Tag 10: in Höxter

… gibt es ein Unesco-Kulturerbe. Man höre und staune. Es ist eine ehemalige Klosteranlage der Benediktiner und vieles mehr – so alt ist das Ding. 

Das spezielle Erbe ist das hier:

Es ist das Welterbe Corvey bzw. der Blick auf das karolingische Westwerk. 

Wir haben uns einen 20 Minuten-Spaziergang in der Anlage gekauft. Es gibt aber noch Führungen, ein Museum und ein Café. Nehmen wir bei der nächsten Gelegenheit mit.

Es ist eine riesige Anlage. Wir laufen durch und versuchen uns vorzustellen wie das war. Damals. Vor 300- 400 Jahren. Leben in so einer Art Selbstversorgerkommune mit keinem höheren Auftrag als zu arbeiten und zu beten. 

Ich denke, dass es ein hartes Leben war. Aber vielleicht doch auch befriedigend. Was für Optionen hat man heute noch, sich derart institutionalisiert und gesellschaftlich halbwegs wertgeschätzt zurückzuziehen, um sich dem Spirituellen/Geistigen zu widmen?

Es ist doch seltsam wie (überwiegend) körperlich die Institutionen sind, in die man sich heute begibt, wenn man etwas braucht oder erlangen will, das aber doch oft auch erst einmal ein bestimmtes Mindset („geistigen Nährboden“/innere Bereitschaft) erfordert. 

Schulen zum Beispiel. Oder auch Klinken für Psychotherapie und Psychiatrie. Es geht um Alter, um Diagnose (im Sinne von „am Körper beobachtete Probleme“), Verwahrung und Kontrolle. Und natürlich um Entwicklung. Irgendwann dann. Wenn man es schafft allen die Zeit zu geben, die sie brauchen.

Beim Laufen durch die große Anlage dachten wir, dass es ja schön ist, wenn solche Stätten der inneren/geistigen Einkehr und auch Weiter/Ausbildung über so viele hundert Jahre erhalten und weiter gepflegt werden. Aber was ist damit jetzt wirklich gewonnen? Wäre es nicht gut, wäre das Ding heute noch für Bildung, Zuflucht, Einkehr und Heilung benutzt? Es wurde doch dafür gebaut? 

Später gingen wir durch die Altstadt von Höxter. Eine der ältesten Städte Norddeutschlands. Schöne Häuser gibt es hier. Viel Kultur und Interessantes. Man muss sich dafür wirklich mal ein langes Wochenende nehmen.

Morgen geht es noch bis nach Bad Karlshafen auf dem Weserradweg weiter. Danach geht’s weiter auf der „Märchen- und Sagenroute“ wie der hessische Fernradweg auch genannt wird. Bis nach Hofgeismar. Ab 9 Uhr solls regnen sagt das Regenradar. 

Mal sehen. 

Tag 9 (jetzt in echt): entspannt durch den Notfall

Das Tagesgewurschtel – man muss es uns verzeihen. Wir sind angestrengt und beschäftigt. 

Jedenfalls.

Auf die Frage wie furchtbar der Zeltplatz in Hameln für uns war, antworte ich mit der Weckzeit (5.30 Uhr) und der Information, dass es geschüttet hat wie aus Eimern. Und wir trotzdem losgefahren sind. 

Heute Richtung Holzminden bzw. Höxter. Das wären so etwa 60 Kilometer gewesen? Mit der Aussicht auf ein Mittagessen in Bodenwerder und einen kleinen Spaziergang durch Holzminden fuhr es sich auch klatschnass ganz gut. 

Kurz vor Hehlen hats dann geknallt. Einer der Anhängerreifen war bis auf den Schlauch abgefahren. Wir hattens kommen sehen – hatten nur gehofft, es bis nach Bodenwerder zu schaffen. 

Letztes Jahr wäre an dieser Stelle Schluss für uns gewesen. So eine müde, kalt, angestrengt-Mischung ist nicht das beste Add-on zu unserem im Moment doch recht flattrigen Nervenkostüm. Jetzt haben wir aber einen Joker. Der schwingt sich in sein Auto und kommt. Und dann ersetzen wir die Reifen und alles ist gut.

Dann frotzeln wir wieder rum und fahren bis Höxter. Da essen wir Essen das komisch guckt und blumig schmeckt. Alles ist gut. 

Außerdem gucken wir uns wieder aufwendige Fachwerkhäuser an. Gebaut 1554. Ist das krass oder ist das krass?

Alles ist so gut, dass ich mich immer wieder selbst beobachte und denke: „Hm.“. Auch, weil in meinem Oberstübchen gerade vor allem die hellsten Kerzen brennen. Nicht.

Wir haben uns einen Campingplatz ausgesucht und uns für morgen frei gegeben. Erholen von Hameln und heute, Wäsche waschen, ausschlafen. Stundenlange Podcasts aus dem Internet runterladen, denn unseren MP3-Player kriegen wir nicht mehr aufgeladen. 

Der Platz hat einen Anlegeplatz an der Weser. Da ist es schön. Da werden wir morgen sein.

Wir sind an dem Punkt von unserer Bedürftigkeit genervt zu sein und nicht wie sonst im Alltag irgendwas zu tun, was sie uns wieder irrelevant erscheinen lässt. Jetzt geht’s darum dranzubleiben. 

Tag 9: meeh

Am Morgen von Tag 7 regnete es noch immer. Gegen Mittag verzogen sich die Wolken und die Hitze verwandelte die Gegend in den Teutoburger Regenwald, der uns von zu Hause schon so bekannt ist.

Und so gefürchtet. Denn seit letztem Jahr haben wir immer wieder mal Asthmaattacken. Besonders bei feucht-warmer Luft und bei viel Pollenflug. Gerne auch mal in Kombination mit Lebensmitteln auf die wir nicht akut schwer, aber doch genug allergisch reagieren, um das Immunsystem insgesamt nervös zu machen.

Tag 7 begann also nass und träge und mittel motiviert. Über die Mittagszeit zu fahren ist nicht unsers und dann leitete uns die Route in der App auch noch auf einen Berg. Einen steilen Berg. 

Und dann auf eine Wand zu, die man wirklich nur mit dem Auto schaffen kann. Wir also hoch. 

Die letzte Wegmarke hatten wir vor 3 km gesehen und irgendwie konnten wir die Idee nicht loslassen, dass es nach jedem krassen Bergauf ja auch ein schönes Bergab gibt. 

Das Bergab gab es dann in Form von Schleimplasmaschlonz, der uns die Lunge abgedichtet hat. Ein Asthmaanfall. 

Das ist Erstickungsangst, die laut brüllend im Kreis rennen will, gegen das Wissen, dass jede Aufregung alles nur schlimmer macht. Trotzdem hab ich mein Zeug abgeworfen, das Rad und den Anhänger mit NakNak* abrutschsicher in die Böschung gekeilt und gedacht wie scheiße das jetzt wär, so kurz vor oben abzukratzen. 

Prioritäten kann ich Notsituationen nämlich besonders gut.

Wir sind im Moment auf dem D 9 bzw. dem Weserradweg unterwegs. Hier fahren einige Leute lang und ein Pärchen hat uns getroffen und geholfen. 

Die nächste Station war ein sehr deutscher Campingplatz mit Vanilleduft aufm Klo und 0 Internet. Wir haben 10 Kilometer und eine potenziell lebensbedrohliche Situation geschafft. Immerhin.

Tag 8 begann besser. Die Erholung hat gut getan und wir starteten mit dem Tagesziel „Hameln“. Die Rattenfängerstadt. Wir wollten hier Touristensachen machen, aber der Campingplatz hat unser Budget für Touriquatsch gefressen. Total ärgerlich. Auch weil es ein schlechter Platz ist. 0 Internet, 0 Ruhe, Frustpotenzial 500. 

Meeh. 

Morgen fahren wir bis Höxter. 

Ach und wir waren heute in Rinteln. Fahrt da mal hin. Die Altstadt ist schön. Hat einige Fachwerkhäuser, die nach Zillionen Stunden harter Arbeit aussehen. Und verschiedene historische Stadtführungen. Und freies Stadtinternet. 

Ich hätt jetzt auch gerne freies Internet. 

Meeh meeh meeh 

Tag 7: es unwettert

Tag 7 ist heute. Donnerstag. Gestern war also in Wahrheit Tag 6 und hoffentlich verwirrt das niemanden.

Wir starteten in Stolzenau und es radelte sich so durch bis Petershagen. Die Wege sind gut bis sehr gut. Manchmal gleitet es sich wie auf geschmolzener Butter und das war großartig, denn es war auch butterschmelzeheiß wenn man nicht gerade Fahrtwind hatte.

Wir machten Pause mit den Füßen in der Weser und Minden schon fast in Sichtweite. 

Später sprach uns ein Mensch in blauem Hemd an und fragt, ob er uns was für den Weg schenken darf. In der Hand hielt er ein Körbchen mit einer Zucchini und einer Gurke. Wir dankten und dachten, wie gut es sich anfühlt körperlich und herzlich so aufgebaut zu sein.

In Minden gibt es Freifunk, aber keine gute Ecke sich alleine und ohne etwas kaufen zu müssen auszuruhen. Wir googelten nach einem Zeltplatz und fanden einen am Weserbogen. Irgendwo zwischen Bad Oeynhausen und Rinteln. 

Zum ersten Mal sahen wir das Kaiser Wilhelmdenkmal im alten Brokkoli-Wald nicht vom Zug aus. 

Die letzten Kilometer waren hart. Grob geschätzt hatten wir schon 55 Kilometer auf dem Rad mit dem Anhänger dran und dem Rucksack auf dem Rücken hinter uns, als wir auf eine kleine Fähre mussten, um zum Campingplatz zu kommen. 

Es ist die Aussicht auf ein Foto auf der Weser und einen Platz, an dem wir nicht von Vorbeikommenden mit Wanderfloskeln bestreuselt werden, die uns auf diese Fähre bringt. Dieses furchtbar laute Ding, das gleichzeitig wackelt und fest ist.

Am Platz angekommen, erfahren wir von dem Regen, der vielleicht auch ein Gewitter wird. Einmal mehr wird es nicht schlimm schon wieder einen bezahlten Schlafplatz gewählt zu haben. Es ist unser erstes Gewitter im Zelt.

