ein Igel, ein Hund, ein Tag im Sommer

Vielleicht ist es nur die Geschichte von einem Igel, der an einem Tag gleich zwei Mal vom gleichen Hund gefressen zu werden versucht wurde. Vielleicht ist es aber auch die Geschichte von einem Tag, dessen Besonderheit es war gleichzeitig weichweit und festdicht zu sein.

So ist es uns, wenn es Sommer ist und die Grenze zwischen uns und der Welt der kleine Lichthof ist, den die Sonnenstrahlen um unsere salzige Haut wirft. Da ist ein bisschen Wind und ein Flüstern in den Bäumen. Da fliegen Insekten und die Wiese riecht nach würzigem Heu.

Im Sommer sind alle da. Pflanzen, Tiere, Menschen, die vier Elemente.
Es ist, als müsste man niemanden mehr suchen. Es gibt kein Vermissen, wie im Winter. Keinen Abschied, den man sich so lang wie möglich wünscht, wie im Herbst. Auch das große Hallo, das man in der Brust klein dämpft, damit es die ersten zarten Blumen und Blätter nicht versehrt, bleibt aus.

Wir sind einfach da und passen fast nahtlos in die Welt hinein.
Dieses Gefühl entspannt uns. Macht uns weichweit wie die Mittagshitze, die man spürt, wenn man unter einem Baum auf einer Decke liegt und jemanden neben sich hat, die_r weder stört noch schmerzt.

So wie wir gestern mit J..
Nach einem Frühstück um 10 und einem Malzbier zum Mittag. Mit Gesprächsthemen von “Seebrücke statt Seehofer” zu “Was sind die Bedingungen zum Erhalt von Bafög?”.

Später arbeiteten wir unseren Kram ab, während sich die Mittagshitze draußen in einen schweren Mantel verwandelte. Und dann hörte ich Bubi draußen im Garten winseln. Bubi ist J.’s Hund. Ein schwarzer Spaddelkopp-Hund von drei Jahren mit Autoscooter-Schwanz und Drahtrauhhaar.

Als ich ihn fand, hielt er ein Bündel zwischen den Pfoten, in das zu beißen ihm Schmerzen bereitete. Was ihn aber nicht davon abhielt, es weiter zu versuchen. Auf den zweiten Blick sah ich, dass es ein Igel war. Angelüllert von blutigem Hundespeichel, festdicht geschützt von seiner Stachelverpackung.

Igel sind Parasitenschleudern. Das war ein erster Gedanke und man möge mir das bitte verzeihen. Zwei Jahre Pflegestellesein für Wildtiere und damit unzählige Floh-Milben-Würmer-Einzeller-Paraden, die durch meine Wohnung stampften, hinterlassen dann eben doch Spuren, die manchmal sogar die Möglichkeit einer tödlichen Gefahr für ein Lebewesen überstrahlen.

Wir brachten Bubi rein, begutachteten den kleinen schnell und flach atmenden Stachelball und legten ihn in einen Karton unterm Baum. Igel, die sich noch so fest einrollen können, haben zumindest kein akutes Problem mit Schwäche.
Wir ließen ihn allein und als wir später nochmal nachschauten, war er weg.

So schüttelten wir die Köpfe, J. und wir. Darüber was für ein Spaddelkopphund man sein muss, mehrfach von einem Igel abbeißen zu wollen, obwohl es offensichtlich weh tut.
Natur. So krass.

Das dachten wir auch, als wir später einen neuen Weg durch einen kleinen Wald gingen. Wir sahen Bäume, in deren vielen Astgabeln Spinnennetze wie Trampoline hingen und in der Sonne glitzerten. Horchten auf das Knistern des trockenen Laubs unter unseren Füßen. Genossen den kühlen Schatten des Wäldchens mitten im dörflichen Irgendwo.

Und am Abend, als wir schon satt und zufrieden über einem Gurkensalatrest saßen und wieder mitten in einem Gespräch waren, hörten wir Bubi bellen. Und dann winseln. Wieder im Garten.
Und ja, er hatte wieder einen, vielleicht und wie wir vermuten, auch wieder genau DEN Igel zwischen seinen Pfoten.

Diesmal blieben wir bei dem Igelschutzpanzerbällchen sitzen. Warteten auf seine Entfaltung und gaben ihm den Namen Hannes, der Dödel. Der ließ eine Weile auf sich warten, doch reckte schon bald seine spitze Lakritznase heraus und sah sich in dem Karton um.

mittelgroßer Igel im Pappkarton, neben im ist ein pinkes Handtuch zu erkennen, Perspektive ist vom oberen Kartonrand. Der Igel ist entrollt und schnuppert.

Wir sahen keine Verletzungen, nur jede Menge Moos, trockene Grashalme und Flechten.
So trugen wir ihn durch die dunkle Nachbarschaft in ein Gebüsch und ließen ihn als kleine feste Stachelkugel dort zurück.

Den Karton haben wir verbrannt. Igel sind Parasitenschleudern.
Die Hitze in der Feuerschale vor unseren Füßen, die Kühle der Nacht an unserem Rücken, J.’s Arm an unseren Schultern entlang, bildeten den Rahmen für das Ende dieses Sommerstages, der besser nicht hätte passieren können.

