Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Isso.

Der Druck steigt und mit ihm die Momente, in denen Widersprüche auffällig werden.
Ich starte in die Woche mit einem Bein im Nervenzusammenbruch, weil mich die Strukturierung der Umzugsorganisation überfordert. Am Abend des gleichen Tages stehen 6 Kisten im Schlafzimmer, zwei im Büro, ein Ablaufplan für die gesamte Woche liegt auf meinem Tisch. Und das 30 Minuten nach einer Therapiestunde, die ich mit dem Gefühl verlasse, gar nicht mehr so viel Zeit im Alltag zu verlieren – obwohl ich, wie mir später klar wird, einige Zeitfenster des Alltags benannt habe, die nachwievor nicht (so richtig) zugänglich für mich sind.

Was bedeutet das?
Bin ich das Innen, das für eine Einschätzung über uns alle taugt? Wie läuft das eigentlich in einer Diagnostik – wenn ich sage, dass mir viel fehlt, bedeutet das dann, dass ich die DIS habe, aber ein anderes Innen, das ebenjene meiner Löcher er_lebt, nicht? Nie drüber nachgedacht in gut 16 Jahren DIS-Diagnose. Wow einfach.

Mich stören solche Widersprüche nicht, daneben macht es mich total unruhig, wenn Außenmenschen solche Dinge auffallen und sie mich dazu befragen. Denn meistens ist das ein Abchecken – eine Versicherung, eine Einordnung. Mal gucken, ob das so richtig ist, klar geht, “normal “ ist. Als würde der Umstand, dass ich lebe und alles gut ist, nicht reichen. Auch kränkend sowas.
Und irgendwie ja aber, was die DIS eben macht: Dass alles läuft, obwohl nichts laufen dürfte oder könnte – nach Meinung all jener, die sich und ihre Umwelt kontinuierlich und kongruent erleben, denn für sie ist die von mir jeden Tag erlebte Brüchigkeit von Zeit und Raum nichts Übliches.

Im Moment schlafe ich nicht sehr gut. Im Grunde: kaum. Beim Einschlafen rutsche ich in Traumascheiß und mein Aufwachen hat mehr von einem Senkrechtstart, ausgelöst vom ersten Vogelzwitschern draußen. Wenige, viel zu wenige Stunden nach einer Reorientierungsrunde von 1-2 Stunden.
Und dann geht alles seinen Gang.
Aufstehen, Dinge tun, essen, Dinge regeln, ansprechbar sein, reagieren, arbeiten.
Aus dem gelegentlichen Zucken des linken Augenlids während der Prüfungsphase, ist ein physiognomisches Festival geworden. Am Mittwochmorgen hab ich mir zum ersten Mal seit längerem wieder durch einen nervösen Tick ins Gesicht gehauen. Bäng, in my face. Ohne Sterne.
Und gleichzeitig ist da diese emotionale Nulllinie. Wie weißes Rauschen. Manchmal überlagert von einer echten Emotion, aber immer da, als wäre sie manifest gewordene Wahrheit. Einzig und unverrückbar.

Am Mittwoch haben wir unseren Personalausweis ändern lassen.
Ich saß  in der Halle und twitterte irgendwie halbwegs humorig darüber, wie kurz vorm Heulen und Kotzen ich war, aber angesehen hat man mir das sicher nicht. Selbst mir kam das irgendwie mehr wie eine sehr wahrscheinliche Option meiner emotionalen Verfassung vor, als denn einer echten Empfindung. Selbst in dem Moment, als ich wegen der Notwendigkeit eines neuen Passbildes von jetzt auf gleich in Tränen ausbrach, ohne irgendwas vorher wegatmen oder querschieben zu können. Selbst da dachte ich noch, dass das irgendwie doch nur die Wahrscheinlichkeit für eine spezifische Emotion erhöht, aber noch lange nicht wirklich richtig in echt jetzt so ist. Weil ja eigentlich alles gut ist. Alles so, wie es soll. Tutti palletti sozusagen.

Dissoziation ist einfach eine mächtige Kackpottsau. Kannste nichts gegen sagen. Isso.

Wenn wir heute mit Leuten übers Vielesein sprechen, dann sagen sie manchmal sowas wie, dass sie sich nicht vorstellen können, wie man so ein Gewaltleben er_leben kann und niemand merkts. Weil das so ein Widerspruch ist.
Phasen, wie die, die wir jetzt gerade durchmachen, sind ziemlich genau so.
Ich sitze hier und schreibe eloquent und reflektiert, was los ist – obwohl ich nicht weiß, was los ist und selbst, die Ahnung, die ich haben könnte, nicht mehr ist, als eine möglicherweise zutreffende Einschätzung, die aber nicht von mir prüfbar ist, denn ich bin sowas von weit weg von mir, von uns, dass da einfach nirgendwo ein festes Stückchen ist, um einen Punkt zu machen.
Ich weiß, dass hier richtig was zieht und reißt – aber ich kann nicht fassen was, weiß nicht wo, verstehe nicht warum. Und obendrauf passiert es IN WAHRHEIT nicht einmal WIRKLICH mir. Und: Ich kann niemanden um Hilfe bitten – ich wüsste nicht wobei, denn ich kriege ja doch irgendwie alles alleine hin und jeder Hilfeversuch von außen kann nur falsch sein oder an einer falschen Stelle ansetzen, denn es kann nur geraten werden. Und Hilfe an der falschen Stelle raubt Kraft, die im Moment nur kleckerweise wieder reinkommt.