Als es da ist, rauschen die Bäume und die 2.50€ die das Internet zusätzlich kostet erweisen sich als gute Investition gegen ein Durchbrechen von Kinderinnenpanik. Aufmerksames Sondieren der direkten Umgebung ist jetzt nicht mehr drin. 

Der Regen bleibt bis heute. Tag 7. Wir haben uns damit abgefunden vermutlich erst morgen Hameln zu erreichen. Dort wollen wir mal ein bisschen mehr gucken, was es so zu gucken gibt.

Jetzt sitzen wir im Zelt und warten bis der Regen durch ist. Dann bummeln wir weiter. Die Devise des Tages lautet auf „trocknen und eine Ecke für die Nacht finden“.

Tag 6: Lass dich tragen

Tag 4 beginnt mit Sprühregen, der auf unsere Regenhüllen fisselt. 

Es zeigt sich: mit warmen Füßen und 4bar auf jedem Reifen, fährt es sich wie auf Wolken. Wir sind schnell. Wir sind irgendwie auf und weich durch den runden Abschied von Gisela. Wir schwitzen wie Obst in Plastiktüten, schließlich haben wir uns mehrere davon eingewickelt. 

Wir fahren durch sehr schöne Wanderwegabschnitte in der Lüneburger Heide. Sind allein mit dem Wind, der bunten Landschaft, NakNak*, uns. Irgendwann ist der Sprühregen eine Art feuchter Windnebel und wir steigen vom Rad. Laufen. Schieben. Lassen Gedanken kommen und gehen. Gucken, Atmen, sind.

Als wir in Neuenkirchen ankommen rufen wir unseren Gastgeber für Tag 5 und 6 an. Wir sind nicht mehr weit, aber so richtig schaffen können wir das nicht mehr. Wir fahren so lange wir können. Dann holt er uns ab. 

Wir erzählen wie viele Menschen und deren Worte und Herz.enswärme uns durch diese Tour und die ganze letzte Zeit tragen. Er nickt und sagt, was uns alle vermitteln wollen, für die es okay ist mit uns zu sein: „Komm lass dich ein Stück tragen“

Und wir lassen los. Ein bisschen. Laufen selbst, doch lassen es zu es leichter zu haben. Eine Fertigkeit, die uns im Alltag sehr schwer fällt.

Wir kennen uns nicht. Und doch. Twitterkontakte eben. Eigentlich guckt man sich darüber doch jeden Tag mitten in die Gedanken.

Wir reden. Wir essen.

Wir spielen auf der Playstation und planen einen gemeinsamen Tag an der Aller. Denn da sind wir jetzt. Niedersachsen statt Hamburg. Bäm.

Es ist schön. Viel. Viel Neues. Schönes. Von mir aus könnte das nie zu Ende gehen. 

An Tag 6 springen wir ein Stück unserer Strecke mit dem Auto. Wir baden in Nienburg bis die Haare nach See riechen und landen in Stolzenau auf einem Campingplatz direkt an der Weser. 

Wir hören Kühe muhen, Autos über eine Brücke rauschen und Camper mit den Vögeln um die Wette schwatzen. Die Sonne scheint. Es geht ein Lüftchen umher und streichelt die salzknusprige Sommerhaut.

Alles ist schön. 

So schön.

Tag 3: Gisela vom Bodensee

Am zweiten Tag fahren wir aus Hamburg raus und zwischendurch ist es eine Flucht vor dem Großstadtvielviel. Vor dem Haus der Fotografie sehen wir unsere erste Möwe. Unsere kiloschwere Spiegelreflexkamera vermissen wir jedoch nur bis es die ersten Steigungen zu schaffen gilt.

Wir fahren bis Harburg. Suchen Internet. Finden keins. Haben Sorge, dass die Komoot-App all unser Mobilinternet aufisst, denn verstanden haben wir die App noch nicht.

Nach Harburg kommt erstmal nichts. Und Wald. Um kurz vor 10 fuhren wir los – gegen 18 Uhr und 44.8km später schlugen wir das Zelt in einem Blair Witch Forst auf. 

Halb 4 Uhr morgens schrie ein mutmaßlicher Dachs durchs Gebälk. Das war aufregend. 

Am dritten Tag starteten wir früh, weil es sich einfach besser in einen Wald kacken lässt, der noch menschenleer ist. „Stilles Örtchen“ geht hier draußen eben so. 

Wir schaffen heute nicht viel und versuchen uns nicht frusten zu lassen, wenn Google anzeigt: für die heutigen 33 km hätten wir auch 1 Stunde und 20 Minuten brauchen können. Und nicht die 8 Stunden mit Pausenunterbrechungen, die es dann tatsächlich waren. 

Aber wir finden freies WLAN und damit einen Zeltplatz. Fahren nochmal zehn Kilometer überwiegend bergauf auf stark beschädigten „Straßen“ und landen auf dem Platz „Regenbogen“.

Wo heute auch Gisela vom Bodensee in ihrem Auto schläft. Gisela hat tolle Haare und einen knallbunten Dialekt. Die Wörter, die sie sagt, flattern umher und verzieren unser Gespräch wie Streusel einen Kuchen. Gisela kennt jemanden in Kanada und gibt mir seine Adresse. 

Gisela geht mit uns Pommes und Salat essen, weil das das einzig Vegane auf der Karte des Platzrestaurants ist und sagt, ihr platzt das Messer in der Tasche auf, wenn sie so Paare sieht, wie das neben uns. Wo er für sie bestellt und nicht mal fragt, ob das okay ist. Gisela ist Ende 70 und ich finde schade, dass sie so weit weg wohnt.

Vorhin haben wir geduscht und es bildete sich eine braungraue Pfütze um die Füße herum. 

Wir sind glücklich. Morgen geht’s weiter.

Tag 1: alles ist aufregend

und gleichzeitig auch wieder nicht.

Wir bummeln heute los. Mit der Regionalbahn nach Hamburg mit zwei Mal umsteigen und Unterstützung von Bahnmitarbeiter_innen.
Dort startet morgen unsere Radtour bis nach Sohrschied (Hunsrück), wo wir am Podstockbarcampfestival teilnehmen.

Alles ist aufregend, deshalb bummeln wir extra noch einmal mehr.
Eile mit Weile, beeile dich langsam, die schnellsten Straßen muss man langsam beschreiten…

Mir ist gerade aufgefallen, dass wir keine Angst mehr vor dem Bahn fahren haben. Weil es nicht mehr so laut zuviel ist. Weil wir Unterstützung kriegen. Weil wir wissen was wir machen, wenn wir da sind. Weil wir alles was wir brauchen bei uns haben. NakNak*, Essen, Zelt, Schlafsack, Fahrrad und Anhänger…

Auch so ein Alltagswunder wie so ein kribbeliges Hibbelalles eben doch nicht immer gleich Angst ist, sondern nur Aufregung.

Trauma, Trigger, Volvo fahren

Neulich stand ich mit einer Freundin in einem Laden. Aus den Lautsprechern dudelte „This Love“ von den Maroon 5. Ein Song aus dem „Dragostei din tei-Sommer“. Dem Sommer, in dem wir 18 wurden und wussten, dass wir nie wieder einfach mal eben so in eine Psychiatrie abgeschoben werden konnten. Der Sommer, in dem wir zwischen neuen Betreuer_innen, Lebensperspektiven und erneutem Kontakt zu Menschen, die uns ausgenutzt haben, standen.

Für mich war er wieder da. Komplett mit den klebrigen Händen, dem zuckenden Augenlid und dem inneren Drive, den man hat, wenn man versucht sich dazu zu zwingen nichts zu essen, nichts zu verraten, nichts falsch zu machen – und trotzdem das Moment relativ greifbaren Schutzes und Schönen zu verinnerlichen.

Vor ein paar Jahren hätte ich nicht so darüber schreiben können wie heute. Mein Flashback – mein unkontrolliertes, spontanes Erinnern (Assoziieren) – hätte sogar aus dem „im Nachhinein darüber reden“ heraus mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit weitere spontane Erinnerungsprozesse katalysiert. Oder, wie man auch sagen kann, „getriggert“ oder „ausgelöst“ oder „angestoßen“ oder „angemacht“.
Mehr bedeutet „Trigger“ nicht. Nur: „Ding, das macht, dass was passiert“.

„Flashbacks“ werden oft auch als „Wiedererleben“ bezeichnet. Meistens werden sie auch unter „Erinnern“ bzw. „Assoziieren“ mitgemeint.

Erinnern ist normal. Flashbacks sind normal.
Einmal den Macarena anhören und zack: Flashback in den Sommer, als die halbe Welt den gleichen Tanz machte.
Für manche Menschen ist dieser Song ein Trigger in Erinnerungsprozesse an den Spaß daran – für andere an schwierige bis traumatische Erfahrungen in dem Sommer.

Heute hilft uns in Momenten wie neulich einfach nur auszudrücken oder mitzuteilen, dass wir uns erinnern.
Einfach nur so. Ohne groß weiter auf das einzugehen, woran genau oder sich dem sonst wie zu nähern. Alle Menschen um uns herum kennen Flashbacks – viele kennen nur das Wort dazu nicht. Sie nennen das manchmal auch „sich zurückversetzt fühlen“ oder wie gesagt: „erinnern“ und erwarten auch keine näheren Worte zu dem, was es in mir macht. Es hilft uns, wenn Menschen dann sagen: „Ah ja, kenne ich auch…“ ebenfalls ohne groß daran hängenzubleiben.

Uns ist das wichtig geworden. Denn der allgemeine Umgang mit dem Thema „Trauma“ und dem Umgang mit traumatisierten Menschen ist häufig geprägt von Furcht, (Über)Vorsicht und gerade bei Menschen, bei denen Erinnern in zwei Richtungen kompliziert ist, manchmal auch mit der Idee „alles (von früher) rauszukriegen“ bzw. dabei helfen zu wollen.
Wir brauchen unsere Art zu erinnern und gleichzeitig auch (noch) nicht erinnern zu können (und/oder als von sich selbst erlebt zu erinnern) normalisiert.

Einfach, weil wir erheblichen Schaden daran genommen haben, dass viele Betreuer_innen, Freund_innen und Verbündete unser Erinnern besonders gemacht haben. Zum einen hat uns „alles rauskriegen“ und „alles explizit aussprechen“ müssen/sollen immer wieder nur überflutet, überfordert und in der Folge immer tiefere Spaltungen verursacht und zum anderen, ist es selten eine Erinnerung selbst, die uns hilft etwas zu verstehen oder aufzulösen, sondern die Auseinandersetzung mit der Perspektive, die wir auf eine Erinnerung einnehmen können.

