Offenheit mit eigenen Opferschaftserfahrungen als emanzipatorische Umgangsentscheidung

Neulich stolperte ich über eine Auseinandersetzung, in der es um ‘Opferpositionen’ und ihre Rolle im emanzipatorischen bzw. feministischen Diskurs ging.

Da wir nun einmal ein Opfer von Gewalt wurden, sind solche Auseinandersetzungen für uns schwierig und letztlich gehen wir vorsichtshalber immer erst einmal davon aus, dass unsere Verletzlichkeit an der Stelle schnell zu Gefühlen führen, die wir nicht hätten, wären wir nicht so konkret betroffen. Das bedeutet: Wir als früheres Opfer hören Personen, die über Opfer und zu Opfern gewordene Personen sprechen zu und ziehen von unseren reaktiv auftretenden Emotionen ein Drittel bis die Hälfte ab.

Denn wir haben gelernt: “Wenn andere über Opfer oder zu Opfern gewordene Personen reden, hast du als ehemaliges Opfer
a) die Klappe zu halten , weil du
b) keine objektive/vernünftige/fachliche/professionelle/richtige Ansicht dazu haben kannst, weil du
c) selbst mal Opfer warst und damit im Falle einer Äußerung
d) ganz eigene subjektive/unvernünftige/unsachliche/falsche Ziele mit jeder Aussage verfolgst, was ergo
e) bedeutet: man muss/braucht/sollte dir sowieso und überhaupt weder zuhören noch deine Worte ernstnehmen, anerkennen und als glaubhaft einstufen, falls doch etwas von dir zu vernehmen ist.”

Ich habe erkannt, dass es sich hierbei um Gewalt und Diskriminierung aufgrund von Vorurteilen und Ergebnissen gelebter Gewaltkultur handelt.
Ich habe aber auch erkannt, dass diese Art der Gewalt so alltäglich und verinnerlicht ist, dass viele Menschen dies nicht merken und entsprechend anerkennen.

Diese Erkenntnisse haben wir uns also so einsortiert, dass wir selbst uns die Hälfte der eigenen Gefühle als unangemessen und falsch abschneiden. Um sie uns dann in einem angemessenen Setting wieder zu erlauben, was uns in der Regel einige Stunden Tage kostet und letztlich dazu führt, dass wir uns nur noch sehr selten mit solchen Auseinandersetzungen befassen.

Wenn in dieser verbliebenen Hälfte eine Empfindung ist von der ich glaube, dass sie, wenn ich sie gut begründe und klar markiere, dass ich davon ausgehe mich vielleicht auch zu irren (weil ich ja weiß: “reaktiv” ≠ “durchdacht und reflektiert” ergo “nicht konstruktiv”), von meinem Gegenüber nachvollziehbar ist, teile ich sie mit.

Und weil ich abwäge zwischen “Anstrengung ein komisches Versteckspiel um die eigene konkrete Betroffenheit + Anstrengung mit einer anderen Person über ein Thema zu sprechen, von dem ich selbst konkret betroffen bin” vs. “Anstrengung mit einer anderen Person zu einem Thema zu sprechen, von dem ich selbst konkret betroffen bin allein” – wähle ich ich oft eher den Weg der Offenheit.

Das bedeutet nicht: “Hey ich bin total offen damit zum Opfer geworden zu sein – ich hab das nämlich alles schon total verarbeitet und kann da jederzeit und mit allen drüber reden”, sondern: “Hey – das hier wird für mich zu schwer, wenn ich nebenbei auch noch was verbergen muss. Also: ich bin konkret betroffen – ich wurde selbst zum Opfer. Das ist ein  Teil des Hintergrundes meiner Argumentation.”.

Für mich ist es wichtig, dass dies für mein Gegenüber klar ist und anerkannt wird.
Und gäbe es eine weitere Verbreitung gegenseitiger und bedingungsloser Annahme und Respekt, würde es andere Menschen weitaus weniger verwirren, erschrecken – und misstrauisch machen, gäbe es auch kein Problem an meiner Vorgehensweise.

