Gleichzeitigkeiten

Später denke ich an einen Aspekt aus dem Streit mit meinem Mann.
Da habe ich mich nicht gesehen gefühlt und eine geistige Notiz für das Klärungsgespräch gemacht. Erst mit dem aufgeregten, verletzten Rotstift-Edding: „ICH BIN TRAUMATISIERT – DAS WEIßT DU DOCH!!!!“, dann mit dem mitteldicken Stift: „FÜR MICH SIND DINGE SCHWER, DIE FÜR DICH LEICHT SIND – und ich habe dir gesagt, dass das so ist. Und dass es an meine Kräfte für alles andere geht, mich dem zu stellen!“ und dann mit einem schwarzen Fineliner: „Ich wünschte, du hättest mehr Aufmerksamkeit dafür gehabt, dass ich mit etwas konfrontiert bin, das mich an schlimme, lebensbedrohliche Erfahrungen erinnert und trotzdem einen Umgang erfordert, als wären sie mir nie passiert. Und dafür, dass mich das erheblich Kraft kostet, die an anderer Stelle einfach fehlt. Es fühlt sich an, als wäre dir nur wichtig, dass ich dich sehe, egal, wie viel Kraft ich dafür habe.“

Es gibt nicht mehr so viele Situationen, in denen ich darauf angewiesen bin, mit meiner Traumafolgestörung oder meinem Trauma gesehen zu werden. Und selbst als das noch viel öfter im Alltag der Fall war, habe ich das hauptsächlich dafür gebraucht, um mich selbst zu verstehen und zu begreifen, dass ich traumatisiert wurde.
Ich brauchte das nie, um mich richtig zu fühlen oder sicher in meinen Bedürfnissen oder berechtigt, etwas zu fordern, was mir hilft, klarzukommen. Meine Erfahrungen waren meistens einfach der Ursprung, die Folgen etwas, das da ist, egal ob jemand ihren Ursprung sieht – oder glaubt. Entsprechend leicht ist der Dauerbrenner der Trauma/DIS-Bubble für mich zu überscrollen. Ich habe dieses Thema der Validierung von außen nicht so. Weder in Umfang noch Dringlichkeit.

Aber natürlich passieren mir eben solche Streits. Oder Anträge bei Behörden. Oder medizinische Behandlungstermine. Oder Situationen wie zuletzt mit meiner Arbeitskollegin. Momente, in denen ich mir wünsche, man könnte meine Verletzung, mein Trauma, und ihre Folgen einfach sehen und verstehen und begreifen und akzeptieren und alles, was sie mit sich bringen oder bedeuten, validieren durch Rücksicht und Entlastung.
Dann aber frage ich mich, wie das aussehen würde. Was genau wünsche ich mir denn da? Da ist doch mein Wunsch nicht, als geprügelte 10 jährige sichtbar zu sein oder als sogenanntes „Traumaopfer“. Ich will doch einfach nur nicht irgendwie sein oder aussehen oder wirken müssen, um in dem anerkannt zu werden, was ich äußere, oder zu bekommen, was ich zum Überleben brauche. Keine Performance aufführen müssen, keinen spezifischen Eindruck von mir bei jemandem herstellen. Gewissermaßen herbeimanipulieren, dass ich mit Respekt und Anerkennung meiner Menschlichkeit behandelt werde. Was doch aber etwas ist, das sich alle Menschen wünschen? Und also etwas ist, wofür meine Gewaltbetroffenheit erst einmal irrelevant ist – und also überhaupt nicht zum Thema gemacht werden muss.

