Kategorie: Momente mit Glitzer drin
und die Sonne scheint
Während hinter ihr ein langer Vortrag über eine aufregende Situation, die planvolles Handeln erschwert, doch nötig macht, vom Schlauberg herunterkullert wie geronnene Milch, scannt sie den Bildschirm und verfolgt das Bild der Podcasttonspur. Es ist eine Episode in Flieder mit einem sachte schwingenden Faden in Orange.
“Ich muss was tun, wenn wir hier durch sind.”, legt sie langsam und bedächtig neben die Hand an der Laptopmaus, “Ich glaub, sonst überreize ich.”.
Mit einem letzten Klick werden die Spuren zusammengelegt und gespeichert.
“Ich will was Schnelles und Wuchtiges.”, kräht es dicht neben ihrem Denken in den gemeinsamen Äther. “Ich will… ACHTERBAHN FAAAAAAAHN”.
“Is klar. Wer kennt sie nicht – die Achterbahn in der Nachbarschaft?”, lächelt sie und pickt dem Kerlchen neben sich auf die Stirn. “Such dir was anderes, Kleiner.”.
Sie entfaltet den Körper und schaut in das aprilhafte Wetter hinaus.
Unter der Haut summt es und das linke Augenlid zuckt unangenehm.
“Hör auf zu kratzen.”. Von hinten greift eine Hand in ihr gedankenverlorenes Pulen an einem neuen Pickel.
Am Türrahmen steht jemand mit dem linken Fuß auf dem rechten und zählt auf: “Jacke, Schal, Mütze, Stulpen, Schuhe, Keksbeutel für NakNak*, Mittagessenbüchse, Handy, Portemonnaie”. Sie setzt Haken an jedes Stück und beobachtet das Jemand heimlich aus den Augenwinkeln.
“Guck weg.”, antwortet es mit einem Stachel in der Stimme.
“Äh kennst du das da wo so ne Rutsche is mit som Karuselldings und so?.”
“Kennst du deutsche Sprache?”
“Kennst du die Geschichte von dem Innen, das sich nicht bemüht hat ein bisschen offener und rücksichtsvoller zu sein?”, fragt es in ihren Hinterkopf hinein und kruschelt dem Kleinen durch die Haare. “Ist nicht so gut ausgegangen, weißt du?”.
Sie gehen spitzmäulig lächelnd auseinander.
“Ich weiß wo das ist, aber das ist ganz schön weit. Bis wir da sind haben wir vielleicht keine Kraft mehr für den Rückweg und den Abend.”. Sie schaut in die Runde und fummelt nervös am Jackenreißverschluss herum. Als niemand antwortet, beugt sie sich zu dem Jungen herunter und sagt: “Aber ich kenne noch einen Spielplatz mit Reifenschaukel. Das ist nicht schnell und wuchtig, aber wenn man die Augen zumacht ist es ein klitzebisschen wie Achterbahn.”, sie kneift die Augen zusammen. “Also jedenfalls wird mir da immer ein bisschen schwummerig.”.
Die Grummelsie grummelt und zappelt an der Tür herum. “Okay okay dann los jetzt.”.
Sie gehen schaukeln und sich schwummerig machen. Laufen 30 Kilometer zu Fuß. Weg.
Vorm Denken. Angst haben. Sorgen machen. Erinnern. Aufgeregt sein.
Und die Sonne scheint.
Video-Tipp – Krauthausen TV mit Ninia laGrande
zu “Suffragettes – Taten statt Worte”
Kino. Wir.
Wow.
Glücklicherweise kenne ich Menschen, die mit mir in “so einen Film” gehen. Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Gemochte.
Wir treffen uns, die Taschen voller Süßigkeiten und neugierig auf den Film “Suffragettes – Taten statt Worte”. Am Nebentisch sitzen drei andere Menschen, vielleicht auch Feminist_innen. Menschenrechtler_innen. Einander mögende. Nur 20 bis 30 Jahre älter. Mit einem Weinglas vor sich.
Wir wissen, dass wir uns auf eine weiße Geschichtserzählung einlassen, wagen aber die Hoffnung, den Rassismus der Zeit auf der Leinwand abgebildet zu finden. Wir, ich, als eine von drei Einsmenschen im Bunde, bilde mir ein viel über die Suffragettenbewegung zu wissen. Weil ich weiß, dass es weiße privilegierte Frauen waren, die dort, damals vor mehr als hundert Jahren für ein Frauenwahlrecht auf die Straßen gingen. Weil ich in den letzten zweieinhalb Jahren viel über feministische Geschichte gelernt habe und noch immer lerne.
Ich bilde mir Offenheit ein, bilde mir ein zu merken, wo mein Horizont endet und wo ich mich hinbewegen muss, wenn ich mehr sehen möchte.
Am Ende sitze ich in diesem Film und merke: einen Scheiß weiß ich.
Es wird keine Geschichte von einer gelangweilten unglücklichen Frau* erzählt, die eingesperrt im goldenen Käfig nicht im Kopf aushält, was um sie herum passiert und nach und nach auf die Idee kommt: “Och – Wahlrecht wäre nett. Gib mal!”, sondern die Geschichte einer Wäscherin, die sich nach und nach den bereits aktiven Suffragetten in ihrer Stadt anschließt und darüber Ehemann und Kind verliert. Die Geschichte von verschiedenen Frauen, die ins Gefängnis kommen, weil sie Briefkästen sprengten und Telegrafenleitungen kappten. Wo sie hungerstreikten. Zwangsernährt wurden. Nicht als politische Gefangene anerkannt wurden. Bei der Entlassung mit Blumen von der “Women’s Social and Political Union” empfangen wurden.
Der Kinofilm spielt 50 Jahre nach Beginn der eigentlichen Bewegung, die 1867 mit der Gründung der “National Union of Women’s Suffrage” durch Millicent Fawcett verortet wird. Ich fand aber auch noch andere Anfänge. Ob das alle sind oder ob es nur diese Geschichte ist, die es bis heute geschafft hat sich zu halten, weiß ich nicht und finde das schade. Einfach, weil ich es in den letzten 2 Jahren an jedem neuen Hashtag, jedem neuen Diskursherd erlebe, wie Geschichten sozialer Bewegungen geschrieben werden.
Der Film beginnt mit Einstellungen harter körperlicher Arbeit. Schaltet dann aber doch zügig zu den ersten eingeschlagenen Fenstern. Da steht eine Frau, holt faustgroße Steine aus ihrem Kinderwagen, wirft diese in ein Schaufenster und ruft: “Wahlrecht für Frauen!” und die Hölle bricht los.
Es gibt einen Tumult und das ist die erste Begegnung.
Das sind also diese Suffragetten. Steineschmeißerinnen mit Ausruf. Aha.
Während die Geschichte weiterplätschert und nach und nach mehr Charaktere einfädelt, merke ich, dass ich mich frage, ob ich verroht bin, oder was genau mich gerade an der Gewalt, die ich dort vor mir sehe, eigentlich nun so verwirrt.
Wir sehen wie die Frauen, denen durch Arbeiter_innenbefragungen des Parlamentes Hoffnungen auf ein Wahlrecht gemacht wurden, erneut enttäuscht werden – nach Jahrzehnten friedlicher Auseinandersetzung mit logischen Argumenten um die Herren der Schöpfung erst recht davon zu überzeugen, dass es sich bei Frauen erstens um Menschen handelt, die, zweitens, so eine verantwortungsvolle Sache, wie eine politische Wahl, verantwortungsbewusst und vernünftig ausführen können.
Sie sind wütend. Und werden deshalb von Polizisten niedergeschlagen und verhaftet.
Sie sind einfach nur wütend und enttäuscht und werden deshalb verprügelt und verhaftet – hallo?
Man darf im Kino nicht aufstehen und rufen: “Das ist aber ungerecht – die haben gar nichts getan.”