Ich merke, wie oft ich fast wie aus Gewohnheit im Dissoziationsmodus bleibe, selbst über schwierige Momente hinaus. Einfach, weil es sich gut anfühlt. Neblig, wattig, bisschen schweberig. So als wäre alles von mir in Luftpolsterfolie gepackt, um mich vor Dingen zu schützen, die mir nicht einmal mehr Angst machen, nachdem auch sie auf der anderen Seite der Polsterung sind.

Ich merke aber auch wie gleichermaßen gewohnheitlich ich da auch wieder rausgehe. Wie routiniert ich mir Anspannung rausschüttle, wegatme, auf dem Fahrrad in die Pedale presse, um mich vom Fahrwind ins Er_leben zurückpusten zu lassen.
Alles was bleibt ist dieses vage Derealisationserleben. Doch das ist okay.
Ich muss wirklich nicht alles von dieser krass heftigen Zeit als real empfinden. Wirklich nicht.

so nah dran

4 Uhr 30. Von draußen rieseln kleine kühle Winde auf meine nackte Haut. Den Kopf noch voller Schlaf gehen wir mit NakNak* raus, wieso weiß ich eigentlich nicht. Aufstehen, Hund, Kaffee, das kommt nach Aufwachen und das Immernochleben fühlen.

Heute bekommen wir unser Zeugnis. Unsere zwei Zeugnisse. Berufsabschluss und Fach-Abitur.
Wir machen uns seit Wochen Sorgen, wie das wird. Kommt der Begleitermensch? Nein. Er muss zu seinem scheiß Ausbeuterjob, bei dem er auch nicht zu sehen bekommt, zu was seine Arbeit konkret am Ende führt.

Mein Kaffee dampft, das Draußen hat klare Umrisse. Ich sitze am Fenster und frage mich, ob wir in der neuen Wohnung wohl auch irgendwo am Fenster sitzen werden, um Kaffee zu trinken und uns mit dem anbrechenden Tag bekannt zu machen.

Dann wasche ich ab, sauge Staub, räume Dinge herum, bringe zu kleine Kleidung, in die ich letztes Jahr noch so dringend hineinschrumpfen wollte weg. Ich will nie wieder so schrumpfen. Ab sofort gilt das Einsiedlerkrebsprinzip: Was passt, das passt.

„Wir müssen nicht mehr zur Schule. Nie wieder.“ Das sage ich M. und denen um sie herum, die seit dem letzten normalen Schultag nicht mehr aktiv im Außen waren. Nicht einmal zu den Prüfungen. „Ihr könnt ab jetzt andere Sachen probieren.“ Ich verspreche ihnen, dass sie sowas, wie die letzten Jahre nie wieder ertragen müssen. Wir besiegeln es mit von ihnen in den Container gedonnerten Glasflaschen.

Wir haben uns eine neue Hose und ein neues Oberteil gekauft. Gestern die 3 Schuljahre langen Haare abschneiden lassen. Als ich aus der Dusche ins Warten auf den Freund steige, ist es eine Bewegung ohne jede Kraftanstrengung.
Wir warten, trinken Wasser, bemerken, dass wir noch nichts gegessen haben, vergessen es wieder bis der Freund da ist. Bevor wir in der Schule ankommen, fahren wir Müll zum Wertstoffhof und als wir in der Schule sind, haben wir eine Ansprache mit Powerpoint-Präsentation verpasst. Es wird viel geklatscht, ein Foto gemacht. Wir haben NakNak* auf dem Schoß und flatterfuchteln einfach raus, was raus muss. Es tut so gut wie Furzen wegen Bohneneintopf.

Später sitzen wir in einem Klassenraum und essen Melone. Dann bekommen wir unsere Zeugnisse. Und werden mit dem neuen Namen aufgerufen. „Das sind wir“, sage ich den anderen so als würde ich ein Netz aufs offene Meer werfen. Und als wir die Mappe, eine Rose und ein Geschenk in der Hand unseren Lehrer_innen danken, merke ich, wie ich selbst das Netz bin, aus dem auch die anderen gemacht sind.

Es geht schnell vorbei, niemand muss etwas aushalten, wir gehen einfach wieder auf unseren Platz.
Wir sind, reden mit den anderen Leuten, wünschen allen, dass es gut für sie weitergeht.

Der Freund ordnet den Glamour der Veranstaltung im Spanplattenbereich ein, ich lache und denke, wie gut das zu uns passt. Funktionell, vielfältig, einfach. Er versteht jetzt wieder etwas mehr von dem, was es uns abverlangt hat und irgendwie tröstet das etwas, das ich vorher gar nicht als tröstlich erlebt habe.

