unterwegs #9, Tourende mit Erkältung

Am Morgen des letzten Tages wachen wir mit Halsschmerzen, diesigem Kopf und Schmerzen auf.
Ungewöhnlich daran sind für uns nur die Halsschmerzen. Und die können ja viele Ursachen haben. Schnarchen zum Beispiel.

Wir machen langsam, aber voran. Wollen heute Nachmittag bei J. ankommen, Kaffee trinken, quatschen, Spaß haben.

Keine 2 Stunden später fühle ich mich richtig schlecht. Da bin ich schon 20 Kilometer aus Lüneburg raus und damit auch aus der Zivilisation, die mein Alltag ist. Es gibt keine Geschäfte mehr außer Gasthöfe, Pensionen und Restaurants und keine Bahnhöfe. Der Bus fährt einmal in der Stunde, wenn überhaupt. Es gibt Mitfahrbänke, aber mit dem Rad und dem, was wir nun als Erkältung identifiziert haben, wollen wir nicht darauf setzen, dass uns jemand mitnimmt.

Wir sagen J. Bescheid, fahren weiter. Denken, dass sich schon eine Möglichkeit ergeben wird. Wir finden sicher einen Bahnhof irgendwo. Und wenn wir bis nach Soltau müssen. Wir fahren weiter. Schieben zwischendurch. Setzen uns alle paar Kilometer hin.

Zwischendurch zeigt unser Fahrradcomputer, dass wir 2000 km gefahren sind, seit wir ihn haben. Also knapp ein Jahr. Um uns herum blühen Kartoffeln, es ist schwül. Wir frösteln.

In Sodersdorf gibt es keinen Bahnhof mehr. In dem Haus wohnt jetzt jemand mit einem Kater, der Robin heißt und seinen kleinen Kopf in unsere Hand schmust.
Was es in Sodersdorf noch gibt, ist eine Ausgrabungsstätte. Zwei Gräber und Grabmale aus der sogenannten Vorzeit, die wir uns anschauen und bestaunen.

Es ist doch bemerkenswert, dass, was diese Menschen hinterlassen haben, der Ausdruck ihrer Verehrung oder mindestens Wertschätzung ihrer Verstorbenen ist. Und nicht eine Schicht Plastik, ein zerstörtes Weltklima und tausende ausgerottete Arten, als Ergebnis der Habgier, Bequemlichkeit und Überheblichkeit, die unsere Epoche prägen.

Die Zeit vergeht. Wir rollschieben uns bis Soltau und wollen dann auch nichts weiter als liegen, warten, schlafen.
Es kommt ein Zug, wir fahren bis Hannover, von dort aus zu J.
Am Zielbahnhof finden wir eine schwarze Ledermappe am Wartehäuschen. Sie gehört wohl jemandem im Ort, ein DB-Häuschen gibt es hier nicht. Wir nehmen sie mit. Vielleicht kennt J. die Adresse.

Der Rest ist ankommen, ruhen, Schmerzmittel und spüren, wie sich der Rotz seinen Weg nach draußen sucht.

J. trägt die Mappe weg, bringt Essen mit.
Wir gehen bald ins Bett.

Es ist nicht das Tourende, das wir uns gewünscht haben, aber doch der beste Zeitpunkt, um auf einer Radtour krank zu werden.

unterwegs #8, glückliche Zufälle

Heute morgen war die Routine drin. Heringe raus, Ecken aufeinander, klapp klapp und einrollen – fertig ist das perfekte kleine Zeltröllchen.

Ein kleiner Frosch klettert über unsere Sachen, als wir mit dem Morgenkaffee in der Hand auf der Zeltwiese sitzen. Die Sonne geht auf und verbreitet eine Ahnung von Wärme.

Kurz bevor wir losfahren, treffen wir eine Person, die uns fragt, wo es hingeht und, wo es herkam. „Ja ja un‘ wenn mans eenamol anfangt da kann man nett mea aeufhöre, gä?“. Recht hat sie. Es hat uns, das unterwegs sein, aber froh sind wir doch nur noch heute und morgen zu fahren.

Wir beginnen den Tag mit Gegenwind und trotz schöner Streckenführung am Trave-Elbe-Kanal und später an der Elbe selbst lang, müssen wir uns heute sehr motivieren.

Vor Fredendorf oder so ähnlich zieht sich eine Baustelle vom Straßenunterhaltungsdienst. Am Ende einer Reihe von Witzen dazu, ist auch die Absperrung zu Ende und wir sehen eine wunderschöne Collie-Mix-Hündin auf der anderen Straßenseite.

Sie sieht uns. Und kommt auf uns zu. Während ein roter Laster auf die Straße kommt.

Wir gehen in die Eisen, halten uns die Ohren zu und drücken die Augenlider so fest es geht runter.

Nichts passiert. Der Laster passiert, das nächste Auto stoppt. Die Hündin tänzelt fröhlich schwanzwedelnd auf uns zu.

Mir ist schlecht und schwindelig. Wir lassen das Tier nicht mehr los. Es hat keine Marke am Halsband, an dem wir zwei unserer Spannhakendinger befestigen, um sie anzuleinen.

Wir laufen, das Fahrrad und den fröhlichen Hund balancierend, die Straße rauf und finden einen Bioladen. Die Verkäuferin kennt die Hündin nicht. Die völlig perplexe Besitzerin, die zufällig gerade dort einkauft, aber schon.

„Das ist unser Hund – ich dacht grad schon ‚Hm sieht ja aus wie unser Hund‘ – Was machst du denn für Quatsch – Oh man wie ist das denn passiert – G’tt sei dank waren sie da! – Danke – Ich bring sie zurück -Was machst du denn?“.

Wir schauen der auffordernd bellenden Hündin und ihrem aufgelösten Menschen nach. Haken die Spanngurte wieder ein, trinken was, übergeben uns 5 Minuten später in das frisch von der Straßenunterhaltung gemähte Restgras neben dem Radweg. Hätte wäre würde wenn – wer weiß, was genau das Glück in der Situation war.

Wir gurken weiter dem Wind entgegen, machen Pause auf einem Rastplatz auf dem vor dem Eichenprozessionsspinner gewarnt wird. Da kommt es mir schon vor, als wäre das Ding mit dem Hund an der Bundesstraße schon Tage her. Bilaterale Stimulation, Baby!

