so nah dran

4 Uhr 30. Von draußen rieseln kleine kühle Winde auf meine nackte Haut. Den Kopf noch voller Schlaf gehen wir mit NakNak* raus, wieso weiß ich eigentlich nicht. Aufstehen, Hund, Kaffee, das kommt nach Aufwachen und das Immernochleben fühlen.

Heute bekommen wir unser Zeugnis. Unsere zwei Zeugnisse. Berufsabschluss und Fach-Abitur.
Wir machen uns seit Wochen Sorgen, wie das wird. Kommt der Begleitermensch? Nein. Er muss zu seinem scheiß Ausbeuterjob, bei dem er auch nicht zu sehen bekommt, zu was seine Arbeit konkret am Ende führt.

Mein Kaffee dampft, das Draußen hat klare Umrisse. Ich sitze am Fenster und frage mich, ob wir in der neuen Wohnung wohl auch irgendwo am Fenster sitzen werden, um Kaffee zu trinken und uns mit dem anbrechenden Tag bekannt zu machen.

Dann wasche ich ab, sauge Staub, räume Dinge herum, bringe zu kleine Kleidung, in die ich letztes Jahr noch so dringend hineinschrumpfen wollte weg. Ich will nie wieder so schrumpfen. Ab sofort gilt das Einsiedlerkrebsprinzip: Was passt, das passt.

„Wir müssen nicht mehr zur Schule. Nie wieder.“ Das sage ich M. und denen um sie herum, die seit dem letzten normalen Schultag nicht mehr aktiv im Außen waren. Nicht einmal zu den Prüfungen. „Ihr könnt ab jetzt andere Sachen probieren.“ Ich verspreche ihnen, dass sie sowas, wie die letzten Jahre nie wieder ertragen müssen. Wir besiegeln es mit von ihnen in den Container gedonnerten Glasflaschen.

Wir haben uns eine neue Hose und ein neues Oberteil gekauft. Gestern die 3 Schuljahre langen Haare abschneiden lassen. Als ich aus der Dusche ins Warten auf den Freund steige, ist es eine Bewegung ohne jede Kraftanstrengung.
Wir warten, trinken Wasser, bemerken, dass wir noch nichts gegessen haben, vergessen es wieder bis der Freund da ist. Bevor wir in der Schule ankommen, fahren wir Müll zum Wertstoffhof und als wir in der Schule sind, haben wir eine Ansprache mit Powerpoint-Präsentation verpasst. Es wird viel geklatscht, ein Foto gemacht. Wir haben NakNak* auf dem Schoß und flatterfuchteln einfach raus, was raus muss. Es tut so gut wie Furzen wegen Bohneneintopf.

Später sitzen wir in einem Klassenraum und essen Melone. Dann bekommen wir unsere Zeugnisse. Und werden mit dem neuen Namen aufgerufen. „Das sind wir“, sage ich den anderen so als würde ich ein Netz aufs offene Meer werfen. Und als wir die Mappe, eine Rose und ein Geschenk in der Hand unseren Lehrer_innen danken, merke ich, wie ich selbst das Netz bin, aus dem auch die anderen gemacht sind.

Es geht schnell vorbei, niemand muss etwas aushalten, wir gehen einfach wieder auf unseren Platz.
Wir sind, reden mit den anderen Leuten, wünschen allen, dass es gut für sie weitergeht.

Der Freund ordnet den Glamour der Veranstaltung im Spanplattenbereich ein, ich lache und denke, wie gut das zu uns passt. Funktionell, vielfältig, einfach. Er versteht jetzt wieder etwas mehr von dem, was es uns abverlangt hat und irgendwie tröstet das etwas, das ich vorher gar nicht als tröstlich erlebt habe.

Wir gehen sehr lecker essen, laufen an den Händen durch die Altstadt.
Es ist schön und so nah an uns dran.
So, als meint das alles uns und niemand anders.

die ersten Tage

Ich trete in das Büro ein, kurz nach 12. Um 12 arbeitet sie eigentlich nicht mehr. Sie macht eine Ausnahme. Ich reiße meine Aufmerksamkeit von dem Umstand weg, dass schon wieder eine Ausnahme passiert. Und dann auch noch meinetwegen.
Sie klatscht durch den Raum und prallt an allem ab, was sich seit dem letzten Termin hier verändert hat. Die Stille und die Aufmerksamkeit der Standesbeamtin quetschen sich in meine Wahrnehmung, ich sage auf einen neuen Zettel deutend: “Der ist neu.”
Sie sagt: “Ja, das kann sein. Es ist noch mehr neu.” und zieht die Urkunde über die Namensänderung aus einer Akte.

Der Rest ist Rauschen. Eine Unterschrift, die nicht mehr als ein hingeschriebenes Wort ist, ein Gedanke, ausgeleuchtet wie eine Werbung am Straßenrand: “Auskunftsperren beantragen”. Danken. Das Gebäude verlassen. Anders heißen.

Erst kann ich nicht darüber sprechen, zwei Stunden später will ich nicht mehr drüber sprechen.
Ich erfahre meine Abschlussnoten, schaue ihnen zu wie sie langsam von mir weggluckern. Ich schreibe einen Tweet dazu, damit ich nicht vergesse, was heute für ein Tag, was die Note für eine Leistung ist. 171 Leuten gefällt das.
Wie gut das tut, fühle ich erst später.

Die Sekretärin in der Schule ist die erste Person, der wir die Urkunde in die Hand geben. Sie liest den Namen laut vor, sagt wie schön er ist, ich lächle einen unerwartet empfundenen Schmerz weg. “Bitte nicht kommentieren, bitte nicht belächeln, bitte nicht ungewöhnlich machen, bitte bitte tu so, als wär alles normal.” Das denke ich, “Bitte nicht anfassen”, fühle ich. Aber niemandem, nicht einmal der Therapeutin, sage ich das, weil ich denke, dass es niemand versteht. Nicht so, wie es für mich ist.