Wir gehen sehr lecker essen, laufen an den Händen durch die Altstadt.
Es ist schön und so nah an uns dran.
So, als meint das alles uns und niemand anders.

das Handtuch

“Jetzt heul doch endlich!” schreie ich in das Hintermich und gehe weiter mit der Bastelschere durch das Handtuch.

Es war das Namensetikett. Das ist da seit 17 Jahren dran. Gestickt, von Oma dran genäht. Die Oma, die niemals auf uns zugekommen ist, um für sich selbst zu fragen, warum wir nicht mehr bei ihrem Sohn leben konnten.
Die von so vielen Kinderinnens geliebt wird bis heute. Die Oma.

Wir besitzen dieses Handtuch, weil sie es uns zu irgendeiner Gelegenheit vor dem ersten Klinikaufenthalt geschenkt hat. Es wurde uns nie geklaut, wie unsere Jacken, Hosen, Shirts, Lieblings-CDs und was nicht sonst noch alles verschwindet, wenn man in Institutionen und Wohngruppen wohnt, in denen alle immer nichts, nichts mehr oder nie genug haben.

Ich musste es waschen, nachdem ich damit das Abtauwasser vom Tiefkühlschrank im Keller aufgewischt hatte. Als ich es zum Trocknen aufhängte, bemerkte ich das Namensschild. Und fühlte nichts. Keinen Kommentar. Nicht einen einzigen anderen Seelenkörper.

Es verunsichert mich, so lange tot zu sein, wenn doch alles in Ordnung ist. Lässt mich meine Therapieerfolge in Frage stellen, wenn ich derartig zurückversetzt werde in mein Bevor-ich-von-den-Anderen-wusste-Er_Leben. Dieses funktionalfreundliche Gedankenträger_in-Sein.

Dann beschloss ich, das Handtuch zu zerschneiden. Brauche sowieso noch Stoffreste für Dinge.
Als ich anfange, drückt der Puls meinen Hals zu. Und dann werde ich wütend. K.-wütend, aber nicht nur. Auch Hannah-wütend. So fühlt sich das also an. Nach Handtuch in der linken und Bastelschere in der rechten Hand, nach Erstickungsfurcht und Druck hinter den Augen.

Ich schneide die erste Bahn, zerteile diese in Quadrate. Oma. Der alte Name. Damals.
Ich kenne Oma nicht und sie wird mich nie kennenlernen.
Im Garten schreien Kinder. Da steht ein aufblasbarer Pool.
Ich sehe mich als 4 jährige im Garten von Oma und Opa, schneide die nächste Bahn. Opa ist tot, die Vierjährige auch. Ich spüre das so deutlich wie den Druck, den ich aufbringen muss, um die Schere durch die Baumwolle zu kriegen.

Meine Augen brennen, mein Gesicht ist dicht. Ich will, dass sie da sind.

Das hab ich mir noch nie gewünscht. Hab noch nie gedacht, dass ich sie mal fühlen will.
Die Anderen.
Die, für die nichts in Ordnung ist.

die ersten Tage

Ich trete in das Büro ein, kurz nach 12. Um 12 arbeitet sie eigentlich nicht mehr. Sie macht eine Ausnahme. Ich reiße meine Aufmerksamkeit von dem Umstand weg, dass schon wieder eine Ausnahme passiert. Und dann auch noch meinetwegen.
Sie klatscht durch den Raum und prallt an allem ab, was sich seit dem letzten Termin hier verändert hat. Die Stille und die Aufmerksamkeit der Standesbeamtin quetschen sich in meine Wahrnehmung, ich sage auf einen neuen Zettel deutend: “Der ist neu.”
Sie sagt: “Ja, das kann sein. Es ist noch mehr neu.” und zieht die Urkunde über die Namensänderung aus einer Akte.

Der Rest ist Rauschen. Eine Unterschrift, die nicht mehr als ein hingeschriebenes Wort ist, ein Gedanke, ausgeleuchtet wie eine Werbung am Straßenrand: “Auskunftsperren beantragen”. Danken. Das Gebäude verlassen. Anders heißen.

Erst kann ich nicht darüber sprechen, zwei Stunden später will ich nicht mehr drüber sprechen.
Ich erfahre meine Abschlussnoten, schaue ihnen zu wie sie langsam von mir weggluckern. Ich schreibe einen Tweet dazu, damit ich nicht vergesse, was heute für ein Tag, was die Note für eine Leistung ist. 171 Leuten gefällt das.
Wie gut das tut, fühle ich erst später.

Die Sekretärin in der Schule ist die erste Person, der wir die Urkunde in die Hand geben. Sie liest den Namen laut vor, sagt wie schön er ist, ich lächle einen unerwartet empfundenen Schmerz weg. “Bitte nicht kommentieren, bitte nicht belächeln, bitte nicht ungewöhnlich machen, bitte bitte tu so, als wär alles normal.” Das denke ich, “Bitte nicht anfassen”, fühle ich. Aber niemandem, nicht einmal der Therapeutin, sage ich das, weil ich denke, dass es niemand versteht. Nicht so, wie es für mich ist.