Es geht mit sehr viel Gleichzeitigkeit einher, dieses Traumading.
Einerseits wird vielen traumatisierten Menschen nicht geglaubt, dass sie von bestimmten Dingen (re)traumatisiert werden und das Folgen für sie hat – und das ist ein ungeheuer komplexes Folgeproblem; andererseits ist es in Bezug auf die Dinge, die diese Menschen brauchen, komplett egal, ob sie sie bekommen oder erfahren, weil sie traumatisiert wurden oder nicht. Es ist wichtig, dass sie sie bekommen, weil es ihnen sonst schlecht geht. Weil ihr Leben sonst bedroht oder schlicht nicht lebenswert ist.
Der Glaube oder die Anerkennung von anderen Menschen über die gemachten Erfahrungen ist damit gleichzeitig total wichtig und total unwichtig.

Mit meiner geistigen Notiz zu meinem Streit versuche ich, das zu illustrieren.
Erst ist sie für mich überstark emotional, denn hey, aufgrund meiner Erfahrungen haben bestimmte Tätigkeiten oder auch Gegebenheiten in meinem Alltag einen speziellen Charakter für mich und ich will, dass mein Mann das auch anerkennt.
Dann aber wird deutlicher, dass ich dieses Gefühl nicht habe, weil mein Mann mein Trauma nicht mitdenkt, sondern, weil es mein Mann, mein Freund, mein Partner, mein engster Vertrauter ist, der es nicht mitgedacht hat.
Und am Ende ist klar: Ich habe eine Erwartung in Bezug auf meine Erfahrenheit, aber auch in Bezug auf unsere Nähe. Ich erwarte, dass er meine Traumafolgen immer so mitdenkt, wie ich. Dass er die Auswirkungen auf mich ganz genauso bemerkt und berücksichtigt wie ich. Er ist aber nicht ich und denkt es entsprechend nicht immer mit wie ich. Und das enttäuscht mich. Deshalb fühle ich mich nicht gesehen und bin davon verletzt. Ich fühle ihn doch so nah. Aber er ist mir nicht immer so nah. Er ist er. Das muss ich akzeptieren. Wir müssen besprechen und klären, wie wir damit in Zukunft umgehen. Es geht überhaupt nicht um meine Traumatisierung, sondern um etwas, das ich mir kongruent oder sogar synchron wünsche, was einfach nie so sein kann.

Mein Wunsch ist valide. Der ist logisch und okay und gut. UND nicht erfüllbar. Es ist nicht fair, meinem Mann vorzuwerfen, dass er ja gar nicht so ist und empfindet wie ich.
Aber es ist fair von mir, zu sagen: „Hey, das war wegen meiner Gewalterfahrungen ganz schön schwer für mich.“, und zu erwarten, dass er darauf in einer Art und Weise reagiert, die weder mein Empfinden abspricht noch mich als Person abwertet oder abwertend beschreibt, weil er mein Partner ist. Von allen anderen Menschen, die mir weniger nahestehen, kann und muss ich vielleicht auch erwarten, dass sie anders reagieren, um unserem Verhältnis realistisch und fair zu entsprechen.

Und da komme ich zu Postings in der DIS‑Bubble, wo Betroffenen-Soli gefordert wird, weil wir Betroffene sind. Ich finde die Erwartung an andere Betroffene, alles zu glauben, alles kritiklos hinzunehmen, was Betroffene veröffentlichen, unangemessen und in Teilen auch sehr unfair.
Ich bin einfach nicht die andere betroffene Person. Ich habe einfach andere Lebensumstände, andere Herausforderungen, andere Meinungen, weil ich ich bin – nicht, weil ich anderen Betroffenen schaden will oder einzelne Personen nicht mag oder von Konzepten überzeugt bin, die Opferschaft sehr eng und strikt definieren.
Klar wäre es schön, wenn die Kongruenz, die wir auf unseren Diagnosezetteln haben, sich in unseren Er.Lebenweisen und -formen fortsetzen würden. Der Wunsch ist valide. Der ist logisch und okay und gut. UND nicht erfüllbar.

