Dörthe

Sie wollen Denk- und Sprechverbote*, sie wollen Frauen unterdrücken *, sie wollen alles anders*
– pfui bäh sie sind Queerfeminst*innen!

Oh ja das ist ein heißer Scheiß. Auf Queers rumhacken. Non-Binaries wahlweise für die eigene Message einspannen, um sie bei einer anderen wieder gnadenlos auszuschließen und ihnen im Nachhinein noch Vorwürfe zu machen, dass sie das nicht sehr geil finden.

Ich habe keine Lust, keine Kraft und keine Zeit für einen weiteren Text, der alles Falsche und Schlimme an dem, was der weiße Cis-Popfeminismus macht. Und das ist vielleicht einfach das Problem.
Vielleicht.
Wahrscheinlicher aber auch nicht, denn es ist nachwievor egal, wie man als Non-Binary, Queer, Trans, * zu dem steht, was da alles verbreitet und gemacht wird. Am Ende bleibt all das in dem Milieu, wo man sowieso schon nicht mehr drüber redet. Denn am Ende bedeuten all die vielen nicht inklusiven Feminismen für uns vor allem eins: Ein Mahnmal an all die Kraft und Energie, die einfach nicht da ist, um irgendetwas dagegen oder daneben zu tun.

Wir haben gerade Ferien, deshalb entsteht dieser Text. Und: Wir haben heute etwas gemacht, das wir schon viel früher hätten machen müssen. Aus Gründen.
Ein paar davon will ich aufschreiben.
Ein bisschen was will ich mir selbst sortieren.
Eine Diskussion will ich hier nicht anfangen. Denn manches ist einfach nicht diskutierbar.

Frühjahr 2013
Aufschrei zieht sich durch Twitter und feministisiert uns.
Vorher waren wir sozialistische Menschenrechtsanarchos und waren mit der Frage beschäftigt, inwiefern uns die Menschenhandeldebatte berührt, schließlich waren wir in gewisser Weise gehandelt worden. Feminismus war Alice Schwarzer und die fanden wir nicht gut. Damals nicht und heute noch viel weniger.

Wir lernen jemanden kennen, nennen wir sie Dörthe. Weil Dörthe so schön weißdeutsch klingt, wie es die Mainstreamfeministin ist, die ich mir heute “Beißreflexe” lesend in einem Berliner Café vorstelle.
Dörthe geht zum Frauenkampftag und zum Reclaim the Night-Dings in der nächsten größeren Stadt. Dörthe findet Pinkstinks “voll stark und mutig”, hat ein Emma-Abo seit Anfang der 2000er und spendet an Mädchenarbeitsprojekte in Afrika. Dörthe liest Antje Schrupp.

2013 hatten wir eine rosa Brille auf und waren noch pink hinter den Ohren.
Very peinsam, so im Rückblick. Aber gut, so ist das eben.

Dörthe gehört seitdem irgendwie in unseren Kosmos.
Sie liest unsere Texte, aber nur, wenn sie kurz sind. Für die langen, da hat sie eine Zeit und ach, man muss ja auch nicht immer alles ausdifferenzieren. Am Ende muss man ja auch mal was machen. “Endlich mal was machen!”, das bedeutet für Dörthe die Choreographie von One Billion Rising in der Innenstadt vorzuhopsen und Sticker mit einem Uterus drauf in die Fußgängerzone zu klatschen.

Irgendwann finde ich @cuffedcatling bei Twitter. Dann @baum_glueck. Dann @dressedasahuman. Dann @weirdbielefeld. Dann @redhidinghood. Dann @flausensuppe. Und dann geht alles irgendwie ganz schnell. Weil da etwas klar wird. Weil wir uns zum ersten Mal in unserem Leben in Beschreibungen anderer Menschen wiederfinden. Wohlgemerkt – Menschen, die nicht, wie wir viele sind oder von 21 Gewaltjahren völlig zerschossen. Wie kann das denn sein?

Queer.

Das war das Wort. Die Queertheory und all das, was daran hängt.
Der ganze Männlein-Weiblein – Männer sind vom Mars-Quatsch, wurde uns als der für uns ungute Kontext klar, in dem wir uns nie finden und verorten konnten, weil der einfach nicht passt. Egal, wie sehr wir uns therapiert haben und auch egal, wie sehr wir anerkennen, dass uns Gewalt ver_formt hat.

