden in den Schulunterricht eingebunden
– jedes Mitglied unserer Gesellschaft sollte wissen wann und wo seine Menschenrechte eingeschränkt und/oder verletzt werden und wo er die Wahrung selbiger einfordern bis einklagen kann

 

*Heilung meint in diesem Zusammenhang den von BehandlerIn und behandelten Menschen kongruent benannten Zeitpunkt einer solchen
*Erhaltungstherapie muss als Lebenserhaltende Maßnahme anerkannt werden und entsprechend finanziert

 

 

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Dieser Text darf sowohl über das Internet, als auch in institutionellen Kontexten verbreitet werden, sowohl um eine Diskussion mit dem Ziel der Verhinderung von Folter und folterähnlichen Umständen entstehen zu lassen, als auch bestehende Diskussionen um Opferhilfen, Gewaltprävention und Wege zu einer inklusiven Gesellschaft zu unterstützen.

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“Meine kleine Eule”

… heißt das Bilder- und Vorlesebuch für (Klein)Kinder ab 18 Monaten von Britta Teckentrup.

Ein wundervoll unaufgeregtes Bilderbuch über den Ausflug einer Eulenfamilie durch die Nacht des Waldes, das in der arsEdition erschienen ist.
Auf 100% Recyclingpapier und in angenehm warmen Ökofarben können sich große und kleine Augenpaare ausruhen und in lebendige Szenen eintauchen.

Das Buch ist perfekt zum Entspannen und Sammeln, Träumen und sich treiben lassen. Es kommt ohne Heteronormativität, ohne emotionale Konflikte und ohne Bildungsauftrag daher, und ist trotzdem nicht langweilig. In den 7 unterschiedlichen Szenen finden sich auch nach längerem Anschauen immer wieder neue Details, die zum Zeigen, wie Angucken einladen.

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Uns tut es gerade ganz gut, vor dem Schlafengehen noch ein bisschen mit der Eulenfamilie durch den Wald zu fliegen.

ich mache das, weil ich es kann – nicht weil ich bin

NakNak Ich verließ die Praxis meiner Therapeutin und sah mich wie eine Art frische Götterspeisenmasse. Irgendwas zwischen kochend verdampfen und flüssig erstarrend.
Es hatte mich angestrengt zu sprechen und dabei auch noch etwas zu sagen, aber es ging mir besser als vorher. Immerhin gut genug, um das Vorhaben neue leichte Schuhe zu kaufen und ein Fischbrötchen zu essen umzusetzen.

NakNak* hatte am Sonntag schlimmen Durchfall und fieberte ein bisschen. Ich dachte, sie würde sicher viel schlafen und nicht direkt merken, dass ich etwas länger als sonst weg bin. So aß ich meinen Backfisch, erinnerte mich ans Meer und überlegte, wie ich meine Schleswig Holsteiner Oktoberwoche wohl füllen könnte.

Als ich die Tür zu meiner Wohnung öffnete, schlug mir schon ein übler Geruch in die Nase.
NakNak* konnte es nicht halten, hatte lachenweise Blut und Schleim von sich gegeben und lag auf dem Boden der Küche. Mein Kommen mit einem Heben und wieder Ablegen des Kopfes quittierend.

Dissoziieren ist etwas Gutes.
So ein Umschalten auf den Handlungsmodus – hingehen, machen, wieder weggehen- das hält mich unabhängig. Ruhig. Sachlich.
Ich untersuchte sie kurz und wusste schon, dass sie nur dehydriert und zu schlapp vom Fieber war, um so viel zu trinken, wie sie gebraucht hätte.

Neu ist, dass ich unsere Gemögte anrief, weil ich wusste, dass es mindestens ein Innenkind gibt, das an diesem Anblick und NakNak*s Krankheit überhaupt mehr als nur “schwer zu tragen” hat. Ich hinterließ ihr eine Nachricht und zog dabei eine Probe aus einer Lache in meinem Schlafzimmer auf eine Spritze.
Irgendwann muss ich auch sauber gemacht haben, fällt mir gerade ein.

Es gab einen Moment, in dem ich dachte: “Wenn sie jetzt stirbt, dann bin ich allein” und in dem mir nur hängen blieb: “Ich bin allein”.
Ich weiß, was es mit mir macht, wenn Menschen in meiner Twittertimeline in Momenten wie diesen Tweets absetzen. Ich hab schon auch mal gedacht: “Woa, wie kannst du denn jetzt twittern?! Hallo?”, aber als ich an der Straßenbahnhaltestelle saß und meinen lethargischen Hund an mich drückte, war es einfach genau die Art Interaktion, die ich noch konnte, um meine Gefühle vom hoffnungslos verlassen und einsam sein zu regulieren.
Hätte jemand neben mir gesessen- wer weiß, ob ich die Kontrolle und meine mittelstarke Depersonalisation so noch weiter gehabt hätte, wie ich sie brauchte?

Wir können mit unserer Stadtbahn nicht direkt bis zum Tierarzt fahren. Man muss einmal umsteigen und genau dann musste NakNak* schon wieder etwas von sich geben.
Wie das für mich ist, wenn der eigene Hund mitten in die Betonwüste “Innenstadt” nichts als Blut aus sich herausdrückt, habe ich nicht einmal gemerkt. Ich habe nur gemerkt, wie mich die Blicke der Menschen gestresst haben, als ich meinen Hund dabei abstützen musste.

Wie mich die Blicke, Kommentare, Streichelfragen und das Kreischen der Straßenbahn auf den Gleisen gestresst haben. Das Geruckel, das Atmen von NakNak*, all die ganzen Reize, die mir, wie Granatsplitter, in den Kopf geknallt sind, obwohl ich eigentlich gar nicht richtig da war.

Die Tierarztpraxis, die wir immer aufsuchen ist aber toll.
Als der Spielunfall war, bei dem eine unserer ersten Pflegehündinnen ein gebrochenes Beinchen abbekam, waren das die ersten Menschen, die sich auch um mich gekümmert hatten. Wir waren damals so schlimm aufgelöst; konnten uns kaum beruhigen und uns wurde dort begegnet mit: “Frau Rosenblatt- setzen Sie sich mal hin- möchten Sie einen Tee oder Kaffee? Der Doktor kümmert sich jetzt.”.
Edna ist in der Praxis eingeschläfert worden und wir durften fühlen, wie ihr Herz zu schlagen aufgehört hatte. Sie war schon auf der Fahrt dorthin auf unserem Schoß den Hirntod gestorben. Mit dem ausbleibenden Pochen unter unseren Fingerspitzen wurde es begreiflich. Der Doktor, nennen wir ihn Hundefreund, hatte ein Klima entstehen lassen, in dem wir das abrupte Ende eines ganz jungen Hundelebens erfassen konnten.
Er sagt immer “Und jetzt trösten wir mal ganz viel und streicheln überall, wo der Pieks nicht ist…”, wenn er eine Spritze geben muss.

Weil wir dort auch mit Pfleglingen und Wildtieren immer mal wieder sind, bekommen wir deluxe Sozialtarifrechnungen. Oft genug mussten wir auch gar nichts bezahlen, oder durften in lachhaft kleinen Raten entlohnen. Er ist einer der wenigen AkademikerInnen*, die ein Gespür für klassistische Benachteiligungen haben und das macht ihn uns zusätzlich zu seiner Hundeaffinität auch persönlich sehr sympathisch.

Ich trug NakNak* in die Praxis und brauchte nur sagen, dass sie Flüssigkeit braucht- nix mit Etikette der Krankenanmeldung, dem Anspruch irgendwelche formalen Informationen unter dem Sorgenwust hervorzuwühlen. Die Helferin* nahm sie gleich mit und holte den Arzt.
Und dann saßen wir da erst einmal eine Weile rum. NakNak* auf dem Schoß und an einen Tropf angeschlossen. Ich ein Innenkind fühlend, eine Email tippend und doch langsam in eine dumpfe grauweiße Wolke fallend, die mich noch etwas mehr vom Hier und Jetzt abtrennte. Kurz war ich gar nicht da, glaube ich.

