Tag 12: Dauerregen

Interessant ist, dass es uns Spaß gemacht hat. Im Regen fahren und allein sein auf den Wegen durch die kühle Landschaft mit den dampfenden Wäldern auf dem Weg nach Bad Karlshafen. 

Dort hatte noch kein Café auf, in das wir uns so nass und mit NakNak* hätten setzen können um einen Ausruhkaffee zu trinken. Darum sind wir nach einem Abstecher in die Touristeninformation gleich weitergefahren. Im ersten Abschnitt des Diemelradweges (der den Anfang unserer Route macht) gab es einen Unterstand im Wald. Da haben wir uns den Ausruhkaffee selbst gemacht und ein paar Episoden des Geschichtspodcast „Zeitsprung“ angehört. Sehr interessant. 

Dann haben wir einen Fehler gemacht. Weil wir uns nicht erkälten wollten (Schwitzen in Plastik und dann im Kalten sitzen wäre so ein Rezept dafür) haben wir über unsere Sweatjacke noch die Regenjacke angezogen – aber nicht wieder ausgezogen, als wir weiter fuhren. 

Angekommen in Hofgeismar waren wir nass bis auf die Haut. Und es regnete durch. Und regnet immernoch. 

Ohne trockenes Regenzeug können wir nicht raus in den Ort, geschweige denn weiterfahren.

Aber wir haben Glück. Der Campingplatzbesitzer hat uns eine freie Blockhütte angeboten. Die dient üblicherweise zur Lagerung von Gartenmöbeln, aber wir dürfen drin schlafen und unser Zeug zum Trocknen auslegen. 

Zum Schlafen ist es zu fremd und zu kalt – aber die Kleidung trocknet gut – das Regencape ist jedenfalls schon fast wieder trocken, was heißt, dass wir nacher eine Runde mit NakNak* gehen können. Die übrigens seit gestern mehr oder weniger tief mit uns im Zelt rumdöst und offensichtlich kein Problem damit hat, dass heute so wirklich gar nichts passiert.

Auf dem Weg hier her sind wir durch den Deiseler Tunnel gefahren. Ein alter Tunnel für die Carlsbahn, der heute für Wandernde und Radelnde frei ist. Und von Fledermäusen bewohnt. Und einige Meter zu Beginn stockdunkel. Wir wollten gerade umdrehen, weil wir trotz Radleuchte kaum etwas gesehen haben, aber dann ging in Bodennähe eine Reihe Lampen an. Hell genug für uns und auf den Boden gerichtet – nicht störend für Fledermäuse – total schön gelöst finde ich.

Für den Fall, dass ihr da mal durch wollt: von Bad Karlshafen aus, führt der Weg direkt durch, aber dann kommt ein sehr steiler Abstieg. Mit Rad + Anhänger und alleine ist es eine schwere Nummer runter zu kommen. Rauf aber sicherlich noch schwieriger.

Tja. Und sonst?

Ich merke, dass es irgendwo hinter mir arbeitet und Therapieinhalte bewegt. Ich bin froh um die Podcasts, die wir noch im Handy haben. Sie helfen etwas Abstand zu halten. Nicht, dass ich mich dem Bewegten absolut fernhalten will, aber ich merke, dass das zu viel für mich ist. 

Zumindest jetzt, wo wir vom Dauerregen ins Zelt gebannt sind. 

Hofgeismar ist die Dornröschenstadt, denn hier steht das Schloss zum Märchen. Wir spielen heute Dornröschenblatt und schlafen durch diesen Tag. 

Tag 10: in Höxter

… gibt es ein Unesco-Kulturerbe. Man höre und staune. Es ist eine ehemalige Klosteranlage der Benediktiner und vieles mehr – so alt ist das Ding. 

Das spezielle Erbe ist das hier:

Es ist das Welterbe Corvey bzw. der Blick auf das karolingische Westwerk. 

Wir haben uns einen 20 Minuten-Spaziergang in der Anlage gekauft. Es gibt aber noch Führungen, ein Museum und ein Café. Nehmen wir bei der nächsten Gelegenheit mit.

Es ist eine riesige Anlage. Wir laufen durch und versuchen uns vorzustellen wie das war. Damals. Vor 300- 400 Jahren. Leben in so einer Art Selbstversorgerkommune mit keinem höheren Auftrag als zu arbeiten und zu beten. 

Ich denke, dass es ein hartes Leben war. Aber vielleicht doch auch befriedigend. Was für Optionen hat man heute noch, sich derart institutionalisiert und gesellschaftlich halbwegs wertgeschätzt zurückzuziehen, um sich dem Spirituellen/Geistigen zu widmen?

Es ist doch seltsam wie (überwiegend) körperlich die Institutionen sind, in die man sich heute begibt, wenn man etwas braucht oder erlangen will, das aber doch oft auch erst einmal ein bestimmtes Mindset („geistigen Nährboden“/innere Bereitschaft) erfordert. 

Schulen zum Beispiel. Oder auch Klinken für Psychotherapie und Psychiatrie. Es geht um Alter, um Diagnose (im Sinne von „am Körper beobachtete Probleme“), Verwahrung und Kontrolle. Und natürlich um Entwicklung. Irgendwann dann. Wenn man es schafft allen die Zeit zu geben, die sie brauchen.

Beim Laufen durch die große Anlage dachten wir, dass es ja schön ist, wenn solche Stätten der inneren/geistigen Einkehr und auch Weiter/Ausbildung über so viele hundert Jahre erhalten und weiter gepflegt werden. Aber was ist damit jetzt wirklich gewonnen? Wäre es nicht gut, wäre das Ding heute noch für Bildung, Zuflucht, Einkehr und Heilung benutzt? Es wurde doch dafür gebaut? 