Die Urkunde, diese Information, ist wie ein Filter, den man auf das Bild von mir legt. Er macht mich auf eine Art nackt, die Situation auf eine Art intim, der ich, der wir alle innen, überhaupt noch nicht gewachsen sind.
Jede Bemerkung berührt mich unangemessen. Jede Frage dazu dringt in mich ein.
Meine Erleichterung darüber, befreit vom alten Namen und dessen Aufladung zu sein, bietet nicht genügend Schutz, erst recht keinen Trost.

Und als am nächsten Tag jemand von einem Callcenter mich selbstverständlich mit dem alten Namen anspricht, merke ich, dass sie das auch gar nicht kann. Ich kann noch gar nicht richtig erleichtert sein, denn es wird in der nächsten Zeit noch viel dieser Ansprache geben. Wir werden jetzt eine ganze Weile noch beide, die_r mit dem neuen und die mit dem alten Namen, und deshalb niemand sein.

Lebensaufgaben

“Man nennt es manchmal “Lebensaufgabe”. Das, womit man im Leben immer wieder konfrontiert ist, bis es vorbei ist. Interessanterweise ist, die Lebensaufgabe zu schaffen selten das, wofür man irgendwann eine Lebenswerk-Ehrung erhält. “

Und dann ist mein Gedanke auch schon wieder vorbei.
Wir sitzen in der neuen Wohnung. Unserem neuen Büro.
Es ist viel lauter als bei uns, unten vor dem Fenster fahren Laster und Kleinwagen von links nach rechts, von hinten zwitschern Vögel dagegen an. Der Freund telefoniert unten und das Klicken meiner Tastatur platscht von Wand zu Wand, denn hier ist noch nichts, außer dem Sofakissen auf dem ich sitze und dem Fußhocker auf dem das Laptop auf dem umgedrehten Besteckkasten steht. Und der beißende Kampfergeruch von dem Polsterreinigungsschaum, den der Freund gestern auf dem Futonbezug verteilt hat.

Hier ist nichts wie zu Hause und das ist anstrengend.
Es ist anstrengend zu zweit, zu viert und obendrein noch mitten in der PMS-Phase des Zyklus zu sein.
Nach 3 Tagen Podstock, nach 6 Wochen Prüfungsphase, nach 3 Wochen Prüfungsvorbereitungsphase. Manchmal merke ich ganz dicht hinter mir, wie es etwas kippelt und ausrasten könnte, aber keine Energie aufbauen kann. Das ist noch schlimmer als wenn es einfach ausbrechen würde, denn es bleibt und wabert und zieht und zieht und zieht an meiner Kraft, statt sich einmal einfach zu entladen und dann wieder abtauchen zu können.

Vorne in der Hecke stecken Gespinstmottennester. Gestern haben wir Brennnesseln aus dem Boden gezogen, die uns bis zur Schulter reichten. Wir haben den Rasen gemäht und gemotorsenst. Wenn wir hier wohnen, wird es neue Routinen geben und ich freue mich auf den Moment, in dem sie einfach da sind.
Im Moment bringt jeder Tag etwas Neues und es ist spürbar schlimmschön.
Wir würden es nicht anders haben wollen, aber wir brauchen es anders und das in der Art zu spüren und im Innen als real zu erleben ist krass. Neu. Schlimm.
Und schön, denn um dahin zu kommen haben wir viele Jahre an uns gearbeitet.

Wir haben noch 6 Wochen vor uns, in denen einfach gar nicht mehr so sein wird, wie in den letzten Jahren.
Ich habe Angst vor einer Erschöpfungsdepression im August/September. Weiß, dass sie kommen wird. Weiß, was ich dann machen muss. Weiß, dass es trotzdem schlimm sein wird und gleichzeitig nicht zu verhindern ist.

Niemand krempelt das ganze Leben um und ist hinterher nicht tief erschöpft.
Niemand schafft eine Lebensaufgabe und ist dann nicht überfordert vor der nächsten.

Fundstücke #70

Ich habe einen amerikanischen DIS-Podcast im Podcatcher, in dessen Beschreibung steht, dass sie dissoziative Symptomatiken und Wechsel nicht rausschneiden. Für die Authentizität.
Das und anderes haben mich dazu gebracht, mich zu fragen, wie authentisch wir hier sind. Und ob das überhaupt geht – authentisch sein, ganz man selbst sein, wenn man gar nicht so recht weiß, wie man denn ist.

Wenn ich einen Podcast aufnehme, dann will ich ihn gut machen, denn ich mache das auch für andere. Und wenn ich etwas gut machen will, dann schneide ich raus, was mir ungut erscheint. Heulen zum Beispiel, weil ein Thema so unfassbar berührt und traurighilflos macht. Wechsel zu Innens, deren Emotionalität ein Thema in den Hintergrund drängen würden. Oder auch Wort- und Sprachlosigkeit, deren Stille zu einer großen Anstrengung für Hörer_innen werden würde.
Vermutlich bin ich also nicht authentisch in der Sache. Vielleicht ist dabei nur authentisch, dass ich das überhaupt mache und so viele andere Betroffene nicht. Denn irgendwie sind wir, bin ich, immer irgendwie die Person, die Dinge tut, obwohl und obwohl.

