Ich schenkte dem Lehrer, der mir bei der Paginierung von “aufgeschrieben” geholfen hatte, ein Exemplar. Eine dreiviertel Stunde später gab er zwei Bestellungen von anderen Lehrer_innen an mich weiter.
Leute, die über das hier – also ALLES DAS HIER, was meine beiden Arme selbst in einem Bogen ausgestreckt nicht berühren können, nichts wissen.
Ist das ein Outing? Hm, nee. Aber vielleicht für sie. Wer weiß.
Menschen haben das Buch in der Hand gehabt und gesagt: “Oh das ist aber schön.”. Awkwardness at it’s max. Das wollte ich sie empfinden lassen – wieso klappt das so einfach? Das klappt doch sonst nicht? Oder doch? Wie reagieren Leute eigentlich sonst auf meine Machwerke? Ist das Dissoziation? Hm. Wer weiß.
Die Sonne scheint. Der Wind zupft an meinen Wimpern. “aufgeschrieben” zwischen Krokussen. Vor einer Steinwand. Vor einer Wand aus gesprungenem Glas. In eine Metallwand geklemmt. Auf Holz. Auf Gras. Was passt zum Buch, was zum Style des Instagramaccounts des Verlags. Oh man, alle werden sehen, dass wir .. dass das .. es ist wirklich jetzt da. Wir haben das gemacht und es ist da. Ist das Angst? Hm. Wer weiß.
Die Plastikfolie um jedes Exemplar ärgert mich. Die Grafiken sind nicht gelungen. An einigen Stellen ist der Text falsch gesetzt. Wenn man es aufmacht, stinkt es. Jedenfalls in meiner Nase. Das Papier ist zu dünn. Wir hätten noch so viel anders machen müssen. Mein Exemplar liegt drei Tage offen, dann muss ich reinschauen, weil mich Leute nach dem Inhalt fragen oder bitten etwas darüber zu sagen. “Es ist nicht so perfekt wie es an meinem Computer in den letzten 3 Monaten ausgesehen hat, das tut mir so unendlich leid, ich wollte es besser, richtiger, perfekt schaffen, aber vielleicht geht das auch gar nicht, vielleicht geht nur “gut genug”, findest auch “gut genug”, gut genug zum Angucken und Lesen?”, das will ich schreiben, aber das ist nicht, wonach gefragt wurde. Es steht für niemanden in Frage sich ihm zu widmen und vielleicht auch zu lesen. Das ist so krass. Oder? Hm. Wer weiß.
Die Sonne scheint mehr. Blendet, wärmt, brutzelt zuweilen.
Im Mailpostfach einige Anfragen für Lesungen. Beim Öffnen des Kalenders Zukunftsmusik. Hier Lesungen, da der Schulabschluss, dort Umzug zum Freund und, mit Bleistift am Rand, der Moped-Führerschein.
Ist das schön?
Ja. Ziemlich.
“Mein Gott bist du nervig und narzisstisch” Das war ein Kommentar kurz vor Ende einer Kommentardiskussion, die wir auf der Podcast-Webseite hatten.
Ach ja, diese eine Person, die es nicht müde wird, zu versuchen uns mit sowas zu treffen. Sie ist immer noch da und geht auch nicht weg. Wie eingetretene Hundescheiße im Wanderschuh.
Ich habe darüber nachgedacht, wieso Menschen solche Kommentare machen. Also “wieso wieso”.
Ich weiß, es geht darum zu verletzen, vielleicht auch zu zerstören, aber das ist ja nur das, was bei mir ankommt.
“Wieso wieso” meint, wieso so. Wieso damit. Wieso greift die Person etwas auf, das vor 3 Jahren etwas war, worunter ich gelitten habe, weil es in einer Gewaltsituation benutzt wurde, um sich mir gegenüber zu erhöhen, damit Abstand zu schaffen und das “professionelle Distanz” nennen zu dürfen.
Wieso denkt sie sich nicht selbst etwas aus. Wieso bleibt sie an mir kleben, hört nicht auf, geht nicht weg – bin ich ihr nervig, weil sie nicht von mir weg kann? Das ist alles total mysteriös und auch ein bisschen witzig. Leider. Ich will gar nicht so arrogant sein, aber tja. Bin ichs halt doch in dem Punkt.
