12

“Mach dir nicht so viele Gedanken.”, “Mach dir keinen Stress.”, “Reg dich nicht darüber auf.”.
Das sind die Dinge, die uns Menschen zu dem Problem mit dem Lehrer sagen. Und generell zu vielen, den meisten der Probleme, die wir im Leben sehen. Beruf, Zukunft, Lebensausrichtung, die Ordnung unserer Dinge und Handlungen.

So etwas macht einen Schmerz, der immer wieder neu weh tut einerseits und andererseits kaum richtig “echter Schmerz” im Sinne einer emotionalen Verwundung ist. Es ist eher eine, die!, schmerzliche Erinnerung daran, wo die Grenzen zu anderen Leuten verlaufen. Sie verlaufen für uns genau dort, wo Leute annehmen, wir würden uns Gedanken zu Dingen machen, wie man Kuchen backt oder sich selbst eine Frisur macht: zielgerichtet, eine Absicht verfolgend, vielleicht, weil man etwas anderes gerade weder will noch kann oder mag.

Unser Ausdruck von Stress über Dinge entsteht in der Regel erst dann, wenn wir durch die Kommunikation unserer Gedanken zu Dingen als etwas, das frei wählbar und vermutlich die Folge von Vermeidung anderer Optionen sei, merken, dass wir allein mit dem Problem sind. Sicher nicht, weil die Menschen sich dafür entscheiden uns damit allein zu lassen. In der Regel wollen sie ja alle das Beste für uns. Sie sind uns zugewandt und sehen, dass es uns nicht gut geht. Aber sie verstehen uns nicht. Und, sie sehen die Dissonanz zwischen dem, was sie an uns herantragen und dem, was sie sich für uns wünschen nicht. Auch damit sind wir meistens allein.

Wir sind nicht gut in der Lösung von zwischenmenschlichen Problemen. Wir wissen das. Wir merken das. Wir leben schon einige Jahre mit dieser Unfähigkeit und trotz vieler Hilfsmittel und Krücken, die für die andere Partei in der Regel ermöglicht, gute Lösungen zu finden, bleiben wir oft mit dem Wissen zurück, dass wir ein Problem lösen, bei dem wir nichts weiter als ein Kanarienvogel in der Kohlenmine waren.

Wir geraten nie „einfach nur so“ in Schwierigkeiten. Wir zeigen sie auf und werden deshalb als die Problemursache verortet. Schlicht deshalb, weil wir unsere Gedanken nicht „machen“, sondern sie durch all die Fragezeichen und Unstimmigkeiten in der Zwischenmenschlichkeit und der Unmöglichkeit, die Zukunft vorherzusehen, zwangsläufig entstehen.

In ultra autoriären Kontexten hatten wir nie Probleme damit. Darin hatten wir unsere Gedanken und die Spaltung zwischen innen und außen. Wir haben nicht gesagt, was wir denken, haben nie geäußert, was wir uns fragen. Wir haben gehört und gefolgt und am Ende war das Ende. Es gab keine Zukunft, es gab ein Ziel, das ein weiteres Ende sein würde, über das weder nachzudenken, nachzufragen oder sich zu sorgen erlaubt nötig möglich war.

In Momenten wie dem, in dem unsere Therapeutin aus der Sache mit dem Lehrer zum Beispiel etwas macht, das in uns begründet ist; unser Klassenlehrer, dem wir von der Sache erzählten, weil er sagte, wir sollten bei Problemen immer sofort zu ihm kommen und davon erzählen, uns sagt, wir sollen uns weder aufregen noch sorgen; der Begleitermensch schon wieder nicht erreichbar ist, obwohl er uns zugesichert hatte, dass wir in der Schulzeit nicht allein mit solchen Situationen sein müssten,

da ist der Wunsch nach so einem ultra autoritären Kontext wieder da
und ich kann’s verstehen
ja, sogar nachfühlen.

Nicht, weil die Aussicht auf die globale Unterwerfung und Lossagung solcher Problemlagen so toll ist, sondern, weil es weder die real entstehenden zwischenmenschlichen Probleme, noch den Schmerz der Alleinigkeit damit, noch das Spüren der weiterreichenden Konsequenzen dieses Schmerzes gibt.

Es geht ja nicht nur um dieses eine Problem. Sondern auch um die, die da noch kommen werden. Es geht auch darum, immer Kraft für sowas bereit haben zu müssen und niemals vergessen zu dürfen, dass das ein Kraftvorrat ist, der dazu da ist, immer einsetzbar zu sein – egal, wie anstrengend der ganze Rest ist.

Es geht auch um das Gefühl der Isolation. Es gibt Menschen, die mit unserer Selbstbezogenheit wenig mehr als Pathologisierung und Negativbewertung anfangen können. Die meisten brauchen entweder lange oder schaffen es nie zu verstehen, dass wir uns nicht wie sie oder die meisten Leute, über andere Menschen oder die Interaktion mit ihnen spüren. Wir also keinen Wert für uns darin sehen, mit ihnen zu tun zu haben, sondern darin, was konkret wir mit ihnen zu tun haben. Um das etwas näher zu erklären, ein Beispiel.

Eine Person mit der wir befreundet sind, fragt uns, ob wir mit ihr Zeit verbringen. Sagen wir, wir machen eine kleine Radtour. Wir werden uns gut fühlen, weil wir radfahren und sie auch. Weil wir beide das Gleiche tun und einander erzählen können, wie es für uns war. Uns macht daran glücklich, dass wir Rad gefahren sind und, dass wir beide die gleiche Erfahrung gemacht haben und, dass wir einander davon erzählen können. Auch wenn die andere Person es vielleicht nicht so toll fand, so steht für uns nicht das im Vordergrund, sondern die Schönheit der Kongruenz, über die wir uns verbinden können. Wir sind dann nicht glücklich, weil eben genau diese Person da war. Oder weil wir besondere Momente miteinander erlebt haben. Die Gleichheit der Handlung (die planbar, machbar, schaffbar war) erfüllt uns mit Zufriedenheit.

Übertragen auf soziale Problemlagen, wie dem mit dem Lehrer, ist für uns irrelevant, wie er sich fühlt, wenn wir uns schlecht fühlen. Für uns ist seine emotionale oder soziale Bewertung der Situation auch egal. Wir brauchen für uns auch nicht zu wissen, wie es ihm geht, denn uns geht es um das Ergebnis seiner Handlung bzw. einen faktisch existenten Umstand.
Beschäftigen werden wir uns in den nächsten Tagen aber vor allem damit, ihm das klar zu machen, ohne, dass er sich tödlich beleidigt oder missachtet fühlt. Und erst dann können wir vielleicht eventuell zu dem kommen, was für uns eigentlich relevant ist. Ein Problem, das wir nur durch achtsame und sachbezogene, also sehr konkrete, Kommunikation lösen und in der Zukunft verhindern können. Obwohl Schulalltag um uns herum ist, obwohl es für ihn irrelevant ist, obwohl es unbezahlte Mehrarbeit für ihn ist und obwohl es eine Veränderung in seiner Kommunikation bedeutet, von der erst einmal nur wir etwas haben (aber später könnte sich herausstellen, dass alle etwas davon haben – auch er).

Was in der Reihenfolge einfach kräftezehrend für uns ist und auch wieder ganz eigene Unfairheiten mit sich bringt. Denn ihm wird niemand sagen, er solle sich nicht aufregen, sich Gedanken machen, keinen Stress damit haben.
Ihn wird man eher noch bedauern, jemanden wie mich unterrichten zu müssen, obwohl man als Lehrer_in doch so gar nicht darauf vorbereitet wird. Ihm würde man eher noch das Fehlen von eigenen Gedanken dazu entschuldigen, denn, wie hätte er denn je darauf kommen sollen. Niemand würde ihm sagen, er solle sich keinen Stress damit machen, weil man weiß: Er hat eh schon genug unverhinderbaren Stress, weil Lehrer_in zu sein, einfach als stressreicher Job mit enorm vielen Aufgaben gedacht und akzeptiert wird. Und sollte er sich doch Gedanken und Stress machen, dann wird ihm das als Merkmal guten Lehrerseins angetan – nicht als unnötige Selbstsabotage oder Merkmal einer Pathologie der Psyche, wie bei uns.

>>

11

„Was passiert, wenn der neue Lehrer nicht das gleiche Autismus-Briefing kriegt, wie die anderen Lehrer?
Richtig – er unterstellt Täuschung und Lüge für eine bessere Note, wenn man auf Kommunikationsprobleme und Missverständnisse hindeutet, die zu schlechten Noten führen.

Das macht so viele Gefühle gleichzeitig in mir, dass ich obendrauf noch frustriert über mich bin, die_r diese ganzen Gefühle hat und nicht abstellen kann.
Und dann klopfts an der Tür und der ganze Selbsthass steht wieder da.

Und die Müdigkeit. Die auch. Schon in so einer Art vorauseilendem Gehorsam, weil klar ist, wer das klären muss, klar ist, wer wieder länger bleiben, mehr reden, mehr erklären muss.
Und das wofür?

Fundstücke #67

Das Jahr geht zu Ende und es fühlt sich nicht danach an.
Alles ist anders, neu, komisch, schön, anstrengend. 2018 hat viel mit sich gebracht. Vieles verändert. Auch mich. Uns.
Wir hatten zu wenig Zeit für uns allein, mit uns allein, um alles zu integrieren, alles zu er.fassen und zu halten. Und vielleicht ist das die Essenz von Reichtum.

Das nächste Jahr steht bereits zur Hälfte fest und so beruhigend wie das ist, so sehr setzt es uns unter Druck.
Es ist keine Planung, die uns strukturiert und vorbereitet, um weniger Angst zu haben. Es ist der Versuch zu greifen, was da kommt. Das ist etwas anderes als sonst und so schwer zu kommunizieren in seiner gesamten Belastung.