An der Stelle wo Elbe und Kanal sich trennen, gibt es eine Brücke. Das nächste Mal wird mir schlecht und diesmal bin ich schon zu müde für Selbstprüfungstricks, wie der mit der Aufnahme auf der Fehmarnbrücke.

Ich mache zwei Fotos, wo es mir noch sicher vorkommt und dann brettere ich mit 20 km/h und Tunnelblick drüber. Kotzen muss ich nicht nochmal, aber würds mir jemand anbieten, würd ichs nehmen.

Auf dem Deich an der Elbe entlang fahrend, erspähen wir einen Adler. Vermutlich ein Fischadler, aber leider nicht sicher.

Bald ist Lüneburg, bald ist Lüneburg, bald ist Lüneburg.

Von Weitem sehen wir dann die Schleuse. Es ist eine gigantische Schleuse. Die größte, die wir bisher gesehen haben. Es ist das Lüneburger Schiffshebewerk und gerade nimmt ein langer Frachtkahn Kurs auf die Einfahrt.

Es ist also nicht nur die größte Schleuse, die wir je gesehen haben, sie schleust auch noch gerade – auch etwas, was wir noch nie gesehen haben.

Wir beobachten zusammen mit einem netten Menschen aus Süddeutschland wie der Kahn reinfährt und zwei kleine Freizeitboote dazu kommen. Zuletzt fährt noch ein kleines Arbeitsboot hinein, das bereits parallel zum Eingang parken muss.

Da höre ich etwas hinter mir. Einen laufenden Motor. Als ich mich umdrehe, sehe ich ein Bild, wie in einem Film: Ein riesiger Reisebus mit beige-grauer Mitfahrer_innengruppe darin. Vorne neben dem Busfahrer spricht eine Person in ein Mikrophon und als die Schleuse hochfährt, fährt auch der Bus näher dran, damit auch alle Insass_innen etwas sehen können.

Logisch: Wenn das Leben seine besten Aspekte zeigt, dann muss man auch richtig hingucken.

Der Rest des Weges ist nun ein Klacks. Das ganze Happyadrenalin der Innenkinder~jugendlichen flasht so rein, dass wir keine Stunde später durch Lüneburg durch sind und beim Campingplatz ankommen.

Zelt zack, Dusche zack, Pommes und Malzbier kaufen zack.

Was für ein Tag.

Zack zack ins Bettchen.

unterwegs #7, Ostseehundesommertag

Zwischen 10 und 11 soll es regnen auf Fehmarn, deshalb bauen wir schnell ab und schauen, wann wir den Zug nach Lensahn nehmen. So richtig gut passen die Zeiten alle nicht und J. , der uns heute und morgen auf der Tour besucht, weiß auch nicht richtig, wann er in Grömitz ist. Dort wollen wir uns treffen. Mit den Hunden an den Hundestrand, Wäsche waschen, essen, quatschen, Zeit zusammen verbingen.

Wir stoßen auf einen Hinweis der „Meereswelten“ in Burg auf Fehmarn. In der Annahme eines Museums fahren wir dort hin. Drinnen stellt sich heraus, dass es mehrere Aquarien mit Korallen und Fischen sind. Also eine „eingesperrte Tiere“-Sache, wofür wir kein Geld mehr geben wollen.

Tja und jetzt hattens wirs doch gemacht und dann haben wir aber auch wirklich jede Infotafel gelesen. Wer keine Monologe mag, umschifft also nächstens besser alles rund um Korallen, Korallenriffe, diverse Fische, Muscheln und Haie. Ein paar Videos haben wir auch gemacht. Beeindruckend bis krasd ist es dann eben doch. Nicht nur, weil es Gefangenschaft ist, von der alle* wissen, aber völlig gechillt damit sind.

In Burg ist Remmidemmi mit Karussell und Rammtammtamm. Wir kaufen einen Pin in Fehmarnform und eine Postkarte für C. Und dann verschwinden wir schnellstmöglich, um den Zug sicher zu erreichen.

Die Eile hätten wir uns sparen können, denn 2 Stunden lang kommt keiner der Züge, die angekündigt sind. Die_r Bahnmitarbeiter_in von der Hotline weiß von nix, der erste Schienenersatzverkehrbusfahrer erzählt uns Quatsch und die Person, die mit kleinem Kind nach Hamburg will und die Reservierung wie eine Bibel umklammert, schäumt vor hilfloser Wut.

Den nächsten Schienenersatzverkehrbusfahrer fragen wir noch einmal. Der nimmt uns dann mit aufs Festland und auch bis nach Lensahn. Auf der Brücke filmen wir aus dem Fenster, während wir unser Rad, das in dem nicht für den Radtranfer ausgestatteten Bus umherschlackert festhalten. Wenn schon, denn schon.

In Lensahn treffen wir J. und einmal mehr wird jetzt alles ganz einfach.

Hunde knutschen, Rad in den Bulli. Klapp klapp brumm und ab dafür.

Wir fahren zum Campingplatz, kaufen ein, gehen mit den Hunden zum Strand. Machen Fotos und beobachten Möwen bis uns ein Schauer ins Auto scheucht.

Wieder am Platz ist die Wäsche fertig, die Hunde- und Menschenspeisung fällig. Wir reden und lachen bis in die Nacht und begehen J.’s Initiation als waschechte_n Hundehalter_in damit, dass die noch klammen Hunde bei ihm im Bulli, umringt von unseren trocknenden Klamotten, schlafen.

Am Morgen erzählt er uns dann wie breit sich zwei Hunde machen können, die gleichzeitig träumen und auch sonst herzlich wenig Interesse an seinem Schlafkomfort haben.

Wir schlurcheln in den Tag. Fahren erst Mittags nach Grömitz an den Hundestrand, holen uns dort einen Sonnenbrand und das Moment der Freude, als die Hunde zwischen uns, die wir beidalle bis zu den Knien in der Ostsee stehen, hin- und her laufen.

Wir essen Asiatisches zu Mittag und stellen fest, dass es schon Nachmittag ist. J. muss morgen arbeiten, wir wollen allein zu ihm fahren. Er setzt uns in Lübeck ab und fährt weiter.

