Abschied vom Bullergheddo

Woche 5 nach dem Umzug.

In der Nacht gewittert es. Blitze erhellen unser Schlafzimmer, Donner grollt um das Haus. Es regnet in Strömen und befeuchtet doch erst einmal nur die Wärme.

In meinem Kopf ist Walzerdisco. Da wird viel im Kreis gedacht, kreiert und verworfen.
Die letzten Wochen, und wenn wir ehrlich sind Monate, waren sehr intensiv, ich werde müde. Das macht mir Angst. Für mich ist müde zu sein, eng verknüpft mit der Lähmung der Depression. Mit Dysfunktionalität, mit Angst vor der Angst vor Dysfunktionalität und Abhängigkeiten.

Ich brauche keine Angst zu haben. Das denke ich mir selbst jeden Tag gut zu. Aber meine versichernden Gedanken und auch die Worte des Freundes, beeinflussen mein Fühlen im Moment überhaupt nicht. Was von meinen Versicherungen im Innern ankommt, kann ich nicht auch nicht erspüren. Die anderen sind im Moment weit weg. Ab und zu wird jemand von ihnen spontan rausgeworfen, meistens aber fühle ich nur ihre Blicke ins Außen als etwas, das mich streift.

Und wie immer denke ich: „Wenn das doch jetzt so ist – bin ich dann nicht eigentlich geheilt? Mir geht’s doch gut. Was ich jetzt „noch habe“ hat doch in Wahrheit viel mehr mit meiner Charakterschwäche und meinem natürlichen Durchgescheppertsein zu tun, als mit irgendetwas veränderbarem oder diesem angeblich mir passiertem Trauma.“ La li la Vermeidungsmacarena.

Ich weiß, dass die einzig echte Prävention einer Dekompensation gerade Langsamkeit ist. Lange schlafen, arbeiten, wenn es geht, gut essen, jeden Tag eine Runde auf dem Rad drehen, öfter ausruhen.
Daneben habe ich das Gefühl, dass mir die Langsamkeit den Prozess verzerrt. Ich will mitkriegen, was los ist, was hier gerade alles passiert, ich will es später erinnern können. Ich wäre nicht hier, wären wir als Einsmensch entspannter. Ich würde alles verpassen, amnestisch sein, wie die Anderen in mir. Und damit ohnmächtig, hilflos, abhängig, eingeschränkt.

Am nächsten Morgen regnet es noch immer. Ich finde vorbereitetes Essen im Kühlschrank, meine Sachen liegen bereit, heute fahren wir ein letztes Mal in die alte Wohnung, um den Umzug abzuschließen.

Im Zug fällt mir auf, dass dieser Termin sich anfühlt, wie die Entscheidung, sich einen enorm wackeligen Milchzahn zu ziehen.
Die Verbindung ist lose, aber doch körperlich. Diese Wohnung entgültig zu verlassen, ist nicht nur ein Verwaltungsakt, bedeutet mehr als das Kümmern, um allgemeine Adressänderungen, Zuständigkeiten und die Verschiebung es Lebensmittelpunkts.

Es ist auch eine, die erste, Nabelschnur an einen Ort, der uns so viel Schutz, Geborgenheit, Raum zum Wachsen und Werden gegeben hat.
Es ist auch eine Entscheidung gegen die Plazenta, die das Bullergeddo immerhin 7 Jahre für uns war. Dieser kleine große Mikrokosmos, der uns so viel gegeben hat, was es brauchte, um überhaupt annehmen zu können, was uns zur Verfügung gestellt wurde.

Wir fahren in sonnige Abschnitte.
Der Freund kann nicht kommen, vielleicht ist das auch gut? Vielleicht muss man den wirklich richtigen Abschied selber machen. Vielleicht, sehr wahrscheinlich, muss ich allein dabei sein, denn ich kann nicht in zwei Richtungen gleichzeitig fühlen.

13.30 Uhr.
Ich laufe nochmal schnell zum Penny und treffe einen Nachbarn. Wir kumpeln uns an, kacken auf die Besitzer des Bullergheddo, machen Witze über das Kapital der Reichen. Ich könnte heulen.

Heule später, weil ich „meine Kastanie“, die mich jeden Morgen beim Aufwachen am Fenster begleitet hat, nie wieder so sehen werde. Bin froh, dass es an der Tür klingelt und ich aus diesem Moment herausgerissen werde. Ich will hier nicht weinend weggehen.
Ich will meine Haken im Vermietungsbogen machen, nicht frech werden, als Vermieterin und Hausmeister ausgiebig bedauern, was für eine furchtbare Wohnung wir hier 7 Jahre bewohnt haben. Ich will mich beherrschen wie jemand mit echter Führungskompetenz.

Und dann ist es vorbei. Ich stehe unten vor der Tür, trage links die Säge, rechts das Putzzeug. Das Kindergeschrei vom Spielplatz purzelt durch die Straßen.