Es ist witzig, weil es so widersprüchlich ist. Und der Witz ist vermutlich einer, den nur ich witzig finde, aber das ist ja auch nicht neu. Kann ich mit leben, kichere ich halt für mich allein über etwas, das ich allein witzig finde. Man kann das lesen, als spräche mich jemand mit „mein Gott“ an und trüge mir gleichzeitig Narzissmus vor.
Da ist jemand, die_r nicht will, dass ich da bin und deshalb kommt sie_r immer wieder zu mir.
Ich finde das witzig und glaube Loriot hätte darüber sicher einen Sketch machen können, der die Nation zum Schreien bringt.
Natürlich will ichs nicht weglachen.
Dazu sind Widersprüche einfach meistens zu ernst und haben in der Regel eine Wirkung, die dazu beiträgt, dass sich Dinge nicht verändern. Aber was soll sich denn hier verändern? Und inwiefern?
Wenn Menschen mich, uns, nervig finden, dann ist das ein Fakt. Wenn sie glauben, ich, wir, wären narzisstisch, dann ist das auch ein Fakt. Es sind einfach leider nur Fakten, mit denen allein sie etwas anfangen können. Und ja auch wollen, wie man an solchen Kommentaren sieht.
Ich kann damit nichts anfangen, kann nichts grundlegendes verändern, denn ich bin einfach nicht immer nervig und narzisstische Anwandlungen habe ich auch nur dann und wann. Wenn ich mal so bin, dann gefällts mir selber nicht und ich tue was dagegen. Das heißt: die Veränderung ist meinem Leben schon immanent. Auch ohne, dass mich jemand dahingehend bearbeitet oder an mir zu schrauben versucht.
Und das ist doch interessant. Dass das so ist, aber Hater an sowas scheinbar nicht denken. Sich vielleicht nicht einmal vorstellen können, wie man 24/7 mit sich selbst lebt, sich selbst ab und an auch mal reflektiert und verändert.
Das ist doch hochspannend.
Denn es zeigt, wie sehr man für solche Leute einfach nur Abziehbild ist, das sie anblöken, es sei wie es sei, weil es gar nicht anders sein kann. Like literally – ein Bild ist nur ein Bild. Das kann nur sein wie es ist.
Ich habe aber auch darüber nachgedacht, ob solche Leute diese Dinge vielleicht auch immer nur als Schnörkel aufschreiben. Vielleicht ist ihnen ja doch bewusst, dass sie objektifizieren und also entmenschlichen. Vielleicht dienen solche Sprüche nur als Geste der Verschleierung.
Das wäre logisch, denn wo Gewalt ist, ist auch immer Verschleierung. Und sei es vor sich selbst, um sich vor dem Bewusstsein darum zu schützen, dass man jemand ist, die_r (neben vielen anderen Dingen) auch Gewalt ausübt.
Als ich mich für ein Brot mit Erdbeermarmelade entscheide, wird der Regen in weißen Streifen durch die Luft gewogt. Als sich die Marmelade gerade in das weiche Margarinenbett kuscheln will, kommt die Sonne raus. Es ist hell und strahlend, der rote Bobbel vor mir leuchtet wie ein Stück Theatereingeweide.
Ich lass es liegen. Werd schon nicht verhungern.
Was mach ich jetzt. Nichts mach ich.
Die Langeweile zieht mich vor Netflix. Die Schwangerschaft mit unserem Buch hält uns da. Oder vor dem Wolkehaushalt in die Sims3. Nicht denken, nicht machen. Einfach nur so durchfischeln. Das geht. Meistens. Oft genug.
Die Dinge in unserem Leben jetzt, sind alle nicht spruchreif. So viel Zukunftsmusik, dass mir die Ohren klingeln und der eingeigelte Stummtaubblindverkrümel zu werden, ist oft das einzige, was wirklich hilft.
Alles was wir für diese Zukunft wollen, können wir nicht einfach entscheiden. Wann ausziehen, wann umgezogen sein – der Freund muss mitreden, hat eigene Dinger am Laufen, braucht auch Sicherheiten. Nicht so einfach. Alles muss daran angepasst werden. Das ist wie noch einmal 5 Lautstärkestufen rauf mit der Zukunftsmusik unter der das Knacken und Knirschen unserer Anpassungsprobleme unhörbar werden. Alles eine Frage der Kommunikation. Schwierig so auf die Distanz.
