Sonntag im Bett

Ich hatte gedacht, ich würde einen Tag brauchen, um meine Akkus aufzuladen, mich zu sammeln, auszuschlafen, mich zu fokussieren.
Jetzt weiß ich, dass ich ihn brauche und mir nicht selbst machen kann.

Ich habe einen Podcast gehört und gezeichnet. Mir fällt nicht mehr ein, worum es ging.
Ein Umschlag liegt im Regal. Der Name meiner Therapeutin steht drauf.
Heißes Zeug also. Pfoten weg, Nase raus.
Das verschwindet schon von allein.

Mein Herz klopft bis an den hinteren Teil meines Gaumens und nichts ist okay.
Ich merke, dass sich in mir irgendetwas anstrengt mir den Rücken freizuhalten, mich zu halten. Ich fühle diese Anstrengung als Schweißtröpfchen auf meiner Oberlippe.

Ich habe mal eben ein Comixxeblog gemacht und weiß nicht mal wieso.

Im Ofen bäckt Essen. Mir ist schlecht und schwindelig.
Am Freitag habe ich meinen Termin bei der Ärztin vergessen.

Vergessen, weil oder obwohl? ich nach der Therapie am Donnerstag auch noch das Gespräch zum Gutachten mit der Neurologin hatte.
Ich war so müde und zerrieben zwischen dem Therapiefieber, den Bilderresten, die mir im Kopf waberten und dem Austarieren, wie die Neurologogin zu uns steht. Zu uns und diesem Behindertending. Ich war da und sah den Wutmutigen beim Schnellreden und so- tun- als- wäre- alles- gut- tun, zu.

Es macht mich kaputt dieses: “Ja, ich weiß, dass du meine Behinderung nicht sehen kannst- kannst du bitte trotzdem die Behinderungen, an denen ich mich gerade abarbeite, sehen?”.
Und es macht mich nicht kaputt, weil manche Menschen wirklich einfach keinen Blick dafür haben oder ignorant sind, sondern, weil ich mir meine Schwäche, meine Müdigkeit, meine- diese- innere Anstrengungen noch immer nicht zugestehen kann, wenn mir niemand von außen bestätigt, dass sie da sind.

Ich weiß, dass ich das nicht brauche.
Ich weiß, dass mir die ganze Welt egal sein kann, wie sie mir wichtig ist.

Aber.

Blick ins You-(Tube)niversum

YouTube und wir- das ist so eine Sache.
Wir  werden das Ding ja voll rocken mit den Einschlafhilfen im Nature pur-Style- ist ja total klar- also so viel zur Position der Hannah Rosenblatt in diesem You-niversum – aber, andere Frage: Wann sind wir so alt geworden und wie kriegt man das wieder weg?

Vermutlich gar nicht. Trotzdem.
Aber will.
Also Anpassungs-TV. Nadia kennt ja immer die besten Schmink- und Kochtutorials und alles sowas und ich hatte ja zu Anfang diesen Jahres den Plan dieses Schminken auch zu machen und nicht mehr nur cool zu finden.
Ja… und dann hab ich gemerkt, dass ich morgens lieber gerne schlafe (und abends lieber ohne großartigen Sichtkontakt mit der Kopffront ins Bett falle) und es sich eigentlich doch nie lohnt mich zu schminken. Und das mit dem Kochen… ähem… Ja. Genau.

Seitdem schaue ich mir also unterschiedliche Videos an und will ich euch mal ein paar Kanäle empfehlen, die ich mag.

Im Moment schaue ich mir die Videos von Laura Isoke an, weil die noch am langsamsten sind.
Also sie schnasselt schön viel und macht nicht viele Schnitte. Das mag ich. Außerdem macht sie auch manchmal Videos mit ihren FreundInnen*, die gefallen mir auch am Besten.

Ansonsten haben unsere Lieblingsguys ja inzwischen schon einen zweiten YouTubekanal, wo man wunderherrliche Outtakes und sonstigen Killefit, außer ihren Musikvideos anschauen kann, was mir auch richtig gut gefällt.

Dann gibt’s noch den Hasslistenkönig aus Wien: Michael Buchinger, den ich allein schon wegen der Mundart feiere (aber auch wegen des Humors).

Außerdem in diesem YouTube: Coldmirror, die ich halt einfach mal feiere, because of darum halt. Kann man gar nicht so viel zu sagen außer: is halt einfach lustig bis hart an (und manchmal auch über) die Grenze. Guck ich gerne mal.

Jede Menge Denkthemen und so was haben wir zwar eigentlich schon der Uni, aber manchmal ist ein Thema doch mehr so noch Mauschel im Kopf und haben wir schon die einen oder anderen Momente des PING nach so einem Plätschervideo gehabt. Da gibt’s den Thinkingchannel, der noch mal so einen Bogen spannt, wo am Ende richtig was bei rum kommt.

Tjaaa und jetzt landen wir schon bei englischen YouTubekanälen. My jewish learning hat einen YouTube-Kanal, was ich auch cool find, weils mir manchmal leichter fällt zu verstehen, auch wenn ich nicht jedes englische Wort verstehe. Wenn ich auf deren Webseite lese und die ist voll gut und umfangreich, dann stolpere ich öfter über unbekannte Wörter und dann geht mir der Sinn flöten irgendwie.

Auch Horizont erweiternd finde ich feminist frequency, obwohl wir die Art Spiele, die sie oft erwähnt, gar nicht spielen. Aber es geht auch um Popkultur und allgemein Konsumkrams aus feministischer Sicht.

So. Fertig.
Ich dachte, es ist mal wieder ganz gut, was hochzuladen, das nicht wer weiß wie schwer und ächtzig zu lesen ist und ich hoffe natürlich, dass euch das ein bisschen gefallen hat.

Wir haben im August fast gar nichts groß gefilmt und überlegen jetzt noch ein bisschen herum, was wir so in Zukunft machen wollen. Irgendwie geht das eine Auge nicht richtig und das Hören schmiert öfter mal ab, das ist beim Filmen draußen dann voll verunsichernd und nicht mehr cool.
Bastelzeugs geht auch nicht so gut mit nur einem Auge, Redevideos ohne Gesicht auf dem Bildschirm sind bekanntlich auch eher meeh und Follow me around- Videos sind halt auch eher so mittelklug, wenn man nicht will, dass alle wissen, wo genau man wohnt. Wir brauchen also neue Ideen und so lange kann man sich unsere Naturschnarchvideos angucken.

Norm-, Name-, Vielesein

Es gibt Schmerzen in die man hineinsozialisiert wird. Die man als gegeben auffasst und sich immer mal wieder von der linken auf die rechte Schulter, vom rechten auf den linken Arm nimmt, während man sein Leben lebt. So ging es mir und uns mit dem Namen des Körpers und der Tatsache, dass dieser eine keine Entsprechung im Innen hat.
Es gibt so viele Menschen, die mit dem Namen, der ihrem Körper nach der Geburt gegeben wurde, unglücklich sind und ihn ändern, oder sich lieber mit einem Spitznamen benennen lassen, daneben kam mir mein Namensweh eigentlich nie außergewöhnlich vor.
Ungewöhnlich wurde er gemacht, als klar wurde, dass der Einsmensch “Cecile” nur total selten mit dem Spitznamen “Cecile” angesprochen werden wollte, sondern lieber “Hannah”  oder noch anders und das von Moment zu Moment immer wieder neu.

Wir sind Viele in einem Körper-Leben und unsere Namen werden manchmal als eine Art Handhabe oder Henkel zum Be-Greifen dieser Vielheit verwendet. Ich denke mir heute, dass so versucht wird, uns zu begreifen- uns ein bisschen vielleicht auch festzuhalten, um de Chance zu bekommen, mehr als nur einen kurzen Blick nach uns zu schmeißen und ein Bild entstehen zu lassen, in dem weniger Zweifel und Unsicherheiten auftauchen.
Ja, ich glaube sogar, dass manche Menschen, die von unserer Vielheit wissen, lieber unsere Namen auswendig lernen und auf ein Verhaltensclusterschema kleben würden (was für eine Arbeit!) als sich zu fragen, wo dieser Wunsch nach Eingrenzung und Greifbarkeit herkommt. Was er genau zur Folge haben muss, sowohl für mich und auch für unseren Kontakt.

Bei meiner ersten Gemögten gab und gibt es das stringente Vermeidungsmuster in ihr, das ihr das Nachdenken über diese Fragestellungen verbietet. Sie kann (und darf vor sich selbst) nicht über sich selbst nachdenken, weil ihr das Angst macht. Wir hatten uns damals auf einen Patt geeinigt und beschlossen, dass sie, wenn sie mit einem Innen zu tun hatte, das sie nicht kannte oder wir uns in einer Situation befanden, in der es wichtig für uns als Einsmensch, der sich und sein Innenleben erst noch kennenlernen muss, ist nach den Namen fragt und mit jeder Antwort zufrieden ist. Manche Innens haben ihre Namen gesagt, manche nicht. Dann hat sie sie nach dem Kontext benannt, damit eine Orientierung und Sortierung passieren konnte.

Ich hatte so die Chance zu merken, dass bei weitem nicht jedes Innen tatsächlich ein Innen ist, das einen Namen für sich selbst hat. Es gibt Innens, die sich selbst nicht als ein Selbst wahrnehmen und auf die Frage nach einem Namen nur sagen können, dass sie es nicht wissen oder keinen haben. Es gibt auch Innens, die auf jeden Versuch von außen irgendwie klassifiziert – be- (ange)- griffen zu werden wieder zerstieben wie eine Parfumwolke. Und es gibt Innens, für die ich einen Namen habe- die sich selbst aber anders nennen. (Ja, nein- es ist einfach nie kompliziert genug.)