Unsere Nachbarin hat neulich ihren Mann beerdigt, er war schwer krank. Sie hat ihn zu Hause gehabt, ihn gepflegt, ist selbst nur noch die Hälfte von früher. Wir sprechen noch ein bisschen, verabschieden uns. Mit der anderen Nachbarin bin ich verabredet. In 20 bis 30 Jahren stehen wir beide wieder da, wo wir heute stehen. Ihr Hund, NakNak*s erster und einziger Lieblingskumpel, wird dann tot sein. Seine Beine können schon jetzt nicht mehr. 14 einhalb Jahre.

Es weint ohne Tränen und ohne mich, als wir zur Bahn gehen.
Tschüß Bullergheddo.
Du warst mir eine Wolke.

der Monsterzyklus

Tag 21, Woche 3 nach dem Umzug.
Es ist der 33ste Tag meines Zyklus und ich spüre das wie etwas, das von innen an jede einzelne Zellwand trommelt. Solche Monsterzyklen sind untypisch für uns geworden. In den letzten Jahren können wir unsere Regelblutung als „regelhaft“ bezeichnen und das ganz klar an Therapiefortschritten und einer dadurch allgemein verbesserten Lebenssituation festmachen.
Es ist nicht mehr normal für uns über Wochen und Monate hinweg, konstant gestresst, angespannt, beuruhigt oder vielleicht sogar (todes)verängstigt zu sein und wie super ist das, wenn es bedeutet, nicht mehr ständig mit Sorgen um eine unerwartete Schwangerschaft oder ernsthaften Erkrankungen befasst zu sein?!

Jetzt passieren viele Dinge gleichzeitig. Nichts davon ist ungewollt – außer der Stress, den es auch bedeutet. Auch Spaß, Glück, Erfolg, das freudige Verfolgen gewünschter Prozesse ist Stress. Wir verdrängen das gern. Ich ganz besonders, denn ich möchte vermeiden, vor anderen Menschen, aber vor allem mir selbst zu wirken, als wäre nie irgendwas einfach problemlos.

Die Realität aber ist die, dass wir mit einer tiefgreifenden Stressverarbeitungsstörung und einer generell nicht neurotypischen Art der Reizverarbeitung leben. Für uns ist nichts jemals einfach „problemlos“ im Sinne von „nicht beachtenswert“ oder „vernachlässigbar“. Selbst dann nicht, wenn wir so tun, als ob es doch so wäre. Wenn es eine Konstante gibt auf die ich mich in Bezug auf meine Möglichkeiten des Funktionierens verlassen kann, dann ist es der Umstand, dass meine Fresse mehr Bodenkontakt als empfehlenswert ist bekommt, wenn ich so handle, als gäbe es die Grenze zu unserem individuellen und jeden Tag etwas anderem „zu viel“ nicht.

Trotzdem wirkt in mir natürlich meine Sozialisierung. Selbst in mir, die nie die Gewalt der Anderen erlebt hat, wirken schädigende Ansprüche an mein Funktionieren. Ich erwarte von mir eine Verfügbarkeit und entsprechend auch eine Produktivität, die mein „zu viel“ konsequent ausblendet.
Eine Strategie, um mich damit zu konfrontieren ist der „braindump“. Das bloße Runterschreiben der Dinge, die ich gerade in mir und meinem Tagesgeschehen jongliere. Was mich beschäftigt und auch, was mich ängstigt oder besorgt. Diese Liste hat für mich an guten Tagen 3 bis 5 Items – seit Februar diesen Jahres umfasst diese Liste konstant 15 und mehr. Und zu welchem Zeitpunkt fällt mir das auch endlich auf? Richtig – ein halbes Jahr später, als mein Zyklus mich zu blutlüsternden Gedanken verleitet, die sonst nur Graf Dracula hat. Und das, obwohl ich mich regelmäßig damit konfrontiert habe, dass gerade alles ganz schön viel, und oft viel zu weit über „zu viel“ hinaus ist.

Es liegt übrigens auch nicht ausschließlich an der Dissoziation, dass das so ist. Die ist ja immer nur die Reaktion auf etwas. In meinem Fall die Unfähigkeit, mit den Konsequenzen von Unproduktivität, Planänderungen und Versagen umzugehen. Zum Einen sehe ich mich selbst einfach lieber als produktiv, kraftvoll und kompetent, zum Anderen bin ich mental nicht so flexibel, wie es Planänderungen oder (unerwartete) Veränderungen in der Regel erfordern. Selbst dann nicht, wenn ich mich ganz easypeasy offen special tiefenentspannt und enttraumatisert darauf einlasse. An dieser Stelle renne ich gegen eine Mauer, die gegen ganz doll wollen und super hart anstrengen immun ist. M.Eine Behinderung.

So wie meine Umwelt in der Regel mit m.einer Dysfunktionalität nicht gut umgehen kann, kann ich es auch nicht. Und genauso wie meine Umwelt auf dieses Problem reagiert, reagiere ich selbst mir gegenüber auch: Wenn ich das Eine nicht schaffe, dann muss ich das Andere schaffen. Alles ist nicht schlimm, so lange ich noch irgendwas anderes schaffe. Als Trostpreis, als Teilnehmer_innenurkunde im Alltagsfunktionieren.