Offener Umgang mit eigener Opferschaft bedeutet für viele Menschen eine Wendung im Diskurs, die etwas von ihnen verlangt. Es gibt keine allgemeine Haltung nach der die Erwähnung eigener Opferschaft genau keine weitere Reaktion notwendig macht. Kaum jemand erwähnt die eigene Opferschaft im ganz üblichen Gespräch und niemand erklärt ein Gespräch, in dem auch Opferschaftserfahrungen vorkamen, als eines der üblichen, die man halt so hat.
Und genau das ist das Problem.

Das große Schweigen über Gewalterfahrungen, das immer wieder erwähnt wird, gibt es meiner Meinung nach nicht.
Es gibt ein Schweigen, wenn es darum geht etwas zu erreichen. Etwa in Kontexten der juristischen und polizeilichen Strafverfolgung. Doch das ist kein Schweigen über Gewalterfahrung – das ist ein Schweigen über Opferschaftserfahrungen innerhalb eines Machtkontextes, der sich auf genau zwei Positionen konzentriert: Opfer und Täter_innen und diese unterschiedlich bewertet bzw. beurteilt.

Wir haben diese Dichotomie im Alltag, in der Sprache und auch in den Diskursen, entlang derer sich zu positionieren und auch zu kultivieren versucht wird. Dies erschwert Opferschaft(erfahrungen) als einen allgemein möglichen Hintergrund einer Person im Diskurs anzuerkennen ohne reaktive Bewertungen und Imperative folgen lassen zu müssen.
Das ist der Punkt weshalb es opferfeindliche Begriffe wie “Opferabo”, “Opferperformance” oder die Formulierung “die Opferkarte spielen” gibt, die transportieren, dass Opferschaft etwas ist, das etwas zur Folge hat bzw. darauf abzielt zu etwas benutzt zu werden, das jemandem etwas bringt. Positive Aufmerksamkeit zum Beispiel. Oder Mitleid. Oder weniger strenge Beurteilungen und Bewertungen von Fehlern. Mehr Flausch.

Ich erlebe durch meinen offenen Umgang mit der eigenen Opferschaft in der Regel nervig umständliche Furchtsamkeit, allgemeine Umgangsunsicherheit, den Wunsch stellvertretend etwas gut für mich zu machen, derailing, Leidvergleiche und oben beschriebene Absprache von Verstand, Vernunft, Berechtigung mich weiterhin zu äußern.
Nichts davon ist etwas, womit ich gut umgehen kann und nichts davon ist etwas, das mir gut gefällt oder gut tut. Aber alles davon gehört zu verinnerlichter Gewaltkultur und hat genau nichts mit mir und meiner Opferschaftserfahrung zu tun.

Ich kann Menschen die Furcht vor Kontakt (Teilhabe, Zeugenschaft – also Mitkenntnis und daraus auch Mitverantwortung in einem weiteren und zukünftigen gemeinsamen Kontext) nicht nehmen, wenn der Umgang einzig unüblich ist. Wenn es immer special irgendwas bedeutungsvolles hat, dann kann es nicht üblich werden und dann kann es in den Köpfen und Erwartungen der Menschen, mit denen ich zu tun habe, auch nie zu etwas werden, das im Zusammenhang mit anderen Menschen, die ihre eigenen Opferschaftserfahrungen transparent machen, nicht mehr als etwas gilt, das synonym mit “die Person will jetzt was von mir” ist.

Es gibt Menschen, die zu Opfern wurden, für die es ein Weg ist Menschen schonungslos zu behandeln, wenn es um die alltägliche Realität von Gewalt geht.
In meinem social media – Kosmos begegnen mir immer wieder mal Personen, die es für wichtig und angemessen halten Gewalterfahrungen in allen möglichen Details zu schildern um niemanden zu verschonen, so wie sie selbst nicht verschont wurden.
Für mich ist das eine Form Gewalt weiterzutragen und kein inhaltlicher Diskursbeitrag. Leider ist es nicht üblich offen als zu Opfern gewordene Menschen auftretende Personen auf gewaltvolles Handeln aufmerksam zu machen. Schon gar nicht gibt es genug etablierte Praxen anzuerkennen und zu verinnerlichen, dass eigene Gewalterfahrungen nicht davor schützen selbst Gewalt auszuüben.