Später gingen wir durch die Altstadt von Höxter. Eine der ältesten Städte Norddeutschlands. Schöne Häuser gibt es hier. Viel Kultur und Interessantes. Man muss sich dafür wirklich mal ein langes Wochenende nehmen.

Morgen geht es noch bis nach Bad Karlshafen auf dem Weserradweg weiter. Danach geht’s weiter auf der „Märchen- und Sagenroute“ wie der hessische Fernradweg auch genannt wird. Bis nach Hofgeismar. Ab 9 Uhr solls regnen sagt das Regenradar. 

Mal sehen. 

Tag 9 (jetzt in echt): entspannt durch den Notfall

Das Tagesgewurschtel – man muss es uns verzeihen. Wir sind angestrengt und beschäftigt. 

Jedenfalls.

Auf die Frage wie furchtbar der Zeltplatz in Hameln für uns war, antworte ich mit der Weckzeit (5.30 Uhr) und der Information, dass es geschüttet hat wie aus Eimern. Und wir trotzdem losgefahren sind. 

Heute Richtung Holzminden bzw. Höxter. Das wären so etwa 60 Kilometer gewesen? Mit der Aussicht auf ein Mittagessen in Bodenwerder und einen kleinen Spaziergang durch Holzminden fuhr es sich auch klatschnass ganz gut. 

Kurz vor Hehlen hats dann geknallt. Einer der Anhängerreifen war bis auf den Schlauch abgefahren. Wir hattens kommen sehen – hatten nur gehofft, es bis nach Bodenwerder zu schaffen. 

Letztes Jahr wäre an dieser Stelle Schluss für uns gewesen. So eine müde, kalt, angestrengt-Mischung ist nicht das beste Add-on zu unserem im Moment doch recht flattrigen Nervenkostüm. Jetzt haben wir aber einen Joker. Der schwingt sich in sein Auto und kommt. Und dann ersetzen wir die Reifen und alles ist gut.

Dann frotzeln wir wieder rum und fahren bis Höxter. Da essen wir Essen das komisch guckt und blumig schmeckt. Alles ist gut. 

Außerdem gucken wir uns wieder aufwendige Fachwerkhäuser an. Gebaut 1554. Ist das krass oder ist das krass?

Alles ist so gut, dass ich mich immer wieder selbst beobachte und denke: „Hm.“. Auch, weil in meinem Oberstübchen gerade vor allem die hellsten Kerzen brennen. Nicht.

Wir haben uns einen Campingplatz ausgesucht und uns für morgen frei gegeben. Erholen von Hameln und heute, Wäsche waschen, ausschlafen. Stundenlange Podcasts aus dem Internet runterladen, denn unseren MP3-Player kriegen wir nicht mehr aufgeladen. 

Der Platz hat einen Anlegeplatz an der Weser. Da ist es schön. Da werden wir morgen sein.

Wir sind an dem Punkt von unserer Bedürftigkeit genervt zu sein und nicht wie sonst im Alltag irgendwas zu tun, was sie uns wieder irrelevant erscheinen lässt. Jetzt geht’s darum dranzubleiben. 

Tag 9: meeh

Am Morgen von Tag 7 regnete es noch immer. Gegen Mittag verzogen sich die Wolken und die Hitze verwandelte die Gegend in den Teutoburger Regenwald, der uns von zu Hause schon so bekannt ist.

Und so gefürchtet. Denn seit letztem Jahr haben wir immer wieder mal Asthmaattacken. Besonders bei feucht-warmer Luft und bei viel Pollenflug. Gerne auch mal in Kombination mit Lebensmitteln auf die wir nicht akut schwer, aber doch genug allergisch reagieren, um das Immunsystem insgesamt nervös zu machen.

Tag 7 begann also nass und träge und mittel motiviert. Über die Mittagszeit zu fahren ist nicht unsers und dann leitete uns die Route in der App auch noch auf einen Berg. Einen steilen Berg. 

Und dann auf eine Wand zu, die man wirklich nur mit dem Auto schaffen kann. Wir also hoch. 

Die letzte Wegmarke hatten wir vor 3 km gesehen und irgendwie konnten wir die Idee nicht loslassen, dass es nach jedem krassen Bergauf ja auch ein schönes Bergab gibt. 

Das Bergab gab es dann in Form von Schleimplasmaschlonz, der uns die Lunge abgedichtet hat. Ein Asthmaanfall. 

Das ist Erstickungsangst, die laut brüllend im Kreis rennen will, gegen das Wissen, dass jede Aufregung alles nur schlimmer macht. Trotzdem hab ich mein Zeug abgeworfen, das Rad und den Anhänger mit NakNak* abrutschsicher in die Böschung gekeilt und gedacht wie scheiße das jetzt wär, so kurz vor oben abzukratzen. 

Prioritäten kann ich Notsituationen nämlich besonders gut.

Wir sind im Moment auf dem D 9 bzw. dem Weserradweg unterwegs. Hier fahren einige Leute lang und ein Pärchen hat uns getroffen und geholfen. 

Die nächste Station war ein sehr deutscher Campingplatz mit Vanilleduft aufm Klo und 0 Internet. Wir haben 10 Kilometer und eine potenziell lebensbedrohliche Situation geschafft. Immerhin.