Das zu wissen und zu spüren, dass mich so ein selbstverliehener Trostpreis auch tatsächlich tröstet, ist schmerzhaft für mich. Kein Wunder, dass ich das lieber dissoziiere.
Denn das Nachdenken darüber, was man anders machen könnte, wie es anders laufen sollte, wäre wieder ein Item mehr auf der Liste. Ein Ding mehr im Bereich jenseits des zu vielen.

Folgerichtig baue ich jetzt mal noch ein paar Regale zusammen, der Kühlschrank kommt heute und dann können hurra hurra endlich noch ein paar weitere Kisten geleert werden…

das „Was würdest du deinem 14jährigen Ich heute sagen?“-Meme

Einige Tage vor meinem 33sten Geburtstag las ich einen Tweet mit der Frage, was man seinem 14 jährigen Ich heute sagen würde. Das hat mich eine Weile umgetrieben, denn ich erinnere mein 14 Jahre alt sein nicht so richtig.
Das war wieder so ein Moment, in dem mir einmal mehr bewusst wurde, dass das etwas ist, was viele andere Menschen so gar nicht haben. Also, so wirklich jetzt.
Und, dass das, was sie als damals vielleicht schwer oder unangenehm oder vielleicht sogar quälend einordnen, für sie eigentlich gar nicht mehr der Rede wert ist. Sie sagen „Pubertät“ und meinen eine schwierige Lebensphase, die nun glücklicherweise hinter ihnen liegt. Viele wollen ihrem 14 jährigen Ich sagen, dass es vorbei geht; dass es besser wird; dass es okay ist; dass es heute nichts mehr bedeutet.

Und ich feiere meinen 33sten Geburtstag und spüre sehr sehr deutlich, dass alles auch heute noch etwas bedeutet. Dass es besser, aber nicht gut ist. Dass es vergangen, aber nicht vorbei ist.

Ich weiß, dass mein 14 jähriges Ich nicht mehr leben will. Dass es sich zum Leben zwingt, weil es noch nicht genug Kraft für den Suizid aufbringen kann. Ich weiß, dass mein 16 jähriges Ich innerhalb von 2 Jahren 3 Mal gehört hat, dass es keine 20 Jahre alt werden wird und das glaubt, weil sein_ihr Leben die Hölle ist, die niemand sieht, niemand versteht, niemand beendet.

Ich weiß, dass ich, dass wir einfach nicht den Abstand zur Gewalt, zum Trauma haben, um die Ebene zu erreichen, von der aus andere Menschen auf sich schauen. Vielleicht ist es auch überhaupt nicht erstrebenswert als Erwachsene_r in die eigene Jugend zu schauen und zu denken, dass das alles in Wahrheit ja eh nur spinnerter Killefitt war, den man viel zu ernst nahm, weil man noch sehr jung war. Aber, es wird nicht so weh tun. Nicht so schwer sein.

Wenn man so lebt und tickt, dann feiert man die eigenen Geburtstage anders.
Da hat man keine Angst davor, ob es okay ist, wenn Menschen gratulieren. Da ist man nicht den ganzen Tag hintergründig damit beschäftigt, sich noch einmal mehr als sonst darin zu versichern, dass es okay ist immer noch zu leben; dass es auch ein Geburtstag ist, wenn Mutti und Vati nicht dabei sind; dass es im Grunde nur bedeutet, dass sich der Tag jährt, an dem man geboren wurde – und weiter nichts. Null. Absolut gar nichts.

Am Ende meines Geburtstages lag ich im Bett und fühlte viel Dankbarkeit der Kinder- und Teenagerinnens. Für den Kuchen, für das Playstation spielen, für die Pizza und die vielen Glückwünsche über Twitter. Meine eigene Dankbarkeit galt dem Umstand, dass wir noch leben. Dank der 14, der 15, 16 17 jährigen Ichs. Mehr hatte ich ihnen, in dem Moment, nicht zu sagen.

Fundstücke #71

“Das Kind hat überlebt”,  hatte die Therapeutin gesagt. Montag. In unserer Therapiestunde.
Erst später kam das bei mir an. Also, so richtig.

Und jetzt fällt mir immer mehr auf, wie selbstverständlich in mir ist, dass die Gewalterfahrungen der anderen in einem eigenen Leben, einer eigenen Zeit stattgefunden haben und irgendwie immer an dem Punkt der völligen Zerstörung bzw. Dissoziation geendet haben. Haben müssen, denn alles Danach bin ja ich, sind wir, die Rosenblätter.
Obwohl wir erst Jahre nach ihnen da waren.

Wieder so ein Widerspruch, von dem ich spüre, dass er irgendetwas in mir machen sollte, aber nicht tut.

Schon 12 Jahre erst

Erst 12 Jahre schon.
Ein Gedankenkreisel, der sich in mir festsetzte, als ich in der Nacht von Sonntag auf Montag durch die Innenstadt radelte. Ich wollte meinen, unseren Abschied machen, habe den schon in den letzten Wochen immer mal wieder, mal hier und mal da gemacht, nur nicht so. Damit. Mit DEM DA. Irgendwie.

