Kategorie: Momente mit Glitzer drin

die ersten Tage

Ich trete in das Büro ein, kurz nach 12. Um 12 arbeitet sie eigentlich nicht mehr. Sie macht eine Ausnahme. Ich reiße meine Aufmerksamkeit von dem Umstand weg, dass schon wieder eine Ausnahme passiert. Und dann auch noch meinetwegen.
Sie klatscht durch den Raum und prallt an allem ab, was sich seit dem letzten Termin hier verändert hat. Die Stille und die Aufmerksamkeit der Standesbeamtin quetschen sich in meine Wahrnehmung, ich sage auf einen neuen Zettel deutend: “Der ist neu.”
Sie sagt: “Ja, das kann sein. Es ist noch mehr neu.” und zieht die Urkunde über die Namensänderung aus einer Akte.

Der Rest ist Rauschen. Eine Unterschrift, die nicht mehr als ein hingeschriebenes Wort ist, ein Gedanke, ausgeleuchtet wie eine Werbung am Straßenrand: “Auskunftsperren beantragen”. Danken. Das Gebäude verlassen. Anders heißen.

Erst kann ich nicht darüber sprechen, zwei Stunden später will ich nicht mehr drüber sprechen.
Ich erfahre meine Abschlussnoten, schaue ihnen zu wie sie langsam von mir weggluckern. Ich schreibe einen Tweet dazu, damit ich nicht vergesse, was heute für ein Tag, was die Note für eine Leistung ist. 171 Leuten gefällt das.
Wie gut das tut, fühle ich erst später.

Die Sekretärin in der Schule ist die erste Person, der wir die Urkunde in die Hand geben. Sie liest den Namen laut vor, sagt wie schön er ist, ich lächle einen unerwartet empfundenen Schmerz weg. “Bitte nicht kommentieren, bitte nicht belächeln, bitte nicht ungewöhnlich machen, bitte bitte tu so, als wär alles normal.” Das denke ich, “Bitte nicht anfassen”, fühle ich. Aber niemandem, nicht einmal der Therapeutin, sage ich das, weil ich denke, dass es niemand versteht. Nicht so, wie es für mich ist.

Die Urkunde, diese Information, ist wie ein Filter, den man auf das Bild von mir legt. Er macht mich auf eine Art nackt, die Situation auf eine Art intim, der ich, der wir alle innen, überhaupt noch nicht gewachsen sind.
Jede Bemerkung berührt mich unangemessen. Jede Frage dazu dringt in mich ein.
Meine Erleichterung darüber, befreit vom alten Namen und dessen Aufladung zu sein, bietet nicht genügend Schutz, erst recht keinen Trost.

Und als am nächsten Tag jemand von einem Callcenter mich selbstverständlich mit dem alten Namen anspricht, merke ich, dass sie das auch gar nicht kann. Ich kann noch gar nicht richtig erleichtert sein, denn es wird in der nächsten Zeit noch viel dieser Ansprache geben. Wir werden jetzt eine ganze Weile noch beide, die_r mit dem neuen und die mit dem alten Namen, und deshalb niemand sein.

„how autism feels from the inside“

„Sometimes, like, you make plans, but, again, these promises and plans always go into chaos.
Its like – I think according, like, to Nietzsche, that life you think has one circle, but no, there are added circles to extra added circles, which create chaos. And than you – its sort of like you’re drowning.“

Ja, „like you’re drowning“, als würde man ersticken. Die Welt verliert alles Licht, jede Richtung, jeder Kontext verliert sich in Mustern, Kreisen, Ebenen. Als würde man das Sterben leben. Ohne Sinn, ohne Halt. Und dann kickt die Traumascheiße. Die Erinnerung daran, wie das war, als man kurz davor war zu ertrinken. Als man kurz vor dem Ersticken war. Als Leben um das Sterben, das beinahe, das ersehnte, das unkontrollierbare Sterben kreiselte.
Und dann ist es bei uns kein Tagtraum, sondern das Leben von jemand anders. Ein anderer kleiner extra hinzugefügter Kreisel, der die Lücken schließt, Kontexte verbindet, die Zeit, den Moment, das Alles festhält und in sich zu etwas verbindet, das er_lebbar ist.

Behinderungen sind nicht sekundär. Nicht für uns. Wir sind die Behinderung, unser Menschsein ist auch, behindert zu sein. Ist wir sein. Deshalb sagen wir „behinderte Menschen“.