Die Urkunde, diese Information, ist wie ein Filter, den man auf das Bild von mir legt. Er macht mich auf eine Art nackt, die Situation auf eine Art intim, der ich, der wir alle innen, überhaupt noch nicht gewachsen sind.
Jede Bemerkung berührt mich unangemessen. Jede Frage dazu dringt in mich ein.
Meine Erleichterung darüber, befreit vom alten Namen und dessen Aufladung zu sein, bietet nicht genügend Schutz, erst recht keinen Trost.

Und als am nächsten Tag jemand von einem Callcenter mich selbstverständlich mit dem alten Namen anspricht, merke ich, dass sie das auch gar nicht kann. Ich kann noch gar nicht richtig erleichtert sein, denn es wird in der nächsten Zeit noch viel dieser Ansprache geben. Wir werden jetzt eine ganze Weile noch beide, die_r mit dem neuen und die mit dem alten Namen, und deshalb niemand sein.

Lebensaufgaben

“Man nennt es manchmal “Lebensaufgabe”. Das, womit man im Leben immer wieder konfrontiert ist, bis es vorbei ist. Interessanterweise ist, die Lebensaufgabe zu schaffen selten das, wofür man irgendwann eine Lebenswerk-Ehrung erhält. “

Und dann ist mein Gedanke auch schon wieder vorbei.
Wir sitzen in der neuen Wohnung. Unserem neuen Büro.
Es ist viel lauter als bei uns, unten vor dem Fenster fahren Laster und Kleinwagen von links nach rechts, von hinten zwitschern Vögel dagegen an. Der Freund telefoniert unten und das Klicken meiner Tastatur platscht von Wand zu Wand, denn hier ist noch nichts, außer dem Sofakissen auf dem ich sitze und dem Fußhocker auf dem das Laptop auf dem umgedrehten Besteckkasten steht. Und der beißende Kampfergeruch von dem Polsterreinigungsschaum, den der Freund gestern auf dem Futonbezug verteilt hat.

Hier ist nichts wie zu Hause und das ist anstrengend.
Es ist anstrengend zu zweit, zu viert und obendrein noch mitten in der PMS-Phase des Zyklus zu sein.
Nach 3 Tagen Podstock, nach 6 Wochen Prüfungsphase, nach 3 Wochen Prüfungsvorbereitungsphase. Manchmal merke ich ganz dicht hinter mir, wie es etwas kippelt und ausrasten könnte, aber keine Energie aufbauen kann. Das ist noch schlimmer als wenn es einfach ausbrechen würde, denn es bleibt und wabert und zieht und zieht und zieht an meiner Kraft, statt sich einmal einfach zu entladen und dann wieder abtauchen zu können.

Vorne in der Hecke stecken Gespinstmottennester. Gestern haben wir Brennnesseln aus dem Boden gezogen, die uns bis zur Schulter reichten. Wir haben den Rasen gemäht und gemotorsenst. Wenn wir hier wohnen, wird es neue Routinen geben und ich freue mich auf den Moment, in dem sie einfach da sind.
Im Moment bringt jeder Tag etwas Neues und es ist spürbar schlimmschön.
Wir würden es nicht anders haben wollen, aber wir brauchen es anders und das in der Art zu spüren und im Innen als real zu erleben ist krass. Neu. Schlimm.
Und schön, denn um dahin zu kommen haben wir viele Jahre an uns gearbeitet.

Wir haben noch 6 Wochen vor uns, in denen einfach gar nicht mehr so sein wird, wie in den letzten Jahren.
Ich habe Angst vor einer Erschöpfungsdepression im August/September. Weiß, dass sie kommen wird. Weiß, was ich dann machen muss. Weiß, dass es trotzdem schlimm sein wird und gleichzeitig nicht zu verhindern ist.

Niemand krempelt das ganze Leben um und ist hinterher nicht tief erschöpft.
Niemand schafft eine Lebensaufgabe und ist dann nicht überfordert vor der nächsten.

Fundstücke #70

Ich habe einen amerikanischen DIS-Podcast im Podcatcher, in dessen Beschreibung steht, dass sie dissoziative Symptomatiken und Wechsel nicht rausschneiden. Für die Authentizität.
Das und anderes haben mich dazu gebracht, mich zu fragen, wie authentisch wir hier sind. Und ob das überhaupt geht – authentisch sein, ganz man selbst sein, wenn man gar nicht so recht weiß, wie man denn ist.

Wenn ich einen Podcast aufnehme, dann will ich ihn gut machen, denn ich mache das auch für andere. Und wenn ich etwas gut machen will, dann schneide ich raus, was mir ungut erscheint. Heulen zum Beispiel, weil ein Thema so unfassbar berührt und traurighilflos macht. Wechsel zu Innens, deren Emotionalität ein Thema in den Hintergrund drängen würden. Oder auch Wort- und Sprachlosigkeit, deren Stille zu einer großen Anstrengung für Hörer_innen werden würde.
Vermutlich bin ich also nicht authentisch in der Sache. Vielleicht ist dabei nur authentisch, dass ich das überhaupt mache und so viele andere Betroffene nicht. Denn irgendwie sind wir, bin ich, immer irgendwie die Person, die Dinge tut, obwohl und obwohl.

Das war auch Thema neulich.
Obwohl.
Bloggen, podcasten, workshoppen, für Geld monologisieren vortragen, ein Buch veröffentlichen, rausgehen und Dinge machen, Leute treffen – obwohl bei uns nicht alles gut ist. Obwohl wir auch Angst haben. Obwohl wir auch nicht von uns denken, dass wir die beste Person für das sind, was wir bewirken möchten. Obwohl es schwer ist.

Das sind keine Dinge, die uns abhalten etwas zu tun. Ehrlich gesagt sind das sogar Dinge, die so tief in mich hineingefräst sind, dass sie zu kompensieren ein Teil meines Ich, unseres Rosenblätter-Ich, sind.
Aber sie haben den gleichen Stellenwert wie den Ärger darüber, dass ich meine Schreibfehler in den Texten immer erst Stunden nach der Veröffentlichung sehe oder wie das Gefühl aus der DIS-Blog-Szene ausgeschlossen zu sein, weil mehr als “Gut gemacht”, “Danke” oder Quark von dem klar sein muss, dass wir ihn nicht freischalten, bei uns nicht kommentiert wird.