Wir sind 2005 in diese Stadt und ihre Umkreise gezogen. 2007 sind wir ausgestiegen.
Für uns war dieser Ort nie gewaltneutral. Wir waren nie frei in der Wahl unseres Aufenthalts. Waren nie so postausstiegsfrei, wie man uns das gewünscht, manchmal auch von uns gefordert hat.
Trotzdem hat uns das mit den Jahren immer weniger belastet. Es ist immer weiter weggerückt. Zu etwas geworden, das woanders ist als wir und dem zu begegnen wir wählen müssten, um ihm erneut ausgesetzt zu sein.
Das ist viel und je mehr Betroffene organisierter Gewalt wir kennenlernen, desto mehr wird mir das auch klar.

Wir haben in den 12 Jahren nie konkret über über DAS DA gesprochen.
Wenn wir hätten können, konnten wir nicht und gemusst haben wir nie. Nicht, weil es niemanden interessiert, nur weil es unzählbar viele andere Dinge gibt, über die zu sprechen konstruktiver, schöner, fruchtbarer, weicher, wärmer, angenehmer ist. Auch aus_halt_barer für mich, für uns.

In der Nacht schrieb ich einen Thread bei Twitter mit meinen Gedanken dazu.
Darin beschrieb ich, dass unser Schweigen zu der Gewalt mehr Halt vermittelt, als es das Sprechen, “Aufdecken”, “d.rüber_reden” kann. Es geht dabei nicht um Sicherheit, Schweigebote, Redeverbote oder irgendwas in der Richtung. Es geht um Worte, Reihenfolgen, Logik, die deutlich spürbare Unfähigkeit DEM DA mehr Form als das des überkrassen HIERJETZT der Gewalt und der Fragmentierung des Ichseins geben zu können.
Ich weiß, schnarch, das haben wir hier schon oft so beschrieben, aber ist es nachwievor so und ich weiß nicht mehr, wie ich mich dazu positioniere.

Während meiner Rundfahrt fuhr ich an Standorten vorbei, die heute völlig anders aussehen. Teilweise ist dort heute auch etwas völlig anderes als damals. Der freundlichen Baustelle am Teutoburger Wald ist es gelungen sehr viel von dem zu verstoffwechseln, was mir vielleicht irgendwann als Denkmaldran begegnet wäre. Wunderbar ist das. Aber das, was da passiert ist, passiert weiter. Daran werde ich vielleicht immer denken.

Auch hier, wo wir jetzt wohnen.
Unsere Erfahrungen haben uns sensibilisiert. Wir kennen die Orte an denen DAS passiert und wir wissen, dass sie genauso hübsche Vorgärten und schicke Vorhänge wie vergesse Fixerbestecke und Pissflecken auf dem Boden haben können. Es ist egal. Gewalt ist sowas scheißegal. Sie passiert überall und wir werden sie vermutlich öfter sehen als andere Menschen.

Was interessant ist, ist das Grundgefühl, dass wir hier haben.
Wir können hier rausgehen und grundsätzlich erst mal überall hingehen. Raus, geradeaus, nach links, dann nach rechts und immer weiter, wir werden erst einmal nirgends landen, wo wir vor 12 und mehr Jahren schon mal waren und nie wieder hinwollen. Wie heftig ist das.

Wenn wir jetzt zurück in die Stadt unserer letzten ziemlich genau 14 Jahre fahren, dann gehen wir in etwas hinein, was wir wieder verlassen. Es entsteht ein Abstand, der vorher nicht da war.

Vielleicht einer, der etwas verändert, was sich in den letzten 12 Jahren nicht verändern konnte.

der Stoff, aus dem Gegenmodelle gemacht werden

Am Abend lag ich um 9 im Bett und dachte im Gleichstrom des Simmerns in mir, dass das der beste Umzug in meinem Leben ist. Weil er traurig ist. Weil er anstrengend ist. Weil er mit vielen Neuanschaffungen verbunden ist, die sehr aufregend sind. Weil er in eine Stadt führt, wo noch keine Auffangnetze installiert sind. Weil er in eine Beziehungsebene führt, die wir so noch nie gelebt haben.

Und, weil wir zum ersten Mal nicht aus Angst, sondern aus freiem Willen und innigem Wünschen umziehen.

Konfrontiert mit unserem Sperrmüll, alten Zettelagen und so manchem bisher unbekanntem Versteck für Dinge, die von Kinderinnens sind, habe ich das Gefühl, dass ich mehr über uns verstehe. Vielleicht auch: erstmals verstehen kann, denn wir ziehen jetzt um und nicht vor 5 oder 6 Jahren, als ich vielleicht die gleichen Beobachtungen hätte machen können, aber noch nicht so einordnen.