Ich mag, wie unsere Perspektive, der Perspektive von Jordan in dem Film, einen kleinen Kreisel hinzufügt und die Verbindung die self advocacy ist. Kein Chaos.

der formale Antrag auf Vor- und Nachnamensänderung

Die Sonne schien, NakNak* wuselte mit uns im Bett herum, als das Telefon klingelte.
“Unsere Standesbeamtin” war dran. Einige Tage nachdem wir schon dachten sie würde sich nicht melden, weil unsere Begründung nicht ausgereicht hat.
Wir vereinbarten einen Termin, keine zwei Stunden später. Kamen an, saßen rum, traten ein und stellten den formalen Antrag auf Änderung des Vor- und Zunamens. Bei Ausstellung des neuen Personalausweises würde auch der Künstler_innenname eingetragen werden.
Jetzt ist es nur noch ein Führungszeugnis und eine Kopie des Geburtseintrags, dann werden wir anders heißen. Wenn alles glatt geht bereits auf dem Abschlusszeugnis.

Wir kamen aus dem Rathaus, machten gleich einen Termin für das Führungszeugnis, völlig Banane nächste Woche, da sind wir gar nicht da. Kauften uns ein Brötchen, obwohl wir gar nicht hungrig waren. Auch interessant so ein Übersprung in der Schüssel.

Unsere Behördenkrambetreuerin sagte erst am Montag, dass das ja alles auch kathartisch werde würde.
Der Abschluss, der Umzug, der neue Name. Große Befreiung, als weg, alles raus. Neuanfang, weiße Weste trallala
Sie weiß nicht so viel über strukturelle Dissoziation, vielleicht hat sie es deshalb als etwas Positives erwähnt.
Für uns ist genau das eher zu verhindern. Alles hier lassen, ganz neu im neuen Zuhause starten, alles loslassen, bei 0 anfangen. Das hatten wir schon oft und jedes Mal ist ein neues Alltagssystem aufgetaucht, das keinen oder nur spezifisch Bezug zum Vorher hatte.

Sicherlich, wird sich das jetzt heute nicht so wiederholen. Wir sind abgesichert, gestützt, gehalten, sind in uns so viel konsistenter als früher, wir denken nicht, dass es diesmal zu so einer Spaltung kommt, aber mitdenken müssen wirs.
Deshalb haben wir bereits jetzt Monatsmülltüten. Ein Mal im Monat schmeißen wir kreuz feldein weg, was wir nur behalten, weil wir es nicht ersetzen können. Oder weil wir denken, man könne uns verübeln, dass wir es nicht behalten. Oder weil wir denken, unsere Herkunftsfamilie würde das mitbekommen.
Alles weg damit, warten, nachfühlen, merken: Alles ist wie immer, alles ist an seinem Platz.

Das könnten wir nach dem Umzug noch nicht so schnell sagen, denn dort muss alles erst einmal an den richtigen Platz gelebt werden. Deshalb machen wir es jetzt. So lange bis nur noch da ist, was uns das Gefühl gibt, dass alles okay ist. Denn genau das werden wir im neuen Zuhause brauchen. Nicht mehr, nicht weniger.
Ein Vorgehen, das nicht lauter HALLO GESUNDES VORGEHEN brüllen könnte. Nicht antidissoziativer wirken könnte.

Und der neue Name?
Wir haben den alten schon weggeschmissen. Schon vor 19 Jahren.
Er ist eine Hülle, die das Außen auf uns drauf wirft, uns aber nie benennt. Uns schmerzt, nie nutzt.
Wir heißen nun schon seit Jahren für alle ‘Hannah’, das muss sich nicht ändern, nur weil ein neuer Ausweisname da ist. Alles bleibt gleich, alles bleibt an seinem Platz.

Außer der Schmerz.
Der bleibt im Standesamt der Stadt aus der wir wegziehen.

die Veröffentlichungswoche

Ich schenkte dem Lehrer, der mir bei der Paginierung von “aufgeschrieben” geholfen hatte, ein Exemplar. Eine dreiviertel Stunde später gab er zwei Bestellungen von anderen Lehrer_innen an mich weiter.
Leute, die über das hier – also ALLES DAS HIER, was meine beiden Arme selbst in einem Bogen ausgestreckt nicht berühren können, nichts wissen.
Ist das ein Outing? Hm, nee. Aber vielleicht für sie. Wer weiß.

Menschen haben das Buch in der Hand gehabt und gesagt: “Oh das ist aber schön.”. Awkwardness at it’s max. Das wollte ich sie empfinden lassen – wieso klappt das so einfach? Das klappt doch sonst nicht? Oder doch? Wie reagieren Leute eigentlich sonst auf meine Machwerke? Ist das Dissoziation? Hm. Wer weiß.