Es gibt so viele hätte würde könnte wenn’s in unserem Leben. Wir kommen nicht hinterher damit und die Konsequenz dieser Unübersichtlichkeit und unserer Unzulänglichkeit Dinge anders zu machen ist, die Dinge zu machen, die wir machen wollen und zwar so wie wir wollen.
Das ist die Authentizität, die wir leben. Glaube ich.
Dass wir Dinge tun, um sie zu tun, nachdem wir uns entschlossen haben sie zu tun. Nicht trotz oder obwohl da auch Angst, Unzulänglichkeits- und Isolationsgefühle sind, sondern, weil sich diese Gefühle nicht damit verändern, dass wir nichts tun.

Wir machen sie nicht (mehr), damit Dinge besser werden. Wir machen sie, um sie gut zu machen. So gut wir das eben hinkriegen.

Und ja, ich glaube unsere Flashback-Reaktionen aufzunehmen, emotionale Innens andere Leute anpöbeln zu lassen oder Kinderinnens an PC und Handy zu lassen, führt nicht dazu, dass wir etwas gut machen.

Ich glaube auch, dass viele Leute Authentizität mit Nahbarkeit verwechseln.
Viele bezeichnen Menschen authentisch, mit denen sie sich verbunden fühlen. In denen sie sich selbst irgendwie erkennen können. Wir erkennen uns selten in anderen Menschen, und wenn dann nur in Stückchen. Wir ver.binden uns bewusst und auf Grundlage von wohlüberlegten Entscheidungen. Gefühle haben dabei keine leitende Funktion, sondern eher eine beratende.
Wir haben noch nie einen Podcast oder ein Blog abonniert, weil wir authentische Leute lesen oder anhören wollen, sondern, weil wir gut präsentierte Inhalte lesen/anhören wollen.

Vielleicht macht uns das komisch und unnahbar. Vielleicht sind wir auch so.
Keine Ahnung.
Es ist auch nicht relevant.

Wir sind nicht, was wir machen.
Wir sind angstvoll, unzulänglich und oft einsam – und wir machen Dinge.
Gleichzeitigkeit zu leben ist authentisch.

„how autism feels from the inside“

„Sometimes, like, you make plans, but, again, these promises and plans always go into chaos.
Its like – I think according, like, to Nietzsche, that life you think has one circle, but no, there are added circles to extra added circles, which create chaos. And than you – its sort of like you’re drowning.“

Ja, „like you’re drowning“, als würde man ersticken. Die Welt verliert alles Licht, jede Richtung, jeder Kontext verliert sich in Mustern, Kreisen, Ebenen. Als würde man das Sterben leben. Ohne Sinn, ohne Halt. Und dann kickt die Traumascheiße. Die Erinnerung daran, wie das war, als man kurz davor war zu ertrinken. Als man kurz vor dem Ersticken war. Als Leben um das Sterben, das beinahe, das ersehnte, das unkontrollierbare Sterben kreiselte.
Und dann ist es bei uns kein Tagtraum, sondern das Leben von jemand anders. Ein anderer kleiner extra hinzugefügter Kreisel, der die Lücken schließt, Kontexte verbindet, die Zeit, den Moment, das Alles festhält und in sich zu etwas verbindet, das er_lebbar ist.

Behinderungen sind nicht sekundär. Nicht für uns. Wir sind die Behinderung, unser Menschsein ist auch, behindert zu sein. Ist wir sein. Deshalb sagen wir „behinderte Menschen“.

Ich mag, wie unsere Perspektive, der Perspektive von Jordan in dem Film, einen kleinen Kreisel hinzufügt und die Verbindung die self advocacy ist. Kein Chaos.

Weltautismustag #4

Der vierte Weltautismustag mit dem Wissen um den eigenen Autismus.

Was kann ich dazu schreiben. Eigentlich nichts. Wir sind nicht nur autistisch. Ich denke, dass an so einem Tag nur die sprechen sollten, die ausschließlich das sind. Autist_innen.
Ich weiß, woher ich diesen Gedanken habe und weiß, dass ich ihn nicht haben muss. Er ist trotzdem da und wirkt. Dieser Text ist ein Versuch daran vorbei zu kommen.
Denn es ist unser „nicht ausschließlich autistisch“-sein, das die Diagnose so lange verunmöglicht hat und es auch heute noch erschwert, als auch autistische Person verstanden und anerkannt zu werden.

Es gibt enorm große Schnittmengen zwischen Autismus und dissoziativen Störungen (aufgrund traumatischer Erfahrungen). Sich auf gleich zwei so umfassenden Spektren verorten zu wollen, ist eine Herausforderung und nachwievor sind wir damit (gefühlt) völlig allein.

Durch unsere schulische Ausbildung haben wir viel Raum, uns damit auseinanderzusetzen, worin unsere Lern.Be.hinderungen und unsere Kompensationsstärken liegen. Wir haben gelernt, dass wir eine Stärke für Details und Analysen hochkomplexer Zusammenhänge haben, gleichzeitig jedoch Schwierigkeiten so schnell Verbindungen herzustellen – und beizubehalten – wie in der Schule und auch manchmal im Alltag erforderlich.

Wir bewegen uns geistig wie sozial nie im großen Ganzen – sondern immer im präzise durchanalysierten und scharf beobachteten Moment. Wir können darin mehr aufnehmen als andere Menschen, viele Verläufe und Möglichkeiten gleichzeitig berechnen, abwägen, einordnen, können sie aber oft nicht als das kommunizieren, was hinter unseren Analyseergebnissen (und entsprechendem  Re_Agieren) steht.
Wir können sehr gut schreiben und gut sprechen, etwas für andere Menschen verständlich zu sagen jedoch, raucht uns sehr schnell, sehr tiefgreifend aus.
Wir sind konsequent wie eine Guillotine im freien Fall, wenn wir uns etwas vorgenommen haben und gleichzeitig ohne jede Struktur, was ebenjene Vorhaben bzw. ihre Umsetzung angeht.