Leben. So krass.

der Triebwagenführer, das große Bild und unser Regal

Wir saßen in einem überhitzten Abteil auf dem Weg vom Praktikumsort nach Hause, als der Triebwagenführer vorbei kam. Die Klimaanlagen sind ausgefallen, lasst die Fenster zu, Kinderwagen werden an die dafür vorgesehenen Plätze gestellt, Füße vom Sitz. Sein sächsischer Dialekt richtete mir den Rücken auf.

Wir sind 32 Jahre alt. Die DDR haben wir nie bewusst erlebt. Aber ihre Hinterbliebenen. Und das sind oft Menschen wie dieser Triebwagenführer gewesen. Allzeit bereit.
Mit ihnen geht es mir wie mit Leuten aus Brandenburg und Berlin: Ich weiß nie, ob sie mich gerade anscheißen oder herzlich anknuffen. Vorschriften sind ein Muss, menschliche Gesten daneben aber auch.

So kam es, dass wir alles über die Klimaanlage erfuhren, dass es Zugbegleiter gab und dass er sich darum kümmerte, es so erträglich wie möglich für alle zu machen.
Am nächsten größeren Bahnhof gab es eine Zugwechselaktion. Dort war nur noch ein Abteil überhitzt, eine Notfallflasche kaltes Waser wurde besorgt. Für Fahrgäste, die es brauchen. Das erzählte der Triebwagenführer nachdem er allen Fahrgäst_innen und seinen Zugbegleitern für ihre Zusammenarbeit bei der Aktion gedankt hatte und erneut sagte, dass er sein Bestes gibt.

Wir haben schon Schlimmeres mit der deutschen Bahn erlebt und es war dieser Vergleich, der uns etwas anderes bewusst machte. Denn das, was der Triebwagenführer tat, als er uns dankte und seine Bemühungen mitteilte, war eine Bestätigung der Belastung und der Ungewöhnlichkeit der Situation für alle Beteiligten. Ohne sich selbst davon auszunehmen, indem er sich an die (westsoziale?) Vorschrift der Sachlichkeit und Autorität zurückzog.

Was es uns bewusst machte, war Folgendes.
Am Dienstag hatten wir einen Termin mit dem Begleitermenschen.
Wir haben beim “Fonds sexueller Missbrauch” beantragt, dass er für seine Arbeit mit uns bezahlt wird. Damit das geht, wurden wir darum gebeten den Umfang der Unterstützung und die konkreten Kosten dafür aufzulisten.
Und so saßen wir dann gemeinsam an unserem Schreibtisch und listeten.

Früher hatten wir ein Regal für Komplimente oder schmeichelhafte Bemerkungen über uns. Eine Distanzierungstechnik, die uns half über die Unsicherheit des Nichtwissens einer angemessenen Reaktion hinweg zu kommen. Seit dem Narzissmusding in der Klinik machen uns anlasslose bzw. nicht nachvollziehbare Komplimente und schon die Idee, wir könnten irgendwas ziemlich gut (geschweige denn besser als andere) nur noch Stress und Angst – wir befassen uns nicht mehr damit. Die Dinge, die wir schaffen und können, schaffen und können wir und fertig. Ein größeres Bild oder irgendwelche Gefühle dazu, lassen wir nicht mehr an uns ran.

Nun mussten wir zusammen darüber nachdenken, wie das war. Damals. Im Frühjahr und Sommer 2015 als wir uns kennenlernten. Wir uns und wir irgendwiealle den Begleitermenschen. Der trotz all unserer Helferdinger und Klapsentraumafolgeprobleme bis heute Wege findet, über die Dinge zu sprechen, die davon ins Jetzterleben getriggert werden und das Heuteleben be.ver.hindern.
Wie das war, als wir mit dem Aspergerdiagnosezettel in der Landschaft standen und erst mal nicht wussten, was das jetzt bedeutet. Was für Angst wir hatten, die Therapie bei unserer Therapeutin könnte deshalb enden.
Wie hilfreich es war, als er uns erklärte welche Mechanik hinter Autismusdiagnosen und Behandlungen steckt und was unser Zettel nach einem Fragebogen und einem Interview letztlich aussagt.

Wie das war, als wir erstmals über die Ausbildung mit ihm sprachen und wie gut es war genau so kleinteilig und zweifelsorgenzerklüftet über Wünsche, Sorgen und Ängste in Bezug darauf zu sprechen, wie es nötig war. Wie das vor dem Klinikding war und wie es bis heute hilft, dass er direkter Zeuge dessen war, was da alles so schlimm schief für uns gelaufen ist.

Und während wir über die Schule und seine Unterstützung dort sprachen, dachte ich, dass wir das schon längst mal hätten machen müssen: Uns das gemeinsame große Bild anschauen.
Von dem, was dieser Mensch da für uns tut. Seit inzwischen 3 Jahren, ohne dafür bezahlt zu werden und immer mit all unserem autistischen Traumakorks, der sicherlich weder einfach noch kurzweilig ist.
Nicht, um ihm den Heldengesang schreiben zu können, den er verdient, sondern um sowohl ihm als auch uns die Anstrengung, die Arbeit, die Außerordentlichkeit dieser Beziehung bewusst zu machen.

Denn es ist anstrengend. Es ist Arbeit. Es ist außergewöhnlich.

Vor dem Klinikding und der Ausbildung war das alles normal für uns.
Menschen sind anstrengend, Hilfe und Unterstützung erbitten, managen, annehmen und nutzen ist Klient_innenarbeit und, dass es jemand länger mit uns aushält, obwohl sie_r selbst nichts davon hat, ist krass außergewöhnlich.

