die persönlichen Auswirkungen, ein Nachklapp

Ich habe ungewöhnlich viel Zuspruch auf meine Textreihe zu dem Reel bekommen.
Zu einem Aspekt möchte ich noch etwas nachtragen. Die persönlichen Auswirkungen solcher Reels auf mich.

Seit inzwischen zwei Jahren sitze ich an meinem neuen Buch und versuche zu vermitteln, wie es für mich war, Anfang der 2000er mit einer Diagnose konfrontiert zu sein, die damals schon sehr eng mit organisierter Ritueller Gewalt verknüpft war. Als 16-Jährige_r. Komplett allein. Anderthalb Jahre fast durchgehend geschlossen untergebracht.
Wie sich das ausgewirkt hat, in praktisch allem Selbstausdruck und auch jeder Selbstauskunft über mich missverstanden zu werden, weil die Menschen, die mir zugehört haben, immer auch den Filter des Unbekannten, Mysteriösen, Gefährlichen organisierter Ritueller Gewalt und die Folgen von Folter und gezielter Manipulation darübergelegt haben. Ungewollt wurde ich über Jahre von Therapeut_innen über praktisch jede Selbsterkenntnis, die ich über mich gewann, auch gegaslightet, weil diese andere Ursachen oder Wirkungsprinzipien hinter meiner Wahrnehmung und Einordnung, Kontaktaufnahme und Schwierigkeiten annahmen als ich oder als auch tatsächlich vorlagen.
Das war für mich als erwachsen werdende Person zuweilen extrem isolierend und verwirrend. Es hatte Anteile von „Therapeut_innen reden mir was ein“ und „Ich habe aber auch wirklich Teile dessen erlebt, was mit dem Begriff der organisierten Rituellen Gewalt beschrieben wird – aber nicht so.“

Ich habe dann das gesamte Hilfesystem verlassen und eine Therapeutin für mich gesucht, die bereit war, mehr Fokus darauf zu legen, wie ich akut im Leben klarkommen kann. Und habe in der Therapeutin, mit der ich noch heute arbeite, so jemanden gefunden. Mein Hintergrund ist nicht irrelevant, aber ich merke, dass sie nicht erst daran denkt, was Täter_innen davon haben könnten, dass ich etwas nicht oder weniger gut kann, sondern daran, wie ich mich fühle, wenn ich versuche, etwas zu können; was ich mir vorstelle, wie ich etwas können müsste, sollte, gerne würde; welche Dinge tatsächlich akut gegenwärtig beeinflussen, dass ich bestimmte Dinge hinkriege oder auch nicht.
Es geht um mich. Meinen Bezug zu mir und der Welt, in der ich bin.
Es geht nicht darum, mit irgendwem in mir über DAS DA zu reden oder darum, mich anzeigefit zu kriegen oder darum, meine Lebendigkeit und Kraft zum Ätschibätsch gegen Täter_innen werden zu lassen. Ich habe in unseren probatorischen Sitzungen den Wunsch geäußert, eine eigene Erzählung über mein Leben und mich hinkriegen zu können, und das ist bis heute eins meiner Therapieziele.

Ich bin davon überzeugt, dass ich ohne diese Fokusverschiebung und ohne die kontinuierliche Wiederkehr zur ganz gegenwärtigen Pragmatik des Alltagslebens als etwas, das gelernt und verstanden werden muss, niemals bemerkt hätte, dass ich wiederkehrende Schwierigkeiten und Überforderungen erlebe, die mit der DIS und der Natur meiner Gewalterfahrungen in Kindheit, Jugend und jungem Erwachsenenleben allein nicht mehr erklärbar sind.
Ich hätte auch nie gemerkt, dass meine Therapeutin sich kommunikativ total um unsere Arbeit und mich bemüht, aber an manchen Stellen, die weder sie noch ich richtig fassen und begreifen konnten, einfach nicht weiterkam, obwohl alles in Ordnung schien.

