Selbst- Bilder

Es begann damit, dass die Therapeutin ihren Satz sagte. “Vielleicht ist es eigentlich kein Satz, sondern ein Sinnsubstitut. Ein Platzhalter, der hervorgeholt wird, weil er eigentlich eine Krücke über eine Eselsbrücke ist”, dachte ich.
Immer wieder diese Frage danach, wer die Verantwortung trägt.
Obwohl doch eine/r der VerantwortungsträgerInnen vor ihr saß.

Ich weiß, dass es bei den Bildern um Sichtbarkeit/ Klarheit geht. Vielleicht auch und immer mehr, seit die Themen konkreter werden, manche Dynamiken und auch Innens schärfer konturiert in klareren- logischen Kontexten wahrzunehmen sind. Die Logik der Mechanismen langsam logisch erscheint.
Ich weiß, dass es auch darum geht, zu sehen, dass es immer ein Körper ist.

Das Innen hatte sich fotografiert. Man sieht Wut und auch, wie offensiv und zeitgleich im Dunkeln zu bleiben bemüht es agiert. Es ist sichtbar.
Plötzlich erschien die Frage der Therapeutin nicht mehr kontextunabhängig, sondern nachvollziehbar. Auf den Fotos ist der Blick abgewendet, der Mund verschlossen, der Körper frei und dem Licht zugeneigt. Der Kopf ist zu, der Rest des Körpers bar jeder Verletzlichkeit.
Es gibt keinen äußeren Anhaltspunkt für das, was es für uns trägt.

Ich hatte mir einen großen Spiegel gewünscht und wollte sehen, was zu sehen ist.
Was heil geblieben ist. Was einen Wert hat. Wo keine Sollbruchreisslinien in meinen Hand-und Schulter, Hüft- und Fußgelenken sind, obwohl ich sie im Moment stetig knirschend oder grell aufreißend wahrnehme. Ich wollte sehen, wie es aussieht, wenn ich die Füße auf den Boden stelle. Ob ich meine Füße sehe.

Dann kam die Kunst als Möglichkeit Entlastung zu schaffen. Das Grafiktablet zog ein und mit ihm die Möglichkeit auch unter Schmerzen malen zu können, weil weniger Bewegung gebraucht wird.

Zwei andere Innens machten Fotos von sich. Das eine blitzt verschmitzt an der Kamera vorbei- so wie es immer an Menschen und ihren Augen, auch ihren künstlichen, vorbei blitzt. Das andere macht Quatsch. Kennt die Kamera genau, benutzt sie jeden Tag.
Und ich?

Die sich die ganze Zeit ansehen wollte; vielleicht sich sehen, in und an sich einen Wert sehen will; ein “das Leben wert sein” finden muss- Ich, die das “Sie wissen, sie wurden schwer missbraucht” mit sich in Verbindung zu bringen noch immer scheitert-
Ich schäme mich und halte dennoch gnadenlos drauf.

Ich wunderte mich, dass das Bild am Ende nicht unscharf war. Dass ich es ansehen konnte, nachdem ich wusste, dass ich mich gequält- mich verletzt hatte dafür.

Gestern Abend malte es dann jemand ab. Ich erinnere das Streichen des Stiftes, später auch der Finger über dem Tablet, so als würde ganz vorsichtig über meinen Kopf gestrichen. So als hätte ich mich berührt, obwohl nicht ich die Bewegung dazu ausführte.

Irgendwie war es ein Akt, ein Stück Nichtecht und doch real.
Als hätte das Innen, das mich malte mich gesehen. Nicht nur als das Foto, das dann doch eigentlich nur Haare zeigt, sondern ganz mich in meiner Scham, meinem Selbsthass, in all dem: “Ich will das, aber ich… ich bin so scheiße.”.

Es ist Kontakt.
eine Art Berührung, mit dem MirIchSelbstSein, mit der ich nicht gerechnet hatte.

Das da bin ich, wie ich etwas auf genau meine Art tun will und daran scheitere. Das bin ich, wie ich mich beim Scheitern, beim mich selbst hassen fotografiere, um im Nachhinein so etwas, wie ein Michzeigen und Michsehen möglich zu machen.

Selbst-Bild2

Ich verstehe jetzt, warum ich noch immer keinen großen Spiegel habe.

Es ist leben

Nebelweg2 Ich wartete auf den Moment, in dem die Worte weg sein würden und lief an ihrer Seite durch den Nieselregen.
Die Feuchtigkeit ließ unsere Haare Kringel schlagen und trug mir die Laute aus dem Mund, wie eine Quelle den Bachlauf.

“Ich bin nicht stark.”, sagte ich und die Hitze meiner Scham stieg hinter meine Augen, als hätte ich ein Geheimnis- eine Wahrheit tief aus mir heraus gestanden.
Mein Blick hielt sich an ihren Schuhen fest. “Es ist nur… überlebt. Nur über etwas drüber gelebt. Das ist nur leben.”.

Ich versuchte am Himmel vorbei ins Universum zu schauen. Zu sehen, ob etwas auf mich schaut. Vielleicht böse oder mahnend.
Doch außer dichten, vom kreischenden Licht der Welt, angestrahlten Wolken, war nichts zu sehen.
“Ich habe nichts dafür getan zu leben. Das ist einfach passiert. Ich lebe einfach nur. Die ganze Zeit.”. Ich schaute zu ihr und streifte ihre Augen, um an den kleinen Tropfen auf ihrem Mützenrand auszuharren. Beobachtete vom Rand meiner Iris aus, wie meine Worte in sie hineinfielen.

“Manche Menschen verwechseln die Wucht dessen, was wir erlebt haben, mit dem, was nötig ist, um übrig zu sein.”. Ich spürte, wie mich ihr Sein aufspreizte und wie auf einen weißglühenden Draht gezogen, die Luft anhalten ließ. “Verstehst du das?”.