Hier im Blog und in Medien, die mit dem Internet verbunden sind, tragen wir unseren Schirmnamen “Hannah C(ecile) Rosenblatt”, unter dem sich alle Innens eingefunden haben. Er passt für alle, obwohl er nicht genderneutral ist und ziemlich deutschklischeejüdisch klingt. Beim Jobcenter, der Krankenkasse, der Rentenkasse, in diversen Kliniken und bei ÄrztInnen- faktisch überall dort, wo Bürokratiepferdewirte ihre Amtsschimmel unterstellen, kommt der Körpername zum Einsatz und damit Innens, die entweder nichts mit dem Internet und unseren Projekten zu tun haben, oder eher beobachtend über allem schweben.
Wir haben für uns erkannt, dass es uns gut tun würde, den Schirmnamen ins analoge Leben zu bringen, weil es uns hilft nicht mehr so automatisiert umgekrempelt zu werden und mehr vom gemeinsamen Leben wahrzunehmen.
Mit “Hannah” wird eben nicht mehr nur Hannah angesprochen, sondern irgendwie auch wir anderen mit. Der Name ist an der Stelle eine Art Gummihaut, die ganz viel weiter ausgedehnt werden kann, als nur der Name, der mit der Geburt gegeben wurde.

Früher, als die Selbsterkenntnis: “Ich bin Viele und deshalb passt der Körpername nicht- es ist also okay, wenn ich mich unterscheide” noch frischer war, gab es diesen Drive, sich als Innen sehr genau zu definieren und von den anderen abzugrenzen. Da ging es ganz allgemein und bezogen auf alles, um die totale Abgrenzung, um sich selbst wahrzunehmen und vor sich selbst zu versichern.
Ich glaube, wir haben damit nach außen einen ziemlich nabelschaulichen Eindruck hinterlassen oder einen, der denken lässt: “Oh, die will also Viele sein, aha- diese Fakerin, ey.” oder “Die hält sich wohl für besonders “anders”.”. Heute kann ich sagen, dass ich nie Viele sein wollte, es aber leider nun mal schon war, als ich das bemerkte und, dass wir uns damals auch tatsächlich für besonders “anders” gehalten haben.

Heute weiß ich, dass ich schlicht den defizitären Blick der Psychiatrie gespiegelt habe und mich selbst in Abgrenzung zur (angeblichen) Einsheit anderer Menschen gesucht habe. Vielleicht auch suchen musste, denn in anderen Kontexten hatte (und hat ein bisschen bis heute) mein Viele- Sein ja gar keine Berechtigung bzw. keinen Platz.
In dieser Selbstkonstruktion, die in Abgrenzung zur nicht hinterfragten Norm des Einssein, war die Kenntnis der Namen also extrem wichtig. Ich habe eine innere Landkarte, die noch aus der Zeit kommt, als die Diagnose gestellt wurde. Es ist im Grunde nichts weiter als eine Namensliste, mit der man so eigentlich gar nichts anfangen kann. Also – sogar wir können damit heute nichts mehr anfangen, weil es dort nicht um die Dynamiken untereinander geht- nicht darum wer was macht oder denkt oder wen kennt usw., sondern darum, dass wir einfach da sind.
Name- batsch- Sichtbarkeit-batsch- WoakrassichbinVieleohmeinG’tt- batsch – das ist, was von all der Namensauflisterei nach heute fast 12 Jahren übrig ist.

Heute ist für uns klarer, worum es beim Vielesein eigentlich geht und welche Stellung darin unsere Namen für uns haben.
Wir haben sie als Fragment früher wichtiger Positionierungen und Abbilder in einem von absoluter Zerstörung bedrohten Selbst begriffen. Ein bisschen sind unsere Namen wie Zellmembranen, manchmal aber auch wie Zellkernhüllen. Sie haben mit uns zu tun – nicht mit dem Außen, das uns umgibt. Nicht mit den Menschen, die mit uns zu tun haben.

Ja, wir passen uns an das Außen an und dann tauchen dort jeweils andere Innens auf. Aber die Namen dieser Innens sind für den Kontext nicht relevant, sofern dieser nichts mit uns als Einsmensch, der Viele ist, zu tun hat.
Die Frage wann, was, wie viel oder wenig mit uns als Einsmensch zu tun hat, liegt aber nicht nur bei uns und das ein Stolperstein.
Einer der Angst und Druck macht, weil er außerhalb unserer Kontrolle liegt.

Ich gehe manchmal so blind für uns als Einsmensch durch den Alltag, dass ich nicht mehr bewusst habe, wie oft ich eigentlich nur reaktiv bin, um von mir irgendwie dämmrig, aber doch dringlich wahrhaft wahrgenommene Gefahren zu umgehen. Da spielen natürlich erfahrene Traumatisierungen mit rein und die Qualität eines Erinnerns an dissoziiertes Material- damit einhergehend aber doch auch meine Positionierung in Bezug darauf. Wenn ich etwas nachfrage, oder erfahren will, dann frage ich mit meinem spezifischen Sein und Fähigkeiten nach- nicht mit dem Sein, dass dieses – Ich, M. von und zu Rosenblätterbuschdings- Sein – nicht immer und frei steuerbar aufrufen (anschalten) kann.
Deshalb ist es für mich Druck, wenn Außenmenschen wissen wollen, wer ich bin. Wie ich heiße. Wenn Außenmenschen nur mit mir reden wollen und nicht mit anderen Innens. Ich kriege Panik, weil ich weiß, dass ich mich nicht an- und ausmachen kann. Weil ich weiß: Ich kann dem Wunsch des Menschen, der dort mit mir sprechen will, nicht verlässlich und sicher entsprechen. Ich kann mich nicht anpassen- ich kann nicht gewinnen- ich bin ausgeliefert- ich bin bedroht- ich werde sterben – globaler Alarm- die Welt plumpst aus ihren Angeln und alles geht kaputt, nur weil _ich_ …
Für Menschen, die nicht in genau solchen real (lebens)bedrohlichen Ereignisketten sozialisiert wurden, klingt das vielleicht übertrieben. Für mich ist das Er-Lebensrealität, die durch mich durchflutscht wie Petroleum durch ein Schaf.

Das geht nicht weg, indem ich mir sage: “Ich bin erwachsen und mein Überleben hängt nicht mehr davon ab, wie gut jemand mich behandelt.”. Im Fall des Falls ist eine Erinnerung daran gut, die Bedrohung, die ich davon erlebe, ist aber nach wie vor da und meine einzige Strategie damit umzugehen ist, immer wieder zu sagen: “Ich bin Viele und das weißt du, weil du entweder danach gefragt hast oder mich als Mensch der Viele ist, kennengelernt hast. Du weißt das nicht, weil es relevant für dich im Umgang mit mir als Einsmensch ist, sondern um mich zu verstehen und aufgrund dieses Verständnisses meine vielen Äußerungen und Ver- Haltungen einsortieren zu können.”
Mehr kann ich leider für meine Gegenüber nicht tun.

Eine unserer Gemögten spricht öfter mal von der Unsicherheit, die sie hat, wenn es um Menschen, die Viele sind, geht. Sie will nichts falsch machen, will nicht zu weit vortreten, will nichts, was zu zu viel führt verursachen. Sie wünscht sich Sicherheiten in mitten dieser Vielheit, die sie und das Verhältnis, in dem sie sich mit Viele- Menschen bewegt, umschwirrt und ich mag sie dann immer wieder gerne in Wattewölkchen einwickeln, damit sie diese Angst besser aushalten kann.
Mir zeigt ihre Unsicherheit immer wieder, wie sehr etabliert die Einzelheit von Menschen, das Einssein, als Norm gilt und wie wenig Platz darin für Vielheit ist. Man geht bei Vielheit davon aus (bzw. das ist das allgemeine Framing), dass viele unterschiedliche Systeme involviert sind, die unver_eins_bar in einem Menschen miteinander kämpfen. Diese “innere Kämpfe” –Metapher findet sich überall und dient nicht zuletzt als fast Rechtfertigung für Psychotherapie und Veränderung der Rahmenbedingungen durch (sozial)pädagogische Interventionen. Dabei sagt “Vielheit” erst mal gar nicht mehr, als einfach nur “viel” bzw. “nicht nur eins”. Es ist ein anderer Normrahmen- ein anderer innerer Kontext und genau deshalb ist dort Unsicherheit. Es ist fremd, vielleicht nicht selbst in sich gefunden, bewusst und/oder etabliert. Heute, wo wir Menschen in Städten zu tausenden- in unseren Wohnungen aber immer häufiger allein leben, ist das Konzept der Vielheit vielleicht sogar noch fremder und ferner, als zu Zeiten, in denen das Weltbild noch aus vielen Göttern und Göttinnen bestand und unsere Lebensumgebungen auf Gruppenstärken ausgelegt war.

Es gibt viele Sagen, Mythen und Fabeln, in denen Menschen auch Götter auch Tiere auch Moral auch Gedanke auch Kraft auch Gefühl auch Umwelt sind. Also (ein bisschen über einen weit gespannten Bogen gehopst): viel(e) sind.
Heute sind diese Selbst-e- Bilder, krank, speziell, fremd und auf eine Art dargestellt, die letztlich immer wieder transportiert, dass sie keine Norm darstellen, weil sie nicht der Norm der Einsheit entsprechen. Die Sozialisierung der (westlichen) Menschen donnert von Anfang an die Denkmuster: “Wenn etwas nicht der Norm entspricht, musst du es so markieren. Wenn du damit zu tun hast, muss es bis ins Kleinste verstehen und durchschauen- sonst macht es dich vielleicht tot.”.
Es ist also nur logisch und verständlich, dass sich meine Gemögte unsicher fühlt. Sie muss sich auf eine Norm einlassen, die sie selbst nicht lebt und in deren Verstehen sie auf die Worte aus einem Normkontext, der keinerlei äußere Entsprechung hat (und damit für sie auch keinerlei Versicherung in den Kontexten, die sie lebt und kennt) bauen muss. Sie muss sich auf Unstetigkeit, stetige Veränderung und Wandel ohne für sie immer gut erkennbare Ursachen und Logiken einlassen und hat nur das als Konstante.
Gleich ist die Ungleichheit. Stetig ist die Unstetigkeit. Sicher ist die Unsicherheit. Die Einzelheit ist die Vielheit.