Wir bemühen uns darum glücklich zu sein, dankbar, demütig und merken doch: Glück und Zufriedenheit ist Arbeit und irgendwann ist man einfach müde. Denn Energie ist begrenzt und wir ziehen unsere Kraft nicht aus Glück und Zufriedenheit, sondern aus Schlaf, guter Ernährung, Sport, Alleinzeit, der Möglichkeit zu schreiben, um sich selbst zu verstehen, zu verorten, zu spüren.

Das müssen wir 2019 wieder mehr machen. Egal wie egoistisch das wirkt, egal, wer sich das anders wünscht und warum.
Das ist auch eine Erkenntnis, die bestätigt. Wir sind nicht selbstbezogen, weil wir daraus einen sozialen Vorteil haben. Wir sind es, weil es für uns der Weg zu anderen Menschen und dem Leben selbst ist.

Ich glaube, dass das etwas ist, das wir den Menschen in unserem Leben zumuten müssen. Glaube, dass wir uns in einem Zutrauen üben müssen, in dem wir annehmen, dass die Menschen uns vertrauen. Was merkwürdig ist, denn das haben wir noch nie gemacht: Geglaubt, dass man uns glaubt; darauf vertraut, dass man uns vertraut.

Mal sehen wie das wird.
Im Jahr 2019.

Autismus, Trauma, Kommunikation #5

Das sozial mit Anstrengendste für uns ist die Wiederholung. Schlimmer noch: die Wiederholung von Wiederholungen. Am Schlimmsten: die Wiederholung von Dingen, die etwas mit gemachten Gewalterfahrungen zu tun haben.

Wir haben oft das Gefühl, uns zu wiederholen und wiederholen zu müssen, weil wir von anderen Menschen nicht oder nur teilweise, oft auch gar nicht verstanden werden.
Missverständnisse sind nur so zu lösen, das verstehen wir – und doch, es frisst einfach so viel Zeit und Kraft und Sicherheitsgefühl.

Besonders in der Traumatherapie und in nahen Beziehungen erleben wir es als belastend und merken, dass es manchmal diese Belastung ist, die an empfindlichsten Punkten fressen und zu Instabilität beitragen, dass wir bestimmte Dinge, immer wieder sagen müssen.

Für viele neurotypische Menschen bedeutet es keine Wiederholung, wenn sie das gleiche, was sie wörtlich ausgedrückt haben, auch noch in Taten und allgemeinem Gebaren kommunizieren. Im Gegenteil, die meisten Menschen glauben anderen Menschen eine Gefühlslage oder innere Haltung erst dann, wenn sie Gesagtes auch noch in irgendeiner Form selbst miterleben. Etwa, wenn sie Tränen sehen, nachdem jemand gesagt hat: „Ich bin traurig“ oder, wenn aus allem Verhalten und Denken ein Leiden abzuleiten ist.

Wir erleben das als Wiederholung und oft genug auch als Fakeübertreibung von uns selbst, wenn wir so etwas machen, um andere Menschen unsere Gefühle oder Haltungen zu kommunizieren. Denn für uns reicht es in der Regel, etwas ein Mal auf eine Art etwas gesagt zu haben.

In diversen Therapiesettings und besonders in Klinikkontexten jedoch, haben wir die Erfahrung gemacht, dass sich permanent zu wiederholen – sei es mit Themen, die man immer wieder bespricht, um am Ende doch wieder mit dem gleichen Ergebnis nach Hause zu gehen, oder mit Verhalten – nötig ist, um bestimmte Hilfen und Unterstützungen nicht nur mal hier und mal da, sondern kontinuierlich und so lange wie nötig, gewährt zu bekommen.

Doch nicht nur in diesen Kontexten ist das so.
Wir beobachten die gleiche Dynamik bei Twitter, in Podcasts und in Blogs. Bei Konferenzen, Tagungen und Fortbildungen. In Plena, in Debatten, auf der ganzen Welt.
Eine Person(engruppe) wird erst dann gehört und ernstgenommen, ihr wird erst dann geglaubt, wenn sie jahrelang und immer und immer und immer wieder das Gleiche sagt und tut und macht.
Das heißt: wenn sie sich nicht oder nur innerhalb bestimmter Grenzen bewegt und auch selbst nicht weiterentwickelt. Eine Person muss für andere Personen ihre Botschaft und ihr Fordern immer und zu jeder Zeit verkörpern, sonst wird sie nicht gehört, (angeblich) nicht verstanden und niemand beschäftigt sich mit ihr.

Und andersherum brauchen viele Menschen auch immer wieder eine Wiederholung der Bestätigung von anderen Menschen, um sich wahrgenommen zu fühlen.

Menschen funktionieren wohl so. Anders ist uns die Wiederholung der Konstruktion von Echokammern nicht zu erklären. Eine Familie ist eine Echokammer, eine Beziehung ist eine Echokammer, Freund_innen, Facebook, Fernsehen, die Gesellschaft einbeiniger Dackelfreunde ist eine Echokammer.
Wir können uns das nur so erklären, dass neurotypische Menschen solche Räume immer wieder erschaffen, weil es sie nicht fertig macht, sich ständig zu wiederholen und sich immer wieder mit den gleichen Dingen zu beschäftigen.

Uns macht das fertig, denn für uns ergibt es keinen Sinn. Wenn wir etwas gesagt haben, dann meinen wir in der Regel auch genau das und nichts anderes. Und zwar so lange, bis wir etwas anderes darüber sagen.
Es ergibt keinen Sinn außer der Verdeutlichung oder manchmal auch Verständlichmachung noch mehr Kanäle zum Transport einer Botschaft zu verwenden und das immer wieder.

Wir haben lange gegen das Gefühl ankämpfen müssen, unsere Schwierigkeiten übertrieben dramatisch auszudrücken und zu kommunizieren, indem wir alles zur Verfügung stehende genutzt haben, um uns und unsere Gefühle der Todesangst verständlich zu machen.
Verstärkt wurden diese Falschgefühle von Menschen, die ihre Reaktion darauf mit „Ja, aber…“ eingeleitet oder mit schlichter Abwehr reagiert haben. Also: uns gesagt haben, wir würden lügen oder übertreiben, oder theatralisch, weil hysterisch sein.

Besonders da ist für uns ist an der Stelle bis heute eine Falle.
Wir haben einen Hang zu Katastrophisierung. Sehen in Dingen, die schief laufen, sehr schlimme Dinge und finden es unaushaltbar verunsichernd und ängstigend – nicht, weil nicht alles nach unseren Wünschen abläuft, sondern weil es für uns ungeheuer anspruchsvoll ist, kognitiv und emotional so flexibel zu sein, sich auf Schiefgegangenes einzustellen. Insbesondere dann, wenn wir vorher nicht besprochen haben, was wir machen, wenn etwas schief geht. Egal, wie unwahrscheinlich ein Schiefgehen sein mag – wir brauchen das, um mit dem sofort ablaufenden Katastrophenszenario in unserem Kopf umgehen zu können.

Sich spontan auf fremde, unerwartete, schiefgegangene Dinge umzustellen, geht für uns nur mit Hilfe von Außen. Wir kriegen es allein nicht hin, ohne auf Kompensationsverhalten wie Dissoziation zurückzugreifen bzw. in die Dissoziation zu rutschen, weil wir uns sofort überfordern. Das ist, was uns Angst macht.
Denn das ist, was sich für uns jedes Mal wie Sterben anfühlt, weil wir die Kontrolle verlieren, darüber in Erinnern an Nahtoderfahrungen getriggert werden und nichts, aber auch gar nichts tun können, um etwas daran zu verändern. Weil wir in diesen Momenten tatsächlich zu 100% überfordert und unfähig sind und eben nicht nur in einem traumahistorischen Wiederleben einer Situation, in der wir auch real zu 100% überfordert waren stecken, aus dem wir uns rausorientieren können.

Mit jedem Ding, auf das wir uns nicht einstellen konnten, spüren wir gnadenlos und brutal, wie sehr wir der Welt und ihrem Lauf der Dinge unterlegen sind und erleben es auch immer wieder als eine hoffnungslose, (durch die Traumabrille zusätzlich auch oft lebensbedrohliche) und furchtbare Situation in der wir aus der Welt geschleudert werden. Egal, wie sehr wir uns mit ihr verbinden oder an ihr festhalten. Egal, wie sehr wir „realistisch drauf schauen“. In solchen Momenten schauen wir nicht auf das gleiche Ding, wie andere Menschen und merken, dass wir nicht im Ansatz mehr als unsere Gefühle von Überforderung und Angst kommunizieren können.

So etwas ist der furchtbarst mögliche Moment um zu merken: Meine Ölmolekülaugen, mein Ölmolekülgehirn kriegt es nicht hin zu sehen und zu bewegen, was andere sehen – ich kann meine Gefühle und Haltungen nicht verändern, denn ich kann mich nur auf eine von mir so wahrgenommene Katastrophe beziehen – andere Menschen und ihre Sicht können mich nicht erreichen. Es ist faktisch unmöglich.

An der Stelle greifen bei uns dann die Anpassungsmechanismen der Traumatisierungen unserer Kindheit. Wir werden dumpf, depersonalisieren, wechseln zu Innens, die in er Lage sind, ohne jede eigene Beteiligung auf Ansprache zu reagieren, Verhalten zu spiegeln und – dank jahrelanger Trainings in der Familie*° und in Kliniken – weder auszurasten, noch sonst wie „typisch autistisch“ (what ever that means) auffällig zu sein.

Wir sind in unserer Entwicklung in der Pubertät auffällig geworden. Wurden in unserer Wiederholung der Kommunikation tagtäglich empfundener Todesangst (aufgrund von wiederholter Traumatisierung und autistischer Er_Lebensart und -weise) drastisch und radikal. Es kam zu selbstverletzendem Verhalten und parasuizidalen Gesten. Am Ende zu mehr und mehr Suizidversuchen.

Für uninformierte und unachtsame, vielleicht auch einfach schlecht ausgebildete und auch schlicht ignorante Mediziner_innen und Therapeut_innen, ist so ein Verhalten selbstverständlich keine Wiederholung. Sie sehen quasi die letzte Fassung – das extreme Ende und machen mit ihrer Diagnose nichts weiter als eine Benennung eines Akutzustands. Doch es ist ebenjene Diagnose, die für uns in der Folge zum angenommenen Normalzustand wurde.