Sie runzelte die Stirn und zog ihr Gesicht zurück, so dass es fast gänzlich hinter ihrem Schal verschwand.

“Da ist dieses Denken, dass man gegen alles kämpfen kann, wenn man nur will oder muss. Als wäre es ein Kampf zu leben.”. Ich sehe sie aus ihrem Gefängnis heraus über den Boden schauen. Sehe wie ihre Finger nach Moos tasten, um Feuchtigkeit herauszudrücken.
“Der eigentliche Kampf ist aber, bewusst zu kriegen, dass man noch nicht tot ist.”.

Die Gemögte hielt uns ihre Hand hin und ließ sie sinken, als sie keine Anstalten machte, danach zu greifen.

“Alles, was dann kommt ist leben auf die Art, wie es dann gerade geht. Mit allem was übrig ist. Von einem selbst und dem was man im Außen findet.”, sie streichelte NakNak*s Halskrause und gab ihr ein Stück Käse. Ich fühlte ihren Durst. Spürte, wie ein Etwas beiläufig die Tropfen aus NakNak*s Fell von den Fingerspitzen aufnahm.

Ich drehte mich zu ihr und versuchte im Dunkel zu sehen, wie es ihr ging.
”Es ist nicht fair…”, sagte sie tapfer erstickend, was in ihr wallte und sich an mir brach.

“Es ist das Leben.”, antwortete, was mich zerriss und mit dem Dunst des Dezemberabends verschmelzen ließ.

Konsultation

„Ich schaffe es nicht, mich um einen Klinikplatz zu bemühen“

„Stimmt- sie schafft es nicht, sich aufzureiben. Wissen sie- wir reiben uns täglich an ihr auf. Sie bezeichnet uns als Schleifpapier um ihre Seele herum. Sie ist so schwach- hält nichts aus. Sehen sie das hier- gucken sie mal hier: bis hierhin schaffe ich das!“, sie hält das Gedärm, das ihr aus dem Bauch heraushängt vor die Rückseite der Iris, als könnte die Neurologin sie sehen.

„Eigentlich hab ich grad erst das Gefühl da in der Therapie atmen zu können. Also zu dürfen.“ Sie runzelt die Stirn, „Ich hab mich nach der letzten Stunde nicht wie eine Versagerin gefühlt. Es ging mir okay- ich … also…“

„Uh ja wissen Sie, die Psychenserin hätte ja auch ihre Hand für andere Gesten- vielleicht in Richtung daherquakende Fresse- benutzen können. Für dies Muckschi hier ist das so Husch to Husch- sie wissen schon. Ich fänds ja besser wenn ihr endlich mal einer eine reinhaut.“, sie haut mit ihrer Faust auf ihre Handinnenfläche. Das Blut darin verursacht ein schmatzendes Geräusch. 

„Ich glaube, ich werde psychotisch. Irgendwie ist das so der Punkt, glaube ich, an dem irgendwie etwas durchdreht. Da will ich nicht in einem Krankenhaus sein, wo sie mich behalten könnten.“.
– „Wieso glauben Sie das?“, die Neurologin guckt sie an. Legt den Kopf etwas schief.
„Ich sehe dauernd eine Hand, die auf mich zukommt und…“, sie macht eine Bewegung mit der eigenen Hand und verschluckt den Rest des Satzes. Spürt die Hand um ihren Hals.
– „Das sind Erinnerungsbilder…“

„Jaaaahaaaaahahahahahahahahahaaaaaa Erinnerungsbilder, hm klar
KLAAAAAharrrharrharrr
EKT bitte. Jetzt. Für sie Frau Fachfrau- ich such mir jemand, der diese Lügenscheiße nicht weiter verbreitet“, sie versucht nach der Haut der anderen zu greifen.
Ein Paar Arme legt sich um ihren Oberkörper und hebt sie hoch. „Ich glaub nicht, dass das Lügenscheiße ist. Und ich glaube by the way auch nicht, dass dein Geschrei hilfreich ist. Für dich vielleicht- aber nicht für uns und sie.“. Sie trägt das keifende Bündel mit sich in fernere Tiefen.

„Ich nehme das ernst, wenn sie sagen, dass sie sich psychosenah fühlen. Es gibt ein Medikament, das diese Grenze stärken kann. Es ist ein mittelpotentes Neuroleptikum“. Sie schauen sich an. Sie antwortet: „Eine der häufigsten Nebenwirkungen von Neuroleptika sind Halluzinationen.“.

„Genau. Dazu kommen Nervenzellensterben, ungeklärte Wirkungsweise, krasse Nebenwirkungen und ganz eigentlich brauchst du nicht das, sondern nur Mut. Du musst mutiger sein. Ich verstehe nicht, wieso du so ein Hasenherz bist. Echt nicht. Dir passiert doch nichts. Dir ist noch nie was passiert.“, sie sitzt mit dem Rücken an sie gelehnt und dreht Haare um ihren Zeigefinger.

„Ich kann nicht abgeschossen draußen herumlaufen.“, sie denkt an ihre Therapeutin und daran, dass sie von einmal Umknicken und im Graben liegen bei nächtlichen Minusgraden gesprochen hat. „Und andere Nebenwirkungen?“.

„Nope- ich werd auf gar keinen Fall jemanden bitten, bei uns zu schlafen oder uns bei ihnen schlafen zu lassen um das zu testen. Hallo? Nee! Vergiss es- wir sind groß und außerdem- ich sag dir das noch mal- das ist nicht, was wir brauchen. Du musst mutiger sein und das jetzt hier einfach auch mal mit uns durchgehen. Das ist „Erinnern“- mit den Pillen machst du „Leiden“… oder naja- besser gesagt: „Krankheit“ daraus.
Die ganze Nummer hier ist Absicherung von der Therapeutin und Vermeidungstanz von dir. An der Stelle ergänzt ihr euch echt perfekt.“, sie knufft sie sachte in die Seite und lacht.