Am Donnerstagmorgen hatte ich Erdbeermarmeladenbrot und abends den Brief mit der Begründung für eine Namensänderung in der Hand. Wir fuhren sehr spät nachts noch mit dem Rad hin, um ihn einzuwerfen, aber dann doch nicht.
Bist du wirklich sicher? wummerte die Zukunft mit grellen Lichtblitzen auf mich ein. Ich bin nicht sicher. Ich bins nicht, ich werds nie sein. Zukunft, das ist die falsche Frage. Es geht nicht darum, wie sicher ich mir bin, es geht darum, wie sicher ich mir bin, damit umgehen zu können, wenn Dinge nicht so richtig klappen. Oder völlig anders als gedacht. Frag mich, wie bereit ich dafür bin, daran zu arbeiten, dass es so wird, wie ich mir das vorgestellt habe. Frag mich nach meiner Kompromissbereitschaft. Frag mich, ob ich dich mögen werd, auch wenn du mir weder grüne Wiesen im Sonnenschein noch Fettlebe mit Zuckerguss zu bieten hast.
Zukunft, wenn du so fragst, dann ich will dich bitten mir aus dem Weg zu gehen. und das hatten wir doch schon so oft. Wir wissen beide, dass das nicht geht.
Am Freitag klebte ich eine Grüffelo-Briefmarke auf den Antrag und warf ihn in einen Briefkasten.
Fuhr nach Hause. Kochte Süßkartoffelsuppe. Draußen regnete es und drinnen fragte ich mich, ob das Buch denn wohl bald fertig gedruckt ist.
Dann schaltete ich den PC ein, um nach Familie Wolke zu sehen.
Um mich herum Zukunftsmusikdisco.
Klingt komisch. Awareness-Day.
Ein Bewusstseinstag für eine “Erkrankung”, die so vieles unbewusst bleiben lässt.
Und irgendwie auch schlimmer wird, je mehr Bewusstsein für sie entsteht.
Die dissoziative Identitäts”störung” ist mehr als ein psychiatrisches Krankheitsbild von besonders dispositionierten Individuen.
Sie ist auch eine soziale Diagnose, denn die Ursachen sind überwiegend soziale Akte.
Misshandlung, Vernachlässigung, emotionale Grausamkeit, sadistische Quälerei, sexualisierte Ausbeutung, psychische Manipulation, jahrelang anhaltende latente Lebensgefahr, Folter. Zum Beispiel.
Das liest man schnell mal so weg und die Abstraktion der Begriffe geht soweit, dass sie die Menschen darin oft mitnimmt. Der soziale Akt, die Menschlichkeit, die auch Gewaltbereitschaft, Lust an Gewaltausübung, Selbsterhöhung durch Erniedrigung anderer enthält.
Ein Bewusstseinstag für DIS kann nicht nur ein Tag sein, an dem man sagt: Guck mal hier, das gibts!
Das wäre zu wenig, auch wenn es für die meisten Menschen dann doch wieder zu viel ist.
Mit dem Bewusstsein für Menschen wie uns, für Menschen, deren Identitätsstruktur von dissoziativen Brüchen definiert ist, kommt die Konfrontation mit der eigenen Dissoziation.
Der Dissoziation, die vor dem Bewusstsein schützt, dass die Welt auch ein gefährlicher, schlimmer, schlechter grauenhafter, moralisch abstoßender, erschreckender, bestialischer Ort sein kann. Jederzeit und genau jetzt für so viele Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt absolut schutzlos darin befinden.
Die Dissoziation um die Wahrheit, dass es wahr ist, wenn Menschen über Menschen sagen, dass sie das gefährlichste Lebewesen auf der Welt sind.
Die Dissoziation um die Realität der Überlebenden. Um die relative Nähe zueinander.
Ich halte es für problematisch nicht auch dafür Bewusstsein herzustellen.
Denn allein das Wissen um eine Problematik, Erkrankung, Störung reicht nicht, um Umgänge zu finden oder Ideen um Fragen nach Heilung, nach Rehabilitation, nach Verarbeitung zu diskutieren.
Nicht alle Menschen mit DIS sehen sich als krank. Wir sind einer davon. Deshalb nennen wir es Identitätsstruktur, sprechen von “Traumafolgen” oder “Traumafolgeproblemen”.