Wasser ist Leben und das war es auch für die kranke Mopsmaus.
Es dauerte wirklich nicht lange und schon konnte sie wieder sicher stehen, richtete ihre Fledermausohren in alle Ecken und Winkel und wollte die Kanüle aus dem Beinchen rupfen.
Doktor Hundefreund tastete NakNak*s Bauch ab, lauschte in sie hinein, nahm noch einmal die Temperatur. Er sagte, dass sie weder Würmer noch Giardien hätte, was mir echt Auftrieb gab. NakNak* ist jetzt etwas über 5 Jahre alt und seit wir sie barfen, hatte sie nie Darmparasiten oder Verdauungs- Haut- Sensitivitätsprobleme. In Anbetracht der Tatsache, dass wir sie halt auch Mäuse oder Vögel fressen lassen, wenn sie welche im Wald findet, kann ich sehr wohl davon ausgehen, dass sie auch Wurmeier und Larven aufnimmt – ihre Abwehrkräfte bzw. ihre Magensäure aber ausreichend ist, sich zu schützen. Logisch, ihr Organismus muss ja auch nicht permanent Getreide von dem sie nichts hat, aufspalten und verarbeiten.

Er gab ihr eine Spritze mit einem Mittel gegen das Fieber. Mit viel Tröstestreicheln.
Es ist nur ein Infekt, den ihr Körper mit aller Macht raus haben will, okay. Atmen.
Etwas später ging sie auch schon wieder allein zum Wassernapf um sich zu bewässern. Ausatmen.
Sie hat Antibiotikatabletten, einen Fastentag und ein von allen Border Collie- artigen heiß geliebtes: “Langsam” verordnet bekommen.

Es war inzwischen abends und die Straßenbahn etwas weniger voll. Ich spürte neben dem Reizfeuer langsam das Summen, Brummen, Wirbeln und Rasen von Innen, spürte erstmals seit der Therapiestunde 6 Stunden vorher meinen eigenen Durst und die Kühle der Abwärme, die meine Schweißflecken auf der Kleidung entstehen ließ.
Ich dachte darüber nach, wie gut es ist, dass wir wegen des Workshops den wir im August geben werden, noch keine Ferienwohnung- Urlaubsreisekostenausgaben gemacht haben. Wie gut, dass die Openmind-Konferenz für die wir auch schon einen Vortrag eingereicht haben, im September ist und wir deshalb erst im Oktober… wie gut, dass diese Katastrophe jetzt war, wo wir am Donnerstag noch einen Therapietermin haben und Raum für das Innenkind schaffen können, falls es nötig ist.
Ich dachte darüber nach, ob NakNak* wohl verdurstet wäre, würde sie nicht bei uns leben. Ich dachte darüber nach, wie unaushaltbar es gewesen wäre, unseren Hund zu verlieren, nachdem wir gerade so wichtige Menschen in unserem Leben verloren haben und manche der verbliebenen in ihrer Position für uns dekonstruieren und/oder noch einmal neu wahrnehmen und bewerten.

Und als ich dann noch etwas später in meiner Wohngebärmutter saß, fest eingemadet in Decken, mit einem Smoothie und Fischstäbchen mit Ketchup vor der Nase, dachte ich, wie surreal diese Normalität ist.
Es ist etwas passiert, das uns erschütterte und wieder in die Nähe von Tod und Lebenskraft brachte und jetzt aber vorbei ist und nichts mehr davon zeugt, außer 6 Tabletten und einer Rechnung. NakNak* hatte das mit dem Fasten nicht so ganz verstanden und kruschelte ihre Nase ständig in Richtung meines Essens, meine Twittertimeline interagierte irgendwie so normal und angemessen wie immer und die Sonne verschwand in einem hellen Apricot hinter dem Dach, auf das man aus dem Arbeitszimmer schaut.

Ich dachte daran, dass wir in der Therapie darüber geredet hatten, das mir noch niemand gesagt hatte, dass ich das Überleben gut gemacht habe.
Ich dachte, ich hätte vielleicht sagen sollen, dass mir viele Menschen mein Überleben als solches anerkennen und mir sagen: “Du hast überlebt und das ist gut- es hätte auch anders enden können”. Aber es hatte noch niemand gesagt, dass das, was ich dafür getan habe, gut gemacht habe.
Dass das, was wir seit unserem letzten Körpergeburtstag- dieses überleben eines gefühlt illegalen Lebens- gut machen. Dass es gut ist, was wir tun, um am Leben zu bleiben. Dass es mir und uns als über- lebenswichtig erscheint, was wir tun.
Dass und, weil wir es für uns tun und nicht für soziale Kekse oder Geld.
Dass es mir, wenn ich mir Anerkennung für unser Blog und allgemeines Wirken wünsche, nicht um mich als Ego geht, sondern darum, dass als gut anerkannt wird, dass wir etwas tun, obwohl und weil wir auch noch heute ständig irgendwie ein Überleben leben.

Ich erlebe meine Perspektive als Überlebende, Betroffene, zum Opfer gewordenen Menschen, auf so vielen Ebenen als unsichtbar und den öffentlichen Diskurs über Opferhilfen, Gewaltprävention, Gesundheits- und Sozialpolitik so sehr an meiner Realität vorbei. So sehr an der Stelle verhaftet, an der ausschließlich die Schwäche, die (erzwungene) Passivität, die Schuldverteilungsreflex-Verantwortungsimpulse und Gewaltwirkungen gesehen werden- aber alles Kämpfen, alle Aktivität- alles Leben im Überleben und alles Überleben des Lebens danach schlicht nicht da ist.
Es ist nicht gut gemacht, weil niemand sagt, dass es gut gemacht ist.

Und wenn es niemand sagt, es sichtbar macht und als Gedankengut in die Welt hinaus trägt, dann ist es nicht.
Und wenn es nicht ist, wie soll ich es dann als Fakt in mich integrieren? Wie soll ich, wenn meine Um- und Mitwelt es nicht sieht, sichtbar markiert, dann denken, dass ich es so gut gemacht habe, wie ich es konnte?

Ich bin aus der Therapiestunde rausgeschwabbelwanktropft, weil ich es gehört habe und mich plötzlich auf einer Ebene anwesend fühlte, die vorher nicht da war und die ich bisher in noch gar keiner Auseinandersetzung mit dem was ich erfahre und tue, wahrgenommen habe.
Wie gesagt- oft habe ich schon gehört, dass es gut ist überlebt zu haben und etwas zu tun. Aber, “Sie haben es gut gemacht, wie sie es gemacht haben” noch nicht.

Sehr viel später am Abend rief noch unsere Gemögte an.
Ich erzählte ihr von diesem Gefühl der Anerkennung von unserer Therapeutin und, dass es sich gut anfühlt. Und ich sagte ihr, dass ich, wo ich das so gesehen und bestätigt fühle, irgendwie auch denke, dass ich es gut und richtig gemacht habe, was ich für und mit NakNak* gemacht habe, als es ihr so schlecht ging.
Ich sagte: “Ich habe uns alle hier richtig gut durchgetragen”, wurde aber doch unsicher und schob ein “Oder?” hinterher. Sie sagte spontan “Ja, hast du!” und es war noch ein bisschen fester da.
Dieses Gefühl nicht nur schwach und opferig getriggert wie eine Maschine auf die Ereignisse reagiert zu haben, sondern so gut und unter Nutzung aller meiner Ressourcen (und das ist eben Gefühle wegzudissen und aktiv zu sein) wie ich es konnte.

Der Satz “ich mach das, weil ich das kann- nicht, weil ich bin” hat für mich noch einmal mehr an Begreifbarkeit gewonnen.
Ich mache nichts, weil ich ein Opfer bin und nur irgendwie reagiere um zu überleben, sondern weil ich etwas kann, das mein Überleben für mich ermöglicht.
Und das jeden Tag aufs Neue.

Und es ist okay, wenn ich das gesehen haben will.
Als ich den Artikel angefangen habe, dachte ich, dass es gut ist und vielleicht auch genug, wenn ich das von der Therapeutin gesehen bekomme.
Jetzt denke ich: “Nee, ist schon auch genau richtig, wenn ich das auch hier im Blog und überall und von allen gesehen haben will.”, einfach auch weil es die Art, wie wir hier oder sonstwo gelesen werden, vielleicht auch noch einmal ein bisschen verändert.