Heute beobachte ich häufig, dass es diesen Punkt in der therapeutischen, betreuerischen, helferischen Kommunikation sehr oft geben kann. Und dass das einer der Punkte ist, an denen meine Analysefähigkeit sehr hilfreich wirken kann.
Mich hat sie damals in die Autismusambulanz gebracht. An den Wunsch zu hinterfragen: Ist es meine Hochbegabung, mein Hintergrund von organisierter Gewalt oder Autismus oder ADHS oder etwas, das dem sehr ähnelt, mir aber noch nicht bekannt ist?
Das ist eine Aufgabe, die manche Menschen einfach nur mit Intuition oder Bauchgefühl angehen. Ich nicht. Ich bin durch die Testung, die Literatur, die Betroffenenberichte, die Studien, die Theorien gegangen und habe das systematisch mit dem Diagnostiker, dem Begleitermenschen, dem Facharzt und meiner Therapeutin durchgearbeitet.
Ich wollte nicht mehr nur mit Theorien über mich arbeiten. Ich war damals schon so gut gestärkt, dass ich auch nicht mehr das Gefühl hatte, man könne über mich auch nur in Annahmen und Ideen, Theorien und man weiß ja nicht nachdenken. Ich war in dem Gefühl angekommen, dass ich tatsächlich passiere und wirke. Und wenn etwas passiert und wirkt, kann man es beschreiben. Und in seinem Wirken analysieren. Die Kommunikation und Interaktion systematisch erfassen und beurteilen.
Man kann mich objektiv eindeutig einordnen, ohne mein subjektives Erleben in Frage zu stellen.

Für mich war die Phase der Autismusdiagnostik das erste Mal, dass ich mich nicht durch Filter hindurch diagnostiziert erlebt habe. Meine Eltern hatten keine Möglichkeit, mich und ihr Leiden unter mir darzustellen, meine Therapeutin kam erst später dazu. Wir sprachen nicht nur in einem Psychologenbüro, sondern auch an Orten, wo ich mich wohlfühlte, und in Alltagssituationen, die mich überforderten. Alles war wichtig für die Diagnostik und alles wurde Thema – lange bevor wir irgendeinen Test durchgeführt haben.

Mir wurde damals klar, wie komplex diese Arbeit war. Und wie komplex die Intersektionen sind, in denen ich mich bewege. Wie schnell andere Menschen darin an kognitive Grenzen kommen, die für mich etwas anders verlaufen. Ich wurde damals sehr ermutigt, meine ganz eigene Haltung dazu wahr- und einzunehmen. Und eben nicht anzunehmen, nur weil andere zu ihren schnellen, weniger komplexen Filtern und Vorannahmen greifen, um damit umzugehen, sei das die Vorgehensweise, die ich mir besser auch antrainiere, obwohl ich darunter leide.
In gewisser Hinsicht habe ich mein Leiden damals so exakt gemapped wie nie zuvor. Einfach, weil ich es überhaupt auch mal verstanden und, wenngleich in Details weiterhin dissoziiert, so doch umfassend genug als auch objektiv erklärbar und mit meinem subjektiven Erleben verbunden begriffen habe.

Wenn ich heute dann Medien sehe, die dem Leben als autistischer Mensch oder als komplex traumatisierter Mensch ebenjene Vagheit, jene Übersubjektivierung zuschreiben, macht das natürlich etwas mit mir.
Da reagiere ich sowohl kognitiv stark drauf – und möchte, dass alle wissen, dass das faktisch alles nicht stimmt – als auch emotional. Da bin ich zurückversetzt in jede Sitzung, in der ich, wie ich heute weiß, Belastungssituationen kommuniziere, die entstanden, weil ich autistisch bin, aber nicht so leicht lösbar sind, weil ich auch komplex traumatisiert bin – und die Therapeutin mich fragt, ob mir der Mann mit der Satansmaske befohlen hat, dass es mir nie gutgehen soll. Übertrieben formuliert.

Es sind solche Therapiesitzungen, solche als Jugendliche im Grunde aufgezwungenen Kommunikationssituationen, die mich sehr lange begleitet und verletzt haben. Ich kompensiere bis heute in jeder Therapiestunde die Angst, sie wiederzuerleben. Ich wünsche sie absolut niemandem.

