Chancen

Es sind ganz junge Füße, die mich durch die kalte Dunkelheit zu dieser Musik- und Kunstschule tragen. Ich merke das an dem Schwung im Schritt. An der Musik in meinen Ohren. An diesem ganz zarten Glimmen unterm Sternum. An dieser Fragenschleife: “Und dann darf ich das lernen? Also so richtig lernen? Und dann darf ich da was machen? Und dann ist das richtig echt? Und dann…”. An den großen Augen, deren Iris mich fast verschlucken.

Wir bekommen über 80% Rabatt, weil wir von Grundsicherung leben. Der Kurs geht, wenn alles klappt, 12 Monate. Am Ende könnten wir eine Mappe haben. So eine Richtige. Nicht so eine peinliche: “Ach nett, Sie machen also kleine süße Zeichnungen in ihrer Freizeit.” – Mappe, wie wir sie jetzt haben.
Es ist eine Chance.
Wenn sie uns vom Jobcenter als solche anerkannt wird und davor bewahrt, Bewerbungstrainings oder andere Maßnahmen machen zu müssen. Denn arbeitsfähig in dem Sinne sind wir inzwischen wieder. Maximal 4 Stunden am Tag – davon 3 am Stück. Die 4 te geht für den Weg hin und zurück drauf.
Die 4 Stunden, die uns noch zur “normalen Arbeitsfähigkeit” fehlen, die brauchen wir dann zu Hause, um die vorangegangenen 20 Stunden zu be.greifen, in den Mund zu stecken und nochmal zu essen.

Ist halt so. Wir haben die 50% im Schwerbehindertenausweis nicht, weil das Foto von 2004 darin so schön ist.
2004 da hatte das Innen, das sich zwischen die Mütter und Klein.Kinder setzte, um im Schulgewusel anzukommen und die Lautstärke mit den Haarspitzen zu erfühlen, das letzte Mal über eine Zukunft als um des Begreifens Willen lernende Person nachgedacht.
Jetzt krabbeln ihm Kinder mit Kekskrümeln auf den Kullerbäuchen um die Füße herum und könnten aus ihm selbst gekommen sein.

Der Leiter des Kunstbereichs ist nicht sehr angetan von den Zeichnungen. Er mag so gern lieber abstrakte Kunst, dass er uns markiert, wann die Kurse für figürliches Zeichnen sind. Das Innen zittert. Drückt sich die Wunschäußerung raus, alle Kurse des Angebots einmal zu probieren. Er reagiert nicht. Springt auf ehemalige Schüler_Innen zu, die zu Besuch kommen.
Der Leiter der Fotografiekurse kommt an den Tisch. Auf dem Bildschirm ist unser Fotoblog zu sehen.
Das Kinderinnen, das die Fotos macht, schiebt sich zaghaft zwischen das junge Innen, mich, den Schatten der Anderen und das Heute, das plötzlich so viele Gesterns gleichzeitig ist.

“Die Motive sind mir zu lieblich, aber dein Auge ist gut. Die Aufteilung, die Gestaltung, die Farben. Sehr gut. Du hast das drauf. Oh hier die Langzeitbelichtung – sehr sehr schön …” Er scrollt und ich frage das Kinderinnen, ob ich ihn etwas fragen soll. Oder, ob es ihm etwas zu den Fotos sagen möchte. Ob es Fragen zu seinem Kurs hat. Ob es den probieren möchte. Ich frage das mit der Generalschlüsselfrage: “Ist er ein Mensch*?” alles gleichzeitig und mein kleines Herz nickt eifrig. “Hier – niemand macht sich die Mühe so nah an die Wasseroberfläche zu gehen, um so etwas zu fotografieren- das ist sehr gut”, sagt er und erzählt dann, das man sich Kameras ausleihen kann, um bestimmte Dinge zu probieren. Manches von dem, was unsere Kompaktautomatikknipse nicht kann.

Das kleine Herz zappelt unter meinen Federn umher und strampelt sich heraus. Steht mit offenem Mund hinter den Augen und fuchtelt mit den Armen. Meine Wörter legen sich um seine Bewegung und klumpen aus dem Uns heraus. Der Leiter des Fotokurses hört zu. Schaut auf die Fotos. In unser Gesicht. Lächelt seine Augen zu einer dicken Linie zwischen vielen kleinen.

Dann verabschieden wir uns von ihm und folgen dem Kunstleiter durch die Ateliers.
Unser Schritt ist eckig geworden.
Wir sehen junge Menschen. Teenager. Kunst, die uns gnadenlos die Inspiration ins Hirn pumpt und an etwas zerrt, dem immer – dem seit mehr als 13 Jahren ein “hätte” oder “wäre” oder “wenn” vorausgeht.

Ich erinnere, was eines der anderen Herzen in der Therapiestunde aus sich herausstachelte: “Wenn ich nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich nicht krank geworden wäre.”, und einfach nicht weiß, dass es in dieser Welt des Heute damit sagt: “Wenn ich die Gewalt, den Schmerz, die Qual, die Not, die Folter, die Ausbeutung nur länger durchgehalten hätte. Wenn ich keine (psychiatrische) Hilfe bekommen hätte.”.
Ich weiß: Es hat auch Recht.
Auf eine dieser perversen Arten, wie sie nur das Leben hervorbringen kann, hat es recht. Wenn wir nur bis zum Abitur durchgehalten hätten. Wir hatten die Chance singen, tanzen, Kunst machen und vieles mehr zu lernen. Wir hätten so viel mehr lernen können als das Notwendigste für Überleben und Realschulabschluss.

Wir kennen diese “Eigentlich wollen wir ja keine Elite sein”- Gymnasiumattitüde, die dann doch Markenkleidung trägt und Privat- oder Kursunterricht, wie den, den wir hier gerade mit unserer Besichtigung stören, erhalten kann. Neben Schüler_Innennachhilfe und Taschengeld, um am Wochenende ins Kino zu gehen.
Wir haben nicht dort reinpassen können und mussten das auch nie.
Aber da war die Chance.
Und wir haben sie nicht genutzt.
Warum auch immer.
Egal wie nachvollziehbar die Entscheidung war, wegzugehen und einen anderen Weg zu wählen.
Die Chance blieb ungenutzt und sie wird nie wiederkommen.

Unser Rundgang endet in einem Raum, in dem die Kurse für figürliches Zeichnen stattfinden. Es gibt einen Leuchttisch und die roten Haare des Innens lecken ihre Hitze bereits wieder in alle Richtungen. Mit einem Leuchttisch, kann es Trickfilmbilder besser zeichnen.
Wir fühlen uns durch den Raum, in dem viele Teenager sitzen, miteinander reden und uns verstohlen anschauen.
Mein Blick fällt auf das Grafiktablett eines der jungen Menschen dort.

Das Teil kostet neu über 800€. Frau Rosenblatt sabbert das Gerät seit der ersten Version durch das Internet an und fühlt jedes Mal den Schmerz des Wissens, dass es mehr kostet als das, was sie zum Leben vom Staat erhält. Weil das ihr Leben in einem Monat kosten darf.
Und dann liegt es einfach da.
Achtlos neben Wassergläsern abgelegt und mit Aufklebern verziert.
Es kostet so viel wie 100 Monate Kunstkurs für eine Hartz 4 Behinderte mit Splitter-Ich.
Würde der Kurs soviel kosten, wie es der Staat für Bildungsausgaben unter Hartz 4 vorsieht: 533 Monate.

Es liegt dort rum und würde es aufstehen und uns sagen: “Siehste- das haste nu davon!” – es wäre nur logisch.

Im Flur vor dem Raum liegt eine braune Labradorhündin und schläft mit dem Gesicht zwischen den Pfoten.
Wir tauschen Floskeln mit dem Kunstleiter und torkeln mit unseren Eindrücken im Kopf in die Kälte hinein.

Ich denke an den Artikel zum 10 jährigen Bestehen der Hartz 4 Gesetze, den wir uns seit Wochen aus dem Herzen rausschreiben wollen und daran, dass so viele Menschen von unserer Armut erfahren und dennoch denken, es hätte für uns jemals ein
“vor Hartz 4” gegeben. Ein “vor der Armut”. Ein “bevor es alles schwierig wurde”. Oder zumindest so mit uns sprechen.
Vielleicht, weil es so normal ist, dass jede_r mal ein “Früher war alles besser” hatte.

Wir hatten das nicht.
Wir hatten nur Chancen.
Und die haben wir nicht genutzt.

Weil wir statt auf ein Über.Morgen hinzuleben, ein Heute erkämpfen mussten.