Gänzlich außen vor bleibt im derzeitigen Diskurs die Zeug_innenschaft und die Auswirkungen dessen sind fatal, denn häufig gelten Zeug_innen als gar nicht betroffen von der Gewalt, die in ihrem Beisein geschehen ist oder von der sie erfahren haben. Und wo keine Betroffenheit zugestanden wird, da wird neben einem Leiden unter Belastungsreaktionen auch abgesprochen, eine Mitverantwortung oder Mitbeteiligung oder noch schlichter formuliert: Teilhabe an dem Geschehen zu haben und/oder empfinden zu können.
Durch die Ignoranz von Zeug_innenschaft als wichtiger Bestandteil des Miteinander (auch und gerade im Fall von Gewalt im Sinne einer Schädigung) wird ignoriert, dass es eine Mitbeteiligung gibt, die neben “das gute zu flauschende Opfer” und “die bösen zu hassenden Täter_innen” steht.

Viele Zeug_innen wollen nichts mit der Gewalt zu tun haben. Manche, weil sie sich nicht der Mitverantwortung stellen wollen. Manche, weil sie selbst ihre Zeug_innenschaft nicht reflektieren. Manche, weil sie keinen Anhaltspunkt für die Relevanz dessen finden können.
Die meisten Zeug_innen halten sich selbst für irrelevant, weil sie innerhalb der offiziellen Dichotomie zur Klärung von Opfer-Täter_innenschaft im juristischen Kontext keine relevante Rolle innehaben.

Für uns sind Zeug_innen hingegen sehr wichtig. Unsere Therapeutin ist für uns neben ihrer Rolle als unsere Begleiterin in unserem Auseinandersetzungsprozess auch eine Zeugin für ebenjenen Prozess geworden. Wir sprechen mit ihr über unsere Gewalterfahrungen und damit wird sie automatisch auch zur Zeugin.
Durch ihre Zeuginnenschaft (unabhängig davon, ob sie uns in unserer Opfer- oder Täter_innenschaft bestätigt oder negiert!) wird die geteilte Erfahrung zu etwas, das tatsächlich war. Sie wird zu etwas, das nicht zu leugnen, nicht zu ignorieren und deshalb auch zu verarbeiten ist.

Letztlich ist es ihre Zeug_innenschaft, die uns selbst davon entlässt eine Bewertung oder reaktive Beurteilung unserer Rolle überhaupt vornehmen zu müssen. In dem Moment, in dem wir die Gewalterfahrung miteinander teilen (bzw. wir sie ihr mit_teilen) entsteht für uns ein Raum gemeinsamer Betroffenheit bzw. ein Raum, in dem wir spüren, dass wir über ein gemeinsames Wissen um eine Erfahrung miteinander verbunden sind. Darüber treten für uns ganz konkrete Umgangsfragen in den Vordergrund, die durch wertungs- und urteilszentrierte Diskurse häufig eher unnötig verzerrt und gestört werden.

Unsere Gemögten, Gemochten und Bekannten sind ihrerseits aber auch wichtige Zeug_innen für uns. Auch mit ihnen teilen wir gemeinsame Kenntnis von Opferschafts- und/oder Gewalterfahrungen (aber natürlich auch vielen anderen Erfahrungen!) und erleben uns darüber miteinander verbunden.
Auch hier entstehen Umgangsfragen, die letztlich sehr gut auch in emanzipatorische Diskurse einfließen.

Ich möchte nicht, dass das Mitteilen meiner Erfahrungen dazu führt, dass sich andere Menschen unfrei in ihren Entscheidungen und Wahlmöglichkeiten fühlen, nur weil wir miteinander verbunden sind. Eine Auffassung der Zeug_innenschaft an der Stelle ist genau deshalb auch hilfreich, gerade, weil sie von der beurteilenden oder wertenden Instanz entbunden sind.

Wir möchten auch nicht, dass unsere Mitmenschen bewerten oder beurteilen, was wir erlebt haben. Weder die Erfahrungen selbst, noch unseren Umgang damit, denn letztlich sind wir die Person, die diese Erfahrungen gemacht hat und mit den Konsequenzen leben muss. Egal, ob bezeugt oder nicht. Egal, ob bewertet oder nicht. Egal, ob beurteilt oder nicht. Egal, ob als wahrhaft anerkannt oder nicht.