Warum sind wir so oft unorganisiert – weil wir ständig nicht nur organisieren, sondern auch kompensieren. Nicht nur uns und unsere Wahrnehmung, sondern auch unsere Umgebung, in der so viel Zeug einfach nur ein bisschen funktioniert, wenn Sonne, Mond und Sterne gut stehen und der Zufall den Wind günstig dreht.
Wir ersetzen jetzt viel und das ist heftig, aber auch gut. Und wiederum etwas, das zu ein bisschen überraschenden Beobachtungen führt.

Wir sind gar nicht mal so echt okay mit Gestückel und “Hauptsache es erfüllt seinen Zweck”. Wir sind okay damit, wenn man uns nicht beurteilt aufgrund unseres Besitzes. Es gibt durchaus Gefallen an schönen Dingen, die nicht schön sein müssen, um zu funktionieren. Macht uns das bürgerlich oder materialistisch? Wie genau wird das definiert und wo genau verläuft da eigentlich die Grenze, an der sich viele Leute in unserem links-radikal-alternativem Umfeld stoßen und reiben?

Und welche Rolle spielt in dem, was mir jetzt an unserem Gefallen bemerkenswert erscheint, eigentlich der Umstand, dass wir teils aufgrund unserer traumabedingten Anpassungsbereitschaft und teils aus der realen Armut heraus, nie die freie Wahl hatten, die nicht alle, aber doch viele in unserem Umfeld hatten?

Wären wir nicht so früh aus der Herkunftsfamilie gegangen, hätten wir diese freie Wahl auch nicht gehabt. Selbst dann wäre sie traumabedingt gewesen. Freier als arme Leute hätten wir uns entscheiden können, aber eben auch nur in dieser Hinsicht.
Es bedeutet etwas, wenn man immer mit dem Gefühl durchs Leben geht, man müsse froh und dankbar und deshalb anspruchs-, wunsch-, und willenlos sein, weil man noch lebt. Weil man in Deutschland lebt, in einer Wohnung, mit den Fähig- und Fertigkeiten und am Ende auch dem Besitz, den man hat.

Es bedeutet etwas, wenn man das eigene Amlebensein mit der Überzeugung trägt, es würde nur aus einer Ausnahme heraus überhaupt (weiterhin) gewährt und könnte bei jeder Gelegenheit, ob selbst verantwortet oder nicht, genommen werden.

Es bedeutet, eine Traumawahrheit am Leben zu erhalten, weil man kein Gegenmodell hat.
Vielleicht nie gelebt, nie gefühlt, nie gedacht hat.

Ich glaube nicht, dass wir mit dem Umzug automatisch in ein Leben mit so einem Gegenmodell kommen, aber ich hab das Gefühl, dass wir über den Kontakt und das Miteinander mit dem Freund öfter als vorher bemerken, dass wir diese Traumawahrheit nachwievor im Körper und auch in der Seele haben. Denn er ist ja einfach da und diese Existenz ist so fraglos und auch ausnahmslos, dass es stark kontrastiert, wie wir uns und unsere Existenz empfinden.

Das alles im Kopf, wird es manchmal auch zu Gefühl und das ist neu.
Und damit etwas, das es zum besten Umzug macht. Ich fühle, dass sich etwas verändert und bin dabei. Es tut weh und ich bin da. Wir ziehen hier weg und ich fühle das auch.

Ich glaube, dass das der Stoff ist, aus dem Gegenmodelle gemacht werden.

das Stress-MRT

Später las ich im Aufklärungsbogen eines anderen Krankenhauses, dass es überhaupt nicht nötig ist, für so eine Untersuchung nüchtern zu sein. Wie kann das sein, dass die einen das so, die anderen so machen.
Für unseren Termin zum Stress-MRT des Herzens sollten wir nüchtern kommen. Um 14 Uhr 15.
Unsere Begleitperson durfte nicht mit im Raum sein.
Wenn man hungrig ist, ist alles schlimmer. Auch das. Und, dass wir warten mussten, dass uns Risiken genannt wurden, mit denen wir gar nicht gerechnet hatten. Kardiologie und Krankenhaus ist immer kurz vor Vollkatastrophe, die Not- und Sonderfälle sind so groß im Raum, dass für Popelprofanitäten wie mein kleines Flatterherz mit Stolperneigung, kaum noch Raum ist. Alles ist rechtssicher abgeriegelt, überwacht und kontrolliert. So sehr, dass ich Angst bekomme, mir Sorgen mache, an Szenarien denke, die in meinem Fall sehr unwahrscheinlich sind.

Die Person im MRT ist sehr nett. Ruhig, klar, eindeutig lesbar. Sehr angenehm.
Ich stieg in ein Flügelhemd und aus den Schuhen, legte mich auf den Tisch des MRT. Hoffte, sie würde die Vene in der Hand wählen, war überrascht von dem Schmerz in der Armbeuge, wo schon während des Krankenhausaufenthalts letzte Woche eine Kanüle lag und zu nichts außer Schmerz führte.