Das war auch Thema neulich.
Obwohl.
Bloggen, podcasten, workshoppen, für Geld monologisieren vortragen, ein Buch veröffentlichen, rausgehen und Dinge machen, Leute treffen – obwohl bei uns nicht alles gut ist. Obwohl wir auch Angst haben. Obwohl wir auch nicht von uns denken, dass wir die beste Person für das sind, was wir bewirken möchten. Obwohl es schwer ist.

Das sind keine Dinge, die uns abhalten etwas zu tun. Ehrlich gesagt sind das sogar Dinge, die so tief in mich hineingefräst sind, dass sie zu kompensieren ein Teil meines Ich, unseres Rosenblätter-Ich, sind.
Aber sie haben den gleichen Stellenwert wie den Ärger darüber, dass ich meine Schreibfehler in den Texten immer erst Stunden nach der Veröffentlichung sehe oder wie das Gefühl aus der DIS-Blog-Szene ausgeschlossen zu sein, weil mehr als “Gut gemacht”, “Danke” oder Quark von dem klar sein muss, dass wir ihn nicht freischalten, bei uns nicht kommentiert wird.

Es gibt so viele hätte würde könnte wenn’s in unserem Leben. Wir kommen nicht hinterher damit und die Konsequenz dieser Unübersichtlichkeit und unserer Unzulänglichkeit Dinge anders zu machen ist, die Dinge zu machen, die wir machen wollen und zwar so wie wir wollen.
Das ist die Authentizität, die wir leben. Glaube ich.
Dass wir Dinge tun, um sie zu tun, nachdem wir uns entschlossen haben sie zu tun. Nicht trotz oder obwohl da auch Angst, Unzulänglichkeits- und Isolationsgefühle sind, sondern, weil sich diese Gefühle nicht damit verändern, dass wir nichts tun.

Wir machen sie nicht (mehr), damit Dinge besser werden. Wir machen sie, um sie gut zu machen. So gut wir das eben hinkriegen.

Und ja, ich glaube unsere Flashback-Reaktionen aufzunehmen, emotionale Innens andere Leute anpöbeln zu lassen oder Kinderinnens an PC und Handy zu lassen, führt nicht dazu, dass wir etwas gut machen.

Ich glaube auch, dass viele Leute Authentizität mit Nahbarkeit verwechseln.
Viele bezeichnen Menschen authentisch, mit denen sie sich verbunden fühlen. In denen sie sich selbst irgendwie erkennen können. Wir erkennen uns selten in anderen Menschen, und wenn dann nur in Stückchen. Wir ver.binden uns bewusst und auf Grundlage von wohlüberlegten Entscheidungen. Gefühle haben dabei keine leitende Funktion, sondern eher eine beratende.
Wir haben noch nie einen Podcast oder ein Blog abonniert, weil wir authentische Leute lesen oder anhören wollen, sondern, weil wir gut präsentierte Inhalte lesen/anhören wollen.

Vielleicht macht uns das komisch und unnahbar. Vielleicht sind wir auch so.
Keine Ahnung.
Es ist auch nicht relevant.

Wir sind nicht, was wir machen.
Wir sind angstvoll, unzulänglich und oft einsam – und wir machen Dinge.
Gleichzeitigkeit zu leben ist authentisch.

mit freundlichen Grüßen, eine “vermeidende ANP”

Nach manchen Therapiestunden mache ich mir Sorgen darüber, ob wir ~das~ jemals ~richtig~ hinkriegen werden.
Vor allem nach Stunden, wie den letzten, in denen das Vermeiden wieder deutlich spürbar als Verb im Raum stand nicht als das Ich, das in dem Moment da war.

Ich weiß nicht, ob wir unsere Kaputtness irgendwie falsch eingeordnet haben oder auch dort wieder Vermeidung eine Rolle spielt. Vielleicht ist das so, vielleicht ist aber auch der Umstand, dass wir viele Jahre lang als ein zusammenhängendes System gesehen und angesprochen (und entsprechend therapiert) wurden ein Faktor dabei.

Auf der “Fakt-Seite” ist mir klar, dass der strukturelle Aufbau der anderen Funktionssysteme in uns nicht sehr anders ist als der von uns Rosenblättern. Es gibt Innens, die das Trauma direkt an sich erlebten, Innens, die es beobachteten, Innens, die versuchten es zu kommunizieren, Innens, die amnestisch für das Trauma sind und allgemein eher einen Fokus auf die Aufrechterhaltung dessen haben, was sie als funktional und dem eigenen Überleben dienlich oder notwendig einordnen. Und ja, letztere sind bei uns in der Regel die, die – wie ich – mit enormen Fremdheitsgefühlen gegenüber anderen Innens zu kämpfen haben.