Und von da aus gab es kein Zurück mehr, denn einmal durch ein Muster wie dieses durch, kann man andere – ganz ähnlich gestrickte und etablierte Muster der Gewalt und Ausgrenzung – weder weiterhin übersehen, noch sich gegen eine gewisse Weiterentwicklung im eigenen Werten und Handeln entscheiden (und zeitgleich noch denken, man täte etwas völlig Unproblematisches, wenn man das nicht tut).

Dörthe ist beim Aufschrei stehen geblieben, hat ein paar Jahre übersprungen und ist bei Metoo wieder gelandet. Und bei was tun. Uteri auf Plakaten rumwedeln und Vulvasymboliken auf Stickern in die Innenstadt klatschen, diesmal im Kontext von Schwangerschaftsabbrüchen und dem Recht auf Informationen dazu.

Dörthe benutzt Feminismus als Performance von Nonkonformität. Für sie ist Feministin zu sein, “im Grunde das Gleiche wie behindert sein” (kein Scheiß – das ist ein O-Ton). Es macht sie besonders in ihrer Innenstadt-Mutti-Clique, die nur allzu gern verdrängt, wie strunzenkonservativ ihr gesamtes Welt- und Menschenbild und damit auch: ihr Feminismus ist.

Als wir verstanden: “Hey, der Schmerz, der auf jedes “Frau XY” kommt, hat nicht nur etwas damit zu tun, dass die Leute dich ansprechen, wie die Person, die dir Jahres Lebens die Hölle auf Erden bereitet hat, sondern auch damit, dass du weißt, dass der auch dann noch da wäre, wenn sie dich mit “Frau Rosenblatt” ansprechen. Es ist okay. Der Schmerz ist real. Das anders haben zu wollen ist okay. Weder Mann noch Frau, noch überhaupt in einem Zusammenhang von Frau und Mann zu stehen, ist real und okay und ist nicht nur bei dir so.”, da hat unsere Selbstverstümmelungsrate um 70% nachgelassen.

Das war es, was wir gebraucht hatten, um zu verstehen, dass dieser Körper sowas von gar niemals irgendetwas darüber aussagt, wer oder was wir sind.

Und es war genau das, was uns in, zu dem Zeitpunkt, etwa 14 Therapiejahren keine_r der über 20 Psychotherapeut_innen mal angetragen oder gefragt hat.

Dörthe hat das nicht mitgekriegt.
Zugegeben: so wahnsinnig viel haben wir auch nicht darüber geschrieben. Aber: muss man das denn, oder sind bestimmte Dinge nicht manchmal auch genug Signal für Veränderung?
Ist es nicht manchmal schon genug Signal, wenn man mit Sternchen oder (wie wir es einfach optisch und aussprachehilfreicher empfinden) mit dem Unterstrich gendert, obwohl man das vorher nicht gemacht hat? Oder wenn man plötzlich alle die Menschen anspricht, die man mitmeint?

Oder aus anderer Perspektive: Wenn man im Gespräch von jemandem erfährt, das gewisse Menschen zu den Leute gehören, deren Ansichten man als transfeindlich, verächtlich und anmaßend einordnet? Oder wenn man von jemandem gesagt bekommt, dass man auch dieses Jahr nicht mit auf die Frauenkampftagsdemo kommt, weil es – erneut – Cis-Feminist_innen waren, die das Gefühl der Unerwünschtheit so heftig ausgelöst haben, wie sie es sonst nur schaffen, wenn sie eins als Frau bezeichnen (verorten), obwohl man ihnen schon x-Mal gesagt hat, dass Non-Binary-Sein genau das nicht ist

Ich hab Dörthe heute gesagt, dass sie eine ignorante Mistkuh ist, die sich mit ihrem Uwe und ihrer ganzen cishetoronormativen Kackscheiße aus meinem Leben verpissen soll. Ja. So einen langen Satz hab ich ihr gesagt und ich hab mich nicht ein Mal dabei versprochen. Obwohl ich vor lauter Verletzung und Wut über die eigene Verletzung und Trauer über ihre Ignoranz und all die Ohnmachtsgefühle gezittert hab. So sehr, dass mein knackigster Tweet, der mehr random noch dazugehört, gleich mal zwei Fehler drin hat.