Die Gegensätzlichkeiten und Widersprüche in unserer Interaktion und Kommunikation sind in einer Linie mit der Art, wie wir gestrickt sind und das ist eine merkwürdig guttuende Erkenntnis.
Wir sind “geistig behindert” und gleichzeitig hochbegabt. Kriegen nichts auf die Kette und haben gleichzeitig das Potenzial sogar mehr zu können bzw. zu schaffen, als viele andere Menschen.
Wir sind eine Person, ein Einsmensch, und gleichzeitig viele. Viele Seelen, viele Leben, in einem Körper.leben.

(Diese) Gleichzeitigkeit mitzudenken, zu erleben und zu empfinden ist, was uns ausmacht.
Ob das eine rein autistische Geschichte ist, wissen wir nicht. Die Dinge, die wir in den letzten Jahren über Autismus gelesen haben, befassten sich nicht bzw. wenn, dann eher am Rande mit solchen Aspekten.
Meistens ging es um autistische Kinder. Um autistische Kinder in der Schule, im Defizit, im Zentrum der Angst vor sozialem und ökonomischen Abstieg der Eltern. Es ging um neuere Studien zur genetischen Grundlage des Autismus, um mögliche Risikofaktoren während Schwangerschaft, Geburt und frühster Kindheit.

Zur Lage und Lebensqualität komplex traumatisierter Autist_innen oder autistischer Menschen, die komplex traumatisiert wurden, haben wir noch immer keine Veröffentlichung gefunden. Keine, außer unserer eigenen, von denen wir bis heute nicht so recht wissen, ob sie nachvollziehbar, sinnig, ~wertvoll, konstruktiv für irgendetwas oder irgendwen nutzbar sind.

Am Weltautismustag wird in Amerika nachwievor die (von Autist_innen scharf kritisierte) Organisation “Autismspeaks” beworben, die ein Puzzleteil als Logo hat. Die Ironie ist groß. Sagt man doch auch über Leute, die viele sind, sie wären innerlich ein Haufen auseinandergerupfter Teile, die zusammen ein Ganzes ergeben.
In unserem vierten Jahr mit Autismusdiagnose und dem inzwischen siebzehnten Jahr DIS-Diagnose denken wir beides gleichzeitig in uns und fühlen uns damit isoliert. Weggerupft.

Wir sehen nachwievor keine Inklusion von autistischen Menschen in der Traumaforschung und von anerkannt traumatisierten Menschen in der Autismusforschung.
Wir sehen nicht, dass sich Traumaspezialist_innen für die Neurodivergenz und ihre Auswirkungen auf das Gelingen oder Nichtgelingen von Traumatherapie interessieren. Sich fort- und weiterbilden, sich dazu entscheiden, anzunehmen, dass auch behinderte* Menschen von Traumatherapie profitieren können, wenn man es ihnen ermöglicht.
Wir sehen nicht, dass der institutionellen Pflege und Versorgung von autistischen Menschen die Idee von Selbstermächtigung innewohnt. Sehen noch bei viel zu wenigen Menschen das Bewusstsein dafür, dass man bei bestimmten Heil-, Hilfe- und Förderungs.be.handlungen das Potenzial einer grundfesten Traumatisierung autistischer Menschen mitbedenken muss.

Wir sehen nur einen Haufen Puzzlestücke, die sich hier und da um einzelne Aspekte klumpen, die letztlich nicht den Menschen dienen, um die es geht.
Und wissen auch in diesem vierten Jahr der Auseinandersetzung nicht, ob mehr Awareness das Einzige ist, das gebraucht wird, um das zu verändern.

28 und 29

Kurz vor Mitternacht.
Draußen ist es warm kalt gewesen. Die Luft wusste nicht, ob sie uns beißen oder streicheln wollte. Komisch, dieser Winter.

Beim Besuch noch kurz vorm Einschlafen, stehe ich jetzt aufgedreht in meiner Küche und weiß nicht ein noch aus. NakNak* rumpelt sich grunzend in der Küchenbankkurve zum Hundeschlafball zusammen. Ich öffne das Fenster und lasse sie dunkle Stille auf meine Front treffen.

Wir haben über unsere Zukunftskreisel gesprochen. Was wir gerne würden und was alles könnten, was ja, was nein und was eine Entscheidung bedeuten könnte.
Und, weshalb manche Optionen überhaupt nur da sind. Sie hatte sehr recht, als sie sagte, man müsse nicht immer alles können, was man in der Zukunft vielleicht braucht. Und, dass viel der Hartz fear in unseren Überlegungen eine Rolle spielt.
Dass wir schon viel Zeit verloren haben. Dass wir mit einem Studium, egal von was, von dem abkämen, was wir könnten.

Da wirds dann neblig. Was wir können.
Wir können von vielem ein bisschen. Nichts spezialisiert.
Wir müssten in die Kunst, in der Kunst bleiben, in der Kunst wachsen und ausreifen. Unter Bedingungen, die uns den Raum lassen.
Und wir müssten dran bleiben. Immer weiter machen.
Das ist so fragil. So Hartz 4. Und damit nicht, was wir wollen.
Auf der anderen Seite: Niemand will Hartz 4. Niemand. Jemals.

Wenn es das Kafka-Einsteinmodell wird, ist es wohl gut. Morgens Obstkisten stapeln, nachmittags auf Papier explodieren.

Zehn vor 12.
Als ich auf mein Handy schaue, erinnere mich daran, dass ich meine Sprachlernlektion mit Duolingo noch nicht gemacht habe.
Zwei Minuten vor Mitternacht bin ich fertig. Den 143 sten Tag in Folge Norwegisch, seit ein paar Tagen auch Dänisch.
Als die kleinen Lingot-Schatztruhen vor mir auf und ab hüpfen, erinnere ich mich an die Motivation, diese Sprache zu lernen. Überhaupt eine weitere Fremdsprache richtig ordentlich zu lernen. Sie kam auch aus der Hartz fear und dem Spüren, dass sich das Leben in Deutschland, in Europa, in der EU, auf diesem Planenten in den nächsten Jahren sehr verändern wird. Für die meisten ist das Teil unseres Hangs zur Katastrophisierung. Bitte schön, sollen sie es denken. Aber die Sicherheit, die Beruhigung, die brauchen wir doch. Und uns reicht kein “da mach dir mal keine Sorgen, das wird schon alles werden”, wir brauchen konkrete Ideen, was wir dann machen. Wo wir dann hingehen, worauf wir uns in uns und aus uns heraus verlassen können. Und das ist im Moment so verdammt wenig.

