das Gespräch

Um 4 Uhr 40 halte ich das Handy vor meine Augen.
Gut, dass ich früh ins Bett gegangen war.
Ich trinke etwas und teste vorsichtig meine Stimme, während der Wasserkocher läuft. Heute ist der Termin in der Klinik zur Nachbesprechung der Ereignisse, die sich seit einigen Wochen in Flashbacks und Albträumen neu aufdrängen. Mal vermischt mit früheren Erfahrungen, mal pur. Mal so, dass ich an der Tragfähigkeit der Gegenwart zupfen muss, mal so, dass ich in der Vergangenheit gesäte Zweifel an meiner Existenzberechtigung ernte. Auch diese Nacht endet verfrüht mit verzweifeltem Weinen und Hechtsprung in die Skillskiste.
In den letzten Tagen arbeitete sich ein fiebriger Infekt von meinem Kopf in meine Bronchien, meine Stimme war an einem Tag fast ganz weg. Und nun würde ich für mich sprechen können. Wollen. Müssen. Dürfen. Ich will klar sein. Und stabil. Mich wenigstens kurz so fühlen.

Mein Mann und ich haben das Gespräch oft vorbesprochen. An diesem Morgen sitzen wir ein letztes Mal zusammen und notieren uns beide die Liste der Punkte. Später wird er sagen, dass er in dem Moment seinen Vater gechannelt hat. Auch der kam immer mit einer Liste zum Arzt. Für meinen Mann ist es ungewöhnlich, sich für solche Termine derart zu wappnen. Obwohl er mit seiner Krankheit durchaus auch mit einem Stapel Papier und Datenträgern in Arztkontakt kommt.
Im gleichen Später wird er sagen, dass dieses Gespräch der tiefste Einblick in meine kommunikativen Schwierigkeiten und alle Probleme, die damit einhergehen – „Ey, das hat so viele Ebenen!!!“ – war, den er bisher hatte.
Und ich werde deshalb ein enormes Triumph-Glücks-Dankbarkeits-Gesehenheits-Gefühl in meiner infektiös schmerzenden Brust haben.

Doch zuerst fahren wir in die Klinik.
Merken, dass meine Stimme noch geschont werden muss. Wir uns also nicht ablenken, in seichte Stimmung bringen können. Ich bin unruhig, weil ich mich so okay damit finde, dass ich eine Liste habe. Und einem Angebot, einem Auftrag, glaube, dem ich nie wieder glauben wollte – „Wenn was ist, sprechen Sie uns an“.
„Es ist ein Lernfeld“, so ordne ich das ein, um mich zu beruhigen. „Diese Situation passiert zwar an meinem Körper, ich bin die_r Patient_in, aber mein Mann hängt da auch mit drin. Es ist nicht wie in der Psychiatrie, nicht wie bei allen anderen Behandler_innen. Nicht nur ich habe dieses Angebot, diesen Meldeauftrag bei „Wenn was ist“ erhalten, sondern auch auch mein Mann. Und auch der hat gesagt: sammeln, aufschreiben, auf Zuständigkeit und reale Umsetzbarkeit prüfen, auf den Punkt bringen und damit ins Gespräch gehen. Wir machen nichts Falsches, nichts Dummes, nichts Anmaßendes. Es hat überhaupt nichts mit unserer Persönlichkeit oder Krankheit zu tun, dass wir das so machen, und das, was wir vorbringen, berührt in keiner Weise das Individuum, mit dem wir sprechen, und auch nicht dessen Würde. Die Belastungsstörung, die ich gerade habe, ist nicht Folge meines Versagens oder Absicht von jemandem, sondern Folge der Ereignisse im Zusammenhang mit meinen individuellen Verarbeitungskapazitäten in dem Moment.
Verarbeitung bedeutet Arbeit. Es bedeutet: hingehen statt weggehen, machen statt halten, Integration statt Dissoziation
Wir gehen in den Termin, gehen in Kontakt und schauen dann weiter. Nicht jetzt. Jetzt schaue ich nur in meine Idee von der Zukunft, aufgrund der Erfahrungen, die ich bisher gemacht habe. Wenn das Gespräch war, dann habe ich eine Erfahrung mehr und was gerade Zukunft ist, ist dann Jetzt.“