Das mussten wir erst einmal verstehen und akzeptieren, um zu verstehen, warum wir so viele Helfer_innen als nutzlose Arschlöcher empfunden haben, die uns einfach nicht verstanden oder schlimmer noch: verstanden und trotzdem nicht reagiert und geholfen haben.

Daneben steht natürlich noch die patriarchale Geschichte der Hilfen und Medizin.
Hysterie heißt heute „histrionische Persönlichkeitsstörung“ und bedeutet nichts anderes als „Frau, die irrational überreagiert (um irgendwas zu kriegen, was ihr nicht zusteht oder, weil sie nicht kriegt, was sie glaubt, dass es ihr zusteht)“. Das ist wichtig nicht zu vergessen: Als Person, die als Frau eingeordnet wird, ist sich zu wiederholen gleichermaßen nötig wie verhängnisvoll.
Wir haben in der Hinsicht den Scheißejackpot deluxe schon mit 14 Jahren im Leben gehabt.

Denn das Geschlecht, dem wir zugeordnet werden schließt für viele Personen, besonders im medizinisch psychiatrischen Bereich vieles aus. Unser Autismus wurde erst mit 30 diagnostiziert – der Autismus unseres Geschwists, das ein anderes Geschlecht hat, im Grunde bereits im Kindergarten.
Und wir haben nicht erheblich viel anders gemacht oder gelebt als eben jenes Geschwist. Wir waren nur eben nicht jenes Geschwist oder andere Menschen, die schneller gehört und richtig verstanden wurden.

Mit 14 galten wir als theatralisch.
Nicht als (typisch für viele Autist_innen) katastrophierend, aufgrund der Erfahrung sehr schnell, sehr tiefgreifend überfordert zu sein mit bestimmten Dingen.
In unserem Leben war diese äußere Rezeption, dieses Missverständnis unseres Inneren, eine krasse Weichenstellung. Und ja, die Folgen dessen waren dramatisch. Weitaus dramatischer als nötig.
Und wir können das bis heute nicht gut loslassen. Können das bis heute nicht vergessen, weil wir wissen, dass diese Menschen absolut keinen Einblick da hinein haben, wie sehr wir in den nachfolgenden Jahren darunter gelitten haben, was sie an uns verbockt hatten.

Heute sind wir unter Menschen, denen gegenüber wir uns nicht mehr als einmal wiederholen müssen.
Wenn sie uns beim ersten Mal nicht verstehen, dann sagen sie uns das und wir versuchen gemeinsam einander zu verstehen.
Das ist so entlastend und gut für uns, dass wir kaum noch Momente haben, in denen wir denken, wir wären ihnen sehr fern. Wir merken, das unser Ölmolkülsein manchmal die Ursache für Missverständnisse sind, merken aber auch, dass unsere Wassermolkülmitmenschen verstehen und reflektieren, dass es um Missverständnisse und nicht „Rosenblättereigene Meeh-Eigenschaften“ geht, wenn etwas mit uns irgendwie nicht gut zueinander passt.

Sie haben uns gehört, als wir ihnen gesagt haben, dass wir sie lieben, sie mögen, gern mit ihnen arbeiten, gern mit ihnen Zeit verbringen, dass sie ein guter, wichtiger, angenehmer Teil unseres Lebens sind, der uns wichtig ist.
Wir müssen es ihnen nicht immer und immer wieder sagen. Und wenn doch, dann sagen sie uns das.
Das bedeutet für uns viel mehr Kraft für gemeinsame Dinge und Raum, um neue Dinge zu erkunden und zu probieren.

Auch und besonders in der Therapie, ist das zu einem Faktor geworden, der unsere Kurve steil nach oben hat gehen lassen. Wir müssen unserer Therapeutin nicht mehr x-mal versuchen irgendetwas klar zu machen. Sie hört sich das einmal an und nimmt an, was dann kommt. Auch wenn unser Verhalten (unsere Performance) nicht alles von uns mit nach außen trägt.

Man sollte meinen, dass das selbstverständlich ist. Kein_e Patient_in sollte in die Situation kommen immer alle Symptome zu zeigen oder zu benennen, damit die_r Therapeut_in oder Mediziner_in auch wirklich glaubt und mitdenkt, dass bestimmte Schwierigkeiten und dazu gehörige Gefühle und Gedanken, Konflikte und Probleme auch wirklich da sind und passend hilft/behandelt/unterstützt.
Aber dem ist nicht so. Es gibt Behandler_innen, die permanente Wiederholung einfordern, um sich selbst in der Haltung zu und der Diagnose für die_n Patient_in zu versichern und auch vor Dritten im eigenen Vorgehen zu legitimieren.

So zu behandeln ist unprofessionell und ein Merkmal schlechter Therapeut_innen. Unabhängig davon, ob man wie wir enorm darunter leidet diese Wiederholungsarbeit immer wieder leisten zu müssen, oder nicht.

 

 

*Diese Textreihe soll (nach nochmaliger Überarbeitung und Ergänzung mit Grafiken und Hinweisen zu weiterführender Literatur) ein analoges Zine werden.
Ihr könnt dieses Projekt unterstützen, indem ihr uns über Patreon einmalig oder kontinuierlich Geld für Papier- und Druckkosten zukommen lasst und Vorbestellungen bei uns anmeldet.

Autismus, Trauma, Kommunikation #3

Wir arbeiteten bereits einige Zeit mit dem Begleitermenschen, als wir ihm von unserem “inneren Regal” erzählten. Das haben wir etabliert, nachdem uns jahrelang reintherapiert und rangenörgelt wurde, wir würden Lob und positive Rückmeldung nicht annehmen, aber sollten das doch mal machen. Das würde gegen Selbsthass helfen und ganz insgesamt doch ganz fein sein.

So haben wir unser Regal entwickelt. Denn mit Lob und positiver Rückmeldung ist für uns wie mit dem sinnlosen Kladderadatsch, den man von mittelnahen Freund_innen im Nanu Nana oder 1 Euro-Laden gekauft bekommt, weil man Geburtstag hat: man weiß wieso man es bekommt, versteht die Intension, freut sich über die Intension und – legt es dann in ein Regal, bis man es unbemerkt von eben jenen Freund_innen an die Straße stellt oder in den Sperrmüll gibt.

Lob und positive Rückmeldung ist eine soziale Geste.
In der Regel loben die Menschen, die an uns einen Arbeitsauftrag haben, etwas, das sie für lobenswert halten. Also eine Tat oder einen Akt, den sie als zu loben bewerten. Einem Lob geht also immer eine positive Bewertung voraus und orientiert sich darin an persönlichen (oder therapeutisch als positiv eingeordneten) Wertbindungen. Diese Wertbindungen, werden dann durch ein Lob ausgedrückt.
Das bedeutet: Ein Lob soll im Grunde nicht viel mehr sagen als “Ich mag, was du da gemacht hast. (Mach gerne weiter so.)”

Eine Information, die für uns good to know ist, aber auch nicht mehr.
Wir machen unsere Dinge ja nicht, weil andere sie toll finden, sondern, weil wir sie toll finden. Oder, weil wir keine andere Wahl haben, als sie zu machen. Oder, weil wir uns dezidiert dafür entschieden haben, extra etwas für andere Menschen zu machen. Dann wärs ja Quatsch etwas zu machen, was ihnen nicht gefällt.
So wird Lob zu einer Regalsache. Wir verstehen warum uns das gesagt wird, verstehen die Intension, aber am Ende können wir damit nichts anfangen.

Selbsthass und negative Selbstansichten haben wir noch nie mit Lob und sozialem Heischibubu aufgelöst bekommen. Unser Selbsthass ist asozial. Also etwas, das losgelöst von sozialem Miteinander passiert. Wir hassen uns, weil das Hassgefühl da ist – nicht weil uns jemand oder etwas das Gefühl gibt, uns hassen zu müssen.
Wenn wir unsere Arbeiten, den gemeinsamen Körper oder irgendetwas von uns ablehnen, dann tun wir das nicht einzig aus der Sozialisierung in permanenter Ablehnung und Negativbewertung heraus, sondern aus profund aktuellen Hassgefühlen, die etwas mit ebenjener Asozialität des eigenen Da_Seins zu tun hat.

Das heißt: Wir lehnen uns ab, weil wir sind, wie wir sind, nämlich 24/7 asozial trotz sozialer Kontaktmöglichkeiten/-bemühungen und Umgebungen. Das ist schwierig zu verstehen, aber vielleicht hilft ein Bild.
Öl und Wasser.
Man kann diese beiden Flüssigkeiten nur dann augenscheinlich verbinden, wenn man das Öl in extrem kleine Stücke zerteilt – und selbst dann bleibt Öl einfach Öl (nur eben sehr klein) und Wasser einfach nur Wasser.

Das Öl kann sich richtig doll anstrengen. Den ganzen Tag reden, Mimik und Gestik machen, so tun als ob und sich richtig reinsteigern in eine Wasserverkleidung des sozialen Getöses ohne greifbare Konsistenz, aber es wird nie ein Wasseröl oder gar selbst Wasser. Es gehört irgendwie zum Wasser, denn beides passiert im gleichen Glas (im gleichen Kontext), aber es ist unverbundenes Öl. Selbst dann wenn es sich zu einer Freundschaft, einem positivem Miteinander und gegen ein traumabedingtes Misstrauen entscheidet.

Wir als Ölmolekül hassen uns aus Kampfverlustfrustration. Hassen es, dass wir nie ankommen, nie so verbunden sind, wie wir merken, dass wir es sein müssten, um die Menschen (das Wasser) um uns herum zu verstehen und manchmal auch zu empfinden bzw. ihre Empfindungen nachzufühlen.

Unser Kampf ist ein hochsozialer. Das ist wichtig zu verstehen. Wenn wir uns als asozial bezeichnen, dann meint es niemals, dass wir unsozial sind. Der Begriff “asozial” beschreibt die Unfähigkeit inmitten sozialer Gemeinschaft leben zu können. Also eben jene Unverbundenheit, unter der wir so oft auch leiden.
“Unsozial” sind Menschen, die andere Menschen verletzen und/oder alles tun, um ein gutes Miteinander zu verhindern oder zu zerstören.