Wir haben keinerlei Ersparnisse, keinen Beruf erlernt, der nicht in 10 Jahren obsolet ist. Wir kosten, ohne wertzuschöpfen. Das ist die Realität. Völlig losgelöst von uns persönlich oder dem, was andere Menschen subjektiv empfinden. Wir sind kein gesellschaftliches Element, das gesellschaftliche, politische, ökonomische, wirtschaftliche Krisen überstehen kann, weil es noch auf etwas anderes als den bloßen Überlebenstrieb setzen kann.
Für viele Leute, mit denen wir darüber sprechen und denen wir das so sagen, klingt das nach traumabedingten Selbstwertkomplexen. Nach “sich nichts zu trauen”. Nach “die schönen Seiten nicht sehen”. Nach “der Zukunft nicht trauen”.  Nach Katastrophisierung eben. Also etwas, das man von sich schieben muss, weil es zu schlimm ist, Angst macht, am Ende keine Antwort hat. In ihnen anders resoniert, als in uns, die wir wissen, wovon wir da reden.

Deshalb gehen wir so oft aus Gesprächen über unsere Zukunftskreisel und fühlen uns dumpf, orientierungslos, planlos. Versuchen, uns an die kleinsten Schritte zu halten, versuchen wirklich, von Tag zu Tag zu leben, zu denken, zu arbeiten, weil uns nur das als jetzt relevant benannt wird. Und einige Zeit später können wir es dann nicht mehr aushalten. Diese Kontextlosigkeit des Tag für Tag, die sich auftut, wenn man nicht auf eine klar definierte Zukunft, einen Zweck des eigenen Machens hinwirkt.

Dann versuchen wir das weiter. Und weiter. Und aus Kontextlosigkeit wird Sinnlosigkeit. Wird Bedeutungslosigkeit. Wird Verzichtbarkeit. Wird das Moment, in dem wir uns vor uns selbst ekeln, weil wir um unser selbst weiterleben und machen. Müssen. Sollen. Obwohl es uns weder braucht, noch wünscht, noch will. Dieses Leben. Dieses Alles. Nie, weil es so ist.

Das ist ein Trigger. Eine Lage, ein Headspace, könnte man so sagen, in dem wir uns wieder in sadistischer Quälerei befinden.
“Sei am Leben, bleib am Leben, damit ich dich quälen kann. Du lebensunwertes Drecksvieh. Geh weg, ich mag dich kaputt. Bleib hier, ich will dich kaputt machen. Für nichts und wieder nichts anderes als das Moment des Leidens. Mach mir eine Freunde – versuch mir zu entkommen. Du kannst mir nicht entkommen, denn ich bin die Macht. Ich hasse dich, ich brauche dich. Stirb endlich. Steh auf. Beweg dich. Mach was, ich will es kaputt machen.“

Und das ist das Tor zur Hölle einfach. Das auszuhalten und wie eine abgekapselte Eiterbeule, die zu berühren unvermeidbar ist, durch den Alltag zu tragen, in dem das niemand sieht, niemand versteht, niemand aus eigener Erfahrung mitfühlen kann – das ist grauenhaft. Wirklich.
Und für uns Realität.

Das heißt nicht, dass wir das nicht von unserem Leben heute unterscheiden können. Wir sehen sehr wohl die Unterschiede. Sehen unsere Selbstbestimmung, sehen und fühlen, dass wir auch geschützt, bestärkt und in Teilen getragen werden. Wir wissen, dass es nicht das selbe ist. Aber die Notgefühle, die Ohnmachtsgefühle, die Bitterkeit der Wahrheiten um uns selbst herum, die sind die Gleichen und es gibt keinen anderen Grund außer Vermeidung, Nichtanerkennung oder wohlmeinender Ignoranz, uns zu sagen, dass das ja gar nicht sein muss. Dass es ja auch ganz anders sein könnte. “Wenn nur…”

Ich weiß nicht, ob man als außenstehende Person, die das jetzt liest bis hier hin überhaupt folgen konnte.
Nun ist es 4 Uhr morgens. NakNak* atmet ihren Schlaf ein und aus. Der Kühlschrank summt. Ich fühle mich allein. Einsam. Und endlich auch müde. Vielleicht musste mal so aufgeschrieben werden. Für nichts und wieder nichts. In all seiner Sinnlosigkeit.
Mir bedeutet es etwas.
Das ist ja immerhin was.

21

“Nichts macht mich produktiver als die 5 Minuten vor der Deadline.” Das steht sinngemäß auf einer Karte, die ich neulich bei Twitter geteilt hab und könnte eigentlich auch in Bewerbungen von mir zu lesen sein.
Ganz so schlimm ist es dann aber doch nicht. Nicht immer.
Eigentlich immer nur, wenns drauf ankommt.
Auf mich. Alleine. Für irgendjemand anderen oder ein bestimmtes Ergebnis.

Dann verliere ich nämlich den Überblick, schaffe es nicht mehr, mich zu sortieren. Das überflutet mich, dann krieg ich Angst und dann… naja dann arbeite ich viel an Projekten, die weder Geld einbringen, noch irgendwas (für die Zukunft) bedeuten. Oder spiele Sims 3. Oder habe eine super aufgeräumte Wohnung mit top zusammengelegter Wäsche, staubgewischten Oberflächen und einer Küche, die bereit für eine Nierentransplantation ist.

Währenddessen gehts mir schlecht, denn ich weiß, ich sollte das nicht tun. Ich sollte arbeiten. Sollte etwas schaffen. Doch selbst wenn ich mich dann dran setze, ist mein Kopf leer, der Überblick kommt nicht zurück, die Fähigkeit, überhaupt eine Idee zu entwickeln, wo man wie anfangen könnte, ist einfach nicht da. Mit anderen Menschen über diese Arbeit zu sprechen, hilft mir dann oft auch nicht. Denn die meisten Leute wissen nicht, was ich da mache. Sie wissen nicht, worum es geht, verstehen nicht, was mir fehlt, um erklären oder einfach anfangen zu können.