Wir liegen jetzt im Zelt und haben noch keinen Jubel gehört. Die WM scheint wohl nicht so toll für die deutsche Mannschaft zu starten.

Morgen geht’s Richtung Lüneburg, soweit wie es geht runter. Das hier ist unsere vorletzte Nacht.

Wir sind glücklich und unsere Hände riechen nach Ostseehundesommertag.

unterwegs #6, Klackerkracks und Dötschäpfel, dazwischen die Fehmarnbrücke

Von Dersau, wo wir geschlafen haben, bis nach Altenteil auf Fehmarn, sind es wieder einige Stunden Fahrt.

Einige davon über Stock und Stein, öfter müssen wir schieben. Dann, 6 km von Lütjendorf und 20 km vor Oldenburg i. H. kommen plötzlich klackerkracksende Geräusche aus der Kettengegend. Eine grobe Reinigung bringt nichts, auf Sicht kann ich nur den Umwerfer als mögliche Quelle deuten.

Ich frage eine Person, die jetzt um halb 11 unter der Ballersonne im Hemd eine Pflasterarbeit in der Hauseinfahrt macht, ob sie weiß, wo die nächste Fahrradwerkstatt ist. Oder Internet.

Dem Menschen rinnt der Schweiß vom Kinn und trotzdem erklärt er uns den Weg zu einer Werkstatt in Lütjendorf. Das gar nicht auf unserem Weg liegt. Oldenburg liegt auf dem Weg. Ist aber weiter weg.

Wir beschließen, dass es nichts Dramatisches ist und fahren Richtung Oldenburg weiter. Begleitet vom Klackerkracksen hoppeln wir über das, was mal ein Radweg war und kommen an einer offenen Autowerkstatt vorbei.

Mit der Frage wie groß der Unterschied zwischen Auto und Fahrrad denn schon sein kann, rollen wir rein und fragen die beiden jungen Monteur_innen: „Könnt ihr auch ein bisschen Fahrrad?“

Einer kann. Und mit einem beherzten Ruck sitzt der Umwerfer auch wieder da, wo er hingehört. Bezahlen soll ich nix, aber ruhig weitererzählen, dass sie auch ein bisschen Fahrrad können.

Beseelt strampeln wir weiter nach Oldenburg. Machen Pause in einem Durchgang, hören ein weiteres Leben von Käpt’n Blaubär an. Fahren weiter. Fühlen uns frei.

Sind so bewusst scheiße geil privilegiert, obwohl wir inzwischen stinken wie hydrophobe Teenager und aussehen, wie der letzte Schluffschlumpf. Alles egal. Wir sind da und es gibt nichts anderes als das, was jetzt gerade ist.

Bis wir vor der Fehmarnbrücke stehen und die Fähre nicht finden.

Wir haben eine merkwürdige Wasserhöhenangst. Deshalb ist Fähre fahren oder Brücken überqueren ein echtes Ding für uns. Wir fahren lieber mit der Fähre oder einem Boot, weil dann unserem potentiellen Ertrinken nicht auch noch ein schmerzhafter Aufprall vorangeht.

Und dann ist alles was uns da bleibt ein Betriebsweg von etwa 1 Meter Breite oder umkehren. Folgerichtig wackeln wir den Betriebsweg hoch. Sprechen eine Audiodatei voll, um ein potenzielles Angsterstarren selber früh zu merken. Schlimmer als drüber müssen ist nämlich, drauf zu stehen und nicht wieder wegzukommen. Alles schon gehabt. Nicht cool.

Wir kommen drüber, machen sogar 3 Fotos, als wir auf entgegen kommende Radler_innen warten müssen. Kein Blick runter. Immer hübsch am Horizont mit den Augen la li la.

Die Aufregung hat Kraft gekostet. Ab jetzt verfahren wir uns dank der Komoot-App, die uns einen veralteten Weg zeigt und schauen alle 10 Minuten auf die Karte, wie weit es denn noch ist. Es ist noch sehr weit. Aber der Campingplatz ist wunderbar. Sauber, strukturiert, Internet stabil.

Die Nachbarn schauen Fußball, ihre Hunde bellen einander ab und zu an. Wir steigen in den Badeanzug und baden zum ersten Mal auf der gesamten Tour. Der Strand ist bis auf einen Fliegenfischer menschenleer. Wir machen ein Foto, das definitiv einen Platz in unserem Leben bekommt.

Wir essen ausgewogene und vitaminreiche Chips zu den Dötschäpfeln aus der Packtasche und schlafen mit dem Abpfiff ein.

unterwegs #5, unplattbar, ächtz und Sonnenaufgang am Plöner See

Am Morgen beobachten wir, wie die Sonne aus der Ostsee klettert und hören den letzten Sätzen von Christine Thürmer’s „Laufen, Essen, Schlafen“ zu.

Sie ist Langstreckenwanderin und beschreibt in dem Buch ihre Erfahrungen auf den 3 großen Wanderwegen der USA. Mann, wie gerne wir das auch machen würden!

Zwei Stunden später frage ich mich, wieso wir uns diese Langenstreckenradwanderung antun. Irgendwie geht es nicht voran, wir haben Gegenwind, die Sonne knallt schon um 10 Uhr morgens und was ist das für ein krasser Hunger keine zwei Stunden nach dem Frühstück?!

Von Pommerby bis Kappeln haben wir eine Stunde gebraucht und an einer Ampel fällt mir auch auf wieso. Der Hinterreifen verliert Luft.

Ausgerechnet der Hinterreifen. Seit wir unser High-Tech-Kettenschaltungsrad haben, hab ich Schiss vor diesem Moment. Denn dort habe ich noch nie was allein repariert. Ich schaue mich nochmal um und entdecke ein Schild. „TÜV Nord“ und daneben etwas kleiner „ab 2018 Fahrradwerkstatt“.

Zing.

Doppelzing, als sich herausstellt, dass wir einen etwa 3cm langen, 2cm dicken Holzspan/Dorn in der Reifendecke haben, die durch die intensive Nutzung seit ihrem Kauf insgesamt schon sehr mürbe ist. Wir kaufen einen „unplattbar“-Mantel und beobachten den Monteur bei seiner Arbeit.