Dörthe musste mir nämlich einen Text zeigen, dessen Titel mir schon früher am Tag den übelsten Cringe der letzten Wochen verpasst hatte.
Dörthe musste mir erzählen, dass das alles total viel Sinn für sie ergibt und wie sie das ja an sich selber merkt, worüber sie sich so definiert.
“Nein Dörthe, das hast du nie gemerkt. Zumindest hoffe ich das für dich. Ich hoffe, du merkst das irgendwann mal.”, würd ich ihr jetzt gerne noch sagen.

Wir waren grundsätzlich immer dankbar um Kontakte zu Menschen, für die Feminismus kein Schimpfwort oder eine Ideologie ist. Denn das ist für uns die Basis. Die Anerkennung des Umstandes, dass “der Feminismus als solcher” eine soziale Bewegung, ein gesellschaftlicher Diskurs, eine kritische Analyse des Status Quo ist. Egal, ob er in Form von Stellvertretungspersonenkult oder in bestimmten Wert- und Weltkonzepten daher kommt.

Wir haben viel Zeit in die Auseinandersetzung mit Cissen gesteckt, für die unsere Kämpfe immer wieder mehr Empowerment und Inspirationporn, als echte Solidarität mit uns und unseren Anliegen zur Folge hatte. Dazu sei gesagt: wir haben das nicht lange gemacht – vielleicht ein paar Monate und nicht, wie viele andere Aktivist_innen: seit Jahren und Jahrzehnten. Das Frust- und Schmerzlevel geht in solchen Dingen enorm an die Substanz. Schließlich spricht man mit diesen Feminist_innen nicht über Dinge wie Abtreibung, Pille danach oder von Täter_innen sexualisierte Gewalt, sondern über das, was uns ausmacht und dadurch auch unsere innerfeministischen Anliegen formt. Das geht einfach tief. Und ja: an manchen Stellen einfach 20 mal so tief wie Aufkleber klatschen und Vulva zeigen.

Jemand wie Dörthe versteht das Problem nicht, das es ist, wenn es ein Uterus oder eine im Ausweis zugeordnete Geschlechtlichkeit oder eine soziale Rolle ist, was für sie legitimiert, zur Frauenkampftagsdemo zu gehen oder nicht.
Jemand wie Dörthe ordnet uns auch dann noch als Frau ein, obwohl ich ihr sage, dass sie mir damit Gewalt antut und das bitte nicht mehr machen soll.

Dörthe findet es unnötig sich anzuhören, wie das für uns ist, auf ein Gerichtsurteil zu warten und nur hoffen zu können, dass diese spaltbreit offene Tür auch uns als Person, die es echt und wirklich als solche gibt und benannt werden kann/soll/muss/darf, legitimiert.
Sie und ihre Clique begutachten lieber die Gänsehaut der anderen, wenn sie sich über Hebammenmangel und Pflegenotstand, Erzieher_innenburn-out und Frauenmorde unterhalten. Denn es geht nie um sie als Individuum. Sie genießen den Schutz, den es – allen Diskriminierungen, die damit einhergehen zum Trotz! – für Menschen gibt, die ihr ganzes Leben als das angesprochen werden, als das sie sich heute wie früher in Gruppen wehren und kämpfen: als Frauen.

Wir als Person, die sich im Kurzen als queer, im Langen als “queer in Auserkundung dessen, was Nichtbinärität für sie bedeutet”, beschreibt, passieren nicht in diesen Diskussionen. Nirgens. Niemals.
So sehr, dass wir uns nur dort wehren und abgrenzen können, wo man uns mit Gewalt verortet: in der Weiblichkeit/Männlichkeit, die immer wieder allein über den Körper konstruiert wird.
Oder, wie im Text von Antje Schrupp, als “Eichhörnchen oder Frostschnee”. Oder in einem der unzähligen anderen Texte anderer Leute, die queere nichtbinäre trans inter * Identitäten so sehr nicht ernstnehmen und anerkennen können, dass sie sie mit anderen absurden Begriffen entmenschlichen, entwürdigen und demütigen. Manchmal just for the clicks, manchmal, weil das in der eigenen Blase unproblematisch, weil nie kritisch diskutiert, ist.