Wenns richtig schlimm ist, kann ich in der Zeit nicht sprechen. Also “kann” kann ich nicht sprechen.
Mein Mund funktioniert, aber es kommt nichts raus, weil nichts auf der Wort-Aussprech-Abschussrampe liegt. Meistens dann wegen Lieferschwierigkeiten, manchmal aber auch weil die Sinn-Wort-Produktion erheblich erschwert ist. Das ist der Scheiße-Jackpot jeder Auftragsphase. Heute aber auch das Signal für mich, an dem ich weiß: Ich muss meinen Auftrag klären, muss mir sagen lassen – mir richtig Schritt für Schritt sagen lassen, was von mir erwartet wird.
Was zu wann zu machen ist, was wie sein soll, weshalb was wie geplant ist und so weiter. So, als wäre ich bei der Auftragsvergabe nicht da gewesen und hätte keine Ahnung.

Das hilft mir dann meistens. Alles nochmal hören, jeden Schritt aufschreiben können, fehlende Stücke ergänzen. Und dann wird meistens klar, weshalb ich in die Leere gerutscht bin: Unverständnisse oder Mehrdeutigkeiten
Gerade in meiner Ausbildung, in der es viel die Beschreibung von Gestaltung geht, passiert mir das immer wieder.
Ich kann nicht viel damit anfangen, wenn in einem Auftrag zum Beispiel steht: “Die Broschüre soll Jugendliche ansprechen”, denn ich kann die Broschüre nur gestalten, nicht aber ihr Sprechen beibringen. Ich weiß natürlich auch, dass damit andere Dinge gemeint sind – ich weiß aber auch, dass es eine Fülle von anderen Dingen bedeutet, die damit gemeint sind. Ja, und auf welche soll ich jetzt dabei achten? Fragezeichen. Leere. Keine Ahnung. Denn es gibt Millionen von Jugendliche und unzählige Arten der Ansprache, die in ihnen Interesse auslöst. Woher soll ich wissen, welche die richtige ist?

Viele Leute, mit denen ich über diese Problematik gesprochen habe, beschreiben ihr Entscheidungsverfahren mehr oder weniger als Sprung ins kalte Wasser. Sie würden einfach drauf los machen. Und irgendwie wär das dann auch schon immer gut.
Das würd ich auch gern können. Einfach so drauflos machen können, ohne Vorüberlegung oder Idee, wie es aussehen soll am Ende.

Am Wochenende hatte ich einige Konzepte für die Schule zu schreiben. Eins für eine Broschur, eins für einen Film zum Thema Sucht und eins für einen Auftrag über das Design einer Verpackung. Deadline: heute bzw. Mittwoch
Folgerichtig habe ich eine Sims 3 – Großfamilie entstehen lassen, hab meine Wohnung auf Vordermann gebracht und war so oft draußen, wie es mein Erkältungskreislauf mitgemacht hat. Ein Konzept habe ich an dem Wochenende geschafft. Das, was am Mittwoch fällig ist.

Gestern Abend, mittlerweise im Frieden damit, die reguläre Deadline nicht zu schaffen, habe ich mich dann gefragt, ob Prokastination für mich eine Form des Umgangs mit der exekutiven Dysfunktion ist. Also nicht “aufschieben” im üblicherweise gemeinten Sinne, sondern eher “wegschieben, damit nötige Prozesse Platz haben können”. Denn ja, ich hatte den Druck, dass ich etwas tun müsste, ich hatte aber auch das Gefühl, dass ich mich während meiner Quatschhandlungen trotzdem noch damit auseinandersetze, wie ich was machen könnte. Hier und da – völlig random – sprenkelten sich Ideen ein, die mir dann heute in der Schule dabei halfen, meinen Ideen und Plänen genug Struktur zu geben, um sie selbstständig weiterführen zu können.

Ich bin fristgerecht fertig geworden. Habe einfach irgendwas gemacht. Bin in Wasser gesprungen, über das ich mir genug Gedanken machen konnte. So viel, wie in der gegebenen Zeit eben möglich war. Bin ich damit zufrieden?
Nein. Denn es ist Produktivität, die ich damit bewiesen habe. Nicht Qualität, die ich geliefert habe.

Für manche Menschen ist der Anspruch zu hoch. Auch viele in meiner Klasse lassen diesen Aspekt irgendwann sausen, weil es letztlich nur noch darum geht, etwas abzugeben, um eine 6 zu verhindern. Ich finde das nicht gut und denke mir, dass das doch auch nicht ist, worum es bei unseren Arbeitsaufträgen geht. Andererseits wollen die Arbeitsaufträge auch nicht wissen, wie viele mögliche Optionen man zur Umsetzung sieht. Sie fordern eine Option, ohne für mich klar zu sagen, welche. Das ist ganz schön schwierig.

Ich bin gespannt darauf, wie es später mal in einem beruflichen Setting läuft.
Bisher konnten wir immer alles einfach besprechen und besprechen und bereden bis wirklich alles klar war. Aber was ist, wenn wir mal einfach nur liefern sollen? Wenn wir einfach nur produzieren sollen und die Qualität vorausgesetzt wird.

Fragezeichen.
Angst.
Überflutung.
Zukunftsgedanken-Angst-Kreisel.

14

“Lassen Sie diesen Tag einmal ganz groß in sich werden.”, sagt die Therapeutin zu ihr und sie bläst ihn auf. Diesen Tag. An dem für sie alles super lief, weil sie gut funktioniert hat. Halb 5 aufzustehen, war für sie kein Problem. Sie weiß ja erst, wenn sie diesen Text liest, dass wir 2 Stunden vor ihrem Aufstehen ins Bett gekommen sind. Nach Stunden voll Rotz und Wasser, Not und Tick-Tack-Stacheln- besetzter Stille, in denen der eine Flashback abebbt und der nächste schon in den Startlöchern steht.