Diese Gerätemedizin fasziniert mich. So ein riesen Ding, mit dem man in Körper gucken kann, hallo sowas muss man erstmal erfinden. Fantastisch.
Es ist kalt in dem Raum, ich zitterte ein wenig. Die Person bedeckte meine Füße, meinen Bauch, die EKG-Elektroden beklebte Brust. Mir fiel dabei auf, dass ich aus Fleisch gemacht bin, aber gerade keine Option hatte, mal mit dem Finger reinzupieken.
Die Nebelfelder an meinen Rändern waren dicht, ich versuchte gar nicht erst durch sie zu sehen. War froh, dass meine “dissoziative Störung” genau jetzt meine Wahrnehmung einschränkte. Alles rückte in die Ferne, da konnte es von mir aus auch bleiben.

Ich habe der Person meinen Gehörschutz gegeben, weil ich mir Sorgen über eventuell enthaltene Metallteile machte. Dummer Fehler. Ich habe sie später nicht zurück bekommen, muss heute nochmal hin.
Die Geräusche des Geräts waren auch nicht schlimm. Überhaupt war es nicht schlimm in der Röhre zu sein. Schlimm war, hineinzufahren und nicht zu wissen, ob es nicht vielleicht doch Metall in mir gibt. Die MRT-Person beruhigte mich, riet mir, die Augen zu schließen und zuzulassen bis ich drin bin. Das war gut.
In der Röhre selbst war es auch gut. Schön eng, um mich herum tiefenloses Weiß.

Es hat lange gedauert. Sie haben Bilder gemacht, es hat geklopft und gescheppert, wurde warm aufanin der Brust. Zwischendurch hatte ich Druck auf dem Sternum, mir schlief der linke Arm ein. Wäre es nicht so kalt gewesen und wäre das Anhalten des Atems nicht dann und wann nötig gewesen, hätte ich gut schlafen können. Gleichzeitigkeit ist eine merkwürdige Realität.

Und dann kam das Adenosin. Da der Arzt von mehreren Stufen gesprochen hatte, hatte ich mir Stufen in der Wirkung vorgestellt. Vielleicht sowas wie “etwas nervös”, “leicht beklemmt”, “aufgeregt sein”, “aufgeregt angestrengt sein”, “enorm aufgeregt sein”. Auf jeden Fall nicht, von jetzt auf gleich Angst zu haben, körperlich ziemlich genau an dem Punkt zu landen, wo meine Kontrolle über mich selbst zu behalten absolut überfordert, weil Automatismen greifen, die über mich hinausgehen. Die Blutdruckmanschette, die mir den Arm gequetscht hat, war es dann aber, die ein Kinderinnen rausgezogen hat. Nur kurz, nur bis 2 Millimeter unter die Haut, genug, um mir in die Hose zu machen und von irgendetwas anderem wieder weggedrückt zu werden.
Vermutlich, dem Zittern. Das wurde nämlich unkontrollierbar.

Ich konnte nichts dagegen machen. Und gleichzeitig: Wie witzig. Da haben wir uns seit 2002 in Selbstberuhigung und Atmung und trallala geübt und jetzt, sollte das alles so sein. Jetzt war da niemand, die_r uns aufforderte, uns zu beruhigen, zu entspannen oder keine Angst zu haben. Nicht mal die, die wir als quälende Abbilder im Innen haben. Die Grenze, an der wir da waren, war allen bewusst. Und endlich war da mal niemand, die_r mir sagte, ich sollte müsste, könnte doch, weil sonst…

Das hat sehr gut getan und macht mich heute, einen Tag später total traurig. Es sollte normaler sein, es sollte nicht nur Bestandteil von extremen Momenten sein, in Überforderung und Handlungsunfähigkeit gesehen und an.erkannt zu werden.
Meinem, unserem, Extremerleben sollte nicht dauernd mit “Ruhig bleiben”, “Ruhig sein”, “Beruhig dich” begegnet werden. Es macht mich zu Recht wütend, wenn mir Menschen so begegnen. Auch, wenn sie es gut meinen. Es ist nicht okay. Es ignoriert meine Ohnmacht und schiebt mir Verantwortung zu, die ich in dem Moment weder halten noch tragen kann. Es lässt mich allein. Das ist nicht okay.

Das Zittern ging schnell durch den ganzen Körper, hörte nicht auf. Es hat das EKG unlesbar und damit die Untersuchung unmöglich gemacht. Der Arzt brach ab, ging zum Teil mit Kontrastmitteln über. Das Zittern hörte so abrupt auf, wie es gekommen war. Mehr als muffigen Seifengeschmack im Mund hat das Kontrastmittel auch nicht mit mir gemacht.

Und dann ging alles ganz schnell, fast überfallartig.
Eine zweite Person, die sich nicht vorgestellt hatte, riss mir die EKG-Aufkleber ab, zog den Zugang, redete auf mich ein. Die andere Person nahm alles andere von mir weg. Das hätte besser laufen können, ich war noch gar nicht soweit zu verarbeiten, was gesagt und von mir verlangt wurde.