Unsere Offenheit mit unserer früheren Opferschaft ist, neben ganz schlichten Versuchen die eigenen Kräfte zu schonen, also eine auch emanzipatorische Umgangsentscheidung.
Wir erwarten keine Rücksicht, keinen Flausch, keine milden Urteile. Wir erwarten, dass unser Erfahrungshintergrund mitbedacht und anerkannt wird – unabhängig von Täter-Opfer-Dichotomie und anderer gewaltkultureller Praxis.
Wir hoffen, dass Zeug_innenschaft etabliert wird. Wir hoffen auf Verbindung und Miteinander.

Wir wollen einen Diskurs, der sich endlich den Umgangsfragen widmet.
Unsere Offenheit ist ein erster Schritt darauf zu.

vom Luxus über #armeLeuteessen zu fantasieren

Selbstversuche und Sozialexperimente – es gibt wenig mehr, das als Missachtung wie eine Ohrfeige auf konkret betroffene Menschen wirken kann.

Da ist das “einen Tag im Rollstuhl”-Experiment, von Menschen, die keinen Rollstuhl benötigen, um sich selbstbestimmt von A nach B zu bewegen, genauso unangebracht, wie der “eine Woche obdachlos”-Selbsterfahrungstrip von Menschen, die ein Obdach haben.
Es ist unangebracht, weil die sinnhaftere Variante ein “Ich höre den konkret betroffenen Menschen zu, die mir etwas über ihre Lebensrealität erzählen”-Experiment wäre, das bis heute noch viel zu wenig Medienmachende wagen.

Aktuell gibt einen Selbstversuch im Magazin “Biorama” für nachhaltigen Lebensstil.
Nachhaltig befeuert werden in diesem Selbstversuch vor allem Stereotype und Vorurteile. Schlagwortartige Phrasen werden recycled, um konkret Betroffenen die eigenen Argumente und Er_Lebensrealitäten abzusprechen und umzudeuten. Man will nicht glauben, dass Armut mehr sein könnte, als eine Frage des Geldes, des Bildungshintergrundes oder der allgemeinen kognitiv geprägten Entscheidungsfindung. Darum setzt sich nun also ein Mensch hin, gibt sich ein Budget für seine Mahlzeiten und hält das für den richtigen Weg sich Fragen nach Luxus zu stellen.

Der Mensch mit Gehalt denkt, Armut wäre das Gegenteil von Luxus beziehungsweise, Armut bedeute weniger davon.
Manchmal frage ich mich schon, wo solche Gedanken herkommen und brauche dann doch nicht lange für eine Idee. Ich merke ja selbst, wo mein Luxus beginnt. Er beginnt bei 2€ für Artikel, die ich nicht essen kann und 2,50€ bei Artikeln, die ich essen kann.
Luxus ist für mich (in Hartz 4 seit seiner Einführung) also eine Farbfilmentwicklung und ein Saint Albray-Käse.

Menschen mit mehr Geld kommt das traurig vor und ich empfinde das als eine Form von Missachtung meiner Luxusgefühle. Es fühlt sich an, als wäre mein Luxus peinlich oder falsch. Oder eben – so wie ich selbst für diese Gesellschaft – minder_wertig.

Der Selbstversuch im Biorama-Magazin zielt auf “bio ist aber so teuer” ab. Und schafft es nicht dann einfach bei dieser Frage zu bleiben und sich mit dem Geschäft hinter biologisch nachhaltiger Landwirtschaft zu beschäftigen. Nein – da muss noch “das echte Leben” mit rein.
“Teuer”, das gilt noch immer als ein zwangsläufig für arme bzw. einzig selbstversorgend wirtschaftende Haushalte auftauchendes Thema und wird in dem Experiment erneut aufbereitet.