Unsoziale Menschen würden kein Regal in sich etablieren.
Ihnen ist es egal, was andere an ihren Taten gut finden.

Wir räumen unser inneres Regal erst dann aus, wenn wir verstanden und begriffen haben, wie es dazu gekommen ist, dass wir gelobt wurden oder eine andere positive Rückmeldung bekamen.
Dafür müssen wir uns in Ruhe Fragen widmen wie: Wie kommt es, dass eine Person uns sagt, sie sei stolz uns und das, was wir bisher alles geleistet haben? Woher weiß die Person denn, was wir gemacht haben und was genau daran entwickelt in ihr das Stolzgefühl? Sie hat doch mit unseren Sachen überhaupt nichts zu tun?

An der Stelle passiert, was wir “Ebenendissonanz” nennen.
Bleiben wir bei Lob. Wir wurden in den letzten Wochen von mehreren Menschen für unser Buch gelobt (erscheint im März – ihr werdet es mitkriegen). Sie sagten so etwas wie: “Euer Buch ist richtig gut. Das habt ihr toll gemacht.” und wir wissen nicht, was damit jetzt gemeint ist. Welche Ebene. Das Machen? Das Machen, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden? Das Machen von etwas, das sie gut finden, obwohl? Das Machen von etwas, das sie gut finden, weil? Und was genau haben wir gut gemacht? Den Inhalt? Die Wörter? Das alles? Dass es fertig geworden ist? Toll wieso? In Abgrenzung zu was?
Oder die Ebene: Ich will was Nettes sagen und dir vermitteln, dass ich dich und dein Projekt unterstütze.

Die meisten Menschen sprechen auf der letzten Ebene. (Das wissen wir und trotzdem sind uns dessen erst sicher, wenn wir die andere ausgeschlossen bzw. überprüft haben.)
Mit der wir nichts anfangen können, weil wir sie in der Regel nicht brauchen. Nicht zu verwechseln mit “nicht wollen”. Unterstützer_innen finden wir gut – allerdings können wir mit Unterstützer_innen, die uns sagen, was sie über konkrete Dinge denken und welche Änderungsvorschläge sie haben, mehr machen, als mit good-to-know-Informationen über die soziale Position einer Person.

Etwas über die soziale Position einer Person zu uns zu wissen, brauchen wir persönlich nur aus einem Grund: Traumafolgen

Wir müssen wissen, ob uns jemand nicht mag, um gut abwägen zu können wie “berechtigt” eine Interpretation als reale Bedrohung vom Verhalten einer Person ist.
Jemand die_r uns mag, hat weniger im Sinn uns zu verletzen, als jemand die_r uns nicht mag.
Egal, wie uns jemand gesonnen ist, wird unser Körper bzw. unser Traumahirn aber auf Verhalten reagieren. Unter Umständen auch so, als würde gerade eine potenziell traumatische Situation passieren.
Es hilft uns, uns sozial zu vergewissern (zu versichern), wie die soziale Lage ist ist, um uns zu re_orientieren.

Das führt allerdings auch zu Missverständnissen. Manche Menschen fühlen sich gekränkt, wenn wir sie fragen, ob sie uns mögen oder okay mit uns sind, weil sie uns das mit vielen Gesten und Bedeutungshülsen schon gesagt haben und denken, wir wären darin total klar.
Manche sind auch gekränkt, wenn sie merken, dass etwas von ihrem Verhalten bei uns ein unangenehmes und unkontrollierbares Erinnern angetriggert haben. Sie verletzt die Idee von uns als potenzielle Täter_innen (also jemand die_r uns nicht wohlgesonnen ist) wahrgenommen zu werden.

Fiese Falle. Vor allem dann, wenn diese Kränkung nicht reflektiert wird und wir dann sagen müssen, dass unsere soziale Beziehung zueinander irrelevant ist, wenn es um Traumawiedererleben geht. Das ist die nächste Kränkung für manche Menschen. Das ist aber die Wahrheit und was soll man dann machen?
Viele neurotypische Menschen gehen dann in die prosoziale Lüge, damit die andere Person nicht mehr gekränkt ist. Wir sagen: Sei nicht gekränkt, das ist halt, wieso wir das “Traumascheiße” nennen und nicht “Traumaflausch”. Manchen erzählen wir dann wie oft wir von “netten Onkels” und “lieben Tanten” miss.be.handelt wurden und das erst Jahre später als eben jene Gewalt überhaupt erst mal decodieren konnten.

Ich weiß nicht, welches Vorgehen besser ist – aber ich weiß, welches Miteinander für uns leichter zu zu schaffen ist. Für andere ist die prosoziale Lüge vielleicht leichter, weil man die Scheiße hinter der Traumafolge so weder benennen noch begreifen (lassen) muss.

Zurück zu unserem Regal.
Es ist eine Distanzierungstechnik und eine Art Zwischenspeicher, wenn man so will. Also eine Ressource, die wir bereitstellen, um uns mit sozialer Kommunikation zu beschäftigen.
Auch kritische Anmerkungen oder negative Rückmeldungen, die uns nicht eindeutig erscheinen, legen wir darauf ab. Interessanterweise sind die meisten Menschen in ihrer Kritik und Ablehnungskommunikation viel eindeutiger, als in positiven Bemerkungen oder auch Lob. Zumindest fällt es uns leichter zu unterscheiden, was soziale Positionsmitteilung und was konkrete Handlungsanweisung ist.

Soziale Kommunikation zu decodieren, erfordert gefühlt etwa 5 mal so viel Zeit und Kraft, wie die Decodierung von wissenschaftlicher Fachsprache in Alltagssprache. Dabei geht es nicht nur darum Mimik und Gestik, Stimmlage und Wortwahl zu erkennen und einzuordnen, sondern auch diese Einordnung mit Intensionen zu verbinden.
Letzteres ist unser Problemfeld, vor allem, weil die Einordnung vorher manchmal schwierig ist und spätere Ergebnisse verzerrt.

Das, was wir als einen Ausdruck der Überraschung einordnen, kann auch Schock über eine Nachricht sein.
Uns wird das Schockerleben der Person aber nur dann klar, wenn wir wissen, was sie erfahren hat und was das für sie bedeutet. Wir müssen die Bedeutung wissen, bevor wir die Reaktion der Person (und damit unter Umständen auch die Intension späteren Verhaltens) verstehen können.
Das ist ein Zeitproblem. Menschen sind in der Regel erst geschockt und dann in der Lage uns den Grund dafür zu erklären. In der Zwischenzeit sind wir schon völlig verwirrt, unter Zeitdruckstress und davon potenziell schon wieder angetriggert und also absolut gar nicht in der Lage etwas zu verstehen, weil das Fronthirn gar nicht angesteuert wird.

Unser Regal hilft uns in solchen Momenten quasi die Zeit anzuhalten. Vielleicht auch: kontrolliert zu dissoziieren.
Denn wir trennen quasi unsere ganzen Fragezeichen und Gefühle ab, legen die unklare Situation auf das Regal und bekommen dadurch genug Ressourcen für das Erraten der Bedeutung des Moments, die Überlegung, welche Reaktion (mit passender Mimik, Gestik, Wortwahl und Stimmlage) jetzt gut wäre.

Als Kind und Jugendliche sind wir immer gegen die Zeit angerannt. Waren immer zu langsam. Immer zu träge, immer irgendwie nicht ganz auf der Höhe mit solchen Dingen. Aber für viele Mitmenschen gruselig gut in der nachträglichen Analyse dessen, was wo los war.
Auch das wieder etwas, was kognitive Dissonanz bei manchen Leuten auslöst.
“Wie kann sie das denn nicht geschnallt haben, sie kann doch sagen, was da passiert ist…”

Der Begleitermensch war der erste, der uns ein Verständnis dessen, was uns zwischenmenschliche soziale Interaktion und Kommunikation kostet, geäußert hat. Denn es ist eben nicht nur Zeit und Kraft, sondern immer auch etwas von uns selbst, das wir aus solchen Situationen raustrennen müssen, um sie zu er_leben und sozial verträglich zu bearbeiten.

Und jetzt denke man bitte einmal daran, was Gesprächspsychotherapie unter diesen Umständen für uns bedeutet. Vor allem im Hinblick darauf, dass wir genau dort ja versuchen, so viel wie möglich von uns dort sein und passieren zu lassen.

Dazu mehr im nächsten Text dieser Reihe.

Donnerstag der 27. September 2018, #eintagimjahr

Die Nacht liegt draußen vor dem Fenster, als ich das Licht ausschalte, um zu schlafen.
Dann beginnt das Sirrsummen der Mücken über meinem Kopf. Sie sind überall und doch nie dort, wo ich meine Hände zusammenklatsche.

NakNak* liegt neben mir in der Couchsenke, die ich mit einer Rollmatratze und einer aufblasbaren Unterlage aufgefüllt habe, weil das Bett des Freundes für uns und die beiden Hunde zu klein ist.
Den Freund höre ich ein letztes Mal husten, als es im Einschlafenpodcast um irgendetwas geht, was mich weder interessiert noch Teil meiner Er_Lebensrealität ist.

Ich rolle von links nach rechts. Schlage nach Mücken, will die viel zu warme Decke ablegen, doch friere ohne. NakNak* macht sich breit, doch schläft nicht ein.
Ich denke an meinen vor kurzem gestorbenen Großvater und frage mich, ob seine schwere Krankheit wohl auch ein Lungenleiden wie das meines Freundes war.
Kurz steigt mir Tränendruck in die Augen, doch ebbt gleich wieder ab. Das hat alles keinen Sinn. Opa ist tot und meine Chancen ihn als Menschen kennenzulernen sind dahin. Meinem Freund ist etwas in den Lungen gewachsen und das ist nichtmal das Problem.