Mit jedem Mal, das ich meinen Namen sage und nach außen bringe, macht die Rezeption der Einsmenschen mein Selbst zu einer Einsheit, die ich nicht bin und heute, wo der innere Wunsch eben nicht mehr die innere Vereinzelung nebeneinander her ist, sondern das Strömen vieler in eine gemeinsame Richtung, auch nicht mehr sein möchte.
Ich mag nicht verleugnen, dass ich es manchmal gut finde, wenn das außen merkt: “Ah okay, das ist die Theoretikerin bei den Rosenblättern- die M.- yeay wir können jetzt diese und jene Diskussion führen, die mit anderen Innens nicht gleich gut funktioniert”, letztlich kann man diese Diskussion aber auch einfach anfangen und ich werde auftauchen, wenn es geht.
Man muss mit manchen Themen nicht warten, bis “das passende” Innen da ist. Man muss meinen Namen nicht kennen, um bestimmte Dinge mit mir zu unternehmen. Niemand außer mir braucht meinen Namen.

Es ist kein echter Verlust, wenn man ihn nicht kennt. Es ist ein gefühlter Verlust im Bereich der Sicherheit und damit Kontrolle, ja. Aber ich fange doch auch nicht an, selbsterklärte Einsmenschen in Vielheiten zu zerhacken, damit ich mir ihre (Er-) Lebensrealitäten näher an meine Norm bringen und darüber dann sicherer mit ihnen interagieren kann.
Nur, weil ich etwas möchte und nicht kriege ist es kein Verlust oder immer sofort eine Gefahr.

Ich musste gerade lachen, weil gerade der letzte Satz so ein riesengroßer Wunderwasweltangelsprung für uns Rosenblätter immer wieder ist. Für uns bedeutet der Satz, dass wir unsere Panik in Bezug auf dieses Leben mit uns drin und um uns herum runterschrauben dürfen. Dass wir da sein und überprüfen dürfen, was wirklich unser (biologisches, psychisches) Leben bedroht.
In Bezug auf Außenmenschen und unsere Namen als Innen in dem Körper der Hannah C. Rosenblatt heißt, bedeutet er vielleicht, dass sie atmen und überprüfen dürfen, dass ihnen nichts kaputt geht, wenn sie sie nicht wissen. Dass ihnen keine Gefahrenlage dadurch entsteht, wenn sie uns nicht kontrolliert einschätzen können.

Angst kennen wir alle so gut, dass es vielleicht gerade im Umgang miteinander darum geht, dass wir uns auf das, was sicher aneinander ist, zu konzentrieren um es in uns selbst zu etablieren.
Vielleicht.

Stigma, Enigma und was Outings eben nicht schaffen

In meinem Traum kamen die Worte ganz flüssig und glatt. Sie strömten aus mir heraus und schmiegten sich perfekt an das Denken meines Gegenüber an. Das war ein Reden übers Nichtheterosein, NichtFischnichtFleischnichtSojabratling-schlicht nicht konsumier-vereinbar_t_barsein. Das war ein Reden, das genau gemacht hatte, wofür Sprache, Worte, Kommunikation da ist.
Das war ein Traum, dessen Schmerz mit dem Aufwachen kam und auf seine Art weniger als 100 nicht heilende Wunden beim Bluten begleitet.

Anfang der Woche gab es eine kurze Spitze von Steinmädchen um den Tumblr “Ich bin in Therapie”. In meinem privaten Umfeld habe ich mich als queer ~~~ lesbische Person geoutet, die aus Angst und Unwillen zur Rechtfertigung des eigenen Seins vor ebenfalls jüdischen Menschen nicht in eine nichtliberale Gemeinde konvertieren will.
Ich habe mich in der letzten Woche mehrfach als schwerbehinderte Person und mich vor mir selbst als überfordert, müde, kaputt, schwach, kämpfend und ungerächt geoutet.

Man sagt das immer so: “geoutet”, dabei komme ich eigentlich aus gar nichts raus, sondern nehme die Hände aus den Taschen und trage kurzärmlig; spreche offen und ehrlich, statt meine Füße zum Vermeidungstänzchen zu schwingen.
Ich verwende keine soziale Enigma mehr, um mit diesem verschlüsselt, verdrehten Ich bei irgendjemandem als normal* anzukommen.

Mein Eindruck ist, dass “die Alten”, die heute die 50 bis 60 hinter sich haben, die Flucht nach vorn gut überstanden haben. “Ich bin schwul/lesbisch/anders als andere und bin trotzdem toll/ das ist gut so/ hat jede/r* zu akzeptieren!”. “Jede/r ist wie er/sie ist und das muss man tolerieren.”, “Alle können machen, was sie wollen…”. Einige (viele? die, die ansonsten eh schon eher privilegiert sind?) haben trotz ganz viel “trotzdem” ihre Positionen in der Gesellschaft ™ erkämpft und es geschafft, sie sich nicht abtrotzen zu lassen.

Ich habe das Gefühl heute nicht vorne flüchten zu können, weil da dauernd schon irgendjemand steht und mir erzählt, was ich da gerade tue und wieso und was das _eigentlich_ bedeutet und für Folgen für die ganze Welt haben kann.

Ich sage zum Beispiel: “Hey hm, ich glaube nicht, dass ich es verkraften kann, mich mit anderen jüdischen Menschen über mein lesbisch queer irgendwas sein, als “Entscheidung gegen G’tt” zu unterhalten.” und die Reaktion ist: “Hey ja hm, kenn ich, aber Homosexualität…”
What the fuck?! Ich rede über mein Sein- meine Identität, mein Ich und nicht nur über meine Sexualität. Wieso bestimmst du mein Thema?
Jedes Mal- auch gerade, wenn ich meine Schwerbehinderung erwähne, wird von mir ein “Aber ich komme gut zurecht” erwartet. Ein “trotzdem ist mein Leben prima”.
Nein, das ist es nicht. Die ganze letzte Woche war für mich so anstrengend, so zehrend, so mürbend und schmerzhaft, von Peinlichkeiten und dem Gefühl einfach nie zu genügen bestimmt – wer zum [piep] würde nach so einer Woche auf eine Erwähnung von Hilfebedarf ein “Aber eigentlich ist alles toll” nachschieben?!

Ich habe bei diesem bescheuerten Anti- Stigma- Tumblr sofort daran gedacht, dass sich so einen Quatsch nur Menschen ausdenken können, die randomly mitstigmatisiert werden. Zum Beispiel PsychologInnen*, PsychotherapeutInnen* und MedizinerInnen*, die, weil sie den ganzen Tag mit “Kranken” und Irren zu tun haben, selbst als “irgendwie krank” und irre gelten.
Die brauchen die Entstigmatisierung der “Kranken” und Irren, damit sie es selbst schön gemütlich haben in ihrem Nest aus Deutungshoheiten und RetterInnen*keksen ans Bett.

Wer heute noch glaubt, dass Entstigmatisierung damit beginnt, dass sich Stigmatisierte, als stigmatisiert zu erkennen geben- Wer heute noch glaubt, dass das “sich selbst outen” und offen mit seinem Sein umgehen, zur Folge hat, hat nichts mehr verborgen bleibt, der irrt und hat seine eigene Enigma laufen.
Jemand, den man ausgrenzt, hat man ausgegrenzt – ihn also in eine andere Sprache übersetzt, ihn rassiert; ihn klassiert, darüber degradiert und diskriminiert. Zu glauben, jemand, der einem in einer als fremd markierten Sprache sagt: “Du stigmatisierst mich- lass das mal!” würde schon richtig verstanden werden, grenzt an ein Maß von Ignoranz, das sich nur erlauben kann, wer davon keinen Nachteil zu erwarten hat.

Ich hätte mit meinem Sein weniger- vielleicht auch gar keine Probleme, wenn es nicht immer wieder in Abgrenzung zu anderen Menschen bzw. einer (angeblichen) Mehrheit konstruiert würde.
Anti- Diskriminierung, Anti-Stigmatisierung funktioniert nicht über das Gleichheitsprinzip, nicht über Toleranz und Mehrheitlichkeitsymbolik, sondern darüber, schlicht nicht zu diskriminieren bzw. zu stigmatisieren.
Die Ausgegrenzten™ immer wieder dazu zu bringen bzw.. dazu bringen zu können, sich vor Menschen, die mittendrin sind, zu outen, sich zu öffnen ist ein Privilegmarker. Die Äußerung anderer Menschen darüber, schwul/lesbisch/queer/ “irgendwie anders als, das was die Mehrheit ist/tut” zu sein, zu einem Outing, einer Offenbarung – einem Ereignis, das für andere Menschen als jene, die es äußern passiert- zu machen, ist bereits ein Akt der Ausgrenzung.