Wir leben mit einer dissoziativen Amnesie, die weite Teile von Kindheit und Jugend betreffen. Da sind Brocken und Krümel, aber keine zusammenhängenden Stränge. Keine spontanen und konkreten Antworten auf Wann, Wer, Warum, Wo…? möglich.
Das heißt übersetzt so viel wie: Das damals Erlebte ist nicht zusammenhängend abgespeichert worden. Warum auch immer.
Es gibt Modelle, die sagen, dass manche unaushaltbaren/schweren/schlimmen Dinge einfach zu schrecklich sind, um sie in ihrer Gänze in sich aufnehmen zu wollen (bzw. bewusst haben zu wollen) und es gibt das Modell um toxischen Stress, der es neurologisch unmöglich macht, die üblichen Reizverarbeitungs- und Re-Assoziationsvorgänge vorzunehmen.

Letzteres ist das Modell, an dem wir uns orientieren. Zum einen, weil wir uns bis heute nicht als jemanden erleben, di_er sich für oder gegen Wahrnehmung oder Bewusstsein entscheidet und zum anderen, weil wir insgesamt einfach nicht sehr viel mit tiefenpsychologischen und psychoanalytischen Modellen anfangen können.

Was ist toxischer Stress?
Der Stress, der macht, dass man weder lernen, noch denken, noch aufnehmen kann. Der Stress, den man erleben kann, wenn man in einer lebensbedrohlichen Situation ist oder glaubt, in einer solchen zu sein (ohne Hilfe in Aussicht zu haben oder zu erhalten/ohne sich selbst in Sicherheit bringen zu können).
Toxischer Stress ist also auch nicht gleich „Gewalt erfahren“. Dieses Stresslevel können auch Menschen haben, wenn sie Gewalt ausüben, Gewalt beobachten, Gewalt miterleben oder auch „nur“ glauben, gleich Gewalt zu erfahren/beobachten/miterleben oder auch selbst ausüben zu sollen/müssen/zu wollen (!).

Wenn Menschen mit diesem Level an Stress (egal, wodurch konkret ausgelöst) aufwachsen, passt sich ihre gesamte Biologie an diesen Umstand an.
Denn Stress ist ein Nervengift, ähnlich wie Alkohol. Mal hier und mal da ein moderates Klitzebisschen in guter Gesellschaft ist kein Problem – jeden Tag bis ins Blackout rein, hat erhebliche Schäden zur Folge. Und der Körper gewöhnt und passt sich daran an.

Wie Menschen, die regelmäßig viel trinken, bei kleinen Dosen nicht mehr betrunken werden, kann bei chronisch mit toxischem Stress konfrontierten Menschen die Empfindlichkeit für bestimmte Hormone und Neurotransmitter nachlassen, die üblicherweise Dinge rückmelden wie „körperliche Nähe/Sex wär mal wieder gut“, „Ich hab genug gegessen“ oder auch „Ich bin gerade nicht so gut versorgt“ und viele andere.
Doch nicht nur Hormone wirken dann anders. Auch die vielen kleinen und großen Helferlein, die für Reiz.Verarbeitungsprozesse gebraucht werden, werden nicht mehr in der Menge produziert und/oder auf den Weg gebracht und/oder aufgenommen.

Was für spätere Erinnerungsprozesse schwierig ist, aber auch gerade im Fall von Klein_Kindern bedeutet, dass beispielsweise auch das Hirn.Wachstum verlangsamt bis verunmöglicht wird. Es gibt Studien, die physische Löcher in Gehirnen von schwer misshandelten und vernachlässigten Kleinkindern mit diesen ausbleibenden Prozessen in Verbindung bringen.

Warum habe ich jetzt diese Stressschleife gemacht?
Weil Stress auch später, wenn die Gewalt vorbei ist, noch eine Rolle spielt. Der gute Stress (das „mittlere Erregungslevel“) wird gebraucht, um Verarbeitungsprozesse zu triggern – der auf das Erleben von toxischem Stress konditionierte Körper reagiert darauf aber manchmal nicht so, dass das auch wirklich passiert.

Und hier komme ich zu einem wirklich wichtigen Ding in der ganzen Trauma-Sache.
Es ist etwas anderes, ob man von Geburt an bis man erwachsen ist mit toxischem Stress zurechtkommen muss, oder ob man damit als Berufssoldat_in, als Polizist_in, als Rettungssanitäter_in oder während eines einmaligen Erlebnisses konfrontiert ist.

Es verändert nichts am Leiden darunter selbst.
Oder daran, wie ernst man das nehmen muss.
Oder wer wie viel Hilfe mehr oder weniger verdient hat.
Aber es verändert den Rahmen, innerhalb dessen die betreffenden Personen ganz real damit umgehen können.

Eine Person, die sich in ihrem Leben immer als selbstwirksam, umgeben von hilfreichen, freundlichen, liebevollen Menschen und in grundsätzlich guter Versorgung erleben konnte, entwickelt völlig andere Fähig- und Fertigkeiten, um mit toxischem Stress umzugehen, als eine Person, bei der das alles nicht oder nicht ausreichend vorlag.

Es braucht für viele schon in der Kindheit misshandelte Menschen lange Phasen der (Re-)Sensibilisierung für Üblichkeit im Vergleich zu Unüblichkeit.
Das haben wir vor ein paar Texten und in unserem Podcast zu Energieproblemen mit der Entdeckung der Langeweile gemeint. Wir haben (grob überschlagen) 4 Jahre voller Nichts bzw. Wenig mit Ausschlägen ins Viel(zu Viel) gebraucht, um überhaupt eine Idee davon zu entwickeln, wie sich „nicht gestresst/angespannt den Überfall/die Überforderung/die Überflutung vorhersehen wollend/überachtsam sein“ anfühlt.

Und erst jetzt in den letzten paar Jahren haben wir die Fertigkeiten, um uns selbst zur Entspannung und Beruhigung zu befähigen. Was nach wie vor nicht heißt, dass wir diese Fähigkeiten dann auch immer wirklich nutzen können, aber unsere Trefferquote hat einen klaren Aufwärtstrend.
Und das hilft beim Umgang mit Flashbacks jeder Art.
Denen, die kommen und wieder gehen und denen, die kommen und weitere unkontrollierte Prozesse anstoßen.

Wenn wir mit Menschen darüber sprechen, was eine posttraumatische Belastung.sstörung zu einer Belastung macht, dann fangen wir immer mit dem Fehlen von Kontrolle an.
Damit, wie das ist, wenn man sich erinnert, ohne sich das vorzunehmen, geschweige denn zu wollen. Wie das ist, wenn man urplötzlich an einer noch nicht verheilten Wunde berührt wird, ohne, dass man sich dieser Wunde als einer solchen bewusst ist oder weiß, welcher Umgang damit guttut oder schadet.

Denn das bedeutet der Begriff „Trauma“: „Wunde“ oder auch „Verletzung“.
Nicht mehr, nicht weniger.
„Trauma“ bedeutet nicht: „Krieg“ oder „sexueller Miss.ge.brauch“ oder „Vergewaltigung“ oder „Hassnachrichten übers Internet“ oder „Stalking“.
Ein Trauma ist niemals ein Ereignis oder ein Verb. Niemals. Unter keinen Umständen oder irgendwelchen perspektivischen Definitionsansätzen.

Krieg ist Krieg.
Krieg kann zu Traumatisierungen in und an den Menschen, die ihn üb.er(ge)lebt haben, verursachen.
Krieg ist deshalb aber immer noch kein Trauma. Krieg ist ein Ereignis. Ein unter Umständen auch traumatisierendes Ereignis.
Aber auch das ist es nicht in 100 % der Fälle.

Nur 50 % der Menschen, die Krieg erlebten, haben kurze Zeit später eine akute posttraumatische Belastungsreaktion auf dieses Ereignis oder entwickeln eine verzögerte Belastungsreaktion.
Die anderen 50 % zeigt diese Reaktion jedoch nicht.
Obwohl es in 100 % der Fälle ist ein sicherlich belastendes Lebensereignis, das die Menschen geprägt und verändert hat ist.

Es ist ein, meiner Ansicht nach, gefährlicher Fehlschluss, aus belastenden/prägenden Lebensereignissen
a) auf ein Trauma
b) mit tiefgreifenden Folgen wie zum Beispiel einer PTBS oder anderen Traumafolgediagnose
c) umfassende Hilfe- und/oder Rettungsbedarfe (also anhaltend globale Ohnmacht der betroffenen Person)
zu schließen.

Denn.
Das ganze Ding hat vier Achsen.
1. Die Subjektive
Die Wunde, das Trauma, das nur die Person, die damit lebt, überhaupt selbst spüren und definieren kann. Und niemand sonst. Auch nicht die Personen, die dabei waren. Oder die Personen, die ähnliches einmal erlebt haben. Oder die Personen, die Menschen mit ähnlichen Erfahrungen behandeln.

  1. Die sogenannt „Objektive“ (der Behandler_innen aus Psychiatrie, Medizin und Psychotherapie)
    Die Belastungsreaktion, die aus beobachteten Verhaltensweisen und interpretierten Schilderungen abgeleitet und mit einer Diagnose bewortet wird. Welche dann entsprechend behandelt wird.

  2. Die der Verbündeten/der Freund_innen/der Begleiter_innen
    Die Auswirkungen auf Alltag und soziale Beziehungen innerhalb der gemeinsamen Kontexte. Mit all dem, was diese Personen für richtig und wichtig halten.

  3. Die Strukturelle
    Die Ebenen der Gesellschaftsordnung, ihrer Bürokratien und Versorgungsmöglichkeiten. Die Rechtsprechung, die Politik, die gemeinsamen Werte.

Wenn man so wie wir das Thema „Trauma“ als Spezialthema im Leben hat, stößt man sich oft an bestimmten Art, wie es aufgenommen wird.
So ärgere ich mich sehr, wenn Menschen nur Soldat_innen oder Unfallopfern das Erleben posttraumatischer Belastungen zugestehen, weil sie zum Beispiel Aktivist_innen, die 24/7 gestalkt und beschimpft, gedemütigt und bedroht werden, keine Todesängste oder Lebensbedrohungsgefühle in der Situation zugestehen können.

Das verärgert mich, denn: Es ist niemals die Art eines Ereignisses selbst, die sich traumatisierend auswirkt.