Als wir weiterfahren wird es unbarmherzig Mittag. Die Sonne brennt, der kühle Gegenwind lindert kaum. Wir quälen uns bis Eckernförde und haben dann wirklich keine Lust mehr auf Buckelpisten, ständige Umwege durch verlorenes GPS-Signal und Gegenwind. Mit der nächsten Regionalbahn fahren wir bis Kiel.

Das Getümmel dort frisst sofort an unserer Konsistenz und ich merke richtig, wie sich die Rosenblätter, die ich die ganze Zeit mehr oder weniger peripher am Rand schwimmen habe, vor mein Blickfeld schieben.

Sie manövrieren uns aus Kiel raus und verlieren sich bald wieder irgendwo im Wind auf meiner Haut.

Dann halten wir einfach nur noch durch. Die Strecke führt an einer Bundesstraße lang, der Krach nervt. Zwischendurch müssen wir auf der Landstraße fahren und überlegen währenddessen, ob unser „Wie wir beerdigt werden wollen“- Zettel im Fall des Falls pünktlich gefunden werden würde. Und ob unsere Familie sich daran halten würde. Den Notar für ein Testament, konnten wir uns nämlich immernoch nicht leisten.

Jedenfalls kann ich endlich lesen, wie der Ort heißt, an dem unser Weg zum Campingplatz kreuzt: Ascheberg

Aha. Hier haben wir auch mal gewohnt. Katsching. Als wir durchfahren, erkennen wir nichts wieder. Wie auch, die Einrichtung lag damals ganz am Rand der Stadt.Vermutlich fahren wir morgen daran vorbei. Vielleicht.

Sollen wir mal hingehen? Reingucken und Hallo sagen? Gucken, ob die Bewohner_innen noch da sind? Ob die Leiterin noch da ist? Das ist alles 16 Jahre her. Hm. Wir lassen es offen und konzentrieren uns auf den Muskelkrampf im Oberschenkel und die Erschöpfung unter der Haut. Scheiß auf den Stocksee, wir nehmen den Plöner See, der ist hier und hat auch Campingplätze.

Wir checken ein, fressen Pommes und Gemüseschnitzel vom Imbiss, bedecken dieses Menü mit Oreokeksen und einem Gemisch aus Kalium, Calcium und Magnesium, kuscheln uns in den Schlafsack und schlafen ein. Es ist 19 Uhr und beginnt zu regnen.

Um 4.44 Uhr weiß ich wieder, wieso wir uns diese Touren geben.

Wir duschen, frühstücken, packen. Fahren gleich los Richtung Fehmarn. Ohne Abstecher in die Einrichtung.

unterwegs #4, Kinder, Lehrer_innen, für immer unterwegs sein wollen

Und dann ist der letzte Inselmorgen. Wir packen, frühstücken und googlen die nächsten Versorgungspunkte.

Wir haben Sonnenbrand auf den Lippen und befühlen ihn zwischen Erstaunen und Faszination.

Als wir am Kaffee aufwachen, hören wir ein Kind im Waschhaus. Es ruft seine Mutter, doch auch nach dem dritten Ruf bekommt es keine Antwort. Mama ist irgendwo auf dem Platz und versorgt das Geschwist.

Aus dem Rufen wird ein Weinen und aus dem „Mama“ eine lange Vokalkette, dessen Ende in unser Inmitten sticht. Wir stehen auf und gehen hin. Der kleine Otto steht da in nassen Hosen, mit den nackten Füßen in einer Pfütze und hält sich an der offenen Klotür fest.

Ich merke wie mir Federn aus der Haut stechen und alles merkwürdig wird. Wie ich oder etwas, das mir vertrautfremd ist, mich vor ihn hockt und fragt, ob wir ihm vielleicht helfen sollen. Er nickt und atmet und starrt uns aus großen Augen an.

Wir helfen ihm aus der Hose und geben ihm Papiertücher zum Aufwischen, während wir die Sachen durchspülen. Zufrieden, mit seiner Saubermacharbeit, läuft er zur Hochform auf, als wir ihn fragen, ob er weiß, wo sie geschlafen haben. Seine Eltern sind bestimmt auch dort.

Als wir nacheinander zu ihrem Platz gehen, denke ich, dass die Klos hier viel zu hoch sind für Otto. Besonders, wenn es dringend ist. Aber vielleicht hat er auch nur den Weg zu den Kinderklos vergessen? Ich hab keine gesehen.

Für Otto ist die Welt wieder ok, als er bei Mama ist. Diese dankt mir und sagt, sie hätte sich das Unglück schon gedacht. Wir fragen sie nicht, wieso sie ihm dann denn nicht gleich geholfen hat. Was wissen wir denn schon von ihrem Alltag oder dem, was diesem Moment vorangegangen war.

Aber wir merken uns das. Für später. Für die eigenen Kinder.

Wir frühstücken. Dann nieselt es. Dann windet es. Wir kriegen Geld zurück vom Platzbetreiber und kaufen uns davon einen Pin in der Form von Amrum. Für die Therapie und die Schule. Erbsenmomentanker aus dem echten Leben, baby.

Wir nehmen die Fähre um 5 nach 12 und schreiben dort unsere Inselpost. Das muss man verstehen – im Fährrestaurant hat es 20° und schöne Aussicht. Horst und Gisela aus dem schönen Schwaben machen das auch so, nur für eine riesige Verwandtschaft.

Auf dem Festland ist es wärmer. Hier ist es nur der Wind, der kalt und unangenehm ist. Wir fahren nach Süderlügum, wo unsere Schlafstelle auf dem Gelände eines Jugendheimes ist. Wieder finden wir kein Schild, wieder gibt es keinen Hinweis auf die Initiative „Wildes Schleswig Holstein“.

Aber eine Schulklasse treffen wir, die mit zwei Lehrer_innen ihre Klassenfahrt hier machen. Für sie ist es kein Problem, wir sprechen uns ab und bauen unser Zelt in strategischer Entfernung zu den Zimmern der 13 bis 15 jährigen Krawallquellen.

Wir essen zusammen Abendbrot und tauschen uns über die aktuelle Realität von Inklusion und Lehrer_innenalltag aus. Und wieder denken wir darüber nach, vielleicht doch irgendwas Soziales zu studieren oder zu lernen.