Ich habe diese Gedanken auch oft, wenn ich mich als Opfer von organisierter Gewalt sichtbar mache.
Ständig ist da dieses Gefühl, dass es als Outing oder Geheimnis aufgefasst wird, weil mein Gegenüber noch nie oder nicht oft, oder tatsächlich nur im Geheimen mit anderen Opfern organisierter Gewalt zu tun hatte.
Als wären Mobbing, Stalking, jeder verdammte Shitstorm nicht auch eine Form (mob)organsierter Gewalt. Als sei Opferschaft etwas, das man nicht als Selbstbezeichnung haben kann und/oder nicht auch in gewisser Weise zum Selbstbild zugehörig empfinden kann.
Jeder Mensch ist schon einmal zu einem Opfer geworden. Jeder Mensch auf diesem Planeten unterliegt jeden Tag einer Macht/Kraft/ Gewalt, die über den eigenen Möglichkeiten liegt.
Man muss Opferschaft nicht zu einem extremen Paradiesvogel menschlicher Selbstpositionen machen. Sie ist – losgelöst von juristisch/staatsgewaltiger Machtsysteme-  so normal* wie TäterInnen*schaft.

Ich bin es leid mich gleich machen zu sollen.
Ich bin nicht gleich mit anderen Menschen und habe noch nie zwei genau gleiche Menschen getroffen.

Für mich bedeutet das in Bezug auf Antidiskriminierungsarbeit, wie auf Antistigmatisierungsarbeit, sich genau zu überlegen, was man eigentlich ansprechen will. Was sagt uns denn “Ich bin in Therapie”?
Da geht’s nicht darum seelisches Leiden als Norm zu markieren und Psychotherapie als Option damit umzugehen, was meiner Ansicht nach viel sinniger wäre- sondern darum, das Stigma ganz gezielt nicht im Kopf der Stigmatisierenden zu suchen. Was wiederum wem nutzt?

Eben.

Wer das Blut aus den Stigmata der Stigmatisierten schon nicht sehen kann, sehen will  und seinen Anteil an der Verletzung der Stigmatisierten immer und immer wieder verleugnen kann und darf, der ist nicht der richtige Mensch um über ein Ende dessen zu sprechen.
Ganz einfach.

ein Nachmittag mit Erkenntnis

“Jetzt hat sich mein Auge wohl ganz verabschiedet”. Ich denke den Verlust zu einem Klumpen Erkenntniskalk und bröckle ihn mir auf den Schreibtisch.
“Wie gut, dass es ein Projekt ist, das nicht perfekt sein muss und ein bisschen … therapeutisch wert -vollbetankt… auch nicht perfekt sein soll.”.

Trotzdem.
Das Kind zum Auge klebt mir wie eine Fliegenfalle hinter dem Gemüt und schmaucht seinen Unbehagensgnatsch zu einer Aura um mich herum.
Es stresst mich, mich nicht auf meine Sinne verlassen zu können. Es stresst mich, so viele fast lauter “DAS DA” herausbrüllende Kinderinnens auf dem Arm zu haben und gleichzeitig meine Sachen zu regeln.
Ich bin bei meiner Kommentiererei nach innen geblieben, obwohl ich merke, dass ich vor allem mich damit beruhige und nur ab und an etwas davon da ankommt, wo ich es haben will.

Heute Mittag wurde ich, beim Überqueren einer Straße, fast angefahren. Ich hatte nicht gemerkt, dass sich mein Hören zu einem Rauschen verändert hatte. Zusätzlich zum Nichtsmehrsehen auf dem linken Auge.
Immerhin hatte mir der Schreck das Bewusstsein für die Unvollständigkeit meiner Sinneseindrücke ermöglicht.

“Ich glaub, ich hab sie nicht mehr alle”, tippte ich in eine SMS an meine Gemögte.
Sinnesausfälle sind für mich worst case Symptome. Das ist mehr als “Oh ich habe ein bisschen Stress- mal auf den Schlaf, die Ernährung, die Bewegung, die Versorgung des verletzten Innereiengekröses fokussieren”.
Es gehört zu genau der Art apokalyptischer Reiter, wie das Kinderinnen mit dem Auge. Auf ihren Fahnen steht nicht: “Bitte eine Imaginationsübung zur Rettung der inneren Landschaft”, sondern: “So, ich mach das jetzt hier. Ich bin das Notstandsgesetz und ich tue, was ich will. (because of fucking darum)”

Sie forderte mich auf zu fühlen, wo “sie” denn jetzt hinfließen. Ob ich das spüre. Ob ich mich an unsere gemeinsame These erinnere, nach der jedes abgetrennte Wahrnehmen (dissoziierte Inhalte allgemein) als etwas irgendwo neu oder fremd wieder auftaucht.
Was ich spürte, waren knallharte Muskeln, galoppierender Puls und eine Art Machtbewusstsein mit Namen irgendwie genau darunter.
”Mit so einem Selbst- Bewusstsein würde ich auch aufs Hören und doppelgesichertes Sehen verzichten können.”, dachte ich.

Meine Gemögte fragte, was ich noch erledigen müsste und später, ob sich für mich etwas verändert, wenn ich mir das Vorhaben “zum Gericht gehen” nochmal ganz genau in allen nervigen Kontexten und Einzelheiten vorsage.
Ich hatte die schon gar nicht mehr im Kopf. Also noch eine Stufe weiter zurück. Kontext sammeln.

Gerade frisch dem Tod von der Motorhaube gehopst, taub und halbblind, fängt Frau* Rosenblatt erst mal an sich zu überlegen, warum sie eigentlich gerade tut, was sie tut und versucht dabei nur halb so dämlich auszusehen, wie sie sich fühlt. Klassiker since ever.
Es hat aber geholfen. Im Laufen habe ich mir selbst alles nochmal erzählt, mir die Berechtigung für mein eigenes Handeln versichert und nebenbei noch etwas von diesen Inhalten unter meinen Puls geschickt.

Ich konnte die Beamtin im Gericht gut verstehen, die mich fragte, zu wem genau ich denn wollen würde und mir damit aus Versehen fast das Hasenherz hat explodieren lassen.
“Wenn ich auf jemanden wie mich aufpassen müsste, würde ich wohl auch drauf achten meinen Puls nie zu weit absinken, die Muskeln nie ganz entspannt zu lassen…”
Ach Erkenntnis- why so schmerzhaft immer wieder?!

Nur das mit dem Auge klappt so nicht.
Warum weiß ich noch nicht.

Wie gut, dass mein Projekt nicht perfekt sein muss. Wie gut, dass ich dafür auch ein bisschen halbblind sein kann.

 

(und wie- ein bisschen- gut, dass da jemand oder etwas in mir so viel weniger Sicherheiten als ich braucht, um im Fall des Falls auch agieren zu können- das ist so krass wie ein persönliches Hulkbaby)

because…

Es hat etwas damit zu tun Haltung zu wahren und sie unmerklich zu verlieren.
Dieses Nichtweinen, Nichtausruhen, Nichtstillhaltenlosrennen. Diese Implosion, über die ich hinwegsehe, als wäre sie nicht da, um doch auf Zehenspitzen drumherum zu tanzen.

Ich will das, ich kann das, ich mach das. Nicht obwohl, sondern weil.
”Because of fucking darum”, wie die andere neulich in den Waldboden spuckte.

Ich halte mein Leben, den bürokratischen Teil meines Lebens, jetzt den vierten Monat in meinen klapprigflatternden Händen und bin dabei irgendwas zwischen Pisas Turm und Jenga unter Kindergartenkindern.
Ich stehe für meine Fehler, Fehl- und Falschangaben gerade, unterzeichne mit einem Namen, der mich Würgen lässt. Ich gehe ans Telefon und rede, auch wenn ich falsch angesprochen werde.
Ich hab aufgehört vor Unrache zu heulen, hab mir das Atmen gegen das Zwerchfell angewöhnt. Ich bin so cool wie Espenlaub und smooth wie Apfelmus.
Und versage mit Pauken und Trompeten.

Wer hätte das gedacht.

Mir helfen Fremde* im Internet besser, als der zuständige Dienst meiner Stadt. Selfpedia– ich danke dir <3

Meine Haltung ist mir aufgefallen.
Vorhin, heute Nachmittag im Schaufenster gegenüber des Geldautomaten, der mir kein Geld ausspuckte.

Ich sehe geschlagen aus.
Nieder geschlagen.
Bucklig, schief und krumm.

Schonhaltung ist der Vermeidungstanz des Körpers.
Meine Körperteile winden sich um Schmerzpunkte herum, schlagen Haken und zurren sich gegenseitig fest. Damit keins, aus Versehen, herunterfällt.

Mir fällt schon was ein. Ich krieg das schon hin. Nicht trotzdem, sondern weil. Atmen. Kopf hoch. Weiter weiter, von stehenbleiben verändert sich nichts, Herzi. Zack Zack.

Mir ist meine Haltung aufgefallen, als ich am Herd stand und bemerkte, dass ich Hartzpanik esse.
Das ist Essen, das es eigentlich gar nicht recht aus der Packung auf den Herd in ein Geschirr in mich hineinschafft, sondern mit geschlossenen Augen und angehaltenem Atem reingedrückt wird, damit man satt ist, bevor alles weg ist.

Mir ist eingefallen, dass ich im ersten Hartzjahr genau so in meiner winzigen “Küche” stand.
Mein Rücken tat weh. Meine Beine. Meine Haut. Aus Gründen, die ich bis heute nicht kenne.

Aber meine Kundennummer. Meine Kundenidentifikationsnummer vom Jobcenter hatte mir ein Haltungskorsett angelegt.
Man nannte es mal ”Stütze”. Aus Gründen, so scheint mir.

Natürlich könnte man es auch Käfig nennen. Sagen, dass wer darin getreten und nieder_geschlagen wird, auch einfach nie die Haltung verlieren kann. Selbst wenn er wollte.