„Bei dissoziativen Störungen kann man es nie so genau sagen. Es gibt Nebenwirkungen und paradoxe Wirkungen. Das muss man dann sehen.“, sie schaut sie an. Weiß vermutlich, dass eigentlich auch nichts mehr gesagt werden muss. Es ist immer das Gleiche, wenn sie miteinander über Medikamente sprechen. „Wollen Sie es versuchen?“.
Sie nickt
.

„Ey- Hallo?!“, sie steht auf, tritt in ihr Ohr, in ihr Denken hinein und fragt, ob sie noch alle Schweine im Rennen hat.

Aus dem Off quillt ätzendes Lachen und frisst sich die Beine herunterrinnend durch die Haut.

negativhimmel

das Ist

Stifte rollen über den Tisch, Farben ergießen sich auf festes Papier und zerlaufen zu Formen.
Töne und Laute schrauben sich im Hals zusammen, um von der Zunge springen gelassen zu werden.

Da passiert so viel, wenn sie miteinander telefonieren.
Es braucht das freundlich vorsichtige „Hei du“ um anzufangen; die Lautsprachenmaschine im Rachen anzuschalten, die Betriebssysteme hochzufahren und aus dem stummstillen Sein, das nicht einmal mehr mit dem Hund sprechen kann, heraus zu brechen.

Es ist eine komplizierte Sache geworden das Sprechen. Die Sprache. Die Fähigkeit etwas auszusagen.
Treffen und soziale Interaktionen, die direkten Kontakt erfordern, sind abhängig von einer gewissen Unwissenheit, einem: „Ach ich red halt drauf los.“ vom Gegenüber, um die Tür zum Sprachserver zu öffnen.
Wenn es keine Ansprache gibt, gibt es keine Worte.

Das ist eine Abhängigkeit, die sie genau spürt und von der sie bemerkt, dass die meisten Menschen überhaupt keinen Zugang zu diesem Umstand haben.
„Ich bin ja auch verrückt“, denkt sie und schmiert eine weitere Schicht Panzerplattenepitel auf ihren Rücken.

Sie kann es noch.
Worte sammeln. Sinne bündeln. Fäden spinnen, aus denen ich Texte webe.
Sie kann es noch.
„Hei du“ wie Morgentau auffangen und in den Rachen fallen lassen. Erste Satzreflexe abhusten und sich der Situation versichern.

Dann sprechen andere und die sprechen anders.
Sichtbar, fröhlich, freundlich, offen und bewusst. Nah und fürsorglich, manchmal albern oder besorgt.
Die Ansprache macht sie wach.

P1010188Sie öffnen sich wie eine Rose von Jericho und lassen ihre Kunst zur Sprache ohne Worte werden.

Sie selbst hat sich einen Orden gemacht.
Für außerordentliche Mutigkeiten.

Dazu gehört das Telefonieren genauso, wie das Nichtsterben, wenn sie die Bilder am Morgen einsammelt und in die Mappe legt.

Wortlos, denn wann sie das nächste Mal ein Mensch anspricht, damit überhaupt Wortmaterial in ihrem Kopf landen kann, ist von Tag zu Tag anders.

Das ist, das Ist.

geguckt

Sie stehen vor dem hellgrauen Gebäude und schauen in den Himmel.
„Hümm, also das ja mal ne Nebelsuppe, die heut zu uns serviert is, ne?“, sie dreht sich halb nach innen. Versichert sich mit dem blinden Auge. „Das ist nich so gut zum Fotos machen. Dann sieht das aus wie ne Fischfabrik und nich wie ein Erwachsenenhogwarts.“.
Unter ihrem Gesicht arbeitet es in Richtung Enttäuschungsflunsch.

„Du kannst alles fotografieren, was du willst. Das ist deine Stadtführung, mein Herz.“.
Sie atmet ein und lässt meine Federn wieder los.

„Ist gar keiner da der sagt: „Pfoten weg“. Das ist schön.“, sie schaut sich um, lässt ihre wurzelfeinen Antennen wie Schneckenfühler aus ihrer Stirn wachsen und tastet das Umsieherum ab.
„Hab ja ehwieso gar keine Pfoten, ne? Ich bin ein Mensch mit Händen mit 8 Fingern und 2 Daumen… ne?“, noch ein kurzes Versichern zu mir. Ich nicke bestätigend: „Ja mein Herz, du bist ein Mensch.“ und hoffe, dass unser Gespräch noch ein Stück tiefer als bis hier hin sickert.

Diese Fläche hier ist vergleichsweise tot.
Es gibt Beton, Gras, eine hier offenbar obligatorische Baustelle, ein bisschen umher fliegender Müll und Herbstlaub.
Sie hat Recht. Ohne die Sonne, die gestern so schön schien, kann man die Universität, in der wir in den nächsten Tagen noch öfter sein werden, nicht ins rechte Licht rücken.

„Guck maaaal!“

BielefelderFeder2
Sie macht ein paar Aufnahmen, hält den Finger fest auf dem Auslöser, hat den Mund offen.
Behält die Pfoten bei sich.
Niemals würde sie die Objekte anfassen.

„Eigentlich will ichs ja wieso nicht anfassen. Ist schön so…“.
Ich nehme sie zwischen meine Federn um sie zu beruhigen. Sie hält sich fest, pulst flirrend.