Die Diagnosekriterien der DIS sagen uns nur, dass wir gesehen und erkannt, eingeordnet und klassifiziert werden können. Das bedeutet: die Diagnose validiert uns aufgrund dessen, was jemand außen verstanden und anerkannt hat. Es geht dabei um uns, wie wir “wir” sind. Dass wir da sind und uns als Ichs im Leben eines Einsmenschen erleben.
Es geht nicht um die Flashbacks, es geht nicht um dissoziative Phänomene wie Krampfanfälle, Sinnesausfälle, Depersonalisation, Derealisation. Es geht nicht um Angst, nicht um Depressionen. Es geht nicht um die Isolation unter Menschen, deren Identität so grundlegend anders strukturiert ist.
Nicht einmal gestreift wird dieser Aspekt des Lebens in einer Gesellschaft, die jene Umstände zulässt, aus denen wir hervorgegangen sind, und kollektiv an der Aufrechterhaltung der Dissoziation dazu arbeitet. Nie gedacht an den Verrat, den das auch bedeutet.
Die Diagnose selbst ist das Ergebnis dieser kollektiven Gewaltdissoziation.
Es gäbe eine völlig andere Struktur der Hilfen, der Forschung, der Heilungsdiskurse, wäre das nicht so.
Es erscheint so vielen Menschen unvorstellbar, sich Menschen frei von Gewalt zu widmen, dass es noch mehr von ihnen undenkbar ist.
Wie soll man jemandem helfen, wenn man gar kein Doktor ist?
Hmm wenn die Person viele ist ach nee da soll mal lieber ein Profi dran – ein_e echte_r Psycholog_in am Besten!
Das ist Vermeidungsverhalten. Und zwar eins das an allen Ecken und Enden in unserer Gesellschaft nicht problematisiert wird. Es wird im Gegenteil sogar bestärkt, gestützt und als natürlich gegebene Funktionalität unserer Gesellschaft als Ganzes verhandelt.
Aber Menschen, die Viele sind, die bekommen solcherart Stützen nicht. Die versuchen das oft sehr lange und sehr aufwendig in ihrem Leben aufzubauen. Versuchen sich mehr oder weniger erfolgreich in ihre Wechsel und Brüche, ihre Vermeidungen, ihre Symptome und Schwierigkeiten hineinzuorganisieren, doch scheitern endgültig in dem Moment, in dem ihnen gesagt wird: “Das ist krank. Was du da machst, wie du bist, was du da erlebt hast und bis heute erlebst, das ist nicht normal.”
Obwohl es extrem normal ist. Es ist extrem normal Gewalt zu erleben. So viele Menschen erleben genau jetzt Gewalt. Genau jetzt, während du das hier liest, sterben Kinder an Gewalt, die ihnen angetan wurde. Genau jetzt überleben wer weiß wie viele Menschen Folter, Qual und Not.
Krank werden diese Überlebenden aber erst mit dem einordnenden Blick einer dazu legitimierten Macht.
Das ist wichtig zu verstehen.
Denn Viele zu sein bzw. mit einer dissoziativen Identitätsstruktur zu leben, ist keine Krankheit, sondern ein Zustand. Und zwar einer, der ganz natur_logisch eingebaut entstehen kann, wenn er nötig ist um zu überleben. Nichts daran ist krank oder falsch oder irgendwie künstlich.
Was krank und falsch ist ist, wenn die gleichen Leute, die das Erlebte entnormalisieren und das Gelebte pathologisieren sagen: “Wenn du normal sein willst und also unterstützt, versichert, heil und gut, dann offerieren wir dir diesen wunderbunten Strauß der Optionen, aus dem du frei* wählen kannst. Wenn du nichts wählst, ja dann kann dir auch niemand helfen. Selbst schuld. Stirbste halt doch vielleicht.” [*solche Entscheidungen sind niemals frei, denn in unserer Gesellschaft ist niemand frei]
Das hier soll kein Text sein, der dazu führt, dass man Therapien und Unterstützungsmöglichkeiten für Menschen, die mit einer DIS leben, ablehnt oder für allesamt falsch erklärt.
Aber er soll dazu beitragen sich bewusst zu machen, dass das der Kosmos ist, in dem dieser Zustand nicht nur be- sondern auch verhandelt wird.