Man kann nur einen Schritt nach dem anderen gehen und betrachten, was sich zeigt.
Morgen werden wir erfahren, was sich bei seiner letzten Untersuchung gezeigt hat. Die Schritte dazwischen können wir nur mit Schlaf gehen.

Ich schlafe ein. Werde wach vom Jucken der ersten Mückenstiche.
Stehe auf und kühle sie mit einem Eiswürfel.
Schlafe ein. Werde wach, weil NakNak* über mich stakst, wie ein Storch durch eine Feuchtwiese. Mückenstichjucken. Wälzen. Doch nochmal aufstehen, um einen Eiswürfel zu holen.
Das kalte Wasser rinnt an meiner Haut runter und irgendwo rüttelt eine Erinnerung an ihren Gefängiszellengittern.

NakNak* schnauft. Ich wälze.
Um halb 9 weckt mich mein Freund und fragt, was wir zum Frühstück möchten.

Meine Klasse fährt heute auf Exkursion zur Photokina, ich bekomme frische Brötchen. Die Sonne scheint, die Dusche tut mir gut. Ich zähle 13 Mückenstiche.

Wir essen und lernen, dass der Gouda, den er sich auf das Brötchen legt einer ist, der wirklich irgendwie aus Holland kommt. „Gouda Holland g. g. A.“ bedeutet nämlich „Gouda Holland geschützte geographische Angabe“. Merkwürdig erscheint mir das, aber wann fand ich zuletzt etwas nicht merkwürdig an der Milch- und Fleischwirtschaft.

Bubi frisst Birne, obwohl mein Freund denkt, er würde es nicht.
Wir trinken unsere großen Frühstückskaffeetassen aus und sind bereit uns wieder hinzulegen.
Ich frage mich, ob sich seine Lungenentzündung so anfühlt wie meine Müdigkeit, obwohl ich weiß, was für ein Quatschgedanke das ist.

Ich kuschle mich in die Couchkuhle und lerne Norwegisch mit der Duolingo-App. Wieder denke ich darüber nach, mir eine_n Brieffreund_in in Norwegen zu suchen. Dann merke ich, dass ich mir insgesamt eine Freundin wünschen würde. Genau jetzt. Eine, der ich alles erzählen kann, ohne die zu sein, die ich für meine Freund_innen jetzt bin.

Ich erreiche mein Tagesziel und erfahre über einen Retweet von Anna Berg vom Blogprojekt „ein Tag im Jahr“. Dann fange ich an zu schreiben und merke, wie viel ich aufschreiben wollen würde, um mich frei zu schreiben.

Die Krankheits des Freunds, der Tod des Großvaters, die Erinnerungen, die sich in mir zu einem Bild verdichten, das ich mehr als innere Wahrheit spüre, als als etwas, das ich mir ansehen kann.
Und darüber der Kinderwunsch, der mich seltsam entfernt von dem Menschen, mit dem ich ihn erfüllen möchte und mich überfordert, weil er so instinktiv in mir wühlt, dass ich ihn als unkontrollierbar erlebe.

Ich gehe aufs Klo und mache den dritten Tag hintereinander einen Ovulationstest. Der Streifen reagiert nicht, ist wohl kaputt. Was klar war, hat die 20er-Packung Teststreifen mit 3 Schwangerschaftsstreifen immerhin keine 10€ gekostet.
Die App sagt, mir sei ein Ei entsprungen, die Tests sagen alle nein. Ich denk, dass es nicht schlimm ist, denn mein Freund könnte, selbst wenn er wollte, im Moment keinen Sex mit mir haben.

Und doch ist es schlimm. Es bedeutet länger warten und das bedeutet mehr Zweifelfreiraum. Ist es richtig? Kann es klappen? Ist es sicher? Werd ich das schaffen? Ich will es geheimhalten, doch allen erzählen, doch meine Angst vor dem, was andere sagen verstärkt meinen Willen zum Geheimnis. Es überfordert mich, mich so zu erleben. Wie kommt es, dass etwas, das so tief in meine Gene eingebaut ist, so problematisch für mich ist, als sei es ein fremder Vorgang?

Den vermurksten Teststreifen in der Hand gehe ich am mittagsschlafenden Freund vorbei und empfinde ihn merkwürdig parallel zu mir.
Später kommt er zu mir und wir sprechen uns aus. Zeigen einander, wo wir sind, was wir uns wünschen, was in uns vorgeht. Ich kann ihn fühlen und das ist so gut.

Dann verabschieden wir uns auch schon vor dem einfahrenden Zug.

Um 17 Uhr bin ich zu Hause. Schnell die Schwitzjacke in die Waschmaschine. Packen, essen, planen. Länger brauchen, weil der Schnellwaschgang zu langsam ist und der Schleudergang nicht schleudert.
Im Podcast auf meinen Ohren gründet sich die KPD und dazwischen die Frage, ob jemand aus meiner Familie jemals kommunistisch gewählt hat. Was konnte man in der DDR denn so wählen, Vati? Bist du eigentlich links, Mutti?

Ich steige aufs Rad und lasse die Fragen am Küchentisch meiner Dachgeschoßwohnung zurück.

Es ist anstrengend und doch trete ich kraftvoll in die Pedale. Nächste Woche will ich mit NakNak* im Anhänger wieder zur Schule fahren. Abnehmen, Kraft aufbauen, Ausdauer gewinnen. Mehr Luft um mich herum haben, auch wenn sie nun von Tag zu Tag kälter werden wird. In diesem Jahr will ich es schaffen.

Die Abendluft ist spätsommerwarm. Die Stadt in Bewegung. Das Schnellrestaurant, in dem ich für das Abendessen einkaufe, leer. Es ist ein türkisches Restaurant und ich fühle mich wie immer eingeladen teilzuhaben an dem, was mir so fremd ist. Türkische Popmusik, Gewürze und Dekokitsch. Das offene Lächeln der Frau, die geduldig meine Aussprache berichtigt.

Ich komme zu spät zum Gebärdensprachkurs, aber das ist es mir wert. Ich will mich heute nicht beeilen, will den Tag so nehmen wie er kommt, wenn ich dem Takt in mir folge, wie er ist.

Als ich in den Volkshochschulraum komme, zerbricht mein Taktgefühl und mit ihm mein ganzer Halt in der Welt.
Die Lehrerin ist heute nicht da. Eine andere Frau vertritt sie. Ich bin verwirrt. Fühle mich dumm. Fange an, zwischen Reaktionserwartung und Selbstanspruch umher zu torkeln. Die Lehrerin macht Gebärden, die ich nicht kenne, bewegt den Mund nicht dazu und wenn doch, dann klickt es fremd aus ihrem Mund.

Als sie ein Spiel mit Rechnen und Gebärden vorschlägt, bin ich am Ende meiner Kompensationsfähigkeit. Ich will ihr und meinen Mitschüler_innen sagen, wie ich mich fühle. Dass es solche Situationen sind, in denen ich auf Unterstützung und Vorbereitung angewiesen bin. Doch ich weiß, dass sie nichts damit anfangen können.
Ich bin froh zu wissen, dass es der Autismus ist.
Ich bin nicht dumm, nicht unflexibel, nichts an meinen Gefühlen ist falsch. Aber die Situation ist eine Barriere, die sonst niemand er.kennt. Ich bin allein damit. Vor den einen, weil sie nicht wissen, wie es sich mit einer Behinderung lebt, vor der anderen behinderten Person, weil sie nicht gleich wie ich behindert ist.

Ich gehe und schiebe die Tränen so weit es geht weg. Bestelle beim Bäcker. Bekomme das Falsche. Und dann sitze ich im Zug und könnte heulen, weil für dieses scheiß Stück Käse auf dem belegten Brötchen, das ich gar nicht haben wollte, einer Mutter das Kind genommen wurde und mir gerade keins im Bauch heranwächst. Ich esse es auf, als könnte ich, neben meinem eigenen, auch den Schmerz der verwaisten Mutterkuh in mir begraben.

Den Schmerz an einer Welt, in der so etwas passiert.
Unvorhergesehenes, wie unsichtbar Ignoriertes.

Ich fahre zum ersten Umstiegsort und nehme den zweiten Zug. Dass er ist, wo er sein soll und fährt als er fahren soll, macht mich glücklich. Ich höre einen Podcast an und beende ihn, denn jetzt will ich das alles aufschreiben. Vor allem den tollen Mondanblick. Riesengroß über kleinen Laternenlichtpünktchen, hellorange, nicht voll, aber rundlich.

Am zweiten Umstiegsort schreibe ich immernoch, dann sehe ich im Zug auf dem anderen Gleis eine Person, die meiner Therapeutin ähnelt. Da merke ich, wie ich mit ihr noch nie etwas über einen Tag im Jahr, den ich er- und gelebt habe, erzählt habe. Da wird mir klar: Ich bin bei weitem nicht mehr so alltagsamnestisch wie vor zwei, drei Jahren.

Wieder angekommen, will ich ihm in die Arme krabbeln und liegen bleiben. Meinem Freund, der am Bahnhof auf mich wartet und sich freut, dass wir wieder da sind.

Wir essen und reden.
Dann schreibe ich und er sieht etwas im Fernsehen, zu dem Gelächter ertönt.

Das Zimmer, in dem ich heute schlafe, hat er mir entmückt. Das macht mich so froh und schmachtschmelzig, dass ich es bewahren will.
Vielleicht als das, woran ich mich später erinnern will, wenn ich an den einen Tag im Jahr 2018 zurückdenke.

Autismus, Trauma, Kommunikation #1

Vor einigen Jahren haben wir eine Artikelreihe zum Thema Schweigen und Reden geschrieben.
In diesem Text, der vielleicht auch eine Reihe wird, wird es um Kommunikation gehen, denn das ist unser eigentlicher Dreh- und Angelpunkt, wie wir heute wissen.

Wir haben schon immer das Problem positiver Diskriminierung, unserer Ausdruckweise und sprachlichen Fähigkeiten betreffend, weil es das Missverständnis „Sprache“ = „Kommunikation“ gibt.