Wir schweigen. Gehen weiter.
Irgendwann ist es kurz vor 16 Uhr. Wir müssen rein, wenn wir etwas lernen wollen.

named

benannt2Es gibt Dinge, über die mache ich mir erst Gedanken, wenn so etwas wie vor ein paar Tagen passiert.
Wir liefen mit unserer Gemögten durch den Wald und irgendwo in unserem Gespräch mischte sich ein anderes Innen hinein.
Das ist etwas, das oft passiert und in der Regel ist das für mein Gegenüber nicht so zu spüren. Wir erwachsenen Innens, die viel Alltag leben, sind nicht so wahnsinnig unterschiedlich nach Außen bis auf Kleinigkeiten, die erst dann zum Merkmal für „Oh- das ist jetzt aber jemand anders“ werden, wenn jemand von unserem Viele-sein weiß.

Wir kennen diese Gemögte jetzt seit ungefähr 3 Jahren. Dass wir ein Mensch mit „Wir- Gefühl“ sind, haben wir ihr nach einem dreiviertel Jahr erzählt. Wie das alles so ist, haben wir ihr mit Bücherbergen und Wortgebirgen erklärt und den Rest einfach miteinander gelebt.

Als wir im Wald standen, fragte sie das Innen an der Front, ob es ihr ihren Namen sagen könne und ja, das hat mich geplättet.
Das ist eine Art Interesse, das so tief geht, dass ich nicht sicher bin, ob klar ist, wie tief. Was diese Frage mit Offenheit zu tun hat und nicht zuletzt einer Art gelebter Unlogik, die einerseits ein Selbstgefühl stärkt, andererseits die Funktionsweise der Einigkeit von Namen für Menschen ad absurdum führt.

Menschen werden geboren und es wird ein Name vergeben.
Das ist so, weil darum.
Anstatt weiterhin zu warten, welche Eigenschaften die kleinen Menschen entwickeln und sie anhand dessen zu benennen, wie es lange Zeit in Europa noch Normalität war (Stichwort: Kindersterblichkeit), gab es irgendwann einen Umschwung zur Namensvergabepraxis. Ob es daran lag, das auch kleinen Menschen eine Seele und ein Selbst zugestanden wurde, das benannt werden wollte oder, ob es einfach so war, dass es üblicher wurde, wenn ein Kind das 5te Lebensjahr erreichte, weiß ich nicht.
Trotzdem finde ich den Ansatz, den Namen nach den Fähigkeiten oder auch Eigenschaften des Menschen auszusuchen, an sich clever.

So in etwa, habe ich auch meine erste innere Landkarte gestaltet. Ich wusste nicht, wie sich die Innens selbst benennen und hatte nur die Beschreibungen von Außen. So gab ich ihnen Namen, um in der Therapie über sie sprechen können und so wiederum irgendwann auch mit ihnen sprechen zu können.

So wurde mein eigenschaftsbezogener Name für sie zum Werkzeug, mich an ihr Sein, das einen anderen Namen hat, anzunähern.

Im Therapieverlauf habe ich dann die Namen ergänzt bis irgendwann so ein Punkt war, an dem klar wurde, wie privat die Namen der Innens sind und was für eine Nähe mit dieser Privatheit einhergeht.
Ich muss niemandem besonders nah sein, um zu sagen, dass ich Hannah heiße. Es gibt aber auch Innens die sich schutzlos und vielleicht auch wie enttarnt fühlen, wenn sie benannt werden.
Das war für mich ein Moment, in dem mir auch ein Stück weit klar wurde, was damit gemeint ist, wenn es heißt: „Du bist dazu da, andere Innens zu schützen.“. Ich bin nicht nur dazu da, Teile des Lebens für sie zu leben, die sie überfordern, ängstigen oder für die sie einfach nicht gemacht sind, sondern eben auch, um einen Abstand zu anderen Menschen zu generieren.
Was sich hier gezielt „gemacht“ anhört ist etwas, das sich einfach so entwickelt hat, weil es nötig war. Das ist, was sich hinter dem Begriff „struktureller Dissoziation“ befindet. Es ist nicht: „Wir bringen mal System (Funktion nach Schema) in dieses wirre Dissoziieren“, sondern: „Oh- da ist Struktur im scheinbar wirren Dissoziieren“.
Auch im Hinblick darauf, dass es Menschen gibt, die trotz Bewusstsein um Trauma und die Folgen- vielleicht auch Wissen um Dissoziation und ihr Spektrum-  von außen versuchen „Ordnung reinzubringen“, ist es vielleicht sinnig nochmal zu sagen, dass die Namen, die dort hin- und hergeschoben werden; eingeordnet und sortiert werden, ein „jemand“ sind, das einfach -ist-.
Die Ordnung ist schon da- sie muss nicht reingebracht werden. Sie muss nur verstanden werden.

Das ist die Übergriffigkeit, die für mein Gefühl viele Menschen nicht auf dem Schirm haben, wenn sie so etwas sagen wie: „Ja dann sag dem Innen doch, dass es dies und das nicht mehr machen soll“ oder (Bullshitbingo:) „Dann macht das doch so: der macht das, der macht das und der macht das…“.

Da beginnt der Bereich der gelebten Unlogik, den ich eingangs erwähnte.
Wir sind alle Eine- doch jede/r/s von uns ist Eine/r/s.

Ich habe nie darüber nachgedacht, warum ich auf den Körpernamen reagiere- für mich, vor mir selbst, aber Hannah heiße. Ich weiß nicht, woher ich immer genau wusste, dass mein Name etwas ist, das nur meins ganz allein ist. Heute weiß ich, dass ich in einem Moment „geboren“ wurde, in dem „ich“ eben nicht -war-. Weder Name, noch Identität; in meinem Fall eben nur noch Eigenschaft mit Kompatibilitätsoption nach außen.
Es gibt Innens bei denen nicht einmal mehr das da war.
[Von außen wird das gern als der Moment der Selbst- entfernung/trennung (Dissoziation) bezeichnet- für uns ist dies allerdings ein Zustand- darum das „-war-“ und „-ist-„]

Sich selbst zu benennen ist eine Art der Aneignung seiner Selbst, die unfassbar viel sein kann, wenn eben das eigene Sein nach Außen so nicht mehr -ist-, vielleicht auch nie anerkannt oder auch gewahrt wird.
In der Hinsicht haben zum Beispiel auch Menschen mit Transidentität oder auch Intersexualität meine volle Solidarität, wenn sie sich für einen anderen Namen entscheiden. Es geht darum sich an sich selbst- sein eigenes Selbstsein  anzunähern- innerlich, wie äußerlich.
Es fällt mir nicht schwer zu sehen, dass eine „Maria“, deren Körper mit „Martin“ benannt wird, mit jeder Körpernamenserwähnung missachtet und ja, so auch gequält wird- also Gewalt erfährt.