Wir sind kein gefühlskalter Roboter, der alles hübsch kontrolliert haben muss oder Gefühle anderer Menschen für abstoßend hält. Es ist nicht das, was wir meinen, wenn wir sagen, dass der Autismus uns diese Art des Berufs sehr erschweren würde.

Es ist nur so, dass wir an den Strukturen zerbrechen würden, in denen Menschen, die mit und an Menschen überwiegend arbeiten müssen. Weil wir gute und richtige Arbeit machen wollen.

Später sitzen wir mit am Lagerfeuer und sprechen über dies und das und ich merke, dass Lehrer_in zu sein in keinem Fall ein sozialer Beruf ist, obwohl ein Großteil die soziale Auseinandersetzung mit den Schüler_innen ist. Mir kommen die beiden vor wie genau die Beamt_innen einer Leistungsbehörde, die sie sind. Trotz aller Herzenswärme und Einsatz für die Schüler_innen.

Am nächsten Morgen ist die Klasse bereits im Wald, um Bäume zu töten und sich das pädagogisch legitimieren zu lassen. Wir essen, nehmen uns Obst mit und fahren.

Und fahren. Und fahren. Und fahren.

Dann sind wir in Flensburg und kaufen ein. Sind traurig, dass wir nicht mehr Platz in den Packtaschen für all die dänischen Lakritzsüßigkeiten haben, die es hier gibt.

Dann frühmittagessen wir und suchen den Landeplatz für heute abend. Wir entscheiden uns für eine warme Dusche und bezahltes Internet, also steuern wir Pommerby an.

Hier ist es toll. Die Ostsee liegt genau am Campingplatz, das Mysterium um unsere dauernde Roaminganzeige im Handy wird gelöst. Das Internet hier hat keine Ahnung von der deutsch-dänischen Grenze.

Wir duschen, waschen ein paar Sachen, essen Süßigkeiten und lesen Emails. Der Sonnenbrand im Nacken hat eine braune Stelle hinterlassen, der auf der Nase ist im Stadium der Pelle.

Jetzt gehen wir zum Strand und machen Fotos. Morgen fahren wir zum Stocksee. Übermorgen nach Fehmarn. Jetzt ist die Phase, in der wir jeden Tag, für den Rest unseres Lebens unterwegs sein wollen.

unterwegs #3, Möwen, Verunsicherung und eine getötete Auster

„Möwen sind schon übertriebene Tiere.“, denke ich, als ich auf dem Dach des Platzhaupthauses drei Exemplare beobachte, die sich scheinbar anschreien vor Lachen.

Übertrieben ist auch der Temperatursturz. Heute zeigt das Thermometer 15°C – wir tragen sehr leichte Sommersportsachen. Das Zelt schlackert im Wind und weckt uns immer wieder mit seinem Plastikklatschgeräusch.

Dabei ist schlafen genau das, was wir heute brauchen. Ausruhen, liegen, Mineralien und Kraft tanken. Dass es zwischendurch immer wieder regnet macht dieses Vorhaben leichter.

Am Nachmittag bin ich so genervt von den Zeltgeräuschen, dass ich die Kühle draußen vorziehe. Wir packen eine Gurke und etwas Obst ein, füllen die Wasserflasche auf und laufen zum Strand. Es ist viertel 3, als wir starten und halb 8 als wir in Norddorf ankommen. Müde, hungrig und inzwischen ziemlich verfroren.

Wir warten auf den Bus, fahren zum Platz, essen und gehen schlafen.

Niemand spricht mit uns mehr als „Moin“. Der Kellner auf der Fähre war der Letzte, zu dem wir etwas gesagt haben.

Heute, am Montag, denke ich darüber nach, morgen kurz nach Hause zu fahren. Das Zelt nervt so sehr, dass andere Dinge wie Kälte, Wind, lange warten bis das Wasser kocht und das, durch die Stille in uns viel leichter hochkommende Innen, schwerer zu managen sind.

Ich werde unsicher, ob das alles jemals aufhören wird. Kann mich denn nicht einmal ein Zelt einfach nur nerven? Muss denn immer irgendwie auch gleich alles andere schlimm bis unaushaltbar werden, nur, weil eine Sache komisch guckt oder nervt?

Ich will nicht weiter darüber nachdenken. Ich will denken: Ich kriege das hin. Alles.

Weil ich mir nicht genug glaube, bitte ich die Therapeutin uns anzurufen. Ich will sie bitten mir das zu bestätigen. Dann geht’s meistens.

Wir fahren nach Wittdün, finden nur Touristenquatsch für den man bezahlen muss. Dann fahren wir nach Nebel und fahren von dort aus an den Salzwiesen vorbei bis nach Norddorf. Es windet. Uns ist kalt. Die Bewegung hilft.

Wir fahren so weit wie es geht nach Norden und laufen dann bis zur Nordspitze. Das Vögelgekreisch, der Wind, das Pickeln und Pieksen der Muschelschalen an den Füßen, alles wärmt uns auf und gibt uns das Gefühl, okay hier und jetzt zu sein, so wie wir sind.

Halb 6 beginnt die Wattwanderung, für die wir uns dann doch noch entschieden haben. Wir lauschen, fragen, erleben. Haben einen sehr veganen Moment, als wir dem Mann, der bereit ist eine frisch geöffnete Auster zu essen, sagen, dass er jetzt ein lebendes Tier essen wird. Und als wir in die giggelnde Runde sagen, dass wir ja froh sein können, dass man dieses Tier nicht schreien hört.

Ich finde es abstoßend. Alles an der Aktion erscheint mir barbarisch. Nicht, weil sie es tun oder geschehen lassen – das tue ich ja selbst auch bzw. würde es im Notfall wohl auch tun. Aber die Profanität des Tötens, die Legitimation – das schüttelt mich und triggert Erinnern im Innen. Diese Auster ist für Neugier gestorben – das kann doch nichts sein, womit man wirklich und ohne jeden Zweifel okay ist.

Wir entfernen uns von der Gruppe. Essen Seespargel und Seesalat. Beobachten Seeschnecken und Möwen. Fusseln mit Schlick bis der Wattführer die Runde für beendet erklärt.

Jetzt sitzen wir am Haupthaus des Campingplatzes, tippen diesen Text, haben ein warmes Gesicht und die Versicherung unserer Therapeutin, dass wir das alles schaffen.