Die Menschen damals durften das auch nicht. Deshalb ist der Film einer, für den ich eine Triggerwarnung aussprechen würde. Nicht nur, weil es viele Szenen gibt, die Gewalt auch zeigen und spezifische Dominanzgesten einstreuen, sondern, weil das Unrecht eine_n förmlich anspringt, in den Film reinzerrt und die Handkamerasequenzen noch ihr Übriges dazu tun.
Es bleibt die einzige Szene, die für mich nahe an Wut kommt. Frauen in einer Demo, die einem Politiker “Lügner!” zurufen.
Wir sehen viele harte Leben. Viele harte Entscheidungen. Schmerz. Abhängigkeit. Zwänge. Not. Leiden. Ohnmacht. Bitterkeit, die nur Leben produzieren kann. Kampf. Und Weiterkämpfen.
Doch die Wut bleibt stecken.
Meine erste Suffragette habe ich in “Mary Poppins” gesehen und erst jetzt fällt mir das Muster auf, das auch in “Suffragettes – Taten statt Worte” durch einen Polizisten hineingetragen wird: die verwirrten Frauen (aus der Arbeiterklasse), die einer Ideologie zum Opfer fallen (oder wie in der Gesangsszene in Mary Poppins: hineingezogen werden), geführt von mächtigen, privilegierten Frauen, zu Gunsten eines entweder unsinnigen oder egoistischen Ziels.
Der Film schafft es nicht recht die inhaltlichen Debatten der Zeit aufzugreifen. Auch dafür bleibt nur eine Szene übrig: ein Dialog zwischen Polizist und Wäscherin, der in seiner Kürze aber griffig ist und eine gewisse Nachvollziehbarkeit ermöglicht: “Frauen sollten sich an Gesetze halten, auf die sie selbst keinerlei Einfluss nehmen konnten”.
Für einen Film, der zu Recht für das Unterschlagen der Beteiligung von people of colour, sowie Menschen, die sich nicht binär geschlechtlich und nicht heterosexuell verorteten, kritisiert wird, ist dies dann aber doch mehr Leistung, als ich ihm zugetraut hätte.
Ich verließ das Kino mit einem großen Bedürfnis viele Fragen zu googeln. In der Reflektion merke ich, dass es viel mit dem Begriff der “militanten Suffragetten” zu tun hat und damit, wie gewaltbereit und radikal diese Frauenbewegung von Großbritannien dargestellt wird – was mit meinem von einem Leben zwischen 1986 und 2016 geprägten Begriff von “politischer Militanz/Radikalität” zu tun hat und dem, was es vor mehr als hundert Jahren bedeutete als Frau kategorisiert zu werden.
Ich betrachte mir die feministischen Diskurse der letzten Jahre und merke die Wiederholungen. Die tausenden und abertausenden Worte, die mal lieb und kuschelig, mal hart und wütend – aber immer wieder mehr auf dem Papier, als in der Öffentlichkeit gewechselt werden.
Wir, wie und wo auch immer auf dem feministischen Spektrum verorteten Menschen, haben heute keine Emmeline Pankhurst, die von einem Balkon zu uns spricht – wir haben Medienspektakel, die Miteinander predigen und innerhalb der feministischen Diskursgruppen bestehende Fronten verhärten und Ausschlüsse vornehmen. Wir haben weiße cis hetero Frauen, die mit anmaßendem Stellvertreter-Wir über “den Feminismus” und “die Frauen” sprechen, die Vielfalt des Diskurses und die Bandbreite der politischen wie sozialen Forderungen, so wie ihrer Anteilgeber_innen, damit bedeckt halten.
Die Frage nach der Legitimation radikaler(er) Forderungen, die Frage nach der Logik hinter diversen Zusammenarbeiten zwischen Medienbetrieb und Politik (Staat) steht bis heute im Raum und bleibt bis heute fast unberührt.
Als gäbe es keine soziale Bewegungsgeschichte aus der man lernen könnte.
Der Kinoabend ist seit Stunden vorbei. Ich habe gegoogelt und gelesen.
Und habe erkannt: in dem Film sehen wir schon “die wütenden Frauen”. Wütender ging nicht. Lauter ging nicht. Man stufte sie als radikal und militant sein, weil viele andere ganz viel leiser waren. Sein mussten. Weil viel mehr Stille von ihnen erwartet und in ihre Lebensrealitäten gezwungen wurde. Weil “Frausein” und “still sein” auf eine andere Art als heute synonym miteinander galten.
Und am Ende – dem Ende, das der Film nicht zeigt! – , war es vielleicht dann nicht einmal das “laut sein” der Suffragetten, das Frauen das Wahlrecht gab, sondern ihr Verdienst im ersten Weltkrieg und das Loch, das durch tausende gefallene, verletzte, posttraumatisch belastete Männer* in der Gesellschaftsordnung entstand.
“Der Feminismus” hat viele Einflüsse. Die Leben und die Lebensrealitäten der Suffragetten und Nicht-Suffragetten der 1900er Jahre spielten dabei eine große Rolle. Um sich diesen Teilaspekten zu widmen, ist dieser Film ein guter Einstieg.
*ich schreibe in dem Text nur von „Frauen“ und „Männern“, weil in der Bewegung nur von „Frauen“ und „Männern“ gesprochen wurde – die Dekonstruktion von Geschlecht passierte erst später
on the other side …
in other news: zwischen den Tönen extra selig umher gleiten, weil geschafft die Formalitäten um die Hilfen abzugeben und ein gutes Nachbesprechen der Therapiestunde gewagt
Hello – now I’m on the other side.
It’s okay here.
*awkward winking*
meow
die Zeitreise ~ Teil 11 ~
Wir segelten auf eine Sandstrandküste vor einem kleinen Wäldchen zu und ließen die salzige Luft auf unserer Haut kribbeln.
Ein köstlicher Geruch von Algen, vergehendem Holz und Seewasser ließ mich die Augen schließen, als ich von der Schleiereule geklettert war und meine Füße in den Sand gestellt hatte.
Kurt nahm ihr das Zaumzeug ab und ich streichelte ihre Brust, während ich mich für ihren langen Flug mit uns bedankte. Sie knibbelte, fast als wollte sie antworten, über meinem Kopf und flog in das kleine Wäldchen. Unser Zeitreiseleiter stakste durch die Sanddünen. Wir betrachteten die nun riesengroß vor uns aus dem Boden ragenden Muschelstückchen und Steine.
“Ich hab vergessen, dass wir nun so winzig sind. Das macht das am-Strand-sein nicht so schön, wie ich mir gedacht hatte. Könnten Sie uns wieder vergrößern bitte?”, fragte ich Kurt und strich mit einer Hand über die Kante einer Miesmuschelschale neben mir. Dieser nickte und hob wieder einmal seine Arme, um in die Luft zu schnipsen und einen Glitzerstaubzauber zu machen.
Mir war ein bisschen schwindelig so schnell war ich wieder zu meiner alten Größe aufgeschossen. Kurt schien es nicht anders zu gehen, denn er schüttelte den Kopf und fixierte einen Punkt vor sich.
Ich schaute aufs Meer hinaus, dessen Horizont eine gerade Schnur zwischen oben und unten legte und die Welt so klar verteilte, wie es nur dort geht.
“Ich frage mich, wann du mir eigentlich sagst, was genau dich dazu bringt, mich als zweifelnde Blogger_in zu sehen.”, sagte ich zu Kurt, der sich auf ein Stück Treibholz gesetzt hatte und in der Landschaft umherschaute. Ich setzte mich neben ihn in den Sand und grub meine Finger in gewohnter Wischelwuschelbewegung neben mir ein. Kurt antwortete: “Nicht “zweifelnde Blogger_in” – “von Selbstzweifeln zerfressene Blogger_in”.”.