Und nach dem Klinikding wurde diese Normalität für uns beängstigend. Denn wir sind ganz gerne mal stolz auf geschaffte Dinge. Gerade dann, wenn wir viel für oder an etwas gearbeitet haben. Dann wollen wir Bestätigung dafür. Wollen von anderen Menschen hören, dass sie Dinge unter Umständen auch anstrengend, arbeitsaufwendig und/oder außergewöhnlich finden. Zwischenmenschliche Kongruenz in der Einordnung solcher Empfindungen ist manchmal so eine Art Versicherung oder Legitimation. Eine Möglichkeit empfundenen Stolz als legitim und sicher an und vielleicht auch in sich selbst zu zementieren.

Wir haben das von uns weggeschoben. Stolz ist ja auch nicht konstruktiv. Sich selber bei oder wegen etwas gut finden – das ist kein Skill, der hilfreich ist, die Ausbildung gut zu durchlaufen oder an Dingen zu arbeiten.
Klick klack Robotermodus an. Dissoziationsmechanismen rasten ein.
Entferne dich von dir selbst, richte dich aufs Arbeiten, Ver_Dienen und Zer.eins.zelte ein.
Du bist nicht gut oder okay, du bist nicht schlecht oder scheiße.
Du bist, das reicht für dich, weil “in Wahrheit” ist das schon schlimm genug, um alles andere verwirkt zu haben.

Eine andere Ebene der Dissoziation, die uns nach dem Klinikding passierte ist die, ja “in Wahrheit” den Begleitermenschen gar nicht zu brauchen, neben “in Wahrheit” gefährdet zu sein, weil wir ihn eben doch brauchen, neben “in Wahrheit” nie zuvor genau diese richtige, wirklich hilfreiche Hilfe im Alltagsleben gehabt zu haben, neben “in Wahrheit” es niemals zu schaffen, wieder gut zu machen, zu entschädigen, zu entlohnen, was dieser Mensch für uns tut und getan hat in den letzten Jahren, neben “in globaler Echtwahrheit” keinen Grund zu haben zu glauben, wir hätten irgendetwas mit dem zu tun, was Produktives, Gutes, Bestolzbares aus der Arbeit mit ihm hervorgeht oder für uns entsteht.

Eine Ansprache wie die des Triebwagenführers hätten wir über die Arbeit mit dem Begleitermenschen nicht ertragen. Aber diese Liste war gut. Das Moment, in dem wir bemerkten, dass auch der Begleitermensch seine Distanzierungsmethoden hat und gleichermaßen nicht so bewusst hatte, wie viel er und wir schon gearbeitet haben. Es war gut, weil das Ziel der Auflistung nicht war uns das bewusst zu machen, sondern um das darzulegen, was de facto da ist. Ohne, dass irgendjemand daran herumdeuteln oder ein “in Wahrheit” daneben legen kann.

Es ist gut und tut gut zu sehen, dass da gute Sachen einfach gut laufen, weil wir zusammen mit dem Begleitermenschen gute Arbeit machen.

Mal sehen, ob wir uns das in unser Regal tun können.

Notiz: technischer Hintergrund

Diesmal sprechen wir direkt euch an. Unsere Leser_innen und Hörer_innen.

Im Zuge der Datenschutzgrundverordnung haben wir einige unserer Seiten gelöscht bzw. WordPress-Blogs auf privat umgeschaltet. Es ist einfach ein Pfund für uns als Privatperson den Schutz- und Sicherheitsansprüchen gerecht zu werden, die genau gleich auch an Firmen und Unternehmen, Behörden und andere Institutionen gerichtet werden.
So haben wir die Projekte offline genommen, die sowieso mehr ins buchstäblich Analoge gewandert sind (unsere fotografischen Arbeiten) und durch den Wechsel auf eine selbstgehostete Seite unnötig doppelte Arbeit bedeutet haben (die Seite zum Podcast, zum Nachwachshaus, andere Textseiten).

Stichwort „doppelte Arbeit“. Ja, die machen wir uns jetzt mit dem Blog von Vielen.
Das gibt es jetzt unter vieleineinemblog.wordpress.com und unter einblogvonvielen.org gleichzeitig.

Das hat damit zu tun, dass WordPress.com für andere Blogger_innen beim gleichen Anbieter komfortabler zu nutzen ist. Sie können ohne große Umstände kommentieren, teilen, rebloggen, liken. Sie wird die Werbeeinblendung auf der Seite tendenziell auch eher nicht stören oder dabei behindern, die Seite zu nutzen. Außerdem bleibt uns so auch ein Teil der Community nah bzw. lernen wir immer wieder mal „neue Blogger_innengesichter“ kennen.

Nachwievor können wir zur Werbung auf jedweder Webseite nur sagen: Benutzt Mozilla Firefox und installiert euch Adblocker. Auf der Webseite von Mozilla findet ihr eine Anleitung dazu.
Neben Adblockern findet ihr dort auch Addons, die eure Privatsphäre schützen helfen und vieles mehr.
Sich ein bisschen damit zu befassen, hilft der Eigenverantwortung als User_in nachzukommen und sich das Internet leichter zugänglich zu machen.

Auf der selbstgehosteten Seite sieht es mit der Nutzung ein bisschen anders aus.
Wer einfach nur gern Text lesen möchte, ohne zu kommentieren oder Kontakt zu einer Community zu haben, fühlt sich dort vielleicht auch ganz wohl.
Um zu kommentieren muss man Glück haben, denn meistens vergessen wir dort schlicht diese Funktion zu aktivieren. Bestimmt gibt es noch einen special WordPressTrick womit man sich das erleichtern kann, ich habe ihn noch nicht herausgefunden und einfach auch noch genug andere Sachen zu tun, als eine Kommentarfunktion aufzubauen, die auch auf einer anderen Seite möglich ist.