Tag 8 begann besser. Die Erholung hat gut getan und wir starteten mit dem Tagesziel „Hameln“. Die Rattenfängerstadt. Wir wollten hier Touristensachen machen, aber der Campingplatz hat unser Budget für Touriquatsch gefressen. Total ärgerlich. Auch weil es ein schlechter Platz ist. 0 Internet, 0 Ruhe, Frustpotenzial 500. 

Meeh. 

Morgen fahren wir bis Höxter. 

Ach und wir waren heute in Rinteln. Fahrt da mal hin. Die Altstadt ist schön. Hat einige Fachwerkhäuser, die nach Zillionen Stunden harter Arbeit aussehen. Und verschiedene historische Stadtführungen. Und freies Stadtinternet. 

Ich hätt jetzt auch gerne freies Internet. 

Meeh meeh meeh 

Tag 7: es unwettert

Tag 7 ist heute. Donnerstag. Gestern war also in Wahrheit Tag 6 und hoffentlich verwirrt das niemanden.

Wir starteten in Stolzenau und es radelte sich so durch bis Petershagen. Die Wege sind gut bis sehr gut. Manchmal gleitet es sich wie auf geschmolzener Butter und das war großartig, denn es war auch butterschmelzeheiß wenn man nicht gerade Fahrtwind hatte.

Wir machten Pause mit den Füßen in der Weser und Minden schon fast in Sichtweite. 

Später sprach uns ein Mensch in blauem Hemd an und fragt, ob er uns was für den Weg schenken darf. In der Hand hielt er ein Körbchen mit einer Zucchini und einer Gurke. Wir dankten und dachten, wie gut es sich anfühlt körperlich und herzlich so aufgebaut zu sein.

In Minden gibt es Freifunk, aber keine gute Ecke sich alleine und ohne etwas kaufen zu müssen auszuruhen. Wir googelten nach einem Zeltplatz und fanden einen am Weserbogen. Irgendwo zwischen Bad Oeynhausen und Rinteln. 

Zum ersten Mal sahen wir das Kaiser Wilhelmdenkmal im alten Brokkoli-Wald nicht vom Zug aus. 

Die letzten Kilometer waren hart. Grob geschätzt hatten wir schon 55 Kilometer auf dem Rad mit dem Anhänger dran und dem Rucksack auf dem Rücken hinter uns, als wir auf eine kleine Fähre mussten, um zum Campingplatz zu kommen. 

Es ist die Aussicht auf ein Foto auf der Weser und einen Platz, an dem wir nicht von Vorbeikommenden mit Wanderfloskeln bestreuselt werden, die uns auf diese Fähre bringt. Dieses furchtbar laute Ding, das gleichzeitig wackelt und fest ist.

Am Platz angekommen, erfahren wir von dem Regen, der vielleicht auch ein Gewitter wird. Einmal mehr wird es nicht schlimm schon wieder einen bezahlten Schlafplatz gewählt zu haben. Es ist unser erstes Gewitter im Zelt.

Als es da ist, rauschen die Bäume und die 2.50€ die das Internet zusätzlich kostet erweisen sich als gute Investition gegen ein Durchbrechen von Kinderinnenpanik. Aufmerksames Sondieren der direkten Umgebung ist jetzt nicht mehr drin. 

Der Regen bleibt bis heute. Tag 7. Wir haben uns damit abgefunden vermutlich erst morgen Hameln zu erreichen. Dort wollen wir mal ein bisschen mehr gucken, was es so zu gucken gibt.

Jetzt sitzen wir im Zelt und warten bis der Regen durch ist. Dann bummeln wir weiter. Die Devise des Tages lautet auf „trocknen und eine Ecke für die Nacht finden“.

Tag 6: Lass dich tragen

Tag 4 beginnt mit Sprühregen, der auf unsere Regenhüllen fisselt. 

Es zeigt sich: mit warmen Füßen und 4bar auf jedem Reifen, fährt es sich wie auf Wolken. Wir sind schnell. Wir sind irgendwie auf und weich durch den runden Abschied von Gisela. Wir schwitzen wie Obst in Plastiktüten, schließlich haben wir uns mehrere davon eingewickelt. 

Wir fahren durch sehr schöne Wanderwegabschnitte in der Lüneburger Heide. Sind allein mit dem Wind, der bunten Landschaft, NakNak*, uns. Irgendwann ist der Sprühregen eine Art feuchter Windnebel und wir steigen vom Rad. Laufen. Schieben. Lassen Gedanken kommen und gehen. Gucken, Atmen, sind.

Als wir in Neuenkirchen ankommen rufen wir unseren Gastgeber für Tag 5 und 6 an. Wir sind nicht mehr weit, aber so richtig schaffen können wir das nicht mehr. Wir fahren so lange wir können. Dann holt er uns ab. 

Wir erzählen wie viele Menschen und deren Worte und Herz.enswärme uns durch diese Tour und die ganze letzte Zeit tragen. Er nickt und sagt, was uns alle vermitteln wollen, für die es okay ist mit uns zu sein: „Komm lass dich ein Stück tragen“

Und wir lassen los. Ein bisschen. Laufen selbst, doch lassen es zu es leichter zu haben. Eine Fertigkeit, die uns im Alltag sehr schwer fällt.

Wir kennen uns nicht. Und doch. Twitterkontakte eben. Eigentlich guckt man sich darüber doch jeden Tag mitten in die Gedanken.

Wir reden. Wir essen.

Wir spielen auf der Playstation und planen einen gemeinsamen Tag an der Aller. Denn da sind wir jetzt. Niedersachsen statt Hamburg. Bäm.

Es ist schön. Viel. Viel Neues. Schönes. Von mir aus könnte das nie zu Ende gehen. 