Wenn wir als Community zulassen, dass Diagnosen als vage, beliebig nutzbare Labels benutzt werden, um subjektive Erfahrungen zu benennen, dann werden wir es nie schaffen, solche Gewaltsituationen in Hilfekontexten überhaupt erkennbar zu machen. Wenn wir Autismus zur Identität verklären und in seiner genetischen Komponente negieren, wenn wir denken: „Och, die armen Therapeut_innen, die habens so schwer, wenn sie zu ORG, DIS oder Autismus arbeiten – die Therapie darf öffentlich nicht als etwas besprochen werden, das auch von Vorurteilen oder falschen Annahmen, Verschwörungsgläubigkeit oder Affinität zum Unbekannten oder Spirituellen flankiert sein kann“, dann erklären wir uns aus meiner Sicht einverstanden damit, dass anderen Betroffenen exakt die Quälerei und in manchen Situationen praktisch Folter passiert, wie mir als Jugendliche und junge Erwachsene.

Ich bin nicht damit einverstanden.
Es war schlimm. Es wirkt bis heute. Es war damals wie heute verhinderbar.
Es war Gewalt, für die sich bis heute niemand bei mir entschuldigt hat. Es war Leid, das ich juristisch nicht anerkennen lassen kann. Niemand der Beteiligten hat je Wiedergutmachung angeboten. Oder Aufarbeitung. Jedes Bemühen darum verläuft in Schweigen.
Das geht nur, weil das Stigma wirkt. Und wir als Gesellschaft uns durch viele Kanäle gegenseitig vermitteln, dass das so klargeht.
Obwohl es das absolut nicht tut.

PLURV im Spiegelmagazin

„Im Wahn der Therapeuten“ war schon eine problematische Überschrift, als Felix Kuballa seinen gleichnamigen Film veröffentlichte. Das war 2003.
Nun, Anfang 2023 die gleiche Suppe also noch einmal. In einem Spiegelartikel mit dem gleichen Titel für die Onlineversion und der gleichen Strickart:
Eine Person, die behauptet, eine Psychotherapeutin hätte ihr eingeredet, sie sei Opfer Ritueller Gewalt geworden, sei in Lebensgefahr, wie ihr Kind auch.
Neu ist, dass das Jugendamt hinzukommt. Auch eine Gefährdung erkennt. Eine Richterin entscheidet: Ja, hier ist Gefahr für das Kind in Verzug. Das Kind wird woanders untergebracht.
Ebenfalls neu: Der direkte Angriff auf Michaela Huber und Brigitte Bosse, dargestellt als Hauptvertreterinnen eines verschwörungsgläubigen Therapeutennetzwerkes, mit der Mission möglichst vielen Psychotherapeut_innen einzureden, dass es Rituelle Gewalt gibt.
Nicht neu: False Memory Deutschland e. V. hats durchschaut. Weiß zu verbreiten, dass psychische Krankheit und Autosuggestion zu falschen Erinnerungen führen.
Außerdem wie üblich in solchen Artikeln: Die Polizei hätte nie irgendwas gefunden. Es gäbe noch mehr Patient_innen als Malin Weber, die Soldaten und echten Folteropfern die begrenzten Traumatherapieressourcen von Deutschland wegnehmen. Die dissoziative Identitätsstörung sei eine Glaubensfrage.

Ein ermüdend schlecht recherchierter Text, der dennoch zieht. Natürlich. Er bietet Grusel durch die Illustration und Gewaltbeispiele, man fühlt sich informiert durch die Zahlen und Expert_innenkommentare, ein bisschen traurig für die Patientin und ein bisschen empört über das Geld, das das Familienministerium verteilt hat für Forschung, die laut Text möglicherweise Unsinn als Prämisse hat. Textarchitektonisch ist das Umami. Journalistisch richtig schlecht.

So meldete sich Brigitte Bosse am Montag mit Anmerkungen zu dem Artikel. Stellt klar, dass der Journalist ein Seminar zum Umgang mit DIS besucht habe, um diesen Artikel zu schreiben und sie dazu interviewt hat. Nichts davon im Text.
Ebenfalls nicht im Text: der lange Arbeitsweg zu einer fachlichen Definition des Begriffs „organisierte Rituelle Gewalt“. Allein im „Infoportal Rituelle Gewalt“ sind 19 Definitionen aufgelistet. Die erste von 1991, die letzte von 2019. So wird nicht klar, wonach das Autor_innen-Duo eigentlich gesucht hat. Was seine Prämisse ist. Was die Prämisse von False Memory Deutschland e. V. ist, wenn der Verein sich dazu äußert. Oder die Polizei. Es erwähnt die amerikanische „satanic panic“, die es in Deutschland so nie gegeben hat, wirft ein Buch aus den Achtzigern mit rein und rührt Alison Miller, eine kanadische Psychotherapeutin dazu. Dann eine Prise von der Skandalisierung des Themas in der Schweiz, die ebenfalls journalistisch bemerkenswert schlecht bearbeitet, aber populistisch maximal wirksam ist.