Die innere Namensgebung fällt so auch in einen Bereich, der nach außen oft übersehen wird, wenn es um Gewaltleben und -überleben geht.
Gewalt ist all (selbst-) umfassend, doch etwas vom „Vorher“ (auch dann wenn selbst dieses „Vorher“ eines voller Gewalt ist) bleibt immer. Irgendetwas bleibt und entwickelt sich unter den gegebenen Umständen weiter.
So betrachte ich unsere Namensgebung im Innen als Fähigkeit zwischen innen und außen doch sehr wohl unterscheiden zu können- obwohl die Anpassung (bei manchen Innens bis zur Verschmelzung) immer wieder nötig war, um zu überleben.
So bildet die Selbstbezeichnung bereits eine Art Schutz vor Zerfall, denn benannt wird nichts, was nicht ist. Der Moment des Nichts-sein- des „nicht -seins-“ ist der, den es zu umgehen gilt.
Wenn etwas -ist-, kann es nicht -nicht sein- .

Übersehen wird manchmal, dass Aneignung etwas ist, das so lange funktioniert, wie Anzueignendes da ist und sei es eben jenes kleine -ist-, das noch ist, wenn sonst nichts mehr -ist-.

Ich denke nun ist erkennbar wie kostbar das ist, was unsere Namen bezeichnen?

Für das Miteinander mit dem Außen bedeutet das Folgendes:
Ich bin da, wie gesagt, nicht so. Ich finds schön, wenn Menschen mich mit „Hannah“ ansprechen und nicht mit „Körpername“ oder noch schlimmer „Frau Körperfamilienname“.
Ich kann das aber erst haben oder in der Folge logisch nachvollziehbar einfordern, wenn das Außen
a) weiß, dass ich als Einsmensch multipel bin, aber gerade als Einzelinnen – da bin-,
b) weiß, was das bedeutet
c) mir das glaubt
und d) wenn dann noch so viel Wertschätzung für mich/uns da ist, dass mir zugestanden wird, mich wohl zu fühlen, wenn ich angesprochen werde.

Manches Außen fragt vielleicht nun, ob es jedes Innen erkennen und mit „seinem/ihrem/deren Namen ansprechen muss.
Bei uns ist das nicht der Fall. Es gibt als gesamtinneren Konsens, dass der Körper(familien)name nicht passt und jeder Name besser ist, als dieser. So lassen sich auch viele andere Innens eben „Hannah“ oder eben wie hier im Blogkontext „Hannah Cecile“ oder nur „C(ecile)“ Rosenblatt nennen.
Da ist jeder Mensch (mit DIS) anders. Ich habe schon von Menschen mit DIS gehört, die von ihren Mitmenschen gewünscht haben, jeweils mit den „richtigen Namen“ angesprochen zu werden und von Menschen mit DIS, bei denen die Innens nicht so eine Aversion gegen den Körpernamen hatten und sich auch so nennen ließen.

Das Namensgefühl verändert sich auch.
Die Selbstbenennung schwankt bei mir auch mit dem inneren Beieinander.
So ist es dann manchmal so, dass ich in der Therapiestunde sitze und die Therapeutin mich fragt, mit wem sie gerade spricht. Manchmal fühle ich niemand anderen und antworte dann: „Hannah“ und manchmal fühle ich ganz deutlich- fast organisch mit mir zusammengeschmolzen ein anderes Innen und antworte: „Hannah und…“. Es gibt bei uns einige Innens die, nachdem sie auf Dauer verschmolzen waren, eine ganz andere Selbstbezeichnung für sich hatten.

Benannt wird immer, was ist- nicht was sein könnte oder sein soll, wie das eben im Außen passiert, wenn ein Neugeborenes direkt einen Namen zuschreibender Bedeutung bekommt.

In der Situation im Wald kippte das Innen auf die Frage weg.
Vermutlich genau über die Kante, über die ich stolperte und die mich bäuchlings vor die Füße unserer Gemögten fallen ließ.
Es war zu nah, obwohl als Frage an sich völlig in Ordnung und folgerichtig im Annäherungsprozess an uns als Vielheit.

Aber unsere Namen sind das, was wir uns ganz allein gemacht haben. Unsere Namen haben uns – jede/n/s für sich allein, -sein- lassen, als gar kein -Sein- mehr war.
Der Name ist das bisschen Selbst, welches alles im Innen benannte und über alles hinweg gerettet werden konnte. In unserem Fall, ohne bewusste Überlegung, sondern einfach so. Vielleicht, weil das etwas war, was noch ging. Trotz und wegen allem, was war und was eben nicht war.

Das wird eben nicht von allen mit allen geteilt.

ein Mensch sein?

Hast du vergessen, dass du ein Mensch bist?

Da ist dieser Moment, in dem es wieder hochwallt. Das Gefühl ein Es zu sein, ein „da mit Eigenschaft“ oder „eine Fähigkeit mit Kompatibilitätsoption“.
Keine Seele, kein Kürschnörkel, der in den Himmel lacht und Gräserspitzen unter seinen Fingerkuppen fühlt.