An Tag 6 springen wir ein Stück unserer Strecke mit dem Auto. Wir baden in Nienburg bis die Haare nach See riechen und landen in Stolzenau auf einem Campingplatz direkt an der Weser. 

Wir hören Kühe muhen, Autos über eine Brücke rauschen und Camper mit den Vögeln um die Wette schwatzen. Die Sonne scheint. Es geht ein Lüftchen umher und streichelt die salzknusprige Sommerhaut.

Alles ist schön. 

So schön.

Tag 3: Gisela vom Bodensee

Am zweiten Tag fahren wir aus Hamburg raus und zwischendurch ist es eine Flucht vor dem Großstadtvielviel. Vor dem Haus der Fotografie sehen wir unsere erste Möwe. Unsere kiloschwere Spiegelreflexkamera vermissen wir jedoch nur bis es die ersten Steigungen zu schaffen gilt.

Wir fahren bis Harburg. Suchen Internet. Finden keins. Haben Sorge, dass die Komoot-App all unser Mobilinternet aufisst, denn verstanden haben wir die App noch nicht.

Nach Harburg kommt erstmal nichts. Und Wald. Um kurz vor 10 fuhren wir los – gegen 18 Uhr und 44.8km später schlugen wir das Zelt in einem Blair Witch Forst auf. 

Halb 4 Uhr morgens schrie ein mutmaßlicher Dachs durchs Gebälk. Das war aufregend. 

Am dritten Tag starteten wir früh, weil es sich einfach besser in einen Wald kacken lässt, der noch menschenleer ist. „Stilles Örtchen“ geht hier draußen eben so. 

Wir schaffen heute nicht viel und versuchen uns nicht frusten zu lassen, wenn Google anzeigt: für die heutigen 33 km hätten wir auch 1 Stunde und 20 Minuten brauchen können. Und nicht die 8 Stunden mit Pausenunterbrechungen, die es dann tatsächlich waren. 

Aber wir finden freies WLAN und damit einen Zeltplatz. Fahren nochmal zehn Kilometer überwiegend bergauf auf stark beschädigten „Straßen“ und landen auf dem Platz „Regenbogen“.

Wo heute auch Gisela vom Bodensee in ihrem Auto schläft. Gisela hat tolle Haare und einen knallbunten Dialekt. Die Wörter, die sie sagt, flattern umher und verzieren unser Gespräch wie Streusel einen Kuchen. Gisela kennt jemanden in Kanada und gibt mir seine Adresse. 

Gisela geht mit uns Pommes und Salat essen, weil das das einzig Vegane auf der Karte des Platzrestaurants ist und sagt, ihr platzt das Messer in der Tasche auf, wenn sie so Paare sieht, wie das neben uns. Wo er für sie bestellt und nicht mal fragt, ob das okay ist. Gisela ist Ende 70 und ich finde schade, dass sie so weit weg wohnt.

Vorhin haben wir geduscht und es bildete sich eine braungraue Pfütze um die Füße herum. 

Wir sind glücklich. Morgen geht’s weiter.

Tag 1: alles ist aufregend

und gleichzeitig auch wieder nicht.

Wir bummeln heute los. Mit der Regionalbahn nach Hamburg mit zwei Mal umsteigen und Unterstützung von Bahnmitarbeiter_innen.
Dort startet morgen unsere Radtour bis nach Sohrschied (Hunsrück), wo wir am Podstockbarcampfestival teilnehmen.

Alles ist aufregend, deshalb bummeln wir extra noch einmal mehr.
Eile mit Weile, beeile dich langsam, die schnellsten Straßen muss man langsam beschreiten…

Mir ist gerade aufgefallen, dass wir keine Angst mehr vor dem Bahn fahren haben. Weil es nicht mehr so laut zuviel ist. Weil wir Unterstützung kriegen. Weil wir wissen was wir machen, wenn wir da sind. Weil wir alles was wir brauchen bei uns haben. NakNak*, Essen, Zelt, Schlafsack, Fahrrad und Anhänger…

Auch so ein Alltagswunder wie so ein kribbeliges Hibbelalles eben doch nicht immer gleich Angst ist, sondern nur Aufregung.

Rechte haben

“Jeder hat das Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person.”.
Das war ein Satz, den ich Anfang der 2000er auf einer Demo aufgeschnappt hatte. Artikel 3 der allgemeinen Menschenrechtserklärung.
Damals war ich 14 oder 15 Jahre alt und begann mit “politischen Leuten” abzuhängen. Sozialistischen Leuten. Klar. Alle anderen waren Nazis oder nahe dran Nazis zu sein. Wenn man 14 oder 15 Jahre alt ist und in Ostdeutschland lebt, liegt es nahe die politische Landschaft so zu sehen.

Meine Leute hatten Namen wie “Schraube” oder “Henne”, trugen das letzte Hemd und standen am Wochenende lange in der von Touristen durchflossenen Innenstadt um Unterschriften gegen Globalisierung und Kapitalismus zu sammeln. Meine Leute waren transparent und konsistent. Sie haben mir nie irgendeine Falle gestellt, mich gedemütigt oder mir Fragen unbeantwortet gelassen.
Dass die allgemeinen Menschenrechte auch etwas mit meiner Lebensrealität zu tun haben, wurde mir durch unseren Kontakt jedoch nicht zugänglich.

Wir arbeiten bis heute daran uns als Mensch anzunehmen und einzuordnen.
Das ist der Schritt, den man getan haben muss, um die Menschenrechte mit sich in Verbindung zu bringen und der Schritt, der in unserem Fall ein großer ist.
Was für manche Menschen vielleicht schwer zu verstehen ist.