Und dann ist es, wie es ist.
Wir sind pünktlich, die_r Behandler_in nicht. Wir haben keinen Zeitdruck, registrieren aber doch die Respektlosigkeit unseren Ressourcen gegenüber. Nach 20 Minuten kommt eine Behandlerin. Nicht die, bei der mein Mann um den Termin gebeten hatte. Die wird dann geholt. Spontan kommt sie aus dem Termin eines_r Patient_in raus. Sie hat etwa eine halbe Stunde und fordert uns auf, unsere Punkte anzubringen.
Kurz darauf liegt „das Schiff mit einer Seite fast waagerecht auf den Wellen“. Es passiert, was mir immer passiert. Aus Verwirrung wird Anklage, aus Erklärung Begründung, aus Idee, Vorschlag, Anfrage wird Forderung. Ich merke sofort, dass wir in dem sind, was Schulz von Thun „das Teufelskreis-Modell“ nennt. Ich merke, wie ich mich in die_n Patient_in verwandle, die Schülerin, die Kundin, die Mitarbeiterin, die Tochter.

Und das, was ich „das Opfer“ nennen würde. Würde ich mich damit nicht selbst zum Opfer erklären.
Während ich das auch in diesem Moment nicht tue, sondern wie gewohnt abwehre, um mein Ich zu erhalten und funktionell im Kontakt bleiben zu können, habe ich einige Stunden später ein neues Gefühl.
Denn da sagt mein Mann, der seit Verlassen des Klinikgeländes die gleichen Brandreden ausspricht, wie ich sie sonst nach so einer Erfahrung im Kopf habe: „Ey, und wenn jedes Gespräch dieser Art so abläuft, wenn einem das das ganze Leben in allen möglichen Situationen immer wieder passiert – da kriegt man ja jedes Mal brutal die Hucke voll. Oh G’tt.“
„Ja“, denke ich, „brutal die Hucke vollkriegen, trotz aller Vorbereitung, allem Anstrengen, allem Bemühen, allem Liebsein, allem Nettssein, aller Achtung von Form und Anstand. – Wenn jemandem so etwas passiert, dann sind diese Dinge auch nie relevant gewesen. Dann war die Performance scheißegal. Dann ging es nie um Form und Fakten, sondern um Gefühle und Erwartungen, Intentionen und Ansprüche. Also etwas, das sich hinter einer im Behandlungskontext (im Kontext einer Autorität) ganz besonderen Grenze befindet.
Das ist eine Grenze, hinter der man als Patient_in aus sehr vielen sehr guten und richtigen Gründen überhaupt nicht sein soll. Damit ist der Rahmen, in dem Patient_innen gehört werden müssen – in dem auch ihr Sprechen in eigener Sache grundsätzlich verortet werden muss – total klar und auch, wessen Aufgabe es ist, diesen Rahmen zu verantworten. Und es ist total klar, dass jede Verteidigung persönlicher Grenzen in diesem Zusammenhang von vornherein unter unfairen, weil ungleichen Voraussetzungen passiert. Patient_innen können gar nicht umfassend wissen, wann sie ihre Behandler_innen persönlich berühren. Klar, können sie wissen, dass Behandler_innen zu beleidigen zum Beispiel auch persönlich verletzt oder dass die gleichen allgemeinen Grenzen, die Menschen als allgemeine Gemeinschaft haben, auch auf Behandler_innen anzuwenden sind. Aber da sich Behandler_innen als Privatpersonen nicht so öffnen dürfen, wie Patient_innen, können Patient_innen Grenzberührung oder auch -bedrohung und -verletzung einfach nicht immer verhindern.
Das ist unmöglich.