Für sie war es schön viel Zeit, noch schnell für die Klausur in 3 Stunden zu lesen, vor der die andere schon seit 2 Wochen Angst hat, weil sie so gut wie nie im Unterricht ist und ihn zu Hause nicht nacharbeiten kann. Sie fand es toll, endlich mal Zeit für ein langes Frühstück zu haben. Sie mag langes Frühstücken, denn für sie ist es schwammig schöne Wurschtelzeit ohne Grenzerleben. Ein Zeitgefühl, das so nur die Dissoziation entstehen lassen kann, die nötig ist, um Essverbote runterzuwürgen, Negativassoziationen gar nicht erst zu bemerken und auch die Arbeit der Selbst_Organisation, die zur Konstruktion so einer Mahlzeit nötig ist, weder zu bemerken, noch sowie daran beteiligt zu sein.

Sie mochte das duschen, das wir so sehr hassen, weil es einfach alles hat, was aversiv ist. Ich habe keine Vorstellung davon, was für sie daran angenehm sein könnte. Der Krach? Die Hitze, die die eine braucht und die andere ausnutzt? Die Seife, deren Glibsch einfach immer Ekel antriggert?  Das nackt in einem Raum stehen, der so konstruiert ist, dass man die Tür weder hören noch im Blick behalten kann? Der Umstand, dass potenziell jederzeit jemand da rein könnte, weil man nicht abschließen kann und er über den normalen Hausflur zu betreten ist? Oder sind es die Handtücher, die vor 17 Jahren von den Großeltern geschenkt wurden und noch immer nicht losgelassen werden können? Ist es, dass es in unserem Duschraum keinen Fußboden, kein Fensterrollo und weniger als 3 m² Platz gibt?
Oder geht es auch hier darum, dass es sich für sie einfach wie eine Blindfahrt durch Nebel anfühlt, über die sie, ohne es bewusst zu haben, eigentlich so überhaupt keine Kontrolle hat?

Sie beschrieb wie gut die Klausur lief, wie heute einfach alles gut lief und schön war und wie gut es war, nach der Schule eine Stunde schlafen zu können. Wie nötig das war, um in der Therapie sein zu können, weiß sie nicht. Dass sie heute komplett auf Mate-Tee und Koffeintabletten lief, weiß sie nicht. Dass sie maximal unproduktiv in der Schule war, weiß sie nicht. Dass es hier bei uns brennt und schreit und in alle Richtungen rennt, weiß sie nicht.

Nicht, weil sie nicht will. Einfach, weil sie sie ist.
Und nicht wir.

13

Ein Aspekt, der in solchen Situationen auch immer wieder untergeht ist, weshalb wir überhaupt ständig so ein Kanarienvogel werden. Es gibt Menschen, die uns immer wieder antragen, dann doch einfach nichts zu sagen. Und es gibt Menschen, die glauben, dass wir dann immer etwas sagen, weil wir so mutig und stark sind. Oder weil wir ein bisschen Stunk machen wollen. Weil wir Regeln ablehnen und generell keine Autorität anerkennen wollen.

Alles Quatsch und tragisch schlimme Missachtung dessen, was wirklich bei uns vorgeht.

Würden wir keine Verantwortung tragen müssen (aka Würden wir zu anderen Zeiten leben), würden wir keinerlei direkten Kontakt zu anderen Menschen aufnehmen. Selbst dann nicht, wenn wir sehr krank wären oder in irgendeiner anderen Not.

Wir gehen zur Schule, weil wir müssen. Weil man sich die Grundversorgung in unserer Gesellschaft erarbeiten und also verdienen muss. Wir waren in Betreuung, weil wir mussten. Weil man Verantwortung für sich und die eigene Bürokratie begleitet erlernen muss, will man zukünftige Entwicklungen selbst schaffen. Wir haben erste Freund_innenschaften geknüpft, weil wir mussten. Wir brauchten Leute, die bemerkt hätten, wenn man uns wie immer wieder angedroht, getötet hätte.

Heute haben wir Freund_innen, die damit zurecht kommen, überwiegend über dieses Blog, Twitter und Messenger mit uns in Kontakt zu sein. Indirekt also. Sehr selten und meist sehr konkret über eine Sache verbunden auch direkt.

Was uns in unseren heutigen Menschenkontakten immer wieder zum Verhängnis wird ist, dass wir aufrichtig daran interessiert sind die Dinge zu tun, die uns aneinander binden. Wir gehen nicht zur Schule, weil man uns zwingt und dann sitzen wir da unsere Zeit ab und alles ist uns egal. Wir gehen dahin, weil wir gezwungen sind, mit etwas da raus zu gehen. Und um das zu kriegen, müssen wir Lehrer_innen gut zuhören, ihren Anweisungen folgen und in uns so transformieren, dass wir am Ende auch kriegen können, was wir wollen. Den Abschluss.
Wir hören ihnen also zu. Wir sind also aufrichtig daran interessiert, was sie uns sagen. Und wir machen auch wirklich so gut wir können das, was sie uns sagen.

Das ist an sich schon mal irritierend für die meisten Berufschullehrer_innen. So hohe Eigenmotivation und Interesse an der Sache erleben sie nicht oft. Bei manchen habe ich auch den Eindruck, dass sie überhaupt keinen Umgang damit haben, einfach so anerkannt zu sein als jemand, die_r etwas beibringen kann und also auch soll. Dass sie wirklich und echt einfach so anerkannt werden – auch ohne soziales Rumgebuckel, Geschleime oder andere soziale Täuschungsmanvöver – und angesprochen werden wie Leute, an die man ganz selbstverständlich auch Dinge wie bessere, konkretere Erklärungen abverlangt, gerade, weil das ihr Job ist.

Einerseits ist das total traurig und andererseits total normalisiert.
Eine der üblichen Alltagsdissonanzen, die wir wir bis heute nicht verstehen. Status wird über Fähigkeit und Funktion definiert, aber Funktion und Fähigkeit zu fordern, gerade, weil das so ist, ist falsch, gilt als stark und mutig, frech, machtkritisch … manchmal aber auch als naiv und zu belächeln.