Wir haben kein Bild von uns als Tier oder Alien oder haben die Idee, dass wir ein göttliches Wesen sind. Wir sind nur nicht so selbstverständlich wie die Mehrheit in dem Bewusstsein ein Mensch unter Menschen zu sein.
Wir sind nicht einmal selbstverständlich damit von Menschen umgeben zu sein. Oder Teil einer Gemeinschaft zu sein, die mehr als eine Funktion hat bzw. vertritt.

Das ist eine Traumafolgestörung und unser Strickmuster.

Es ist schwierig diesen Text zu beginnen, denn es gibt viele mögliche Anfänge.
Ich beginne deshalb mit dem Satzteil, der uns am Besten ausdrückt, was wir da erleben: “aus der Welt gefallen sein”

Diesen Satzteil habe ich aus einem Bericht einer traumatisierten Person über sich und ihr Gefühl der Abtrennung nach einer schweren Gewalterfahrung und fand seitdem immer wieder ähnliche Formulierungen.
Viele Menschen, die nicht wie wir von Anfang an mit Gewalt auf.gezogen wurden, erlebten Gewalterfahrungen als etwas Außeralltägliches. Als etwas, das aus ihrem Leben heraussticht oder hineingreift. Eine Kluft auftut oder eine Mauer aufschichtet. Für viele passiert da eine ganz klare Grenze zwischen Vorher und Nachher. Zwischen Gut und Böse. Opfer und Täter_in. Zwischen Trauma und Normal.

Die Welt, von der sie sich getrennt erleben, ist die der Selbstverständlichkeit von Leben, Freiheit und Sicherheit der eigenen Person.
Denn das ist, was Gewalterfahrungen nehmen. Das Gefühl selbstverständlich heil zu sein, teilzuhaben, mit.einander zu sein.
Für manche Menschen sind es erst Gewalterfahrungen, die Gefühle von Demut für das eigene am Leben sein anstoßen.

Und wir?
Wir sind an dem Punkt, an dem wir sehen, dass es das für uns nie gab. Das Selbstverständnis von Ganzheit,  heil sein, sich ganz und gar mit Äußerem verbunden zu fühlen.
Als Jugendliche_r hat uns angetrieben wissen zu wollen, wie Leben ist, denn es hat uns fasziniert, dass zu leben ein relativer Zustand ist.
Das ist, was Depressionen und dissoziative Zustände geben können. Die Erkenntnis, dass man auch im Leben tot sein kann. Dumpf. Leer. Taub. Nichts.

Für uns ist es bis heute nicht normal, morgens in einem Bett aufzuwachen und zu wissen, dass wir uns grundversorgen können, ohne dabei beobachtet und kontrolliert zu sein. Es ist für uns nicht normal zu wissen, dass wir leben und Dinge tun können, wenn wir das wollen (und können).
Wir haben kein “vor dem Trauma” im Leben und auf eine gewisse Art trennt uns das von viel mehr als nur einem Normal, das keine Gewalt an uns enthält.

Es gibt so etwas wie ein allgemein gültiges Universalwissen in Gesellschaften. Soziale Konsense. Mehr der weniger klare Antworten auf Elementarfragen und –probleme. Dinge, auf die sich die meisten der Menschen einigen können – selbst dann, wenn sie sie nicht aussprechen.
Die meisten Menschen wissen einfach, dass sie leben. Dass sie Schutz brauchen. Dass sie Versorgung brauchen. Dass sie Nähe und Wärme brauchen. Für die meisten Menschen sind die eigenen Bedürfnisse keine Definitionsfrage, wie sie das für uns sind.

Wir finden uns immer wieder in Fragen und Zweifeln. In Unsicherheiten über die Räume und Zeiten, in denen wir uns bewegen. Sind froh, wenn wir einen Konsens für uns allein, in und für irgendeinem Zeit_Raum er.schaffen können.
Manchmal ist es leicht sich aus diesen Zweifeln zu lösen. Zum Beispiel, wenn sich diese durch alte Gewaltwahrheiten entwickeln.
Manchmal funktioniert es aber auch nicht. Zum Beispiel, wenn uns die Welt infrage steht, weil ein Essen komisch guckt oder wir uns mal wieder inmitten eines schwarzen Lochs zwischenmenschlicher Kommunikation befinden.

Für die meisten Menschen, die wir kennen ist Menschlichkeit etwas, das sich aus einem inneren Kern durch Handeln nach Außen zeigt. Als Barmherzigkeit, Wohltätigkeit – allgemeiner: eine Versorgung und Zuwendung, die lebenserhaltend oder –nährend wirkt. Manchmal geht es aber auch um Faulheit, Opportunismus und Rücksichtslosigkeit.
Für uns ist Menschlichkeit ein Status, den wir erst durch dieses Handeln erreichen können. Wir erleben keinen urmenschlichen Kern in uns.

Menschlichkeit ist für uns also mehr Ziel als Basis.
Und das ist eine der Klüfte im Ist und Passieren, die wir spüren.

Seit der Auseinandersetzung mit Autismus und dem differenzialdiagnostischen Abfuck, der mit daran hängt, fragen wir uns, welchen Ursprung das Gefühl des ewigen Andersseins denn “eigentlich wirklich” hat und erleben eine immer wieder aufwallende Verzweiflung darüber, dass wir keine Antwort in uns selbst dazu finden können.
Denn mit Autismus wird man geboren und mit genau diesem Zeitpunkt hat vermutlich auch schon das begonnen, woraus sich die Traumata entwickelten, die wir heute aufzulösen und zu verarbeiten versuchen.