Geblieben sind die Möglichkeiten, die Seiten zu abonnieren.
Mit einer Emailadresse oder einen WordPress.com-Account kann man sich anmelden und über die neuen Beiträge per Mail informiert werden. Außerdem gibt es einen RSS-Feed.

Beim Podcast läuft das Ganze nochmal ein bisschen anders.
Das Podcast ist eine Audiodatei, die klassischerweise über den Browser gehört wurde, heute jedoch mehr und mehr über das Smartphone konsumiert wird.
Wir bieten euch auf viele-sein.viele-leben.de unsere Podcastfolgen an.

Auch diese Beiträge (pro Artikel gibt es eine Podcastepisode) könnt ihr per Email oder RSS-Feed abonnieren.
Episoden „mitnehmen“? Kein Problem.

Mit einem Rechtsklick auf den (schwarz-grauen) Audiobalken in (aktuell fast) jedem Beitrag öffnet sich ein Menü.
Dort klickt ihr „Ziel speichern unter“ und speichert euch die Episode auf dem PC oder ein anderes Speichermedium.

Bei den Soundcloudfenstern findet ihr oben rechts in der Ecke ein Symbol für „Download“.
Noch benutzen wir Soundcloud als Hoster, weil Technik. Es lohnt sich nicht mehr sich dort einen Account zu machen, um uns da zu folgen. Im Laufe dieses Jahres werden wir unseren Account dort löschen, um Kosten zu sparen.

an dieser Stelle nochmal der Hinweis auf die Möglichkeiten uns und das Podcastprojekt finanziell zu unterstützen

Als letzte Option, wenn ihr ein Smartphone besitzt: ladet ihr euch einen Podcatcher runter. Davon gibt es viele, wir benutzen „Antenna Pod“, weil er uns genug Funktionen auf einer übersichtlichen Front zeigt.
Dort könnt ihr euch die Podcastepisoden von „Viele-Sein“ runterladen und direkt anhören.

Die Webseite vielesein.wordpress.com haben wir auf privat gestellt. Dort wird in absehbarer Zeit erstmal keine Podcastepisode hochgeladen. In naher Zukunft wollen wir erst einmal Ordnung und mehr Benutzungsfreundlichkeit in das Podcast bringen und erst, wenn nicht mehr jede Podcastepisodenproduktion und -hochladung ein pain in my beautyful ass ist, dann öffnen wir auch diese Seite wieder.

 

Dieser Text ist entstanden, weil wir in letzter Zeit vermehrt Anfragen hatten, ob wir jetzt gar keine Kommentare mehr wollen, was mit der Podcastseite ist oder, ob wir jetzt bald alles aufhören, weil wegen Datenschutzgrundverordnung.
Also: tl,dr: Kommentare gehen unter vieleineinemblog.wordpress.com, Podcast gibts unter
viele-sein.viele-leben.de und im Podcatcher, Aufhören ist keine Option.

Ich hoffe damit sind erstmal einige Dinge klarer und nutzbarer?
Wenn nicht: Fragen hilft.

jeder Tag ein Abenteuer

Es hatte auf einem landwirtschaftlichen Weg gelegen, dieses rosa Hakengummidings. Das Plastik am Haken abgeplatzt, etwas verstaubt, aber ohne diese Risse, wie sie meine Hakengummidinger haben.
Wir klemmten es uns ans Rad, trugen es von der Insel Fehmarn bis nach Hause.

Vorhin ergab sich vor dem Supermarkt eine Szene. Eine Person fragte mich, ob ich helfen könne. Ein Teil des Einkaufs war vom Fahrrad des Kindes gefallen. Wir verschenkten das rosa Hakendings und dachten: Genau dafür haben wir es gefunden.

Jetzt, wo die Tour seit über einer Woche vorbei ist, wollen wir am liebsten schon wieder los.
Der Zukunftsgedankenkreisel ist noch nicht durch. Waren wir losgefahren, um Luft in den Kopf zu bekommen, so haben wir vielleicht doch nur Fahrtwind geschafft.
Wir sind nicht bedrückt davon. Aber unschlüssig. Und obwohl wir nun einen Plan haben, der sich gut und richtig anfühlt, ist er zu kurz, denn er deckt nur etwa ein Jahr ab und verspricht so gar nichts über das Danach.

So viel Zukunft hatten wir noch nie in der Hand. Mit so einem Fachabitur hat man viele Möglichkeiten.
Wir könnten etwas studieren, was das Nachwachshaus auf feste Füße stellt. Könnten so viel machen.
Könnten.

In der Realität ist dafür nach der Schule aber ziemlich sicher keine Kraft mehr dafür da. Beziehungsweise: nicht mehr genug zerstörerische Rücksichtslosigkeit uns selbst gegenüber. Was wir vor zwei drei Jahren noch dissoziiert haben, ist jetzt bewusst und nicht mehr zu verantworten.
Leistungsdruck, Performancedruck, die Behinderung, die Traumatisierung.
Wir und das deutsche Bildungssystem.

Wir lernen unheimlich gern. Jeden Tag irgendetwas, was dann doch eigentlich nie irgendjemanden interessiert. Wir sind Student_in. Schon unser Leben lang. Aber unser Forschungsfeld wird nicht gelehrt. Das wird gelebt. Von anderen als uns.