Morgen stelle ich meinen zweiten Eilantrag auf gesetzliche Betreuung.
Morgen rufe ich in der Praxis von einer Medizinerin* an, die sich mit Schmerzbehandlung auskennt.
Morgen wird mir schon was einfallen.

in 50 Tagen sehen wir das Meer
und dann können wir uns immer noch ein neues Darum überlegen

“irgendwie queeres” Panda sucht …

Vor ein paar Tagen hatte ich einen “Muää ich will jemand in meinem Leben”- Rappel.  Wenn man ein Sozialleben wie ein Panda mit Internetanschluss hat, dann kann das schon mal vorkommen.
Ich habe eigentlich keinen Mangel daran mit Menschen zu kommunizieren. Leben teilen ist ja aber eh etwas Anderes.
Einen gemeinsamen Raum teilen und es zu ertragen, wie jemand unter Umständen direkt neben mir metabolisiert, das ist etwas anderes. Nicht belastend oder schlimm- aber anders. Die Anforderungen sind anders. Meine Gemögten und Gemochten mag ich. Ich metabolisiere gerne mit ihnen in einem Raum und weder Kontaktanbahnen noch Kontaktbeenden ist anstrengend für mich.

Gemögte machen ist aber einfacher, als “jemand ins Leben machen”.
“Ich suche einen bunten Panda mit Internetanschluss. Es wäre toll, wenn du genauso genderdurcheinandrig verqueert wie ich bist, vielleicht auch ein bisschen angeditscht in der Frage nach dem was “das Gute am Leben” sein soll, und ach- wenn du zufällig auch noch irgendwie kein Problem mit meinem IQ hättest, wäre das wundergut! Mail mir- anrufen und PN’s stressen mich. ”, so würde meine Internetdatingsuchanzeige lauten.
In einer Welt voller Konsumbollwerke, die darauf warten, dass Bedürfnisse geäußert werden, damit sie daran verdienen können, diese zu erfüllen, sollte es doch nicht schwer sein, Datingplattformen ins Internet zu stellen, die auch Pandas wie mich zusammen bringt. Also Pandas, die Füchse und Katzen sexy, spannend und interessant als PartnerIn* finden.
Tja, denkste.

Ich habe vorhin ein Interview der ZEIT zur Datingplattform der Mensa- Vereinigung gelesen und neben der üblichen Abfragerei, wie viele Vorurteile mit der Erstellung des Service extra für Hochbegabte bestätigt und/ oder negiert werden, gab es nichts Neues.
Ich persönlich erlebe Mensa und Co. sehr weiß, akademisch und einfach genauso wenig umgänglich mit Biografien und Lebensentwürfen wie dem meinen, wie jeder andere Verein, also bin ich da nicht.
Meine Hochbegabung und Aufnahmefähigkeiten nicht verstecken zu müssen im Miteinander – vielleicht sogar ein bisschen hervorstellen zu dürfen, ohne, dass sich daraus eine Über- vs. Unterlegenheitsdynamik entwickelt, hach das wäre schon toll. Aber ehrlich- sollte man nicht bei jedem Dating seine Fähig- und Fertigkeiten ein bisschen hervorstellen dürfen, ohne, dass gleich Dominanzgerangel daraus wird?

Es gibt so viele Datingplattformen und Singlebörsen – ja Singlebörsen. Wo wir in dieser Woche schon im Pick-up-Artistforum vom “Marktwert der attraktiven Frau” lasen, ergibt der Begriff der Singlebörse gleich wieder Sinn, nicht wahr?
Wenn man nicht genderqueer oder allgemein genderdurcheinandrig ist, weiß, eine bestimmte Körperform hat, heterosexuell ist und weder von PN’s noch Club-/Disco-/”Kaffeetrinkendates” stressbar ist, dann profitiert manN schon. In Sachen Dating für Menschen, die gleichgeschlechtlich lieben und/oder Homosexualität leben wollen, wirds schon düsterer. Und letztlich ist es auch noch immer eine Frage des Geldes. Oft muss man einen Vertrag abschließen, der nicht wenig kostet und eine lange Laufzeit hat. Was doch seltsam ist, wenn einem eingangs noch die tausend Qualitätssiegel erzählen, man würde so wahnsinnig schnell jemanden für sich finden.

Also doch lieber vor die Tür gehen und Menschen treffen? Irgendwie social machen und irgendwann mal Glück haben?
Ich bin ein Panda- social stresst mich. Ich will fressen und dabei süß aussehen. Alleine und nur bei Bedarf, oder, weil es einfach schön ist, mehrsam. 

Das, von jeder Datingplattform mitgetragene, Konzept romantischer Liebe erschreckt mich zutiefst. Und das nicht nur, weil exakt jeder 1,5 te Popsong über die schmerzhafte Qual ebenjener romantischen Liebe oder die damit einhergehende sexuelle Dauerverfügbarkeit für diesen einen anderen Menschen vom exakt anderen Geschlecht handelt, sondern, weil ich Angst habe, die Romantik nicht zu merken und meine Performance vom verknallten Panda im Menschenkostüm zu verpassen und dann ewig lange Zeit damit zu verbringen meinem Gegenüber zu erklären: ”Äh he, weißt was, ich bin ein Panda- ich fresse und sehe süß dabei aus- mehr Performance liegt mir nicht- aber das hat nichts mit meinen Gefühlen für dich zu tun.” und zu hoffen, dass mein Gegenüber mir das auch glaubt und versteht UND mich noch immer süß und sexy und toll findet.

Mich- und nicht die Innens, die mein Gegenüber ja irgendwie auch noch mit in dem Kontakt hätte.
Ich bin ein Panda im Körper eines Menschen, der ziemlich viele schreckliche bis schräg widerliche und erst seit ein paar Jahren coole und nette, gute und rücksichtvolle Menschenkontakte hatte. Auch deshalb ist social eher so meeh. Nicht, weil ich mich nicht unter Kontrolle hätte oder jedem Menschen aktiv und bewusst unterstelle mir Böses zu wollen – sondern, weil ich daran angepasst bin, genau damit umzugehen, dass Menschen eher scheiße zu uns sind, als wirklich okay.
Auch wieder so ein Performancedings.

Nach außen verändere ich mich (wir als Einsmensch) ständig und neige dazu eine Art emotionale Lavalampe zu sein. Das ist nichts für hyperaufmerksame Gemüter, stumpfe Köpfe und unsolidarische Geister. Wer zu empfindlich ist, wird von mir verletzt und ich kann darauf oft nicht ordentlich flauschfluffig eingehen. Wer zu stumpf ist, wird mir zu langweilig und bekommt meine Ungeduld ab. Und wer unsolidarisch denkt und plant, passt einfach null ins Konsenskonzept, das ich (wir als Einsmensch) leben mag.

Und wo wir grad bei “Dingen, die ich leben mag” sind.
Was ich für später irgendwann mal mag, ist manchmal voll das Gegenteil von dem, was ich jetzt gerade mag.
Jetzt gerade finde ich es stressend und blöd, wenn PartnerInnen*suche irgendwie mit social zu tun hat und die Frage nach “wann mehrsam und in welcher Form?” im Zentrum steht- mein Zukunftswunsch aber ein Haus voller Kinder  und ihrer Freunde und deren Eltern ist. Also das Gegenteil von “Einzelpanda kaut an Bambus” oder so ähnlich. Mir macht dieser Kontrast selbst schon eine Zillion Knoten im Kopf und Herzen- aber ich lebe ganz gut damit, weil es ja noch total weit weg ist. Was ist aber, wenn ich älter bin und sich die letzten 5 Eizellen zum Absprung bereit machen? Wenn ich dann jemand in meinem Leben habe, der mich genau so in Ruhe und mehrsam oder alleinsam lässt, wie ich das mag und, der genau nur das mag und nicht, nur weil ich jetzt meine letzten Eier verspringen lasse, sein Leben ummodeln mag?
Muss man darüber nicht irgendwie auch reden?

Bin ich am Ende, mit der letzten verbleibenden Eizelle, ein Schwan im Pandamenschenkostümdingsi, der lieber nur monogam und ganz eigentlich eine pastellfarbene Zukunft mit Golden Retriever zum Eigentumshaus will?
Wieso bin ich so komisch und warum gibts es mich und mein Kopfgedankenselbstbildgekräusel nicht als Rolemodel irgendwo, damit ich mal vorspulen und gucken kann, was sich im Laufe der nächsten Jahre noch abschmirgeln und am Ende doch irgendwie cool einpassen könnte?!

Wieso gibt es keine “Wenn ihr wollt, könnt ihr das Datingplattform nennen”- Datingplattformen für Pandas wie mich?
Wieso muss ich überall- wirklich überall wählen, ob ich ein Mann oder eine Frau bin, ob ich einen Mann oder eine Frau oder ein Paar suche? Wieso muss ich 30€ pro Monat dafür bezahlen, dass mir Cismacker ihren Penis im Anhang mit auf dem Bildschirm schicken und Cisfrauen mein Begehren als heterosexuell labeln? Wieso ist es in Sexcommunities okay, über Sextoys und safer Sex zu schwafeln- diverse Grundhaltungen zu Dominanzperformances und penetrativen Praktiken zu kritisieren oder in Frage zu stellen, nicht?

Am Ende von allen Datingplattformen, die ich bis jetzt mal besucht habe, traf ich doch immer den weißen Cismacker, der sich online ein bloßes Fickstück gesucht hat und vielleicht auch ab und an hinter irgendeinem anderen Profil als meinem fand.