Wir haben keine Sicherheit und Konsistenz über uns selbst. Wie sollen wir sie in Verbindung mit Äußerem haben?
Woraus soll sich so das Wissen oder die Überzeugung entwickeln, verbunden und mitgemeint zu sein, wenn es zum Beispiel um so etwas wie die Menschenrechte geht?

Weiter geführt zu dem Komplex um Wiedergutmachung, Genugtuung, Recht und Gesetz.

Wir haben uns vor Jahren darüber informiert, ob ein Antrag auf Leistungen nach dem OEG (Opferentschädigungsgesetz) für uns Sinn hat.
Wie so vieles, was wir nach dem Verlassen der Herkunftsfamilie beantragt haben, war auch das nicht wirklich etwas, das wir mit uns in Verbindung gebracht haben. Es ist etwas, das uns als mit uns in Verbindung stehend aufgezeigt wurde, nachdem man wusste, dass wir Gewalt erfahren haben.

Es war das gleiche Muster, wie das, was uns ursprünglich in Therapie brachte. Die Idee, dass es nötig sei, um heil zu werden. Ein normales Leben führen zu können. Alles wieder gut zu machen. Weil wir Gewalt erfahren haben.

Immer wieder geraten wir an Menschen, die nicht uns sehen, sondern ihre Ideen von uns als jemand, di_er Gewalt erfahren hat (oder viele ist oder oder oder…).
Zum Beispiel die Idee, dass Wiedergutmachung für uns möglich ist.

Wir wissen aber nicht, was genau das meinen soll. Was genau ist denn schlecht und könnte wieder gut gemacht werden?
Könnten wir eine gute Herkunftsfamilie bekommen? Könnten wir die guten Bildungschancen wieder bekommen? Könnten wir die Schäden aus psychiatrischen Behandlungen wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Schäden aus 10 Jahren Hartz 4 wieder gut gemacht bekommen? Könnten wir die Löcher im Lebenslauf durch frisch sanierte Lebensabschnitte ersetzt bekommen?

Oder geht es um uns? Sind wir das Schlechte, das passiert ist? Diesem sogenannten Menschen, als der wir von allen gesehen werden, die heute in unserem Leben sind. Sind wir der Schaden? Das Kranke, das Wiedergutzumachende?

Diffizile Frage, nicht wahr?
Man müsste uns Innens, die wir fühlen und denken, autark handeln und re_agieren, die wir Weltbilder und innere Überzeugungen haben, zur Krankheit degradieren und damit vertreten, dass der Rechtskörper, um den es bei einer juristischen Auseinandersetzung geht, nichts weiter ist als ein Fleischsack mit Krankheit drin.

Für manche Menschen ist es ein positiver Ansatz eine DIS als Ergebnis schwerer Gewalterfahrungen zu sehen. Diese Sicht folgt dem Drang nach Sinn und Kongruenz, den wir im vorletzten Artikel bereits beschrieben haben.
Im Rahmen von Opferentschädigung jedoch ist eine DIS (so sie denn anerkannt wird) ein entstandener Schaden.

Im Rahmen unseres Lebens und Seins jedoch ist es einfach nur so da.
Es ist weder die großartig tolle Selbstrettung zu der sie manche Therapeut_innen erheben, noch die zerschmetterte Seele von der all jene sprechen, die den Verletzungen dahinter mehr Gewicht geben wollen.

Wir finden uns normal. Sehen nichts schlechtes oder kaputtes in unserem Sein.
Wir sehen, dass wir heute dysfunktional sind. Heute, wo alles anders ist. Heute, wo “Danach” ist.

Für manche von uns ist genau das der Schaden. Dass heute “danach” ist. Dass es vorbei ist und so nie wieder passieren wird.
Für sie ist der Lauf der Dinge kaputt. Ihre Welt zerschmettert. Und es gibt nichts, was wir für sie in irgendeiner Form “wieder gut” machen können, denn ihre Verluste sind absolut und tiefgreifend.
Sie haben nicht nur sich selbst in Verbindung mit der Außenwelt verloren, sondern auch die Außenwelt. Die Familie*, die Familie°, die Freunde, den Sinn, die Vision und bestimmte Selbstverständlichkeiten.

Aber sowas kann man Menschen oft nicht begreiflich machen.
Wie wenig schlimm es sich auch anfühlen kann, ein Leben lang miss.be.handelt und ausgenutzt worden zu sein. Und zwar nicht, weil man sich einen Schmerz daran verbietet oder sich diesen Umstand schön redet, sondern, weil man es nicht anders kennt und als ganz üblichen Bestandteil der eigenen Existenz in sich trägt, wie andere Menschen die schönen Erfahrungen, mit denen sie aufgewachsen sind.

Wir haben den Antrag auf Leistungen nach dem OEG nie gestellt.
Genauso wie wir nie eine Anzeige erstattet haben und nicht vorhaben das je zu tun.

Das haben wir nicht getan, weil wir die Gewalt nicht in einen Kontext mit dem Strafgesetzbuch bringen können. Oder, weil wir kein Interesse daran haben, andere davor zu schützen oder zu bewahren, was uns passiert ist. Oder, weil wir glauben, dass, was uns passiert ist, eigentlich etwas Gutes und Richtiges war.
Es geht darum, dass wir sehen, dass das Eine einen Scheiß mit dem Anderen zu tun hat.

Wir würden eine Anzeige erstatten, wenn wir wüssten, dass es um Weiterentwicklung geht.
Wir würden eine Anzeige erstatten, gäbe es so etwas ein Vergebungsgesetzbuch.