Mein Mann moderiert und ordnet das Gespräch immer wieder. Missverständnisse werden dadurch offenbar und können geklärt werden. Ungeprüfte Vorannahmen der Behandlerin werden offensichtlich. Wir drei auf diesem Schiff unseres Gesprächs, im Wellengang der Gefühle, schwanken in einem erheblichen Ausmaß. Es gibt einen Moment, in dem sie sagt, sie hielte eine Weiterbehandlung für fraglich.
Mein Mann sagt spät am Abend, als wir zwischen zwei Fernsehsendungen pausieren, dass es ihn erstaunt und anfasst, wie schnell und bereitwillig der Kontaktabbruch aufgebracht wurde. Wie einfach die Lösung erscheint: „Naja, dann machen wirs halt nicht mehr“, um sich abzusichern und zu entlasten. Während das für uns bedeuten würde, dass wir mit unserem Anliegen in seiner Legitimität infrage stehen und mit dem Eindruck zurückbleiben, es sei ein Irrtum, ein Fehler gewesen, uns überhaupt zu behandeln.
Und auch das ist etwas, in dem Patient_innen ungleichgestellt sind. Wenn die Behandlerin in ihre Akte schreibt, dass eine Weiterbehandlung medizinisch nicht indiziert sei, dann ist das eine andere Aussage als „Die haben mich persönlich belastet und ich hab Besseres zu tun – an Patient_innen, die besser raten können, wann sie mich aus welchen Gründen, wie und womit belasten dürfen“. Dann wird ein persönlicher Beziehungsabbruch professionell begründet, die Folgen davon betreffen aber in Person und Sache komplett die Patient_innen. Wer so etwas macht, benutzt die Autorität der Profession als Waffe. Das ist Machtmissbrauch. Die Gewalt der Helfer_innen. Das, was den Klinik-GAU und sehr viele andere Behandlungserfahrungen in meinem Leben zu einem Trauma gemacht haben.

Das ist aber auch der Grund, weshalb ich in dem Gespräch auch das D-Wort gesagt habe. Diskriminierung.
Obwohl ich weiß, dass dieser Begriff, diese Thematik, hochemotional aufgeladen ist. Vor allem bei Menschen in Machtpositionen. Also Menschen, die üblicherweise nicht diskriminiert werden und von bestehenden Diskriminierungen profitieren.
Sachlich, faktisch, inhaltlich jedoch ist es eindeutig diskriminierend, Menschen eine Behandlung zu verweigern, weil sie eine Behinderung haben. Auch und gerade dann, wenn die Behandler_innen sich (aufgrund unhinterfragter oder falscher Vorstellungen über den behinderungsbedingten Grad der Einschränkung) überfordert fühlen, mit diesen Menschen gemeinsam zu schauen, wie die gemeinsame Zusammenarbeit aussehen kann.
An einem Punkt, an dem Menschen, die keinerlei Einblick in mein Leben mit Behinderung und meine Ressourcen zur Kompensation haben – und diesen auch gar nicht bekommen wollen! – Zugang und Rechte verweigern wollen, ist es sachlich, faktisch, inhaltlich absolut richtig und auch wichtig für mich persönlich, diese Verweigerung als Diskriminierung zu benennen.
Ich kann nichts dafür, dass das als Powermove gelesen wird. Als Angriff, als „die Keule schwingen, um die Debatte zu gewinnen“.
Für mich ist das wichtig zur Einordnung der Situation. Werde ich diskriminiert, bemühe ich mich nicht mehr um den Kontakt. Dann sind die Verhältnisse für mich klar. Dann geht es nicht mehr darum, wie wir gut miteinander arbeiten können, weil Diskriminierung einfach auch Autorität bedeutet. Dann bestimmt eine Partei und die andere hat das hinzunehmen.

Vielen Menschen, die keine Behinderung kompensieren oder nur in einer bestimmten (autoritären, machtvollen) Rolle mit behinderten Menschen zu tun haben, fehlt oft das Bewusstsein dafür, dass die Dinge, die sie schützen und stützen, die sie befähigen und ermächtigen, nicht für alle Menschen gleich zugänglich sind und selbst wenn, dann nicht auch zwingend die gleichen Effekte haben. So kommt es nämlich beispielsweise dazu, dass Behandler_innen zwar allen Patient_innen sagen: „Wenn was ist, melden Sie sich“, aber meistens überhaupt keinen Gedanken daran verlieren, was „was“ für wen in welcher Situation und aus welchen Gründen ist.
Selbst für meinen Mann ist dieser Satz, der für mich ein Kontaktangebot ist – etwas, das mir den Eindruck vermittelt, dass ich aufkommende Probleme nicht allein lösen muss – nichts weiter als eine prosoziale Phrase. Etwas, das man einander sagt, um ein Bild von sich bei der anderen Person herzustellen. Ein Bild – nicht die Realität. Für ihn ist beiderseits klar, dass „was“ überhaupt nicht definiert ist, aber im Notfall spontan definiert werden kann, weil die Annahme ist, dass beide Seiten, die gleichen Erfahrungen, Probleme oder Perspektiven auf Dinge haben.
Meine Erfahrungen, Probleme und Perspektiven sind aber aufgrund meines Autismus und der Traumafolgestörung in manchen Dingen ganz extrem anders. Nicht immer ist das ein Problem oder erfordert auch ganz andere Lösungsansätze als allgemein üblich, aber immer bin ich darauf angewiesen, dass andere Menschen ihre Ideen und Erwartungen an meine Fähig- und Fertigkeiten hinterfragen, weil sie nicht von sich auf mich schließen können. Das kann ich umgekehrt ja auch nicht. Wir müssen uns beide in ein Lernfeld begeben und das ist – auch wenn es einen professionellen Rahmen für unseren Kontakt gibt – auch Beziehungsarbeit.