Wenn Jonas noch nie irgendwas Schlimmes passiert ist – Jonas aber urplötzlich von einem Hund angesprungen und abgeleckt und gekratzt wird – und sich nicht wehren kann und glaubt, er würde jetzt sterben und er keine Hilfe kriegt – und ihm später noch von allen gesagt wird, da wär ja nix gewesen (ihm also auch kein Trost zuteil wird) – stehen die Chancen nicht schlecht, dass Jonas Verarbeitungsprobleme bekommt, die auch darin münden können, dass ihm aus diesem Ereignis eine offene Wunde bleibt.

Traumatisierungen entstehen durch mehrere Faktoren, die zwar ein paar Dinge immer gemeinsam haben (Todesangst, Hilflosigkeit, Ohnmachtsgefühle, keine Hilfe, kein Trost, keine Möglichkeit/Fähigkeit der Selbstwirksamkeit währenddessen und/oder danach) – aber eben doch nicht immer alles.

Zum Beispiel spielt die körperliche Bedrohung bzw. Versehrung nicht immer eine Rolle. Manchmal ist das Ereignis selbst auch gar nicht das verletzende Moment, sondern ein Konflikt um einen nicht erfüllten Auftrag und die daran geknüpften Erwartungen von sozialer Isolation oder gesellschaftlichem Statusverlust.
Deshalb wirken und arbeiten zum Beispiel Soldaten- und Rettungssanitäter*innentruppen immer wie eine Art Familie – man weiß wie viel leichter die Verarbeitung der selbst ausgeübten Gewalt bzw. der Anblick von schrecklichen Szenen fällt, wenn man offen sagen kann: „Das war echt schrecklich für mich“, ohne ausgeschlossen zu werden und allein damit bleiben zu müssen.

Ich ärgere mich aber auch, wenn von PTBS betroffene Menschen in allen anderen Menschen, die gerade durch schwierige Zeiten gehen oder eine ähnliche Erfahrung gemacht haben wie sie selbst, die gleiche Belastung/Störung/“Krankheit“ sehen bzw. „diagnostizieren“, mit der sie leben.
Eine Traumafolge.störung ist keine persönliche Eigenschaft und zeigt sich niemals in der traumatischen Situation selbst, sondern immer danach.
Deshalb heißt es „post (also: „nach“) traumatische Belastungsstörung“.
Ich wünsche mir da häufig etwas mehr Abgrenzung und Differenzierung – kann aber natürlich auch sehen, dass es den Menschen, die so etwas machen, manchmal auch darum geht, ein Bindungsmoment auszudrücken. Also zu sagen: „Ich finde etwas von meinen Erfahrungen und mir selbst, in der Person und ihrem Umgang mit schwierigen Dingen.“
Warum man das dann nicht gleich sagt, entzieht sich meinem Verständnis.

Auch problematisch finde ich, wenn ich Angehörige oder Verbündete von traumatisierten Menschen sehe, die übergriffig und ohne Sachkunde „helfen“ (wollen) und nicht reflektieren (können/wollen), dass sie mit reinstem Gewissen echte Gewalt ausüben.
Hier geht es immer wieder um die Grundannahme, dass die traumatisierte Person  immer und in ausnahmslos allem hilflos, ohnmächtig ausgeliefert ist und jemanden/etwas außerhalb von sich braucht, um klarzukommen.

Vielleicht ist das eine kontroverse Äußerung jetzt aber: In den meisten Fällen ist diese Annahme der totale Bullshit.
Ja – viele Personen, die mit PTBS und anderen Traumafolgediagnosen leben, erleben sich auch bestimmten Symptomen gegenüber erst einmal hilflos und haben das Gefühl, das würde nie wieder aufhören und es gäbe da keine Hoffnung und ach, überhaupt ist doch so oft alles wie damals als sie wirklich gar nichts tun konnten und ihr Leben bedroht war.
Aber: Was gibt es alles neben diesem Empfinden?

Meiner Ansicht nach müssen sich Verbündete und Angehörige sehr klarmachen, dass genau sie immer neben diesem Empfinden stehen müssen. DANEBEN – nicht mittendrin!

Eine der Anpassungen an das Leben in chronisch toxischem Stress kann sein, die Überforderung immer und überall zu erwarten. Das heißt immer eher davon auszugehen in einer Pfütze zu ertrinken, als nasse Füße zu kriegen.
Wenn eine Person aber nicht mehr in Kontexten lebt, in denen diese Erwartungen lebensrettend sind, dann wird es Zeit zu schauen, welche anderen Erwartungen sich wahrscheinlicher erfüllen werden.

Um beim Pfützenbeispiel zu bleiben, kann es sein, dass eine Person bei Regen nicht rausgeht, oder unkontrollierbare Panikattacken hat, wenn es regnet oder sie an einer Pfütze vorbeigehen muss. Eine verbündete Person tut dann gut daran, weder die Person über die Pfütze zu tragen, noch über die Erfahrungen der Person mit zum Beispiel Beinahertrinken zu reden, noch sich selbst in die Pfütze zu schmeißen, um dessen Harmlosigkeit zu beweisen.

Wir haben so etwas nie als hilfreich erlebt. Im Gegenteil.
Uns über eine Pfütze zu tragen, bedeutet uns abzuerkennen, dass wir das selbst schaffen könnten (wenn wir es wollten). Im Moment des getriggerten Erinnerungs- und Reaktionsprozesses über die unverarbeitete Erfahrung dahinter zu sprechen hilft nicht, diese als vergangen einzuordnen (dazu komme ich gleich nochmal).

Und Verbündete, die sich selbst zum Maßstab der „wirklichen“ oder „echten“ oder „eigentlichen“ Realitäten machen, sind keine Verbündeten, sondern eine Gefahrenquelle. Denn da wirkt etwas, das sich um etwas in der verbündeten Person dreht – und nicht um die Situation oder den Wunsch jemandem zu helfen, um der Person selbst Willen, sondern für sich selbst.
So etwas ist gefährlich.

Wenn:
– dir jemand nur hilft, weil si_er es nicht ertragen kann, dass es dir schlecht geht oder du bestimmte Erfahrungen gemacht hast
– dir jemand nur hilft, wenn du bestimmte Verhaltensauflagen, die dir (zu) viel Kraft abverlangen und/oder nicht einmal dir selbst (auch) nutzen, einhältst
– jemand nur dann für dich da ist, wenn du hinterher in irgendeiner Form eine Dankbarkeit zeigst
– jemand von dir hören will, dass nur diese Person dir wirklich richtig und eigentlich als einzige richtig gut hilft
– dir jemand deine eigene Wahrnehmung von Dingen als krank, verzerrt oder grundlegend immer und bezüglich allem als falsch beschreibt

dann: Abstand einnehmen! Auch, wenn es sich bei dieser Person um eine Autoritätsperson handelt!

Wenn man mit Belastungen lebt, die bestimmte Situationen macht, in denen man sich (immer wieder) extrem hilflos fühlt (weil man eine frühere extreme Hilflosigkeit wiedererlebt), dann ist es total verführerisch, sich auf Personen einzulassen, die sicher, ruhig, furchtlos und mächtig wirken.
Aber es sind nicht die Personen, die dich davor schützen, jemals wieder an Schlimmes zu erinnern oder es wiederzuerleben, die die „guten Verbündeten“ sind. Das mag sich so anfühlen – doch jede Schonraumfalle fühlt sich gut an, bedeutet aber, dass man sie nie verlassen kann, ohne sich schlecht zu fühlen. Das macht unfrei und hat nicht unerhebliches Potenzial zu traumatisieren.

Die Guten sind jene, die dich vor einer solchen Situation fragen, was dir helfen könnte, dich in einer Situation des Wiedererlebens daran zu erinnern, dass das früher Geschehene vorbei ist und du heute, hier und jetzt, Möglichkeiten hast, die du früher in der erinnerten Situation nicht hattest. Es sind die, die sich für deine neuen Erfahrungen und veränderten Erwartungen interessieren.

Die guten Verbündeten haben so viel Abstand zu dir, dass ihre Fähig- und Fertigkeiten kein Ersatz für deine Unfähig- und Fertigkeiten sind – stehen aber so nah, dass sie hören, was du als Ersatz gebrauchen könntest (und dir helfen, diesen Ersatz zu entwickeln oder aufzutreiben).
Die guten Verbündeten wissen nicht alles – sind aber bereit, mit dir zusammen zu lernen und zu erkunden.

Die guten Verbündeten nehmen dich grundsätzlich als Person mit eigenem Kosmos, der okay ist, wie er ist, an.
Gibt es diese Grundannahme nicht, passieren Fehler.

Als ein gerade gegenüber Menschen mit retrograder bzw. dissoziativer Amnesie passierender Fehler-Klassiker ist beispielsweise die „Du musst dich an alles genau erinnern“-Katharsis-Idee nach wie vor weitverbreitet und führt immer wieder zu unnötigem Leiden.
Wir haben selbst lange daran geglaubt und uns darüber mehrfach fast zu Grunde gerichtet, weil wir nach Außen entsprechen wollten und durch den Anspruch an sich geglaubt haben, es sei uns „in Wahrheit“ möglich uns zu erinnern. Wir müssten uns nur anstrengen, müssten nur ehrlich sein, müssten nur aufrichtig sein, müssten nur stärker sein, um mit den Gefühlen umgehen zu können.

Die Amnesie, mit der wir leben, funktioniert aber nicht so, dass wir sie bewusst spüren. Wir wissen nicht, was wir nicht erinnern. Entsprechend haben wir keinen konkreten Raum, innerhalb dessen wir uns überlegen können, ob wir uns jetzt erinnern wollen oder nicht.
Was wir entscheiden können, ist, ob wir die Auseinandersetzung vermeiden oder nicht.
Das ist etwas anderes und hat mit der Amnesie an sich erst einmal wenig zu tun.

Das Vermeiden der Auseinandersetzung mit traumatischen Erfahrungen ist eine typische Reaktion von traumatisierten Menschen.
Eine total schlaue Reaktion ist das, weshalb sie sich in der menschlichen Evolution auch schon fantastillionen mal bewährt hat. Es ist einfach schlau, Dinge zu meiden, die wehtun oder potenziell lebensbedrohlich sind. Es gäbe weniger Menschen, gäbe es dieses Muster nicht.