Und das ist die Basis. Damit ist noch nicht einmal gemeint, was andere Innens machen oder mögen oder wollen oder finden. Oder, was sie erlebt haben. Es ist schon furchtbar fremd und fern, dass sie da sind – so furchtbar und fremd, dass man es vermeidet, sie genauer zu erspüren.

Das ist die “Fühl-Seite”. Die, auf der ich mich jeden Tag damit konfrontieren muss, dass ich den Impuls einen Schritt zurückzugehen, auszuweichen, mich wegzuducken oder dem Gefühl eines Kontrollverlustes nachzugehen, unterdrücken oder umleiten muss, weil ich ja damit vermeide.
Mir passieren gruselige Dinge an und mit mir selbst – aber Angst haben darf ich nicht davor, denn das bin ja alles ich. Ich erlebe mich so oft so viel kleiner, zarter, durchlässiger, als ich bin – aber das darf mir nicht das Herz in die Hose rutschen lassen, mich ohnmächtig und schutzlos fühlen lassen, denn das bin ja alles ich – das ist ja alles mein Gefühl zu irgendwas und aber in Wahrheit ist ja alles ganz anders.
In Wahrheit bin ich erwachsen und kann meine Dinge tun. Nichts kann mich treffen. Mich berührt gar nichts – außer dieses fremde, in mir drin wühlende Sein der anderen. Und das soll ich irgendwie genuin in mich reinbringen. Dass das in Wahrheit alles gar nicht fremd ist, sondern ich. Obwohl es sich nicht so anfühlt.

Dabei soll ich sonst alles so machen, wie es sich für mich richtig anfühlt. Grenzen beachten, schauen was geht und was nicht. Bei allen möglichen Dingen soll ich das so machen – nur nicht, wenn es um mich und mein Gefühl für mich und meine Vergangenheit geht. Da ist, was sich für mich richtig anfühlt “Vermeidung” und damit die Aufrechterhaltung der Dissoziation. Und also, so fühlt es sich manchmal an, die Sabotage der gesamten Therapie.

Wie ungerecht das ist, habe ich in den letzten Therapiestunden verstanden. Einfach, weil ich es zum ersten Mal mit einem Innen tun hatte, dessen innerer Kosmos absolut nachvollziehbar, ja sogar nach-, mit-, ichlich fühlbar für mich ist. Und die Therapeutin ihm im gleichen spezifisch konfrontativen Ton wie mir sagte, es würde vermeiden, als sei das eine aktive Tätigkeit und nicht der Reflex als den sowohl ich als auch das Innen das erleben.

Für mich ist es nicht mehr die Art von Reflex, die aus Todesangst heraus greift. Das ist vielleicht ein Unterschied. Ich bin nicht so jung wie dieses andere Innen, lebe in unserem Alltag, mir fehlen die Erinnerung an unser Erwachsenwerden nicht. Meine Angst zu sterben ist eine andere als die dieses Innens.
Der Mechanismus hinter unserer Vermeidung ist aber der gleiche: Wir wissen nicht wie wir leben sollen, wenn wir nicht tun, was wir tun oder sind, wie wir sind.

Jedes Mal, wenn ich versucht habe Erinnerungen oder Sein anderer Innens als meines anzunehmen, hatte ich das Gefühl zu lügen und nach einigen Tagen des Aushaltens dessen, bin ich zerfallen. Ob ich wollte oder nicht, ob ich mich tiefenspecial darauf eingelassen habe, dass das alles ich bin und alles zu mir gehört und la la la Es hat mich verdisst, mir fehlten einige Tage und erst irgendwann Monate später in irgendeiner anderen Therapiestunde merkte ich an irgendeiner Kleinigkeit, dass mir die Erinnerungen und Bezüge, die ich doch annehmen wollte, komplett fehlen. Ja, dass ich manchmal nicht einmal mehr weiß, worum es grob dabei ging und in welchem Zusammenhang ich versucht habe, das anzunehmen.

Das ist jedes Mal ein Moment von Versagen für mich. Und jedes Mal denke ich an die ganze Zeit, in der wir schon arbeiten, die ganze Kraft, die es sowohl mich und uns als auch die Therapeutin gekostet hat und möchte im Boden versinken vor Scham.
Obwohl ich weiß, dass das – genau das – das ist, was die DIS zu einer Diagnose macht und, dass es so etwas wie eine Entscheidung zur Vermeidung oder Dissoziation nicht gibt. Ich weiß das und ich ziehe viel Kraft, die Therapie überhaupt weiter zu machen daraus, denn diese “Krankheit” ist ein Zustand. Die Diagnose bezieht sich auf die Zustände und die Desintegration dessen in einer einzelnen Person – ich bin ein Zustand. Ein Ich-Zustand. Die anderen sind ein anderer Ich-Zustand – von mir oder von jemand, die_n es jetzt vielleicht noch gar nicht gibt, weil da einfach nichts genug miteinander verbunden ist, um Selbst zu sein.
Zustände sind veränderlich. Ich kann mich ändern. Ich will mich verändern. Ich weiß nur nicht, wie ich “anders sein” machen muss oder kann. Als Tätigkeit.