Alle können ihre Enttäuschung darüber ausdrücken und alles. Aber so fair sein, anzuerkennen und zu akzeptieren, dass es Grenzen dieser Übereinstimmungen gibt, müssen wir auch alle sein.
Wenn wir einander nicht in allem zustimmen, dann heißt das nicht, dass wir gegeneinander sind. Wenn ich nicht alles so mache, wie es jemand anderes meiner Betroffenheiten machen würde, dann ist das kein Angriff auf mein Handeln und auch kein Angriff auf meine Person.
Wenn ich nicht alles glaube, was ich sehe oder höre, ist das weder ein Angriff noch keine Solidarität oder Verrat an der Sache. Ich muss niemandem glauben, um angemessen mit der Person umzugehen. Ihre Grenzen zu wahren, sie zu versorgen, sie solidarisch zu unterstützen. Ich muss sie als Mitmensch annehmen, respektieren und ansprechen. Und dazu gehören Zuspruch, empathisches Mitschwingen und Validierung von Bedürfnissen und Bedarfen – aber auch kritische Aufmerksamkeit, das Ansprechen von Fehlern und die Formulierung von Dissens, wenn es welchen gibt. Einander ausschließlich zu bestätigen, ist für mich das Unsolidarischste und im Kern auch Destruktivste, was man einander antun kann, weil es die Realität negiert.

Und wenn Überlebende von Gewalt meiner Meinung nach eins wirklich bedingungslos verdient haben, dann ist das die Realität. In aller Widersprüchlichkeit, aller Brutalität, Schönheit, Komplexität, Irre, Wirre, Unfassbarkeit, Banalität und Wunderfülle.
Wer lange überlebt hat, kann damit Probleme haben, weil Überleben einen ganz strikten, engen Fokus biologisch produziert und psychisch auch erfordern kann. Dann ist man im Leben danach zuweilen sehr lange extrem überfordert von Dingen, die gleichzeitig passieren und nicht passieren, sind und nicht sind. Das ist eine Traumafolge (die sich Opfer mit Täter_innen, die sich gegen weitere Gewaltanwendung entscheiden, übrigens teilen).
Und manchmal passiert bei der Anpassung an das Ende der Gewalt und das übliche Leben nicht genug Unterstützung. Dann kommt es nicht selten vor, dass man sich in anstrengenden oder unangenehmen Situationen traumalogische Erklärungen gibt. Erklärungen, die diesen Anpassungsprozess überleben helfen – aber nicht dazu beitragen, das aktuelle Leben in allen Facetten seiner Realität zu erfassen, zu verarbeiten, anzuerkennen und zu akzeptieren. Und dann landet man bei Überzeugungen und Erwartungen, die keine oder nur wenig Gleichzeitigkeit oder nicht ausschließende Widersprüche zulassen. Das ist eines der großen Probleme, die unsere Trauma/DIS-Bubble meiner Meinung nach einfach hat.

Mein Umgang damit ist offen und ehrlich. Ich bin authentisch darüber, was ich denke, offen für Anpassung durch Diskurs und Debatte – Kommunikation und Miteinander – und firm, wenn es darum geht, Klarheit herzustellen. Ich will keine Heititei-jetzt-ist-alles-besser-als-früher-Realität für Betroffene von Gewalt herstellen. Für mich haben Überlebende mehr verdient.
Sie haben gemeinsame Anstrengung verdient, sie haben Sicherheit trotz und mit Widersprüchen oder Kritik verdient sowie die bedingungslose Annahme als Menschen mit Recht auf globale Unversehrtheit.
Das ist sauschwer. Und man sieht ja am Zustand der Welt, wie schwer es auch nicht oder nicht gleichermaßen traumatisierten und erkrankten Menschen fällt, so miteinander umzugehen – aber auch das muss doch niemanden davon abhalten, sich zu kümmern und füreinander Miteinander anzustrengen.
Find ich.