Wir haben kein greifbares “wenn es vorbei ist”. Keine realistische Vorstellung, wie das Morgen nach dem Überleben, nach der Armut, wie das Ende des Hoffens erreicht werden kann. Wir wissen nur: das Bedürfnis der Therapeutin, der Welt, den Augen, die auf uns drauf schauen zu sagen, dass es in unserem Leben eine strukturell produzierte und aufrecht gehaltene Todesangst gibt, die für andere Menschen einfach nur “Hartz 4” heißt – das wird morgen wieder überlebt sein.

Genau wie alle Gewalt, Schmerz, Qual, Not, Folter und Ausbeutung, die wir überlebt haben bis wir 21 Jahre alt waren.

 

 

nach vorn drehen

Ich erlebe Neujahr, als einen Moment, in dem ich vor Neuem stehe. Die Erwachsenen da draußen in der Welt reden von einer Illusion, die Coolpeople und die, die alles bessergut können, waren gestern um 10 im Bett, muffeln heute ausschließlich über den Abfall draußen und die Geldverschwendung “der Anderen”.
Ich bin kurz nach 3 ins Bett getaumelt, dachte daran, dass morgen alles neu beginnt und schlief selig mit der Nase an NakNak*s Stirn ein.

Sie hat mich mit ihrem üblichen Morgenwüffen, zu ihrer üblichen Zeit geweckt. Ich bin wie üblich an die Kaffeemaschine und wie immer runter in den Garten gegangen.

Das Neue begann mit dem Moment, in dem mich die Stille des Neujahrsmorgen umschloss.
Ich bin richtig aufgewacht und spürte, dass natürlich viel Üblichkeit noch da ist. Nichts ist verschwunden. Nichts verschwindet wirklich jemals.
Aber, wenn man Dinge neu betrachtet, sieht man die Möglichkeiten sie zu verändern. Kleinigkeiten anders zu machen. Vielleicht auch besser oder mehr, aber immer anders.

Mir macht es Angst vor neuen Jahren, Kontakten, Wegen und Möglichkeiten zu stehen, weil es die Wahrscheinlichkeit gibt, dass ich sie kaputt mache.
Dass ich immer alles kaputt mache, ist eine ganz alte Wahrheit und wirklich an Relevanz verloren hat sie im Laufe der Jahre nicht. Aber an Brisanz.

Ich habe lernen dürfen, dass nichts je festgeschrieben ist und immer wieder neu betrachtet werden kann. Ob heute oder morgen, im Februar oder Oktober- ganz egal.
Es gibt die Wörter ‘und’, ‘vielleicht’, ‘auch’. Ich möchte sie leben, um mich lösen zu können.
Meine Freiheit er.leben zu können.

Es gibt viel Schmerzhaftes und Erdrückendes in meinem Leben, das ich nicht verändern oder wegmachen kann und doch glaube ich nicht daran, dass ein gutes Leben dann eines ist, wenn es diese schmerzhaften und er.drückenden Dinge nicht mehr gibt. Ich glaube, es ist gut, wenn ich daneben auch Schönes, Warmes, Liebe.volles habe.

Am Neujahrsmorgen sieht es draußen chaotisch aus und in meiner Wohnung und in mir selbst auch.
Und ich stehe vor diesem einen Tag im Jahr an dem alle Menschen ein bisschen entrückt, ein bisschen neu, ein bisschen fremd, ein bisschen ängstlich, ein bisschen trunken, ein bisschen ungeformt sind und spüre meine Angst, mit jedem Tun etwas kaputt zu machen, neben meinem leichten Mutschwung meine Wohnung aufzuräumen, mir unter der Dusche das alte Jahr abzubrausen und im Spaziergang mit NakNak* meine innere wie äußere Welt anzuschauen.

Es ist dieser Mut zur Gleichzeitigkeit, dieses eine kleine Zeitfenster, in dem es nicht schlimm wäre, irgendetwas oder jemanden zu berühren, den ich mir zu keinem anderen Zeitpunkt im Jahr anzunehmen erlauben kann.
Jetzt kann ichs.

Also tu ichs.

Jahrwünsche

zurück drehen

Es ist die Zeit im Jahr, in der viel zurück und vor die eigenen Füße geschaut wird.
So drehe auch ich mich um und schaue durch die Finger vor meinen Augen.

2014 hat mich aufgeschlitzt, in den Seilen hängen und ausbluten lassen.
Herzblut, Wutblut, Mutblut.
Und mein Herz, das hat sich elektrisieren lassen. Hat mich hoppelnd von Akt zu Akt getragen und kleine Blüten in den Lauf der Dinge getropft. 

Ich habe gelernt, dass Lebens- und Seinskonstellationen wie meine extrem selten sind.
Was weh tut.
Herzen zer.springen lässt.
Fakt ist.

Ich habe gelernt, dass Menschen, die das Neue und Außergewöhnliche suchen, in aller Regel die Suche nach sich selbst scheuen und Neues erst akzeptieren, wenn sie eine Wunschversion von sich selbst darin erkennen können. Möchten.

2014 war das Jahr, in dem ich lernte, dass Macht immer korrumpiert. Auch Menschen, die ich “Gemögte” nannte.

Ich habe gelernt, dass ich in meiner Art über die DIS (dissoziative Identitätsstruktur) zu sprechen, streckenweise noch sehr allein bin. Zu politisch. Zu komplex. Zu abgehoben. Zu unkonkret. Zu unopferig. Zu unprofessionell. Zu viel Internet.
Ich habe gelernt, dass es leicht ist zu sagen, dass etwas “zu …” ist, wenn man sich selbst zu gemacht hat.

Anfang 2014 traf ich Menschen, die zur Traumafachtagung “Wir sind Viele” kamen, um sich von der Diagnose überzeugen zu lassen. Menschen, die davon überzeugt waren, dass es ja gar nicht so (schlimm) sein kann, wie es geschildert wird. Menschen, die davon überzeugt sind zu wissen, wie es ist, weil sie Menschen kennen und behandeln, die ihnen sagen, wie es für sie ist.
Für mich war die Teilnahme wichtig und ich bin nachwievor dankbar um diese Eindrücke und Einsicht in diesen kleinen Teil der Auseinandersetzung mit den Folgen, die so massive und zielgerichtete Gewalt auch haben kann.
Ohne Unterstützer_Innen, die ungenannt bleiben wollen, hätte ich weder die Tagungsgebühr, noch die Übernachtung, noch die Fahrt stemmen können.  

Eigentlich ist der Mai mein Monat.
Ich feiere Lebenstag, stärke und ermutige mich. Bündle mich für den Sommer, in dem es oft viel zu entdecken und erleben gibt.

Diesen Sommer habe ich damit verbracht mein Herz zusammenzuhalten, tapfer zu bleiben und mich nicht beirren zu lassen.
Irgendwo darinnen wurden wir eine 28 Jahre alte Person. Frau mit Sonderzeichen *.

Wir fingen an zu filmen und hörten auf, unsere Fotos als eigentherapeutisches Überbleibsel zu betrachten.
Die Verjährungsfrist für eine mögliche Strafanzeige wegen der Gewalt, die mich zu vielen machte, lief ab. Der Antrag auf Opferentschädigung rückte ins Nie. SonnenuntergangWalchensee
Das zehnte Jahr Hartz 4 begann. Ich verschuldete mich und erfuhr davon erst Monate später.
Unsere Therapeutin zog mit der Praxis um und wir hielten unseren ersten Workshop zur Sprachführung über Gewalt.

Ich fotografierte am Veranstaltungsort den schönsten Sonnenuntergang in diesem Jahr und schickte ihn mit meinem letzten Datenvolumen an die Person, die mir auch in diesem Jahr ein Leuchtturm war.

Wie viel Angst wir in der Zeit ausgehalten und getragen haben, konnten wir nicht formulieren. Wozu auch.
Am Ende zählt, was bleibt und das war im September dann ein Video von unserem Vortrag zur Sprachführung über Gewalt. Ich wollte ihn untertiteln und dann fiel mir auf, dass in dem Vortrag viele Stunden schwieriger Arbeit.szeit, Fahrtkosten, ein Kongressticket und die Aufgabe meiner Unanguckbarkeit gesteckt haben, die nicht honoriert bzw. erstattet wurden.
Wer Untertitel braucht, kann mich als Referentin* in einer Veranstaltung buchen (lassen), bei der direkt übersetzt wird.

Im Oktober zog ich aus, zu erfahren, wie das Böse in mir aussieht.
Nach Ereignissen im Jahresbeginn erschien es nötig darüber Klarheit zu bekommen.
Ich zog aus das Monster im Schwarz des Inmitten von mir zu finden und fand Teenagerinnens, die mehrfach den eigenen Suizid überleben mussten. Misshandelte, gequälte, verzweifelte, sprachlose, unfassbar verletzte Seelenstückchen, für die sich niemand interessierte, der für dieses Interesse nicht auch bezahlt wurde.

Ich fand die Wut und ich sah, dass sie gut war.
Nicht verantwortlich für die Signale auf die sie entsteht.