Er schaute mich spitzmäulig an und hob die Augenbrauen.
“Sie haben über 1000 Artikel aus der Perspektive eines Menschen mit DIS geschrieben. Ohne äußeren Auftrag. Ohne, dass sie in irgendeiner Form abgesichert sind. Sie arbeiten nicht mit Mediziner_innen oder Psycholog_innen zusammen und pochen immer wieder auf ihre Selbstvertretung., während viele andere, genau das nicht tun oder für unvorstellbar halten.”.
Der kleine Anzugträger stach mit seinem Finger durch die Luft vor meiner Nase und schaute mich sehr direkt an. “Sie haben keine Zweifel, an dem was sie tun – sie haben Zweifel daran, ob sie daran keine Zweifel haben dürfen.”.
Ich fühlte ich ertappt und schämte mich dafür. Ich dachte: „Wie praktisch es ist, am Meer zu sein und wieder normal groß. Ich könnte jetzt aufstehen, von diesem kleinen Scheißer weggehen und einfach für immer hier bleiben.“.
“Sie sollten sitzen bleiben.”, sagte Kurt ruhig und gelassen in meine Gedanken hinein und fuhr fort. “Der Zweifel ist wichtig. Wir Zeitreiseleiter haben nicht den Auftrag, zweifelnde Blogger_innen davon zu überzeugen, dass ihre Zweifel Quatsch sind oder unnötig. Wir sind nur Begleiter in der Rückblende und geben Ihnen die Möglichkeit zu gucken, woher ihre Zweifel kommen, um dann selbst zu entscheiden, wie viel mehr von sich Sie dem Zweifel zu Fressen geben.”.
Das kleine Wesen hob vielsagend eine Augenbraue und schloss seine Ansprache. “Sie werden dieses Konzept der Auseinandersetzung kennen.”.
Ich lachte. “Also sind sie doch so eine Art verkappter Psychoanalytiker.”. Kurt neigte den Kopf hin und her. “Na, ich denke, selbst Ihr Kopfinneres sagt Ihnen gerade, dass jedes Wesen mit dem man kommunizieren kann, auch kann, was ein Psychoanalytiker kann. Von daher …”. Er zuckte gleichmütig mit den Schultern und lächelte.
“Jedenfalls haben Sie Recht mit dem Zweifel darüber gut und richtig finden zu dürfen, was wir hier tun.”, sagte ich und schaute den Wellen und Wogen des Meeres vor mir zu. “Wir merken, dass es uns gut tut zu schreiben und uns, genau so, wie wir es tun auseinanderzusetzen. Wir merken aber auch die Bewertungen dessen von außen. Oft sind es positive Bewertungen – ganz klar.
Aber oft merken wir eben auch Missachtung und nicht wertschätzende Haltung.
Viele Menschen verstehen weder das Konzept “Blog” noch das Konzept “Selbstvertretung” – obwohl genau das die logischste Konsequenz des derzeitigen Anspruches an Menschen, die zu Opfern wurden und Menschen die psychisch belastet sind, ist. Immer wieder heißt es, man solle DAS DA privat lösen. Man solle doch lieber für sich allein damit zurecht kommen und ach am Besten dann Gewehr bei Fuß stehen, wenn irgendein glänzender Heilungsweg für irgendeine Öffentlichkeitsarbeit benötigt wird.
Und wenn das nicht passiert, dann hat man wenigstens unter sich zu bleiben. Gutes Opfer – Böses Opfer mitspielen, sich darum bemühen nie eines von “diesen Opfern” zu zu sein und grundsätzlich überhaupt und hauptsächlich an einer gesellschaftskonformen Leidensperformance zu arbeiten.”.
Ich erinnerte mich an die Tagungen, die wir besucht hatten und an den Zukunftskongress.
Einerseits die Freude da sein zu dürfen und zu merken: “Es wird sich Gedanken gemacht” und “Da sehen Menschen, was es bedeuten kann viele zu sein, bestimmte Gewalt erfahren zu haben bzw. behindert zu sein und bestimmte Ausgrenzungserfahrungen immer wieder machen zu müssen.”.
Und andererseits die Enttäuschung über das Geschäft mit der Inklusion und die noch immer ausbleibende Debatte um Deutungs- und Definitionsmacht von Psychologie und Medizin im Kontext von neuerlichen Gewaltdynamiken, wenn es um Opferhilfen und Versuche des Vermittelns geht.
“Immer wieder ist das, was wir tun “in Wahrheit” nicht gut für uns. Oder richtig. Oder was bilden wir uns eigentlich ein, wie wichtig wir sind, dass wir uns hier hinsetzen und einfach schreiben. Und wie sehr wollen wir eigentlich bemitleidet werden, wenn wir uns hier so zeigen. Oder schlimmer noch: wie verschoben ist eigentlich unsere Selbstwahrnehmung, dass wir nicht merken was wir hier “eigentlich” und “in Wahrheit” machen?”.
Ich hielt inne und schaute Kurt an. “Also falls sie das grad nicht merken: ich zähle hier gerade die Stigmatisierungen auf, die in den letzten Jahren an uns herangetragen wurden und sich alle mehr oder weniger darin begründeten, dass wir selbst auf gar keinen Fall in irgendeiner Form ein “richtiges” oder “wahrhaftes” Urteil über uns selbst fällen können, weil wir ja krank, behindert, verdisst, falsch sozialisiert, eine Frau, eine Feministin, eine linke Randikaloweltverbesserin sind, deren Ohrenrückwände noch grün, weil feucht sind. Oder schlicht: weil wir “in Wahrheit” ein mieses Stück Scheiße sind, das anderen Menschen schaden will, weil wir eine Täterin sind.”.
Ich stand auf und deutete Kurt mitzukommen.
“Lassen Sie uns ein bisschen am Wasser entlang laufen.”.
Das kleine Wesen im Tweedanzug mit Zauberjacke und grüner Haut hüpfte von seinem Platz und kam mit.
“Bis heute ist es selten, dass uns Menschen glauben, wenn wir ihnen sagen, dass wir einen Unterschied machen zwischen einem öffentlichen Auftritt, der sich darum bemüht so viele Menschen wie möglich zu erreichen und einer von der Öffentlichkeit wahrnehmbaren Präsenz, die ist, egal ob es jemanden erreicht oder nicht.”.
Die weißen Schaumkrönchen der Wellen leckten über unsere Schuhe und ich zog sie aus, um noch mehr davon zu fühlen.
“Wir hätten das ganze Programm haben können, wenn wir gewollt hätten und wirklich irgendwie einfach in die Welt rausrufen wollten: “Ich war mal Opfer und jetzt bin ich kaputt und die Welt sollte …”. Dann hätten wir jetzt einen mehrstelligen Kontosaldo, ein Buch von Vielen, einen Kinofilm von Vielen und den Ausverkauf unserer Geschichte, den wir als “Öffentlichkeitsarbeit” vor uns rechtfertigen, wann immer wir zu einer Märtyrerin gemacht werden, die wir weder jetzt sind, noch je waren.”.
Meine Stimme stolperte ein bisschen ungelenk hinter meinen Gedanken her. “Verstehen Sie – unsere Zweifel kommen nicht aus uns allein, sie kommen aus der Diskrepanz zwischen unserer Befriedigung und dem Wohlgefühl uns selbst irgendwo sein lassen zu können wie wir sind und auch unsere Entwicklung zu dokumentieren und dem was aufgrund dessen bzw. dem, was daraus gedeutet wird, an uns herangetragen wird. Aus dem Grund haben wir auch die Kommentare geschlossen.
Oft dachten wir von Kommentaren, da würde von uns erwartet, dass wir bereuen, was wir hier tun, oder dass wir uns dafür schämen oder dass wir auf keinen Fall glauben sollen, man könne uns ernstnehmen, wenn wir “das SO machen” – und das verwirrt mich, weil es bedeutet, wir sollten weder ganz eigene Befriedigung noch alleiniges Wohlgefühl daran haben.