Die Sonne scheint. Der Wind zupft an meinen Wimpern. “aufgeschrieben” zwischen Krokussen. Vor einer Steinwand. Vor einer Wand aus gesprungenem Glas. In eine Metallwand geklemmt. Auf Holz. Auf Gras. Was passt zum Buch, was zum Style des Instagramaccounts des Verlags. Oh man, alle werden sehen, dass wir .. dass das .. es ist wirklich jetzt da. Wir haben das gemacht und es ist da. Ist das Angst? Hm. Wer weiß.

Die Plastikfolie um jedes Exemplar ärgert mich. Die Grafiken sind nicht gelungen. An einigen Stellen ist der Text falsch gesetzt. Wenn man es aufmacht, stinkt es. Jedenfalls in meiner Nase. Das Papier ist zu dünn. Wir hätten noch so viel anders machen müssen. Mein Exemplar liegt drei Tage offen, dann muss ich reinschauen, weil mich Leute nach dem Inhalt fragen oder bitten etwas darüber zu sagen. “Es ist nicht so perfekt wie es an meinem Computer in den letzten 3 Monaten ausgesehen hat, das tut mir so unendlich leid, ich wollte es besser, richtiger, perfekt schaffen, aber vielleicht geht das auch gar nicht, vielleicht geht nur “gut genug”, findest auch “gut genug”, gut genug zum Angucken und Lesen?”, das will ich schreiben, aber das ist nicht, wonach gefragt wurde. Es steht für niemanden in Frage sich ihm zu widmen und vielleicht auch zu lesen. Das ist so krass. Oder? Hm. Wer weiß.

Die Sonne scheint mehr. Blendet, wärmt, brutzelt zuweilen.
Im Mailpostfach einige Anfragen für Lesungen. Beim Öffnen des Kalenders Zukunftsmusik. Hier Lesungen, da der Schulabschluss, dort Umzug zum Freund und, mit Bleistift am Rand, der Moped-Führerschein.
Ist das schön?
Ja. Ziemlich.

19

Faszinierend dieses Körperding.
An einem Tag noch Fleischsack mit mehr oder weniger glucksendem Schleim drin, am nächsten kann er wieder riechen, schmecken, ja, sogar halbwegs frei atmen.
Spannend.

Neulich habe ich gelernt, dass in einem Gramm gesunder Menschenkacke etwa 100 Milliarden Bakterien, 100 Millionen Viren und zehn Millionen Archaeen drin sind. Dazu kommen noch zehn Millionen Schleimhautzellen und eine Ladung einzelliger Pilze, darunter Hefen und deren Counsins und Cousinen.
In einem Gramm. Von etwas, das man als stoffwechselndes Lebewesen gar nicht braucht.
Ist das nicht großartig?

Das ist nicht das erste, woran man denkt, wenn man an den „Reichtum der Natur“ denkt, aber man sollte das öfter mal machen.
Ich frage mich, wie viele Millionen kleine Zellen diese Erkältung platt gemacht haben.
Und wie krass das ist, dass man selbst das gar nicht so richtig spürt.

Außerdem hab ich gerade gelernt, dass die eigenen Popel zu essen gesund ist.
Das wussten früher schon die Ärzte. Die haben das Nasenkotlett in den 90ern noch ausführlich besungen.

Ich wünsche guten Appetit.
Und geh wieder ins Bett. Ist nämlich doch ein bisschen ganz schön anstrengend so ein Bakterienkampf im eigenen Körperdings.

das Buch

“Ich freue mich euch mitteilen zu können…” so liegt der Textanfang schon ein paar Tage in meinem Notizbuch. “Ich freue mich”, ist so falsch wie wahr und das verwirrt mich.
Ich freue mich, dass es jetzt fertig ist.
Ich freue mich, dass ihr mir mitteilt, dass ihr euch über das Buch freut .
Unser Buch. Meine Wörter in Kapitel und Seiten eingerahmt.
Was gesagt werden muss.te, aufgeschrieben.

Es ist schön. Ein guter Text. Alles daran ist mir wichtig. Vielleicht noch zu wichtig, um anderer Menschen Blicke, Denken, Fühlen dazu, ohne Angst und Schmerzerwartung wahrzunehmen.
Vielleicht geht das nie weg, aber vielleicht ist das auch gut so.