Im November zog unsere Therapeutin erneut um und wir bereiteten uns auf unseren ersten Vortrag zu ritueller Gewalt und einzelnen Punkten des Ausstiegs aus zielgerichteter Gewalt durch Personengruppen vor.
Inzwischen liegt eine vernünftige Aufzeichnung dazu vor. Die Kraft und der Mut, sich den Rückmeldungen derer zu stellen, die sich mit dem Thema aus einer anderen Perspektive als meiner befassen, nicht.
2014 ist das Jahr, in dem ich und mein komplett selbst hochgewuchtetes Tun mehr bewertet und beguckt wurde, als Haut über empfindlichen Stellen nachwachsen konnte.

Als Belohnung fürs Durch- und Aushalten fuhren wir 3 Tage nach Berlin.
Besuchten Menschen und Herzen. Erinnerten uns an die Relevanz dessen, was “Freiheit” heißt. Lernten, dass Kinder Übungs- und Gewöhnungssache sind. Erkannten, dass Berlin Mitte ein Stadtteil ist, in dem Todes.Angst und Bedrohung zum Lebensgefühl gehört, wie bei uns das provinzielle Flair, das denkt es sei von Welt.
Wir besuchten ein Konzert und betrauerten den leeren Platz neben uns genauso wie das klaffende Loch, das Gemochte und Gemögte Monate wie Jahre vorher in uns hineingerissen haben.

Kurz darauf kam die Möglichkeit den Zukunftskongress “Inklusion 2025” zu besuchen.
Es entstand der erste Artikel, der komplett gesponsert wurde und doch typisch Rosenblatt war, so wie der längste Artikel des Blog von Vielen.
Diese Tage waren rückblickend betrachtet das letzte Aufglühen.
Ein bisschen der letzte Versuch zu hören: Es gibt auch für dich Zukunft. Autonomie. Einen Platz in diesem System. In dieser Welt.

Ich habe gelernt, dass Inklusion für viele Menschen ein Geschäftszweig ist. Eine Art sich selbst und sein Agieren zu labeln. Ich habe gelernt, dass ich von Menschen, die selbst nicht behindert werden, nichts erwarten darf, ohne Verletzungen zu erleben, die nicht bewortbar sind, ohne Egos zu verletzen und Macht zu thematisieren.

Was mir in 2014 passiert ist, war das Moment, in dem ich deutlich wie nie zuvor gespürt habe, dass meine Zeit abgelaufen ist. Dass meine Zeit von Hilfen, wie ich sie brauche, vorbei ist.
Irgendwie bin ich zu einer Frau Rosenblatt geworden, die schon alles geschafft hat. Die ihren Weg schon gehen wird. Die schon irgendwie zurecht kommen wird. Die ein Netzwerkmensch, eine Macherin ist. Eine Frau Rosenblatt, die immer will und niemals braucht.

Ich habe gelernt, dass ich meine Bedürftigkeit ver.substantivieren muss und nicht kann.

Ich habe verstanden, dass Content im Internet kurz und heftig sein muss, um geteilt und gelesen zu werden und das einfach nicht meine Art Inhalte zu produzieren ist.
Jetzt in dieser Schwebezeit des Jahres komme ich an die Erkenntnis, dass wir im ganzen Jahr 2014 immer das Beste getan haben, was wir konnten. Immer das Beste von dem gegeben haben, was wir geben konnten.

“Ich bin auch noch da, wenn alle anderen weg sind”, ist der Satz dazu, der langsam beginnt, mich zu beruhigen und zu stärken.

Ich möchte vieles und ein paar Jemande in diesem Jahr zurücklassen.
Liegen, fallen, stehen lassen.

Sie und es nicht mittragen, wenn ich mich nach vorn drehe.

der Zukunftskongress “Inklusion 2025”– ein Rückblick mit neuen Selbst.Ansichten

Ich könnte jetzt einen Artikel schreiben, der hübsch in ein kleines Kästchen passt: “vom 2. bis 3. Dezember fand der Zukunftskongress “Inklusion 2025” ausgerichtet von der “Aktion Mensch” in Berlin statt. Etwa 450 Personen trafen einander und diskutierten. Alles war toll.”

So bin ich aber nicht.
Und jetzt mag ich schreiben: “und genau das ist wichtig.”.

Mein Viel(e)-Sein ist okay. Nicht okay ist, dass es keinen üblichen Platz hat. Weder in der Gesellschaft ™ noch in den Strukturen, die diese Gesellschaft nutzt, um sich selbst zu organisieren.
In den Tagen des 2. und 3. Dezembers sind in mir so ziemliche alle Konflikte, die sich in den letzten Jahren rund um meine Hochbegabung, die DIS, die Gewalterfahrungen, die Lern- und Arbeitsk.r.ämpfe und auch meine Zukunftsängste immer wieder gebildet haben, einmal durchgerauscht.
Da waren Momente von Angst, von Ärger, von Verzweiflung, Hoffnung, Heilung, von Verstehen und Begreifen. Für ein Kästchen ist das zu viel. Ein Kästchen würde abschneiden. Ein weiteres Kästchen mit Informationen, die in jeder Zeitung und auch manchen anderen Webseiten und Blogs stehen, braucht diese Bewegung zu einer inklusiven Gesellschaft einfach auch nicht.

Ich werde nun also wieder ein rosenblattsches Megaepos schreiben. Raum einnehmen.
Nach den zwei Tagen und all den Begegnungen mit Menschen, von denen manche für Zeiteinheiten der Widmung bezahlt werden, hat sich meine Haltung zu negativen Äußerungen darüber noch einmal mehr verändert.
Zum Einen dahin, dass ich mich weniger für den Raum, den ich mit mir als Körper, Geist und Seele.n bilde, noch für den Raum, den ich genau damit – mit meinem Körper, meinem Denken, meinem Seele.n.-Sein – einnehme, entschuldigen will.
Ich habe gemerkt, dass mir die Kraft, die ich permanent für eine Entschuldigung meines Da.Seins aufbringe, fehlt, wenn ich respektvoll, nährend, warm, offen, freundlich, annehmend und einander haltend mit Menschen umgehen möchte. Außerdem habe ich gespürt, dass diese Entschuldigung, dieses mein so vielfach, so tiefgreifend eingewurzeltes Schuldgefühl für meine bloßes Existenz, für den Rest der Welt kontextlos erscheint.

// Ich kann es nicht anders tun, als ich es tue, deshalb tue ich es, wie ich es tue.
Und das ist okay. //

Zum Anderen will ich mich noch häufiger daran erinnern, dass Widmung passiert, wie Leben einfach so passiert.

// Es kommt wie es kommt, es ist wie es ist und es muss nie mehr sein, als das. //

Der Kongress beginnt für mich damit, meinen ersten: “Aaaaah – die kenn ich von YouTube!!!” – Moment zu haben, als ich erst Kübra und später auch Christian, die für die “junge Aktion Mensch” seit 3 Monaten Webshows moderieren, in denen sie jungen Menschen Inklusion vorleben möchten, treffe.
Ich mag nicht alles an der Sendung, bin aber mit meiner Behinderung und meinem Alter wohl auch einfach nicht mitgemeint.  Christian erzählte mir, dass sie vornehmlich versuchen Berührungsängste abzubauen und junge Menschen grundsätzlich erst einmal für das Thema “Miteinander” und “Gesellschaft” zu begeistern.
Warum das mit teils opferfeindlicher Sprache (wie in der aktuellen Webshow zum Thema Mut der Fall ist) und für Menschen mit seelischer Behinderung (die einfach bis heute immer wieder mit “Verrücktheit” gleichgesetzt wird) schmerzlichen Bemerkungen, passieren muss, scheint daran zu liegen, dass “man einfach nicht alles rausnehmen und ja auch nicht mit dem Zeigefinger kommen kann”.

// Autsch.
Darf man Tipps und Ideen einreichen, wie der Zeigefinger ausbleibt und trotzdem solche Wörter und Phrasen nicht mehr vorkommen?//

Dann gibt es bis zur Eröffnung viel Kaffee und das erste Gespräch mit einem Menschen, der Unternehmen darin unterstützt, sich mit der Thematik der Teilhabe von Menschen mit Behinderung auseinanderzusetzen. Sehr spannend und erfreulich. Ich dachte, es gäbe gar niemanden, der das an genau dieser Schnittstelle tut.

// Davon sollten mehr Menschen (und Unternehmen) erfahren. //
In meinem Kopf lege ich einen Faden aus und binde ihm den Menschen an den Schnürsenkel.