Alles das macht mich sprachlos für Forderungen oder Gegenentwürfe.
Dörthe. Die Feminist_innen, die sowas passieren lassen. Egal, ob cis oder nicht. Da passiert Gewalt innerhalb einer Bewegung, die sich doch eigentlich genau gegen Gewalt aufgrund des Geschlechts zusammengefunden hat.

Vor allem: Sie passiert immernoch.
Nicht nur jetzt, heute, wo es schon einige Literatur und einzelne sehr engagierte Stimmen gibt, die aufklären, erklären, aufzeigen, versuchen, Alternativen vorzuschlagen und und und – sie passiert schon sehr lange und sie war nie in Ordnung oder weniger schlimm, als die, die anderen Personengruppen passiert.

Ich hätte einen Text wie diesen hier schon vor Monaten schreiben können. Vielleicht auch Jahren.
Der letzte Text von Antje und der Schaden, den er produziert, ist der Auslöser für den Kontaktabbruch mit Dörthe – nicht der Grund.

Der liegt ganz woanders.
Aber darüber schreibe ich später mal.

Oder nein –  besser ihr geht zu einem der Vorträge von @redhidinghood und @ruehrtofu.

 

*was ich verstehe, wenn ich Cis-Feminist_innen über “diese (Netz)Queerfeminist_innen” reden höre

“Happy Hunger” #2 – Experiment mit Süßkartoffel

“Ich geb dir ein paar Wochen, dann wirst du Tiere retten”, neckte mich eine Gemögte vor ein paar Wochen.  Wir sprachen über Veganismus, Dafür-entscheidungs-Gründe und die Quatschigkeit mancher Konflikte darum herum.
Ich erinnerte sie an unsere #wastunwennskomischgucktChallenge und dachte später noch darüber nach, dass wirklich viel dran ist an dem Spruch “Du bist, was du isst.”. Gerade heute, wo so gut wie alle Produkte und Produktkategorien ganz gezielt ganz bestimmte Menschentypen bzw. Personengruppen ansprechen (sollen) und jede Werbung, sowohl Konsumwünsche, als auch Selbstdefinitionen provozieren will, soll, kann.

Wir ernähren uns im Moment ausschließlich pflanzlich und merken immer wieder, wie wir uns selbst aus der Zuschreibung, ein_e Veganer_in zu sein, herausdrehen. Vor Gemögten und Freund_innen genauso, wie vor der Werbung im Supermarkt und anderswo.
Für uns ist die Aufnahme von Nahrungsmitteln nicht mit Identität aufladbar, ohne uns in Konflikte mit so viel Konfusion um innen und außen zu bringen, dass sich Spaltungspotenziale entwickeln.

Damit haben wir schon Erfahrungen gemacht, als die Essstörung noch keine eigene Ziffer im Arztbrief hatte. Damals – als C. nur noch von dem Knubbelmuster der Rippen unter den Fingern eine Beruhigung empfinden konnte und jedes Fleisch verweigerte und A. in Todesangst durch Gefühle des extremen Hungers jedwede energiedichte Nahrung – darunter eben auch Fleisch – aufnahm, die verfügbar war.
Nach außen wirkten wir widersprüchlich und niemandes äußere Identität wurde in der Folge anerkannt. Weder C.’s als Vegetarier_in noch A.’s als “Mir egal was”-Esser_in.

Heute erleben wir diese Aufladung als Vermeidungstanz.
Denn natürlich kann ich mich als Allesesser_in, als Vegetarier_in, als Veganer_in, als Rohköstler_in, als Frutarier_in, als … kategorisieren und diesen grundlegend elementaren Bereich meines Lebens auf die Aufrechterhaltung dieser Kategorisierung ausrichten – das hat seine Berechtigung und ist total okay so! – aber man kann sich auch klar machen, dass man essen muss, um nicht zu sterben und, dass es ganz am Ende nur darum geht.

Wir haben es für uns als sehr wichtig etabliert, weder Ekel vor grundsätzlich essbaren Lebensmitteln aufzubauen (im Sinne von: “uns selbst in Ekel- oder andere allgemein aversive Empfindungen reinzusteigern”), noch allgemein, grundsätzlich essbare Lebensmittel zu verweigern, wenn es nur diese Lebensmittel gibt.