Dumpf und sprachlos, der Atem eine feine Linie nah über dem Boden und doch da. Es geht immer weiter gerade aus, in einem starren System, inmitten von Begrenzungen, die allein dem gelten, was schon längst zur fernen Idee einer Idee eines Wunsches zur Erfüllung eines dieser Kürschnörkelbedürfnisse verblasst ist.

Du darfst das

Irgendwann mal habe ich gelernt, warum sich Pupillen vergrößern und verkleinern. Lange dachte ich, dass es etwas damit zu tun hat, das Leben in seinen Kopf zu saugen. Das Licht in sich hineinzusaugen.
Es ist kein religiöses Denken, das Leben für das Licht zu halten.

Wenn es erst hell wird, wenn jemand kommt, um Wasser auf den Flächenbrand von Hunger und Durst zu schütten, dann wird das Leben zum Licht.

Wenn Schmerz sich lohnt, weil es hell wird, etwas bewirkt ist; man ein „da mit Fähigkeit“ wird und am Ende eine Art Rettung steht,
dann ist das Leben Licht.
Und kurz sogar Energie.

Du bist
am Leben

Vielleicht ist der Nebel, den ich die ganze Zeit mit herum trage und, der, wie mein Atmen, nah über den Boden wabert, die Antidichte zur Stille um mich gewesen.

Ich sehe sie da stehen. In der Mitte. Genau ausgerechnet mit dem unveränderlichen Maß ihrer Füße. Das Album von Britney Spears singend.
Bis sie zerdrückt war und ihre Scherben zu den Hürden wurden, über die andere hinwegrobbten, um an Wände, Widerstand und Grenzgefühl zu kommen.
Im Kino gibt es zu solchen Momenten epische Hintergrundmusik.

Den Momenten, in denen man vergessen hat, ein Mensch zu sein.

„Hab ichs geschafft?“ eine Luftblasenfrage.
„Ja, mein Herz, du und wir alle, haben es geschafft.“ ein einzelner Stein an dem sie zerplatzt.

Sperrkunst2

die Nacht

„Weißt du wie sich das grad für mich anfühlt?“, auf eine Antwort warte ich gar nicht erst, „Wie ein „Auf die Plätze fertig los“ mit „Versaus jetzt nicht H.!“ dazu.“.

Sie rollt sich auf die Seite und guckt über den Bettrahmen auf mich herunter. „Es geht nur ums Schlafen. Viel mehr als es nicht passieren zu lassen, kann man dabei nicht falsch machen.“.
Ich will so viel antworten und belasse es dann doch dabei sie anzugucken und NakNak*s feine Ohrhaare zu streicheln.
Ich schaue ihr zu, wie sie einschläft. Wie sie alles richtig macht.
Wie NakNak* ganz richtig gemacht einschläft.
Wie nach und nach das Draußen dunkler wird, weil meine NachbarInnen einschlafen.
Zwei Mal fällt mir auf, dass ich schlafe und erschrecke mich darüber.

Ich muss irgendwann eingeschlafen sein. Oder ich war wach und zu dumm zu merken, wie sich meine Wohnung… mein Gefühl- das gesamte Raum- Zeit- Kontinuum in diesen Schlund verwandelte, in dem ich wie Alice im Wunderland herumstolperte. Auf der Jagd nach dem weißen Kaninchen, das sich Orientierung nennt.

Ich bin schon so weit denken zu können: „nicht echt“, versuche aufzustehen und kann nicht. Meine Käfigbegrenzung ist nicht da. Ich weiß nicht, wo ich mich abstoßen muss. Das verwirrt mich noch mehr, drückt mir aber auf einer Ebene auch das weiße Kaninchen fast in die Arme.

Ich weiß, dass sie das ist, die da auf mich einredet. Ich weiß das. Ich kenne sie.
Und sie macht mir trotzdem so eine scheiß Angst und versinkt zeitgleich in mir.
Vielleicht bin ich gerade die Angst selbst. Kann Angst denken? Was sind die Ansprüche an Angst? Irgendwelche Kernkompetenzen, die über die bloße Existenz hinausgehen, gefordert?

Der Hund drückt sich in mein viel zu großes Menschenkostüm. Ich bin mir nicht sicher, ob das gut oder schlecht oder nicht doch irgendwie einfach nur so abgrundtief vertraut mit meinem Sein ist, dass es schlicht passend ineinandergreift.

Und plötzlich kriecht Kälte durch mich hindurch.
„H.?“, sie guckt mich ganz direkt an und zerrt mich damit richtig in die Gegenwart, wo ich eigentlich gleich schon wieder einen Tod sterben will, weil mir da alles einfach nur peinlich ist. Sie soll weg sein. Ich will hier meine kleine Privathölle bitte nur für mich haben. So jemand Gutes soll nur glitzernd gute Rosenblätter sehen. Nicht sowas wie das, was ich gerade abgebe. Nicht so. Nicht jetzt. Eigentlich nie. Niemand. Nicht einmal ich selbst.

„Du kannst deine Augen aufmachen.“- wieso kommt mir der Satz so absurd vor? Ich hab sie doch auf- ich sehe doch alles was ich nicht sehen will. Meint sie andere Augen als ich habe? Wo sind meine eigentlich?
In diesem ganzen Wirrwarr gibt es nur diese Konstante: die Kälte.
Ich spüre sie und empfinde sie durchgängiger, verlässlicher als mein Denken und Fühlen, das sich, wie eine Mischung aus Falltüren und Landminen, in mir bewegt. Also gehe ich dahin, wo es kalt ist.