Nach der Eröffnung: Professor Jonathan Kaufmann, Denker und Berater in den USA.
Er beginnt damit, dass er seine Behinderung als Geschenk oder auch Gabe empfindet und diese ihm eine ganz einzigartige Perspektive bietet. Er beschreibt, was für ein Potenzial im Leben mit Behinderung läge und wie außergewöhnlich das sei.
Und irgendwann hören seine Worte auf in mir und auf meinen ganzen hochpotenten und doch wertlosen Ichs herumzutrampeln. Nicht, weil sie in ihrem “Yeay – Kapitalismus geht für alle Menschen!” aufhören, sondern, weil ich anfange seine Perspektive stehen zu lassen.

// Ich lasse sie stehen. Unterstütze sie nicht. Ich lasse diese Perspektive einfach nur stehen.
Vielleicht im Geldregen. Aber allein. Für sich. //

Nach ihm spricht Professorin Elisabeth Wacker (TU München Diversitätssoziologie – you why i loved her?! ^^) , die viele gute Sätze formulierte als sie ein “Kursbuch Inklusion” aufbaute.
Sie beschreibt Inklusion als Ziel einer Reise und mir fiel zum ersten Mal auf, dass ich ein Wort falsch benutze.

// Inklusion sollte kein Verb haben. Inklusion wird gelebt – nicht “gemacht”. //

Die “interaktive Kurzpause”, von der ich annahm, sie hätte etwas damit zu tun, das man sich in der Warteschlange vor der Toilette unterhält, bis es weitergeht, füllte die Theaterwerkstatt Bethel mit der Darbietung der “Be.Bots”. Es spielten Menschen mit Behinderungen mit und das hat mir gut gefallen. Was sie dort gespielt haben, hat mir nicht gefallen. Vielleicht, weil ich den Witz nicht verstanden habe.

//Menschenausstellungen. Keine Pointe.
Oder doch? //

Und dann ploppten die Flügel meines Gehirns durch meine Schädeldecke und flirrten in dem großen viereckigen Saal umher, an dessen Decke blaue und grüne Sterne geleuchtet wurden.
Ich dachte an die “
Traumdisco” in Berlin und daran, dass der demographische Wandel, von dem vorne auf der Bühne die Rede war, nicht der demographische Wandel ist, der mich beschäftigt.

// Wer wird sich 2025 kümmern, weil er sich kümmert und eben nicht, weil er dafür bezahlt wird?//

Es gibt Mittagessen und es guckt mich komisch an.
Natürlich.
Es ist gelb und scharf, ist durcheinander gewürfelt und heißt trotzdem nicht “Salat” oder “Müsli”.
Der Salat war kein Salat sondern “Essen das komisch guckt und “Salat” heißt, weil es jemand dran geschrieben hat”. Ich hapse, drücke und schlucke so schnell es geht.
An meinem Tisch sitzen Menschen, die einen Film machen möchten.
Sie fanden “
Gold – du kannst mehr, als du denkst” ganz prima.

//Ich schlucke auch alles, was ich zu dem Film noch sagen möchte, direkt mit einem Puppentässchen Kaffee herunter.
Übrig bleiben viele gute Wünsche für ein Gelingen und Erfolg.
Ich weiß, wie viel Arbeit “Filme machen” bedeutet.//

Nach einer inhaltlichen Einführung geht es in die Themenpanels.
Ich habe mir das Panel “Gesellschaftliche Entwicklung und soziale Verantwortung” ausgesucht und twittere, was ich noch twittern kann, bevor mein Handy mit einem letzten Aufbegehren des Vibrationsalarms den Akkutod stirbt.
Um von mir tot Geglaubtes, geht es auch im Panel. Jeannette Gusko von
Change.org gab einen kurzen Input über das Potenzial von Onlinepetitionen als Bestandteil von Öffentlichkeitskampagnen.
Laut ihren Erfahrungen gibt es nachwievor die Chance über eine Petition auch zu erreichen, was man erreichen möchte. Allerdings nur, wenn daneben noch jede Menge andere Vernetzung und Unterstützung von Verbündeten steht.

// Ich denke an die #idpet und daran, dass die CDU unser Land quasi im Alleingang regiert.
Und schlucke erneut.
Mit Stellvertreter_Innen “neutraler” Plattformen kann man nicht politisch diskutieren. Neutralität ist apolitisch.//

Der Philosoph, Künstler und Kurator Günther Friesinger aus Wien, trägt eine schwarze Kapuzenjacke und ich kann ihn leider nicht fragen, ob er zufällig auch Twitterer ist. ^^
Er versucht und das Internet begreiflich zu machen, indem er uns alle Daumencatchen lässt und dabei miteinander verbindet.

//LOL//

Theoretischer wird es dann wieder mit der Vorstellung der explorativen Studie, die Professorin Dr. Berit Sandberg mit ihrer wissenschaftlichen Mitarbeiter_In vorstellt.
Es geht um die Motivation zu ehrenamtlichem Engagement von Menschen mit Behinderungen. Größte Faktoren: Arbeitslosigkeit und der Wunsch, der Gesellschaft etwas (zurück)zugeben.

// Ich erinnere mich an die “Plattform Inklusion” meiner Stadt und die scheelen Blicke, die mit meiner Nachfrage einhergingen, ob Ehrenämter als die Jobs der Zukunft für Menschen mit Behinderungen betrachtet werden. Aushilfen, die freiwillig und unentgeltlich tun, was sonst vom Jobcenter geschickte Minijobber tun – ja kann denn ein Unternehmerherzchen davor zurückschrecken?//

Studien wie diese sind wichtig.
Ich wünsche der Professorin, dass sie es schafft eine größere Studie zu dem Thema auf die Beine zu stellen.
Sie könnte dazu beitragen, das Vorurteil von einzig betüddelten Menschen mit Behinderungen zu brechen und in ein Bild von auch aktiven Menschen, die mit einer Behinderung leben zu verwandeln.

// Wenn sie es aus dem ewigen Kreislauf im Elfenbeinturm “Wissenschaft” herausschafft.//

In Erinnerung bleibt (weil mit ganzen vielen Geistesherzchen überschüttet) mir auch Dr. Mark Terkessidis, von dem ich nicht einen Satz behalten habe – aber alle Energie, die er in seine Sicht des Themas brachte.

//Geistesherzchen Geistesherzchen Geistesherzchen //

Am Abend treffe ich einen Menschen vom Verein “Menschen helfen Menschen in und um Berlin e.V.” welcher komplett ohne öffentliche Zuschüsse arbeitet und sich nur mit Spenden und ehrenamtlichen Helfer_Innen hält. Die Liste der Tätigkeiten dieses Vereins im Flyer hat mich umgehauen.
Wenn ihr noch ein klitzekleines Scherflein zum Spenden habt – da ist es gut aufgehoben.

//Werden wir es schaffen unser Nachwachshaus* aufzubauen und genauso hartnäckig bei der Sache bleiben können?//

Ich lasse mich von dem Berliner Abend zurück zu meinem Schlafplatz schieben.
Zweifel schlagen über meinem Kopf zusammen und alles Runtergeschluckte drückt sich an meinen Augäpfeln vorbei nach draußen.

Ich kann zu selten sagen, dass mich die Unsichtbarkeit meiner Behinderung als solche bewegt. Ich kann zu selten sagen, dass es mich stört, wie oft apolitisch und vertreter_Innenzentriert Diskussionen zum Thema Inklusion und Teilhabe aller Menschen funktionieren. Ich muss meine Abhängigkeit von anderen Menschen zu oft als Hilfebedürftigkeit bezeichnen. Ich bekomme öfter zu hören, ich müsse mich bewegen und etwas tun, als Fragen danach, wie meine Bewegungen und Projekte unterstützt werden könnten, damit sie überhaupt als solche bemerkt werden. Man kann keine Prothese an mich klemmen. Dass ich viele geworden bin, ist die Prothese, die zu entwickeln ich gezwungen war. Man kann mich nicht mehr gebrauchen und verwerten. Inmitten der Realität, in der wir uns heute befinden, ist meine Behinderung weder Sprungbrett für tolle Perspektiven, noch ist die Tatsache eine Person, die mit einer Behinderung lebt zu sein eine Qualifikation.
Was heute zählt, sind Entwicklungsmöglichkeiten, die sich mit kapitalistischen Strukturen vereinbaren lassen. Vielarmige Krausköpfe wie meiner, die obendrauf nicht einmal kontinuierlich an sind, weil so ziemlich alle Schrauben locker sind, die sind vielleicht noch als Objekte wichtig, wenn es um Lückenforschung geht.

// Wie wichtig Lücken sind, merkt man heute nur noch wenn die Leertaste am MacBook spinnt oder man einen Parkplatz in der Innenstadt sucht//

Ich weine und ekle mich vor dem Geräusch, das mir dabei aus dem Mund kommt.
Ich kann niemanden anrufen. Es ist ja schon alles gesagt. Ich sage seit Jahren kaum etwas anderes als das, was ich jetzt sagen würde. Es würde mich trösten, läge eine Hand auf meiner und sagte jemand: “Es gibt ein Morgen.” und es würde mich zerfetzen, läge eine Hand auf meiner, während mir jemand sagt: “Es gibt ein Morgen.”.
Als ich in die Nacht spüre, höre ich hinter mir Federn rascheln.
Etwas streichelt mein Herz in den Schlaf.