Mal abgesehen davon, dass sie die netten und schönen Wortmeldungen anderer Leser_innen völlig überstrahlt haben, so dass wir ein mögliches Mit-anderen-Menschen-mitfreuen oft gar nicht haben konnten.”.
Der kalte nasse Sand unter meinen Füßen fühlte sich an wie ein weiches Glas. Das Meerwasser wie ein kleiner Schock, der mich mit jeder Welle neu erfasste.
“Haben Sie mal darüber nachgedacht aufzuhören?”, fragte Kurt zwischen zwei Schritten und bückte sich, um einen Stein aufzuheben.
“Wir denken jeden Tag darüber nach.”, antwortete ich und hob ebenfalls einen Stein auf. “Mit jedem neuen Text ist da der Gedanke: “Der könnte genauso gut in einen Ordner geheftet werden. Der braucht keine verunstofflichte Form.”. Und daneben das Wissen: “Würden wir es nicht verunstofflichen, wäre es nach ein paar Tagen oder Wochen verschwunden.”. Ich stellte mich schief und versuchte den Stein über die Oberfläche springen zu lassen. Er platschte gegen eine Woge und tauchte direkt ab.
“Wir würden die Texte wegschmeißen, wie wir unsere Texte als Kind und Jugendliche weggeschmissen haben, bevor sie von anderen verschwunden gemacht werden können. Und wir würden uns damit unsere Chance auf die Möglichkeit bringen, unser Leben als Einsmensch an einem einzigen Zeitstrahl entlang sortierbar zu empfinden. Irgendwann. Vielleicht.”, ich lächelte ihn schief an, “Falls wir mal so etwas wie ein gemeinsames Empfinden für Zeit, Raum und uns als ein Selbst entwickeln.”.
Ich reckte mich und streckte die Arme in die Luft. Atmete so weit wie meine Lunge ging und hörte die Anderen neben mir und um mich herum seufzen.
“Ich zweifle manchmal daran, wie lange und wem gegenüber wir es schaffen unsere Selbstvertretung hier als gerechtfertigt und okay, und als “auch wir” aufrecht zu erhalten. Wir sind unser ganzes Leben lang immer wieder irgendwann vor anderen Menschen eingeknickt, wenn es darum ging wie viel wir wie und wo sind oder nicht sind. Und immer wieder haben wir “Kompromisse” gemacht, wo eigentlich Zwang war. ”. Ich hob einen flachen Stein auf und versuchte erneut einen Sprungwurf.
“Das klingt, als würden Sie sich nicht zutrauen, auch außerhalb des Blogs für sich selbst zu stehen und sich selbst vertreten zu können.”, sagte Kurt und schaute mich an.
Ich nickte knapp und schaute meinem Stein nach, der nach drei Sprüngen ohne Platsch in eine Wasserfalte glitt.
“Außerhalb des Blogs können wir uns auch vertreten. Aber sich irgendwo hinstellen und und es so zu tun, wie es für gut und richtig ist: nämlich in circa fünfhundertausend Worten inklusive aller für uns relevanten Ebenen und Ichs, die mitreden wollen – das funktioniert dort nicht und haben noch keine Wahrheit darüber, warum das so ist.”. Wieder lenkte ich meinen Blick über die Weite des Meeres und hörte dem Rufen der Möwen zu.
Ich schloss meine Augen und lächelte.
“Vielleicht haben wir aber eine wenn …”, langsam öffnete ich sie wieder und erstarrte, als ich registrierte, dass ich in meinem Bett lag und offenbar gerade aufgewacht war. “… wir die nächsten 1000 Artikel geschrieben haben.”, beendete ich meinen Satz und ließ meine Finger durch eine kleine Lache violetten Glitzerstaubes auf dem Boden gleiten.
// Ende //
die Zeitreise ~ Teil 10 ~
Kurt drückte mir seine Jacke in die Hand. “Hier. Bau mal das Zelt ab – ich mache die Eule bereit für unseren Abflug.”.
Wie zu erwarten stand ich nun also in prächtigster Awkwardness da und überlegte, wie ich anfangen sollte. Mein Blick wanderte über unser Mauschelflauschlager und das durchsichtige Zeltdach. “Einfach anziehen und ein bisschen mit den Armen wedeln”, sagte Kurt mit der Hand in Richtung grüne Stirn, “Entschuldigen Sie bitte – ich vergesse es immer wieder.”.
Ich lautete etwas in seine Richtung, damit er wusste, dass ich ihn gehört hatte und versuchte meinen, im Vergleich zu Kurts, riesigen Oberkörper in der Jacke zu verstauen. Am Ende schob ich meine Hände in die Ärmel und fuchtelte etwas damit herum, während ich mich beherrschte jetzt nicht so etwas wie “Abra Kadabra” zu murmeln.
Sofort ergoss sich eine Ladung violetter Glitzerstaub auf meinen Kopf. Das Zeug kroch mir in die Nasenlöcher, die Ohren, den Mund und kitzelte, wie nur Staub es kann. Ich fuchtelte und fuchtelte. Hustete und prustete bis plötzlich alles vorbei war. Das Zelt war verschwunden, der Staub auch. Kurt hielt die Eule am Zügel und lachte. “Also ich vergebe 5 Geschafftpunkte und 100 für den Comedyfaktor.”. Kichernd nahm er seine Jacke entgegen.
“Meine Güte ey – das muss man auch aber gut üben, wa?”. Ein Jemand schüttelte unser Haar aus dem Gesicht und schaute Kurt bewundernd an. “Nun”, antwortete dieser mit geschürzten Lippen, “dazu gibts die Ausbildung zum Zeitreiseleiter der Klasse 1.”. Er warf die Zügel auf den Rücken der großen Schleiereule und beugte sich wieder vor zur Räuberleiter für uns. “Wollen wir?”.
Wir nickten und kletterten auf den weichen schmalen Eulenrücken. Kurt hopste wiederum schwungvoll vor uns.
Diesmal legte ich meine Arme gleich um ihn herum, als das schöne Tier unter uns begann die Flügel auszubreiten und zum Start aufzuflattern.
“Wo wollen wir hinfliegen?”, fragte unser Zeitreiseleiter erster Klasse über seine Schulter.
“Ans Meer vielleicht?”, gaben wir zurück.
Das kleine Wesen nickte und tippte etwas in die versteckte Zügellasche.
Nachdem wir eine Weile schweigend über Felder, Wiesen und Wälder geglitten waren, fragte Kurt: “Wen haben Sie verloren?”.
Ich hatte mit der Frage gerechnet, doch merkte, dass ich inzwischen keine Antwort mehr darauf hatte und das der Punkt war, der den Verlust so schlimm für uns gemacht hatte. Damals, war es der ultimative Moment des Bewusstseins darum, dass es weder Freunde, noch Geliebte, noch Verbündete waren, die in unserem Leben so viel Anteil hatten, das sie uns verraten und verletzten, missachten und ausliefern konnten.
Freunde, Geliebte, Verbündete tun so etwas nicht. Weder das, was konkret an dem Tag passierte, noch was in den Wochen und Monaten – und wenn wir hart und brutal ehrlich sind, in den über 2 Jahren vorher – passierte und eben auch: nicht passierte.
“Ich glaube, wir müssten weniger sagen: “Wir haben jemanden verloren” und stattdessen mehr ausdrücken: “Wir haben etwas jemandem gegenüber verloren”.”, begann ich mich langsam vortastend, während Kurt sich erneut ein Schleiereulenrückenfedernest zurechtzupfte, um uns besser ansehen zu können. Ich schob meine Hände ein wenig unter die Deckfedern und atmete tief ein.