Es ist schwierig weder als faul noch verschwenderisch mit dem eigenen Potenzial umgehend zu gelten. Noch schwieriger damit umzugehen, wenn Menschen das Beste für uns wollen, wir aber wissen: selbst das Üblichste, Normalste – das Basispaket, das gar nicht mal so Beste, sondern einfach Genugste ist schon etwas, das nicht so einfach zu bekommen, nicht so einfach zu halten ist.

Tagsüber lesen wir Broschüren über das Studieren mit Kind, Beruf und Handicap. Am Abend gibt es YouTubevideos von Alpenüberquerung und anderen Langstreckenwanderungen. Irgendwo dazwischen schweben Wünsche um Familiengründung und das einfach nur Schreiben können.
Kurz vorm Einschlafen ist da wieder das Nachwachshaus, das wir nicht nach mühseligem Aufbau an Leute verlieren wollen, die studiert haben, wie man Leute wachsen lässt. Oder an Leute, die studiert haben, wie man Recht hat, obwohl man im Unrecht ist.

Als ich der Person mit dem Kind auf dem Fahrrad “Jeden Tag ein Abenteuer” zurufe, denke ich: Ja. Jeder Tag ist ein Abenteuer und jedes Morgen ein Mysterium. Egal, was man tut und warum. Mehr als es zu leben, können wir gerade nicht entscheiden.

note on “Ella Schön”

Anfang des Jahres wurde die ZDF “Herzkino”-Serie “Ella Schön” mit zwei Teilen erstmals online gestellt.
Aufgrund hoher Sichtungen wird diese Reihe fortgesetzt.

Wir haben uns Teil 1 “Die Inselbegabung” und Teil 2 “Das Ding mit der Liebe” angesehen.

Zugegeben – hohe Erwartungen hatten wir nicht.
Zum Einen, weil es eine ZDF-Produktion ist und wir in der Regel nicht zur Zielgruppe dieses Kanals gehören. Zum Anderen, weil wir natürlich die kritischen Tweets von ~”Autismus-Aktivist_innen”~ mitbekommen haben, als der erste Film angesehen werden konnte.

Und doch: uns haben sie gefallen und wir freuen uns auf die Fortsetzungen.

Worum geht es?

Kurz gesagt geht es um Ella, deren Ehemann verstorben ist. Dieser Ehemann hat auch mit Christina zusammengelebt und zwei Kinder mit ihr gehabt. Nach seinem Tod will Ella das Haus verkaufen, in dem Christina lebt.
Aus dieser Konstellation ergibt sich ein Handlungsstrang, der davon geprägt ist, dass Ella anders kommuniziert als Christina (und viele andere Menschen) und viele unterschiedliche Interessen aufeinander treffen.

Auch der zweite Film lebt von dieser sozialen Konstellation und einer Geschichte voller kleiner und großer sozialer Konflikte.

Die Filme funktionieren. Egal, wie Ella ist oder nicht ist.
Und das macht sie gut für uns.

Ella lebt mit dem Asperger Syndrom und wird als klare, strukturierte Person mit wenig Mimik und präziser Sprache dargestellt.
Ja, das ist ein Stereotyp. Ja, das ist etwas, das nicht alle Menschen, die mit Asperger bzw. auf dem Autismusspektrum leben, repräsentiert.
Das ist für viele nicht schön, das ist nicht realistisch. Das ist Fernsehen, das ist Fiktion.

Und es hätte noch viel schlimmer kommen können.

Das ist zwar nichts, wofür man, insbesondere als selbst mit Autismus lebende Person, dankbar sein sollen müsste, aber doch. Es gab und gibt schon weitaus schlimmer verzerrende Filme, in denen autistische oder popkulturell aufbereitet “socially awkward like autistic” Charaktere dargestellt wurden und werden.

Ella Schön ist eine konzentrierte, beherrschte Person, was Anette Frier, unserer Ansicht nach, großartig spielt. In dieser Figur sind außerordentlich wenig “weirde” Quirks verpackt, was sehr dazu beiträgt sich für die Geschichte zu öffnen.

Ihr Autismus kommt in Form einer Erklärung weshalb sie keine Rechtanwältin ist, zur Sprache und danach nie wieder von ihr selbst. Ein anderes Mal sagt Christina so etwas wie, Ella hätte einen Knall mit ihrem Asperger-Quatsch. Und das wars. Es gibt keine Szene, in der die Leute zusammensitzen und erst mal erklärt bekommen, was das ist und was sie deshalb alles kann und nicht kann.
Ella äußert selbst was ihr Schwierigkeiten bereitet – und lässt dabei offen, ob es einen Zusammenhang mit dem Asperger-Syndrom gibt, oder nicht.

Ich halte das für näher an der Realität autistischer Erwachsener, als vieles andere und einen weiteren Pluspunkt an den Filmen.