Die Fähre nach Dagebüll geht um kurz nach 3. Genug Zeit für Inselpost und einen ersten letzten Kaffee in einem Touristenquatschcafé.

Die nächste Station ist Süderlügum. In ein paar Tagen kommt J. uns auf der Tour besuchen. Darauf freue ich mich schon jetzt.

Und auf wärmere Temperaturen. Darauf auch.

unterwegs #2, Soulfood

„Jaaa, aber das ist doch alles kein SOULFOOD“, sagt J. mit zusammengeknautschtem Gesicht, als ich ihm von unseren veganen Getreide- und Linsengerichten auf der Tour erzähle. Er möchte, dass es uns gut geht. Dass wir gut versorgt sind. Dass wir glücklich sind.

Als wir am Morgen im Husumer DM-Markt stehen und weitere drei Päckchen Cashewmilch greifen, denke ich an diesen Moment zurück.

Nach den Hafermilchdramen auf der letzten Tour, sind wir froh um diese kleinen Portionen. Glücklich, nicht auf unsere Morgenroutine aus Wasser, Milchkaffee und Haferbrei verzichten zu müssen.

Wenn wir Leuten davon erzählen, wie gern wir unterwegs sind, dann können sie das oft nicht mit uns verbinden: jeden Tag woanders sein, was anderes machen, was anderes essen, als sonst.

Für uns ist aber genau das ein Privileg. Vielleicht auch, weil wir es uns nachwievor im Alltag nicht erlauben ganz und gar so zu leben und zu sein, wie wir es wollen und brauchen.

Wir würden sehr gerne jeden Tag das Gleiche essen, anziehen, machen. Aber gegen die Angst, die intrusiven Empfindungen und Gedanken, die darauf folgen, kommen wir nachwievor nicht an.

Als wir später in der Tankstelle von Hattstedt ein Paket mit Quatsch, den wir mitgenommen haben, aber doch nicht brauchen können, aufgeben, quillt mir eine Erinnerung an ein Zeltlager hoch.

Eine Geburtstagskarte an meinen Vater, in dem auf der einen Seite mit gelbem Filzstift der Glückwunsch steht und auf der anderen Seite die Bitte darum abgeholt zu werden.

Das Zeltlager auf Poel mit den Falken. Mit dem Neptunfest, dessen Konzept wir bis heute weder verstehen, noch so witzig finden, dass man es dringend wiederholen muss.

Beim Neptunfest verkleiden sich alle meerisch als Fisch oder Krebs oder Meermensch oder so etwas. Dann sitzen alle am Strand und werden von Neptun „getauft“. Der Name wird ausgerufen und es wird erwartet, dass man wegrennt. Nicht, so wie wir, sich meldet. Denn man muss ein widerliches Getränk trinken und wird mehr oder weniger dazu gezwungen, weil „Neptuns Hescher“ eine_n festhalten.

Wir wurden damals „lahme Seekuh“ getauft und hatten durch die ganze Aktion jegliches Zutrauen, jeden Spaß, jeden Bezug zu dem Camp verloren. Die Karte zu schreiben, war ein Rettungsgesuch. Ich glaube nicht, dass es beantwortet wurde.

Jetzt, wo mir diese Kinder so nah sind merke ich die Alltagszwangschrauben, die ihnen noch chronisch akut – uns Rosenblättern jedoch dumpf latent im Fleisch stecken. Da ist kein Raum für Entspannung, für Versinken im Eigenen – für das Eigene, das Selbstsein. Da ist permanenter Druck sich offen, aufnahmefähig, kopfisch, physisch funktional zu halten. 24/7 Interaktionsdruck, ohne selbst etwas davon zu haben, geschweige denn zu verstehen, wozu genau das wichtig sein soll. Und obendrauf kommt die Gewalt, wenn die Erschöpfung schlicht nicht mehr zu unterdrücken ist.

Unterwegs auf dem Rad machen wir stundenlang nur eine Sache. Fahren. Wir hören keine Musik, keine Hörbücher, keine Podcasts. Nur das Rauschen des Gegenwinds und die Fahrgeräusche des Rads.

Wir fahren keine 6 Stunden am Stück, weil wir sportliche Höchstleistungen erbringen wollen oder uns keine Pausen gönnen. Wir sind 6 Stunden. Wir fühlen uns 6 Stunden. Wir kommunizieren mit uns 6 Stunden. Wir interagieren, wie wir das wollen 6 Stunden.

Im Alltag unter Menschen, die weder merken, noch wirklich glauben können, wie immer überfordernd ihr Normal für uns ist, haben wir niemals so eine freie Ecke für uns. Schon die Möglichkeit, dass es jederzeit klingeln könnte, jemand anrufen könnte, jemand etwas von uns wollen oder brauchen könnte – und sei sie noch klein! – vernichtet uns bereits die Option zu Hause diese Ecke zu haben.

Als der Regen am Morgen nachlässt fahren wir gerade aus Hattstedt raus auf einen Mitteldeich vor der Nordsee. Vorbei an Schafen und über ihre Kacke, fahren wir knapp 3 Stunden nach Dagebüll Hafen. Kaufen eine Fahrkarte für die Fähre, steigen auf.

Einer der Fährfahrer kommentiert meinen Sonnenbrand im Nacken, macht Späße mit uns, bis wir das Rad gut verstaut haben.

Ich bin froh, daß ganze Prozedere bereits mit L. einmal durchgemacht zu haben, als wir vorletztes Jahr mit ihr nach Föhr gefahren waren. Jetzt macht es uns keine Angst mehr und wir bewegen uns sicher auf der Fähre.

Als es uns oben zu warm und unten zu laut wird, setzen wir uns in die Mitte und bestellen wie ein Millionär. Einen Kaffee mit Keks, für 3,30€.

Auf Amrum angekommen lassen wir uns den Weg zum Zeltplatz erklären, kommen an und sind überwältigt.

Erstmal von dem Preis, denn für 3 Tage und 4 Nächte bezahlen wir 58€, was mehr als ein Drittel unseres gesamten Budgets ist. Aber wir sind gesichert. Nur den Hut mit Nackenschutz und die geführte Wattwanderung müssen wir sein lassen.

Der Platz ist aber toll. Mitten in den Dünen gelegen, umgeben von Sträuchern und Gräsern, mit Blick auf den Leuchtturm. Das Möwengeschrei kommt noch obendrauf.