Im März kann man es kaufen. Jetzt kann man es vorbestellen.
Manche kennen die ersten groben Anfänge des Manuskriptes aus diesem Blog.
Es ist mehr geworden seitdem. Anders. Und, etwas anderes.

Wir werden ab Sommer 2019 Lesungen machen.
Die Termine und Orte teilen wir rechtzeitig hier mit.

note on: Namensänderung

Ich hab in den letzten Wochen viel geweint. Meistens, weil ich glücklich war, mehr jedoch, weil mich der unangenehme Stress in unserem Leben mein Glück hat weder fassen noch halten lassen.
Um etwas dagegen zu tun, tun wir die Dinge, die zu tun sind.
Zum Beispiel Grenzen setzen, wo viel zu lange keine gesetzt wurden. Pausen einfordern, wo sie nötig sind. Atmen. Spazierengehen. Hausaufgaben. Pausen, wann immer der erste Gedanke daran aufkommt. Dinge passieren lassen, obwohl das Gefühl, dass sie fern ab neben mir herlaufen, genauso unerträglich ist, wie die Zeit, in der alles so schön ist, dass mit alles aus dem Gesicht läuft.

Wir sind im Stress, seit Wochen “an” und ach, ich weiß doch, was uns hilft. Trotzdem habe ich die “mentale To-Do-Liste” erst jetzt so langsam wieder auf einem überschaubaren Level.
Abhaken ist nie schöner als dann, wenn die eigenen Haken im Leben auszugehen drohen.
So waren wir am Montag im Standesamt und machten den ersten Schritt auf den Antrag zur Vor- und Nachnamensänderung.
Von dem ganzen Termin habe ich, neben einem seltsamen Erleichterungsgefühl um Kostensorgen und Erlaubnis solcher Anträge, einen Zettel mit Notizen eines anderen Innen und einen Kommentar einer Sachbearbeiterin mitgenommen.

Nämlich den, dass man triftige Gründe dafür haben muss und diese sehr genau geprüft werden.
Sie schaute mich an, als suchte sie an oder vielleicht auch in mir nach dieser Triftigkeit und das wars dann schon wieder für mich. Jetzt im Nachhinein weiß ich das. Es ist “mein Trigger”. Andere Menschen die Triftigkeit meiner Gründe, die Hintergründe meines So-Seins, So-Handelns, die Wahrheit meiner Worte, aus mir rauswühlen zu spüren. Ich verliere dabei meine Haut, fühle mich schwach, rechtlos und ohnmächtig – selbst dann, wenn die Frage, die Suche, ja von mir aus auch das Wühlen eine wie auch immer gelagerte Notwendigkeit haben.

Vielleicht ist es noch nicht meine Zeit, meine Haut über den neuen Namen – vielleicht überhaupt den Wunsch danach – mit Menschen zu sprechen, wer weiß.
Aber schreiben kann ich darüber. Auch die Begründung für den Antrag kann ich schreiben.

Das ist nun ein neuer Punkt auf der Liste. Aber einer, dessen Auswirkungen schon bekannt sind.
Die Gedankenkreisel um die Realität der Gewalterfahrung. Die Kreisel darum, ob und wie es ist, so viel von sich abzutrennen, um anders weitermachen zu können. Vermutlich nicht viel freier, sicher aber befreiter.
Daneben das Wissen, dass es nie der eigene Name war und nie werden wird, denn die Zeit hat bereits jemand anderen aus uns gemacht. Egal, ob die Gewalt wirklich war oder nicht. Egal egal egal was – wir heißen für niemanden mehr so, wie es in unserem Ausweis steht. Seit Jahren nicht und für alle Jahre, die wir noch haben, soll das so bleiben.

Die Aussicht auf ein Leben ohne dieses eine Erbe, das Eltern ihren Kindern mitgeben, obwohl sie noch nicht tot sind, das macht mich glücklich. Nicht Heuli-glücklich, aber doch schon nah dran.
Wir haben einen ausgesucht, der passt und nicht schon von weitem schreit “Hallo ich bin ein Schutzname!!!”. Das war uns wichtig. Normalität. Obwohl nichts daran normal ist, den eigenen Namen komplett zu ändern.
Obwohl – wer weiß. ES passiert jeden Tag. Hinterlässt jeden Tag Spuren in Seelen, Leben, Identitäten. Vielleicht ist die Notwendigkeit einer Begründung, einer Prüfung auf Triftigkeit eines Wunsches, der letztlich doch auch wieder nur ein Akt der Selbstbestimmung ist, einmal mehr das, was eigentlich unnormal ist.

Denn um mehr geht es nicht.
Selbst.bestimmung.