Ich fühle mich gut. Irgendwie stark, obwohl ich gerade nicht wütend bin, wie sonst.
Ich bin gut, weil ich Dinge gut machen kann. Nicht nur, weil ich sie gut überleben kann.

 

NakNak* geht es heute wohl schon etwas besser. Zumindest hat sie den Postboten, der ihr Fleisch brachte, neugierig in Empfang genommen und etwas weniger hohes Fieber.

eine multiple Persönlichkeit ansprechen ~ Teil 2 ~

Bärlauch “Ich bin keine multiple Persönlichkeit”, hatte ich der Rechtsanwältin gesagt. “Ich bin eine Persönlichkeit mit einer dissoziativen Identitäts(wahrnehmungs)struktur.”. Kurz wurde ich unsicher, weil ich Angst hatte, ob ich zu forsch war. War dieses Gespräch der richtige Moment, um Multimythen zu sortieren?
Jetzt, wo ein paar Wochen vergangen sind, kann ich denken: “Ja, und einen besseren hätte ich nicht finden können.”.
Es ging mir darum zu unterstreichen, was aus mir heraus kommt und was von außen in mir reagiert. Ich wollte nicht schon wieder eine rechtliche Vertretung, eine Betreuung, einen sozialen Kontakt mit Auftrag, der mich in sich selbst genauso zerfleddert, wie es meine Selbstwahrnehmung mit mir macht.

Es hat auch mit der Frage zu tun “Soll ich dich im Singular oder im Plural ansprechen?” – mit dem Unsicherheitswust, der sich in Menschen auftut, die Interaktionswünsche haben. Verstehen wollen, Futter möchten, um sich einfühlen zu können.
Schmunzeln kann vermutlich nur ich über die Fragestellung: “Soll ich dich im Plural ansprechen?” , vielleicht sind auch Kopfschütteln und inneres Zusammenkrampfen nur auf meiner Seite, wenn es um den Umgang mit mir als Vielheit geht.
Ich versuche immer wieder zu unterstreichen, dass ich, wenn ich mit einem Menschen zu tun habe, immer ich bin.
Dass ich nicht einfach umschalten kann. Dass das niemand kann und bei mir nicht anders ist, als bei allen anderen, außer in der Selbstwahrnehmung bzw. in der Folge in der Wahrnehmung meines Selbstes von anderen.

Es gibt Menschen, die mein Erklärungsmodell meiner Abhängigkeit vom äußeren Kontext, eigener Erregungslevel und angepasster Neurophysiologie ablehnen.
Manche denken, dass es so ein Marionettenleben gar nicht geben kann- und wenn doch, mein Bewusstsein darüber doch alles verändern müsste. Das ist das Pinocchio – Modell, das übersieht, dass auch ein Pinocchio eine Holzpuppe blieb, bis er von einer anderen (äußeren übergeordneten) Instanz verwandelt wurde.

Manche verwechseln meine Erklärung dazu auch mit Rechtfertigungsverhalten. Sie denken: “Aha, für sie sind immer alle anderen Schuld, wenn sie die Kontrolle verliert”, selbst wenn das Wort “Schuld” gar nicht in meiner Erklärung auftaucht, sondern meine eigenen reflexhaften Anpassungsreaktionen beschreibt.

Manche geraten auch in eine Übertragung und fühlen meine Ohnmacht vor dem, was Leben und Alltag, Interaktion und Entwicklung, Veränderung und Dynamik zwangsläufig für mich bedeutet, und schwanken zwischen Blaupausenübertragung auf ihre Erklärungsmodelle (das wird dann gerne das Modell der verschiedenen sozialen Rollen, die alle Menschen in unserer Gesellschaft inne haben und mehr oder weniger gut spielen, und daraus, dann die “Überzeugung”, dass alle Menschen multipel sein müssen) und Abwehrverhalten, das ebenfalls mit einer Verquerung meiner Angaben einher geht und in den meisten Fällen gesellschaftlich anerkannte Wege der Unterdrückung geht (“Du willst dich nur besonders machen”; “Du willst dich nur deiner Verantwortung entziehen”; “Du willst nur Mitleid/ Aufmerksamkeit/positiven Status”).

Ich hatte versucht der Anwältin klar zu machen, dass es ein spezifisches Reaktions- und Interaktionsmuster gibt, das sie an mir erleben würde, würde sie mich anwaltlich vertreten. Ich weiß inzwischen, was es für Situationen sind, die zum Beispiel kindliche oder handlungsunfähige Innens nach außen wirken lässt und versuchte ihr zu vermitteln, was ich brauche, damit solche Situationen nicht in unserem Kontakt entstehen.
Ich erlebe zum Beispiel als einen massiven Auslöser, dass es eine Nähe gibt, die mehr als eine Sachebene umfasst.

Wir haben zwischenmenschliche Gewalt erfahren- selbstverständlich ist menschliche Nähe ein Auslöser.
Keine andere Art der Gewalt hat so viele Kontextverknüpfungen, Querverweise und Knotenpunkte- so einen Mikrokosmos aus Interaktion aus Aktion und Reaktion, die sich sowohl in den Opfern als auch in den TäterInnen einfügen, verfestigen, weiterentwickeln, wieder ablösen und weitergetragen werden können.
Mein Problem ist einzig, dass ich oder/ und mein Gehirn oder/ und mein Bewusstsein keine Chance hatte, etwas vom Erlebten zu verknüpfen (assoziieren).

Wenn ich mit der Rechtsanwältin einen sachlichen, wenig persönlichen, nicht privat beeinflussten Kontakt gestalten und erhalten kann, dann gibt es dort auch keine Innens, die unsachlich, hochemotional, privatverquickend sowohl reagieren, als auch selbst agieren.
Es wird schwierig an der Stelle, an der ich ihr etwas hochgradig Persönliches, wie von der Struktur meiner Selbst- und Umweltwahrnehmung erzählen muss, damit sie die Problematik meines Falls versteht.
Sie muss begreifen, dass ich ihr das erzähle, damit sie Krankenakten, Amnesie für Gewaltabläufe und unterschiedliche Bewertungen (und entsprechend auch vielleicht widersprechende Angaben) einordnen kann- nicht, damit sie in ihrer Art und Weise mit mir umzugehen anders ist, als gegenüber anderen MandantInnen.
Würde sie das tun, wäre unsere Sachebene zerstört und damit das Spektrum, das es mir ermöglichen würde einen konstruktiven Interaktionsraum zu gestalten. Ich könnte dann nicht mehr zurück- egal, wie sehr ich es wollte.

Ich finde es wichtig, Menschen, mit denen ich mehr als “Hallo” und “Tschüss” wechsle, zu sagen, dass ich eine DIS habe, weil es dabei um meine Identität und meine Wahrnehmung von ihr geht. Schwierig erlebe ich dabei, dass es immer wieder so ist, dass Menschen sich gezwungen sehen darauf mit Selbstbezug zu reagieren und darauf aufbauend ihre Interaktion verändern, ohne sich zu überlegen, ob das überhaupt gewollt oder wirklich immer nötig ist.

Neulich hat meine Therapeutin angerufen. Ihre erste Frage war mit wem sie spricht- obwohl  es, selbst wenn jemand ans Telefon gegangen wäre, der sie nicht kennt (oder, den sie nicht kennt), irrelevant für den Umgang mit der Information und ihren Konsequenzen gewesen wäre.
Das “Wer ist da?” ist wichtig für Informationen, die aus uns herauskommen- nicht für Informationen, die in uns hineinkommen. Zumindest erlebe ich das so, weil mit dem Hintergrund des Innens, das Informationen äußert, auch bestimmte Bewertungen, Dynamiken, soziale etc. Kontexte bzw. die Annahme bestimmter Kontexte transportiert werden, die für die Sortierung des Gesagten wichtig sein können. Sowohl für mich, als auch für die Menschen, von denen ich auf meinem Weg begleitet werde.