Und mehr sollte dieser Text vermutlich nicht sein. Populismus.
Bisschen Stimmung gegen Psychotherapie, bevor hier alle glauben, sie hätten ein Trauma. Oder könnten sich an Psychotherapeut_innen wenden, wenn sie doch eins haben.
Ein Mal mehr am Vertrauen in die Aufrichtigkeit und Kompetenz des Familienministeriums und damit den Staat sägen. Zeile für Zeile dafür sorgen, dass man glaubt, alles sei eine Glaubensfrage – selbst die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Gewalt und letztlich auch die Hilfen für Gewaltüberlebende. Nebenbei noch ein paar unliebsame und seit Jahren hart arbeitende Therapeutinnen schreddern. Wenn man schon dabei ist.

Der Text hätte ohne Konsequenzen bleiben können, wäre es in den letzten 20 Jahren gelungen, den wissenschaftlichen, fachlichen Diskurs um organisierte Rituelle Gewalt transparenter und für die breite Masse verständlich zu kommunizieren. Dann würde das Bistum Münster beispielsweise nicht behaupten können, es gäbe keine Beweise für diese Form der Gewalt und eine Kontroverse, die sich um die Realität der Gewalt dreht, um die Beratungsstelle für Opfer von organisierter und Ritueller Gewalt zu schließen. Das Bistum hätte sein, für die katholische Kirche nun wirklich nicht mehr überraschendes, Desinteresse an der Hilfe für Gewaltopfer auf andere Art begründen müssen. Schade, das wird jetzt wieder einmal verdeckt. Von dem Medienzirkus, den Leute machen, die sich vorgeblich für die Opfer, die Wahrheit, die wirklich nötige Hilfe einsetzen. Was doch bemerkenswert ist.

Der Spiegel präsentiert sich derweil als „aufdeckend“. Was aufdeckend? Das bleibt mehr oder weniger im Dunkeln, denn es gibt ja nichts weiter aufzudecken als eine Erzählung, die der breiten Öffentlichkeit als moderne Gruselgeschichte des christlich fundamentalistischen US-Amerikas bekannt ist. Und zwar so bekannt, dass sie ein Meme ist. Ein Witz. Ein Theme.
Perfekt, um Gewalt lächerlich zu machen. Religiosität jeder Art, mit Dummheit, Wissenschaftsfeindlichkeit und Machtwillen, wo beides nicht zutrifft, zu erklären.

Und ebenfalls ganz fantastisch dazu geeignet, Gewaltdarstellung zu verkaufen. Weil – bisschen gruselig ist die Vorstellung ja schon. Kickt halt doch irgendwie. Und wer daran interessiert ist, möglichst lange, möglichst viel, möglichst immer brutaleres Material zu produzieren, kommt, seit es das Internet für alle, große Speicherkapazitäten und easy Access für wenig Geld fast überall auf der Welt gibt, kaum um die Inszenierung der Taten herum. Das – diese „systematische Anwendung schwerer körperlicher, psychischer und sexueller Gewalt in Gruppierungen mit einer (schein-)ideologischen oder religiös geprägten Sinngebung oder Rechtfertigung für ihr kriminelles Handeln.“ (Definition der Aufarbeitungskommission) – ist, womit sich seit Jahrzehnten befasst wird, um den Überlebenden zu helfen. Dafür gibt es Beispiele, die auch in den ganz normalen Medien behandelt wurden und zu mehr oder weniger Anteilnahme geführt haben. Stichwort „Colonia Dignidad“ (Spiegelartikel), „die Sektenkinder“ (YouTube-Upload) aus dieser 37° Sendung, Lebensrealitäten in (Neo) Nazi-Familien siehe „kleine Germanen“ (Webseite zum Film).
Fachlich, wissenschaftlich fundiert, redet kein Mensch, der sich mit organisierter Ritueller Gewalt befasst, von satanistischen Großkulten, die die Gesellschaft infiltrieren und es ist unfassbar, wie immer wieder versucht wird, das zu unterstellen. Offenbar ausschließlich, um Gewalt(folgen)forschung und Einzelpersonen zu delegitimieren.