“Wir haben die Achtung vor jemandem verloren, di_er vielleicht nie welche vor uns hatte.”. Ich legte meinen Kopf zur Seite und kniff die Augen zusammen, um zu prüfen, ob nicht noch mehr Worte zwischen all der Trauer und Bitterkeit waren und fand am Ende nur noch das Knäuel, das wir damals hatten liegen lassen, weil es keinen Sinn hat zu versuchen es zu lösen oder zu etwas weiter zu verarbeiten, weil es uns dazu nicht braucht.
“Was für uns daran bis heute so schlimm ist, ist das Wissen, dass diese Menschen es nicht wissen und selbst, wenn sie es wüssten, es ihnen, wie alles, was wir empfunden haben und bis heute dazu empfinden, scheißegal ist, sie aber bis zum Ende das Gegenteil behaupten würden und hinter Schuldumkehrdynamiken, die alles erdrücken verstecken können, obwohl sie für uns irrelevant sind.”, klaubte ich aus dem Durcheinanderviel heraus. “Verstehen Sie – diese Menschen haben uns über Wochen und Monate hingehalten und gewusst, dass es um existenzielle Probleme ging, die wir nicht halten oder tragen konnten und haben sich professionell verpisst, als wir deshalb suizidal wurden und noch mehr Unterstützung und Versicherung über eine baldige Lösung des Problems gebraucht haben.”.
Ich versuchte R. und K. zu veratmen, deren Ziehen im Zwerchfell mir fast den Atem verschlug und die Sicht auf die Worte versperrte.
R. stieß ihr Gesicht durch meines und schaute Kurt direkt an. “Weißte was das war? Das war, was die beiden immer so gehasst hatten an unseren früheren Betreuer_innen. Worüber die sich immer erhoben haben, wenn wir die x-te dumme Ansage von ner überforderten Sozialpädagogin oder ner hilflosen Therapeutin reingewürgt gekriegt haben. Weißte, so richtig eklig, dass wir immer davor standen und nich mehr wussten: “Ja ham wir nu scheiß Profihelfer oder können nur die beiden uns helfen? Oder is nu jetzt Ende der Fahnenstange und Zeit für uns aufzugeben?”. Aber sie wussten ja, was man machen soll. Sie warn ja die mit dem Blick und den Jobs und dem Studium und so. Sie hatten ja Ahnung, weil wir > 10 Jahre jünger waren und außer Gewalt und Scheiße noch gar nichts gelernt hatten außer, dass alle außer uns es besser wissen, als wir, wann die Scheiße denn wirklich und echt am Dampfen is.”.
Sie warf mit ihren “Wehe du unterbrichst mich jetzt”- Blicken um sich und sprach so schnell wie möglich. “Weißte: das ist Gewalt. Das was sie selber so scheiße finden, aber an uns nich gemerkt haben. Und wir dachten ewig lange, wir würden da Animositäten haben oder halt für normale Menschen verkorkst sein oder so. Und weißte- die machen da jetzt ihren Opferhilferettungskram und finden sich supergeil, weil sie ja den armen Opfern helfen und denen das Leben beibringen und am Ende sind se genau ne sozialgewaltvollen Arschlöcher wie die, auf die sie selber runtersehn.”.
Ich merkte wie K. neben mir weinte und ich erinnerte mich an den letzten Satz, den wir von der Person gelesen hatten. “Wenn was ist, kannst du dich natürlich gerne melden.”, der uns damals wie heute so fassungslos und erschüttert mit dem Umstand ihrer Ignoranz zurücklässt.
Kurt berührte unsere Hände und ließ etwas Glitzerstaub aus seinen Jackenärmeln auf sie rieseln.
“Das war eine Retraumatisierung”, sagte ich langsam, der Wärme und dem feinen Glitzerflauschen auf der Haut nachspürend. “Wir haben in den Wochen danach so viel dissoziiert, dass wir heute nicht mehr genau rekonstruieren können, wie genau wir die gesetzliche Betreuung angegangen sind, die juristischen Beratungen, ob nun Anzeige oder nicht, OEG pro und kontra und wie wir genau damals gebloggt hatten, können wir uns auch nur schemenhaft heranholen.”.
Der Glitzerflausch krabbelte zu uns hinein und umhüllte R. und K. wie in kleine Hängenester, die sie vor weiterem Erinnern schützten und beruhigten. Ich hörte, wie ihr Atem langsamer wurde und mein Zwerchfell freigab.
Ich streichelte die weichen Federn vor mir und spürte dem Gefühl eine Zeit lang nach.
“Es gab damals so einen diffusen Bruch um die Möglichkeiten Menschen in unserem Leben zu haben und damit auch eine Verschärfung unseres Hangs zur Bildung verschiedener Außenleben.”, sagte ich dem kleinen Wesen vor mir, das seine Hände nun wieder in den Rändern seines Nestsattels liegen hatte.
“Und was genau bedeutet das?”, fragte es und legte nun seinerseits den Kopf schief.
“Wir haben es nicht mehr geschafft, dass wir näher mit Außenmenschen zu tun haben.”. Ich dachte kurz nach und überprüfte, was ich gesagt hatte. “Also „näher“ im Sinne von “viel Lebenszeit und viele Erlebensqualitäten mit anderen Menschen teilen, die einzig sind”. Irgendwie so.”.
Kurt schaute mich weiter an und ich versuchte es noch einmal. “Jeder Kontakt, den wir danach mit anderen Menschen eingegangen sind, hatte und hat etwas mit den Dingen zu tun, die wir tun. Blog, Podcast, Kunst, soziales Engagement. Niemand im näheren Außen braucht uns, um sich selbst zu erheben. Niemand liebt uns. Niemand begehrt uns. Niemand will sein Leben mit uns teilen. Wir sind die gute Ergänzung verstehen sie? Es ist toll, dass wir da sind – aber ne Wikipedia, ein Radio… kann auch was wir können. Wir sind nicht nötig und das ist irgendwie so das Limit dessen, was wir tragen und halten können.“.
Unser Zeitreiseleiter hatte glasige Augen und ich langsam keine Lust mehr, noch mehr zu erklären. “Wir Rosenblätter – ich Hannah – sind nur entstanden, um solche “Helfergewalten” bzw. ihre Folgen zu ertragen. Und ich glaube, der schmerzliche Moment im Sommer 2014 war der, in dem wir begriffen haben, dass wir es geschafft hatten, uns von Menschen zu lösen, die unseren Körper misshandeln und verkaufen ließen – aber so lange nicht von Helfenden, die uns demütigen und missachten und das als Freundschaft bezeichneten, weil sie uns genau dafür brauchen.”.
Ich atmete mich aufrecht und spürte dem Gegenwind in meinem Gesicht nach.
“Und die anderen Innens bei ihnen?”, fragte Kurt in mein abschließendes Ausatmen hinein, “Sehen die sich auch eher als Ergänzung für Außenmenschen?”.
”Keine Ahnung.”, antwortete ich. “Soweit wie wir das mitbekommen, sind die anderen weitaus wirrer, sozial awkwarder und noch einmal anders inkompatibel als wir. Wir sind an das Leben der letzten 13-14 Jahre gewöhnt und angepasst – die anderen an die 13-14-15-16 Jahre davor. Ich erlebe das nicht so, dass andere Innens als wir andere Menschen überhaupt irgendwie aushalten können ohne nach kurzer Zeit vor lauter Aushalten zu zerbröckeln.”.