Durch unseren Hintergrund mit Nahtoderfahrungen unter Anderem durch Hunger und Durst, haben wir nicht viel Raum für die gesellschaftlich akzeptierte Dissoziation zur Realität von Sterblichkeit.
Wenn wir zu wenig essen, geht es uns nicht nur schlecht, weil wir zu wenig gegessen haben – dann geht es uns schlecht, weil etwas im Innen an eine Zeit der Todesnähe erinnert wird. Für solche Etwas, Jemands, Seins oder Innens, ist es weder Trost noch Hilfe, dann von uns zu erfahren, dass wir gerade nicht essen, weil in dem, was vor uns liegt etwas drin ist, was wir aus egal welcher Überzeugung oder Performance heraus zu essen ablehnen.
Für diese Innens, Jemande, Seins und Etwasse ist es wichtig ganz konkret zu erfahren, dass zu essen etwas ist, das losgelöst von Überzeugungen und Identitätsperformance jeder Art getan werden kann und darf. Dass es grundsätzlich und immer bedingungslos getan werden darf.
Und: dass es uns damit gut gehen darf.

Das ist, wo unsere #wastunwennskomischgucktChallenge angesetzt hatte.
Wir wussten, dass wir während der Radtour nicht mehr essen konnten, was und wie wir das üblicherweise getan haben und wir wussten, dass wir uns sehr wahrscheinlich Lebensmitteln zuwenden würden, die wir üblicherweise nicht aufnahmen, weil sie komisch guckten, uns beunruhigten, fremd waren, irritierten.
Die Erkenntnis, dass es Pflanzen und Früchte sind, die uns dann aber doch allgemein am Wenigsten irritieren kam zu dem Zeitpunkt sehr gelegen. Es war Hochsommer – überall kamen wir jederzeit an viele frische Früchte. Wir fuhren durch die Natur fern von Städten und fanden essbare Pflanzen vor, die zu essen sehr viel leichter fiel, als sich im Supermarkt mit verarbeiteter Nahrung einzudecken.
Wir konnten in diesen 11 Tagen bemerken, dass rohe pflanzliche Nahrung allein, für uns um ein Mehrfaches barrierenärmer, körperlich verträglicher und näher an uns und unseren Entscheidungen ist, als die Komposition mit der wir uns vorher ernährt haben.

Die Radtour endete abrupt und mit einer massiven Erschütterung.
Die Art der Ernährung jedoch nicht. Während sich NakNak* von der Operation erholte, blieb für uns plötzlich so viel mehr greifbar verfügbare Kraft als sonst übrig.
Einfach nur dadurch, dass wir statt 3x die Woche nur noch 1x die Woche einkaufen müssen, jederzeit irgendein Obst oder Gemüsen essen können, wenn sich Hunger meldet und nicht permanent irgendwelche diffusen Bauchschmerzen/beschwerden versorgt werden müssen.
Wir erlebten uns satt, wach und leistungsfähig – obwohl unsere kleine Welt in Flammen stand.

In der Reflektion dieses Umstands haben wir bemerkt, dass wir uns durch die Radtourzeit und die selbstgesetzte Challenge eine unerwartet reichhaltige und vielseitige Lebensmittelgruppe erschlossen haben, mit der alleinig umzugehen, für uns weniger beunruhigend zu hantieren ist, als sie in Kombination mit anderen Lebensmittelgruppen zu bringen.
So begannen unsere Experimente.
So begann diese Textserie “Happy Hunger”.

So kam es zu diesem

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Experiment mit Süßkartoffel”

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Arbeitsschritt 1:
Zutaten einkaufen.