Biologisch nachhaltig angebaute bzw. produzierte Lebensmittel zu konsumieren ist tatsächlich keine Frage des Geldes – es ist eine Frage des Konsums und damit eine Frage, die weit über akut verfügbare Mittel hinaus geht.
Ein Tweet, der sich lobend über den Selbstversuch unter #armeLeuteessen äußerte, rechnete einen Fertigjogurt zu 49 Cent gegen ein Glas Jogurt mit Zucker und Früchten auf das 51 Cent kam.
Als würde niemand auf Hartz 4 nicht darüber nachdenken, direkt 2 Jogurtbecher zu je 19 Cent kaufen, weil si_er dann 2 Jogurts hat und 11 bis 13 Cent spart. Also fast den Wert eines dritten Jogurts.

Der Selbstversuch ist Quatsch, weil die Personen kein Hungermanagment hat, das dem einer Person mit Mindestbudget nahe kommt. Man denkt natürlich auch als arme Person über Qualität nach. Natürlich kauft man lieber ausgesuchte Zutaten und möglichst ausgewogenes Zeug ein – aber wenn man Hunger hat, hat man Hunger und dann passiert etwas im Denken, das sich auf schnell verfügbare Masse, die nach irgendwas schmeckt, konzentriert.

Sich auf den eigenen Selbstwert zu berufen und zu argumentieren, man sei mehr wert als die Tüte Konservierungsstoffe mit Geschmacksverstärkern und angenehmer Konsistenz zu 99 Cent, hält niemand sehr viel länger, als einen Selbstversuche-Zeitraum mit einem selbst bestimmten Anfang und einem jederzeit absehbaren Ende, durch.

Hartz 4 funktioniert nicht so klar begrenzt. Vor allem nicht, wenn man zu den mehrfachdiskriminierten Personen gehört und “einen bezahlten Job finden” ein Synonym für “Sechser im Lotto” ist. Die durchschnittliche Zeit in Hartz 4 sind derzeit 4 Jahre. Tendenz steigend.
Hartz 4 ist eine Akutlösung. Und Akutlösungen sind nie nachhaltig. Nie.
Ein Beispiel:
Das erste Jahr Hartz 4.
Du bist jetzt mehr zu Hause als vorher. Du verbrauchst mehr Strom und heizt nun auch tagsüber. Dir kommt eine Energiekostennachzahlung ins Haus und darauf folgend passiert die erste Ratenzahlung abzüglich deiner Mindestsicherung.
Vielleicht (sehr wahrscheinlich) musstest du gerade noch umziehen, weil dein Wohngeld(zuschuss) nicht ausreichte. Umziehen ist teuer und dabei geht auch noch ein Möbel kaputt. Die Waschmaschine macht seitdem komische Geräusche und irgendwie riecht die Kleidung eklig. Es stellt sich heraus: ein Schimmel zerstört die Fasern – du musst alles ersetzen. Und deine neu bezogene Wohnung von Schimmelsporen befreien, die sich hinter dem Kleiderschrank bereits in aller Pracht zusammentun.
Es beginnt ein Gerangel mit der Wohnungsbaugenossenschaft, wer jetzt den Schimmel entfernen muss und währenddessen haucht die Waschmaschine mit einem heftigen Wasserschaden über die beiden Wohnungen unter deiner, ihr Leben aus.
Du stinkst und fühlst dich permanent unwohl. Deine Wohnung ist ein Quell von Stress, weil du nicht weißt, wie du die Kohle aufbringen sollst, alles auf ein übliches Level zu bringen.

Da du Hartzi bist und dein gesellschaftliches Ansehen irgendwo zwischen 0 und Mitleidsblinddarm im sozialen Gefüge rangiert, bist du aller Wahrscheinlichkeit nach allein mit der ganzen Scheiße. Du hast Stress. Tiefen Überlebensstress, weil deine ganze Situation deinem Neandertalergehirnteil zubrüllt, dass du existenziell gefährdet bist.
Das ist kein Stress, an den du aus deinem Arbeits- oder Schulleben vor ein-zwei Jahren gewöhnt warst und innerhalb dieser Sozialbezüge auch angemessen regulieren konntest. Das ist die Art Stress, die dich krank und hungrig macht.
Und zwar richtig hungrig.
Kohlehydrate-Salz-und-Fett-hungrig. Mehr-ist-mehr-hungrig.
Damit du eine Überlebenschance hast.