Ein Gesetzbuch, das den Prozess der Vergebung regelt und jedes Interesse an Weiterentwicklung von Täter_innen, wie zu Opfern gewordenen Personen unterstützt, schützt und/oder überhaupt möglich macht.

Denn das ist, was uns fehlt.
Die Option selbst einzufordern, dass die Täter_innen sich mit ihrem Handeln bzw. dessen Folgen auseinandersetzen. Und zwar nicht auf einer Ebene der Strafen und Bußen – denn davon hat niemand mehr als Macht aus Gewalt, die ihrerseits überhaupt erst Täter_innen und Opfer er.schafft – sondern auf der Ebene, der Entwicklung zu einer Person, die selbst keine Gewalt mehr ausüben will und/oder muss, weil ihr das Bewusstsein darum, wen diese trifft und welche Folgen (für die man die Verantwortung übernehmen muss) das haben kann, nicht mehr abhanden kommt.

Zuwendungen an Personen, die zu Opfern wurden, sollten nicht nur aus Einmalzahlungen und Opferrenten bestehen. Gerade dann nicht, wenn die zu Opfer gewordenen Personen solcherlei Anträge nicht für einen gesetzlichen Opferstatus und Opferrente, sondern für gesicherte Bildungschancen, bedarfsgerechte Gesundheitsbehandlungen, gesellschaftliche Teilhabeleistungen, politisches Gewicht und Anerkennung als normaler (as in „legitimer“) Teil der Gesellschaft stellen.

Die meisten zu Opfern gewordenen Menschen, die ich kenne, haben kein oder nur sehr wenig Interesse an Rache oder Vergeltung. An Strafen oder Erniedrigung der Täter_innen. Die meisten kämpfen um ihr Weiter.Leben. Um Alltag, um Zukunft. Um sich selbst und darum, nicht immer wieder von der eigenen Geschichte eingeholt und behindert zu werden.

Wir denken uns heute manchmal, dass wir unsere Therapie von den Täter_innen zwangsbezahlt bekommen haben wollen. Unsere Assistenzbedarfe von Ihnen gedeckt haben wollen. Alles bezahlt haben wollen, was unser Hartz 4 – Regelsatz nicht abdeckt.
Wir wollen all die Optionen, die sie damals gehabt haben, umgegolten auf Optionen, aus denen wir heute wählen könnten.
Dabei geht es uns um Ausgleich. Nicht um “ausgleichende Gerechtigkeit”.
Die werden wir im Leben nicht herstellen können, denn die Gewalt kennt keine Gerechtigkeit.

Wir tragen schwer daran, die Dinge so hinnehmen zu müssen, wie sie sind. Hadern manchmal noch damit keinen Kontakt mehr zur Herkunftsfamilie zu haben und zu wissen, dass wir es sind, die sich seit 15 Jahren damit auseinandersetzen, was damals passiert ist und welche Wirkung es auf und in uns hatte – und nicht sie.

Ich könnte vor ohnmächtiger Wut aufschreien, wenn ich daran denke, was für eine lange Zeit der unnötigen Not wir durch- und überleben mussten, um dahin zu kommen, wo wir heute sind – während in unserer Familie* nachwievor die Erzählung ist, dass wir die undankbare, kranke, verrückte Tochter sind, die Behörden und Behandler_innen anlügt und von der auch sonst nichts mehr zu erwarten ist, als die Enttäuschung, die sie schon immer war.

Das ist einfach ungerecht und etwas, womit zu leben bedeutet, nichts anderes zu haben als “danach”.

Ein Danach, in dem wir zum Prozess gezwungen sind – und nicht sie.
Ein Danach, in dem wir völlig allein für uns selbst einstehen müssen, weil wir uns niemals darauf verlassen können, dass sich irgendjemand so sehr mit uns verbunden fühlt, wie es die eigene Familie idealerweise tut.

Unser Danach ist eins für das wir allein verantwortlich gemacht werden, weil wir das Davor abgelehnt haben.

Das wirkt sich auf uns bisher wie eine Strafe auf Lebenszeit aus.
Denn wir haben nichts als unser Leben selbst damit gewonnen, auszusteigen und wegzugehen.

Für uns ist das tatsächlich auch kein Gewinn, denn am Leben waren wir auch vorher. Es war ein Leben in manchmal lebensbedrohender Gewalt, ja – aber es war kein Leben mit Bittstellerbriefen, Bettelanträgen und Gekrieche um Hilfe und Unterstützung, um nicht in lebensbedrohliche Umstände zu geraten. Es war kein Leben, in dem jeder Cent zählt und auch kein Leben, in dem jede Entscheidung allein getroffen und getragen werden musste, nicht wissend, was passiert, wenn man nicht mehr kann.

Es war nicht besser. Es war nicht schlechter.
Es war anders und es war das Leben, das wir nun einmal hatten, weil wir es hatten. Einfach so.

Das Leben heute haben wir gewählt.
Und manchmal schwappt die Reue hoch. Bedauern. Trauer. Der Gedanke, dass das alles falsch ist. Eine Lüge, auf die wir reingefallen sind und die uns noch bittertief schmerzen wird.
Damit umzugehen ist nicht einfach. Und in einer Gesellschaft zu leben, die solche Gedanken und Ideen auch nicht von außen entkräftet, ist dabei nicht hilfreich. Im Gegenteil.