Die Frage “Mit wem spreche ich?” ist ein Mittel der Versicherung und hat mit mir nichts zu tun, sondern nur mit dem Menschen, der sie stellt. Bei meiner Therapeutin oder auch bei BetreuerInnen, erlebe ich diesen Akt von Versicherung auf Kosten meines Gefühls von Sicherheit noch einigermaßen okay, wobei ich in der Hinsicht auch nicht unkritisch bin. Ich empfinde es manchmal, gerade in Zeiten, in denen ich mich sehr viel verletzbarer als sonst fühle, gut, nach Außen nicht sofort in meiner Identität lesbar und damit zusätzlich verletzlich zu sein. Wenn dann die Frage nach meinem Namen kommt, wird das schnell zu einem Abwägen in der Frage: “Gebe ich jetzt mein bisschen Schutz zu Gunsten eines Sicherheitsgefühls meiner Therapeutin/ Betreuerin auf? Was habe ich davon, wenn sie sich sicherer im Umgang fühlt?”

Während ich wunderbar eingewaltet bekommen habe, wie viele “Vorteile” (selbst)sichere HelferInnen, psychologisch/psychiatrisch/medizinische Deutungshoheiten für mich bieten, habe ich in Bezug auf Menschen, die mit mir auf einer Ebene stehen, bereits wechselnde Erfahrungen machen können.
Inzwischen interagiere ich flexibel mit anderen Menschen und erkläre Ihnen mein Modell der Ansprache:
Singular = Gegenwart
Bewertung, Selbstpositionierung entspringen einem Moment innerhalb eines spezifischen Kontextes- zu einem anderen Zeitpunkt und in einem anderen Kontext, kann es sein, dass mein Körper etwas anderes sagt
Plural = allgemeine, ganzheitliche Verortung in Zeit, Raum, Kontext

und erkläre ihnen meine “Faustregel”: je mehr (von mir wahrgenommene) Ebenen der Moment hat (Kontext, Anspruch und damit Druck an mich reagibel zu sein), desto höher die Wahrscheinlichkeit mit mehr als einem Innen zu tun zu haben, die nicht zwangsläufig nach außen erkennbar sind und noch weniger zwangläufig durch Veränderung von Ansprache, Haltung etc der InteraktionspartnerInnen in ihrem Wirken gehindert und/oder beeinflusst werden können
(Wichtig ist, dass mein Gehirn zulassen kann gegenwärtige Situationen als “auch anders als früher nötig zu begegnen” zu erkennen – dabei spielt natürlich auch eine Rolle, welche Reize es von den InteraktionspartnerInnen aufnimmt, doch sämtliche andere Faktoren (Erregungslevel, äußerer Kontext, klare “Beweise” für Selbstwirksamkeit zum Beispiel) spielen eine gleichrangige Rolle)

Ich versuche zu vermitteln, dass die Frage nach dem Namen eines Innens manchmal unverhältnismäßig für mich ist.
Nur weil klar ist, dass ich als Mensch viele Ichs, viele Leben und Erlebens in mir trage, heißt das nicht, dass andere Menschen ein Recht auf Kenntnis davon haben- schon gar nicht für die Beruhigung von Ängsten, die sie ohne dieses Wissen gar nicht hätten.
Ich weiß es nicht genau, aber ich denke mir, dass meine Therapeutin nichtmultiple KlientInnen “Wie siehts aus- passt der Anruf gerade?” fragt. Eine Frage, die ich erst gestellt bekomme, nachdem ich mich (für mein Gefühl) schutzlos gemacht habe.
Hm.
Manchmal finde ich es gut, weil ich dann lernen kann, dass mir von ihr nichts passiert, das Schutz nötig macht und manchmal ärgere ich mich darüber, dass ihre Hilfe oder der Kontakt mit ihr, sehr oft mit Gefühlen von Schutzlosigkeit auf meiner/ unserer Seite einhergeht.

Bei der Juristin war es mir auch wichtig, ihr den inneren Schluss (und damit ein Verantwortungsgefühl) zu lösen, sie hätte es mit vielen Menschen zu tun.
Auch wenn nur ein Mensch vor ihr steht, hätte sie sonst das Gefühl mit einer Gruppe zu interagieren, obwohl es keine Gruppe in dem Sinne ist und ergo auch nicht gut/richtig/passend auf ihre gruppenentsprechenden Interaktionsmuster reagieren wird, was wiederum nur Gefühle von Ohnmacht, Frust, Hilflosigkeit, Unsicherheit und damit ein unbefriedigendes Verhältnis zur Folge haben kann, was dann wiederum für mich schwierig wäre, weil ich mir dann eine andere Anwältin suchen muss.

Neulich hatte ich einen Emailaustausch mit einem Menschen, dessen Mensch an der Seite multipel ist. Er klagte darüber, dass die Innens sich nicht vorstellen und immer einfach so auftauchen und ihn mal nett behandeln und mal ablehnend. Mal tauche einfach so ein Kind auf und sage nicht, wie es heißt und was es hat und niemand von den anderen Innens käme dann, um ihm zu helfen.
Ob ich ihm nicht vielleicht ein paar Tipps geben könnte, wie er sie dazu bringen könnte, anders zu agieren und ihn nicht immer so allein zu lassen.

Vielleicht merkt man schon ein bisschen, wie eigentlich übergriffig, die Wünsche dieses Menschen sind, der sich eindeutig ohnmächtig, ausgeliefert hilflos und in der Position sieht, regulierend eingreifen zu müssen, weil er nicht multipel ist.
Er sieht sich gar nicht im Kontext aus dem heraus Wechsel passieren, sondern als Objekt des multiplen Menschen, das behandelt wird – nicht als Subjekt auf das reagiert – mit dem interagiert wird.

Ich fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, die Wechsel erst einmal zu verstehen, statt sie gleich irgendwie abzuschaffen, verändern oder zu seinem Gunsten beeinflussen zu wollen. Außerdem versuchte ich ihm ein bisschen zu vermitteln, dass die Wechsel eventuell aus einer anderen Perspektive sogar genau nur für das wofür er steht passieren. Nur eben nicht in unserer heutigen Gegenwart und aus der Sicht von Erwachsenen im konsensualen Verhältnis zueinander.

Und ich sagte ihm, dass Multiple keine Persönlichkeitssupermärkte sind.
Man geht nicht einfach zu jemandem hin und sagt ihm: “Jetzt wechsel sofort in den Zustand, in dem du warst als…”. Niemand macht das- außer die Menschen, die von Multiplen verlangen, jetzt mal mit Innen XY sprechen zu dürfen.
Ich sage nicht, dass das unmöglich ist. Aber eine Übergriffigkeit ist es alle mal- egal, ob nun im positiven Sinne für den betroffenen Menschen, etwa, weil man statt eines verängstigten Kinderinnens ein handlungsfähiges erwachsenes Innen sprechen will (einen unangenehmen Zustand beenden möchte) oder für sich selbst. Etwa, weil man keine Lust darauf hat, sich die x-te Schleife von Innen XY anzuhören und lieber mit Innen AB Spaß haben will.

Seit ich diese Grenze spüre, kann ich gut mit einem anderen Innen wechseln, dass sich jedes Mal (und das sehr zuverlässig) darüber aufregt, wenn es irgendwo hinter mir wabert und merkt, dass da jemand außen gerade meint, in unserer Persönlichkeit herumlatschen und Forderungen stellen zu dürfen, anstatt zu überlegen, warum eben gerade nicht das da ist, was er gerne haben möchte oder sich für uns als Einsmensch wünscht.
Dann kriegt das Außen einen Wechsel, wie verlangt (reaktives Muster: “Du musst machen, was andere verlangen”, das sich verschärft, wenn es eine Autorität verlangt) und trotzdem nicht das, was sie wollen (antherapiert wie ansozialisiertes Muster: Selbstschutz- sie kriegen die Feuerlöwin unter den Rosenblatts vor die Nase und sind froh, wenn sie weg ist –> Schutz durch Verhalten, das Menschen eher abstößt, als bindet).