Wo es kalt ist, ist es auch hell. Sie hat das Licht angemacht.
Ich bin ganz da und starre zu ihr hoch. Werde vorsichtshalber erst mal starr und halte die Luft an, als ich merke, wie wir da sitzen. Warte darauf, dass sie mir sagt, was ich machen soll. Was sie will, das ich mache. „H.? Atmen nicht vergessen. Du darfst meinen als Referenz nehmen“.
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Oh mein G’tt oh mein G’tt oh mein G’tt
Ich bin inzwischen davon überzeugt, dass sie den Verstand verloren hat und ich in einer Parallelwirklichkeit gelandet bin. Licht anmachen- in meinem Haus. Mich anfassen- in so einem Zustand. Das hier ist alles nicht echt. Kann ja nicht.
In Wahrheit ist alles anders- ich weiß nicht wie- und das hier ist einfach nicht echt. Ich warte einfach bis es vorbei ist.

„H. es ist okay. Wir haben den… äh ich glaube schon 24. September 2013. Ich schlafe heute hier bei euch und was gerade war, war was Altes. Ich habe N. gebeten das Kind mit zu sich zu nehmen und dich weiter nach vorn zu bringen. Hier-“ sie hält mir das gefrorene Gemüse an den Hals, „halt das mal fest. Es ist echt und hier ist alles in Ordnung. Du kannst einatmen und auch wieder ausatmen.“.

Sie redet und redet. Hat offenbar vergessen, dass ich das mit dem Schlafen falsch gemacht habe.
Ist entsetzt, als ich das Blut in meinem Mund ausspucke.
Besorgt, als ich mich für einen Moment allein in den Raum mit der Toilette einschließe. Will mir meine Scham und so viel mehr abnehmen und kann nicht. Ich überlege kurz, ob ich aus dem Kippfenster krieche und mich einfach runterfallenlasse.
Denke in ihre Richtung, dass sie bitte normal spielen soll. Denke, dass sie mich bitte nicht so vor Augen haben soll, wie gerade.

Denke, dass meine Hölle einfach privat sein muss, weil es doch immer wieder schlimmer für mich ist, wenn es jemand anders direkt sieht.

Ich bitte sie, sich hinzulegen und mich ein bisschen für mich zu lassen. Ich muss meine Angstzeugen ermorden, muss die Schlieren des Scheintodes von mir runterkratzen, muss meine Augäpfel durchspülen. Das geht am Besten unter der Dusche und allein.
Ich sage ihr, sie soll sich hinlegen und ein bisschen zu schlafen versuchen.

Als ich wiederkomme tut sie das schon halb. Mit NakNak* im Arm.
Es tut mir so leid, dass sie einander trösten müssen.
Leid, dass ihr Wecker in weniger als 2 Stunden klingelt.
Leid, dass mein Hund sie kurz vor Ablauf dieser 2 Stunden noch aufweckt, weil er Durchfall hat.

Es tut mir leid, dass ich es nicht richtig kann.
Das mit dem Schlafen ohne Zustände.
Das mit dem Leben ohne Traumafolgen.
Das mit dem Sein ohne Angst.

nach-t-wach-e

Ich hatte das Telefon am Ohr und baumelte zwischen den Worten, Tönen und Intensionen der Therapeutin herum, noch während ich das Seil zu halten versuchte.
Es war eigentlich schon so dumm anzurufen. Ich weiß doch, dass es mich klappern und klirren, manchmal scheppern und zerspringen lässt.
Ich lasse los und falle auseinander.
Nicht immer, aber mit schlafwandlerischer Sicherheit immer genau dann, wenn ich mit Händen und Füßen versuche, genau das zu verhindern.

Ich redete irgendwas, was nicht war, was ich sagen wollte.
Das waren nicht die Worte, die ich mir in der ganzen Nacht, dem Morgen und bis zu dem Anruf am Mittag zwischen Kopf und Mund hatte wachsen lassen.
Mein klitzekleiner Sinnbonsai in einer Untertasse wachsend. Nicht viel Platz wegnehmend. Nur da und leicht zu übergeben.
Und dann quoll mir so ein Wust nesselnden Unkrauts über die Lippen und mit einem Mal schossen dicke Tentakelwurzeln durch mein Gaumensegel direkt ins Gehirn, um alles, was sich dort befindet zu erwürgen und zu einem Leichentheater zu fabrizieren.

Ich mag es nicht sie anzurufen, wenn es mir schlecht geht. Ich bin gestresst, weil ich sie nicht stressen will. Ich will eigentlich nur etwas irgendwo abladen- vielleicht genau dieses wildkrautige Ungetüm in meinem Innen, das ich vor mir selbst mit winzigen Nagelscheren bearbeite und so klein wie möglich halte.
Eigentlich will ich mich nur besser fühlen. Auf wundersame Weise einfach so. Ich will von etwas abgeholt werden, damit ich weiter gehen kann.

Ich machte Geständnisse und zeigte eine Schwäche. Sprach vom Lindenblatt und hoffte doch irgendwie noch, sie wäre vom Drachenblut abgelenkt.
Ich sag ja: dumm.

Sie fragte, ob jemand bei uns schlafen könnte. Meinen Schlaf bewachen könnte.
Ich sagte, dass ich in Zuständen aufwache. Riss meine Angst zu schlafen an, obwohl ich fast zeitgleich das Telefon hätte mitten durch meinem Kopf schlagen können, über meine eigene Dummheit. Wie blöd kann mensch sein?! Ich sagte, ich wolle nicht, dass meine Gemögte mich so sieht. Sagte nicht, was die Gemögte sehen könnte.
Ich sehe es ja selbst nicht, denn: Ich stehe auf und halte die Augen geschlossen, den Atem flach, zittere mich durch die Nacht und warte bis es hell wird. Ich sehe nichts und will, dass andere auch nichts sehen.