Wäre die Thematik eine andere, würde der Spiegelartikel als desinformierend überdeutlich sichtbar.
Es ist alles da: Pseudoexperten, Logikfehler, unerfüllbare Erwartungen, Rosinenpickerei, Verschwörungsmythen. „Im Wahn der Therapeuten“/„Im Teufelskreis“ ist ein PLURV -Text.
Und so sollte auch die Reaktion darauf sein.

Damit möchte ich jetzt alle ansprechen, die sich von dem ganzen Geschehen verunsichert fühlen.
Lest euch das Handbuch „Widerlegen, aber richtig“ (dt. Übersetzung des australischen „debunking handbook“ 2020) durch, bevor ihr aufklärende Texte schreibt oder in Gespräche mit Menschen geht, die Desinformationen verbreiten oder glauben.
Prüft euch und eure Argumentation darauf, ob ihr selbst in die „PLURV-Falle“ tappt, weil euch das Thema so wichtig ist oder es euch sogar selbst betrifft. In dieser Grafik von klimafakten.de könnt ihr euch anschauen, wie die „Desinformationsmaschine“ arbeitet. Auf der Webseite „sceptical science“ findet ihr noch mehr Taktiken, auf die ihr achten könnt.

Wir leben im Jahr 2023. Es gibt Fakten, es gibt Daten, es gibt eine Öffentlichkeit, die weiß, dass Kinder schwer ausgebeutet und misshandelt werden – und von der man erwarten kann, dass sie versteht, dass aus Kindern irgendwann Erwachsene werden. Gewalt ist kein gruseliges Schauertabu mehr und doch ist es offenbar noch sehr nötig, aktiv daran zu arbeiten, damit das so bleibt.
Der Spiegelartikel soll verunsichern. Er soll verwirren. Er soll ablenken.

Aber es gibt Wichtigeres zu tun.

Es gibt Besseres zu tun

Inzwischen bin ich schon so viele Jahre mit all dem vertraut. Die Gewalt, das Trauma, Vielesein; wer glaubt was wem warum; wer verfolgt welche Interessen mit dem Sprechen darüber und dem Sprechen dagegen. Organisierte (Rituelle) Gewalt ist für mich ein Gegenstand der Realität, an dem schon seit Jahren nichts mehr herumgedeutet werden kann. Es gibt Fakten, es gibt Zahlen, es gibt rechtskräftige Urteile in Fällen, die alle Merkmale dieser Gewaltform haben. Niemand muss mehr daran glauben, weil alle davon wissen (können).

Nach meinem Input mit Claudia Fischer bei der survivorship-conference kam mir wieder einmal in den Sinn, wie wichtig ist deutlich zu machen, dass es eine ganz natürliche Reaktion aus echtem Unwissen – aber auch eine ausgenutzte Täter_innenstrategie ist, die Wahrheit von Dingen zu bezweifeln, über die man noch kein umfassendes Wissen hat oder bestehendes Wissen nicht damit in Verbindung bringen kann/darf/will/soll. Es ist ein leichtes Spiel für Mit_Täter_innen, das oft nur deshalb viele Mitspieler_innen findet, weil Vermeidung so ein (über)lebenswichtiges Verhalten ist.
Am Ende ist es jedoch prozessfeindlich, opferfeindlich und damit gesellschaftsfeindlich wie jede andere zwischenmenschliche Gewalt auch.
Ein absolut konservativer Machtakt. Mit wenig anderem Willen dahinter als dem, bestehende Ungleichheiten und dementsprechend auch Ungerechtigkeiten nicht aufzulösen. Also nichts gegen Gewalt tun zu wollen.