Viele Menschen, die ein posttraumatisches Reiz- und entsprechend auch Stressverarbeitungsproblem haben, meiden bestimmte Dinge oder Umstände, weil sie sie in unkontrollierte Erinnerungsprozesse bringen könnten, ohne, dass sie diesen Vorgang beeinflussen können.
Wir haben das sehr lange als „Ich vermeide Trigger“ bezeichnet, wissen heute aber, dass das eigentlich falsch gesagt ist. Denn Trigger kann man nicht vermeiden.

Leben triggert. Alles triggert alles.

Es ist nie nur ein bestimmtes Symbol oder eine bestimmte Aussage, die ein Erinnern bei uns auslöst und uns schwierige Dinge wiedererleben lässt. Erinnern ist ein multifaktorieller Prozess.
In entspannter Grundstimmung sind wir viel weniger leicht in unkontrollierte Prozesse zu triggern, als in der ängstlichen Grundhaltung jetzt gleich sofort könnte uns ein Trigger von der Seite anspringen. Wenn wir etwas tun, von dem wir genau und sicher wissen wann, wie, wo und wofür wir etwas tun, sind wir auch nicht so einfach darüber zu verwirren, ob wir gerade so viel können, wie damals als…, oder so viel wie heute als Person im Alter von…, mit Auftrag X zum Zweck Y, aufgrund der Fähigkeit …

Sind wir ängstlich, verwirrt, auf vielen Ebenen irgendwie zu irgendwas gezwungen oder verpflichtet, können/dürfen/sollen wir die Situation nicht aktiv mit.bestimmen, weil irgendeine evtl. schwierige Konsequenz droht oder drohen könnte, stehen wir schon mit anderthalb Beinen im Flashback und kein Triggervermeidungsversuch der Welt kann da irgendwas verhindern.

Wir fordern die Menschen, die mit uns zu tun haben, immer wieder dazu auf, einfach ganz normal/üblich mit uns umzugehen, weil es uns Angst macht, wenn die Menschen um uns herum Angst haben. Auch Angst davor, uns aus Versehen einem Trigger auszusetzen oder etwas zu tun, das uns traurig macht oder ängstlich oder was auch immer.

Es ist das Schlimmste für uns, wenn außenstehende Menschen Angst vor unseren Traumafolgeproblemen haben. Denn das bedeutet, dass wir nicht mehr nur für uns die Verantwortung für den Umgang damit tragen müssen, sondern auch für sie. Und das bedeutet für uns: Menschen meiden (um sie davor zu schützen) oder ihnen gegenüber verschweigen, dass wir damit leben (was nicht geht, denn wir sind viele und das wirkt sich früher oder später einfach immer irgendwie aus).

Viele Menschen glauben, dass sich traumatisierte Menschen einigeln und isolieren, weil sie sich schuldig fühlen, dass ihnen passiert ist, was ihnen passiert ist.
Für manche viele Menschen kann das stimmen.
Wir haben uns nie deshalb isoliert.
Wir haben uns isoliert, weil viele Menschen in unserer Umgebung Angst vor dem hatten, was uns passiert ist und aus dieser Angst heraus die wildesten, manchmal auch gewaltvolle, Ideen dazu hatten (und umgesetzt haben), uns davon zu „befreien“ oder zu „heilen“.

Das war unter anderem der erwähnte „Du musst dich an alles erinnern und aussprechen“-Fail.
An der Stelle vermischten sich die Idee, dass wir als Viele nicht normal und auch üblich sind, wie wir sind und die eigenen angstauslösenden Schlüsse über die Wirk.Mächtigkeit dessen, was uns passiert ist. Die Person sah uns als kaputt und krank und dachte, unser Vermeidungsverhalten fuße auf Schweigegeboten und dem Verbot sich zu erinnern, damit wir keine Strafanzeige erstatten.

Zu keinem Zeitpunkt hat uns die Person mal gefragt, ob wir überhaupt eine Strafanzeige stellen wollten (überhaupt, was wir wollten) oder sich damit befasst, wie Viele sein überhaupt entsteht oder sich darüber informiert, wie sich Traumafolge.störungen überhaupt entwickeln. In ihrer Vorstellung funktionierte ein Trauma wie eine Infektion mit etwas, das man mit Konfrontation allein bekämpfen kann. Also quasi wie ein Gegensatzpaar, das sich gegenseitig ausgleicht und dadurch alles normalisiert.
Wir schwiegen und litten eher passiv-reaktiv vor uns hin – also mussten wir ihrer Ansicht nach reden und aktiv ins Kämpfen/Angreifen kommen.

Das endete darin, dass wir Angst davor bekamen, in ihrer Anwesenheit zu erinnern, weil die Person aus jedem von ihr miterlebtem Flashback eine stundenlange Aktion der Konfrontation und Aussprache machte, bei der in uns immer mehr und mehr völlig desorientierte Innens angestoßen wurden, die ihrerseits keine Chance bekamen zu sehen, dass „ihre Zeit“ schon längst vorbei war und die Gewalt, die uns da gerade passierte, eine völlig andere war.

Die Person hat uns am Ende, glaube ich, nicht mehr als „Hannah, die schwierige Erfahrungen gemacht hat“ gesehen, sondern als „wegzumachende, schwierige Erfahrung, die Hannah als gemacht nicht akzeptieren will, weshalb sie sie vermeidet, weshalb man sie ihr 24/7 sagen und verlangen muss, dass sie sie ausspricht, damit sie sie endlich akzeptiert und loslässt“.

Needless to say, dass wir ziemlich gelitten haben, oder?
Im Rückblick hatten wir damals aber noch Glück. Es war nur eine „Freundin“ und kein_e Behandler_in. Auf der Suche, die dann bei unserer jetzigen Therapeutin endete, hatten wir ein Vorgespräch bei einer Psychoanalytikerin, die diese invasive Konfrontation als Therapie an uns verbrochen hätte, hätten wir nicht schon gewusst, dass uns diese Form der Auseinandersetzung nur schadet.

Aber wie ist das denn nun mit dem Erinnern und Vergessen und Verdrängen und Trauma und Amnesie und Verarbeiten?
Wie kommt es, dass wir uns heute kaum an die Kindheit erinnern, aber trotzdem sagen können, dass wir schwere Gewalterfahrungen gemacht haben?
Wie kann es sein, dass wir von Erinnerungen gequält werden, aber gleichzeitig eigentlich gar keine haben?
Und: Sind Erfahrungen überhaupt eigentlich wirklich „vergessbar“?

In diesem Blog haben wir schon viele Bilder für diese Fragen gefunden, deshalb denke ich mir kein neues mehr aus und bleibe bei einem Klassiker:
Alltägliche Erfahrungen zu machen, ist üblicherweise wie eine Überlandfahrt in einem geräumigen Volvo.
Es passen viele Schnick-Schnack-Informationen in den Kofferraum hinein, man hat die Ruhe und Gelassenheit mal aus dem Fenster zu sehen und Ähnlichkeiten festzustellen. Man kann Freund_innen und Bekannten davon erzählen, weil man ein Fotoalbum anlegen konnte, auf das man auch später immer wieder zurückgreifen kann.

Eine traumatische Erfahrung ist eine Überschallreise in einer winzig kleinen Schutzkapsel.
Es passt nur der eigene Körper (das eigene Ich) hinein und man ist froh, dass man lebendig wieder herauskommt. Man hat eine Zilliarde Informationsschnipsel, die man ungeordnet und zusammenhanglos in eine Rumpelkammer schaufelt, weil man selbst nicht mehr weiß, was jeweils wozu gehört. Es ist ein so extremes Ereignis, dass man davon ausgehen muss: Niemand wird verstehen, was ich davon erzähle. Oder auch selbst weiß: „Würde mir jemand so schreckliches/krasses und/oder unzusammenhängendes Zeug erzählen, ich würde ihn für bekloppt halten/nicht gut verstehen/nicht zuhören wollen.“

In unserem Fall kommt dazu, dass wir die Informationsschnipsel, die uns manchmal aus der „Rumpelkammer“ vor die Füße rutschen, meistens nicht einmal mit uns jeweils in Verbindung bringen, sondern mit jemand anderem. Zum Beispiel einem anderen Innen. Oder einer völlig außenstehenden Person. Oder einem Film, den wir denken gesehen zu haben. Oder einem abgefahrenen Traum.

Erinnerungen sind immer das, was ein Gehirn aus Reizrohmaterial und vorhandenen (bereits verarbeiteten und eingeordneten) Reizinformationen macht.
Das ist der Grund, weshalb 50 Leute das gleiche Ereignis auf 50 verschiedene Arten beschreiben.
50 Perspektiven, 50 Er_Lebenshintergründe, 50 verschiedene Reizverarbeitungsbefähigungen, 50 verschiedene Erinnerungen.

Schon allein deshalb lehnen wir es ab von Erinnerungen auf Wahrheiten zu schließen und sehen an der Stelle auch das Gerangel zwischen False Memory-Anhänger_innen und Traumatherapeut_innen und Justiz kritisch.

Wir sehen unsere Erinnerungen als Hinweis auf unsere Perspektive auf ein Ereignis, bei dem wir dabei waren.
Nicht mehr und nicht weniger.
Für uns ist nicht relevant, was damals „wirklich“ passiert ist. Als Handlung bzw. als äußeres Geschehen – relevant ist, wie wir das üb.er(ge)lebt haben, denn das ist, womit wir heute leben und worauf die heutigen Erfahrungen immer wieder auftreffen.
Denn die Rumpelkammer bzw. das Fotoalbum in dem Bild ist das Gedächtnis.

Das Gedächtnis spielt nicht nur eine Rolle, um sich aktiv an Dinge zu erinnern – es ist auch von zentraler Bedeutung neue Dinge einzuordnen und sich selbst zu verorten und in Kontexte zu setzen. Hat man ein hübsch sortiertes Fotoalbum des eigenen Lebens, braucht es ein zwei Schritte und man weiß, wer man ist, was man kann, welche Erwartungen lebensrettend sind und welche eher unwahrscheinlich eintretend. Man hat ein relativ kongruentes Bild von sich in Bezug auf die eigene Um- und Mitwelt.

Hat man eine wilde Mischung aus Fragmenten in eine Rumpelkammer gestopft, sieht die Lage ganz anders aus. Da wird geraten, grob und schnell entschieden/“eingeordnet“ und aufgepasst, dass einem da nicht alles auf einmal wieder rauspurzelt (denn das wäre der Flashback, den man unbedingt vermeiden will).