Irgendwann neulich stand in meiner Timeline der Tweet: “queerromeo #wasfehlt”

Ich würd das gerne irgendwie um ein paar mehr Ebenen ergänzen und so was wie “queere onlinecommunity #wasfehlt” sagen.
Weil- vielleicht suche ich in Wahrheit gar niemanden für Liebe, Sex und Zärtlichkeit, sondern für FreundInnen*schaft und Mehrsamkeit mit Sex als Option ab und zu. Vielleicht aber auch nicht.
Ich hab doch keine Ahnung, was ich am Ende _eigentlich_ will, weil ich noch gar nicht richtig weiß, was es so alles geben kann. Und was ich kann.
Was ich als “in mein Leben gemacht” tragen und halten kann. Als Mensch, mit Menschen in mir drin, als “irgendwie queerer” Mensch, als menschenskeptischer Panda im traditionell weiblich gestaltetem Menschenkostüm.

Wie sind denn eure Erfahrungen so mit solchen Plattformen? Schreibt mir das gerne mal in die Kommentare.

Gewalt leben, Gewalt spielen – eine Notiz

Mein letzter Spielzug und es hat nix genutzt. “Mau, jetzt hab ich kein Leben mehr”.
Ich meine die 5 Freiversuche ein Level Candy Crush Saga zu spielen, doch ich sage: “Ich habe kein Leben mehr.”. Was das in meinem Gehirn macht, weiß ich nicht, aber vermutlich ist die Botschaft nun, ohne einen weiteren Versuch gegen blöde Schokolade, nervige Wirbeltornados und Bomben, die mein Spiel begrenzen, kein Leben mehr zu haben.

Um die Botschaften, die mit dem Spielen von Computerspielen (und anderen Medien) einher gehen, drehen sich auch die Videos der  YouTuberin Anita Sarkeesian, die Anfang der Woche den zweiten Teil ihrer Analyse zu weiblichen Spielcharakteren als nicht spielbare Sexobjekte veröffentlichte und dabei auf die Funktion von Gewalt (an Frauen) in Videospielen einging. Die Reaktion auf den Film war ein Shitstorm, widerliche Twitternachrichten, Stalking, Bedrohung ihrer Person und ihrer Familie. Die Medien berichteten und in meiner Twittertimeline gibt es hier und da Diskussionen zum Thema.

Ich weiß nicht mehr, ob es die Morde von Littleton, Winnenden oder Erfurt waren- wann haben wir gelernt, dass Marilyn Manson, gewalttätige Computerspiele und “dieses Internet” schuld an den Gewalttaten der Jugendlichen ist?
Nun, nach #Outcry, #Aufschrei und #YesAllWomen erscheint es mir sehr logisch in der Argumentation eine Verbindung in Sexismus als Norm (in dem Kontext unserer westlichen Kultur) und zwischenmenschlicher physisch destruktiver Gewalt in Spielen jeder Art aufzuzeigen. Die Schlüsse, die gezogen werden, sind, für meinen Kopf jedenfalls, aber schief.

Ich glaube, dass wir Spiele mit diesen Elementen haben, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der es diese Elemente gibt. Nicht anders herum.
Beinahe jeder Film, jede Serie und allgemein hauptsächlich visuelle Medien enthalten sexistische Machthierarchien und legitimieren so degradierende Verhaltensweisen der AkteuerInnen*. “Der verhält sich so, weil er in der Serie diese und jene Rolle hat” – das ist ein Satz aus dem Frontallappen. Kühl durchdacht, im bestehenden Kontext abgewägt- alles erscheint legitim und logisch.
Warum sollte es bei Computerspielen anders sein?
ForscherInnen* der Uni Bremen haben an einer winzigen Gruppe Versuchspersonen (männliche* Versuchspersonen- und ja, das ist relevant) herausgefunden, dass Computerspiele und ihre Inhalte tatsächlich woanders verarbeitet werden, als Inhalte von Gewalt aus anderen Kontexten*.

Das Gefühl, dass das Eine (Gewalt im Spiel = Frontallappen) mit dem Anderen (Gewalt als Ereignis außerhalb des Spiels = limbisches System “Alarmteil des Gehirns”) überhaupt nichts zu tun hat, ist also nachvollziehbar.
Aber: Sie haben nur bewiesen, dass es einen Unterschied gibt – nicht den größeren Rahmen gespannt*.

Wie ging es den Versuchspersonen, die männlich sozialisiert wurden, männlich privilegiert sind und entsprechend spezifische Verarbeitungsmöglichkeiten der dargebotenen Gewaltszenen haben, nach dem Versuch?
Was war das Erste, was sie danach getan haben? Wie kurz oder lang nach der Präsentation haben die Versuchspersonen Aktivitäten, wie Sport, wohltuende (nah, warm, freundschaftlich, liebevoll) soziale Interaktionen und auch Computerspiele zu spielen, aufgenommen und welchen Effekt hatten diese Handlungen auf sie?

Diese ForscherInnen* haben auf ihren Monitoren gesehen, dass die Gehirne ihrer Versuchspersonen weit entfernt von cooler Überlegung waren, als sie Gewalt ohne Spielkontext aufnahmen. Häkchen dran und fertig. Mehr wollte man offenbar nicht wissen.

War eine der Versuchspersonen zufällig jemand, der animieren kann? Jemand, der mal ein Computerspiel entwickeln könnte?
Wie groß waren der Hippocampus der Versuchspersonen jeweils? Gab es Hinweise auf Atrophie in der Region (das gilt derzeit als Hinweis auf (Beweis für) Verarbeitungsstörungen durch wiederholte Überreizung = Traumatisierung)?
Wer von den Personen hatte Gewalterfahrungen (von Gewalt als Ereignis, wie zum Beispiel Misshandlung an sich oder Zeugenschaft von Misshandlung anderer Personen) in der Vorgeschichte oder hat einen wenig bis gar nicht anerkannten Job/ eine Beziehung in der die Person erniedrigt wird?

Meine Ressourcen reichen leider nicht soweit, dass ich mit Quellen, die jünger als der Spruch von Pierre Janet “Wer sein Trauma nicht verarbeitet hat, muss es reinszenieren” argumentieren kann, aber ich glaube auch nicht, dass es von der Hand zu weisen ist als Option.
Wer permanent von Sexismus umgeben ist; wer permanent (oder: ein paar Mal extrem und langfristig überfordernd (traumatisierend) ) von der Erniedrigung, Degradierung, Ermordung, Reduktion auf Biologie und Sexualität von Personen umgeben ist, der lebt nicht in einem Umfeld, in dem es okay ist, sich selbst (sicher bzw. ohne Verluste auf irgendeiner Ebene) als darunter leidend, daran verletzt, davon berührt zu markieren.
Der entwickelt Gedanken und Phantasien, den grundlegenden Wunsch nach Möglichkeiten, selbst solche Situationen in irgendeiner Form kontrollieren, beeinflussen, beherrschen zu können. Der erfindet vielleicht Computerspiele, vielleicht Romane, vielleicht einfach nur einen Klumpen im Kopf an dem sein Wunsch nach Kontrolle erfüllt wird. Vielleicht aber auch nicht.
Vielleicht konsumiert er einfach Filme, Romane und auch Computerspiele, die irgendwie “kicken”. Die irgendwie reizen, auch, weil Kontrolle da ist, obwohl es auch dort unter anderem die Situation geben kann: “Du wurdest gerade erschossen- du hast kein Leben mehr.”.
Aber- weil es ein Kaufspiel ist, eine Konsole, die den ganzen Tag laufen kann, es immer wieder eine neue Chance gibt, alles hinzukriegen.

Ich glaube nicht, dass man solche Gedanken und Fantasien bewusst haben muss, um solche Spiele zu mögen oder zu spielen. Aber ich glaube, dass sich ein Großteil unserer Gesellschaft in permanenter Unterdrückung, (subjektiv wahrgenommener) Ausbeutung und überhaupt alle Teile der Gesellschaft in Gewaltkontexten befinden und die Spiele in dieser Form einfach ein Symptom sind. Ein Verarbeitungsversuch, eine Reinszenierung- der Versuch real (und evtl. bedrohlich Wahrgenommenes) zu abstrahieren, der zumindest auf Neuroebene ja sogar gelingt.

Die Mechanismen dahinter sind aber nicht gelöst. Die Ursache ist nicht weg und wird über die Verfügbarkeit und Präsenz der Spiele vielleicht auch noch gefördert, weil sie zum Teil der Norm werden bzw. als zugehörig betrachtet werden.
So wird aus dem Werkzeug “Spiel”, ein Wertetransporteur, der die Gewalt in der Gesellschaft legitimierend erscheinen lässt, was dazu führt, dass sie nicht mehr hinterfragt werden dürfen.

Auch nicht in einem YouTubeVideo.

Und genau das ist das Problem, dem sich über diese derzeit passierende Debatte schon wieder zu entziehen versucht wird.

 

 

[*Also: nein- sie haben nicht herausgefunden, dass Killerspiele nicht aggressiv machen, wie in manchen Artikeln darüber steht- sondern sie haben herausgefunden, wie das Gehirn auf in Spiele eingebettete Gewalt reagiert- das ist nicht nur ein anderes Paar Schuhe, das ist ein anderer Kleiderschrank!]
[* Ich konnte nicht die gesamte Studie finden, deshalb bitte meine Fragen dazu einfach nur als Fragen betrachten und nicht als „das haben sie gar nicht bedacht!“- Ansage]

von Gewaltbetroffenheit, dem Traumabegriff und individueller Schlimmskala

Man wollte keine Differenzierung machen zwischen Gewaltbetroffenheit und Traumatisierung, weil man niemandem sein Leiden absprechen mag. Und soll.
Ich stand in meinem eigenen Workshop und und hatte knäulweise lose Fäden in der Hand.
Ich hatte nicht daran gedacht, dass mein Sprechen direkt ins Englische, Spanische und Russische übersetzt werden würde. Nicht daran, dass die Tür immer wieder auf zu und zu gehen würde. Dass mir mein Hund, als Assistenz inmitten des Inmitten einmal so wahnsinnig fehlen würde. Ich bin geschwommen wie ein Kind auf dem Weg zum Seepferdchen und hatte mir den Faden der Differenzierung aufgespart.