Es ist wirklich nicht schwer das klarzukriegen. Wer sich heute hinstellt und sagt, es gäbe keine organisierte (Rituelle) Gewalt, hat die letzten 20 Jahre absolut isoliert von Menschen und ihren Medien gelebt – oder aus welchen Gründen auch immer – keinen Bock darauf, sich mit der Realität von Gewalt und ihren Folgen im Leben aller Menschen zu befassen. Sie_r ist also nicht geeignet als Verbündete_r etwas für Überlebende oder gegen die Gewalt und ihre Nutznießer_innen zu tun. Punkt.

Solche Menschen stellen die Falle auf, in die noch immer viele hineintappen: das Aufrauchen durch Überzeugungskämpfe.
Die Entwürdigung durch das ständige Suchen von Bestätigung über etwas, das längst durch andere Stellen bestätigt ist.
Diese Falle zwingt die Menschen, die sich eigentlich um die Überlebenden oder die Gewalt kümmern wollen, weg davon und in einen Kampf hinein, der als wichtig gerahmt wird, weil man ja miteinander zu tun hat und miteinander auskommen muss.
Zum Beispiel, wenn man Überlebende nach dem Ausstieg betreut und die Kolleg_innen sagen: „Ach komm – du glaubst doch diesen Quatsch von organisierter (Ritueller) Gewalt nicht wirklich!“ Mit dieser Aussage drängen sie sich in den Fokus der betreuenden Person. Sie zwingen sie dazu, sich um das zu kümmern, was die Kolleg_innen glauben oder nicht glauben und ziehen damit enorm viele Ressourcen weg von den Überlebenden. Ihr Verhalten ist also nicht nur inhaltlich opferfeindlich, sondern auch konkret, weil sie ihnen nehmen, was sie brauchen: Helfer_innen, die genug Ressourcen haben, um gut helfen zu können.

Neben dem Wissen um die Realität von organisierter Ritueller Gewalt ist also auch wichtig, erkennen zu können, welche Kämpfe wann und um wen relevant sind. Wir haben durch die Corona-Pandemie gerade einen hervorragenden Übungsplatz dafür. Alle können schauen: Ja, ist es mir wirklich eine Erkrankung mit ordentlicher Chance auf Long-Covid wert, dass Onkel Lutz durch stundenlange direkte Überzeugungsarbeit an das Virus glaubt? Wie krass bin ich von einem Job abhängig, in dem keiner glaubt, dass COVID19 eine richtig fiese Scheißkrankheit ist und deshalb keine Schutzmaßnahmen einhält? Wie viel Kraft stecke eigentlich in die Arbeit, die es macht, Menschen verständlich zu machen, dass Fakten auch dann bestehen, wenn niemand an sie glaubt? Was für ein Bild haben Menschen von sich, wenn sie erst etwas für alle Menschen tun, wenn sie persönlich von der Richtigkeit dessen überzeugt sind oder sich davon betroffen fühlen und sich deshalb einen Zugewinn versprechen? Sind das Leute, mit denen man sich verbinden möchte? Mit denen man Zeit, Kraft, Ressourcen teilen möchte – um sie mit allen zu teilen, weil alle etwas davon haben?

Wer die faktische Realität von organisierter (Ritueller) Gewalt anerkennen kann, weiß, dass sie_r auch davon betroffen ist.
Organisierte Gewalt entsteht nie aufgrund der Initiative von Einzelpersonen und frei von äußeren Kontexten. Niemals. Jede organisierte Gewalt braucht Strukturen, jede Struktur braucht funktionierende Systeme, jedes System braucht Kommunikation, um sich selbst zu erschaffen und zu erhalten. Niemand auf der Welt ist unbetroffen von organisierter (Ritueller) Gewalt. Auch die, die es noch nicht wissen. Auch die, die nichts davon wissen wollen.

Wer sich auf das Spielchen um die Zweifel einlässt, kann kaum noch hilfreich für den Prozess der gesellschaftlichen Anerkennung und Veränderung eintreten. Deshalb wird es immer wieder angefangen.

Spielt nicht mit.
Es gibt Besseres zu tun.

20

Ich habe gestern einen langen Thread bei Twitter geschrieben.
Weil man die oft nicht wiederfindet – und viele sie erst gar nicht lesen – trage ich ihn hier mit hinein und noch etwas nach.