Man denkt immer, man könne das eigene Gedächtnis gezielt und alleinig benutzen, weil man gemeinhin annimmt, Erinnerungen wären immer nur die Dinge, die man beworten kann. Also die man beschreiben und erzählen kann.
Tatsächlich greift man aber schon dann auf das Gedächtnis zu, wenn man aufwacht und guckt, wo man ist. Wenn man ein Plakat anguckt und weiß: Das ist ein Plakat. Wenn man aufs Klo geht und sich die Hosen runterzieht. Wenn man Hunger hat und zu einem Lebensmittel statt einem Backstein greift.

Spätestens jetzt sollte jede_r verstanden haben, was ich meine, wenn ich schreibe: Leben triggert
Trigger sind in 100 % der Lebensfälle wichtig und richtig und gut für uns, denn sonst wären wir tot.

Die Erinnerungen, die wir beworten können aber, sind uns gerahmter und bewusster als die, die wir jeden Tag on the daily turn vornehmen. Das hat mit der Gewohnheit zu tun, aber auch damit, dass die Assoziationswege viel kürzer sind. Gegenstände und ihre Namen haben einen Weg – Erfahrungen, die mit körperlichen Empfindungen, emotionalen Vorgängen, sozialen Beziehungsgeflechten und eventuell einem extrem ungewöhnlichen Charakter zu tun haben, nehmen viele Wege ein.

Wir können das an der Struktur, die wir für Lautsprache entwickelt haben, auch ganz gut ablesen.
Wir haben uns das Sprechen in Clusterstrukturen beigebracht – also bewussten Assoziationsketten (aktiv gesammelter und eingeprägter Wörter im Zusammenhang sozialer Interaktion).
So steht das Wort „Baum“ im Raum „Natur“ der im Raum „draußen“ passiert.
Im Raum „Baum“ stehen „Borke“, „Laub“, die verschiedenen Namen von Bäumen, jeweils umgeben von den Worten, die man benutzt, um ihre Merkmale zu beschreiben und und und…
Angebunden an den Raum „Baum“ ist der Raum zu Wörtern, um eigene Empfindungen im Kontext des Baumes auszudrücken.
Dieser Raum ist einer, auf den wir auch von anderen Worträumen aus zugreifen können. Denn das Empfinden eines Baumes oder die Reaktion auf einen Baum ist zwar besonders – Empfinden und Reagieren an sich ist aber etwas, das in Bezug auf andere Dinge oft ähnlich ist. Wir können beeindruckt von einem Baum sein, aber auch von einem Bäumchen oder einem Ast oder einem Wasserfall oder einem Gefühl oder einem Gedanken.

Das macht den Raum „Empfindungen“ zu etwas das uns ganz nah ist und nicht viele Schritte braucht – den Raum „draußen“ hingegen aber zu etwas, das wir nur kontextabhängig mal brauchen und entsprechend auch immer erst einmal finden müssen (weil wir immer erst vom klitzekleinen ins Kleine ins Mittlere ins Gesamtbild gehen).

Im Fall von alltäglichen Erinnerungen gibt es so viele kleine Dinge, die den meisten Menschen nicht bewortet werden, weil sie so üblich sind.
Erinnerungen an krasse überfordernde fragmentarisch aufgenommene Erfahrungen können oft nicht bewortet werden, weil erst durch die Verknüpfung mit alltäglicheren Erfahrungen ein Zugang zu Worten und damit ein gezielt ansteuerbarer Weg entsteht.
Da spielt auch mit hinein, dass Lautsprache evolutionär betrachtet noch neumodischer Schnickschnack ist und sich in einer Hirnregion befindet, die nicht so fix bedient wird, wie jene, die es schon länger gibt.

Ein Punkt übrigens weshalb Sprechen für alle Menschen in gewisser Weise auch anstrengend ist. Es ist ein energieaufwendiges Ding dieses Gehirnstück. Und Sprechen an sich ist auch eine motorisch recht lernintensive Sache – es hat schon einen Grund, weshalb Menschen von Geburt bis in die Kindheit dafür so ihre Zeit brauchen.
Gibt man dieser Anstrengung noch die Schwierigkeit hinzu, traumafolgebedingte Aspekte (und die eigenen Reaktionen darauf) kompensieren zu müssen, kommt man auf eine krasse Energiebedarfsbilanz.
Just for the record.

Wir erleben unsere Erinnerungsprobleme manchmal wie das Spiel „das verrückte Labyrinth“.
Jedes Innen hat eigene Zugriffe und Ordnungen in der von uns allen genutzten Rumpelkammer und bringt jeweils eigene Erfahrungsschnipsel mit ein. Dadurch verändert sich immer wieder das ganze Bild und auch die jeweils möglichen Zugänge zu mehr Informationen.

Das bedeutet, dass auf unsere Schnipselsammlung bis heute noch keine geordnete Sammlung trifft, sondern immer wieder nur mal hier ein Schnipsel und mal da einer.

Wir funktionieren nach wie vor so, als würde jeder Moment des Lebens wie die lebensgefährliche Fahrt in der Überschallkapsel passieren.
Denn so sind wir aufgewachsen. Unsere Reaktion auf die Anforderungen des Lebens war es, viele kleine Ichs in eine Kapsel zu setzen und auf dem Weg wenn (überlebens)nötig welche rauszuschmeißen.
Einen Volvo zur gemütlichen Überlandfahrt hatten wir nur ganz selten zur Verfügung. So selten, dass wir uns mit seiner Benutzung noch gar nicht so gut auskennen. Deshalb gehen wir heute nochmal zur Fahrschule. Quasi.

„Fahrschule“ meint an der Stelle die Therapie.
Wir holen in der Therapie keine verdrängten Erinnerungen hervor. Wir versuchen uns Innens alle an einen Tisch (auf ein gemeinsames Stresslevel) zu kriegen, um zu schauen, wer welchen Überschallflug wann durchgemacht hat, um eine Idee zu bekommen, welche Schnipsel wozu gehören.
Um dann eine gemeinsame Erinnerung als solche erfahrbar zu machen. Und als gemeinsam selbst gemacht zu begreifen. Und als beendet und vergangen zu begreifen. Und an einen Platz in der Rumpelkammer zu stellen, wo man sie sicher und stabil gelagert erreichen kann, ohne ständig irgendetwas anderes umzuschmeißen.

Es geht also nicht um eine Tiefenwanderung zur Ergründung von Wahrheiten aus den Tiefen der Seele.
Es geht uns darum, überhaupt erst mal richtig zu schnallen, was da los war, welche Innens beteiligt waren und was ihre Perspektive für unser Leben heute bedeutet.

„Verdrängung“ ist so ein Begriff aus der „Tiefenwanderungsszene“. Wir haben nie irgendwas verdrängt, um uns nicht zu erinnern.

Um uns nicht zu erinnern, haben wir nie irgendwas gemacht. Wir konnten nie mehr machen als schlicht zu überleben bzw. dem Impuls folgen alles Mögliche zu tun, um das eigene Leben zu retten bzw. nicht zu gefährden. Dazu gehört damals wie heute auch Vermeidungsverhalten.
Wir haben da den Begriff des „Vermeidungstanzes“ für bestimmte Schlängeleien, wenn wir Angst davor haben, die Kontrolle zu verlieren oder an etwas zu rühren, das möglicherweise sehr weh tut, ohne, dass wir uns selbst dann helfen können.

Wir haben da aber auch das Bewusstsein um Momente, in denen es nur Vermeidungsverhalten ist, was uns davor bewahrt im Alltag an Funktionalität zu verlieren.
Weshalb wir durchaus verstehen, wie es heute nun dazu kommt, dass der Traumabegriff so oft verwässernd benutzt wird.

Würde man sich umfassend damit auseinandersetzen, was Traumatisierungen (über lange (Entwicklungs)Zeiträume hinweg) bedeuten und auch, was es bedeutet, wenn Menschen genau das eben nicht tun, könnte man zu der Erkenntnis und darüber vielleicht sogar an einen emotionalen Einblick dahin kommen, wie tatsächlich (posttraumatisch) belastend es ist, eine (komplex) traumatisierte Person zu sein.

Und das muss man erstmal aushalten können.
Und wollen.

Rechte haben

“Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.”.
Das war ein Satz, den ich Anfang der 2000er auf einer Demo aufgeschnappt hatte. Artikel 3 der allgemeinen Menschenrechtserklärung.
Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt und begann mit “politischen Leuten” abzuhängen. Sozialistischen Leuten. Klar. Alle anderen waren Nazis oder nahe dran Nazis zu sein. Wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und in Ostdeutschland lebt, liegt es nahe die politische Landschaft so zu sehen.

Meine Leute hatten Namen wie “Schraube” oder “Henne”, trugen das letzte Hemd und standen am Wochenende lange in der von Touristen durchflossenen Innenstadt um Unterschriften gegen Globalisierung und Kapitalismus zu sammeln. Meine Leute waren transparent und konsistent. Sie haben mir nie irgendeine Falle gestellt, mich gedemütigt oder mir Fragen unbeantwortet gelassen.
Dass die allgemeinen Menschenrechte auch etwas mit meiner Lebensrealität zu tun haben, wurde mir durch unseren Kontakt jedoch nicht zugänglich.

Wir arbeiten bis heute daran uns als Mensch anzunehmen und einzuordnen.
Das ist der Schritt, den man getan haben muss, um die Menschenrechte mit sich in Verbindung zu bringen und der Schritt, der in unserem Fall ein großer ist.
Was für manche Menschen vielleicht schwer zu verstehen ist.

Wir haben kein Bild von uns als Tier oder Alien oder haben die Idee, dass wir ein göttliches Wesen sind. Wir sind nur nicht so selbstverständlich wie die Mehrheit in dem Bewusstsein ein Mensch unter Menschen zu sein.
Wir sind nicht einmal selbstverständlich damit von Menschen umgeben zu sein. Oder Teil einer Gemeinschaft zu sein, die mehr als eine Funktion hat bzw. vertritt.

Das ist eine Traumafolgestörung und unser Strickmuster.