Die Folge ist also eine verdeckte Spaltung und damit kein Umlernen von alten Spaltungsdynamiken, sondern eine weitere Spaltung, die sich an aktuellen Anforderungen orientiert. Und ja: Wer einmal so global dissoziiert, dass eine DIS entsteht, der kann immer und in allen Kontexten Dissoziationspotenzial freisetzen, um sich zu schützen.
Das Dissoziieren und Viele werden- mehr werden, endet nicht mit den traumatisierenden Gewalterfahrungen.
Die Spaltung passiert ja auch nicht wegen der Gewalt, sondern wegen dem, was die Gewalt bedeutet, nämlich: erzwungene Passivität, die das eigene Überleben massiv gefährdet und/oder das Individuum sein eigenes Überleben massiv gefährdet fühlen lässt.

Und “massiv gefährdet” ist als Grundgefühl eben genau das, was andere Menschen bis heute in uns auslösen. Wir haben Menschen als das gefährlichste Tier auf diesem Planeten verinnerlicht und freundliches Gebaren immer wieder an Bedingungen geknüpft erlebt.
Bedingungslose Annahme erfahren wir noch nicht lange und bis zum gegenwärtigen “mit einem skeptischen Blick aus einem Augenschlitz aus weiter Entfernung mal Angucken und Annehmen, dass es sich dabei nicht um einen Trick handeln könnte- eventuell vielleicht- hypothetisch!”, dauerte es Jahre.

Eine dissoziative Identitätsstruktur zu haben heißt in gewisser Weise, permanent eine Sektglaspyramide auf einem Tablett zu balancieren, während man, vielleicht auch noch mit einem erkrankten, geschädigten, gleichfalls immer wieder reagierenden Körper, einbeinig die Alpen überquert, wie dereinst Hannibal mit seinen Elefanten.
Man kann nicht einfach mal ein Glas verschieben, damit irgend ein Bergsteiger, der einem begegnet es im Kontakt vielleicht bequemer hat. Das Mittel der Wahl ist immer genau das Glas zu reichen, das abgetreten werden kann. Ist es nicht gut genug und wird gefordert ein anderes zu reichen, kann alles kippen- es muss nicht- es kann aber und jemand der schon 20- 30 Jahre lang eine Gläserpyramide balanciert hat, der wird einen Scheiß tun, das für irgendjemanden als Risiko auf sich zu nehmen.
Im Zweifelsfall wird ein neues Glas entstehen, ohne dass es jemand merkt.

Vielleicht ist es ein Paradoxon, wenn ich hier viele Punkte anbringe, die eigentlich jede Kontaktaufnahme, jede Interaktion als für mich extrem heikel und gefährlich markieren und zeitgleich aber darauf beharre, dass das keine Veränderungen im Verhalten der Menschen hervorbringen muss bzw. dass das kein Ziel von mir ist.

Mein Ziel ist, den Blickwinkel zu erweitern und Raum für Bewusstsein zu schaffen.
Im Grunde ist es eine Art zu sagen: “Du, weißt du was? Menschen machen mir Todesangst und ich reagiere so und so darauf – nur, dass du Bescheid weißt. Ich lerne noch, wie Leben ohne direkten Grund zur Todesangst geht und sicher passieren mir dabei „Fehler“. Ich sage dir das, weil du ein Teil meines Lebens und meiner Lebensumgebung bist und vielleicht meine „Fehler“ im Lernprozess bemerken könntest.”

Manchmal erlebe ich es als schwer den Menschen begreiflich zu machen, dass ich sowohl sie, als auch mich, als auch mein Leben als Einsmensch fragmentiert (dissoziiert) wahrnehme. Dass einfach niemand und nichts “mein Leben ist”, aber alles und jede/r * ein Teil davon ist, der mit einem Teil von einem “Gesamt- Ich” zu tun hat.

Manchen Multiplen hilft es, wenn jedes Innen mit Namen und Eigenschaft(en) bekannt ist und alle individuell, als ganz und gar abgetrennte Menschen behandelt werden.
Ich erlebe das als Kontrollverlust, weil es eine innere Spaltung nach außen holt (und also von meinem Innen ablöst), während mein Bemühen eigentlich ist, keine Spaltungen mehr entstehen zu lassen und Abgetrenntes näher aneinander heran zu führen.
Manchmal auch über einen Umweg nach Außen- etwa in der Therapie, doch in der Regel bevorzuge ich mittelbare Äußerungen, die ich nicht aus der Hand geben (anderer Menschen Wertung, Umgang, Machtausübung aussetzen) muss, um sie zu verändern und sachte und vorsichtig von selbst an die Stelle gleiten zu lassen, an der sie dann näher oder anders gut stehengelassen werden können.

Vielleicht ist meine Art des Umgangs falsch oder auch nicht für jeden Menschen passend.
Vielleicht haben wir hier den epischen Durchbruchartikel, der alle Einsamkeiten und Verlassenheiten in meinem Leben erklärt.

Vielleicht ist es aber auch etwas, das Menschen, wie dem Leser, der mir schrieb, weil er unsicher war, hilft, jemanden der Viele ist ein bisschen besser zu verstehen, oder mit ihm darüber ins Gespräch zu kommen, was für ihn selbst wichtig und wahrnehmbar ist.
Mir war es wichtig, meine Gedanken dazu noch einmal festzuhalten.

nur weil

gestern traf mich ein Schlag
oder zwei oder drei oder vier oder
vielleicht
berührte ich einen Moment ohne Schlag

Eine Sie aus dem jungen Früher hat uns getroffen

eine dieser Sies, die ruhig hätten einen festen Platz hätten haben können
als eine, deren Kopf man hält und deren Haut sich wie Seidenpapier unter den Fingerspitzen anfühlt

aber auch eine Sie aus einer Zeit, in der Gesichter unter Angstpulsen zerfließen und in Abflüsse verschwinden

Ich wollte mich zwingen an Sommerregen zu denken
an lange Küsse, Nähe, Ruhe, Gedankenwanderungen

das Urnormalste, was wir aus uns herausbringen konnten, inmitten dieses Mikrokosmos des sogenannten Wahnsinns
fern von allem
und jedem

Und aus meinem Zwang wurde Druck, der Druck aufstaute
und sich in einem stummen, trockenen, atemlosen Krampfweinen entlud

Wunder der traumatherapeutischen Stabilisierungskunst
Ausklinken ohne Klinke

Ich konnte mich nicht an die guten Gefühle heften
im Laufe der Zeit sind sie glattgeschmirgelt worden

Die Erinnerungen, die mich belasten aber beißen mich, wenn man sie weckt
sie sind rauh und kratzig, halten mich in der 5 Punkt Fixierung und stinken nach Sterilium

 

 

 

 

Ich werde wütender und wütender,
weil mir wirklich alles von beschissenen Erinnerungen zerfressen wird
Ich hab sie ernsthaft gemocht und ich glaube, wir wären ein Paar geworden, dass sich viel zu geben gehabt hätte. Unsere Zeit war schön für mich. Verrückt, wirr, schwammig, aber schön.
Ich bin wütend, weil es Unrecht ist,
dass mich etwas beißt, nur weil es geweckt wird

Ich schlage doch schließlich auch nicht alles kurz und klein, schreie, brülle die Welt in Scherben
nur weil

darum

ES ist nicht vorbei

Ich weiß noch wie das war.
Die erste eigene Wohnung, in der man in jedem Raum mit den Dachschrägen ins Gehege kam und die gerade klein genug war, um mir räumliches Zerfallen zu ersparen.

Wir mussten ausziehen, weil zwei Mal dort eingebrochen wurde.
Einmal wurden wir da überfallen.

Wir haben immer gesagt, es wäre jemand in unserer Wohnung gewesen und wir hätten das nicht gewollt.
Mehr Worte gab es nicht für diese Episode aus etwa 30 Minuten [… … …]

Damals hatte ich noch die Drogen. Das Tavor und das Zopiclon, die Antidepressiva.
Wir mussten nicht darüber reden, wie das für uns war, woran wir uns erinnern, was eigentlich gewesen ist.
Eigentlich waren da auch nur Schemen, Gefühle, die sich wie Gedanken anfühlen und ach –  das Etikett “es gab Täterkontakt” machte den Menschen um mich herum schon genug Fantasien in den Kopf. Wir haben uns durch die Ausstiegsspaltung gedrogenrauscht und versucht nebenbei das eigene Wachsen auszuhalten.