Es gibt noch mehr Szenen und Aspekte, die ich als in dem Film sehr nah an der Realität befindlich dargestellt einordne. Beispielsweise Ellas berufliche Situation. Sie arbeitet in einem Callcenterbüro, statt in einer Anwaltskanzlei, weil sie das Referendariat nicht abgeschlossen hat. Sie hat einfach keine Kanzlei gefunden, in der sie das schaffen konnte. Im Laufe des Films trifft sie auf den Anwalt der Insel, der beeindruckt ist von ihren fachlichen Fähigkeiten und ihr die Möglichkeit gibt, bei ihm das Referendariat zu machen.
Das ist eine, wie ich das nicht erst seit der eigenen Diagnose und Recherche immer wieder beobachte, Situation die für erwachsene Autisten (und andere behinderte Menschen) auf die eine oder andere Art zukommt. Der Umstand, dass es selten bis nie darum geht fachlich, sachlich etwas nicht zu schaffen oder zu können oder lernen – sondern immer wieder darum, diese Dinge nicht so und nicht dort machen zu können, wie von etablierten Strukturen und Normen definiert.

Es wird sichtbar was für ein Glück und damit unsteuerbares, unkontrollierbares, unselbstherstellbares Geschehen für so oder auch anders behinderte Menschen von Nöten ist, um berufliche Teilhabe und Aus_Bildungschancen zu erhalten.

Der Anwalt in dem Film erinnert mich sehr an all die Lehrer_innen, Freund_innen und Unterstützer_innen in unserem Leben. Er ist beeindruckt von Ellas Können und hat keine Zweifel an ihren Kompetenzen, allerdings auch keine Idee davon, was sie braucht, um immer wieder entstehende soziale Schwierigkeiten zu lösen.

Auch das ist ein sehr realistischer Anteil an dem Film. Wie die Menschen versuchen Ella zu helfen, ohne, dass sie helfen. Sie sagen ihr, was sie tun soll und was erwartet wird. Sie sagen ihr “Hier macht man das so”. Den letzten Dreh, den es braucht damit die Anpassung nahtlos klappt, schaffen weder Ella, noch die Menschen um sie herum. Es bleibt eine Kante. Ein Unterschied. Etwas, das wie ein Anderssein von Ella zu lesen ist, aber doch nie mehr wird, als eine Facette, die Normalität auch haben kann.
Ella ist kein Sonderling. Sie wird nicht ausgegrenzt. Man findet einen Umgang miteinander, in dem das Andersalsüblich das Geschehen mitgestaltet, wie alles andere auch.

Die Filme schaffen es dem Roboterstereotyp, das derzeit gerne genutzt wird, um Menschen mit Autismus darzustellen, eine Ebene an die Seite zu stellen, in denen Ellas Gefühlswelt sehr viel Raum gegeben wird.  Die gewählten Bilder dieser Szenen haben eine sehr klare, strukturierte Ästhetik, trotz der stärkeren Dynamik darin.
Ella muss nicht weinen, um sich schlagen oder schreien, wenn sie verzweifelt oder traurig ist, um vom Zuschauer als verzweifelt oder traurig gesehen zu werden. Das ist, was nur Film kann und hier sehr schön genutzt wurde.

Was erwartet die Zuschauer_innen noch in diesen Filmen?

Wunderschöne Ostseebilder. Viele Szenen am frühen Morgen und späten Nachmittag. Ostseeklischees, wie ein Chantychor und Fischer in hohen Gummihosen, damit man auch ja nicht vergisst, wo der Film spielt.
Es gibt eine angenehm unterstützende, jedoch nicht treibende Filmmusik, die Ellas Geradlinigkeit genauso wie die bunte Funktionsquirligkeit von Christina und ihrer Familie unterstützt.

Auch schön: Christina ist schwanger und natürlich wird das Kind noch in dem Film geboren. Allerdings weitaus undramatischer, als man das von Filmgeburten so gewohnt ist.

Und selbstverständlich muss sich Ella noch verlieben. Das ist ja der heiße Scheiß. Autist_innen und Liebe.
Dieser Strang beginnt im ersten Film peinlich und klischeehaft, wie zu befürchten war, nimmt im zweiten jedoch einen weitaus realistischeren Verlauf und gibt sowohl Ella als Charakter, aber auch Christinas Beziehung zu ihrem besten Freund mehr Tiefe.

Wie gesagt: wir verstehen die Kritik von Aktivist_innen an den Filmen und stimmen damit in Teilen überein.
Jedoch bietet die Filmreihe zum Einen für uns viele Szenen des Alltags, die wir mit anderen Menschen anschauen können, um über das gemeinsame Miteinander zu sprechen und zum Anderen habe ich den Eindruck, dass viele Kritiker_innen schneller mit ihrem (oftmals scheinbar schon von vornherein bestehendem) Urteil waren, als mit der Analyse unter Berücksichtigung des Kontextes, in dem Filme konzipiert und produziert werden.

Denn: Natürlich können und sollten konkret Betroffene sich darüber äußern, wie Menschen, die etwas mit ihnen gemeinsam haben, in Film und Fernsehen repräsentiert werden.
Doch dann ist es zu spät. Der Film ist fertig und veröffentlicht.
Solcherlei grundlegende Kritik an Filmen zu äußern, halte ich für medienwirksam, jedoch nicht konstruktiv.
Was es braucht ist meiner Ansicht nach auch nicht “mehr Aufklärung”, wie es Herr Knauerhase, der seinerseits Geld damit verdient Menschen über Autismus aufzuklären, in einem Interview vorschlägt.

Aufklärung kann nur erfolgreich sein, wenn ihr Fehlen als behindernd an_erkannt ist.
Das heißt: Wenn jemand von mehr Information auch wirklich profitieren kann.
Da kommt der Kontext des Filme- und allgemein Medienmachens für mich ins Spiel. Es ist nämlich keine Hürde schlecht über Dinge informiert zu sein, wenn man eine Geschichte erzählen möchte. Es ist weder verboten noch sonstwie hinderlich für Einschaltquoten oder Auszeichnungen, Scheiße produziert und veröffentlicht zu haben.