Jetzt noch ein EKG und dann könne ich gehen. Das EKG wurde geschrieben, der Arzt kam rein. Es war die erste Stufe gewesen, in der wir abbrechen mussten. Was für ein Versagen. Aber so ein Zittern ist eine Nebenwirkung in 5% aller Fälle. Es lag nicht an mir. Hatte nichts mit Vermeidungsverhalten, nichts mit Unwillen zum Durchziehen zu tun. Nichts mit meiner traumatisierten Psyche, nichts mit meiner autistischen Knallbirne. Null. Nada.
Wie fucking gut das tut, schlicht und einfach nicht schuld zu sein.

Draußen haben wir etwas gegessen. Ich war und bin irgendwie noch, stolz auf meinen Körper, dass er gezittert hat. So machen das normale Körper, wenn sie gestresst sind. Sie zittern die Anspannung raus, ermöglichen sich selbst, den Stress zu verarbeiten. Zittern bei nach unter Stress ist gut. Es ist nicht unsere Verantwortung, unsere Schuld, unsere Schwäche, dass Maschinenmedizin normale Körperfunktionen nicht kompensieren kann.
Es bedeutet auch nicht, dass wir nie erfahren werden, was unser Herz für eine gute Funktion braucht. Es gibt noch mehr Maschinen und Untersuchungsmöglichkeiten.

Welche, erfahren wir heute im Gespräch mit unserem Kardiologen.
Vielleicht erfahren wir heute überhaupt insgesamt mal mehr als, dass da was ist.

Sperrmüll

Am Montag wird der Sperrmüll abgeholt. Das heißt: gut die Hälfte dessen, was unsere Wohnung möbliert.
Ein weiteres Stück Früher, das wir uns aus dem Heute operieren.

Ein Regal, noch von H., das wir heute nur deshalb noch haben, weil wir unser Hochbett am Fußende zustellen mussten, damit NakNak* nicht zufällig mal runterfällt.
Der Kleiderschrank, der schon 3 Umzüge und 2 neue Leben mitgemacht hat. Zwei Hello-Kitty-Kaugummi-Sticker kleben vorne drauf.
Der Tisch zum Planen. Kann weg. Der Tisch, auf dem wir Behörden- und Archivdinge gemacht haben. Kann weg. Der Tisch, auf dem wir Kunst gemacht haben. Kann weg. Der Tisch, auf dem wir genäht haben. Kann weg.
Wir haben gelernt, wie wir unsere Arbeitsumgebung gestalten müssen, um verschiedene Tätigkeiten auf ein und dem selben Tisch ausführen zu können. Ist kaum 3 Jahre her, kommt mir schon ewig vor.

Die Eckbank in der Küche. Ich liebe sie. Ich liebe Küchenbänke. Sie fühlen sich nach Großtante und Opa-Zuhauseküche an, sind ein Stuhl, der sich nie vom Fleck bewegt. Muss weg. Die neue Küche hat mehr Schräge.
Der früher mal S. gehörende Fernseher, der Röhrenbildschirm, der zu dem 5€-Gebraucht-PC mit Diskettenlaufwerk gehörte, den wir für den Realschulabschluss besorgten. Ein kaputter Staubsauger, ein zerdepperter Wäscheständer. Ein Badregal und zwei Fahrradleichen. Ein Käfig, zwei Katzenklos, Trittschalldämmungsfolie, ein Kratzbaum, eine Ballwurfschleuder.
Kann alles weg, es wird nicht mehr weh tun. Wie erstaunlich das ist.

Worum ich herumschleiche: der andere Käfig
Die Flugbox für große Hunde. In die ich manchmal hineinkrieche und manchmal hineingekrochen werde. Wir würden andere Möglichkeiten für beruhigende Enge und Isolation finden, davon bin ich überzeugt. Aber die anderen nicht. Für sie ist die neue Wohnung, die neue Umgebung noch total unbekannt, sie waren nie da. Ich habe sie noch nicht damit bekannt gemacht, denn die Weite des Fremden würde sie von mir wegspülen. Ich will das nicht. Nicht schon wieder. Diesmal sollen sie landen wie kleine Pusteblumensamen.

Würden wir die Box behalten, käme mir das wie ein Versagen vor …. meiner Beklopptheit?, Merkwürdigkeit?, Kaputtness? … vor. Und irgendwie auch, als würde ich vor einem Therapieschritt zurückweichen, den zu gehen von mir niemand erwartet, was mich nervt, denn ich bin durchaus bereit ihn zu gehen, aber …

Und dann ist da noch der Bilderrahmen mit einer Zeichnung von den Sommers und die Dinge aus dem Urlaub mit L.  Würde ich sie weggeben, käme ich mir selbst herzlos, brutal und böse vor, was ich, wir, für sie vermutlich auch sind. Aber.

Und dann sind da noch die Waschmaschine und der Kühlschrank. Hartz 4 Ersteinrichtungsgegenstände aus dem Jahr 2005. Dass sie überhaupt noch funktionieren ist ein Wunder. Wenn wir sie ersetzen, dann fängt wirklich so ganz richtig etwas Neues an.