Multimythos Teil 5: von Multiversen und anderen Abstraktionen

Blasendunkel Was auch immer wieder gut kommt, sind beeindruckende Landschaften. Innere wenn möglich.
Multipelsein hat ja schließlich auch irgendwas mit System zu tun. Mit Persönlichkeitssystem halt.
Also fliegen in meiner Mailingliste immer mal wieder innere Landkarten von einzelnen Menschen herum und bewegen mich.

Zum Einen, weil das, was ich da sehe manchmal echt Stoff für eine Abwandlung der Buddenbroocks oder ein Schema für den gesamten Identitätenauflauf in dem Multiversen von Pratchett oder auch Walter Moers’ Zamonien sein könnte und zum Anderen, weil es mich als jemand ohne so ein umfassendes Bild über oder von seinem Innenleben, wie jemand “ohne Beweis” da stehen lässt.

Es gibt diesen naja- Halbmythos- der von einem linearen “je mehr, desto mehr” ausgeht und entsprechend riesengroße Systeme aus dem Innen zur Folge hat.
Was da dran ist, weiß ich nicht- es sind individuelle und subjektive Selbstinventuren.
Fakt ist: es gib die These der strukturellen Dissoziation und diese stützt sich darauf, dass sich die Spaltungstiefe bzw. der Umfang der Spaltung verändert bzw. spezifiziert, je häufiger es zu traumatischen Situationen kommt, in denen dissoziiert werden muss, um einen Informations/Reizoverload zu verhindern.
So sagt die These auch, dass dissoziative Strukturen entlang bestehender (und neurobiologisch angelegter) Notwendigkeiten entstehen. Sie sind also am Überleben des Individuums orientiert.
So stelle ich mir mein “System” auch eher wie einen Schaltplan vor: Wird an einer Stelle zu viel Strom reingejagt, springt die Sicherung an und leitet den Fluss an die Stelle, die damit umgehen kann oder weniger Verluste zur Folge hat, wenn sie versagt.
Die Systeme in meiner Mailingliste sehen da anders aus und so komme ich zu meiner Dauerschleife: “Abstraktion ist nicht gleich Dissoziation”.
Es gibt Menschen, die sich innere Rollenspiele oder auch ganze innere Welten erschaffen, um mit (durch ein Trauma zu begründende) Überforderung zurechtzukommen.
Sie dissoziieren aber nicht, sondern abstrahieren.
Abstraktion ist auch “Entfernung”- aber eben nicht “Trennung”.
Eine Entfernung zu generieren hat etwas mit Bewusstsein zu tun- man kann nur von sich halten, was man an sich dran hat.

Für mich spielt der Mythos in der Ecke der Alltagsgewalt und seinen Leidvergleichen.
Je mehr Gewalt, desto  mehr Innenleben, desto mehr Leid, desto mehr Verpflichtungsdruck auf dem Außen, sich dessen anzunehmen- sei es mit Aufmerksamkeit, Fürsorge, Mitgefühl, Halt.
Ergebnis: Sicherheitsgefühl durch Bindung- Verbundenheit

Die Realität der Folgen von Mensch-gegen- Menschgewalt hat aber eher die Kette:
Je mehr Gewalt desto mehr Unterwerfung/ desto weniger Bindungssicherheit, um mehr Innenleben zu verhindern, um weniger Außendruck in Bezug auf sich zu empfinden, um zu überleben.
Ergebnis: Sicherheitsgefühl durch Trennung- Autarkie

 

Ressourcen:
eine Folie von Michaela Huber zur Theorie der strukturellen Dissoziation
ein Text von der Internetseite “Traumatherapie Ruhr”, der die strukturelle Dissoziation näher erklärt
ein Artikel zur Alltagsgewalt

Ausweis Beweis Nachweis Hinweis

Tag der Weisungen…

Bei der Spaßkasse war der Automat ausser Betrieb und es wurde eine Schalterauszahlung gemacht. “Ihren Personalausweis bitte?”
Unser Personalausweis ist seit den Wahlen futsch- der Vorläufige schon ewig abgelaufen. Ein neuer mit biometrischem Hässlichfoto kostet 28,45€ + 10€ für neue Fotos.
“Der ist aber gelaufen- haben sie etwas anderes da?”
“Ja- äh… mich?! Ich bin nicht abgelaufen”, charmantes Lächeln…
Die nette Frau “lässt sich mal drauf ein- immerhin will der Automat ja auch nie einen Ausweis sehen”.