Gestern aber ging erneut die Nachricht einer Gewalttat auf dem Alexanderplatz in Berlin durchs Netz und ich hatte endlich klarer, worum es mir bei der Differenzierung geht.

Mehrmals hintereinander berichteten verschiedene Nachrichtenportale darüber, dass jemand jemanden erstochen habe.
Mehrmals hintereinander wurden Gewaltbetroffene produziert und Erfahrungswunden (Traumatisierungen) dabei unsichtbar gehalten.

Jede Polizeimeldung ist die Meldung von Gewaltbetroffenen und einer Tat.
Jede/r* BeobachterIn* der Situation, jedes medizinische und (notfall)psychologische Personal, der beschriebene Täter (und alle, die für ihn gehalten werden), das verstorbene Opfer und dessen Familie, Freunde, ArbeitskollegInnen* – alle Gewaltbetroffene.
Jeder Mensch, der diese Nachricht gelesen hat, wurde von der Gewalt mit einer Fingerspitze berührt.

Wer hat dabei Seele geblutet?
Die Verwundeten. Die Traumatisierten.

Die, die eben nicht nach Hause gehen; einmal sagen was war; unter der Dusche alles abspülen und am nächsten Tag weiter leben. Um eine Erfahrung erweitert, eine Rille in der Reizverarbeitung vertieft. Angedellt, geknickt, durchgeschüttelt- aber nicht aufgerissen, gebrochen, mit einem Loch in sich selbst.

Es gibt einen massiven Unterschied zwischen dem Erfahren von Gewalt und dem Traumatisiertwerden von Gewalt. Auf jeden Fall.
Was aber bedeutet das für uns* im Umgang mit Menschen, die von Gewalterfahrungen sprechen? Müssen wir da differenzieren? Wozu?
Um zu unterscheiden wer mehr leidet? Wen es am Schlimmsten getroffen hat? Wer jetzt was verlangen darf und gestattet bekommen muss? Wem wir wie viel Opferschaft zugestehen?

Ich habe einen sogenannten Twittertroll am Arsch, der mir genau das immer wieder aufdrücken mag. Immer wieder kommen da Tweets an mich heran, die immer wieder meine Aussagen gegen die Vorstellung des Menschen stellt, was ein Opfer so ist. Was es seiner Meinung nach darf und muss und sollte und könnte und was nicht, wenn es denn kein echtes Opfer (mehr) ist.
Der Mensch merkt nicht und reflektiert offensichtlich nicht einmal, dass er seine Schlimmskala an mich dran hält und mir seine aufdrücken will- was wiederum zwischenmenschliche Gewalt ist.

Es ist die gleiche zwischenmenschliche Gewalt, die passiert, wenn man sagt, ein Trauma sei viel schlimmer, als eine Gewalterfahrung.
Zum Einen, weil man dem Menschen abspricht seinen eigenen Zustand selbst bewerten zu können – das ist was in unserem Gesundheitssystem schon so eklig ist: Niemand ist krank oder leidend bis es ein/e MedizinerIn oder anders Behandelnde/r sagt – und zum Anderen, weil man sich mit jeder Bewertung selbst in eine Position bringt, die Macht beinhaltet (ergo Gewalt inne hat).

Inzwischen wurde viel geforscht, weshalb manche Menschen von ein und demselben Ereignis traumatisiert (erfahrungsverwundet an der Struktur des Selbst) werden und manche nicht.
Aber auch das ist letztlich irrelevant für den Umgang mit diesen Menschen. Nur weil jemand keine offene Wunde von einem Ereignis davon trug, sondern eine Beule, heißt es doch nicht, dass er weniger Schmerzen hat, weniger Schonung braucht, weniger Raum zur Verarbeitung.
So sehr Gewalt als Fakt unsere Gesellschaft auch dominiert, normiert und aufrechthält, so ist sie als Ereignis doch nicht alltäglich in der Form, als das sie die Leib-Seelen-Integrität massiv und direkt erschüttert und auch verletzt. Alle haben immer das Recht zu sagen: “Das und das, war für mich krass/schlimm/arg/erschütternd/belastend/verletzend/traumatisch” – wer sind die ZuhörerInnen*, dass sie Ihnen absprechen wollen, wie etwas für jemanden war?

Ich kann nicht sagen, dass ich selbst diese Haltung immer zu wahren schaffe. Erst neulich las ich einen Artikel über “das Ferientrauma” von jemandem in der Zeitung und wollte einmal drüberkotzen, weil mir der Traumabegriff verwässert erschien. Ich habe den Artikel nicht ganz gelesen. Ergo habe ich meine Wortwutkotze für mich behalten – was weiß ich denn, worum es in dem Artikel am Ende noch ging? Vielleicht ging es ja doch nicht nur um etwas, was ich mit meinem individuellen Erfahrungsschatz als Wohlstandsgenörgel bezeichne.
Wenn jemand zu mir kommt und mir sagt, dass er sich an einem Ferienort so arg abgeschnitten, eingeengt, fremdgesteuert und unfrei gefühlt hat, dass er dort nie wieder sein mag und es als traumatisierend empfunden hat, dann nehme ich das an. Punkt aus.
Ich bin nicht diejenige, die über seine Wunden, Dellen, Erfahrungsfolgen zu beworten hat. Was für ihn schlimm ist, ist für ihn schlimm, egal wie viele Kanister Erfahrungswundwasser Marke “schlimm” ich daneben stellen kann.

Von der Gewalt sind wir beide betroffen, sobald wir unsere Erfahrungen teilen.
An der Stelle hätte ich gern etwas mehr Aufmerksamkeit. Ich fühle mich oft für Menschen (mit)verantwortlich, sobald sie mich ins Vertrauen ziehen und von ihren Erfahrungen sprechen.
Erfahrungen sind, was uns Menschen formt und diese zu teilen und darüber Verbundenheit aufzubauen ist Teil dessen, was uns zu sozialen Wesen macht.
Deshalb spreche ich mich sehr dagegen aus, den Begriff der Gewaltbetroffenheit nur auf Tatanwesende zu verwenden. Das ist ein Mittel Gewalt als eingrenzbares Einzelschicksal und/oder Phänomen darzustellen und gesamtgesellschaftliche Verantwortung an jeder einzelnen Gewalttat unsichtbar zu machen.
Außerdem trägt diese Ausdrucks- und Sichtweise dazu bei, dass Erfahrungswunden durch Bystanding noch weiter ins Dunkel rücken- obwohl gerade ZeugInnen, BeobachterInnen (JournalistInnen zum Beispiel, aber auch LiveberichterstattungskonsumentInnen vor dem Fernseher zu Hause! ) und auch notfallpsychologisches Personal durch die (erzwungene) (körperliche) Passivität vor einer Gewaltszene, ein nicht  zu unterschätzendes Risiko haben, vom sinnlich Wahrgenommenen verwundet zu werden.

Ich mag es nicht, wenn Opferschaft limitiert wird und erst recht mag ich es nicht, wenn Opfer erst dann als Opfer gelten, wenn irgendjemand anders sie als solche markiert.
Opferschaft definiert sich allein durch Ohnmacht in einem Machtgefälle (einem (dualen) Gewaltkontext) und wo diese anfängt und wo aufhört, obliegt denen, die sie empfinden.
Für mich bedeutet das übrigens nicht, dass TäterInnen*schaft allein von Macht definiert wird bzw. von einer Aktivität, die in Form einer Tat sichtbar wird (und Wunden schlägt). Für mich wird TäterInnen*schaft davon definiert, dass eine Wahl getroffen werden kann über die Art der Tat bzw. Aktivität. Das sind zwei Dinge, die nicht immer zusammen auftreten und deshalb die Frage nach der TäterInnen*schaft bzw. auch die nach der TäterInnen*opferschaft und der OpfertäterInnen*schaft aufwerfen und das Thema der Gewaltbetroffenheit as a thing markiert.

Ich möchte mich dafür aussprechen von Traumatisierungen zu sprechen, wenn man es mit (Erfahrungs)Wunden und Leiden, an Leib, Seele und Geist (gleichzeitig) zu tun hat, die auch noch lange nach dem Ereignis schmerzen und/oder behindern und diese als übliche Dimension unter dem Begriff (Gewalt)Erfahrung zu belassen.

Für mich ist es wichtig, dass ich und mein Leben weder als Schlimmskala herhalten, noch einer entsprechen muss. Ich leide nicht weniger oder mehr, wenn ich meine Erfahrungen “traumatisch” nenne oder nicht.
Von mir aus mag die Psychologie und die Medizin gerne weiter ausdifferenzieren was ein “traumatisches Ereignis” ist, und was nicht. Welche Parameter, wann und wofür erfüllt sein müssen, damit man in der Psychologie als Wissenschaft noch von einem Trauma sprechen kann. Ich bin keine Wissenschaftlerin.
Von mir aus, mag die Justiz auf die Psychologie hören, wenn es darum geht, die Schwere einer Tat zu beurteilen. Letztlich sprechen wir hier aber von zwei Gewalten, die sich über mein Erleben stellen und das gesellschaftlicher Gewaltennormierung entsprechend auch dürfen.

Sie sprechen Tatsprache – nicht meine als Opfer von Gewalt, die auch traumatisierend war.

Die Schlimmskala und die Worte derer, die zu Opfern wurden sind existent und gültig. Mindestens für diese Menschen.
Und diese nicht unterwandern, zu sabotieren, für falsch und nichtig zu erklären, zu relativieren und als übertrieben darzustellen, ist die Aufgabe derer, die ihnen zuhören*.

