wenn was ist

Der Knopf an dem Beistelltisch ist rotorange und unter ihm ist eine androidhafte Gestalt mit Schwesternhaube abgebildet. Ich habe nichts zu tun. Liege hier rum, denke über die Tiefe dieser Grafik nach, höre den schnellen Gummisohlenquietscheschritten der Pfleger_innen über den Stationsboden zu.

Wenn was ist, soll ich mich melden.
Ich weiß nicht, was “was” hier bedeutet. Wenn mir der Puls im Hals flattert, wird er abgezählt und neben den aus meinem Arm gequetschten Blutdruckwert geschrieben. Dann werde ich wieder alleingelassen. Wenn es in meiner Brust wieder sticht, drückt, beengt und das Atmen schwer wird, dann wird der Puls abgezählt, der Blutdruck erquetscht und danach schließt sich die Tür wieder.
Mehr habe ich nicht. Nicht kommunizierbar und wenn, dann ist es innerlich. Psychisch, autistisch, traumatisch.

Ich traue meiner Wahrnehmung nicht. Weiß, dass ich weit über meine Kompensationsmöglichkeiten hinaus überreizt bin. Sensorisch wie geistig, wie psychisch. Ich, wir, haben nicht ein einziges Mal geweint, haben es nicht einmal versucht. Alle Geräusche der Welt sammeln sich in meinem Kopf und verdrängen jeden noch so kleinen Raum. Allein der Umstand, dass wir gerade nicht funktionieren müssen, verhindert einen explosiven Meltdown.
Was bleibt, bin ich. Der funktionale Shutdown.
Mein Sein ist das Schwingen. Vor und Zurück. Auf und Ab. Rein und Raus. Ich bin nicht durchlässig. Aber ich funktioniere so, als sei ich es.  Ich schwinge mit. Mit den Menschen, die mit mir sprechen und dem Innen, das sich unter meiner hauchdünnen Oberfläche zu einem undurchdringlichen Stein zusammengedrückt hat.
Dann und wann sickert Hannah bis zu mir und findet sich so normal wie lange nicht. Fühlt sich gut in dem Plauderkontakt mit der Mitzimmerbelebungsperson, badet in der Zeit mit dem Freund, C. und F., die zu Besuch kommen. Dass sie rausschwingt, was das Außen auf meine Oberfläche wirft, weiß sie nicht. Das merkt sie erst jetzt beim Lesen dieses Textes.

Wenn was ist, ist jemand da. Vielleicht ist man zu nichts anderem im Krankenhaus.
Dass man nicht alleine ist mit etwas, das man nicht so richtig versteht, das eigene Leben als bedroht empfinden lässt und manchmal auch mit Schmerzen einher geht.
Es ist so wie unser Da_Sein. Nur anders.

Dass was ist, erfahren wir, als wir entlassen werden.
Als etwas ist, da gibt es keinen Knopf zum Drücken.
Nur unser Da_Sein und die Freund_innen, die das aushalten.

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