Nach einer Dusche und Handwäsche der, inzwischen krass stinkenden Shirts, sind wir bereit für einen Spaziergang. Der beginnt vom Platz aus auf einem Holzbohlenweg durch sumpfmooriges Gebiet mit Gänsen, Hasen und vielen unterschiedlichen Pflanzen. Dann geht es auf einer im feinen Sand liegenden Holzleiter über die Düne zum breiten fast menschenleeren Strand.

Wir verbringen Stunden hier. Fusseln im Sand, beobachten Wellen, lassen uns vom weichen Wind streicheln. Als wir eine Hängematte finden, beginnen wir nach einer Schaukelpause diesen Text.

„Leben, was schmeckst du heute gut“, denke ich und frage mich, ob J. vielleicht auch so etwas als „Soulfood“ bezeichnet.

Unterwegs #1, Hühnengrab und Kühe

„Echt?“, denke ich, als ich sehe, dass es Albersdorf ist. Dort gibt es einen Steinzeitpark mit Nachbauten und verschiedenen Originalen aus der Steinzeit, in dem man als (Rad)Wandernde_r das Nachtlager aufstellen darf, ohne etwas bezahlen zu müssen.

Dort gibt es auch die erste Wohngruppe, in der wir gelebt haben.

Als wir mittags in Elmshorn starten, denke ich nicht mehr „Echt?“. Ich denke gar nichts. Die Mittagssonne fällt wie Beton auf mich und der Radweg nach Itzehoe ist eine einzige Katastrophe. Wegen solcher Wege haben wir ein Trekkingrad und 5 bar auf den Reifen.

Halb 6 kommen wir im Park an – niemand ist mehr da. 17 Uhr wird geschlossen, das Steinzeitdorf und die Wanderwege auf dem Gelände sind immer offen.

Wir haben Edge-Empfang und können auch mit einem Spaziergänger nur noch raten, wo wir uns hinstellen dürfen. So kommt es, dass wir um halb 9 neben einem Hühnengrab aus der Jungsteinzeit einschlafen und halb 6 vom Vogelzwitschern wieder aufwachen.

Dieses Grab zeigt uns das große Geschehen, in dem auch wir passieren. Wir frühstücken daneben und lassen uns von der Morgensonne streicheln. Der Mensch, der hier vor über 3000 Jahren beerdigt wurde und die Idee von den Menschen, die ihn begraben haben, sind die beste Gesellschaft für diesen Morgen. Sie sind bei mir, obwohl sie schon lange nicht mehr sind.

Albersdorf und die Menschen, mit denen wir zusammenzuwohnen versucht haben, sind auch noch bei uns. Als schmerzhafte kleine Knoten, die sich bei der Fahrt durch den Ort Richtung Husum auflösen.

Ich trage die Jugendlichen wie mein Trinkwasser in einer Blase auf dem Rücken und höre ihrem Rauschen zu. Sie haben keine Angst oder irgendwelche anderen „heißen“ Gefühle. Da ist nur die Stille enttäuschter Hoffnungen und die Dissonanz zwischen der emotionalen Anstrengung aus 2001 und der körperlichen Anstrengung jetzt 2018.

Sie erzählen mir nichts von damals. Sagen nur, dass sie nicht nach Heide wollen. Ich zeige Ihnen unsere Route – sie führt an Heide vorbei.

Vorbei müssen wir wenig später auch an 5 Kühen, die keine 20 cm neben uns liegen und verdauen, weil sie auf dem Deich vor der Nordfelder Schleusenanlage grasen.

Als wir sie sehen, gehen wir zurück. Schieben das Rad auf den Deich. Suchen Optionen. Als wir sehen, dass es keine gibt, erinnere ich mich an das, was Temple Grandin über Kühe erzählt. Ich nehme den Helm ab, verstaue alles glitzernde und wackelnde an mir. Und bleibe doch unsicher vor ihnen stehen.

Dann knackt es in einem Lautsprecher. „Sie brauchen keine Angst haben – die Tiere tun nix.“.

„Na dann!“, rufe ich lachend zurück und schiebe mich durch die schwarz-weißen Grazien. Zu wissen, dass da noch jemand ist, hat geholfen.

Ein paar unfertige Gedanken über die Sicherheit des einen durch die Unfreiheit des anderen später, sind wir in Drage, dann in HmHmHm, dann in HmHmHm und dann in HmHmHm – wo ich immer wieder einen Ort suche, um Pausen zu machen, doch nicht fündig werde.

Ich habe Kopfschmerzen und bin müde. Zwei Falafel und mehrere Liter Wasser bringens dann eben doch nicht.

Vor Husum kaufen wir uns Tomaten, eine halbe Wassermelone, 4 Äpfel und eine Gurke.

Auf dem Zeltplatz merke ich den Sonnenbrand im Nacken. Die Schmerzen in den Füßen. Dursthunger. Die Luft steht, die Sonne brennt und brennt und brennt.

Doch es ist gut.

Der Zeltplatz ist ohne Deich an der Nordsee. Wir trinken, essen, fangen ein Hörbuch an. Am Abend staksen wir das erste Mal durchs Watt, das sich hier wie Pudding auf Steinboden anfühlt. Ein Tierchen bleibt kleben, wir filmen es.

Die Nacht beginnt früh für uns. Der Morgen auch. Heute fahren wir nach Dagebüll und von dort nach Amrum.

von Freiräumen und der Frage, was man mit der Vergangenheit macht

Es ist ein bisschen so, als würde man Muskeln ansteuern, die noch gar nicht da sind, als die Therapeutin fragt: “Geht es ein bisschen darum, was sie damit machen? Mit ihrer rituellen Vergangenheit..?”.

Ich weiß, worum es geht. Weiß, es ist die Dissoziation, die mir alles Gesagte, Mit.geteilte und Erinnerte in dieser Stunde fremd und fern erscheinen lässt. Weiß, es geht um mich. Weiß, es geht um meine Vergangenheit.
Aber ja: Ich weiß nicht, was ich damit anfangen soll.