Sperrmüll, das macht man immer bevor man mit Konfetti und Fanfaren ins neue Leben einzieht.
Wenn man noch ein bisschen beschäftigt ist mit Abschied nehmen und Angst haben.
Und Weinen. Ein bisschen auch das.

wenn was ist

Der Knopf an dem Beistelltisch ist rotorange und unter ihm ist eine androidhafte Gestalt mit Schwesternhaube abgebildet. Ich habe nichts zu tun. Liege hier rum, denke über die Tiefe dieser Grafik nach, höre den schnellen Gummisohlenquietscheschritten der Pfleger_innen über den Stationsboden zu.

Wenn was ist, soll ich mich melden.
Ich weiß nicht, was “was” hier bedeutet. Wenn mir der Puls im Hals flattert, wird er abgezählt und neben den aus meinem Arm gequetschten Blutdruckwert geschrieben. Dann werde ich wieder alleingelassen. Wenn es in meiner Brust wieder sticht, drückt, beengt und das Atmen schwer wird, dann wird der Puls abgezählt, der Blutdruck erquetscht und danach schließt sich die Tür wieder.
Mehr habe ich nicht. Nicht kommunizierbar und wenn, dann ist es innerlich. Psychisch, autistisch, traumatisch.

Ich traue meiner Wahrnehmung nicht. Weiß, dass ich weit über meine Kompensationsmöglichkeiten hinaus überreizt bin. Sensorisch wie geistig, wie psychisch. Ich, wir, haben nicht ein einziges Mal geweint, haben es nicht einmal versucht. Alle Geräusche der Welt sammeln sich in meinem Kopf und verdrängen jeden noch so kleinen Raum. Allein der Umstand, dass wir gerade nicht funktionieren müssen, verhindert einen explosiven Meltdown.
Was bleibt, bin ich. Der funktionale Shutdown.
Mein Sein ist das Schwingen. Vor und Zurück. Auf und Ab. Rein und Raus. Ich bin nicht durchlässig. Aber ich funktioniere so, als sei ich es.  Ich schwinge mit. Mit den Menschen, die mit mir sprechen und dem Innen, das sich unter meiner hauchdünnen Oberfläche zu einem undurchdringlichen Stein zusammengedrückt hat.
Dann und wann sickert Hannah bis zu mir und findet sich so normal wie lange nicht. Fühlt sich gut in dem Plauderkontakt mit der Mitzimmerbelebungsperson, badet in der Zeit mit dem Freund, C. und F., die zu Besuch kommen. Dass sie rausschwingt, was das Außen auf meine Oberfläche wirft, weiß sie nicht. Das merkt sie erst jetzt beim Lesen dieses Textes.

Wenn was ist, ist jemand da. Vielleicht ist man zu nichts anderem im Krankenhaus.
Dass man nicht alleine ist mit etwas, das man nicht so richtig versteht, das eigene Leben als bedroht empfinden lässt und manchmal auch mit Schmerzen einher geht.
Es ist so wie unser Da_Sein. Nur anders.

Dass was ist, erfahren wir, als wir entlassen werden.
Als etwas ist, da gibt es keinen Knopf zum Drücken.
Nur unser Da_Sein und die Freund_innen, die das aushalten.

Der Unterschied zwischen Derealisation und Verdrängung

„Übrigens wusstet ihr, dass Herzinfarkt-Brustschmerzen sich auch wie ein Baumpfahl durch Brust und Rücken anfühlen können? Und, dass Übelkeit, Erbrechen und Schwindel auch Herzinfarkt-Sympome sein können?“ – das habe ich gestern bei Twitter gefragt, denn ich wusste das nicht.

Heute, nach einem sehr langweiligen Krankenhaussonntag und einem anstrengend langweiligen Krankenhausmontag, weiß ich das und, dass ich ganz sicher keinen Herzinfarkt hatte. Was es war, wird sich vielleicht in den Untersuchungen morgen und übermorgen zeigen.

Ich habe nichts zu erzählen, denke wenig, fühle noch weniger.
Zwischendrin lehne ich mich an die Weichheit des neuen Namens, der überall steht und anzeigt, was zu mir gehört. Unsere Freund_innen versorgen NakNak*, ein Freund hat uns das Tabletlaptop, Süßigkeiten und Lesefutter gebracht. Morgen kommt der Freund.

In den Daten zu mir steht noch H. als Kontaktperson, wie ein letzter Versuch des alten schmerzenden Lebens in das heutige hineinzugreifen. Mit einem Ratsch hab ich die Zeile gestrichen. Es tat weh, blutete aber nicht. Mehr als eine Narbe ist es nicht mehr. Auch gut zu wissen.

Es ist kühl draußen, wir sind eine Runde im Park gelaufen, als die Person in unserem Zimmer etwas Zeit für sich und die Verarbeitung ihrer Diagnose brauchte. Es hat angestrengt und Brustschmerzen gemacht. Und obwohl ich nicht mehr heimlich denke, in einem Traum zu sein, wie das Samstagabend bis Sonntagnachmittag war, kann ich nicht glauben, dass da jetzt so richtig wirklich was ist.

Das ist er also, der Unterschied zwischen Derealisation und Verdrängung.