Bei der Produktion von Film und Fernsehen geht es nicht um reale Personen. Es geht bei Ella Schön nicht um “die Autist_innen” oder “den Autismus”. Es geht um die Geschichte, um Geld, um filmisches Handwerk.
Das muss nicht so akzeptiert werden. Das ist keine Legitimation für eine Repräsentation, die falsch oder stereotyp ist und sehr viel Antistigmatisierungsarbeit zunichte macht.
Aber das sind Aspekte, die aufzeigen, wo die Wurzeln der Rollenklischees auch ihre Nahrung herbekommen und damit ebenfalls etwas, wo Kritik gleichsam ansetzen sollte, um Veränderungen anzustoßen.

Und was bitte nicht vergessen werden darf: Ja, nicht alle Autist_innen sind wie Ella Schön.
Aber manche eben doch. So viel Differenzierung muss sein. Vor allem, wenn man sich schon dafür stark macht immer wieder zu sagen, dass Autismus ein Spektrum ist und also jede_r Autist_in anders.

Eine abschließende Bemerkung.

Wir schauen ungern fiktionale Filme. Außer Superheld_innenfilme und Science Fiction.
Soziale Schnörkelgeschichten wie Liebesdramen oder solche Geschichten, wie die um Ella Schön, sind uns zu undurchsichtig, irritierend, letztlich auch oft unverständlich.
Durch den Charakter der Ella Schön und ihre Reaktionen, Fragen und Konflikte, fiel es uns sehr viel leichter dem Geschehen der Filme zu folgen und auch emotional mitzuschwingen, als Filmen, in denen wir als Zuschauer_in allein mit diesem Konflikt bleiben und ihn nicht aufgelöst bekommen, weil entscheidende Informationen mit Nahportraits von uneindeutigen Gesichtsausdrücken oder Körperhaltungen vermittelt werden, statt mit klaren Worten bzw. Dialog.

Für uns ist diese Filmserie also auf dieser Achse ein Gewinn. Wir konnten einer Geschichte folgen, die wir ohne den autistischen Charakter darin, vermutlich nicht so verstanden hätten.
So kann barriereärmeres Fernsehen also auch aussehen.

unterwegs #9, Tourende mit Erkältung

Am Morgen des letzten Tages wachen wir mit Halsschmerzen, diesigem Kopf und Schmerzen auf.
Ungewöhnlich daran sind für uns nur die Halsschmerzen. Und die können ja viele Ursachen haben. Schnarchen zum Beispiel.

Wir machen langsam, aber voran. Wollen heute Nachmittag bei J. ankommen, Kaffee trinken, quatschen, Spaß haben.

Keine 2 Stunden später fühle ich mich richtig schlecht. Da bin ich schon 20 Kilometer aus Lüneburg raus und damit auch aus der Zivilisation, die mein Alltag ist. Es gibt keine Geschäfte mehr außer Gasthöfe, Pensionen und Restaurants und keine Bahnhöfe. Der Bus fährt einmal in der Stunde, wenn überhaupt. Es gibt Mitfahrbänke, aber mit dem Rad und dem, was wir nun als Erkältung identifiziert haben, wollen wir nicht darauf setzen, dass uns jemand mitnimmt.

Wir sagen J. Bescheid, fahren weiter. Denken, dass sich schon eine Möglichkeit ergeben wird. Wir finden sicher einen Bahnhof irgendwo. Und wenn wir bis nach Soltau müssen. Wir fahren weiter. Schieben zwischendurch. Setzen uns alle paar Kilometer hin.

Zwischendurch zeigt unser Fahrradcomputer, dass wir 2000 km gefahren sind, seit wir ihn haben. Also knapp ein Jahr. Um uns herum blühen Kartoffeln, es ist schwül. Wir frösteln.

In Sodersdorf gibt es keinen Bahnhof mehr. In dem Haus wohnt jetzt jemand mit einem Kater, der Robin heißt und seinen kleinen Kopf in unsere Hand schmust.
Was es in Sodersdorf noch gibt, ist eine Ausgrabungsstätte. Zwei Gräber und Grabmale aus der sogenannten Vorzeit, die wir uns anschauen und bestaunen.

Es ist doch bemerkenswert, dass, was diese Menschen hinterlassen haben, der Ausdruck ihrer Verehrung oder mindestens Wertschätzung ihrer Verstorbenen ist. Und nicht eine Schicht Plastik, ein zerstörtes Weltklima und tausende ausgerottete Arten, als Ergebnis der Habgier, Bequemlichkeit und Überheblichkeit, die unsere Epoche prägen.

Die Zeit vergeht. Wir rollschieben uns bis Soltau und wollen dann auch nichts weiter als liegen, warten, schlafen.
Es kommt ein Zug, wir fahren bis Hannover, von dort aus zu J.
Am Zielbahnhof finden wir eine schwarze Ledermappe am Wartehäuschen. Sie gehört wohl jemandem im Ort, ein DB-Häuschen gibt es hier nicht. Wir nehmen sie mit. Vielleicht kennt J. die Adresse.

Der Rest ist ankommen, ruhen, Schmerzmittel und spüren, wie sich der Rotz seinen Weg nach draußen sucht.