Spricht man über oder von DIS, dann nutzt man psychologische, psychiatrische, medizinische Modelle des Menschseins. Man bewegt sich in psychologischer, psychiatrischer, medizinischer Terminologie. Man denkt an die Möglichkeiten und Grenzen der Veränderung, man forscht und seziert die Mechanik der Psyche durch die Brille ganz spezifischer Deutungshoheiten über objektifizierte, also versachlichte, Subjekte.
Das ist ein ernstes Problem, denn es trägt nicht dazu bei, dass die ursächliche Gewalt nicht mehr passiert.
Es trägt nicht zu einem Verständnis der verschiedenen Lebensrealitäten der Betroffenen bei.
Es trägt einzig zur Einordnung, Klassifizierung, Erforschung und Veränderung des Zustands überlebender Individuen bei.
Das ist viel, ja, aber nicht alles.
Und längst nicht genug.
Das möchten wir in diesem Text bewusst machen.
Wir wissen, dass die meisten Leute lieber eine fesche Infografik wollen, irgendein witziges Meme, das verlinkt ist mit irgendeinem psychologischen Text, der sagt: “Ja, gibts wirklich. Ja, ist echt schlimm. Ja, muss man therapieren.”
Wir wissen, dass man den Überbau dazu lieber vermeiden will.
Deshalb machen wir das so und nicht anders.
Ich hab geträumt, dass unser Buch falsch gedruckt würde. Dass W. uns das Buch in die Hand drückt und dann ist es ein foliiertes Softcover, Klebebindung, bunt von oben bis unten mit Worten anderer Leute darüber bedruckt.
In meinem Traum ist die soziale Awkwardness der Realität drin und es genauso unangenehm. W. lächelt uns an, denkt, wir wollten das vielleicht doch so haben und wir wissen nicht, was wir jetzt machen sollen. Lächeln oder Enttäuschung, Verwirrung, Abstoß ausdrücken.
Ich wache nicht mal davon auf, so wenig fremd ist das meiner Realität.
Auch nicht, als ich dann später zu einem ominösen Sportunterricht soll, aber da wird nur in fancy Sportkleidung abgehangen und ich vergesse ständig meine Sportsachen. Und dann nehme ich mir eine Hose vom Zaun, die eine Umstandshose ist und sie passt mir. Der Abnerv um meinen Stressspeck – sogar der ist zu normal um aufzuwachen. Ich entscheide mich gegen den Speckhass. Mein Speck ist okay, was mich nervt ist meine Unbeweglichkeit. Und dagegen können wir ja was machen. Auch ein normaler Alltagsgedanke.
Später ist da, wo der Sportunterricht sein soll, irgendeine Berühmtheit, die trans ist und zu trans Leuten spricht und alle sind ganz aufgeregt und ich schleiche durch das Haus, das vorne in einer Großstadt und hinten auf einer texanischen Ranch mit bunten Klofliesen und stylischer Gartenbeleuchtung ist, um ein Versteck für mich zu suchen, denn niemand weiß, dass ich nicht binär und damit auch unter den Schirm des Transbegriffs passe.
Das ist dann aber doch far too alltagsfern.
Ich merke, dass ich träume, bin aber auch neugierig auf die Berühmtheit und was sie wohl so erzählt. Ich bin in dem bunte Fliesen-Klo als die Berühmtheit reinkommt und im Schlepptau viele Leute hat. Da bin ich still und mach mich unsichtbar, höre zu und bin enttäuscht, weil die Berühmtheit nur sagt: Glaub an dich selbst, born this way blablabla
Ich denke, dass ich hier nicht heulen will.
Ich entscheide aufzuwachen und als ich wach bin, will ich mich damit trösten, dass ich ja träume und entscheiden könnte zu fliegen.
Als ich in den Abend mit seiner lauen Luft hinaustrete, fällt es mir auf. Das jetzt ist ein Abend mit mir allein. Morgen, im Zug nach Frankfurt, zusammen mit vielen Fremden, bin ich allein.
Jetzt bin ich schon müde, morgen früh werd ich es noch sein, morgen abend wieder. Ich habe Zeit für mich und doch nur Müdigkeit zwischen Auge und Lid.