Es ist schwierig diesen Text zu beginnen, denn es gibt viele mögliche Anfänge.
Ich beginne deshalb mit dem Satzteil, der uns am Besten ausdrückt, was wir da erleben: “aus der Welt gefallen sein”

Diesen Satzteil habe ich aus einem Bericht einer traumatisierten Person über sich und ihr Gefühl der Abtrennung nach einer schweren Gewalterfahrung und fand seitdem immer wieder ähnliche Formulierungen.
Viele Menschen, die nicht wie wir von Anfang an mit Gewalt auf.gezogen wurden, erlebten Gewalterfahrungen als etwas Außeralltägliches. Als etwas, das aus ihrem Leben heraussticht oder hineingreift. Eine Kluft auftut oder eine Mauer aufschichtet. Für viele passiert da eine ganz klare Grenze zwischen Vorher und Nachher. Zwischen Gut und Böse. Opfer und Täter_in. Zwischen Trauma und Normal.

Die Welt, von der sie sich getrennt erleben, ist die der Selbstverständlichkeit von Leben, Freiheit und Sicherheit der eigenen Person.
Denn das ist, was Gewalterfahrungen nehmen. Das Gefühl selbstverständlich heil zu sein, teilzuhaben, mit.einander zu sein.
Für manche Menschen sind es erst Gewalterfahrungen, die Gefühle von Demut für das eigene am Leben sein anstoßen.

Und wir?
Wir sind an dem Punkt, an dem wir sehen, dass es das für uns nie gab. Das Selbstverständnis von Ganzheit,  heil sein, sich ganz und gar mit Äußerem verbunden zu fühlen.
Als Jugendliche_r hat uns angetrieben wissen zu wollen, wie Leben ist, denn es hat uns fasziniert, dass zu leben ein relativer Zustand ist.
Das ist, was Depressionen und dissoziative Zustände geben können. Die Erkenntnis, dass man auch im Leben tot sein kann. Dumpf. Leer. Taub. Nichts.

Für uns ist es bis heute nicht normal, morgens in einem Bett aufzuwachen und zu wissen, dass wir uns grundversorgen können, ohne dabei beobachtet und kontrolliert zu sein. Es ist für uns nicht normal zu wissen, dass wir leben und Dinge tun können, wenn wir das wollen (und können).
Wir haben kein “vor dem Trauma” im Leben und auf eine gewisse Art trennt uns das von viel mehr als nur einem Normal, das keine Gewalt an uns enthält.

Es gibt so etwas wie ein allgemein gültiges Universalwissen in Gesellschaften. Soziale Konsense. Mehr der weniger klare Antworten auf Elementarfragen und –probleme. Dinge, auf die sich die meisten der Menschen einigen können – selbst dann, wenn sie sie nicht aussprechen.
Die meisten Menschen wissen einfach, dass sie leben. Dass sie Schutz brauchen. Dass sie Versorgung brauchen. Dass sie Nähe und Wärme brauchen. Für die meisten Menschen sind die eigenen Bedürfnisse keine Definitionsfrage, wie sie das für uns sind.

Wir finden uns immer wieder in Fragen und Zweifeln. In Unsicherheiten über die Räume und Zeiten, in denen wir uns bewegen. Sind froh, wenn wir einen Konsens für uns allein, in und für irgendeinem Zeit_Raum er.schaffen können.
Manchmal ist es leicht sich aus diesen Zweifeln zu lösen. Zum Beispiel, wenn sich diese durch alte Gewaltwahrheiten entwickeln.
Manchmal funktioniert es aber auch nicht. Zum Beispiel, wenn uns die Welt infrage steht, weil ein Essen komisch guckt oder wir uns mal wieder inmitten eines schwarzen Lochs zwischenmenschlicher Kommunikation befinden.

Für die meisten Menschen, die wir kennen ist Menschlichkeit etwas, das sich aus einem inneren Kern durch Handeln nach Außen zeigt. Als Barmherzigkeit, Wohltätigkeit – allgemeiner: eine Versorgung und Zuwendung, die lebenserhaltend oder –nährend wirkt. Manchmal geht es aber auch um Faulheit, Opportunismus und Rücksichtslosigkeit.
Für uns ist Menschlichkeit ein Status, den wir erst durch dieses Handeln erreichen können. Wir erleben keinen urmenschlichen Kern in uns.

Menschlichkeit ist für uns also mehr Ziel als Basis.
Und das ist eine der Klüfte im Ist und Passieren, die wir spüren.

Seit der Auseinandersetzung mit Autismus und dem differenzialdiagnostischen Abfuck, der mit daran hängt, fragen wir uns, welchen Ursprung das Gefühl des ewigen Andersseins denn “eigentlich wirklich” hat und erleben eine immer wieder aufwallende Verzweiflung darüber, dass wir keine Antwort in uns selbst dazu finden können.
Denn mit Autismus wird man geboren und mit genau diesem Zeitpunkt hat vermutlich auch schon das begonnen, woraus sich die Traumata entwickelten, die wir heute aufzulösen und zu verarbeiten versuchen.

Wir haben keine Sicherheit und Konsistenz über uns selbst. Wie sollen wir sie in Verbindung mit Äußerem haben?
Woraus soll sich so das Wissen oder die Überzeugung entwickeln, verbunden und mitgemeint zu sein, wenn es zum Beispiel um so etwas wie die Menschenrechte geht?

Weiter geführt zu dem Komplex um Wiedergutmachung, Genugtuung, Recht und Gesetz.

Wir haben uns vor Jahren darüber informiert, ob ein Antrag auf Leistungen nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz) für uns Sinn hat.
Wie so vieles, was wir nach dem Verlassen der Herkunftsfamilie beantragt haben, war auch das nicht wirklich etwas, das wir mit uns in Verbindung gebracht haben. Es ist etwas, das uns als mit uns in Verbindung stehend aufgezeigt wurde, nachdem man wusste, dass wir Gewalt erfahren haben.

Es war das gleiche Muster, wie das, was uns ursprünglich in Therapie brachte. Die Idee, dass es nötig sei, um heil zu werden. Ein normales Leben führen zu können. Alles wieder gut zu machen. Weil wir Gewalt erfahren haben.

Immer wieder geraten wir an Menschen, die nicht uns sehen, sondern ihre Ideen von uns als jemand, di_er Gewalt erfahren hat (oder viele ist oder oder oder…).
Zum Beispiel die Idee, dass Wiedergutmachung für uns möglich ist.

Wir wissen aber nicht, was genau das meinen soll. Was genau ist denn schlecht und könnte wieder gut gemacht werden?
Könnten wir eine gute Herkunftsfamilie bekommen? Könnten wir die guten Bildungschancen wieder bekommen? Könnten wir die Schäden aus psychiatrischen Behandlungen wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Schäden aus 10 Jahren Hartz 4 wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Löcher im Lebenslauf durch frisch sanierte Lebensabschnitte ersetzt bekommen?

Oder geht es um uns? Sind wir das Schlechte, das passiert ist? Diesem sogenannten Menschen, als der wir von allen gesehen werden, die heute in unserem Leben sind. Sind wir der Schaden? Das Kranke, das Wiedergutzumachende?

Diffizile Frage, nicht wahr?
Man müsste uns Innens, die wir fühlen und denken, autark handeln und re_agieren, die wir Weltbilder und innere Überzeugungen haben, zur Krankheit degradieren und damit vertreten, dass der Rechtskörper, um den es bei einer juristischen Auseinandersetzung geht, nichts weiter ist als ein Fleischsack mit Krankheit drin.

Für manche Menschen ist es ein positiver Ansatz eine DIS als Ergebnis schwerer Gewalterfahrungen zu sehen. Diese Sicht folgt dem Drang nach Sinn und Kongruenz, den wir im vorletzten Artikel bereits beschrieben haben.
Im Rahmen von Opferentschädigung jedoch ist eine DIS (so sie denn anerkannt wird) ein entstandener Schaden.

Im Rahmen unseres Lebens und Seins jedoch ist es einfach nur so da.
Es ist weder die großartig tolle Selbstrettung zu der sie manche Therapeut_innen erheben, noch die zerschmetterte Seele von der all jene sprechen, die den Verletzungen dahinter mehr Gewicht geben wollen.

Wir finden uns normal. Sehen nichts schlechtes oder kaputtes in unserem Sein.
Wir sehen, dass wir heute dysfunktional sind. Heute, wo alles anders ist. Heute, wo “Danach” ist.

Für manche von uns ist genau das der Schaden. Dass heute “danach” ist. Dass es vorbei ist und so nie wieder passieren wird.
Für sie ist der Lauf der Dinge kaputt. Ihre Welt zerschmettert. Und es gibt nichts, was wir für sie in irgendeiner Form “wieder gut” machen können, denn ihre Verluste sind absolut und tiefgreifend.
Sie haben nicht nur sich selbst in Verbindung mit der Außenwelt verloren, sondern auch die Außenwelt. Die Familie*, die Familie°, die Freunde, den Sinn, die Vision und bestimmte Selbstverständlichkeiten.

Aber sowas kann man Menschen oft nicht begreiflich machen.
Wie wenig schlimm es sich auch anfühlen kann, ein Leben lang miss.be.handelt und ausgenutzt worden zu sein. Und zwar nicht, weil man sich einen Schmerz daran verbietet oder sich diesen Umstand schön redet, sondern, weil man es nicht anders kennt und als ganz üblichen Bestandteil der eigenen Existenz in sich trägt, wie andere Menschen die schönen Erfahrungen, mit denen sie aufgewachsen sind.

Wir haben den Antrag auf Leistungen nach dem OEG nie gestellt.
Genauso wie wir nie eine Anzeige erstattet haben und nicht vorhaben das je zu tun.

Das haben wir nicht getan, weil wir die Gewalt nicht in einen Kontext mit dem Strafgesetzbuch bringen können. Oder, weil wir kein Interesse daran haben, andere davor zu schützen oder zu bewahren, was uns passiert ist. Oder, weil wir glauben, dass, was uns passiert ist, eigentlich etwas Gutes und Richtiges war.
Es geht darum, dass wir sehen, dass das Eine einen Scheiß mit dem Anderen zu tun hat.

Wir würden eine Anzeige erstatten, wenn wir wüssten, dass es um Weiterentwicklung geht.
Wir würden eine Anzeige erstatten, gäbe es so etwas ein Vergebungsgesetzbuch.

Ein Gesetzbuch, das den Prozess der Vergebung regelt und jedes Interesse an Weiterentwicklung von Täter_innen, wie zu Opfern gewordenen Personen unterstützt, schützt und/oder überhaupt möglich macht.