Wir sind sehr gut mit Sprache. Unser Wortschatz ist groß, unsere Metaphersammlung beeindruckend für viele Menschen. Wir lernen gerne und schnell Sprachen. Sprechen flüssig, moduliert und lang.
Wir sind allerdings eher mittelprächtig in der Kommunikation dessen, was wir eigentlich aussprechen wollen und eher untermittelprächtig gut in der Rezeption dessen, was uns andere Menschen kommunizieren wollen.

Denn Sprache ist Muster. Also: Grammatik und Wörter. Sprache ist lernbar. Das kann man sich einprägen, einüben. Sprache findet sich überall.
Kommunikation allerdings, erfordert auch das, was als Intuition bezeichnet wird, weil der Lernprozess unbewusst und basierend auf neurologischem Feedback passiert. Menschen bringen einander Kommunikation bei, ohne zu wissen, dass sie das tun oder wie genau sie das tun.

Besonders in unserer Ausbildung mit dem Schwerpunkt auf Medien und Kommunikation merken wir: den Kernpunkt einer kommunikativ intendierten Aktion, kann uns niemand erklären.
Man kann uns sagen, was was macht und wie was wirkt, aber wieso und woran sich das jeweils festmacht nicht. Eben, weil es hier um so tief verinnerlichte und durch die alltäglich bestätigte Funktion als nicht nötig zu hinterfragende Dinge geht, dass dort oft ein Ende der Selbstreflektion beginnt.

Unser Problem liegt an genau dem Punkt.

Während wir lange dachten, die Lösung aller Kommunikationsprobleme wäre eine Perfektion von Sprache und Timing, trugen wir durch diese Bemühungen immer weiter dazu bei, dass Menschen uns nicht glauben, dass wir sie oft nicht verstehen und uns nicht richtig ausdrücken können.
Zusätzlich gehen wir mir traumabedingter Sprachlosigkeit um.

Unsere Fragestellung an andere Menschen ist also oft: Wie müssen wir etwas sagen, damit du uns verstehst?
Und so viele Menschen können darauf keine Antwort geben, denn sie selbst sehen die eigenen Kommunikationstechniken nicht. Sie wissen nicht, worauf sie wie reagieren, weil sie sich das nie fragen mussten oder gefragt wurden. Selbst Menschen, die mit studiertem Blick auf Kommunikation schauen, könnten den für uns fraglichen Punkt nicht benennen.

Und während viele Menschen an der Stelle annehmen, dass wir uns darüber erhöhen und überlegen fühlen, weil wir einen sogenannten „blinden Fleck“ bei vielen Menschen gefunden haben, sind wir tatsächlich oft einfach nur verzweifelt und zuweilen auch zutiefst hoffnungslos, jemals ganz und gar erkannt und verstanden zu werden.

Früher waren wir in der Theorie verhaftet, wir würden Menschen einfach nicht genug vertrauen, um sie nah genug an uns heran zu lassen, um eine intime, im Sinne von vertraute oder innige, Kommunikation aufzubauen. Jedes unserer Sprech-, Sprach-, und Kommunikationsprobleme lag damit allein bei uns. Wir sind die mit dem traumatisierten Gehirn, mit den zu schlecht entwickelten Abgrenzungs- und Reorientierungsfähigkeiten – wir sind die, die nicht zwischen Bedrohung und zugeneigtem Miteinander unterscheiden können.

Die Rolle anderer Menschen beschränkte sich damit auf den „Sei lieb zu mir-Imperativ“ und damit auch den Anspruch, für uns bitte niemals auch als Bedrohung verstehbar oder sichtbar zu sein.
Eine fiese, aber leider übliche Falle, in die Menschen tappen, die versuchen mit traumatisierten Menschen umzugehen.

Man möchte den traumatisierten, vielleicht auch leidenden, Menschen nicht noch mehr leiden machen und schon gar nicht immer wieder an die Traumatisierung erinnern. Sobald das Konzept von Triggern verstanden ist, will man Trigger nicht mehr. Man will sie um jeden Preis verhindern, obwohl alles – das komplette Leben von Anfang bis Ende – komplett triggerbasiert ist.
Das Leben ist eine einzige Kette von Reiz-Reaktionsmustern. Sich Triggern zu verwehren, heißt sich dem Leben zu verwehren. Sich dem Leben zu öffnen, bedeutet sich für Umgangs- und Reaktionsmöglichkeiten zu öffnen.

Obwohl wir uns immer wieder dagegen gesperrt haben von anderen Menschen auf diese Art „geschont“ zu werden, waren wir da immer wieder drin. Und immer wieder waren es unsere Kommunikationsrezeptionsprobleme, die am Ende dafür gesorgt haben, dass wir Menschen nicht verstanden haben, die so mit uns umgegangen sind. Für uns haben sie einfach dauernd Dinge gesagt und gemacht, die für uns völlig irrational, unbegründet und unlogisch waren. Wir konnten sie nie durchschauen, konnten sie nie einschätzen. Egal, wie oft sie uns nicht miss.be.handelt oder ausgebeutet haben – in diesem Faktor haben sie sich einfach nicht von den Menschen unterschieden, die das mit uns gemacht haben und damit waren sie für uns eben doch nie „ganz anders als die Täter_innen“.

Je mehr wir an die Grenzen unserer kommunikativen Fähigkeiten kamen, desto mehr gewann die Psychosomatik als Kommunikationsmittel an Bedeutung. Und je mehr dagegen antherapiert wurde, desto stärker wurde der Druck auf uns, doch endlich die richtige Sprache, das richtig Timing, die richtige Sozialperformance herauszufinden, um dann die_r richtige_r Patient_in, die_r richtige_r Klient_in zu werden, um dann als Belohnung nicht mehr zu sterben zu wollen, weil das Leiden so unaushaltbar war.

Wir konnten das nicht lösen und heute merken wir, was für ein großer Anteil das für uns an der Traumatisierung durch Helfer_innen war und potenziell immer noch ist. Denn die wenigsten Behandler_innen und Helfer_innen kennen sich mit Autismus aus oder trauen autistischen Menschen so viel Innenleben zu, dass sie traumatisiert werden könnten.
Obendrauf kommt noch der Ausschluss von autistischen Menschen in der neurologischen Traumaforschung, aufgrund ihrer Neurodivergenz. Also: (möglichen) Aspekten ihrer Behinderung.

Inzwischen gehen wir ins dritte Jahr mit der Autismusdiagnose und skyrocken seitdem auf der Entwicklungskurve.
Wir sind in einer glücklichen Beziehung, sind auf dem Weg in eine passende Arbeitsform, können unsere Gesprächtherapie zu 95% nutzen und haben das Gefühl, dass der Boden auf dem wir stehen einer ist, der uns trägt. An 4 von 7 Tagen einer Woche gehen wir mit Grundglückszufriedenheit ins Bett und können Traumascheiße vor der Haustür bündeln.
Das wäre nicht der Fall, wenn wir nicht den Hang dazu hätten, Menschen so zuzuhören, wie wir das tun.

Für viele Menschen sind Sätze wie: „Tun Sie, was Ihnen gut tut.“, „Wir arbeiten hier so lange zusammen, wie es hilfreich ist.“ oder „Vertrauen Sie auf ihre Einschätzungen. Sie sind die_r Expert_in für sich selbst.“ nichts mehr als Phrasen.
Besonders dann, wenn das Verzweiflungslevel so hoch ist, dass Behandler_innen oder Helfer_innen zu Retter_innen in der Not werden. Also eine gewisse Abhängigkeit aufgebaut wird.

Für uns konnten solche Sätze als Jugendliche auch nur dumpfer Blablascheiß sein, denn selbst wenn wir nach unseren Einschätzungen gegangen wären, was wär dann passiert? Wunderheilung? Spontanrettung? Wer hätte uns genommen als chronisch suizidale Jugendliche? Das Heim hatte uns schon abgeschoben und in der geschlossenen Psychiatrie sagt man uns dann sowas, obwohl so so klar ist, dass man am Ende der Fahnenstange angekommen ist und mehr als das Ende aller Alternativen – und damit auch des eigenen Lebens (unter Menschen und relativer Nähe der Gesellschaft) – nicht mehr da ist.

Und auch an der Stelle: Wenn man schon nicht kongruent kommunizieren kann, was belastet und schwierig ist – wie soll man kommunizieren, was man sich entlastender und einfacher vorstellt? Insbesondere dann, wenn man als ultraintelligent und deshalb als befähigt und deshalb als stark (mächtig!) und deshalb auch gerne mal als frech, anmaßend, arrogant eingeordnet (und gemaßregelt) wird.

Unsere Therapeutin sagt keine Dinge, auf die wir nicht in irgendeiner Form auch mit einer Frage zurück kommen können. Wir müssen uns nicht an ihr orientieren, sondern an den Themen, die wir besprechen. Nicht jede.s abwesende oder undefinierbare Gefühl, Wort oder Idee ist gleich unsere Traumavermeidungsstrategie oder dissoziiertes Trauma. Nicht jede Unfähigkeit ist gleich eine traumabedingte Unfähigkeit.
Im Nachhinein denken wir manchmal, dass sie die erste Therapuetin ist, die uns nicht einfach nur predigt doch endlich mal Trauma von Welt zu differenzieren, sondern sich auch für unsere Differenzierungen interessiert.

Denn die sind ja immer schon da gewesen. Zum Einen in uns selbst – viele sein ist das Ergebnis von Differenz durch Unverbindung (also Dissoziation statt Assoziation) – und zum Anderen in dem, wie wir den Lauf der Dinge und seine Bestandteile wahrnehmen – denn wir nehmen mehr Details und breitere Komplexe als klare (bewusste) Informationen auf (was mit unserer Neurodivergenz zu tun haben kann, und durch die unter verschiedenen Bedingungen reproduzierbare Bewusstheit und Benennbarkeit von traumabedingter Hyperviglianz zu unterscheiden ist).

Wir hätten eine weitere Verzweiflungsrunde über die von uns angenommene Sprechunfähigkeit gedreht, hätten wir mit der Therapeutin damals, zum Zeitpunkt der ersten Autismusüberlegungen, nicht schon über 2 Jahre lang gemerkt, dass wir grundsätzlich total gut miteinander arbeiten können, aber da immer noch diese eine Stelle des Unverständnisses blieb.
Die sich ja dann auch noch einmal in der Musik- und Kunstschule wiederholte.