 

(*als Teil der Gesellschaft)
(*ich habe an der Stelle eine andere Haltung, wenn ich es mit FakerInnen* zu tun habe, weil sich diese in aller Regel genau daran orientieren, was die Gesellschaft ™ als schlimm wahrnimmt und von mir, als Teil dieser Gesellschaft spezifische Reaktionen erwarten, die mit einer Wertung einher geht, die ich nicht vornehmen will. Sie sind nicht an mir und meinen Reaktionen auf ihre Erfahrungen interessiert, sondern daran, was ich als Symbol für sie wie auch immer bewerte und mit Reaktionen belege. Das ist kein respektvoller Umgang mit mir und ergo ziehe ich mich raus. Kann man drüber streiten, ob das so schlau ist- aber ich lasse mich nicht zu einer Schlimmskala degradieren.)

da ist was

Ich stand in der Praxis meiner Gynäkologin und sagte ihr: “Es kann auch sein, dass meine Beschwerden für mich größer sind, als es das, was ich letztlich habe, in der Regel so verursacht.”. Sie lächelte mich an und sagte: “Ja, aber Sie haben ja was. Das ist ja alles so entzündet, dass ich mich frage, wie sie damit überhaupt zurecht kommen.”.

Schwierige Ansage. Obwohl- Psychosomatik geht immer mit schwierigen Ansagen einher. Zumindest wenn ich mit MedizinerInnen* zu tun habe. Das Eine ist: “Es kann gar keine Psychosomatik sein, weil sie ja da was haben.” , das Nächste ist: “Es ist so schlimm, dass ich mich frag, wie sie zurecht kommen” und das Dritte ist: “Ja, aber…”.

Ich war mit meinen Unterleibsschmerzen in der Praxis, weil ich mir selbst nicht mehr helfen konnte.
Wenn es einen Ort gibt, den ich auf mehr als der Ebene “Medizin = Körper = uääää” verabscheue, dann die gynäkologische Praxis, meiner netten freundlichen Ärztin*. Nirgendwo sonst befeuern sich meine erarbeitete Sexpositivität, mein eingebrannter Selbst- und Körperhass, mein Genderdurcheinander und meine Angst zu sterben so heftig, wie da. Wenn ich dort hingehe, dann erwähne ich meine Psyche nach Möglichkeit nicht, weil es eben auch keinen anderen Ort gibt, an dem sexuelle Misshandlung, Verstümmelung und ihre Folgen so zweischneidig präsent ist.
Wenn Menschen einen Ort suchen, an dem Vergewaltigungskultur pulsiert, dann finden wir ihn auf jeden Fall in der Gynäkologie.

Niemand sagt: „sexuelle Misshandlungen gibt es nicht“ – doch wenn jemand sagt: “Ich habe diese und jene Folgen von sexueller Misshandlung (zum Beispiel ein Schmerzempfinden zwischen Level 1 Zillion und 0 in einem Zeitraum von Minuten)”, dann kollidiert dies nachwievor mit dem “Medikus- Ja, aber…”

Meine persönliche Diagnose ist: Ich habe Anfang Mai eine der krassesten (Bindungs-) Retraumatisierungen der letzten zwei Jahre erlebt; meine engste Gemögte ist weggezogen; eine Fastgemögte wollte nach einem Konflikt keinen Kontakt mehr mit uns; ich hab mich aus der Selbsthilfeforenszene rausgezogen, nachdem ich vor einem dauerschwehlenden Konflikt nur noch ohnmächtig war und mein Innenleben und ich stecken in für uns großen Projekten mit unüberschaubaren Auswirkungen auf unser Leben. _Selbstverständlich_ streckt mein Immunsystem die Waffen und kann trotzdem nicht überall sein. Ich bin einfach nur noch müde, bewege mich kaum und meine Hauptmahlzeiten sind, wenn mans runterbricht, Fett und Zucker. Ich fange morgens um 9/ 10 Uhr an zu arbeiten ™ und höre irgendwann um Mitternacht damit auf.
Wenn ich eine Infektion wäre, ich würde mir auch einen Partyhut aufsetzen und mir den schwächsten immer irgendwie schwierigen Punkt in diesem Körper aussuchen.

Ich habe jetzt Antimykotika und Bakterienkiller geschluckt, Kortisonsalbe und Ringelblumenöl verwendet- der Schmerz ist aber noch da. Jetzt bin ich an dem Behandlungspunkt, an dem ich mir wünschen würde, unser Gesundheitssystem hätte so etwas wie eine etablierte Doppelbehandlungskiste. Gerade wegen Wartezeiten und Wochenenden.
Weil ich nun auf Laborergebnisse warten musste, um zu wissen, was die Symptome auslöst, fing ich an, mir die Sorgen, die ich sonst schön bei der Ärztin gelassen habe, anzuschauen. Ich dachte an Bakterien, die ich mir vor Jahren in Misshandlungskontexten eingefangen haben könnte und die in der Folge mit 5 partybehüteten Köpfen in meinem Uterus herumhüpfen. Ich dachte an Krebs und Zysten, an AIDS, weil ich keine anderen Krankheiten kenne, die “Immunsystemschwäche” bedeuten. Ich dachte an all die Geschlechtskrankheiten, die ich eventuell gehabt haben könnte und erinnere mich nicht, ob ich wirklich immer alles ordentlich behandelt habe. Und wo ich gerade schon an meinen Unterleib dachte, dachte ich an alles, was dort jemals passiert ist (und/oder passiert sein könnte) und mochte mich am Ende unter 30 Decken einrollen und darauf warten, dass einfach alles sofort zu Ende ist.
Genau für solche Zeiträume, hätte ich gerne eine Mischung aus meiner Therapeutin und meiner Gynäkologin. Jemand, der sich mit meiner Geschichte und meinem Körpermist auskennt; mich aus den 30 Decken rauspult und mir die Angst abbauen hilft.

Ich weiß, dass ich Schmerzen vor Angst vor dem Schmerz haben kann. Dafür lebe ich einfach auch schon lange genug mit Angst vor der Angst und der Panik, die immer dann kommt, wenn die Angst mal nicht zuverlässig kommt.

Bei Psychosomatik geht es nicht darum, ob “da etwas ist” oder nicht. Es geht (zumindest mir) nicht darum, getröstet und geflauscht zu werden, weil ich etwas “habe”.
Meine Somatik sind Schmerzen. Immer und immer wieder sind es Schmerzen, die weder in Muskeln noch Knochen, noch Sehnen noch Organen sitzen, sondern genau in dem Stoff, den es angeblich nicht gibt. Aristoteles nannte es “Äther”. Im Buddhismus ist es als “Akasha” bekannt. Ich weiß heute, dass ich damit eigentlich schon genau benenne, was mir weh tut, wenn ich psychosomatischen Schmerz benenne: mein Bewusstsein für (oder/und Erinnern an?) einen Schmerz, der mich an die Grenze meines Bewusstseins brachte und mehr als einmal drüber schubste.

Es wird gerne gedacht, man könnte Psychosomatik mit dem Placebo-Effekt behandeln, weil man vergisst, dass der Placebo- Effekt lediglich den Beweis für die Macht des Bewusstseins über körperliche Empfindungen darstellt. Bei der Manifestation von psychischen Konflikten und Wunden, an der Physis von Menschen, handelt es sich nicht um “nichts”, das bewiesen werden sollte. Es ist selbst ein Beweis dafür, dass dort etwas ist.
Ich muss nicht anfangen zu denken: “Es ist jetzt alles okay.” Ich muss das fühlen können und genau das tue ich nicht.

Dass ich jetzt auch noch “wirklich was hab” ist mir dabei irgendwie so ein richtig schöner Knüppel vor den Füßen. Einerseits fühle ich ganz genau, dass mein Immunsystem damit total gut auch ohne die Ärztin und ihre Behandlung klarkommen könnte – andererseits merke ich, dass ein Großteil meiner Abwehrkraft in Richtung “Seelenschutz” geht.
So große Konflikte, wie den im Mai, habe ich sonst immer mit meiner Wut kompensiert- ich hab mich stark gefühlt- aktiv. Nach dem großen Autsch, kam immer ein Anlauf, in den ich mich reingewütet hab und die Explosion hatte in aller Regel eine Klärungslawine in Gang gesetzt. Tja.
Und dieses Jahr hab ich Therapiefortschritte gemacht. Hab genickt als meine Therapeutin sagte, meine Wut würde nichts bringen. Hab geschwiegen auf jedes “Geh weg” und habe einfach gar nichts mehr an den Stellen berührt. Nichts ist passiert. Nichts ist geklärt.

Es ist nichts gut geworden. Dann brauche ich auch nicht anfangen mich noch obendrauf zu belügen und mir zu sagen, ich müsse nur wollen, dass es mir besser geht, dann ginge es mir auch besser. Es ist einfach nichts okay. Ich hatte schon was, bevor meine Ärztin oder meine Therapeutin oder meine Gemögten und Bekannten mir angesehen haben, dass ich was hab.

Jetzt ist es alles gleichzeitig und wo ich anfangen soll, weiß ich selber nicht.
Ich weiß inzwischen: medizinisch bin ich gesund zu kriegen- das Gewebe muss nur aufgebaut werden.

 

Und der Rest…?
Ich halte mich an meinen Projekten fest und hoffe, dass die Schwindel- und Schwächegefühle nachlassen.
Nachher gehe ich mit dem Hund raus. Zähle nochmal nach, wie viele Tage die Therapeutin Urlaub hat.
Ich (fr)esse. Ich arbeite ™. Ich bin.

Ich hätte auch was, wenn die ganze Welt mir sagte, da wäre nichts.

 

Es ist einfach gar nichts okay.
Nichts ist mehr okay, wenns weh tut.