Ich werde von Vogelgezwitscher geweckt. Das Zimmer ist dunkel. Um den Wecker auszuschalten, muss ich mich unter Decken und begrenzenden Kissen hervorwühlen.
Der erste Griff geht zu den Noise-Cancelling-Kopfhörern.
Der zweite in routinierten Bahnen. Genau diese Hausschuhe an genau dieser Stelle, genau dieser Drüberpulli an genau dieser Stelle. Das matte Handydisplay scheint mir schwach die Tür in den Wohnungsflur. In der Küche schalte ich den Wasserkocher an. Sein Rauschen kann ich nicht hören. Die LKWs des frühen Morgens, die noch früher als ich zur Arbeit fahrenden Menschen, auch nicht. Ich kann mich auf meine Sauberkeits- und Hygieneroutine konzentrieren. Das Bild vom Ablaufzettel für Zähneputzen und Duschen bleibt unverwackelt vor meinem geistigen Auge. Meine frischen Sachen sind schon bereitgelegt.
Ich bereite mir Kaffee und ein Frühstück zu. Esse, lese, räume das Geschirr weg. Prüfe meine Jacke und den Zeitkompass für den Tag. Sobald ich meine Kopfhörer abnehme, ist er mein selbstorganisatorischer Leuchtturm. Der Zeitkompass ist eine App, die Tages- und Wochenpläne visualisiert. Man trägt ein, von wann bis wann eine Aktivität passiert, wann ein Termin ist und wie ihre Abläufe sind. Sie ist diskreter und konkreter als ein Handyalarm. Ich kann leichter ablesen, ob ich eine spontane Abweichung oder ungeplante Aktivität wirklich noch umsetzen kann, ohne die Dinge zu vernachlässigen, die für meine körperliche und psychische Versorgung wichtig sind. Die App nimmt mir einen der belastendsten Dauer-Gedankenströme und Unsicherheitsquellen im Alltag ab. Sie ist eins meiner hilfreichsten Tools.
Ich fahre zur Arbeit.
Bei der Arbeit gibt es wenig Vorhersehbares. Aber meine Arbeitsumgebung ist umfassend vorstrukturiert. Allein kann ich meine kleinen Noise-Cancelling-Kopfhörer tragen. Für meine Kolleg_innen nehme ich sie raus. Wenn ich etwas nicht verstehe, muss ich mich darum kümmern. Fragen, in Kontakt gehen, aufmerksam beobachten, mit- und weiterdenken, prüfen, ob ich richtig verstanden habe. Meine Aufgabe bei der Arbeit erfordert hohe Konzentration sowie visuelle Aufmerksamkeit für kleinste Details und Abweichungen. Die relevante Funktionalität liegt auf der körperlichen und kognitiven Ebene. Weniger auf der sozialen.
Ich verlasse den Arbeitsplatz. Fahre auf dem Nachhauseweg beim Supermarkt vorbei und kaufe für 3 oder 5 Tage ein. Das hängt vom Wochentag ab.
Zuhause mache ich eine Pause. Seit ein paar Wochen schlafe ich in der Zeit.
Dann esse ich etwas zu Mittag. Wenn ich koche, trage ich wieder meine Kopfhörer.
Danach arbeite ich am Computer. Lese, lerne, organisiere, berate, schreibe.
Dann entsteht ein Loch. Freizeit.
Manchmal habe ich Angst vor diesem Loch. Obwohl ich es mit schönen Hobbys und meistens auch Zeit mit meinem Partner gestalten kann. Dann ist es weniger ein Loch als eine Hülle. Eine Blase voller Annehmlichkeit.
Es gibt aber eine Schwelle zu nehmen. Die zum Beginn dieser Freizeit, die nicht immer schon vorher geplant ist. Oder sicher auch umsetzbar. Dieser Akt vor dem eigentlich angeblich schönsten Teil des Tages kann mich komplett zerstören. In Wiedererleben schwieriger Erfahrungen triggern oder so derart anstrengen, dass ich eigentlich nicht weiß, was ich wozu und mit welchem Gefühl eigentlich mache. Katja Börger beschreibt das ganz schön mit dem Begriff des „Türschwellensyndroms“, wenn auch aus der „anderen Richtung“. Sie beschreibt den Spannungsabfall, den viele autistische Menschen nach langer Anpassungsphase und maskiertem Funktionieren im sicheren Rahmen haben. Ich begegne diesem Abfall (meinem üblichen After-Arbeit/Schule/Termin-Crash) mit dem Mittagsschlaf und dem Wissen um einen strukturierten, vorhersehbaren Nachmittag bis zu diesem derzeit unausweichlichen Loch.