Denn das ist, was uns fehlt.
Die Option selbst einzufordern, dass die Täter_innen sich mit ihrem Handeln bzw. dessen Folgen auseinandersetzen. Und zwar nicht auf einer Ebene der Strafen und Bußen – denn davon hat niemand mehr als Macht aus Gewalt, die ihrerseits überhaupt erst Täter_innen und Opfer er.schafft – sondern auf der Ebene, der Entwicklung zu einer Person, die selbst keine Gewalt mehr ausüben will und/oder muss, weil ihr das Bewusstsein darum, wen diese trifft und welche Folgen (für die man die Verantwortung übernehmen muss) das haben kann, nicht mehr abhanden kommt.

Zuwendungen an Personen, die zu Opfern wurden, sollten nicht nur aus Einmalzahlungen und Opferrenten bestehen. Gerade dann nicht, wenn die zu Opfer gewordenen Personen solcherlei Anträge nicht für einen gesetzlichen Opferstatus und Opferrente, sondern für gesicherte Bildungschancen, bedarfsgerechte Gesundheitsbehandlungen, gesellschaftliche Teilhabeleistungen, politisches Gewicht und Anerkennung als normaler (as in „legitimer“) Teil der Gesellschaft stellen.

Die meisten zu Opfern gewordenen Menschen, die ich kenne, haben kein oder nur sehr wenig Interesse an Rache oder Vergeltung. An Strafen oder Erniedrigung der Täter_innen. Die meisten kämpfen um ihr Weiter.Leben. Um Alltag, um Zukunft. Um sich selbst und darum, nicht immer wieder von der eigenen Geschichte eingeholt und behindert zu werden.

Wir denken uns heute manchmal, dass wir unsere Therapie von den Täter_innen zwangsbezahlt bekommen haben wollen. Unsere Assistenzbedarfe von Ihnen gedeckt haben wollen. Alles bezahlt haben wollen, was unser Hartz 4 – Regelsatz nicht abdeckt.
Wir wollen all die Optionen, die sie damals gehabt haben, umgegolten auf Optionen, aus denen wir heute wählen könnten.
Dabei geht es uns um Ausgleich. Nicht um “ausgleichende Gerechtigkeit”.
Die werden wir im Leben nicht herstellen können, denn die Gewalt kennt keine Gerechtigkeit.

Wir tragen schwer daran, die Dinge so hinnehmen zu müssen, wie sie sind. Hadern manchmal noch damit keinen Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie zu haben und zu wissen, dass wir es sind, die sich seit 15 Jahren damit auseinandersetzen, was damals passiert ist und welche Wirkung es auf und in uns hatte – und nicht sie.

Ich könnte vor ohnmächtiger Wut aufschreien, wenn ich daran denke, was für eine lange Zeit der unnötigen Not wir durch- und überleben mussten, um dahin zu kommen, wo wir heute sind – während in unserer Familie* nachwievor die Erzählung ist, dass wir die undankbare, kranke, verrückte Tochter sind, die Behörden und Behandler_innen anlügt und von der auch sonst nichts mehr zu erwarten ist, als die Enttäuschung, die sie schon immer war.

Das ist einfach ungerecht und etwas, womit zu leben bedeutet, nichts anderes zu haben als “danach”.

Ein Danach, in dem wir zum Prozess gezwungen sind – und nicht sie.
Ein Danach, in dem wir völlig allein für uns selbst einstehen müssen, weil wir uns niemals darauf verlassen können, dass sich irgendjemand so sehr mit uns verbunden fühlt, wie es die eigene Familie idealerweise tut.

Unser Danach ist eins für das wir allein verantwortlich gemacht werden, weil wir das Davor abgelehnt haben.

Das wirkt sich auf uns bisher wie eine Strafe auf Lebenszeit aus.
Denn wir haben nichts als unser Leben selbst damit gewonnen, auszusteigen und wegzugehen.

Für uns ist das tatsächlich auch kein Gewinn, denn am Leben waren wir auch vorher. Es war ein Leben in manchmal lebensbedrohender Gewalt, ja – aber es war kein Leben mit Bittstellerbriefen, Bettelanträgen und Gekrieche um Hilfe und Unterstützung, um nicht in lebensbedrohliche Umstände zu geraten. Es war kein Leben, in dem jeder Cent zählt und auch kein Leben, in dem jede Entscheidung allein getroffen und getragen werden musste, nicht wissend, was passiert, wenn man nicht mehr kann.

Es war nicht besser. Es war nicht schlechter.
Es war anders und es war das Leben, das wir nun einmal hatten, weil wir es hatten. Einfach so.

Das Leben heute haben wir gewählt.
Und manchmal schwappt die Reue hoch. Bedauern. Trauer. Der Gedanke, dass das alles falsch ist. Eine Lüge, auf die wir reingefallen sind und die uns noch bittertief schmerzen wird.
Damit umzugehen ist nicht einfach. Und in einer Gesellschaft zu leben, die solche Gedanken und Ideen auch nicht von außen entkräftet, ist dabei nicht hilfreich. Im Gegenteil.

Häufig werden Menschen, die ihre Gewalterfahrungen mit.teilen verhöhnt und gedemütigt. Vielen wird nicht geglaubt, die meisten erfahren auf dieses Moment des Mit.Teilens erneut Gewalt, über die Relativierung und ausbleibende Anerkennung der persönlichen Auswirkungen der gemachten Erfahrungen.

Wie oft zu Opfer gewordenen Menschen der Vorwurf gemacht wird, sie würden ihre Erfahrungen nur für Aufmerksamkeit teilen, macht mich lachen und weinen zugleich. Denn was soll man bitte sonst tun, damit man später nicht gesagt bekommt, man hätte ja nie irgendwas gesagt? Oder sich dem Vorwurf entgegenstellen muss, “nur” ein schweigendes Opfer zu sein. Oder damit auseinandersetzen zu müssen, dass ja alle Menschen immer so unsicher sind, wie mit Menschen umzugehen sei, denen Schwieriges passiert ist, weil ja NIEMAND mal ENDLICH OFFEN ausspricht, wie es WIRKLICH IST.

Aber darum geht es am Ende doch wieder gar nicht.
Es geht darum, dass zu Opfern gewordene Menschen auch Zeugen und Zeugnis der Gewalt sind, der man sich so gern nicht widmen möchte, dass man sie so weit es geht ausblendet.
Sie werden aber auch zu einem Denk.mal für Unterlegenheit gemacht. Eine Erinnerung daran, dass niemand immer alles Schlechte, Schwere, Schlimme von sich fernhalten kann.

So können wir am Ende immer wieder nur sagen, dass es sich für nichts außer den eigenen Prozess lohnt, gemachte Gewalterfahrungen und Erfahrungen des Umgangs damit mit.zu.teilen. Denn: Menschen, die wahr.nehmen, was man da sagt, werden reagieren und diese Reaktionen sind nur selten, die die gut tun, helfen oder “sich lohnen”.

Wir haben selbst jetzt nach 9 Jahren der Selbstvertretung in Form des Blogs noch immer das Problem, dass die meisten Leser_innen nicht einmal begreifen, dass das hier kein Literatur-Lifestyle-fancy Kunstzeug-Roman ist, sondern ein politisches Statement, ein offenes Aussprechen, eine reale Er_Lebensrealität, die mit.geteilt wird. Manche verstehen auch nicht, dass es uns nicht darum geht, für Menschen mit DIS zu sprechen. Und immer wieder erreichen uns Fragen, die zu beantworten für uns viel zu weitreichende Verantwortungen nach sich ziehen.

Sich als jemand di_er Gewalterfahrungen gemacht hat nicht zu verstecken, sondern einfach nur da zu sein, ansprechbar zu sein und für sich und das eigene Er_Leben zu stehen, macht so viel aus und wird doch so oft nicht einmal als das wahr.genommen, was es ist. Und das ist doch krass, oder nicht?

Manchmal denken wir, dass wir uns hier verändern müssten. Denken, dass wir uns zu einer Art Entrepreneur_in für Trauma und Folgen machen müssten.
Einfach, damit es sich mehr lohnt. Auch finanziell.
Aber was wäre das dann? Das wäre der fünfigstmillardste Aufguss von Therapeut- und Mediziner_innenerkenntnis. Amateurisiertes Profitum für etwas, das nicht von oder aus uns selbst kommt, sondern aus ICD 10 und DSM 4. Geil. Much authentisch. Very insightful.
Nicht.

Das ist auch nicht, was die meisten Menschen suchen, wenn sie “Trauma” oder “Viele sein” googeln.
Die meisten suchen sich selbst oder jemanden, den_die sie kennen. Suchen Hoffnung auf Besserung, suchen Antworten auf Fragen, die sich selbst noch nicht richtig stellen können. Und so viele suchen nach Hilfe und finden doch eher unser Blog als irgendeine Stelle, die sie einfach anrufen können, um zu bekommen, was sie brauchen.

Wir können das Gesuchte mit dem, was wir hier tun, meistens in keinster Weise geben – aber mit unserer Präsenz zeigen wir an, dass sie nicht allein sind. Dass wir schon hier sind und von wo gekommen sind. Dass wir Dinge beobachten und sie gern anders hätten. Was wir worüber denken und, dass in uns mehr passiert als Elend, Not und Bedürftigkeit.

Für uns ist das viel und meistens auch genug.
Und gemessen an der Präsenz, die das Thema “Leben nach massiver Gewalt” oder “Leben nach der Missbrauchsschlagzeile” oder “Leben mit DIS” oder “Leben mit Traumafolgen nach Gewalt in der Familie” insgesamt hat, ist es ein Riesending.
Unser kleines Blog von Vielen voller Tippfehler, fehlender Satzenden und willkürlich auf die Texte gestreuselter Kommas.

Unser kleines Blog, das schon so lange da ist und bleibt und wartet und ist, wenn wir sind.
Es ist eine erhebende Erfahrung so wichtig für etwas zu sein. Wenn wir nicht wären, wäre dieser 1.241 Beiträge-Koloss nicht und das fühlt sich gut an.
Für solche Gefühle lohnt sich da zu sein.

Für das Gefühl für etwas wichtig zu sein, das dann vielleicht irgendwann für irgendjemand auch wichtig ist.

Manchmal bringt mich das Gefühl näher an Menschen.
Und dann verstehe ich, warum man allen Rechte dazu einräumt sich selbst und andere Menschen so zu erleben. So miteinander und nah.
Und warum man das sicher haben will.

Warum ich und wir uns von diesen Rechten nachwievor nicht so verbunden fühlen, wissen wir selbst noch nicht.
Vielleicht aber irgendwann.