Gedanken an sportliche bzw. allgemein außerhäusige Aktivitäten versickern dort, wo die Mitglieds- und/oder Teilnahmebeiträge anfangen und die Ideen um nachhaltige produzierte Lebensmittel erstrecken sich auf die Frage, wie viele Tage 3 Liter Eintopf reichen.
Die Zeit, die man mit Kochen und dem stundenlangen Durchsuchen der Super_Märkte der Umgebung nach günstigen frischen und biologisch angebauten Lebensmitteln verbringen könnte, geht dann doch dafür drauf sich selbst irgendwie bei Verstand und Hoffnung zu halten. Sei es durch Eskapismus in Aktivitäten, die akut kostenlos sind (und ja – das ist dann eben auch Fernsehen, Facebookspiele spielen und was man sonst Hartzis gerne mal als einzige Beschäftigung unterstellt) oder die organisatorische Kompensation der Armutslücken: (Mini)Jobbeschaffung, Kinderbetreuung(sorganisation), Behördenkrempel, Beschaffung nötiger Gegenstände und Güter.

Der Selbstversucher von “Biorama” denkt, er landet im Restaurant, weil er so wenig Zeit zum Kochen hat – nicht etwa, weil er dort landen kann.
Ein Hartzi hat sein Brot mit Thermoskanne im Rucksack oder nimmt sich für 1€ einen Burger von McDonalds mit. Je nachdem was grad geht. Die meisten essen schlicht nie außerhalb. Die haben einfach Hunger bis sie wieder zu Hause sind.

Armut (in Deutschland) bedeutet “mit Geld rangieren” – nicht “kein Geld haben”. Auf Bioprodukte zu verzichten kann den schlichten Grund haben, dass es für weniger Geld mehr Masse gibt und der aktuelle Rangierplan viel Masse braucht.
Ich kenne arme Menschen, die sich bio-vegan-ernähren. Ich kenne arme Familien, wo es über Wochen jeden Tag die 49 Cent-Tütensuppe für die Eltern gab, damit die (Klein)Kinder im Haushalt frisches Obst und Gemüse, aber auch Geburtstagsgeschenke, Schulsachen, Kleidung, Musikunterricht… Bausteine für eine gute Zukunft bekommen konnten. Ich kenne arme Menschen wie mich, die neben der Armut auch noch Essstörungen, Unverträglichkeiten und seelische Belastungen jonglieren müssen.
Nachhaltiger Konsum funktioniert für “die armen Menschen” oft nicht, weil das Hier und Jetzt der Kampf ist, den sie überstehen müssen.
Ein gutes, ökologisch biologisch super mega tolles nachhaltiges Leben konzentriert sich auf ein Morgen, das man erst dann erahnen und planen kann, wenn man nicht mehr um seine Existenz kämpfen muss.

Aber ja – wenn man so wenig darum kämpfen muss, das einem vor lauter Langeweile nichts mehr einfällt, als Konsumselbstversuche zu veranstalten, statt sich aktiv gegen Armut und Benachteiligung armer Menschen einzusetzen, kann man schon mal so einen Quatsch anfangen.
Nachhaltig in Bezug auf den Wunsch nach einer guten Zukunft für alle Menschen ist das nur leider genau nicht.

[tl,dr: Selbstversuche wie #armeLeuteessen möchten bestimmte Menschen(gruppen) motivieren, Konsumentscheidung für sich zu begründen bzw. bestimmte Argumente bestimmter Menschen nicht gelten zu lassen, ohne zu hinterfragen, auf welcher Grundlage welche Entscheidungen getroffen werden. Das ist missachtende Kackscheiße und nicht nachhaltig.]

nur eine weitere Facette früheren Horrors

Ich stelle es mir genau so vor.
Da ist eine Idee. Eine Fantasie. Und irgendwie kommt man in ihren Bann. Verknüpft Gefühle mit ihr. Baut sie sich aus und malt sie sich schön an. Wie ein Haus, das eines der schönsten Zuhauses werden soll, das man sich vorstellen kann. Und dann vergisst man, dass es eine Idee ist. Eine Fantasie, die gut in dem Knochengehäuse zwischen den Ohren aufgehoben ist und dort ihr schönstes Zuhause haben kann, solange sie nicht weh tut.