Am Morgen dusche ich die Trümmer des Abends von mir und zeichne kleine Dankegrüße.
Ich gehe mit neuer Kraft in den zweiten Tag des Kongresses. Jeder Schritt von mir zieht ein zartes Federstreichen nach sich.

Wir hören Anja Förster, die querdenken als Business betreibt. Sie erzählt von Fehlern, vor denen Angst zu haben Kraft raubt und die Geschichte von den Blumen in der Wüste, die bestimmte Bedingungen brauchen um zu blühen. Kennen wir schon aus dem schönen Mixtape von KapuzenAuf.

// Warum müssen es eigentlich immer die Blumen sein, die in der Story als lohnenswert erscheinen? Die Fähigkeit lange in der Erde ruhen zu können, ohne seine Potenz zu verlieren, ist ebenfalls ziemlich cool. Kakteen sind verdammt cool. Wüsten sind wichtige Bestandteile unserer Natur. Wüsten als Orte [Räume], sind Konsequenzen aus Folgen von Anpassungen an Gegebenheiten.//

Dinge anders machen zu wollen, finde ich aber gut. Schade, dass es mit dem bewährten “Motivations- Trau dich mal” einher gehen muss, bei einer Veranstaltung, die zu besuchen für viele Personen aus ganz unterschiedlichen Gründen, schon mit sehr viel “Trau dich mal” verbunden ist.
Aber wer weiß, vielleicht war dieser Input ja bei irgendjemandem das Quäntchen Wasser, das gebraucht wurde.

Und dann kam eine “steife Brise” auf – das Improvisationstheater “Steife Brise” um genau zu sein.
Ich kann nicht gut beschreiben, was sie gespielt haben – nur so viel: es hatte damit zu tun, dass das Publikum Wörter einbrachte, die in eine Szene eingeflossen sind und am Ende gab es “Weini” den Weihnachtsmann, der seine Frau an den Metzger verloren hatte und “Stefan”, den Elfen.

//so cool – einfach loslegen und spontane Ideen umsetzen – Fehler sind erlaubt//

Für den zweiten Tag habe ich das Themenpanel “Bildungschancen und Lebensweggestaltung” gewählt und twittere, so viel ich kann.

Dr. Siegfried Saerberg erzählt von der Kunstausstellung “artblind”, die von ihm für den Verein Blinde und Kunst e. V kuratiert wurde. Künstler_Innen, die mit Sehbehinderungen oder Blindheit leben, erfreuen mich. Meine Kunst war bisher eher etwas, das ich jetzt viel mache, weil ich nicht, weiß, wie sich die Funktion meines linken Auges im Alter auswirken wird. Ich profitiere bereits jetzt sehr von digitalen Möglichkeiten der Gestaltung, wenn es um Nachbesserungen oder Arbeiten mit bestimmen Mitteln geht. Aber die Haptik von Materialien ist für mich auch wichtig. Es hat mich ermutigt, zu hören, dass es Menschen gibt, die ihre Kunst nicht nur auf die visuelle Wahrnehmung auslegend machen und dann auch ausstellen.
Wir hören eine Audio Transkription zu einem Bild und werden darüber mit zwei Bildern beschenkt. Das eine entsteht beim Zuhören, das andere beim Sehen. Beides zusammen vermischt sich zu einem runden Subjekt (ja- nicht: Objekt, wie das sonst gerne bei Kunst passiert) in mir drin. Unter der Bildbeschreibung ist Musik, am Ende gibt es Worte zur Aussage des Bildes vom Künstler selbst.

//Schön, dass wir Zeit haben, um uns zu widmen.//

Es spricht Jun. – Prof. Dr. Ingo Bosse über die Medialisierung des Lernens und welche Probleme sich dabei zeigen. Es fehlen ordentliche Lehrmittel und Ausbildungen zum Lehren der Nutzung dieser Mittel.
Ich denke an Dr. Terkessidis und die Parallelwelten, die Rasse, Klasse und Alter voneinander wegspalten.
Ich denke an die Person, die mir im März bei der Tagung “Wir sind Viele” sagte: “Hoffentlich reichen meine technischen Fähigkeiten, Ihr Blog im Internet zu finden.”.
Ich denke daran, dass viele Unternehmer_Innen Facebook für das Internet halten, sich anmelden, Gelder in die Plattform bringen und die Nutzung für Non-Profit oder gemeinnützige Unternehmen und Privatpersonen ad absurdum führen.

//Facebook wird im nächsten Jahr auch ausgeloggte Nutzer_Innen in ihrem Surfverhalten ausspionieren.//

Um Mediennutzung und Einbindung in den Unterricht geht es im Vortrag von Norbert Schröder, der in seiner Schule Jugendliche, die mit körperlichen und Lernbehinderungen leben, unterrichtet. Sie machen Videotutorials zur Nutzung der Gerätschaften, die sie in ihrer Ausbildung verwenden und erstellen so quasi die Lehrmittel der nachkommenden Schüler_Innen – die wiederum die Lehrmittel der vorhergehenden Schüler_Innengeneration überarbeiten oder verbessern.
Eine Idee, die in ihrer Umsetzung mit einem Video gezeigt wurde, das sehr professionell wirkte und komplett von den Schüler_Innen selbst gemacht wurde.

Es folgen Worte von Prof. Dr. Olaf Burow zur Erkennung und Förderung individueller Potenziale, die in der Folge vom Journalist Erik Albrecht in einen Kontext mit Bildung als Lebensbausatzelement erneut auftauchen und von Prof. Dr. Hinz und Ines Boban (tolle Menschen! da flogen wieder Geistesherzchen- beide sitzen im Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg) in einen Kontext des hinterfragbar kapitalistischen Wertes “Bildung” und “Entwicklung” gestellt werden.
Für mich entsteht ein angenehmes Knäul aus losen Fäden, festen Strängen und Mustern, die in der darauf folgenden Diskussion noch ergänzt werden.

// Unser sogenanntes Informationszeitalter instrumentalisiert Bildung vom Begreifen weg. Es wird weniger gelernt, als gebildet. Unsere Bildungssysteme führen zu Abzieh.Bildern, die wir in unsere Stickeralben kleben. Wer das schönste Album vorzeigt, bekommt die Möglichkeit weitere Sticker zu erwerben, um am Ende, das unvorhersehbar, unsicher und von wirtschaftlichem Denken und Taktieren Dritter abhängig ist, ein Einkommen zu haben. Das nicht sicher ist.
Nichts ist sicher und deshalb wünscht man sich eine “Kultur des Vertrauens”. Wir, ich bin Teil der Generation Y. Um mich herum, hätte die Welt schon zwei Mal massiv zerstört werden können. Tschernobyl, Fukushima. Es gab und gibt so viele Kriege und sie kommen alle zunehmend unausweichlich nah, denn jeder Monitor wird zum Fenster in die Nachbarschaft von Menschen, die mit dem Grauen Tür an Tür, oder Hütte an Zelt leben müssen.
Ich denke an transgenerationale und durch unsere technischen Möglichkeiten auch transnationale oder vielleicht besser gesagt: transmediale (Psycho)Traumatisierungen und daran, dass niemand Vertrauen von Menschen lernen kann, die in einer Zeit aufwachsen, in der nichts und niemand wirklich bedingungslos vertrauenswürdig ist, weil einfach nichts und niemand so sicher und kontinuierlich ist, wie der Lauf der Dinge selbst.
Ich sage zum ersten Mal in meinem Leben: “Ich bin hochbegabt – leider.”, vor anderen Menschen und bringe mein Bildungsdrama in einen Kontext von Klasse, als Diskriminierungsachse. Am Ende traue ich mich, meinen Wunsch nach stärkerer Etablierung der Langeweile als Quelle von Kreativität und Sozialität zu äußern.
Ich bin stolz auf mich und spüre, dass meine Worte auch willkommen sind. Es fühlt sich so unfassbar großartig an. //

Das Mittagessen guckt nicht komisch. Es gibt Tomatensuppe, rote Grütze mit Vanillesoße und klitzekleine Süßigkeiten. Der Cateringservice “Lebenswelten” ist übrigens integrativ – es arbeiten auch Menschen mit Behinderung dort. Ich führe wieder ein interessantes Tischgespräch und lerne später eine Mitbegründerin des Vereins “Wild:lachs für alle e.V.” kennen.