Die “Sache” mit den Polizisten und den Männern* vom Krisendienst

Ich würd lügen, würd ich schreiben, dass wir seitdem auch nur eine Nacht ohne Hilfsmittel hier haben schlafen können.
Ich würd lügen, würd ich schreiben, dass es mich nicht unaushaltbar wütend macht, dass der Mensch, der das alles ausgelöst hat, nicht ein einziges Mal – nicht einmal den kleinsten Hauch von Rückgrat in sich hat, sich mit uns persönlich auseinanderzusetzen.
Egal, denke ich
Ich würde den Menschen verprügeln, würde er vor mir stehen und das ist jetzt keine Rhetorik. Ich würde meine Ohnmacht vor der ganzen egozentrisch rettungsmoralischen Kackscheiße in seinem Kopf nicht ertragen und einfach losschlagen.
In meinem Kopf mache ich das. Immer wieder. So doll, dass ich das selbst kaum aushalte.

Und ja- ganz so blöd bin ich auch nicht- ich weiß, dass ich, wenn ich mir das vorstelle, mich selbst sehe, die Schmerzen zugefügt bekommt.
In meiner ersten eigenen Wohnung, von einem Typen, der sicher nicht einmal meinen echten Namen wusste, aber schon wusste, wieso er tat, was er tat.

Ich weiß, dass das hier das Hamstergrübelrad in Richtung Depressionmoloch nach (Re-) Traumatisierung ist.
Ich fresse und lebe, wie ein Schwein. Fühle mich wie eins. Ich bin überreizt und froh, wenn ich Laute aus der Buchstabensuppe in meinem Gedankenkochtopf gefischt kriege.
All die hübschen positiven Ressourcen liegen in meinem Notfallköfferchen und lächeln mich an. Lassen mich Alltagskomptenz halten und ausüben.

Und währenddessen denke ich an Drogen, Gewalt, Zerstörung, Ohnmacht, Schmerz.
Das ist alles wortlos. Das geht alles ohne Anstrengen, ohne Enttäuschung. Überall. Immer.

Ich hab bis heute keine Wörter in mich reintherapiert bekommen.

Irgendwie ist nur die Zeit vorbei gegangen.
ES nicht.

Keins von all den ES –en.
Keine dieser ganzen Episoden aus [… … …]

 

Aber,
ich hab einen Hund mit dem ich nicht reden muss, um mich ein bisschen besser zu fühlen.
Daran will ich mich später mal genauso krass erinnern, wie an
ES

böse Mädchen

Malve3 Ich habe über “böse Mädchen” und “fehlende Opfersolidarität” nachgedacht.

Ich lese gerade eine Sammlung von Texten zur Frauenbewegung von 1887 und beobachte (und belächle) Parallelen, die sich mir dabei aufdrängen.
Es geht dabei viel um “du bist FeministIn- du MUSST das doch auch so sehen- das MUSS doch auch dein Ziel sein…” – es geht um den Wunsch/ die Forderung nach Solidarität (Loyalität) zueinander, wenn man das gleiche Ziel hat.

Letztlich scheint es ein grundlegendes Bewegungsproblem zu sein, die Gleichheit von Welt- und Meinungsbild als Grundlage für Loyalität und diese wiederum als Alleinstellungsmerkmal von Solidarität zu betrachten. Wird diese Gleichheit nicht gesehen bzw. anerkannt (oft genug ist sie grundsätzlich ja da, wird aber aufgrund diverser *ismen und ihren begleitenden (Fehl)Schlüssen als nicht geltend gelabelt), wird fast reflexhaft exkludiert.

Das Traurige dabei ist, dass das Ziel der Bewegung in aller Regel eines ist, das aufgrund verschiedener *ismen entstandene (und aufgrund verschiedener *ismen auch nur bestimmten Gruppen so sichtbare und/ oder erlebbare) Miss- Um- stände verändern möchte, doch zeitgleich wiederum in der Bemühung möglichst niederschwellig und „massekompatibel“ zu agieren, diverse (wenn auch andere) *ismen verwendet und in der Folge produziert, was *ismen eben so produzieren: Machtgefälle (Gewalten).
So kann keine 100%ige Loyalität erwartet werden, wenn eine Bewegung gesamtgesellschaftliche Veränderungen anstrebt.

Mir ist wieder eingefallen, was mir einen bitteren Geschmack in den Mund spülte, als ich die Phrase “fehlende Opfersolidarität- also da müssen wir auch hingucken” hörte.
Ich hörte sie nämlich nicht von einem Menschen, der einmal zum Opfer wurde und als solcher sprach, sondern von einer Psychotherapeutin, die eventuell vielleicht einmal zum Opfer wurde, aber als Psychotherapeutin redete, die statt des anderen Menschen davon sprach und von sich dachte/ denkt, sie würde für Menschen, wie den der einmal zum Opfer wurde, sprechen.

Ich hatte mich direkt in dem Moment flüchtig gefragt, ob es bereits “fehlende Opfersolidarität” sei, würde ich (als ehemaliges Opfer und auch offen so auftretend) sagen, dass ich nicht will, dass Menschen von “uns Opfern”, die wir überhaupt keine einheitliche Masse sind, untereinander Solidarität fordern, die selbst in der Verteilung ihrer Solidarität gar nicht hinterfragt werden (dürfen), weil es direkte, wie indirekte Abhängigkeiten von ihnen gibt.
Ich fragte mich, ob es als ein Loyalitätsbruch am gemeinsamen Ziel gelten würde, würde ich verlangen, dass alle FürsprecherInnen einmal bitte immer wieder überprüfen, ob sie in all ihrer Fürsprache, nicht vielleicht doch hier und da eine sehr ausführliche “statt der zu Opfern gewordenen Menschen – Sprache” praktizieren.

In den frühen feministischen Texten, die ich lese, ist ebenfalls eine ausgeprägte “statt- Sprache” zu finden, wie wir sie auch heute noch beim Kaptialfeminismus der A. Schwarzer und dem jüngeren Patriarchatsreproduktionsaktionismus mit Feminismussticker “Pink Stinks” erleben.
Wer eine eigene feministische Haltung und Entwicklungsgeschichte einbringen und mit gewichtet, mitbeachtet sehen will, wird als BewegungszerstörerInnen* markiert und in unzähligen Vorträgen als Negativbeispiel oder “bockiger Widerstand” dargestellt, ohne auf Inhalte einzugehen und diese reflektierend oder selbstkritisch zu diskutieren.
Im “günstigsten Fall” noch “darf” die exkludierte Gruppe dann zusehen, wie der Einfluss von Widerspruch und Aufklärungsarbeit negiert wird, wenn kritisierte Punkte doch verändert werden. Statt- Sprache ist ein Machtergebnis- selbstverständlich werden unterdrückte Stimmen ergo auch ausgenutzt zum eigenen Vorteil.

Wir erleben es, damals wie heute, dass Klassismus, Rassismus, Lookismus, Ableismus und der *ismus, der gesellschaftliche Positionen aufgrund der individuellen Aktivität bzw. Passivität festlegt, bedingte Begüterung zwar als Diskriminierungsfaktor “derer, für die man ja gerade eine Bewegung macht” gesehen wird, aber nicht als Grund und Grundlage dafür, wer Bewegungen jeder Art– das kann feministische, wie allgemein und global emanzipatorische Bewegungen oder auch nur Teilbereiche innerhalb des bestehenden Systems arbeitende betreffen- wie anführt, organisiert, strukturiert und somit definiert.

Ebenfalls unhinterfragt bleibt die inzwischen fast traditionelle Positionierung als FürsprecherInnen* bzw. ihr Einsatz in Gremien, Vorständen und sonstigen Entscheidungszelebrierungsgruppen.
FürsprecherInnen* bewegen sich ebenfalls in einem Abhängigkeitsverhältnis, von dem sie nur dann profitieren, wenn es jemanden gibt, der sonst nicht gehört wird- und auch nur so lange profitieren, bis diese Menschen auf die Idee kommen sich zu emanzipieren und einfordern selbst für sich sprechen zu dürfen.