Was soll ich denn auch anfangen mit einem Tier, das um sich beißt. Mit einem Kind, dass blind vor Panik an Türen kratzt. Mit einem Selbst, das weder Ich noch Nichtich ist. Mit Innens, für die alles außerhalb dieses einen Ists nichts außer Lug und Trug ist.
So eine Truppe ist der Stoff aus dem abgefahrene Road-Trip-Filme sind, aber mein Leben hat keine Räume für sie.

Wir bemühen uns allgemein darum allen Innens ihre Räume zu geben und zu lassen.
Bei uns meint das nicht, dass wir schauen, dass alle von uns ihre Außenzeit haben oder bestimmte Dinge haben dürfen – es meint eher, dass wir soziale wie asoziale Räume schaffen und freihalten, in denen es nicht zwingend ist, dass ausschließlich versorgungs-, schul-, therapie-, freundschafts-, produktivitäts-, oder gewaltfunktionale Systeme bzw. Innens aktiv sind.

Wir sind darin inzwischen ganz gut und durch die Unterstützungen, die wir erhalten, können wir diese Räume auch stabil halten und ausbauen. So ist es nicht mehr schlimm für mich, wenn wir zu Hause auseinanderfallen. Wir sind dort sicher, haben dort alles was wir brauchen, um mit den Konsequenzen der Anwesenheit dieser Innens umzugehen.

Aber das ist vielleicht genau mein Knackpunkt. So gehe ich mit den Anderen in meinem Leben um. Ich mache ihnen Räume, in denen ich das Chaos, die Not, die Unruhe und zuweilen auch Zerstörung, die sie mitbringen oder verursachen, kontrolliert passieren lassen und wieder bereinigen kann.
Ich gehe nicht mit ihnen um. Ich gehe mit den Folgen ihrer Anwesenheit um und das ist so ziemlich genau mal gar nichts anderes, als das, was ich schon immer mit ihnen mache. Heute mache ich das therapeutisch wertvoll und nenne meine Amnesie bzw. das depersonalisierte Erleben, das ich durch ihre Anwesenheit habe, “Freiraum für die Anderen in meinem Leben”.

Das ist nicht gut. Weiß ich. Aber was soll ich denn sonst machen?
Ich merke, dass wir zu wenig adhäsive Eigenschaften für einander haben. Es ist nicht wie in meinem Funktionssystem, wo sich die anderen mehr oder weniger oft zeitgleich – immer jedoch inhaltlich immer zu 100% auf meiner Ebene bewegen. Wir sind füreinander erkennbar, wir haben Kontakt – hatten ihn, bevor wir ihn gezielt gesucht haben. Wenn ich etwas entscheide, dann tue ich das inzwischen automatisch auch irgendwie mit ihnen. Unsere Kluft ist nicht zu, aber sie ist leicht zu überqueren.

Diese meine, unsere “rituelle Vergangenheit” mit der wir uns in der Therapiestunde befasst haben, ist nicht nur etwas, das nicht mir passiert ist, es ist auch noch Innens passiert, mit denen ich damals wie heute nur wenig mehr als Leben und Körper teile.
Das klingt für manche Menschen vielleicht nach viel, für mich ist das jedoch nicht mehr als das, was ich mit meinen Nieren zu tun habe: Ich weiß, dass sie zur gleichen Zeit wie ich geboren wurden und eine lebenswichtige Funktion haben – aber bei unserem nächsten Umzug werden sie mir keine Kiste packen können.

Vielleicht geht es am Ende nur um Akzeptanz? Anerkennung und fertig?
Wir teilen uns die Kenntnis um etwa 6qm Überlebens.zeit_los.raum.
In gewisser Weise teilen wir uns also einen Traumakrümel.

Ich hab nicht diesen ganzen Therapiequatsch mitgemacht, um jetzt noch zu glauben, dass ich mich nicht damit beschäftigen muss, was ihre Perspektive auf meinen Entstehungsort ist. Ich habe aber auch genug Therapiequatsch mitgemacht um zu wissen, dass es mehr als einen Traumakrümel braucht, um eine Perspektive zu verstehen oder mehr Kontakt aufzubauen.

Will ich mich also immer noch nicht damit auseinandersetzen? Vermeidung? ANP-typisches Schutz-Mimimi?

Ja. Nein. Vielleicht.
Alles.

Ich weiß, was ich machen muss. Ich weiß, wie das geht. Wir haben genug Werkzeug uns zu befassen. Wir haben eine gute Therapeutin. Was mir fehlt ist Bezug und eine Idee, wo es hingehen soll.
Ich weiß nicht, was ich verstehen muss, um diese Innens zu verstehen. Ich weiß nicht, was sie verstehen und vielleicht auch können müssen, um mich zu verstehen. Ich weiß nicht, welche Freiräume ich diesen Innens geben muss und wie wir diese dann absichern könnten.

Wir hatten und haben triftige Gründe für ihr Exil so fern im Innen, wie es nur geht.
Für sie kann es noch keine Zeit geben, sich frank und frei in der Welt zu bewegen, ohne uns zu gefährden.

Vielleicht klingt es fies und ist super selbstschädigend und gewaltvoll, aber im Moment denke ich oft, dass ich auch gut damit zurecht kommen würde, sie als so in der Zeit verloren zu akzeptieren, wie sie sind.
Wir haben viele Innens, die das sind. Wir haben sie mit Schutzimaginationen im weißen Rauschen des Inmitten beerdigt und wissen: Was als therapeutisches “in Sicherheit bringen” passiert ist, wird nie als das therapeutische Töten anerkannt werden, dass es auch war.

Nicht alle können reorientiert und für den Alltag nach der Gewalt funktionalisiert werden.
Und Innens, die aus Spaß an der Freude erhalten bleiben, gibt es nicht.

Etwas, was die Frage der Therapeutin berührt hat, ist für mich auch die Frage danach, was ich mit unserer Vergangenheit mache. Im Moment mache ich nichts anderes damit, als sie zum Forschungsobjekt zu machen.
Sie ist das Ziel vieler Fragen und der Grund für Krisen, die auf die Antworten folgen.
Ich mache diese Therapie nicht, um “meine Vergangenheit zu verarbeiten” – ich will eine Vergangenheit haben und muss dafür therapeutisch arbeiten.

Vielleicht auch, um damit klar zu kommen, dass ich nichts mehr mit etwas machen kann, das schon längst vorbei ist.