Fortsetzung folgt

über reine Nervensachen, Traumastille und gedrückt werden

“Alles Nervensache”, denke ich und schiebe uns durch den Verkehr.
Ich habe Schmerzen und das, was Alltags ist, strömt zäh_flüssig mit mir wie einem Korken draufdrin dem Tick-Tack nach.

Später zu Hause eingeklemmt zwischen Schrank und Wand denke ich: “Ja, alles Nervensache” und erinnere mich an die eine Gruppentherapie vor was weiß ich nicht wie vielen Jahren. Wo eine Person versucht hatte zu erklären, wie sehr es weh tun kann, depressiv zu sein und die Therapeutin fragte, was genau denn da weh tun würde.

Das ist mein Schmerz im Alltag, denk ich. Das ist der gleiche Schmerz, wie der, der mich quält, wenn ich so runter bin – weil der Zug rumpelt, Leute reden, atmen, Kleidung bewegen, Zeitungen, Handtaschen oder Rucksäcke durchkruscheln, weil sich alles bewegt, Aufmerksamkeit, Reaktion und Einordnung verlangt. Wenn einfach nur die Welt passiert und der Platz dafür in sich drin, nicht mehr gepolstert ist.

Nachdem wir in Biologie etwas über Zellkerne gelernt hatten, hab ich sie mir dann manchmal in das Wortbild vom “Laufen auf dem Zahnfleisch” eingebaut und mir gedacht, dass es vielleicht deshalb wehtut, weil die Zellkerne wie Legosteine da liegen und es dann natürlich weh tun muss, wenn man drauftritt.

Ich bin im Moment nicht depressiv. Eigentlich gehts mir und uns sogar ganz gut.
Was es irgendwie noch schlimmer macht, dennoch mit diesem Schmerz konfrontiert zu sein und einen Umgang haben zu müssen. Wäre da eine Depression, dann würde die Kraft für mehr als die Wahrnehmung dessen fehlen. Wir würden liegen, schlafen und wenn wir erwachen, die Augen zuhalten und uns in einem weißen Nebel bewegen, der neben der Zeit passiert.

Ich habe gelesen, dass es dem Schmerzgedächtnis scheiß egal ist, welcher Ursache ein Schmerz ist.
Und habe mich an den Schmerz erinnert, den ich mit Traumastille verbinde. Das ist die Stille, die sich ausbreitete, wenn der letzte Schlag, der letzte Stoß, der letzte Druck auf den Körper zum Ende kam und dann nichts mehr passierte. Die Zeit zwischen dem Moment, in dem die gewaltausübende Person ihren Verdrängungsschängel zu einem Spruch, einer Anweisung, irgendeinem weiteren groben Über_Griff machte und dem, in dem sie ihn machte.

Manchmal habe ich einen Schmerz als überkrasses Geräusch oder geblendet oder verbrannt werden wahrgenommen. Auch diese Art von Schmerz ist Traumastille für mich.
Ich kann bis heute nicht sagen, was genau da weh getan hat. Oder wie sich dieses überkrasse Geräusch für mich angehört hat oder welchen Ursprungs die Blendung war, die ich da empfunden habe.

Heute weiß ich, dass das eine Nervensache ist. War.
Das Nervensystem von Klein_Kindern ist nicht das von Erwachsenen. Gerade vor ein paar Tagen konnten wir das bei der anderthalb Jahre alten Tochter von Freund_innen miterleben. Sie stolperte, tat sich weh – doch drückte den Schmerz als Schmerz erst fast 10 Sekunden später aus.
Was war es in den 10 Sekunden, bevor sie zu weinen begann und bei ihrer Mutter Erleichterung davon suchte?
Ich glaube, da war es noch Nervensache. Also: alles mögliche. Alles Nervenmögliche.
Es hätte auch geblendet werden oder auditiv überflutet werden sein können. Das Gehirn prüfte noch nach Einordnungsmöglichkeiten, während das Empfinden schon längst da war.

Manchmal denke ich, dass das vielleicht mein, unser chronisches Schmerzproblem heute ist.
Die Nervensache ist so oft nur rudimentär eingeordnet worden, dass sie bis heute eine Nervensache ist.

Als die Gewalt passiert ist, war ja mehr als nur Schmerz da. Es tut eben nicht nur weh, miss.be.handelt zu werden. Es ist auch einfach nur grob, dumpf, vielleicht auch mal mit einer Quetschung oder einem Druck verbunden. Manchmal sind da auch noch Komponenten die körperliche Resonanzen mit sich bringen, wie Angst, Horror, Ekel, Beschämung oder Demütigung. Der peinsame Cringe, den man hat, wenn man vor anderen bloßgestellt wird, kann das gleiche Reißen im Zwerchfell sein, das entsteht, wenn man mit aller Macht gegen einen Brechreiz, ein panisches Erstickungsgefühl oder schlichtes Schock-raus-schreien angehen soll muss.

Manchmal hilft es uns, Anspannung zu veratmen. Dann denke ich mir, dass meine Nerven zittern und wackeln, weil sie so unter Spannung stehen, dass auch das banalste kleinste sie ganz zwangsläufig berühren muss – und mir dann einmal mehr Schmerzen bereitet.
Ich atme den Bauch raus und drücke mit dem Daumennagel in die Rille zwischen Oberlippe und Nase.
Die Geschichte mit dem Gedanken ein Baum zu sein, ist auch gut dafür.

Noch mehr hilft es uns Druck zu fühlen. Schwere Decken oder zwischen Wand und Schrank gedrückt sein. Oder NakNak* auf dem Schoß haben. Oder NakNak*, die sich an unseren Oberkörper drückt.
Das ist scheinbar eindeutig genug für unser Gehirn. Es dauert keine zwei Sekunden bis das Schmerzempfinden nachlässt, wenn wir so “gedrückt” werden. Aus Nervensache wird Drucksache. Wird Wort, wird Zeit und Raum, wird eigener Körper und damit Entlastung.

Ich finde das erstaunlich.
Auch, weil ich dann manchmal einfach anfangen muss zu weinen und nicht weiß, ob ich vielleicht schon vorher hätte einfach zu weinen versuchen sollen oder nicht. Ob mir die Welt und ihre Reize vielleicht eigentlich gar nicht wehgetan haben, sondern sie mich traurig gemacht hat. Oder, ob sich da gerade noch ein Traumafizzel mit verarbeitet hat und es als eine Art nachträgliche Affektabfuhr passiert.

“Alles reine Nervensache”, das wird oft gesagt, wenn man meint, etwas sei nichts Ernstes, Dringendes gar Be_Drängendes und daher beherrschbar oder auch kontrollierbar. Manche Menschen sagen so etwas, um andere Menschen mit ihren Empfindungen allein zu lassen, denn die eigenen Nerven hat man eben nun einmal nur für sich.

Auch das ist etwas, das in mir Traumastille-Schmerz macht.
Denn es erfordert schon etwas jemandem von so unbestimmten Dingen zu erzählen. Vertrautheit, Nähe und die Annahme im Schmerz an.erkannt und verstanden zu werden.
Mir kommt das wie eine Anbahnung vor.

So wie wir es brauchen zu wissen, dass wir nach der Arbeit oder der Schule nichts mehr machen müssen, das Handy greifbar ist und der Schrank stabil steht, um uns in den wohltuenden Druck zu begeben, brauchen manche anderen Menschen, eben diese sozialen Flauschigkeiten, um gedrückt zu werden und das auszuhalten.

Für uns werden reine Nervensachen erst dadurch zu etwas, das beeinflusst werden kann.
Für andere sind es andere Menschen.

Irritierend wie sich je die Annahme entwickeln konnte, Menschen mit Schmerzen jeder Art unberührt (ungedrückt) zu lassen (außer sie wünschen sich das so), sei eine gute Idee.

der Triebwagenführer, das große Bild und unser Regal

Wir saßen in einem überhitzten Abteil auf dem Weg vom Praktikumsort nach Hause, als der Triebwagenführer vorbei kam. Die Klimaanlagen sind ausgefallen, lasst die Fenster zu, Kinderwagen werden an die dafür vorgesehenen Plätze gestellt, Füße vom Sitz. Sein sächsischer Dialekt richtete mir den Rücken auf.

Wir sind 32 Jahre alt. Die DDR haben wir nie bewusst erlebt. Aber ihre Hinterbliebenen. Und das sind oft Menschen wie dieser Triebwagenführer gewesen. Allzeit bereit.
Mit ihnen geht es mir wie mit Leuten aus Brandenburg und Berlin: Ich weiß nie, ob sie mich gerade anscheißen oder herzlich anknuffen. Vorschriften sind ein Muss, menschliche Gesten daneben aber auch.

So kam es, dass wir alles über die Klimaanlage erfuhren, dass es Zugbegleiter gab und dass er sich darum kümmerte, es so erträglich wie möglich für alle zu machen.
Am nächsten größeren Bahnhof gab es eine Zugwechselaktion. Dort war nur noch ein Abteil überhitzt, eine Notfallflasche kaltes Waser wurde besorgt. Für Fahrgäste, die es brauchen. Das erzählte der Triebwagenführer nachdem er allen Fahrgäst_innen und seinen Zugbegleitern für ihre Zusammenarbeit bei der Aktion gedankt hatte und erneut sagte, dass er sein Bestes gibt.

Wir haben schon Schlimmeres mit der deutschen Bahn erlebt und es war dieser Vergleich, der uns etwas anderes bewusst machte. Denn das, was der Triebwagenführer tat, als er uns dankte und seine Bemühungen mitteilte, war eine Bestätigung der Belastung und der Ungewöhnlichkeit der Situation für alle Beteiligten. Ohne sich selbst davon auszunehmen, indem er sich an die (westsoziale?) Vorschrift der Sachlichkeit und Autorität zurückzog.