„Meine Richtung“, „meine Türschwelle“ sozusagen, ist der Übergang von sehr strukturierten und entsprechend auch innerlich sehr strukturierenden Umständen hin zu hippy dippy happy free life außer Rand und Band because of personal freedom und „Es kann ja nicht alles immer gleich sein, so ist das Leben nicht“-Abhärtungstraining fürs Zusammenleben mit den nicht-autistischen Menschen in meinem Leben.
Die nicht einmal wissen, wie kleinteilig ich eigentlich durchs Leben gehe. Total erstaunt darüber wären, dass ich für praktisch alles Ablaufpläne und Schemata abarbeiten muss, damit ich so unauffällig und normal funktional unauffällig sein kann, wie sie es von sich kennen und allgemein von anderen Menschen erwarten. Die Struktur als einengend und manchmal sogar persönlich angreifend empfinden. Für die eine systematische und ordnende Herangehensweise an tatsächlich alle Aktivitäten praktisch kategorisch ausgeschlossen ist, weil … naja, darum? Oder nur mit Ausnahmen möglich oder nur in bestimmten Angelegenheiten überhaupt nötig.
Für mich beginnt mit Freizeit oft ein viel anstrengenderer Tagesabschnitt als mit der Arbeit, weil ich zu dem Zeitpunkt bei weitem nicht mehr so viel Energie habe wie zu Tagesbeginn. Das lässt sich durch keine Planungs- oder Selbstorganisationsmaßnahme der Welt für mich verhindern. Außer durch Isolation. Die für mich aktuell keine passende Option ist.
Die Folge sind funktionelle Ausfälle in den Bereichen Interaktion und Kommunikation, Sensorik (und deren Interpretation) sowie des Verhaltens.
Und der Selbsthass, den ich darüber empfinde, ist grenzenlos. Jedes soziale Missverstehen, jedes Bemerken von und Zögern vor Grenzen, die sich als zwingend zu übergehen darstellen, jedes Unverständnis, das sich durch zu langsames Prozessieren ergibt, jeder Moment, in dem ich nach einem Ablauf- oder Strukturschema suche, ohne eines finden zu können, weil es das einfach nicht gibt im spontanen sozialen Miteinander, alles, was mein Körper (zuweilen ohne von mir bemerkt zu werden) tut, um zu prozessieren, wird von meinem Inneren brutal und umfassend destruktiv gegen mich verwendet. Auch das macht unstrukturierte, spontane Freizeit (mit anderen Menschen) zur Hölle für mich. Eine weitgehend unsichtbare Hölle. Eine, über die ich nicht gut reden kann, meistens auch gar nicht möchte. Einfach, weil es erfahrungsgemäß nicht wirklich verstanden wird. Das Ausmaß der Anstrengung, der erforderlichen „Trotzem-Motivation“ und letztlich einfach immer auch das Ausmaß, der Umfang, meiner Behinderung, ist selbst für Menschen, die mir sehr nah stehen und mich sehr lange kennen, bis heute nicht wirklich klar.
Für mich hat „zu funktionieren“ also eine Bedeutung weit darüber hinaus, für wen ich wann wie und womit verfügbar sein will. Mein Problem ist schon lange nicht mehr, überhaupt zu spüren, dass ich Pausen brauche, und mich primär in Kontakten zu bewegen, die das nicht für grundsätzlich weird oder unnachvollziehbar halten.
Mein Problem ist inzwischen viel öfter, dass ich „die Türschwelle“ sehr deutlich spüre. Zwischen dem Sein und Funktionieren-Können, das für mich passt, weil es meine sensorischen und kognitiven Bedarfe erfüllt, und dem Funktionieren-Müssen und Sein-Dürfen mit anderen Menschen, die von diesen Bedarfen weder wissen noch selbige von sich kennen (und entsprechend kaum oder auch gar nicht verstehen).
Irgendwo habe ich schon einmal beschrieben, dass für mich der Kontakt mit anderen Menschen immer eine Entscheidung gegen mich ist. Immer eine Art von Aufgabe, Arbeit oder Herausforderung ohne Anleitung oder Zielbeschreibung.
Ich habe inzwischen akzeptiert, dass mein Bemühen und auch Streben nach Funktionalität im Kontakt mit anderen Menschen damit einhergeht und gewissermaßen zwingend erforderlich ist.
Gleichzeitig empfinde ich aber auch viel Trost in der Vorstellung von einem isolierteren Leben im Alter. Manchmal auch in der Utopie, irgendwann mit Menschen zusammenzuleben, die genau die gleichen Bedarfe haben wie ich.
Ich betrachte diese Entscheidung gegen mich als das, was es mich eben kostet, am Leben (mit anderen) teilzuhaben, zu nehmen und zu geben.