Ich zuckte mit den Schultern. “Wir wissen aber zu wenig über die. Merken ab und zu, eine Notwelle von dort oder sehen, wie Einzelne von ihnen versuchen sich im Heute und auch im Außenheute zu orientieren. Aber mehr als die wiederkehrende Erkenntnis, dass wir anders und awkward komisch inkompatibel sind, passiert meines Wissens auch dort nicht.”. Meine Gedanken hingen noch eine Weile in der Luft wie ein leichtes Seidentuch. “Was wir damals auch verloren haben, war die Bereitschaft zu glauben, wir könnten vielleicht doch Freunde, Geliebte, Verbündete, wie man sie in Romanen und anstrengenden Filmen findet, haben. Und trotz aller Akzeptanz der eigenen Unfähigkeiten macht mich das manchmal schon auch traurig. Solche Bereitschaften haben wir uns mal hart erarbeitet.”.
Ich richtete meinen Blick an Kurt vorbei über den Schleiereulenkopf auf die immer regelmäßigere Linie des Horizonts vor uns.
“Was uns der Bruch damals aber geschenkt hat, war der Schritt uns einzugestehen, dass wir ein tatsächlich schwer behinderter Mensch sind, der weniger Hilfe als viel mehr fundamentale Unter_Stützungen braucht und diese einfordern muss, um die Entscheidung zum Immerweiterleben treffen zu können.”.
Am Ende meines Blickes begann es zu funkeln. Ich lächelte und deutete Kurt nach vorn zu sehen.
“Und da ist eine Sturmmöwe…”, seufzte F. selig in mein Herz hinein.
die Zeitreise ~ Teil 9 ~
Mein Blick fiel auf einen Artikel.
Ich stieß mich erneut vom Boden ab und schloss die Augen. Machte mich allein im Zelt unter dem weitblauen Himmel.
Atmete in den Schaukelbogen hinein und hörte dem Rauschen in meinen Ohren zu.
“Kurt?”, fragte ich ins Rund des Zauberzeltes. “Ja?”, tönte seine Stimme leise zurück.
“Im Mai 2014 haben wir jemanden verloren.”.
Unser Zeitreiseleiter schwieg und sein Schweigen fing an mich zu erdrücken. Ich kletterte aus der Hängematte und leerte meine Tasse in einem Zug.
“Weißt du, was ich an deinem Auftauchen nicht verstehe?”. Langsam drehte ich mich zu ihm hin und beugte mein Gesicht so nah an seines, dass ich seine Sommersprossen auf der grünen Nase sah. “Du hast gesagt, dein Auftrag wäre die begleitete Reflektion von zweifelnden Blogger_innen.”. Ich richtete mich wieder auf und wartete auf ein Nicken von ihm, das dann auch prompt kam. “Was denkst du, woran wir zweifeln? Ich meine – eigentlich kommt mir das hier grad eher vor wie ein rührseliges Gelaber, das wir auch hätten in zwei oder drei Monaten machen können.”.
Ich bemerkte eine Verschiebung hinter mir und wusste, dass es auch etwas mit dem Verlust zu tun hatte. Und mit dem Blog. Doch in mir türmten sich der Schmerz und die Wut. Die Ungerechtigkeit und der Flashback der quälenden Gefühle dahinter. Dieses furchtbare Gefühl Menschen an dieser Kluft zu verlieren, weil sie nicht verstehen. Wollen. Können.
Müssen.
Weil sie das Verstehen nicht brauchen.
Und uns auch einfach ins Nichts reden lassen können.
Aber mit Zweifeln hatte das nichts zu tun.
Ich trat an die Schleiereule heran, die uns schon eine Weile aus einem herzrunden Gesicht beobachtete und sich sorgfältig das Federkleid putzte.
“Könnten wir wieder ein bisschen fliegen?”, fragte ich den kleinen Zeitreiseleiter.
Dieser sprang aus seinen Kissen auf und lächelte mich an. “Das ist eine sehr gute Idee. Ein bisschen frische Luft und Distanz in alle Richtungen ist gut bei schweren Themen.”.
die Zeitreise ~ Teil 8 ~
Langsam beruhigten sie sich und nahmen einen weiteren Schluck aus ihren Tassen.
K. scrollte im Beitragsarchiv durch das Jahr 2013. Überflog Beiträge. Griff ab und zu in uns hinein betrachtete etwas, ohne es zu halten.
“Wir haben eine Menge geschrieben.”, stellte sie mit schiefem Lächeln fest. “Ich weiß gar nicht, welche Aspekte eigentlich so “eigentlich wirklich” relevant sind.”. Sie scrollte noch ein bisschen. Prustete auf: “Tshehe ich bin ja froh, wie viele von meinen pauschal weltumfassenden Ausrastungsbeiträgen inzwischen nicht mehr öffentlich zu lesen sind.”. Sie kicherte zwischen zwei roten Ohren hervor und schob die Seite weiter.
Der kleine Zeitreiseleiter hopste von seinem Kissenturm herunter und trat neben sie, um auch auf das Display schauen zu können.
“Sie haben irgendwann aufgehört von den [BÄÄÄMs] zu schreiben.”, stellte er Mitte 2014 fest. “Warum?”.
Meine Überlegungen ließen K. vor meinen Füßen zerbröseln. Eine andere, neben mir, legte ihren Kopf an meinen. “Ich glaube, weil wir reifer wurden und Therapiefortschritte gemacht haben. Und vielleicht auch insgesamt fester in Bezug auf unsere Grenzen wurden.”. Ich überlegte noch ein bisschen und griff nach der Kaffeekanne auf dem Tisch.
Während ich meine Tasse füllte, ging Kurt wieder zurück zu seinem offenbar sehr gemütlichen Kissengebilde und sah mich an.
Ich wickelte mich in eine weiche Decke und setzte mich zurück in die Hängematte, deren sachtes Schwingen meine Gedanken in einen ruhigen und gleichförmigen Strom brachte.
“Wir haben durch #Aufschrei bei Twitter viele neue Follower_innen bekommen. Das Blog wurde von mehr Menschen gelesen. Wir begannen mehr nach außen zu gehen und merkten dabei schnell, dass wir nicht dazu gehören. Beziehungsweise, dass wir nicht sind, wofür wir gehalten werden oder, womit wir benannt werden.”, ich stieß mich ein letztes Mal vom Boden ab und ließ den Körper ganz in die Bewegungen der Matte fallen.
“Ich würde heute sagen, dass wir in den folgenden Monaten viel Definitionsarbeit für uns gemacht haben. Abgrenzungsarbeit in ganz viele Richtungen nach Außen und wenn wir mal die Kraft hatten, haben wir uns überlegt, was anderen helfen könnte. Aber schon damals war uns klar, dass wir keine klassische Öffentlichkeitsarbeit leisten wollen und können, weil uns zu wenig daran liegt für andere Menschen sprechen zu wollen.”, begann ich zu erzählen.
“Aber sie haben sich schon für oder gegen bestimmte Dinge ausgesprochen – warum?”, fragte Kurt und ließ mit einem Fingerschnippen kleine Blasen vor mir aufsteigen, in denen ein paar Beiträge zu sehen waren.
Mein Blick folgte den Blasen und irrte ein wenig umher, als diese auf meine Antwort hin platzten. “Ja”, antwortete ich, “das meinte ich mit ‚Definitionsarbeit‘. Wir haben uns in vielen Artikeln damit auseinandergesetzt, wie wir zu bestimmten Dingen stehen und haben sie ins Blog gestellt, um nachlesbar zu sein. Und in manchen Entscheidungen vielleicht auch nachvollziehbarer.”.
Die Andere neben mir wandte dem kleinen Wesen ihr Gesicht zu. “Verstehen Sie eigentlich was für ein geniales Dings wir da gemacht haben?”.
Kurt hielt mitten im Kauen eines Kekses inne und schüttelte den Kopf.
“Wir haben innere Kommunikation gemacht. In a way: die öffentlichste Art unserer Zeit ein Selbstgespräch zu führen, um sich kennenzulernen. Und in unserem Fall: “zu bemerken, dass man nicht nur “die Rosenblätter” ist, sondern tatsächlich noch viele andere, die sich als “die … hm hm hm’s” bezeichnen“.”, sprach die Andere, die nun in mein ganzes Vorn vereinnahmte und sich erneut vom Boden abstieß.