Wir kommen über dieses Nichtverstehen nicht hinweg. Vor allem nicht, weil das so besteht und es niemanden stört bzw. von niemandem sonst auch als Dissonanz eingeordnet wird.

Wir geraten immer wieder in solche Momente, weil wir zu spät merken, dass wir wieder mitten drin sind.
Das Klinikding vor inzwischen bald 3 Jahren war so ein Ding. Sehr viele Probleme mit Lehrer_innen, Behördenpersonen und ehemalig als Freund_innen und Gemögte eingeordnete Personen gehen darauf zurück.
Darauf, dass wir sie und ihre Funktionen, ihre Rollen und alles, was sie uns sagen – dass wir unsere gemeinsame Verbindung so ernst nehmen, wie wir denken, dass man sie ernstnehmen muss und also nicht einfach sagen darf: “Ja ok mir egal/Ja ok will ne Autorität sein, obwohl sie_r sagt sie_r will ne Partner_in sein – scheiß egal/Ja ach scheiß was drauf, sind halt Lehrer_innen/Chefs_innen, is halt scheiß Schule/Arbeit…”.

Unser Fehler ist einfach diese Verbindung einzugehen und aufrichtig in dieser Verbindung zu sein.
Wir machen das nie halb oder nur ein bisschen oder mit Intensionen, die wir dann nicht offen aussprechen, weil man dann vielleicht nicht mehr mit uns verbunden sein will. Wenn wir Kontakte eingehen, dann gehen wir richtig rein.

Heute denke ich, dass wir aufgrund dieser Eigenschaft auch nur in den Ausstieg und die Ablösung von der Familie*° gehen konnten. Wir können Dissonanzen nicht ausblenden und weil wir gleichzeitig so sehr in Verbindung mit Menschen gehen, sagen wir ihnen auch, wenn so eine Dissonanz da ist. Nicht, weil wir so hammer mutig sind oder immer Kraft für die Konsequenzen haben, sondern, weil die Dissonanz da ist und es keine geben sollte, wenn alles richtig läuft. Beziehungsweise, alles richtig ist. Und dass alles richtig ist bzw. richtig läuft: das sollte in einer Beziehung/Verbindung doch im Interesse aller sein, sonst hätte sie keinen Sinn. Jedenfalls nicht für uns.

Wir benennen Dissonanzen/Unlogiken/Unstimmigkeiten, weil es solche Dissonanzen sind, die uns quälen, absorbieren und bis heute spalten, wenn wir alleine damit sein müssen. Und, weil wir einfach unser Leben lang genau damit immer allein sind.
Auch dann, und das ist, was uns regelmäßig in depressive Einbrüche bringt, wenn wir anderen Menschen davon erzählen und sie versuchen zu verstehen. In der Regel verstehen sie nämlich nicht oder kommunizieren uns ihr Verständnis immer wieder so, dass wir zu dem Schluss kommen, sie verstünden gar nichts und für uns eine weitere Runde soziale Flauschigkeit für andere Leute eingeläutet wird, damit sie ihre Intension für genug gewertschätzt empfinden plus Alleinigkeit mit dem, worum es eigentlich geht.

Das ist Spaltung. Das ist eine Dissonanz in uns. Denn nach außen flauschen wir, damit wenigstens eine Person okay aus der Situation kommt und nach innen leiden wir und prozessieren etwas, was niemand versteht, niemand sieht und niemand als anstrengende Nebenherarbeit im Alltag mitdenkt.
Wenn wir sagen, dass uns soziale Interaktion über alle Maße anstrengt, dann liegt das auch an genau solchen Nebenherprozessen, die Kapazitäten für Einfühlen, Mitdenken, Sprechen, passende Mimik und Gestik machen, Sinnbilder und Memes erkennen und decodieren, Kontakt zum Eigenen behalten, rauben.

Und wofür das alles?
Ganz runtergedampft und alle soziale Konnotation rausgestrichen: Um in einer Welt zu überleben, die so ist, wie die, in der wir gerade leben.

In früheren Menschenszeiten wären wir ein_e Einzelgänger_in geworden, sobald wir uns die groben Basics zum Überleben angeeignet hätten. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns draußen in der Natur/Wildnis sicher zu fühlen. Wir brauchen andere Menschen nicht, um uns selbst zu spüren. Irgendwie funktionieren wir an der Stelle einfach anders und spüren genauso sicher, dass dieser Wahrnehmung keine traumabedingte Begründung hintersteht.
Wir hassen Menschen nicht. Wir misstrauen ihnen in der Regel, wenn sie auf uns zukommen und so tun, als würden sie uns niemals schaden können oder wollen. Wir sind in dem Misstrauen bestätigt, wenn sie die Möglichkeit, dass das irgendwann, warum auch immer, mal der Fall sein könnte, vehement abstreiten. Aber das ist nicht der Grund weshalb wir von uns annehmen, eigentlich als Einzelgänger_in glücklicher, entspannter, ungespaltener zu sein.

Wir müssten einfach keine Dissoanz mehr ertragen. Und wir müssten damit nicht mehr allein sein, obwohl die Chance auf Mehrsamkeit scheinbar so so so nah ist. Wir würden unsere Dinge machen und wenn wir etwas außerhalb von uns wünschen, dann würden wir es aufschreiben.

Es gäbe keine Verbindungen mit Sollbruchstelle am gegenseitigen Verstehen mehr. Kein “So-tun-als-ob-man sie eigentlich-in-Wahrheit-ja-auch-umgehen-kann-wenn-man-nur… “

Wir wären in Kongruenz mit unserer inneren Aufrichtigkeit über den Kontakt mit anderen Menschen.
Und ja, nein, das sind wir im Moment nicht und waren es noch nie.
Einfach, weil wir in heutigen Menschenzeiten leben und wir uns dafür entschieden haben. Für die Verbindung dazu. Für das Leben. Unser Leben.

Vielleicht hätten wir das nicht machen sollen. Aber jetzt ist es so und vielleicht ist das einfach die Aufgabe, die wir haben. Mit allen Konsequenzen für uns und die Menschen in unserem Leben.

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