Die Kinderschutzzentren haben ein Erklärvideo zu sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen für die Praxis veröffentlicht vimeo.com/373360210 mehr Informationen gibt es hier: kinderschutz-zentren.org/index.php?a=v& und hier: ecpat.de

Ich finde das Video okay, halte es aber für problematisch wie die Folgestörung der dissoziativen Identität darin auftaucht. Nicht jede Person, die organisierte Gewalt erlebt hat, entwickelt eine DIS oder DDNOS, aber allen ist Unrecht passiert.
Ich habe Zweifel daran, dass es hilft, mögliche Folgeerkrankungen von Gewalterfahrungen jeder Art, zum Argument der Ächtung oder zum Grund für die Verwerflichkeit der Straftat oder der Forderung nach ihrer Beendigung bzw. Bestrafung selbiger zu machen.
Es darf nicht sein, dass eine Erkrankung/Störung/Zustand direkt zu einer Straftat linkt, auch wenn das sehr wahrscheinlich und bei der absoluten Mehrheit (bei DIS/DDNOS 98,9%) so ist. Warum? Weil man die Leute damit zu lebenden Beweismitteln macht.
Was zum Einen ein weiterer Übergriff ist (nämlich Objektifizierung) und zum Anderen potenziell lebensgefährlich. Vor allem, wenn sich in Sachen Verjährungsfristen für Straftaten der Prozess dahingehend entwickeln sollte, dass es keine mehr gibt.
Organisierte Gewalt ist geplantes, absichtliches, strukturell geschütztes und getragenes Unrecht. Es ist niemals eine Einzeltat. Auf Einzeltaten ist aber unsere Justiz ausgerichtet. Auf Einzeltaten und neurotypische Menschen, die davon berichten können. 
Helfen würden neben der Aufklärung darüber, dass es organisierte Gewalt und neurodiverse Menschen (also Menschen, die aufgrund diverser! Störungen akut oder latent nicht „normal“ (neurotypisch) inter.agieren (können/wollen/dürfen/sollen*) wirklich gibt, meiner Ansicht nach die Botschaft, dass es keinerlei Strukturen gibt, die daran angepasst sind.
In dem Film wird das wohl alles unter „fehlende Straftatbestände“ und der Umstand, dass sich die Betroffenen in Aussagen und Prozessen widersprechen könnten, zusammengefasst, aber das ist ja nicht alles.
Es fehlen ja auch Opfer- und Zeug*innenschutzprogramme, es fehlen Fachanwält*innen (und Schutz für sie), es fehlen Schutz-, Wieder_Eingliederungsprogramme, es fehlt praktisch überall medizinische, psychiatrische und psychologische Expertise und Behandlungskapazität. Es fehlen Standards und Kapazitäten zur Spurensicherung, zur Dokumentation von Übergriffen beispielsweise wenn Betroffene in Einrichtungen der Jugend- oder Eingliederungshilfe sind. Es fehlen die Perspektiven neurodiverser Menschen auf Anzeigen- und Strafprozesse, und und und noch so viel mehr.

Und das obwohl da Unrecht passiert. Und der Staat dazu verpflichtet ist, es zu beenden und zu verhindern. Das im Blick erscheint es mir fast als eine Art Derailing, die seelischen Folgen der Opfer so stark hervorzuheben. Damit wird die Gewalt – die organisiert und absichtsvoll in Gemeinschaften begangen wird! – individualisiert, also am Körper Einzelner manifestiert.
Das (die seelischen Folgen für Einzelne) ist ja aber nicht das einzige Problem daran, dass es überhaupt passiert. Diesen Spin vermisse ich an dem Video, aber auch
an vielen anderen Projekten und Aktionen, die versuchen der Öffentlichkeit das Ausmaß organisierter (ritueller) Gewalt aufzuzeigen. Denn ja – die Bereitschaft zu handeln und für Empathie steigt bei Kenntnis von Einzelfällen. Aber der Prozess zum Anstoß eines strukturellen Wandels kann nur durch Selbstverortung und Identifikation mit dem bestehenden System und seiner Strukturen erfolgen.