Sie angelte im Vorbeischaukeln eine Handvoll Kekse und redete weiter. “Ausgerechnet wir, die es über Zeiten ewig nicht geschafft haben, ein Tagebuch zu führen, oder konsequent mit Listen und der Begegnung der Notizen und Impulse von anderen Innens umzugehen, waren und sind bis heute ultrakonsequent, wenn es darum geht, sich das Schreiben bzw. das Bloggen zu bewahren, weil es sich zu einem ganz eigenen Zentrum der Reflektion entwickelt hat.”.
Kurt knautschte das Gesicht und sie sah ihn fragend an.
“Ich weiß nicht genau, ob ich Sie richtig verstehe.”, sagte er langsam, “Sie müssen verstehen – ich kenne mich mit DIS und alle dem überhaupt nicht aus.”.
Sie nickte und dachte kurz nach. “Hmmm – die dissoziative Identitätsstruktur bedeutet für uns ein fragmentarisches Erleben des Hier und Jetzt, genauso, wie es das bezogen auf ein Früher und ein HätteWürdeWenn bedeutet. Mit so einer Wahrnehmung – ganz allgemein – ist es schwer sich zu positionieren. Egal, worum es geht. Eigene Versorgung, eigene Werte, politisches Weltgeschehen, Lauf der Dinge… G’tt. Nichts hat Bezug zu einem selbst und wenn sich Bezüge – also Assoziationen – auftun, dann ist es etwas, das unkontrolliert, überbordend, zerreißend, ermordend ist, weil alles, was ist, zu allem, was je war, wird und am Ende doch wieder nichts hinterlässt, weil die einzige Art dem zu begegnen die Dissoziation ist.”, sie schaute Kurt an und biss wieder in einen Keks.
Dieser nickte und deutete ihr weiterzusprechen.
“Wir haben bemerkt, dass wir, wenn wir solche Gedanken haben, solche Momente der Assoziation, die so überbordend werden, oder vielleicht auch allgemein in schwer greifbaren Zuständen sind, die Lautsprache zu etwas immer schwerer werdendem wird. Die Motorik wird unzuverlässig, die soziale Kompetenz ist dann meistens überhaupt nicht mehr gegeben. Wir werden zu einer Art “nur Kognition” oder auch “nur Wahrnehmung” und in so einem Moment kann man keinen Stift mehr halten, geschweige denn Buchstaben malen.”, ihr Blick wanderte in Kurts Richtung und stieß auf einen wieder sehr aufmerksam zuhörenden Zeitreiseleiter.
“Alles was wir zum Bloggen können müssen ist, die Empfindung der Tastenschläge auf den Fingerspitzen auszuhalten. Mehr nicht. Alle anderen Kanäle eröffnen sich dann nach und nach. Irgendwann fällt dann das Geräusch dazu auf, irgendwann fällt auf, wie das Schriftbild ist, und irgendwann fällt der unbequeme Stuhl auf… aber dann ist der Artikel fertig. Die Dissoziation als das Bewusstsein extrem fragmentierender Zustand ist vorbei. Und was dann inhaltlich dort steht ist manchmal das, worum es in den Assoziationen geht, manchmal aber auch eine Reaktion von einem Innen auf das Überflutet werden eines anderen.
Und manchmal ist es dann auch so etwas, was wir nur finden und erst einmal noch gar nicht verstehen können. So ist die Kategorie “Fundstücke” entstanden.”, sie nahm einen weiteren Schluck Kaffee und biss in einen Keks mit knackiger Schokoladenglasur.
An der süßen Krümelmasse vorbei sagte sie: “Es ist aber nicht immer nur so ein Schreiben. Manchmal steht am Ende von so einem Zustand auch nur “Schreibst du das auf?”, was eine verabredete Frage für uns alle ist. Manchmal geht es darum etwas zu dokumentieren und zu bewahren. Aber nicht so, dass jemand äußeres es wegmachen kann. Manchmal gehts da um eine ganz sichere Art der Echt-Machung dessen, was wir so erleben. Also alle. Oder als Einsmensch.”.
Sinnend schaute sie in den Himmel über sich. “Wir erleben das Internet irgendwie nicht stofflich. Da ist immer das Gefühl, unsere Texte und Bilder und alles das, ist dort drin, aber niemand kann einfach hingehen und es wegnehmen oder behaupten, es sei gar nicht da. Es ist so ungreifbargreifbar und das ist die perfekte Art für uns einander über die Worte wahrzunehmen – vielleicht auch: einander zu begegnen. Als Tagebuchform – so richtig in Papier und Tinte – ist es erschreckend. Jedes Mal kostet es unheimlich viel Kraft und Zeit über den Schreck hinweg zu kommen, dass man ganz greifbar Zeit und Raum nicht unter Kontrolle hatte.
Im Blogdashboard kann man sich langsam herantasten und irgendwie auch darauf verlassen, dass nichts verschwindet oder ausgesprochen wird, was nicht ausgesprochen werden darf oder allgemein gefährlich für uns werden könnte.”.
“Sie haben also auch eine Zensurpolitik!”, unterbrach Kurt ihre Gedanken abrupt. Ich musste lachen. “Hm, nee. “Zensur” ist ein staatliches Ding.”, antwortete ich und fürchtete dann doch, er könnte beleidigt sein über diese Richtigstellung. Doch das kleine Wesen zeigte keine Beleidigungsanzeichen, sondern Interesse. “Wir haben innere Systeme, für die es sehr wichtig ist, dass bestimmte Dinge nicht gesagt werden. Egal wo und wem gegenüber. Entsprechend haben wir eine Politik darüber entwickelt, dass sie kontrollieren, was wir schreiben und anmerken, dass sie das nicht wollen, wenn wir doch mal etwas geschrieben haben, was sehr nah oder auch zu nah an das kommt, was sie nicht wollen. Ohne mindestens einen Blick aus diesem System geht kein Text oder Podcast online.”.
Ich beugte mich weit zu ihm hin und flüsterte “Und ich würde sagen: das ist fast sowas wie “innere Zusammenarbeit”.”. Ich zwinkerte dem kleinen Wesen mit der grünen Haut awkward lächelnd zu “Therapeut_innen fahren voll auf sowas ab” und kullerte vor lauter unterdrücktem Grinsen fast vornüber aus der Hängematte.
Kurt lächelte mich an und goss sich eine weitere Tasse Tee ein. “Sie haben meine Frage noch nicht beantwortet, oder? Wie kam es, dass sie nicht mehr von “den [BÄÄMs] geschrieben haben?”.
“Hm.”, machte ich und drehte mich nach innen. Dort standen die Feuerlöwin K. und die immer leicht geduckte R., die Andere, das Kinderinnen, das unsere Fotos macht, und lauter andere, die im Laufe der Zeit von bloßen Präsenzen eines pathologischen Markers in einem Er_Leben, zu Namen, Eigenschaften, eigenen Geschichten, eigenen Er_Lebenswelten geworden waren.
“Weißt du, als wir anfingen so ganz ganz regelmäßig zu schreiben, haben wir sie so wahrgenommen. Unsere Wahrnehmung von einander war genau so grotesk und abstrus – so eingeschoben und fremd und ganz ausgestanzt in dem, was wir so als “unser Rosenblätter-sein” wahrnahmen. Und heute wissen wir, dass sie Namen haben. Und eine (unheimliche, uns massiv ängstigende, fremde, grotesk, absurd empfundene) Geschichte.”.
Ich atmete ein und versicherte mich über ein Nicken von innen.
“Sie sollen sich willkommen fühlen.”.
die Zeitreise ~ Teil 7 ~
Das Erste, das ich an diesem nächsten Morgen vernahm, war ein Quaken.