Ich bin erleichtert. Nichts erklären.
Mich nicht beweisen. Mich nicht ausweislich beweisen. Nicht nachweisen, dass ich echt bin. Nicht noch ein Kampf um meine Existenz (und damit leicht implizit: mein Sein.)

Ich fühle diesen Kampf im Moment sehr oft und rutsche immer wieder fast in den Zustand vom letzten Wochenende. Aus einer Erklärung meiner Worte, meiner Wortwahl wird eine Kontrolle meines Seins, meines Echt-Seins. Und in mir artet es aus, in verzweifeltes Flehen um Gnade, ob meiner Unfähigkeit mich verständlich zu machen. Als würde genau jetzt in diesem Moment etwas wer weiß was Furchtbares mit mir passieren, wenn ich es nicht schaffe mich- etwas aus mir kommendes, verständlich zu machen und damit zu rechtfertigen.

Es hat sich viel verändert seitdem. Und wir haben unsere Umgebung verändert.
Wir haben beschlossen, aus der “Internet- Austausch-Multiszene” auszusteigen. Unser Forum ist inzwischen privatisiert, diverse Accounts von uns, sind gelöscht bzw warten auf ihre Überprüfung und wir werden auch nicht mehr jeden Blog, jede Homepage oder sonstwie geartete Selbsthilfeseite lesen und aktiv unterstützen. (Etwas das wir bis jetzt immer, absolut bedingungslos und gern taten, weil wir denken, dass jeder Betroffene von uns ganz selbstverständlich mindestens Solidarität kriegen muss, weil diese Webseiten extrem viel Mut erfordern, den wir prinzipiell immer unterstützen wollen).

Aber nun wollen uns schlicht nicht mehr rechtfertigen!
Es ist jetzt genug.
Wir erkennen tiefes Misstrauen von Betroffenen an, gar keine Frage. Wir haben Verständnis für diverse Forderungen und auch sogar für Grenzverletzungen an uns, um uns zu prüfen.
Aber wir werden uns nicht mehr erklären und als echt und wirklich real von Gewalt betroffener Mensch ausweisen!
Das sind wir niemandem schuldig und wir sind es leid, dass es in der Selbsthilfeszene inzwischen Usus ist, quasi einen “stilles leidenes Opfer”- Ausweis bei sich führen zu müssen, um anerkannt und in seiner Art und Sprache akzeptiert zu werden.

Nein, wir sind nicht mehr verhuscht und kriegen den Mund nicht auf.
Nein, wir scheuen keine Konflikte mehr und kritisieren auch mal.
Ja wir sprechen über Sex und Pornos und hängen deshalb nicht mehr gleich weggetriggert in der nächsten Ecke- stell dir vor manche von uns haben sogar richtig Spaß damit und erleben genussvoll Sexualität mit diesem Körper!
Ja, wir schlucken keine Medis mehr- und stell dir vor, wir tun das nicht, weil es uns so super toll oberprima geht, sondern weil sie uns in unserem Sein verstümmeln und Nebenwirkungen haben.
Ja, wir gehen zur Therapie um Veränderungen bei uns zu schaffen und nicht um eine Mami nachzuerleben!
Ja, wir haben keine wochenlangen Amnesieen- stell dir vor- sowas geht nach 10 Jahren Therapie!
Nein echt, wir haben nur die Sachen im Kleiderschrank, die wir als Gesamtperson ausgesucht haben.
Nein, mir ist noch nie bei der Arbeit ein kindliches Innen (oder sonst eines, das dort nichts verloren hat) “rausgefallen”, obwohl es sie echt in mir gibt.
Nein, wirklich ja wir waren im Fernsehen zu sehen mit unserem Realnamen, obwohl wir einen organisierten Verbrechenshintergrund haben und anonym leben.
Ja, echt ich weiß was Suizid bedeutet. Könntest du meinen Körper real sehen, würde dir diese Frage im Hals stecken bleiben.
Ja, wir sind multipel und sprechen trotzdem in der Regel in der Ich-Form.
Ja, wir haben Spaß.
Ja, wir lachen sogar ab und an, obwohl wir noch keine Traumabearbeitung gemacht haben.
Ja, wir weinen auch mal so, weil uns was anrührt- ganz ohne dramatische Erinnerungen dahinter.