Es ist ungerecht das auszublenden, nur weil es nicht der gleiche Lerninhalt ist, wie der mit dem Innens, die nie etwas anderes als Gewalt und Not erlebt haben, zu kämpfen haben.
Ich lerne hier auch gerade, wie man ohne Todesangst haben zu müssen, lebt.

der Song, das Jetzt, das tote Kind

Als ich mein Rad abstelle, setzt einige Meter neben mir der Song “Sweat” ein. Inner Circle, 1992. Sommerhit. Mir schießen Tränen in die Augen. Das Kind, das diesen Sommer erlebt hat, wird von uns seit dem Antrag auf Namensänderung zu Grabe getragen. Jeden Tag einen Millimeter weiter.
Die Sonne scheint. Ich mache meine Beine hart und versuche mein inneres Wanken innen zu lassen. Hier und jetzt in dieser Stadt wohnen wir. Damals war damals. Heute ist heute, ist hier und jetzt. Aaahaa haa haa

Seit der Unterschrift auf dem Zettel stelle ich mir vor, was wir mit dem alten Namen machen. Wir werden ihn nicht verlieren. Und natürlich ist auch die Idee, etwas von uns, das uns, das wir früher, zum Beispiel 1992, waren, zu beerdigen absurd. Das geht nicht, wird nie gehen. Und trotzdem werden wir das tun. Wir müssen das tun. Irgendwie fühlt sich das sicherer an. So, wie die ewige Ruhe, die wir uns an der Stelle einfach wünschen und anders vielleicht auch gar nicht herstellen können.

Und ja, es ist auch wie etwas endlich wirklich sterben zu lassen, an dem wir so lange und immer und immer und immer noch fest gehalten haben. Weil wir uns eben doch seit 17, 18 und in ehrlichster Wahrheit dann doch schon seit mehr als 25 bis vielleicht sogar 27 Jahren mit der Idee bescheißen, irgendwann würde doch alles wieder gut, wieder heil, wieder so, dass man es ohne Zweifel, Zögern, Zagen leben kann. Ohne alles das, was irgendeine Form der Ruhe verhindert.

Es ist Realität, dass wir zu viel in der Herkunftsfamilie gelassen haben, um heute sagen zu können, es sei einfach nur ein Namenswechsel. Das ist einfach nicht. Es ist auch Kapitulation. Eine Kapitulation vor der Tatsache, dass wir niemals in unserem Leben erfahren werden, wer das war. Wer dieses Kind war, das nur 14, vielleicht noch ein bisschen 15 Jahre alt werden konnte und dann da bleiben musste. Für immer. Schlicht und einfach unrettbar.
Nicht nur abdissoziiert und irgendwie verschüttet, sondern wirklich wie das Stück Seele, das man opfern muss, weil sich das Leben zu retten manchmal eben doch so viel kostet.

1992 waren wir 6 Jahre alt. Die Erinnerungen mit dem Song haben einen Sommer mit dichter Wärme, klebrige Teerwürste, Straßenplatten, das Fahren auf der Rückbank eines Autos sich drin. Luft, die nach Staub, nach Gräsern und Zigarettenrauch riecht. Und das überfordernde Angstkippeln zwischen einstürzendem Weinen und vibrierender Steifheit, die sich dagegen auflehnt, an der Aaaaah-Stelle des Songs.
Der Gedanke als 6 jähriges Kind mit so einem Kampf um, gegen, mit Emotionen belastet zu sein, macht mich fertig.

Nicht, weil es ist oder vielleicht war, sondern, weil es wirklich niemals Trost, niemals wieder gut, niemals ganz wieder heil geben wird. Nicht, weil die Wunde so groß ist, sondern weil das Kind schon tot ist. Schon länger, als wir uns das eingestehen wollten. Kinder wie dieses kriegt man mit keiner Traumatherapie wiederbelebt. Solche Kinder setzen sich nicht aus den Erinnerungsplittern zusammen, die man sich Stück für Stück zusammenerinnert.
Die sind tot. Gestorben. Abgenippelt. Verreckt. Abgekratzt. Ausgehaucht. Zu Ende.
Egal, wie toll man um ein Leben danach aufgearbeitet hat.

Die Musik stoppt.
Ich gehe zur Sparkasse. Die Fotokopie des Geburtseintrags im Standesamt der Geburtsstadt kostet 10 Euro, die wir an dem ganzen Wasser im Gesicht vorbei überweisen. Der Geburtsort verbindet uns mit der Mutterfrau genauso wie der Geburtseintrag. Wieso ist sie nicht einfach allein geblieben, so wie sie da allein drin steht. Keine Antwort. Jemals. Irgendwie geht es uns ja auch überhaupt nichts an. Es war ihre Entscheidung, wir waren noch nicht, das Kind damals auch einfach nur da. Zufällig quasi mit aus Versehen reingeschliffen.