Ein Quaken aus dem Schnabel einer pinken Glitzerente, die auf meinem großen Federbettdeckenkissen umherhopste und wild mit ihren Stummelflügeln flatterte. Ich traute mich nicht mich zu bewegen und starrte das kleine Tier an.
“Sind sie jetzt endlich wach?”, fragte Kurt mit frechem Grinsen und den Händen in der Hüfte. “Äh …”, antwortete ich und konnte meinen Blick nicht von dem kleinen pinken Glitzerball vor mir abwenden. “Ich glaub schon.”.
Unser kleiner Zeitreiseleiter streckte den Arm in Richtung Ente und diese sprang auf seine Handfläche, wo sie zu einem Häufchen pinkem Glitzerflausch zusammenfiel. Ich rappelte mich auf und kullerte fast aus der Hängematte.
Die Sonne erhellte unser Zelt indirekt, was der großen Schleiereule in einer Ecke des Zeltes wohl nichts ausmachte. Die schlief nämlich mit einem Beinchen an der Brust und ruhigem Atem, den Schlaf der erfolgreichen Mäusejäger_innen.
“Kaffee.”, brachte ich heraus und gähnte zwischen ambitioniertem Recken und Strecken und Ringen um Bewusstsein.
Kurt deutete unbeeindruckt von meinem weit geöffneten Gähnschlund auf den niedrigen Tisch und schnipste mit den Fingern der linken Hand. Plötzlich stand ich frisch geduscht und in flauschigen Wuschelsachen mitten im Zelt. “Was zum …”, bröckelte mir aus dem Kopf und blieb doch erneut in meiner Müdigkeit stecken. Ich stöhnte auf und erinnerte mich an mein Hauptanliegen. “Kaffee”.
“Also”, setzte der auf einem Stapel Kissen sitzende Kurt an und legte ein Bein über das andere, “Wir waren bei “Warum hast du denn nichts gesagt?” im Februar 2013 angekommen.”.
Ich stöhnte erneut. Diesmal unter der mich überrollenden Erinnerung an die Erschöpfung dieser Zeit. “Was war denn da los?”, piekste er nach.
“#Aufschrei war los.”, antwortete ich. “Endlose Wortgefechte, Debatten und Diskussionen, eine Twittertimeline voller verletzender selbsternannter “Maskus” und daneben permanente Reflektionsarbeit, die Therapie, das Forumgestresse und ach …”. Vor mir überschnitten sich zwei Stränge und ich bemerkte, wie mich verunsicherte eine Entscheidung fällen zu müssen, welcher von beiden jetzt der sein würde, welcher wirklich mit unserem Blog zu tun hatte und welcher nicht. Ging es in der Entscheidung überhaupt darum oder um etwas anderes? Ich versenkte meinen Nüschel in der Kaffeetasse und blieb einfach wo ich war. Vielleicht könnten wir ja auch einfach in der Zeit fortfahren und eine weitere Linie würde sich vor mir zeigen.
“Was genau wollten sie denn gesagt haben?”, fragte Kurt und tunkte einen Keks in seinen Frühstückstee. “Ich weiß es selber nicht mehr – vielleicht gar nichts Konkreteres als, dass ich viel nicht mitbedacht und berücksichtigt empfinde. Dass ich die Norm hinterfrage. Dass wir kein Opfer geworden sind, weil wir uns nie gewehrt hätten, sondern, weil man sich gegen so etwas Alltägliches wie Sexismus und sexistische Standards und daraus hervorgehende Diskriminierungen nicht nur einmal im Jahr wehren muss. So irgendwie.”. Ich griff an mein Ohrläppchen und drückte nachdenklich auf dem weichen Fleisch herum.
“Dann kam diese Nummer um One Billion Rising, von der ich mich unbedingt mitreißen lassen wollte, weil ich in meinem Alltag keinerlei Hinweise auf den Sturm in meinem Kopf und in meiner auf Hochtouren ratternden Timeline hatte. Und dann trafen wir dort unsere ehemalige Therapeutin, die irgendwas mit “Also das musste jetzt sein.” sagte, als würde das Tanzen gegen Gewalt an Frauen wirklich etwas ausrichten, was all die Initiativen und Demos in den letzten Jahren nicht ausgerichtet hätten. Und daneben das permanente Kratzen an der Wahrhaftigkeit meiner unserer Lebensrealität von anderen Menschen und das Absprechen der Berechtigung damit Raum einnehmen zu dürfen.”.
Ich schwenkte den Kaffee in meiner Hand und versank in ein dumpftrauriges Brüten.
Kurt schwieg und nippte an seinem Tee.
“Es sind so zwei Dinge, die sich da überschnitten und uns etwas klargemacht haben.”, stellte ich in die Mitte unseres Gesprächsraumes. “Welche?”, fragte Kurt.
“Wir und die Anderen.”, antwortete ich und erwartete, dass selbst er nicht wahrnehmen könnte, was für ein Wörterkomplex dahinter stand.
Er schaute mich einfach nur an und goss sich Tee nach. Wie ein Psychoanalytiker, der sich mitten in der Stunde überlegt, wie er seine bloße Zuhörzeit mit kleinen Annehmlichkeiten für sich füllen kann.
“Ich glaube, wir hatten bis zu dem Zeitpunkt nie so einen Moment in der Auseinandersetzung mit Gewalt und ihren Folgen, dass es dabei auch um uns geht. Um Menschen wie uns. Menschen mit so viel Not im Leben, wie sie andere Menschen nie kennenlernen werden, wenn sie Glück haben. Uns wurde damals klar, dass auch wir und unser Leben da im Fernsehen repräsentiert werden sollten. Von Leuten, die unserer Lebensrealität teilweise irgendwie ferner gar nicht sein könnten und von Leuten, die weniger Ahnung von dem, worüber sie da reden, gar nicht haben könnten.”, taperte ich langsam und bedächtig, die großen Löcher im Boden und Minen an den Wänden meidend durch den Komplex vor meinen Augen bis ich K. und R. hinter meinem Gesicht spürte.
“Irgendwann – ich glaub, das war dann hier Sonntagsjauche – die Sendung in der Natascha Kampusch und zwei anderen Menschen, die Opfer von Gewalt wurden und auf eine Art vorgeführt wurden, die mich so angetickt hat, ohne mich aber in echtes Widererleben zu bringen. Also – äh – verstehn Sie jetzt, was ich meine?”, K. schaute mit gerunzelter Stirn zu dem Wesen auf seinem Kissenturm, “Ich hatte mein erstes Ding von “Ah- Stopp it – Erinnerung hier – richtige Kackscheiße da”. Und das war ein großes Ding für mich, an dem ich so gemerkt habe, dass ich solche Unterscheidungen durchaus kann und schlimme und ungerechte Dinge nicht nur deshalb schlimm und ungerecht finden kann, weil ich allein etwas empfinde, sondern, weil schlimme und ungerechte Dinge in einem Kontext passieren. Verstehen sie das BÄNG! daran?
Ich hab kapiert, dass mein Erinnern einen Kontext hatte – nicht nur einen Trigger, den ich übersehen oder nicht genug berücksichtigt habe, sondern eine ganz klar stattfindende Musterabfolge im Außen. Und von da aus war es nur noch eine Furzlänge bis zum Bemerken, dass die Gewalt, an die ich mich erinnerte einen Kontext hatte, der nicht nur mich und mein persönliches Empfinden umfasst, sondern die verdammte ganze Welt.”. Sie donnerte mit der Faust auf den Tisch und fuchtelte mit der freien Hand einen weiten Bogen in die Luft.
Kurt steckte seine Hand in die Jackentasche und pustete ihr helles Sterngeglitzer entgegen. “Glückwunsch”, lachte er so ansteckend, dass sie zu grinsen anfing.