Häufig werden Menschen, die ihre Gewalterfahrungen mit.teilen verhöhnt und gedemütigt. Vielen wird nicht geglaubt, die meisten erfahren auf dieses Moment des Mit.Teilens erneut Gewalt, über die Relativierung und ausbleibende Anerkennung der persönlichen Auswirkungen der gemachten Erfahrungen.

Wie oft zu Opfer gewordenen Menschen der Vorwurf gemacht wird, sie würden ihre Erfahrungen nur für Aufmerksamkeit teilen, macht mich lachen und weinen zugleich. Denn was soll man bitte sonst tun, damit man später nicht gesagt bekommt, man hätte ja nie irgendwas gesagt? Oder sich dem Vorwurf entgegenstellen muss, “nur” ein schweigendes Opfer zu sein. Oder damit auseinandersetzen zu müssen, dass ja alle Menschen immer so unsicher sind, wie mit Menschen umzugehen sei, denen Schwieriges passiert ist, weil ja NIEMAND mal ENDLICH OFFEN ausspricht, wie es WIRKLICH IST.

Aber darum geht es am Ende doch wieder gar nicht.
Es geht darum, dass zu Opfern gewordene Menschen auch Zeugen und Zeugnis der Gewalt sind, der man sich so gern nicht widmen möchte, dass man sie so weit es geht ausblendet.
Sie werden aber auch zu einem Denk.mal für Unterlegenheit gemacht. Eine Erinnerung daran, dass niemand immer alles Schlechte, Schwere, Schlimme von sich fernhalten kann.

So können wir am Ende immer wieder nur sagen, dass es sich für nichts außer den eigenen Prozess lohnt, gemachte Gewalterfahrungen und Erfahrungen des Umgangs damit mit.zu.teilen. Denn: Menschen, die wahr.nehmen, was man da sagt, werden reagieren und diese Reaktionen sind nur selten, die die gut tun, helfen oder “sich lohnen”.

Wir haben selbst jetzt nach 9 Jahren der Selbstvertretung in Form des Blogs noch immer das Problem, dass die meisten Leser_innen nicht einmal begreifen, dass das hier kein Literatur-Lifestyle-fancy Kunstzeug-Roman ist, sondern ein politisches Statement, ein offenes Aussprechen, eine reale Er_Lebensrealität, die mit.geteilt wird. Manche verstehen auch nicht, dass es uns nicht darum geht, für Menschen mit DIS zu sprechen. Und immer wieder erreichen uns Fragen, die zu beantworten für uns viel zu weitreichende Verantwortungen nach sich ziehen.

Sich als jemand di_er Gewalterfahrungen gemacht hat nicht zu verstecken, sondern einfach nur da zu sein, ansprechbar zu sein und für sich und das eigene Er_Leben zu stehen, macht so viel aus und wird doch so oft nicht einmal als das wahr.genommen, was es ist. Und das ist doch krass, oder nicht?

Manchmal denken wir, dass wir uns hier verändern müssten. Denken, dass wir uns zu einer Art Entrepreneur_in für Trauma und Folgen machen müssten.
Einfach, damit es sich mehr lohnt. Auch finanziell.
Aber was wäre das dann? Das wäre der fünfigstmillardste Aufguss von Therapeut- und Mediziner_innenerkenntnis. Amateurisiertes Profitum für etwas, das nicht von oder aus uns selbst kommt, sondern aus ICD 10 und DSM 4. Geil. Much authentisch. Very insightful.
Nicht.

Das ist auch nicht, was die meisten Menschen suchen, wenn sie “Trauma” oder “Viele sein” googeln.
Die meisten suchen sich selbst oder jemanden, den_die sie kennen. Suchen Hoffnung auf Besserung, suchen Antworten auf Fragen, die sich selbst noch nicht richtig stellen können. Und so viele suchen nach Hilfe und finden doch eher unser Blog als irgendeine Stelle, die sie einfach anrufen können, um zu bekommen, was sie brauchen.

Wir können das Gesuchte mit dem, was wir hier tun, meistens in keinster Weise geben – aber mit unserer Präsenz zeigen wir an, dass sie nicht allein sind. Dass wir schon hier sind und von wo gekommen sind. Dass wir Dinge beobachten und sie gern anders hätten. Was wir worüber denken und, dass in uns mehr passiert als Elend, Not und Bedürftigkeit.

Für uns ist das viel und meistens auch genug.
Und gemessen an der Präsenz, die das Thema “Leben nach massiver Gewalt” oder “Leben nach der Missbrauchsschlagzeile” oder “Leben mit DIS” oder “Leben mit Traumafolgen nach Gewalt in der Familie” insgesamt hat, ist es ein Riesending.
Unser kleines Blog von Vielen voller Tippfehler, fehlender Satzenden und willkürlich auf die Texte gestreuselter Kommas.

Unser kleines Blog, das schon so lange da ist und bleibt und wartet und ist, wenn wir sind.
Es ist eine erhebende Erfahrung so wichtig für etwas zu sein. Wenn wir nicht wären, wäre dieser 1.241 Beiträge-Koloss nicht und das fühlt sich gut an.
Für solche Gefühle lohnt sich da zu sein.

Für das Gefühl für etwas wichtig zu sein, das dann vielleicht irgendwann für irgendjemand auch wichtig ist.

Manchmal bringt mich das Gefühl näher an Menschen.
Und dann verstehe ich, warum man allen Rechte dazu einräumt sich selbst und andere Menschen so zu erleben. So miteinander und nah.
Und warum man das sicher haben will.

Warum ich und wir uns von diesen Rechten nachwievor nicht so verbunden fühlen, wissen wir selbst noch nicht.
Vielleicht aber irgendwann.