Abschied vom Bullergheddo

Woche 5 nach dem Umzug.

In der Nacht gewittert es. Blitze erhellen unser Schlafzimmer, Donner grollt um das Haus. Es regnet in Strömen und befeuchtet doch erst einmal nur die Wärme.

In meinem Kopf ist Walzerdisco. Da wird viel im Kreis gedacht, kreiert und verworfen.
Die letzten Wochen, und wenn wir ehrlich sind Monate, waren sehr intensiv, ich werde müde. Das macht mir Angst. Für mich ist müde zu sein, eng verknüpft mit der Lähmung der Depression. Mit Dysfunktionalität, mit Angst vor der Angst vor Dysfunktionalität und Abhängigkeiten.

Ich brauche keine Angst zu haben. Das denke ich mir selbst jeden Tag gut zu. Aber meine versichernden Gedanken und auch die Worte des Freundes, beeinflussen mein Fühlen im Moment überhaupt nicht. Was von meinen Versicherungen im Innern ankommt, kann ich nicht auch nicht erspüren. Die anderen sind im Moment weit weg. Ab und zu wird jemand von ihnen spontan rausgeworfen, meistens aber fühle ich nur ihre Blicke ins Außen als etwas, das mich streift.

Und wie immer denke ich: „Wenn das doch jetzt so ist – bin ich dann nicht eigentlich geheilt? Mir geht’s doch gut. Was ich jetzt „noch habe“ hat doch in Wahrheit viel mehr mit meiner Charakterschwäche und meinem natürlichen Durchgescheppertsein zu tun, als mit irgendetwas veränderbarem oder diesem angeblich mir passiertem Trauma.“ La li la Vermeidungsmacarena.

Ich weiß, dass die einzig echte Prävention einer Dekompensation gerade Langsamkeit ist. Lange schlafen, arbeiten, wenn es geht, gut essen, jeden Tag eine Runde auf dem Rad drehen, öfter ausruhen.
Daneben habe ich das Gefühl, dass mir die Langsamkeit den Prozess verzerrt. Ich will mitkriegen, was los ist, was hier gerade alles passiert, ich will es später erinnern können. Ich wäre nicht hier, wären wir als Einsmensch entspannter. Ich würde alles verpassen, amnestisch sein, wie die Anderen in mir. Und damit ohnmächtig, hilflos, abhängig, eingeschränkt.

Am nächsten Morgen regnet es noch immer. Ich finde vorbereitetes Essen im Kühlschrank, meine Sachen liegen bereit, heute fahren wir ein letztes Mal in die alte Wohnung, um den Umzug abzuschließen.

Im Zug fällt mir auf, dass dieser Termin sich anfühlt, wie die Entscheidung, sich einen enorm wackeligen Milchzahn zu ziehen.
Die Verbindung ist lose, aber doch körperlich. Diese Wohnung entgültig zu verlassen, ist nicht nur ein Verwaltungsakt, bedeutet mehr als das Kümmern, um allgemeine Adressänderungen, Zuständigkeiten und die Verschiebung es Lebensmittelpunkts.

Es ist auch eine, die erste, Nabelschnur an einen Ort, der uns so viel Schutz, Geborgenheit, Raum zum Wachsen und Werden gegeben hat.
Es ist auch eine Entscheidung gegen die Plazenta, die das Bullergeddo immerhin 7 Jahre für uns war. Dieser kleine große Mikrokosmos, der uns so viel gegeben hat, was es brauchte, um überhaupt annehmen zu können, was uns zur Verfügung gestellt wurde.

Wir fahren in sonnige Abschnitte.
Der Freund kann nicht kommen, vielleicht ist das auch gut? Vielleicht muss man den wirklich richtigen Abschied selber machen. Vielleicht, sehr wahrscheinlich, muss ich allein dabei sein, denn ich kann nicht in zwei Richtungen gleichzeitig fühlen.

13.30 Uhr.
Ich laufe nochmal schnell zum Penny und treffe einen Nachbarn. Wir kumpeln uns an, kacken auf die Besitzer des Bullergheddo, machen Witze über das Kapital der Reichen. Ich könnte heulen.

Heule später, weil ich „meine Kastanie“, die mich jeden Morgen beim Aufwachen am Fenster begleitet hat, nie wieder so sehen werde. Bin froh, dass es an der Tür klingelt und ich aus diesem Moment herausgerissen werde. Ich will hier nicht weinend weggehen.
Ich will meine Haken im Vermietungsbogen machen, nicht frech werden, als Vermieterin und Hausmeister ausgiebig bedauern, was für eine furchtbare Wohnung wir hier 7 Jahre bewohnt haben. Ich will mich beherrschen wie jemand mit echter Führungskompetenz.

Und dann ist es vorbei. Ich stehe unten vor der Tür, trage links die Säge, rechts das Putzzeug. Das Kindergeschrei vom Spielplatz purzelt durch die Straßen.

Unsere Nachbarin hat neulich ihren Mann beerdigt, er war schwer krank. Sie hat ihn zu Hause gehabt, ihn gepflegt, ist selbst nur noch die Hälfte von früher. Wir sprechen noch ein bisschen, verabschieden uns. Mit der anderen Nachbarin bin ich verabredet. In 20 bis 30 Jahren stehen wir beide wieder da, wo wir heute stehen. Ihr Hund, NakNak*s erster und einziger Lieblingskumpel, wird dann tot sein. Seine Beine können schon jetzt nicht mehr. 14 einhalb Jahre.

Es weint ohne Tränen und ohne mich, als wir zur Bahn gehen.
Tschüß Bullergheddo.
Du warst mir eine Wolke.

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