Die ganze Woche war ich unter Strom. Gleichstrom in der Schule, Wechselstrom wann immer nötig. Oder, abgenötigt. In der Therapiestunde war es um Strom gegangen. Der früher. Damals. Früher. Vielleicht so weit in der Vergangenheit, dass das Ereignis vom Lauf der Dinge längst kleingemahlen und versandet ist. Wer weiß das schon. Mir ist das nicht passiert. Damals.
Heute ist mir das passiert. Montagabend. Mein Körper, der mich einmal mehr verriet, dem es egal ist, was ich denke, will und wünsche, der reagierte einfach. Wie früher, wie immer, wie logisch nachvollziehbar, wenn man versteht, worauf er sich bezieht.
Als ich nach Hause kam, war NakNak* da und das durchschießende Zucken im Arm wurde zu einem kaum greifbaren Simmern am Knochen entlang. Ich aß, trank, kroch unter die schwere Decke, stellt mir vor, aus unruhigen Träumen als Pflanze mit Wurzeln bis 20.000 Meilen unter dem Meer zu erwachen. Geerdet.
Aufgewacht war ich aber flirrig. Wach wach überwach mit schweren Gliedern und blindem Geist. Reaktiv. Im Hyperarousel ab dem ersten Augenaufschlag.
Für die Schule war das gut. Nicht denken, – machen, das wird einfach mehr belohnt. Die Druckfahne von „aufgeschrieben“ ist jetzt endgültig bei der Druckerei. Frei_gegeben. Ab jetzt geht nichts mehr. Außer da dadurch. Mit dem Arsch auf Grundeis. Gut, wenn man nicht alles von dem mitkriegt, was es macht. Dieses mutig sein.
Zu Hause ist es still und kühl. Die Heizung ist schon wieder kaputt. Aus der Therme tropft Wasser, für die Vermietergesellschaft ist das noch kein Notfall. Dass mir kalt wird, ist und bleibt. Dass ich so nicht allein sein sollte, mit mir, dem Strom und dem, was ich denken könnte, weil die Erinnerung gerade da ist wie ein Neugeborenes- nackt, hilflos, ein Bündel voller Bedürfnisse, die weder Aufschub erlauben, noch Zeit zum Verstehen lassen – das hat keinen Platz.
Ich hatte keine Zeit etwas aufzuschreiben. Keine Haut für mich selbst. Immer war da jemand oder etwas. Jetzt bin ich allein, jetzt schreibe ich Dinge auf. Jetzt müsste jemand da sein.
“So etwas wie ‘Multitasking’ gibt es nicht.” Sie beobachtet den Blutstropfen, der mir aus einer kleinen Punktionswunde am Daumen quillt und macht mir den Blick schwanken. Schwink schwank.
Ich koche. Beziehungsweise nenne ich es ‘kochen’, aber in Wahrheit mache ich mir nur etwas zu essen. Einen Eimer Salat, einen Trog Blumenkohlauflauf. Dazu den Schmusierest aus der Kanne. Einmal wie immer, wenn es gut werden soll. Nächste Woche.
Neuer Stundenplan, die Therapeutin ist wieder da. Unübersichtlich viele Dinge für die Schule zu tun. Zu schaffen.
“Es gibt nur ‘effiziente Reihenfolgen’.”
Ich hab sie genau vor mir. Groß, schlank, straff. Ein hoher Kragen umringt ihren Hals, ihre Haltung ist klar und gerade. Sie ist nicht Fräulein Rottenmaier, aber irgendwie doch.
“Und was du da treibst, ist NICHT effizient.”
Den Daumen im angesüllerten Taschentuch schiebe ich das Hundefutterfleisch aus dem Schwappbereich des schon laufenden Wasserkochers, verschiebe damit das Schneidbrett und die Auflaufform. Ein Stück Gurke kullert auf den Küchenboden. Semiclean, aber noch nicht geeignet für eine Antibiotikaanzucht. Kriegt NakNak* halt auch noch ein paar pflanzliche Fasern. Wieder was vermultitaskt. Ha!
Ich vergesse den Auflauf zu würzen, angle die Plastikdose für die Fleischreste aus der Spüle, spüre sie wie etwas, das mir aus dem Mageninneren nach außen boxt. Der Daumenstich tut noch weh, blutet aber nicht mehr. NakNak* schmatzt und schiebt ihren Napf durch den Flur. Ich schneide das Gemüse, genieße die Symmetrie der Schnitte, den Geruch der Tomategurkefrühlingszwiebel-Koblauchrest-Mischung. Bin hungrig und eigentlich schon längst satt.