Unsere Gesellschaft möchte sich auf den Weg in eine inklusive Gesellschaft machen, doch versäumt es tunlichst, die Mechanismen der Exklusion gänzlich und auch an sich selbst zu hinterfragen.
Irgendwann mal habe ich einen Artikel geschrieben, in dem ich unsere Gesellschafts- und Politikstruktur als monotheistisch entlehntes Modell skizziere, das ganz zwangläufig exkludiert, weil es sich pyramidenartig von unten nach oben zuspitzt (elitär wird).
Das heißt, dass wir alle es als selbstverständlich wahrnehmen exkludiert zu werden bzw. zu exkludieren, weil auf dem Weg nach oben selbstverständlich immer etwas verloren geht, was gerade Minderheiten und bereits Mehrfachdiskriminierte betrifft. So wird nur nach oben gerettet (zusammengestrichen), was der Masse, die sich aller *ismen entsprechend als eine solche artikulieren und einbringen kann, entspricht.
Der Rest hat FürsprecherInnen* bzw. die Möglichkeit Fürsprache zu erhalten, indem er sich auf das Grundgesetz beruft, wonach niemand aufgrund von (nicht ausreichend erfassten) Markern diskriminiert werden darf.
Somit wird klar: das System ist exkludierend (und weiß das auch!)- aber die Reißleine “Grundgesetz” bzw. “Menschenrecht”, soll dafür sorgen, dass es nicht zu schlimm wird.

Emanzipatorische Bewegungen, also Bewegungen, Initiativen, Aktionsbündnisse, die sich von etwas lösen möchten, haben einen hohen Abgrenzungsanspruch und definieren sich an oft (noch) nicht mehrheitlich anerkannten Systemen, Werte- und Normenkonstrukten und/oder sogar völlig neuen Definitionen von bestehenden Systemen, Normen und Werten.
Es gibt in aller Regel kein “so und so ist das”, sondern eine sich stetig und nicht überwiegend von Außen eingebrachte, sondern von innen wahrgenommene Weiterentwicklung, die anhand der eigenen Entwicklungsgeschichte und aller darin entstandenen Denk- und Schlussfolgerungsprozesse konstant nachgezeichnet werden kann.

So manches Mal denke ich “böse Mädchen” und möchte sie alle an mich drücken, wenn ich mir diverse Newsletter, Texte oder Vorträge in den Kopf tue und dort über mangelnden Zusammenhalt innerhalb verschiedener feministischer, aber auch anderer Diskurse in denen es um die Rechte diskriminierter Menschen geht, geklagt wird.
Wer klagen muss, der hat die Diskussion verloren- und damit zwar Grund zur Klage, doch nicht zur Kritik an den in der Diskussion aufgebrachten Punkten. Und schon gar nicht an den Persönlichkeiten der VertreterInnen der DiskutantInnen*partei.

Ich mag “böse Mädchen”, weil sie ihre Solidarität im Bezug zum Thema eben nicht an Personenloyalitäten hängen. Sie sprechen für sich, sie sprechen radikal und sie sprechen, obwohl und manche vielleicht auch weil, sie nichts davon haben, außer die Befriedigung nicht still zu sein, wie andere sie gerne (halten) wollen.
Gerade in Bezug auf emanzipatorische Auseinandersetzungen und Bestrebungen, die sich durch emanzipiertes Auftreten von Diskriminierten verändern würden, halte ich es für unabdingbar eben nicht abhängig von einer einzelnen Person oder einem festgesetzten Personenkreis zu sein- die zwar selbst emanzipiert oder weniger diskriminiert sein mag (und eben deshalb gut was an die Massen bringen kann), doch durch das Nutzen dieser Privilegien in die FürsprecherInnen*rolle geht und damit, ob gewollt oder nicht, die für die sie zu sprechen glaubt, zum Schweigen der Diskriminierten bringt und damit “statt- Sprache” übt.

Statt- wie Für- SprecherInnen*, AktionistInnen* mit Privilegien und sogenannte BewegungsanführerInnen* reproduzieren einen Dualismus, der zu weiteren Ausschlüssen führt.
Menschen, die Bewegungen unterstützen, in denen es diese Gefälle gibt, fallen dem Trugschluss anheim, nur als Masse auch zu Recht zu kommen und versäumen den Schritt in die Systemkritik, die ausschließlich auf der (demokratischen (Fehl-)) Annahme beruht, wonach “die Masse” gleich “alle” ist.
So kann jede Bemühung nur im Sand verlaufen, auslaugen, desillusionieren, verbittern lassen.

Jetzt steht es aber im öffentlichen Raum- das Wort “Inklusion”.
Das ist der Hit, mit dem Wort bekommt man die Bude voll. Eine irgendwie randomly mit Minderheitendiskriminierung in Verbindung stehende VertreterIn* ans RednerInnen*pult und bumms haben wir eine Wiederholung, die die Masse konsumieren kann, ohne sie zur Frage an sich selbst werden zu lassen.
Ich frage mich, warum kaum eine der RednerInnen* (bei den Vorträgen, Texten, Selbstdarstellungen von Vereinen, die ich so mitgenommen habe in der letzten Zeit) sich der Frage stellt: “Warum bin ich hier und rede über die Wichtigkeit von Inklusion- und nicht die, die davon profitieren sollen?”

Ich persönlich glaube, dass wahrhaftig emanzipatorische Bewegungen darauf verzichten können, sich mit dem Thema Inklusion auseinanderzusetzen, weil sie weder exkludieren noch inkludieren. Wer mitgeht, geht mit und wird in seinen Bemühungen von Teilhabe und Teilnahme unterstützt. Es gibt keinen Machtgewinn, wenn man folgt, es gibt keinen Machtverlust, wenn sich die Wege der Auseinandersetzung trennen.

Es geht um die Sache und hätte es nicht immer wieder “böse Mädchen” und “fehlende Opfersolidarität” mit Menschen, die Überlebende nur als Opfer wahrnehmen, gegeben, dann hätte so manch eine Bewegung nicht bis heute überdauert, allem fehlenden Kapital, allem fehlenden Standing in der Gesellschaft zum Trotz.

ein Montag

Geisterhaar “Ich habe einen Drive- G’tt sei dank. Dann ist dieses übelste aller PMS-Dinger ever vielleicht morgen schon durch.”, dachte sie und kämmte die nassen Haare.
”Duschen ohne weinen. Auch schon länger her.
Gehört das zu “Wie Sie existieren”?”.

Dem dumpfen Branden im Hinterkopf lauschend, schreibt sie lächelnde Emails, füllt Überweisungträger aus.
Telefoniert mit dem Betreuungsgericht.
“Nächste Woche noch mal anrufen”, kritzelt sie als Gesprächsnotiz an die Innenseite ihrer Gedanken.

Die nassen Lockwelldellen wirbeln im frischen Sommerwind, als sie zur Sparkasse geht. “Ich könnte ja auch mal wieder in die Bücherei gehen… Nadia und Charlott lesen so coole Sachen und ich immer nur Arbeitszeugs.”. Der dicke Stapel Kontoauszüge gemahnt ihrer Schlampigkeit.
“Du kannst echt nicht mit Geld umgehen.” knirscht es in ihrem Kopf. Enttäuscht. Muttienttäuscht.
– “Mir hat nie jemand beigebracht, wie “man” mit Geld umgeht”, schickt sie zurück. Enttäuscht. Tochterenttäuscht.

on another love …
all my teeeears…

la la lalaaaa

on another love…

Sie macht Fotos.
“Wie Ihr Existieren aussieht” hatte die Therapeutin gesagt. “Machen sie mal Fotos davon” und sie hatte abgewiegelt.
Unser Hartz 4 – Palast mit Kellerleben drin, nein so wie er ist, zeigen wir ihn nicht.
Aber das Existieren vielleicht. Irgendwie, wenn Fotos so etwas transportieren können.