Jetzt gehe ich durch meine Heutestadt und schwappe bei jedem Schritt aus dem Kopf auf die Brust auf den Boden ins Hier von 2019. In mir drin rascheln Federn. “Deshalb heißt es ‘Trauerjahr’ und nicht ‘Trauermoment’, mein Herz.”.
Ich denke, dass da was dran ist und verstehe, wieso ich über alles das gerade so vergleichsweise großzügig weinen kann. Denn das Leben danach ist ja auch immer nur Leben, und doch ein anderes Leben. Ein anderes Vorsichhinleben. Man muss alles ein erstes Mal machen. Ein neues weiteres erstes Mal, in dem man tut, was man immer tut, während alles anders ist. Neu. Fremd. So noch nie gewesen.

Das bewusste Loslassen der Hoffnung auf einen Originalzustand, so wie das Kind, das war, bevor wir uns in die Erwachsenheit überlebt haben, ist so noch nie gewesen. Das Gefühl seine unsichtbare Leiche auf uns drauf durch die Gegend zu tragen, während wir darüber nachdenken, wo wir es beerdigen, auch nicht.

Es ist ein zweites Danach.
Ein gutes. Ein wichtiges. Aber auch eins, in dem wieder etwas Unersetzbares für immer fehlt.

Buchrezension: “zusammen gehalten, Dissoziation, Identität, Struktur”

Dieser Text enthält unbeauftragte Werbung.
Das Exemplar haben wir kostenlos von P. Rabe erhalten.

 

Spürbare Fragmente
Als “buntes Puzzlewerk” beschreibt sich die Autor_in Paula Rabe, die ihr Buch “zusammen gehalten, Dissoziation, Identität, Struktur” im Selbstverlag veröffentlicht hat.
Rabe ist Viele, die dissoziative Identitätstruktur nach organisierter Gewalt Kernthema der 93 Seiten starken Broschur. In Gedichten, Kurzgeschichten und aufbereiteten Momentaufnahmen wird das dissoziierte Sein anschaulich und er.fassbar beschrieben.

Stück für Stück
Jeder Text in dem Buch, ob Poesie oder Kurztext, ist Teil und Solitär zugleich. Zusammenhänge zwischen den Texten bieten einzig die Kapitelnamen, die wiederum einzelne Aspekte eines Er_lebens benennen.
”zusammen gehalten” erzählt keine Geschichte, es zeigt auf Geschichten, Er_Leben, Sein und Prozess in jemandem, die_r Viele unter Vielen nach organisierter Gewalt ist.

Intuition statt Kognition
Die Lektüre führt in das bisher für DIS-Literatur eher wenig genutzte Feld der Intuition als Mittel zur Annäherung. Nur wer mitschwingt, kann folgen. Wer das Erfasste kognitiv einordnen möchte, bleibt zuweilen ohne Orientierung.  Was bleibt ist das Weiterlesen. Die Motivation dazu muss intrinsisch sein, denn das multidimensional strukturierte Buch bietet keinen Anreiz linear von Anfang bis Ende zu folgen.
Wer es jedoch tut, wird mit Poetry-Slam tauglichen Gedichten und Einblicken in die innere Kommunikation des_der Autor_in.nen belohnt.

Für alle, die ein Gefühl dafür bekommen wollen
Paula Rabe gelingt mit “zusammen gehalten” eine Sammlung emotional anrührender Stücke, die Verbündeten und Helfer_innen eine Idee von dem vermittelt, was es bedeutet Viele zu sein und sich in Richtung Heilung von komplexer Traumatisierung zu bewegen.
Dies und der Aspekt der Signalwirkung, die jede von selbst konkret betroffenen Menschen verfasste Literatur hat, kann sicherlich auch anderen Vielen hilfreich und wohltuend sein.

„how autism feels from the inside“

„Sometimes, like, you make plans, but, again, these promises and plans always go into chaos.
Its like – I think according, like, to Nietzsche, that life you think has one circle, but no, there are added circles to extra added circles, which create chaos. And than you – its sort of like you’re drowning.“

Ja, „like you’re drowning“, als würde man ersticken. Die Welt verliert alles Licht, jede Richtung, jeder Kontext verliert sich in Mustern, Kreisen, Ebenen. Als würde man das Sterben leben. Ohne Sinn, ohne Halt. Und dann kickt die Traumascheiße. Die Erinnerung daran, wie das war, als man kurz davor war zu ertrinken. Als man kurz vor dem Ersticken war. Als Leben um das Sterben, das beinahe, das ersehnte, das unkontrollierbare Sterben kreiselte.
Und dann ist es bei uns kein Tagtraum, sondern das Leben von jemand anders. Ein anderer kleiner extra hinzugefügter Kreisel, der die Lücken schließt, Kontexte verbindet, die Zeit, den Moment, das Alles festhält und in sich zu etwas verbindet, das er_lebbar ist.

Behinderungen sind nicht sekundär. Nicht für uns. Wir sind die Behinderung, unser Menschsein ist auch, behindert zu sein. Ist wir sein. Deshalb sagen wir „behinderte Menschen“.

Ich mag, wie unsere Perspektive, der Perspektive von Jordan in dem Film, einen kleinen Kreisel hinzufügt und die Verbindung die self advocacy ist. Kein Chaos.