Ja verdammt- wir sind ein multiples Opfer, dass nicht nur betroffen-leidend ist 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr-möglichst noch lebenslang, um auch ja für immer und ewig im Kreise anderer Betroffener weilen zu dürfen.
Ich benutze eine möglichst klare Sprache und will, dass die ganze Welt die gleichen Worte für die selben Dinge benutzt und nicht reserviert für bestimmte Personengruppen. Ich finde Frauenberatungsstellen und Vereine für Missbrauchsopfer toll und hilfreich ohne Ende- kritisiere aber trotzdem offen, dass man auch dort einem gewissen Gefälle ausgesetzt ist und das mögliche Miteinander verhindert wird.
Ich kritisiere Therapiekonzepte und Kliniken und weiß aber gleichzeitig, dass sie auch hilfreich sein können.

Und trotz alle dem und alle dem, sind wir ein Opfer von Gewalt.
Wir wollen kein schwarz weiß- kein “gut” und “böse”, kein “betroffen” und “nicht betroffen” mehr in unserem Leben.
Wir wollen es bunt, lautleise, wildzahm und völlig frei von alten Zwängen und Kontrolle durch Fremde. Wir wollen auch ohne Beweis unserer Gewaltvergangenheit anerkannt werden und mit allem anderen, was uns ausmacht ebenso- völlig ohne Erklärungszwang.

Der Grund weshalb wir uns Selbsthilfeforen im Internet gesucht haben, war die Seltenheit der Diagnose.
Wenn nur eine von 100 von Gewalt so wie wir betroffenen Frauen, genau meine Probleme hat, ist völlig logisch, dass die Wahrscheinlichkeit von Austausch und Kontakt im Realleben und in meiner Stadt minimal ist. Und wenn man dort wo der Austausch ginge,  auch noch einer Szene/Clique entsprechen muss… tsss- das ist als käme man Freitagnacht zu Türsteher Heinzel und hätte ein hässliches Outfit an.
Der Club ist exklusiv sozusagen. Wer die falsche Uniform trägt, wer das falsche Leiden hat- oder nur so wirkt, weil er sich noch nicht ausdrücken kann- oder sich auch nicht ausdrücken will, wie alle anderen, der bleibt eben draussen.

Wer nicht reinkommt ist auf eine Art einsam, wie man es niemandem wünschen sollte.
Gerade wenn man selbst doch ein real betroffener Mensch ist.

Für mich ist die Form von Ausschluss durch aufgedrücktes Beweisen des- ausschliesslich beim Kontrolleur so wahrgenohmmenen!- echten Opferseins, eine Art der Gewalt, wie ich sie nicht mehr aushalten und in letzter Konsequenz auch nicht mehr selbst ausüben will, indem ich als Administratorin in meinem Forum aktiv bin.

Und so, erlebe ich es also wieder einmal.
(Gewalt)Freiheit macht unglaublich einsam bzw. birgt das extrem hohe Risiko von Einsamkeit.

Aber:
Wer frei ist, muss sich nicht erklären und rechtfertigen.
Auch schön.
Entspricht der Wegweisung, die wir für unsere persönliche Freiheit angenohmmen haben.