//Eine Mutwelle in Richtung Nachwachshaus*//

und dann treffe ich Mareice Kaiser und Raul Krauthausen.
Sie sitzt neben mir im Publikum und wir klatschen Raul auf der Bühne zu, der in der Talkrunde “Inklusion 2025 – Realistisches Gesellschaftsmodell oder Utopie?”, direkt mit wichtigen Punkten
loslegt.
Er sagt: “Überhaupt schon Utopie in dem Kontext Inklusion zu erwähnen, öffnet zu viel Platz für Bedenkenträger.”.
Raul wird als einzige Person geduzt und das ärgert mich. Er hat doch einen schönen Nachnamen, wie alle anderen auf dem Podium auch.

//Inklusion ist das Ergebnis einer emanzipatorischen Bewegung. Emanzipatorische Bewegungen sind wichtig. Man erreicht sie nicht mit Quoten – schon gar nicht mit Quoten wie einer von 30% für Frauen.
Dass diese Emanzipation schwierig ist, wenn Unternehmen und Politik erst auf Druck handeln, und immer wieder mit Optionenhonig um die Vorstand- und Vertreteregos gelockt werden müssen, was wiederum getan wird, weil Abhängigkeiten zu Hilfebedarf umbenannt werden, ist nach dieser Veranstaltung für mich sehr deutlich geworden.

Natürlich können Unternehmer_Innen ihr Konzept nicht von jetzt auf gleich umstellen. “Never touch a running system” – ist in der Wirtschaftslage, die wir nun einmal jetzt haben, wichtig und es doch anzutouchen ist mit einem Mut und einem Grad an Etablierung innerhalb von Systemen von bestimmten rassischen, klassistischen, age-istischen, sexistischen und vielen anderen *istischen Achsen, verbunden, das nicht alle Unternehmen vorweisen können und/oder auch nicht bewusst haben.
Seit dem Zukunftsdialog 2012 habe ich bereits mit verschiedenen Menschen, die aus Unternehmen jeder Schicht kommen, gesprochen und oft – sehr oft – fehlt tatsächlich ein Bewusstsein nach unten, weil der Fokus immer wieder auf dem Bewusstsein und den Vergleich nach oben liegt. Liegen muss, weil ein Überleben daran hängt. Es gibt diese Überlebensmuster auf jeder Ebene und ich erlebe es als wichtig, sie anzuerkennen, bevor kritische Forderungen gestellt werden, die mit Druck einhergehen.
Trotzdem bin ich natürlich nicht objektiv und immer wieder wütend, wie vor sehr großen Unternehmen seit Jahren argumentiert wird, dass Menschen, die mit Behinderungen leben, ein Gewinn seien. Dass es sich wirtschaftlich lohnt oder lohnen muss – je nach Argumentationsstandpunkt – auch Menschen mit Behinderung am Arbeitsleben teilhaben zu lassen oder auch: Menschen in ihrem Arbeitsleben und Er.Schaffen nicht zu behindern. Es widert mich an.
Es triggert Erinnern in mir an, weil ich schon so oft gekauft wurde. Es macht und hält mich “psychisch krank”, weil ich als Mensch mit diversen Eigenschaften nie ohne Verwertungslogik zu folgen betrachtet werde, wenn es darum geht, was von mir kommt. Ich kann das immer wieder in mir aufkommende Bild von Sklavenmärkten und Menschenausstellungen nicht unterdrücken. Ich komme nicht dagegen an, immer wieder an Menschenhandel zu denken.

Viele technische Neuerungen kommen auf den Markt, wie die “Lorm Hand”, die es Menschen mit Seh – und Hörbehinderung ermöglicht, auch digital zu kommunizieren. Unsere rasend schnelle technische Entwicklung wird uns greifbar und im direkten Erleben des Alltags in der Zukunft emanzipieren – von anderen Menschen. Deren direkte physische Präsenz wird dann nämlich nicht mehr wie heute gebraucht. Gleichzeitig müssen diese Hilfsmittel produziert und erdacht werden. Warum es noch so viel Argumentation “Pro Teilhabe” genau daran geben muss – warum Menschen ihre altunwürdigen Denkmuster aus Ökonomie und “hat sich schon immer™ so bewährt” nicht verlassen und erst vom Querdenken überzeugt werden müssen, ist mir unverständlich.
Vielleicht habe ich zu viele Visionen.  Vielleicht hören aber auch noch einfach viel zu viele Menschen Sätze wie: “mit Visionen macht man keine Politik” und erleben es zu selten, wie darauf jemand antwortet “Aber ohne Vision, keine Mission”, wie es Raul Krauthausen tat.

Vielleicht ist es aber doch genau diese meine Sicht, die Professor Kaufmann zu Beginn der Veranstaltung meinte, als er sagte: “das Leben mit einer Behinderung bietet andere Perspektiven”.
Meine Gewalterfahrungen haben mich in einer Art zur Anpassung gezwungen, wie sie nicht vielen Menschen passiert. Die Art, wie ich die Welt und ihre Akteure wahrnehme, in mir verarbeite und mit ihnen interagiere folgt keinem Muster, das einen Bonus zur Folge hat.
Ich lebe, dass ich lebe.
Ich tue, dass ich tue.

und, dass das so ist und, dass es okay ist, dass es so ist; dass ich nicht jeden K.r.ampf ums Mehr und Besser mitmachen muss, um mir wünschen zu dürfen mit anderen Menschen warm, offen, freundlich, respektvoll, nährend und einander haltend in Kontakt zu sein,

das habe ich so bewusst, wie auf der Fahrt nach Hause durch das Dezemberdunkel noch nie gehabt.//

Vielen Dank an die Aktion Mensch, die mir mit ihrer Blogparade zu einem Kongressticket verhalf, der Mädchenmannschaft e.V. , der Redaktion von „Weird„, meinen sichtbaren, wie unsichtbaren Patroni und Gemögten, die mir alle zusammen diesen Artikel ermöglicht haben. Ohne euch hätte es nicht geklappt- vielen vielen Dank!

euer komisches Berlin – Teil 3

Und: Geschichte
und Geschichten, die passieren, sind und wirken. Und bleiben. Auch wenn sie unbewortet, unverw-ortet sind, sein müssen, sein sollen.

Dann steht man Mittags vor dem Rest Berliner Mauer neben einer Tourist_Innengruppe und denkt noch flüchtig:“Oh, ich sollte … Äh, ja, was eigentlich?“ und dann vergeht ein Tag mit Glitzer, Hoppeln in der U-Bahn und wunderbarer Konzertmusik und man taumelt wegen Fassungslosigkeit vor all dem Schönen, ins Begreifen von massivem Hunger.

Ich kenne Hunger anders, als einige andere Menschen.
Auch das eine Geschichte, die ohne Anfang ist, doch bis heute wirkt. Sie macht mir Essen, das komisch guckt. Sie macht Essen, das ich nicht darf, nicht kann. Nur riechen, aber nicht schmecken, nur schlucken, aber nicht kauen; Essen, das ich anlecken, aber nicht verarbeiten kann.
Sie macht, dass ich ab einem Erregungslevel bedürfnislos werde und mir einen Timer stellen muss, der mich penetrant an das Bewusstsein herantreibt, dass mein Körper Aufnahme- und Ausscheidebedürfnisse hat, denen nachzukommen in Ordnung ist.

Und am Ende ist es nach Mitternacht und ein Mac Flurry Eis ist das einzige Lebensmittel, das tragbar erscheint. Aushaltbar vor kleinen blinkenden Lichtern am Leipziger Platz. Inmitten eines Dort, wo mal Geschichte um Freiheit gemacht wurde.

Als die Mauer fiel, war ich 3 und mein winziges Stückchen DDR- Erinnerungen haben bereits diesen Erzählschleim verschiedener fremder Zungen auf sich gehabt, als ich sie aufnehmen konnte.
Und heute, da gibts 25 Jahre dicken Erzählschleim von Flucht und Unterdrückung, von Not und Kampf, vom Mauerfall und ständiger Ausreise aus Versehen.
Davon, wie meine jungen Eltern, wie meine Großeltern, wie die vietnamesischen Mitmenschen in der Nachbarschaft meiner Großtante damals, die Mauer und ihren Fall erlebten, werde ich wohl nicht mehr erfahren.

Vielleicht mag ich diese Geschichten auch nicht erfahren, denn, was ist die Freiheit meiner Eltern, meiner Großeltern, der damaligen Bevölkerung der DDR, denn heute?

Ich spiele Seiltanz auf der Mauerlinie, lutsche das flüssige Karamell von meinen Fingern und hüpfe ohne Halt und Rahmen durch die Nacht. Zum ersten Mal in den 3 Berlintagen habe ich keine Angst, sondern ein Gefühl bitterer Wut, das sich in die Absurdität meiner Freiheitspraxis „am Leben bleiben“ schlängelt.

Oh, ich sollte doch…
nicht so einen Scheiß mit meiner Freiheit machen. Sollte doch, Freiheit nicht mit Überlegenheit verwechseln. Mit Macht schützen- nicht verqueren.
Ich sollte doch…
Freiheit nicht mit Grenzenlosigkeit verwechseln.