Da war die Verantwortungsfrage. Die Frage danach, wer was zu erzählen hat. Die Frage, wer oder was im Innen mich unterstützen kann. Die Fragen, die ich alle nur noch wild strampelnd von mir treten konnte. Die Fragen, die alle nur ein Ziel haben: H. muss weg. H. kann das alles nicht. Wir können auf H. verzichten, weil sie keine sachdienlichen Informationen hat. H. ist nicht für Therapie gemacht. Was treibt H. eigentlich gerade so viel an der Front? Es gibt viel kompetentere FrontgängerInnen bei den Rosenblättern. Weg mit H. Keiner kann sie gebrauchen. H. soll sich eine Anschlussverwendung suchen.

Ich habe nur diese Verantwortung. Ich werde nicht aus dem Fenster springen, damit die Wolke in meinem Kopf vom Flugwind herausgetrieben wird. Ich habe nichts zu erzählen, weil mich das, was ich erzählen könnte, Molekül für Molekül zersetzen lassen würde. Nach Tagen ohne Schlaf, ist auch das dickste Seil nach innen nicht mehr zu spüren.

Also rief ich eine Gemögte zur Hunderunde aus der Pause. Fragte nach einer Nachtwache.
Legte mich hin. Dösdisste die Stunden weg und war hellwach, als sie in meiner Tür stand. Überließ ihr mein frisch bezogenes Bett.

Jetzt soll ich endlich den Laptop ausmachen. Ihn zuklappen, genau wie meine Augen.
Es ist, als würden zwei Zahnreihen aufeinanderkrachen und meinen letzten Halt abbeißen.
schnapp klapp
ab

in die Falle H.

and when the rain begins to fall..

„Wart ihr schon mit NakNak* draußen?“, fragt sie mich durchs Handy.
Irgendwie schaffen es ihre Worte, die Härchen in meinen Ohren zu überspringen und sich in meinem Kopf zu verlaufen, ohne eine Schnur zu spannen.
„Ich komme gerade aus einer denkmerkwürdigen Therapiestunde mit dickem Zeitüberzug- ich bin gerade froh zu wissen, wie alt ich bin.“. Ich stolpere den Weg zur Wohnung entlang und hoffe einfach mal, dass sie die Frage noch mal wiederholt- mehr als das Fragezeichen kam gar nicht bei mir an.

„Wollt ihr alleine sein oder wollen wir mit NakNak* rausgehen? Ich hab die ganze Woche an Schreibtischen gesessen.“. Klingt sie genervt? Meine Sensoren krabbeln durch die Leitung und umklammern jede Silbe, bis wir uns dann doch verabreden.

Wir stapfen auf nassen Trampelpfaden über Wiesen und Felder. Üben mit NakNak* neuen Quatsch ein, was sie mit breitem Grinsen und Sambatänzchen begleitet.

Irgendwo zwischen Herumalbern, Mensch- und Hunderaufen, bunte Blätter bestaunen und Fotos machen, ploppt etwas von der Stunde heute und der von gestern auf und spannt einen seidenen Faden.
Ich muss lachen. Wieder nur so ein Seidenfaden. Damit kann ich keinen Anker an mir befestigen.

Ich lache immer noch, als es anfängt zu regnen und alberne Kinderinnens ein Wettrennen zum Auto anstrengen.
Keuchend fallen wir auf die Sitze, während NakNak* auf die Rückbank klettert.
„Das war was!“. Sie grinst mich an und schaut auf das hechelnde Wesen, das etwa 5 Kilo Acker- und Wildlosungsgemisch mit seinem Fell verbunden hat. „Du stinkst…“, sie lacht: „nach dreckiger Hund!“.

Kurze Zeit später muss ich das Radio aufdrehen.
„Das!!!“
„Was?“, mit geweiteten Augen starrt sie an den Scheibenwischern vorbei, auf die graunass eingetrübte Landschaft.

„And when the rain begins to fall you’ll ride my rainbow in the sky
and I will catch you if you fall you’ll never have to ask me why
and when the rain begins to fall I’ll be the sunshine in your life
you know that we can have it all and everything will be alright“

Das flutscht einfach aus meinem Hals. Einfach so. Ganz leicht.
Wann habe ich das letzte Mal gesungen? Wir hatten gestern darüber gesprochen in der Therapie. Diese Biographiestunde, vor der wir uns eigentlich ein Jahr erfolgreich zu drücken geschafft hatten. Ich hatte gesagt, dass ich gut singen kann und, dass das auch das Einzige ist, das ich wirklich als von mir gemacht erinnere.

Sie stimmt mit ein, trommelt mit den Fingern aufs Lenkrad, während mir die Augen auslaufen.
Das ist das „sozial“, das ich aus Versehen gut kann.

Und mit dem ich zufällig genau das schaffe, was das Kinderinnen, das mir seit Tagen in den Rücken tritt, von mir verlangt: Ihm zu versichern, dass ich es auffangen werde, wenn es fällt. Ohne, dass es sich fragen muss, warum ich das tue. Als Licht in seinem dunklen Moment.
Ihm zu vermitteln, dass es nicht mehr schreien muss, um zu bekommen, was es haben muss.
Deutlich zu machen, dass alles wirklich in Ordnung ist.

Der Radiomoderator lässt das Lied ausklingen.
„Taschentücher sind im Handschuhfach- obwohl- eigentlich wärs jetzt auch ne Gelegenheit laufen zu lassen. Bist ja eh schon nass.“. Wir lachen, als sie ins Bullergeddo einbiegt.

Ich glühe bereits seit einer Stunde vor mich hin und bin ganz froh, dass wir jetzt da sind.
Sie macht es uns beiden gemütlich und kocht Lakritztee.

„Für mich ist es auch wichtig aufgefangen zu werden, wenn ich falle.“, denke ich.
„Ohne darum bitten oder mich dessen versichern zu müssen. Ohne im Dunkeln zu bleiben.
Einfach um zu spüren, dass auch für mich alles in Ordnung ist. Und sei es nur, damit ich dies ehrlich zu den Kinderinnens sagen kann, die es hören und spüren müssen.

Egal, ob es nun wirklich regnet oder nicht.“