– 1 kleine bis mittelgroße Spitzpaprika, (ca. 2€, eine 1 kg – Packung enthält viele unterschiedlich große)
– 1 kleine Zucchini (etwa 150gr),( ca. 0,80€ pro kg im Moment)
– 3 kleine Frühlingszwiebeln, (0,25€ pro Bund, enthält ca. 6 bis 8 Stück)
– 1 richtig große Süßkartoffel (3,99€ pro kg, enthält ein Stück und viel Überwindung so viel dafür auszugeben – die sich aber sehr lohnt! Versprochen!)
– 1 x veganer Kräuterfrischkäse von Bedda (2,99€, enthält 2 bis 3 Portionen für die Zubereitungen dieser Mahlzeit)
– 1 x Kernmischung “Salattopping” (1,79€, enthält x viele Portionen zur Zubereitung dieser & anderer Mahlzeiten)
– TK “Knoblauch-Duo” (0,99€, enthält x viele Portionen zur Zubereitung dieser & anderer Mahlzeiten)
– Salz
– Pfeffer
– Öl

Arbeitsschritt 2:
Utensilien bereitstellen

– eine Schüssel für die Füllung
– ein Schneidbrett
– ein Gemüsemesser
– Backpapier auf Backblech
– die eingekauften Zutaten

Arbeitsschritt 3:
die Süßkartoffel von oben nach unten halbieren

Arbeitsschritt 4:
eine Mulde in die Hälften der Süßkartoffel schnitzen
(etwa so tief, das noch 1 bis 2 cm Fruchtfleisch bis zur Schale verbleibt)

Arbeitsschritt 5:
den Backofen auf 230° C vorheizen

Arbeitsschritt 6:
die rausgeschnitzten Süßkartoffelstückchen kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 7:
die Süßkartoffelhälften
– abwaschen
– die offene Hälfte mit etwas! (nur so 3-4-5 Tropfen) einölen
– leicht salzen

Arbeitsschritt 8:
die Süßkartoffelhälften auf das Backbleck legen und in den Backofen schieben

Arbeitsschritt 9:
einen 20 Minuten-sind-um-Alarm im Handy oder einem anderen System stellen

Arbeitsschritt 10:
die Paprika kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 11:
die Zucchini kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 12:
die Frühlingszwiebel kleinschneiden und in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 13:
etwa 20 gr des “Salattoppings” in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 14:
ca. 10 bis 15 gr des “Knoblauch-Duo” in die Schüssel geben

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Arbeitsschritt 15:
etwa ein Drittel des Kräuterfrischkäses in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 16:
etwa 5 gr Salz in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 17:
etwa 3 gr Pfeffer in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 18:
einen Esslöffel Öl in die Schüssel geben

Arbeitsschritt 19:
die Mischung durchrühren bis alles gut vermischt ist

Arbeitsschritt 20:
mit der Gabel in die offene und nun schon weichere Oberfläche der Süßkartoffelhälften im Backofen einstechen (an mehreren Stellen)
(dafür entweder das ganze Backblech aus dem Ofen holen, oder nur ein bisschen hervorholen, danach wieder reinschieben)

Arbeitsschritt 21:
auf den Alarm warten

Arbeitsschritt 22:
wenn der Alarm losgeht, die Süßkartoffelhälften aus dem Backofen holen und auf einen geeigneten Untersetzer stellen

Arbeitsschritt 23:
die Füllung in die Hälften geben
(wenn ein Rest bleibt, kann man den in eine kleine Form geben und mit auf das Backblech stellen, wenn da noch Platz ist)

Arbeitsschritt 24:
das Backblech mit den gefüllten Süßkartoffelhälften (und der Form mit Füllungsrest) zurück in den Backofen schieben

Arbeitsschritt 25:
den Backofen auf 200° runterschalten

Arbeitsschritt 26:
einen 25 Minuten-sind-um-Alarm einstellen

Arbeitsschritt 27:
– Küche aufräumen
– Essplatz gemütlich machen

Arbeitsschritt 28:
wenn der Alarm losgeht, das Backblech aus dem Ofen auf einen geeigneten Untersetzer stellen

Arbeitsschritt 29:
die Süßkartoffelhälften auf einen Teller legen (und eventuelle Füllungsreste daneben geben)

Arbeitsschritt 30:
Essen und wenn’s geht: genießen
(man kann alles aus der Schale herauslöffeln, man kann die Schale aber auch abziehen und dann scheibenweise abschneiden, was man essen möchte)

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Ich hoffe, es schmeckt anderen so gut wie es uns geschmeckt hat. Rückmeldungen zum Thema “Ernährung und Identität im Kontext von Essstörungen” bitte gerne in die Kommentare. Und wenn du oder ihr das Rezept nachgemacht hast/habt, natürlich auch.