Oh, ich sollte doch, nicht glauben, dass die Freiheit, die ich lebe, die Freiheit ist, die unterdrückte Personen forderten und bis heute fordern.

Es halb 2 Uhr morgens und selbst in Berlin ebbt die Wucht zu einem dumpfen Dröhnen aus der Ferne um mich herum ab.
Im Hotel läuft eine amerikanische Serie auf einem Fernseher, den niemand beachtet. Vor der Tür steht ein roter Trabbi zur Dekoration.

Oh, ich wollte doch Trabbi fahren, wenn ich groß bin.

euer komisches Berlin – Teil 2

Und es ist Angst, die an die Innenwände meines Körpers schwappt, wie ein Fluss, der seit immer und vor allem da war.

Mein Gehirn rotzt mir diese beißende Kinderangst hinters Gesicht und reitet auf dem polterstolperndem Puls im Hals davon. Manchmal neben jemandem her, der durch dieses Betonland joggt und dabei aussieht, wie eine Mahnung vor Labelverselbstung.

Es ist, dass es anfängt weh zu tun, weil es eben nicht weh tut, sondern eine quälende Schleife aus Wucht und schwehlendem Viel ist, die kein Ende nimmt.

Ich bin nicht dünnhäutig, ich bin randvoll mit Adrenalin und andere Menschen mit mir. Es geht ums Überleben, wenn man sich von A nach B bewegt, weil man sich von A nach B bewegt.

Berlin ist rücksichtslos und „dit is Berlin“.
Es ist, dass Rücksichtslosigkeit unter Häute kriecht und Wurzeln nach außen treibt.
Dass Barrieren sind, die machen, dass Menschen hilfloser im Inmitten stehen, als sie müssten und am Ende ausgeliefert sind.

Die Bahnansagen sind kaum zu verstehen und auf den Monitoren läuft Quatschfernsehen. Wo ich wohne, werden dort Umsteigemöglichkeiten, Fahrtverlauf und Uhrzeit angezeigt. Wo ich wohne, kann ich es mir leisten vor lauter Angst zu vergessen, wo und wann ich bin.

Hier wird man gefressen und dit is halt Berlin.

euer komisches Berlin – Teil 1

Es ist, dass mein Hund nicht da ist und ich dem Punkerhund dabei zusehe, wie er einen Kinderschuh hinter seinem taumelnden Menschen herträgt.
Offenbar ist so ein Kinderschuh kein Grund zu schauen, welcher Fuß nun ungeschützt ist. Bin ich die Einzige, die einzelne Schuhe auf der Straße beunruhigend findet?

Es ist eine novembergraubunte Masse, die sich an mir reibt, ohne mich zu berühren.
Es ist nicht schön, es ist nicht hässlich.
Es ist vermutlich einfach Berlin. Kreuzberg.
Fahrradskelette, die an Laternen hängen, die wiederum einen Pelz aus Aufklebern, Flyern und Plakaten am Leib flattern haben.
Graffiti, schrabbeliges Schmuckflickwerk, Tourist_Innen, die Aufkleber an Häuserwänden, auf Mülltonnen stehend photographieren, ohne das müde Gesicht, im Schaufenster darunter, zu beachten.

Und wenn ein Weg bekannt ist, dann ist es nur noch laut und viel und Wucht und Schrei.
Es ist so viel, dass man selbst auch gut gar nicht sein muss.
Wenn man nichts sagt, wird man zur Lücke im Viel. Ein Loch im Lärm, das Stille ausblutet.

Vielleicht wird man hier ein Jemand aus Selbstresterhaltungsschutz. Verhält sich laut, um die Stummstilllöcher der Wortlosen und Toten mit sich selbst auszufüllen.

Es wird nicht dunkel.
Nicht einmal die Nacht hat ihr übliches Dunkeltiefweitschwarz an, wenn sie über Berlin wacht.
Hier riecht es nicht nach Stadt, Land, Fluß, Wald oder Wiese. Es stinkt nach Mensch und Zivilisation. Und manchmal nach Leben, das sich in Essensdüfte hineinkringelt.

Ich schlafe in einer Höhle und bin.
Ich bin da und merke das am Sein des Ummichherum, das mich einfach lässt. Atmen, essen, sprechen, spielen.

Sein.
In Berlin.
Dieser,
vielleicht,
furchterregend lauten
Viel-Wucht.

Ausstieg erinnern

P6080016“Ach – ich bin ja multipel”

BÄNG
erst mal neben die Toilette kotzen und den Siedepunkt in sich blinken sehen
Vielleicht freundlich lächelnd aus der Ferne wutschen und wedeln und Wellen in meine Richtung schwabbeln lassend.

Ich brauche keine Kraft, um Vorträge zu halten, zu erklären und Übersetzungsarbeit zu machen. Ich brauche auch keinen Mut, um zu tun, was auch immer ich tue.
Wenn ichs kann, dann mache ich das. So gut, wie ich es kann, so mies ich es eben auch kann.

Ich brauche Kraft und Mut für das was dann kommt.

In dem Vortrag gestern saß jemand, der mich an meine ambulante Betreuerin erinnerte.
Jugendhilfe damals. Schluck.
50 Zillionen unauffällige Überprüfungsblicke, Erinnerungen ans 28 Jahre alt sein, daran, eine Aufgabe zu haben.

Ich habe über rituelle Gewalt und die Mechanik der Gewalt gesprochen.
Darüber, was meine Betreuerin damals irgendwie vergessen, verdrängt oder vielleicht auch einfach nicht genug erfassen konnte.
Was weiß ich. Wenn ich mich recht erinnere, war sie damals selbst erst Ende Zwanzig – Anfang 30. Heute macht sie keine praktische soziale Arbeit mehr soweit ich weiß. Ist vielleicht gut so. Vielleicht gerade auch nicht. Was weiß ich.

Was weiß ich was weiß ich was weiß ich was weiß ich was was was

Weinkrampf ohne Tränen
Wow
Das ist lange her
Naja. Dann war’s wohl Zeit.

Mir geht es nicht schlecht. Ich bin nicht traurig oder verzweifelt oder habe das Gefühl einen Fehler gemacht zu haben.

Es ist einfach nur viel.
Man hat mich dieses Jahr vielleicht ein bisschen zu oft gegoogelt, angeguckt, bewertet, geliked oder mit Herzen bedacht, um mein Reden von meiner Unzulänglichkeit zu hören, zu begreifen.

Der Vortrag hat mich an dieses “Viel – Gefühl” am Anfang der Abkehr- und Ausstiegszeit erinnert.
Dieser Alltag mit teils brachialen Schmerzen, mit offen geheimen Geheimnissen, für die es keine Worte gab. Diese unzureichende Betreuung, mein Gekrampfe mit sozialen Kontakten in Abendschule und den ersten Gemögten. Dieses furchtbare 18 sein und eigentlich noch 8 oder 5 oder gerade inmitten der Wehen des eigenen Geborenwerdens. Alles gleichzeitig und ohne einen Fetzen Haut, der das Ganze irgendwie bedeckt und schützt oder zusammenhält.

Mir ist eingefallen, dass ich mit meiner damaligen Betreuerin nie eine Abrechnung hatte. Eine Klärung oder so etwas, wie ein Eingeständnis unterlassener Hilfeleistungen, eine Entschuldigung ob meiner Abschiebung in die Hände von Gemögten, anstatt uns professionelle Ausstiegshilfen mit an die Hand zu geben, uns zu sichern und zu stärken, von ihr hören durfte.
Hat sich einfach auch „rausgezogen“ die Gutste.
Strukturen- und Verantwortungszauber.
Kann man machen, wenn mans kann. Muss. Es nicht anders will.

Ist aber scheiße.

Ich mag mir auf die Schulter klopfen, dass ich bis heute keine Vorträge mache oder Texte schreibe, in denen ich Hilfe und Helfer_Innen ausschließlich als die Illusion beschreibe, als die ich sie damals wahrgenommen habe und manche im Innen, sie noch immer wahrnehmen, vielleicht: wahrnehmen müssen.

“Hilfe ist was hilfreich ist. Ob etwas hilfreich ist, weiß man erst, wenn es geholfen hat.”
nochmal auf einen Zettel schreiben und gut sichtbar anpinnen. Nicht vergessen.

Atmen.
Fühlen, wo ich den Boden, die Welt und alles was auf ihr herum läuft auch, berühre.
Merken, wie ich diese Berührung beeinflusse, wenn ich meinen Fuß hebe. Hoch. Sehr hoch. So hoch, dass ich wackle. Spüren, dass mich die Erde mit ihrer Welt drauf, trägt und hält und das überhaupt nicht schlimm ist. Dass es nicht weh tut, wenn es mich gibt.
Atmen.