Wer nicht begreift, was organisierte (rituelle) Gewalt an den Strukturen für alle Menschen zerstört/gefährdet, kann gar nicht mitwirken etwas zu verändern. Deshalb fand ich es immer wieder gut, wenn Frau Hahn auf den Tagungen zu ritueller Gewalt in Münster oft betonte, dass Sekten zum Beispiel zutiefst antidemokratische Gruppen sind.
Organisierte Gewalt passiert nicht einfach so im Blauen. Sie passiert in dieser unserer Bundesrepublik Deutschland. Einem Land mit einem Grundgesetz, gewählten Vertreter_innen und einer umfassenden Verwaltungsstruktur, die jeden noch so kleinen Bereich des Lebens einer jeden Person, die hier lebt reglementiert, kontrolliert und verwaltet.
Es muss klar sein, dass jede zusätzliche Struktur, die gleichermaßen umfassend und tiefgreifend nicht nur in das Leben, sondern auch in das Sein, das Selbst, die Identität von Menschen hingreift immer auch diese demokratischen Strukturen an irgendeiner Stelle verdrängt, überschneidet, verletzt. Das geht gar nicht anders.
Wem es also wichtig ist, dass Demokratie herrscht, die_r muss genau das begreifen. Und zwar als Gefahr, die weit über ideologische Inhalte oder individuelle Befindlichkeiten und Stati hinaus geht.

Ich verstehe, dass das für Aufklärungskampagnen so nicht so einfach zu machen ist, weil man ja oft auch selber in problematische Strukturen eingebettet ist und in dem was man machen kann bei Weitem nicht so frei ist, wie es die Themen erfordern. Aber wenn man daran nichts ändert – wie will man dann so viel größere Probleme in so viel größeren Strukturen verändern? Wie will man denn, wenn man es nicht mal schafft, sich selbst frei und öffentlich zu äußern, wie man will und muss, Betroffene organisierter (ritueller) Gewalt genau das ermöglichen?

Und – einmal noch zurück zum Video – wenn „die Aufklärung“ die Betroffenen krank und leidend braucht, um die Brisanz und die Straftat aufzuzeigen – was ist mit denen die noch drin sind und gar nicht leiden, weil sie (noch, oder auch ihr ganzen Leben lang) gut funktionieren?
Denen passiert doch auch Unrecht.
Die dürfen wir bitte niemals vergessen.

Denn Opferschaft geht über das Empfinden von Leiden und Not hinaus. Es gibt so viele Menschen, die Opfer von Gewalt sind und es jeden Tag wieder werden und sich aufgrund dieser Verknüpfung gar nicht als solches identifizieren.
Wenn man sich darüber einig ist, dass das Gesetz allein definiert, wer Opfer wurde und wer nicht, dann muss diese Verknüpfung im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis gelöst werden. Dann gibt es keine Opfer von organisierter (ritueller) Gewalt, denn das ist keine juristische Kategorie.
Wenn man sich darüber nicht einig ist, dann muss man über Strukturen sprechen, die Opfern anders als mit juristischer Rechtsprechung begegnet. Dann braucht es einen neuen Diskurs über den Opferbegriff, dann braucht es eine neue Auseinandersetzung mit dem (sozialen wie rechtlichen) Status von Opfern. Dann braucht es Solidarität von Unbeteiligten, dann braucht Empathie, dann braucht es Mittel und Wege der Versorgung, der Zuwendung und des Schutzes ganz unabhängig vom Staat. Bumms.
Beides ist ungeheuer aufwendig und zäh und kompliziert und zuweilen fühlt es sich für mich als Betroffene auch nach einem Krieg der Ideologien an, obwohl ich weiß, dass keine der betreffenden Parteien Ideologien nachhängen. Justiz, Polizeiarbeit ist genauso wenig Hokuspokus wie Traumaforschung und Psychologie. Aber beide Seiten brauchen Objekte in der Arguementation. Und diese Objekte sind beim Thema der organisierten (rituellen) Gewalt die Opfer.
Das ist beiden, wenn nicht allen, wissenschaftlich fundierten Disziplinen gemeinsam – okay.
Unbeachtet bleibt dabei, dass es ein gewaltvolles Mittel ist und so dazu führt, dass man mit Gewalt gegen Gewalt vorgeht.
Meiner Ansicht nach ist das nicht der richtige Weg.
Deshalb habe ich das aufgeschrieben.