Ich stelle mir vor, wie Menschen, die zu Opfern wurden irgendwann erleben, was wir gerade erleben und dann vergessen, dass es nur einen sicheren Ort dafür gibt. Das Kopfinnere. Am besten die Stelle, an der sich nichts lange hält, weil alles immer gleich neu verarbeitet wird.
Ich stelle mir, wie Menschen erleben, was wir gerade erleben und zu Täter_innen werden, weil ihr Kopfinneres keine solche Stelle hat. Weil sie nicht gebraucht wird. Weil es keine Impulse gibt, sie zu etablieren. Etwa durch eine Psychotherapie. Oder einen anderen Prozess der Reflektion und Transformation.

Wir erleben Gewaltideen. Beziehungsweise: Wir Rosenblätter erleben, wie etwas neben uns tritt, das Gewaltideen hat. Und sich unsere Alltagsgegenstände, Alltagsgedanken, Alltagsschmerzen, Alltagserbsenmomente zum Baumaterial dafür nimmt.
Aber unsere Alltagsangst verschmäht. Unser Erschrecken über diese Ideen. Unsere Furcht plötzlich an den Punkt gelangt zu sein, an dem wir von der netten Multiplen aus der Nachbarschaft zu einer psychopathologisch monströsen Horrorfilmfigur gerieten.

Auf der anderen Seite haben wir natürlich über Täter_innenintrojekte gelesen. Wissen natürlich, dass kein Mensch solche Gewaltexzesse wir wir sie erlebten übersteht und dann nie wieder mit Fragmenten, Ideen, Bildern, Szenarien ähnlicher bis gleicher Art konfrontiert ist.
Nur dachten wir bisher unsere Konfrontation damit würde nie die Form verändern, sondern immer hübsch begrenzt auf die Räume innerhalb “unkontrolliertes Erinnern” (also Flashbacks, Intrusionen, Bildererleben, Gedankenschleifen, Pseudohalluzinationen) bleiben und damit auch begrenzt auf genau einen Ort und genau einen Zeitraum: “unser Kopfinneres” und “Früher im Jetzt”.

Durch das Einbeziehen unseres Alltagskosmos erscheinen uns diese Ideen nicht im Raum “Früher im Jetzt”, sondern in “Früher und Jetzt”. Als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und wenn doch, dann ohne den Kern dessen zu berühren, was dort passiert.

Was uns in unseren Ego-Ich-kann-meine-Welt-nur-allein-retten-Verpisst-euch-alle-Trips früher oft zum Verhängnis wurde, könnte uns nun vielleicht auch an dieser Stelle passieren. Ein Innen oder mehrere? oder, wenn wir bei unserem Wort “Täter_innenenergie” bleiben wollen, könnte nach außen agieren, als hätte es die letzten Jahre nie gegeben und hätte ergo keinerlei Bindung an das, womit wir uns hingegen inzwischen relativ fest und stabil verbunden fühlen.

So könnte es entstehen, das Multimördermärchen, das in der Mehrheit der Krimis, Thriller und Horrorfilme, in denen Menschen mit DIS oder DDNOS als Täter_innen auftauchen, erzählt wird. Genau so.

Wir haben unserer Therapeutin eine Nachricht geschrieben. Wir schreiben jetzt darüber. Öffentlich.
Und brechen damit aus unserer Angst hervor in Todesangst zu geraten. Stumm und starr vor dem Innen zu werden, nur weil es auf eine Art nach unserem Heute greift, ohne es als solches zu identifizieren oder als solches anzuerkennen.
Vielleicht auch: ohne es als solches identifizieren oder anerkennen zu können.

Wir kennen Innens, die nach unserem Heute greifen und nicht damit umgehen können. Wir kennen das schon und wir haben das schon oft regulieren können.
Es ist eigentlich nichts Neues.
Eigentlich.

Es ist nur eine weitere Facette früheren Horrors.
Eine, die anders weh tut, als die anderen.