Dann bin ich fertig und auf der Arbeitsplatte steht nur noch die große orange Schüssel mit dem Salat drin.
Alles andere ist weggeräumt, abgewaschen, saubergemacht. Von ihr nehme ich an, weiß es aber nicht. Finde es auch nicht wichtig. Nur beklemmend. Wie sie mir Zeit und Raum klaut, während ich etwas tue, das ist doch scheiße.
Und dann die Stille. Mit der bin ich alleine. Natürlich.
Das darf ich ganz für mich haben. Dieses Nichts, in dem ich und das Essen allein miteinander sind und ich mir doch lieber aus der Haut fahren will. Mit dem Radio auf voller Lautstärke, offenen Fenstern und Windgeschwindkeitsgeräuschen auf beiden Ohren.
“Führerschein machen” schreib ich mir auf, als ich und andere ein PC-Spiel spielend, das Handy checken und durch das Salatkrachen im Mund einen Podcast zu hören versuchen.
Es gab Reibekuchen. Das Reiberaspelding steht neben der Spüle. Bereit abgewaschen und wieder in die letzte Ecke gestellt zu werden. Weit weg. Aus dem Blick. Aus dem Sinn.
Als meine Narben noch hart waren, hatte ich beim Rüberstreichen manchmal gedacht, dass ich sie mal als Reiberaspel benutzen könnte. Oder als Waschbrett. Waschbrettbauch, Waschbrettarme, Wäsche würde nie ein Problem für mich sein.
Heute sitze ich in der Küche und denke darüber nach, ob ich mir den Traumascheiß runterratschen könnte, wie das Außen einer Karotte.
Wir sind seit mehr als einer Woche zu Hause. Alleine. Wir haben zu oft weder gesprochen, noch in Worten gedacht. Nicht mal beim Schreiben ehrlich gesagt.
Es tut uns nicht gut. Nicht so. Das alleinsam sein, obwohl man in der Schule sein oder wenigstens etwas für die Schule tun müsste. Wir würden mehr für die Schule machen, müssten wir nicht mehr dahin. Komisch, aber isso.
Heute sind wir in der Schule verabredet, um zur Schule zu gehen, aber keine Schule zu haben. Nur lernen. Keine Schule. Das geht. Glaub ich. Die Starre ist noch nicht wieder da. Ich habe keine Angst, fühle mich nur bedrängt. Unsicher, weil ich nicht weiß, was ich erwarten kann. Neben dem, was ich erwarten muss und mir schon beim Gedanken daran die Überforderungsübelkeit in den Bauch rauschen lässt.
Hätt ich eine Mutti würd ich sie fragen, ob sie mit mir kommt. Mir die Hand hält, mir das Gefühl gibt sicher zu sein. Ganz generisch. Hab ich aber nicht. Nicht mehr und eh nie so. Wär meine Mutter hier, wüsste von all dem, sie würde sagen “Nu komm.” oder “Nu mach” und ihren Kopf in einer vagen Bewegung durch die Luft schwenken wie so ein Weihrauchdings in der katholischen Kirche.
Ich weiß nicht mal wovor ich Angst habe. Niemand da sieht mich so jung und nichtig, hilflos, ohnmächtig, wie ich mich fühle. Sie sehen mich als Erwachsene und gehen entsprechend mit mir um. Sie wissen nicht, dass sie mich damit überfordern. Nicht, weil ich in Wahrheit ein Kind bin, sondern weil mich von einem Kind in vielen Dingen nur das Alter unterscheidet.
Wie oft habe ich mich früher nach solchen Schulverquerungen verletzt, um mich selbst davon zu überzeugen, wie wirklich schwach, verletzbar, grundfest unsicher ich tatsächlich bin. Wie wirklich unerträglich die Dissonanz, die Inkongruenz zwischen dem ist, wie ich auf andere Menschen wirke und dem, wie ich bin.
Komisch, wie ich heute vor allem diese Gefühle von Verletzlichkeit und profunder Eigentlichgarnichtsicherheit aus mir rausschneiden will.
9 Uhr 22. Der Heizungsmensch war da. Die Wohnung wird wieder warm.
In einer halben Stunde muss ich los.
Die Reibe bleibt wo sie ist.