Ein neues Regal haben wir. Ein blaues hohes Regal von dem zugemüllten Schrotthaufen auf dem Dachboden nebenan. Alle Mal- und Kunstkrempelsachen sind dort jetzt drin und das Arbeitszimmer evolutioniert sich langsam zum Wohnzimmer.
Vielleicht wird es aber auch eine Art Gebärmutter.

Dort war noch kein Fremder drin, der keine Erlaubnis dazu hatte.

Auf dem Herd kocht ein Gulasch. Szegediner Gulasch ohne stopfige Kartoffeln gibts heute.
Wir wollen ab jetzt einmal in der Woche richtig echt kochen. Nicht “essen machen” und damit Glutamatsuppe oder andere gesundheitsschädliche Dinge meinen.
Mal sehen, wie lange das klappt.

Heute hatten wir PMS- Wonderwomenstiefel an.
Morgen arbeiten wir an unseren Projekten weiter.

I wanna cry and I wanna love
but all my tears have been used up
On another love, another love,
All my tears have been used up

es gibt meine Schuld und ich will sie haben

rosenblüte Es gibt kein Wort, keine Wendung, die ich häufiger in meinem Alltag verwende als: “Entschuldigung” und kein häufiger von Abhängigkeit geleitetes Gefühl in mir, als das der Schuld.

Als unsere Welt geplatzt war, gab es diese Botschaft von “Es war nicht deine Schuld”. Ich weiß noch, dass mein erster Impuls einer Entgegnung war: “Doch doch, ich hab ja Mist gemacht. Es war mal meine, aber jetzt ist sie ja bei ihm.”.
Ich weiß noch, dass meine Vorstellung von Schuld damals, als ich noch mitten in der Dynamik von Gewalt war, sehr viel fluider war, als sie es heute ist, wo ich allein Dynamiken von Gewalt aufbauen (und reproduzieren und halten) muss. Ich sehe bis heute das Zentrum von Schuld in mir, bin aber gezwungen sowohl Schulddefinition, als auch Schuldabsolution allein zu erteilen und bin einer Zwickmühle, denn gelernt habe ich ja, sowohl in der Familie, als auch in anderen Kontexten, vor allem, dass ich mal so gar nichts zu definieren habe bzw. aufzuheben, weil [… beliebige Ohnmachtsrolle einsetzen…].
Und dort beginnt die Schwierigkeit im psychotherapeutischen/psychiatrisch-medizinischen Diskurs:

Selbstzerstörung und Selbstbestrafung wird für meine Begriffe oft mit einer “nicht echten” oder “nur eingebildeten” Schuld erklärt, weil es nur einen Punkt der Wirkung gibt und, weil Konzepte der Autonomie generell als “nicht echt”, weil “ja nur für einen Menschen gültig” betrachtet werden.
Das ist der Nährboden für die Pathologisierung von allem, was man wegen sich selbst für sich selbst tut: die Subjektivität auf allen Ebenen, obwohl man sich doch in einer sozialen Gesellschaft befindet, in der die objektive Sicht auf Subjekte allein als alles bestimmend gilt- heißt: Es ist pathologisch, weil Außenstehende nicht involviert sind bzw. sein dürfen – es gilt als krank, weil andere, die keine Rolle darin spielen, nicht mitmachen dürfen.

Das heißt: selbstverständlich erzählen mir alle TherapeutInnen, es sei nicht meine Schuld gewesen, wenn XY passiert ist- denn jede Bestätigung meines Komplexes könnte die Bestätigung von irgendwann mal in mich eingebrachte TäterInnenwillkür oder SadistInnenlogik bedeuten. Ob ich sie vielleicht als meine wahrnehme, und es völlig unerheblich für meine subjektive Schuld- Schulderlassungsdynamik ist, woher das nun kommt, spielt da erst mal keine Rolle.

PsychiaterInnen/PsychologInnen- objektiv betrachtet, spiele ich beendete Kindheitsgewalt (bei der sie weder damals noch heute dabei waren) nach und deshalb ist es krank, falsch, schlecht… und, ob ich mich dann schuldig fühle (weil ich diese Therapie falsch mache, weil ich das ja weder so fühle, noch so wahrnehme und deshalb eh alles eine einzige Lüge ist und böse böse böse und damit wiederum eine Bestätigung für mein Schuldzentrum), muss wiederum in mir drin bleiben, um dann in weiteren Schuldkomplexen seine Schneisen zu brennen bis ich sie irgendwie umgewandelt bekomme.

Ich glaube heute, dass alle unsere “Familientherapie”- sitzungen genau deshalb immer diesen total bekloppten Satz “Wir reden hier nicht über Schuld” hatten.
Denn doch- eigentlich haben wir ausschließlich über Schuld gesprochen, die wir uns reihum wie das Ringlein gereicht haben, weil wir sie alle gebraucht haben. Ich und meine Geschwister brauchten sie, um die Gewalt an sich bzw. die Zeugenschaft der Gewalt aneinander in einen Kontext zu bringen; mein Vater brauchte sie, um sein Handeln zu legitimieren und meine Mutter brauchte sie, um ihre Selbstzerstörung aufrecht zu erhalten.
Was es gebraucht hätte, wäre anzuerkennen, dass wir eine Misshandlungsfamilie waren, die (überlebens)abhängig von Schuld(bindung) war/ist und den Wunsch nach Autarkie von ihr zu wecken. Stattdessen wurde die Familie in Abhängigkeit von psychiatrischer/juristischer Deutungshoheit gebracht und völlig zerfetzt.

Und genau deshalb komme ich bis heute in Druck, wenn mir irgendjemand sagen will, ich hätte keine Schuld oder meine Schuldgefühle, die mir immer wieder hochkriechen wären nicht echt im Sinne von „nicht richtig begründet“: Was wenn nicht Schuld, ist denn sonst bitte die Ursache dafür, dass ich mich so grottenscheiße fühle und wer außer mir, soll das denn bitte objektiv (und damit gesellschaftlich konsensual) belegend bestätigen?

Mein Wunsch ist es, mich schuldig fühlen zu können (zu dürfen) ohne dem Reflex von Gewalt an mir folgen zu müssen, um mir auch autark verzeihen zu können.
Es ist mir egal, warum ich mich für Dinge schuldig fühle, die anderen eher egal sind. Es ist mir egal, warum ich die Dinge bewerte, wie ich sie bewerte- wichtig ist mir die Folge davon.
Ich lebe heute so autonom, wie ich das eben kann und möchte im Laufe des Lebens noch mehr Bereiche meines Lebens autonom tragen- dazu gehört auch, dass ich keine bzw. weniger Gewaltdynamiken (mit anderen Menschen) brauche um Verzeihen bzw. Absolution in mich einbringen zu können.
Das bedeutet auch, dass ich als Grundvoraussetzung meine Schuld haben muss- denn wenn da nichts ist, gibt es nichts zu tragen außer meiner sogenannten Krankheit und damit einhergehend aller Abhängigkeit von dem Kontext, der das so benennt.

Ehrlich gesagt erlebe ich “Es war nicht deine Schuld” heute wie eine Ohrfeige, die mich tiefer und unrettbarer fallen lässt, als jede Prügel früher.
Einfach, weil es von Menschen kommt, die einen Scheiß von meiner Schuld verstehen und vielleicht auch verstehen wollen. Es ist eben leichter über ein sogenanntes Opfer als “nicht schuldig” zu urteilen. Ist ja eh passiv so ein Opfer. Hat ja nix, kann ja nix, wird nix… so ein un_schuldiges Opfer.
Guck wie krank Gewalt macht- dieses Opfer will sogar seine Schuld haben – schlimm, ne?”


Es gibt sie aber, meine Schuld.
Es gibt sie, wie es die Schuld bei den TäterInnen gibt.
Sie steht neben dem Leiden, das ebenfalls nicht nur ich zu tragen und in mein Leben zu integrieren hab.
Von der Gewalt betroffen bin nämlich nicht nur ich, die Geschlagene, sondern auch die, die mich geschlagen haben (nachdem sie selbst als Kind von früher Geschlagenen geschlagen wurden…).