Und Beziehungsarbeit ist krass. Krass anstrengend. Umfassend. Bringt oft mehr was fürs Gefühl als für die Arbeit oder irgendwas messbar Konkretes. Jedenfalls am Anfang.
Klar wird das vermieden, wenn man es ohne Verluste auch einfach kann. Klar denkt man sich: „Boah, wenn ich das für alle Leute leisten muss, dann bin ich schnell am Ende.“ Da gibts offenbar selten den Gedanken: „Hm, wenn ich das jetzt mache, wirds beim nächsten Mal wahrscheinlich leichter.“ Und so bleiben die Vorurteile, die falschen Ideen, die Einschätzung, dass Barrierenkompensation aufwendig und wertlos ist. Und damit kommen dann die Vermeidung, die generalisierte Abwehr, die „professionelle Begründung“ dafür, warum bei Patient XY die Behandlung AB nicht indiziert sei.
Man versichert sich damit in einer Position, in der man ganz rationale und legitim erscheinende Begründungen dafür findet, den Kontakt extrem zu limitieren oder eben einfach abzubrechen. Diskriminierung in dem Zusammenhang überhaupt erkennen und begreifen zu können, wird dadurch sehr sehr schwer.
Auch das ist ein Grund, weshalb ich sie benenne. So auch in dem Gespräch.

Für mich hat das auch etwas mit Erwachsensein zu tun.
In jedem Kontakt, den wir eingehen, haben wir die Verantwortung, ihn zu erhalten, zu schützen und angepasst zu gestalten. Diese Verantwortung will ich nicht einseitig übernehmen müssen. Schon gar nicht im Zusammenhang mit einer Behandlung, die für meinen Mann und mich so wichtig ist.

Als wir im Auto sitzen und mein Mann seine Gedanken sortiert, fühle ich mich richtig richtig gut.
Er hat alles gesehen. Er hat alles bezeugt. Und jetzt fühlt er auch noch alles mit.
Er fühlt sich nicht gut und das ist kacke – aber ich bin so entlastet und glücklich. Zum ersten Mal habe ich nach einem Gespräch dieser Art nicht das Gefühl, kein Recht auf Leben zu haben, sondern als wärs total okay alles zu fühlen und zu denken und meinen und glauben und anzunehmen was einfach gerade da ist. Und das ist so cool.

Wir sind mit gemischten Absprachen aus dem Gespräch gegangen. Formal ist alles gut. Wir werden weiter behandelt, nächstes Mal mit einer Narkose. Sozial gehe ich von zukünftig verkrampfter Fern-Freundlichkeit aus. Denke, dass sie uns das nie sagen werden, doch froh sind, wenn wir da einfach nie wieder hingehen. – Eine Traumawahrheit, die ich natürlich überprüfe. Aber etwa 20 Stunden nach dem Aufwachen an diesem Tag, erstmal glaube und beweine.
Ich habe keinen Grund, von etwas anderem auszugehen.
Andererseits habe ich auch mein Leben lang gedacht, ich würde meinen Schmerz in solchen Gesprächen, meine Not, dieses ganze bekackte Elend mit all seinen Ebenen, diese Ohnmacht, die Hilflosigkeit, die Wut ohne Ventil – alles DAS DA – mein Leben lang immer allein erleben müssen.


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