Ich habe an die Zeit gedacht, als Ausstieg noch gar nicht in meinem Kopf war.
Als wir durch das Treppenhaus zur neuen Praxis der Therapeutin gegangen sind. Ihr hinterher. Eines dieser roten Bändchen vermissend, das Kindergartenkindergrüppchen früher in die Hand gebrückt kriegten, um ihre Kindergartenmutti nicht zu verlieren, wenn sie durch das große dunkle furchteinflößende Schreckensgebiet taperstolpern.
Schön. Peinlich.

Es war gut für unsere meine Therapie, den Vortrag gehalten zu haben, glaube ich. Gut, dass diese Person dort saß. Gut, dass ich mich in diesem Kontext, zu diesem Zeitpunkt, so ans Aussteigen und Abkehren erinnert habe, wie ich das jetzt getan habe.

Es ist gut mich zu erinnern, dass ich viele bin.
Das ist, als hätte ich mich an mich selbst erinnert.

Bumerang und atmen

und ein bisschen lustig ist es doch
wenn man dann über Dinge wie Armut und “Aber das haben Sie jetzt nicht gehört” und “das wissen Sie nicht” und “wie gut, dass Sie das jetzt schon vergessen haben” die sich immer, zwangsläufig irgendwie, direkt daneben abspielen, spricht.

Auch deshalb werde ich nie nie niemals eine Biografie schreiben _können_, in der ich “mein Schweigen breche”.
Nicht nur, weil ich das pathetisch und unangemessen finde, sondern, weil Schweigen und gezielte Unkenntnisse der Kleister sind, der das, was ich hier mache bis jetzt zusammenhält.

Gerade ist die neue gesetzliche Betreuerin wieder gefahren und es war schön.
Mir ist schlecht, ich hab Angst, aber es geht mir richtig gut.

Weil sie alles und nichts gehört hat.
Sie weiß, dass ich mit zweidreiviertel Beinen in der Strafbarkeit stehe und gleichzeitig Opfer geworden bin. Und irgendwie alles gleichzeitig nebenher gelaufen ist. Manchmal ohne mich, manchmal wegen mir und manchmal auch, weil ich das so wollte und nicht anders und manchmal, weil andere da waren, oder nicht, oder etwas wollen, was sie nicht hätten wollen dürfen sollen.

Hach.
Atmen.

Ich weiß ja auch nicht, wieso ich eigentlich nicht schon längst unter einer Brücke wohne oder schon länger nicht am Essen knipsen musste.
Und wieso so viele Menschen irgendwie immer noch da sind und immer noch nicht gemerkt haben, wie ich stinke. Und ach überhaupt.

Ich hab damit ja irgendwie doch auch beruhigend wenig zu tun.
Menschen sehen, was sie sehen wollen.
Was sie sehen können.

Ich bin nur Projektionsfläche und manchmal Impulsquelle.

Ach ach ach
Atmen.

Ich hab mich so ungerächt gefühlt und jetzt sehe ich endlich den Bumerang in die richtige Richtung fliegen.
Nichts vergeht, nur weil man nicht drüber spricht.

”Was hast du denn geglaubt, was meine Optionen sind? Was hast du denn gedacht, wie sich so eine Nummer bei jemandem wie mir bedeckt halten soll?”, befinde ich mich in einem endlich endlich stattfindenden Streitgespräch,  mit dem Bild von H. in meinem Kopf.
”Hast du eigentlich nachgedacht? Oder hast du an mich als das kleine Huschi von 2006 gedacht, für das du deinen Rücken breit machen musst, weil “darum”? Weil du dich aufopfern musst, oder was? Weil “du und ich gegen die ganze Welt” ja schon immer eine so super gute Idee war?”, in Gedanken schaue ich ihr streng ins Gesicht. Von oben runter. Sehr groß. Kalt und unnachgiebig. Wie ich nie sein kann außerhalb meines Kopfes.
”Hast du gedacht- habt ihr gedacht” – ich drehe den Kopf an die Tür im Gedankenzimmer, wo S. steht und sich an einer Flasche Fensterputzmittel und einem Viskosetuch festhält, um nicht von meinem Wutsturm weggepustet zu werden – “wenn ihr euch einfach so verpisst- wenn ihr mich und uns sowas von mies und feige und rückgratlos verlasst – ALLES einfach so ebenfalls verschwindet?! Dass ihr euch vor euren Mitverantwortungen und Fehlern einfach so wegschleichen und … “ – ich schlucke, damit mir nicht noch mehr Spucke aus dem Mund herausschießt – “ ‘spurlos verschwunden’, spielen könnt?”.
Ich atme tief ein.
Daily Soapmusik im Hintergrund, Zoom auf mich. Mangatränen glänzen.
“Ihr habt Spuren hinterlassen.”
Irgendwas mit Klaviermusik.
”Und manche davon sind richtig scheiße.”
Cliffhanger. Bizarre Synthesizer.

Auch in meinem Kopf will ich die Antworten gar nicht hören, weil ich weiß, wie sie sind.
Weil sie seit Jahren immer die gleichen Phrasen, Geschichten, Anekdoten und Schenkelklopferkackscheißwitze darstellen. Weil die letzten richtigen Gespräche vor 6 Jahren waren. Weil sie mich nicht ernstnehmen können. Weil sie mich nicht hören und begreifen können. Weil … wir jahrelang abwechselnd dieses tote Pferd, diesen stinkenden, giftigen Kadaver durch die Zeiten geschleppt haben und aus Trotz nicht mit den Wiederbelebungsmaßnahmen aufgehört haben.

Nichts verschwindet.
Und sowohl in meinem Kopfkampf, als auch “in echt”, ist mir das ein Triumph.

Auch wenn es erbärmlich ist.

Als sie mir zuletzt in die Kniekehlen getreten hatten und ich wir vor Wut heulend eine mehrspurige Hauptstraße, ohne einen Blick nach links oder rechts zu werfen, überquerten, Laternenpfähle im Vorbeigehen boxten und immer noch kein Schmerz fühlbar war – da war es diese Ohnmacht, dieses Gefühl ein Nichts und Niemanden so verletzen und treffen, so ängstigen und ausliefern zu können, wie wir und ich es durch sie erlebt haben.
Wie erbärmlich war das am Straßenrand ins Handy zu hören und sich mit den Worten der Therapeutin vor dem Ertrinken zu retten?
Ich fands erbärmlicher, als die Aussicht, dass es einfach doch nicht von ihnen wegzureden, zu argumentieren und verstecken und verschweigen ist.

Keine Illusionen Baby.
Niemand ist sein Leben lang arm, krank und so lange schlicht überlebend, weil unterversorgt, wie wir, um jetzt ein Leben leben zu können, das dem nicht Rechnung trägt.
Niemand.

Es ist mein Leben.
Und es kann jetzt endlich in aller Ruhe so offen aussichtslos, trüb und minderwertig sein, wie es ist.
Es kann mein beschissenes 10 Jahre Hartz 4 ohne Berufsausbildung, mit selbstgemachter Arbeit ohne Lebenshaltungskostendeckendem Einkommen sein. Es kann mein “Wenn ich morgens aufstehe MUSS ich schreiben und Kunst machen” – Leben sein. Es kann mein “Ich bin eine zerstörte Person und es hat nie aufgehört weh zu tun” – Leben sein. Es kann mein von mir allein definiertes Leben* (mit Sonderzeichen) sein.
Es kann alles das sein, ohne, dass die Person, die für mich und in meinem Sinne spricht, mir immer wieder reindrückt, dass es ja alles nicht so ist. Dass man das ja so nicht sagen kann.

Dass es bei ihr ja auch geklappt hat.

Ich bin nicht du. Ich bin nicht ihr. Ich bin ich.
Und ich bin in echt so scheiße.
Und es würde mich nicht stören so ein Stück Scheiße zu sein, wenn ich es in Ruhe auch einfach mal sein könnte, ohne dass ich immer wieder in diesen bescheuerten Selbstoptimierungsstrudel gezogen werden würde. Dieses Vergleichen vor anderen Menschen mit DIS, mit Traumageschichte, mit Hartzkonto, mit ohne Beruf, mit was weiß ich, das immer nur wieder dazu führt, wachsen zu müssen. Zu müssen und nicht zu wollen.

Ich mag mich im Moment einfach doch viel lieber entwickeln und reifen, statt zu wachsen.

Atmen.

 

Ich hab jetzt eine gesetzliche Betreuung.
Ich darf jetzt Quittungen sammeln und in eine Kiste tun.
Ich darf jetzt Honorare kriegen und Sachen verkaufen, wenn ich mag.

Jetzt kann ich mich trauen
die richtig echten Erwachsenensachen zu probieren
wenn ich mag

Fehler werden ab jetzt nicht mehr verschwiegen.
Erwachsene, die von Erwachsenen umgeben sind, brauchen das nicht zu tun.

Badabamm

und ausatmen