Was es uns bewusst machte, war Folgendes.
Am Dienstag hatten wir einen Termin mit dem Begleitermenschen.
Wir haben beim “Fonds sexueller Missbrauch” beantragt, dass er für seine Arbeit mit uns bezahlt wird. Damit das geht, wurden wir darum gebeten den Umfang der Unterstützung und die konkreten Kosten dafür aufzulisten.
Und so saßen wir dann gemeinsam an unserem Schreibtisch und listeten.

Früher hatten wir ein Regal für Komplimente oder schmeichelhafte Bemerkungen über uns. Eine Distanzierungstechnik, die uns half über die Unsicherheit des Nichtwissens einer angemessenen Reaktion hinweg zu kommen. Seit dem Narzissmusding in der Klinik machen uns anlasslose bzw. nicht nachvollziehbare Komplimente und schon die Idee, wir könnten irgendwas ziemlich gut (geschweige denn besser als andere) nur noch Stress und Angst – wir befassen uns nicht mehr damit. Die Dinge, die wir schaffen und können, schaffen und können wir und fertig. Ein größeres Bild oder irgendwelche Gefühle dazu, lassen wir nicht mehr an uns ran.

Nun mussten wir zusammen darüber nachdenken, wie das war. Damals. Im Frühjahr und Sommer 2015 als wir uns kennenlernten. Wir uns und wir irgendwiealle den Begleitermenschen. Der trotz all unserer Helferdinger und Klapsentraumafolgeprobleme bis heute Wege findet, über die Dinge zu sprechen, die davon ins Jetzterleben getriggert werden und das Heuteleben be.ver.hindern.
Wie das war, als wir mit dem Aspergerdiagnosezettel in der Landschaft standen und erst mal nicht wussten, was das jetzt bedeutet. Was für Angst wir hatten, die Therapie bei unserer Therapeutin könnte deshalb enden.
Wie hilfreich es war, als er uns erklärte welche Mechanik hinter Autismusdiagnosen und Behandlungen steckt und was unser Zettel nach einem Fragebogen und einem Interview letztlich aussagt.

Wie das war, als wir erstmals über die Ausbildung mit ihm sprachen und wie gut es war genau so kleinteilig und zweifelsorgenzerklüftet über Wünsche, Sorgen und Ängste in Bezug darauf zu sprechen, wie es nötig war. Wie das vor dem Klinikding war und wie es bis heute hilft, dass er direkter Zeuge dessen war, was da alles so schlimm schief für uns gelaufen ist.

Und während wir über die Schule und seine Unterstützung dort sprachen, dachte ich, dass wir das schon längst mal hätten machen müssen: Uns das gemeinsame große Bild anschauen.
Von dem, was dieser Mensch da für uns tut. Seit inzwischen 3 Jahren, ohne dafür bezahlt zu werden und immer mit all unserem autistischen Traumakorks, der sicherlich weder einfach noch kurzweilig ist.
Nicht, um ihm den Heldengesang schreiben zu können, den er verdient, sondern um sowohl ihm als auch uns die Anstrengung, die Arbeit, die Außerordentlichkeit dieser Beziehung bewusst zu machen.

Denn es ist anstrengend. Es ist Arbeit. Es ist außergewöhnlich.

Vor dem Klinikding und der Ausbildung war das alles normal für uns.
Menschen sind anstrengend, Hilfe und Unterstützung erbitten, managen, annehmen und nutzen ist Klient_innenarbeit und, dass es jemand länger mit uns aushält, obwohl sie_r selbst nichts davon hat, ist krass außergewöhnlich.

Und nach dem Klinikding wurde diese Normalität für uns beängstigend. Denn wir sind ganz gerne mal stolz auf geschaffte Dinge. Gerade dann, wenn wir viel für oder an etwas gearbeitet haben. Dann wollen wir Bestätigung dafür. Wollen von anderen Menschen hören, dass sie Dinge unter Umständen auch anstrengend, arbeitsaufwendig und/oder außergewöhnlich finden. Zwischenmenschliche Kongruenz in der Einordnung solcher Empfindungen ist manchmal so eine Art Versicherung oder Legitimation. Eine Möglichkeit empfundenen Stolz als legitim und sicher an und vielleicht auch in sich selbst zu zementieren.

Wir haben das von uns weggeschoben. Stolz ist ja auch nicht konstruktiv. Sich selber bei oder wegen etwas gut finden – das ist kein Skill, der hilfreich ist, die Ausbildung gut zu durchlaufen oder an Dingen zu arbeiten.
Klick klack Robotermodus an. Dissoziationsmechanismen rasten ein.
Entferne dich von dir selbst, richte dich aufs Arbeiten, Ver_Dienen und Zer.eins.zelte ein.
Du bist nicht gut oder okay, du bist nicht schlecht oder scheiße.
Du bist, das reicht für dich, weil “in Wahrheit” ist das schon schlimm genug, um alles andere verwirkt zu haben.

Eine andere Ebene der Dissoziation, die uns nach dem Klinikding passierte ist die, ja “in Wahrheit” den Begleitermenschen gar nicht zu brauchen, neben “in Wahrheit” gefährdet zu sein, weil wir ihn eben doch brauchen, neben “in Wahrheit” nie zuvor genau diese richtige, wirklich hilfreiche Hilfe im Alltagsleben gehabt zu haben, neben “in Wahrheit” es niemals zu schaffen, wieder gut zu machen, zu entschädigen, zu entlohnen, was dieser Mensch für uns tut und getan hat in den letzten Jahren, neben “in globaler Echtwahrheit” keinen Grund zu haben zu glauben, wir hätten irgendetwas mit dem zu tun, was Produktives, Gutes, Bestolzbares aus der Arbeit mit ihm hervorgeht oder für uns entsteht.

Eine Ansprache wie die des Triebwagenführers hätten wir über die Arbeit mit dem Begleitermenschen nicht ertragen. Aber diese Liste war gut. Das Moment, in dem wir bemerkten, dass auch der Begleitermensch seine Distanzierungsmethoden hat und gleichermaßen nicht so bewusst hatte, wie viel er und wir schon gearbeitet haben. Es war gut, weil das Ziel der Auflistung nicht war uns das bewusst zu machen, sondern um das darzulegen, was de facto da ist. Ohne, dass irgendjemand daran herumdeuteln oder ein “in Wahrheit” daneben legen kann.

Es ist gut und tut gut zu sehen, dass da gute Sachen einfach gut laufen, weil wir zusammen mit dem Begleitermenschen gute Arbeit machen.

Mal sehen, ob wir uns das in unser Regal tun können.

jeder Tag ein Abenteuer

Es hatte auf einem landwirtschaftlichen Weg gelegen, dieses rosa Hakengummidings. Das Plastik am Haken abgeplatzt, etwas verstaubt, aber ohne diese Risse, wie sie meine Hakengummidinger haben.
Wir klemmten es uns ans Rad, trugen es von der Insel Fehmarn bis nach Hause.

Vorhin ergab sich vor dem Supermarkt eine Szene. Eine Person fragte mich, ob ich helfen könne. Ein Teil des Einkaufs war vom Fahrrad des Kindes gefallen. Wir verschenkten das rosa Hakendings und dachten: Genau dafür haben wir es gefunden.

Jetzt, wo die Tour seit über einer Woche vorbei ist, wollen wir am liebsten schon wieder los.
Der Zukunftsgedankenkreisel ist noch nicht durch. Waren wir losgefahren, um Luft in den Kopf zu bekommen, so haben wir vielleicht doch nur Fahrtwind geschafft.
Wir sind nicht bedrückt davon. Aber unschlüssig. Und obwohl wir nun einen Plan haben, der sich gut und richtig anfühlt, ist er zu kurz, denn er deckt nur etwa ein Jahr ab und verspricht so gar nichts über das Danach.

So viel Zukunft hatten wir noch nie in der Hand. Mit so einem Fachabitur hat man viele Möglichkeiten.
Wir könnten etwas studieren, was das Nachwachshaus auf feste Füße stellt. Könnten so viel machen.
Könnten.

In der Realität ist dafür nach der Schule aber ziemlich sicher keine Kraft mehr dafür da. Beziehungsweise: nicht mehr genug zerstörerische Rücksichtslosigkeit uns selbst gegenüber. Was wir vor zwei drei Jahren noch dissoziiert haben, ist jetzt bewusst und nicht mehr zu verantworten.
Leistungsdruck, Performancedruck, die Behinderung, die Traumatisierung.
Wir und das deutsche Bildungssystem.

Wir lernen unheimlich gern. Jeden Tag irgendetwas, was dann doch eigentlich nie irgendjemanden interessiert. Wir sind Student_in. Schon unser Leben lang. Aber unser Forschungsfeld wird nicht gelehrt. Das wird gelebt. Von anderen als uns.

Es ist schwierig weder als faul noch verschwenderisch mit dem eigenen Potenzial umgehend zu gelten. Noch schwieriger damit umzugehen, wenn Menschen das Beste für uns wollen, wir aber wissen: selbst das Üblichste, Normalste – das Basispaket, das gar nicht mal so Beste, sondern einfach Genugste ist schon etwas, das nicht so einfach zu bekommen, nicht so einfach zu halten ist.

Tagsüber lesen wir Broschüren über das Studieren mit Kind, Beruf und Handicap. Am Abend gibt es YouTubevideos von Alpenüberquerung und anderen Langstreckenwanderungen. Irgendwo dazwischen schweben Wünsche um Familiengründung und das einfach nur Schreiben können.
Kurz vorm Einschlafen ist da wieder das Nachwachshaus, das wir nicht nach mühseligem Aufbau an Leute verlieren wollen, die studiert haben, wie man Leute wachsen lässt. Oder an Leute, die studiert haben, wie man Recht hat, obwohl man im Unrecht ist.

Als ich der Person mit dem Kind auf dem Fahrrad “Jeden Tag ein Abenteuer” zurufe, denke ich: Ja. Jeder Tag ist ein Abenteuer und jedes Morgen ein Mysterium. Egal, was man tut und warum. Mehr als es zu leben, können wir gerade nicht entscheiden.