J. trägt die Mappe weg, bringt Essen mit.
Wir gehen bald ins Bett.

Es ist nicht das Tourende, das wir uns gewünscht haben, aber doch der beste Zeitpunkt, um auf einer Radtour krank zu werden.

unterwegs #8, glückliche Zufälle

Heute morgen war die Routine drin. Heringe raus, Ecken aufeinander, klapp klapp und einrollen – fertig ist das perfekte kleine Zeltröllchen.

Ein kleiner Frosch klettert über unsere Sachen, als wir mit dem Morgenkaffee in der Hand auf der Zeltwiese sitzen. Die Sonne geht auf und verbreitet eine Ahnung von Wärme.

Kurz bevor wir losfahren, treffen wir eine Person, die uns fragt, wo es hingeht und, wo es herkam. „Ja ja un‘ wenn mans eenamol anfangt da kann man nett mea aeufhöre, gä?“. Recht hat sie. Es hat uns, das unterwegs sein, aber froh sind wir doch nur noch heute und morgen zu fahren.

Wir beginnen den Tag mit Gegenwind und trotz schöner Streckenführung am Trave-Elbe-Kanal und später an der Elbe selbst lang, müssen wir uns heute sehr motivieren.

Vor Fredendorf oder so ähnlich zieht sich eine Baustelle vom Straßenunterhaltungsdienst. Am Ende einer Reihe von Witzen dazu, ist auch die Absperrung zu Ende und wir sehen eine wunderschöne Collie-Mix-Hündin auf der anderen Straßenseite.

Sie sieht uns. Und kommt auf uns zu. Während ein roter Laster auf die Straße kommt.

Wir gehen in die Eisen, halten uns die Ohren zu und drücken die Augenlider so fest es geht runter.

Nichts passiert. Der Laster passiert, das nächste Auto stoppt. Die Hündin tänzelt fröhlich schwanzwedelnd auf uns zu.

Mir ist schlecht und schwindelig. Wir lassen das Tier nicht mehr los. Es hat keine Marke am Halsband, an dem wir zwei unserer Spannhakendinger befestigen, um sie anzuleinen.

Wir laufen, das Fahrrad und den fröhlichen Hund balancierend, die Straße rauf und finden einen Bioladen. Die Verkäuferin kennt die Hündin nicht. Die völlig perplexe Besitzerin, die zufällig gerade dort einkauft, aber schon.

„Das ist unser Hund – ich dacht grad schon ‚Hm sieht ja aus wie unser Hund‘ – Was machst du denn für Quatsch – Oh man wie ist das denn passiert – G’tt sei dank waren sie da! – Danke – Ich bring sie zurück -Was machst du denn?“.

Wir schauen der auffordernd bellenden Hündin und ihrem aufgelösten Menschen nach. Haken die Spanngurte wieder ein, trinken was, übergeben uns 5 Minuten später in das frisch von der Straßenunterhaltung gemähte Restgras neben dem Radweg. Hätte wäre würde wenn – wer weiß, was genau das Glück in der Situation war.

Wir gurken weiter dem Wind entgegen, machen Pause auf einem Rastplatz auf dem vor dem Eichenprozessionsspinner gewarnt wird. Da kommt es mir schon vor, als wäre das Ding mit dem Hund an der Bundesstraße schon Tage her. Bilaterale Stimulation, Baby!

An der Stelle wo Elbe und Kanal sich trennen, gibt es eine Brücke. Das nächste Mal wird mir schlecht und diesmal bin ich schon zu müde für Selbstprüfungstricks, wie der mit der Aufnahme auf der Fehmarnbrücke.

Ich mache zwei Fotos, wo es mir noch sicher vorkommt und dann brettere ich mit 20 km/h und Tunnelblick drüber. Kotzen muss ich nicht nochmal, aber würds mir jemand anbieten, würd ichs nehmen.

Auf dem Deich an der Elbe entlang fahrend, erspähen wir einen Adler. Vermutlich ein Fischadler, aber leider nicht sicher.

Bald ist Lüneburg, bald ist Lüneburg, bald ist Lüneburg.

Von Weitem sehen wir dann die Schleuse. Es ist eine gigantische Schleuse. Die größte, die wir bisher gesehen haben. Es ist das Lüneburger Schiffshebewerk und gerade nimmt ein langer Frachtkahn Kurs auf die Einfahrt.

Es ist also nicht nur die größte Schleuse, die wir je gesehen haben, sie schleust auch noch gerade – auch etwas, was wir noch nie gesehen haben.

Wir beobachten zusammen mit einem netten Menschen aus Süddeutschland wie der Kahn reinfährt und zwei kleine Freizeitboote dazu kommen. Zuletzt fährt noch ein kleines Arbeitsboot hinein, das bereits parallel zum Eingang parken muss.

Da höre ich etwas hinter mir. Einen laufenden Motor. Als ich mich umdrehe, sehe ich ein Bild, wie in einem Film: Ein riesiger Reisebus mit beige-grauer Mitfahrer_innengruppe darin. Vorne neben dem Busfahrer spricht eine Person in ein Mikrophon und als die Schleuse hochfährt, fährt auch der Bus näher dran, damit auch alle Insass_innen etwas sehen können.

Logisch: Wenn das Leben seine besten Aspekte zeigt, dann muss man auch richtig hingucken.

Der Rest des Weges ist nun ein Klacks. Das ganze Happyadrenalin der Innenkinder~jugendlichen flasht so rein, dass wir keine Stunde später durch Lüneburg durch sind und beim Campingplatz ankommen.

Zelt zack, Dusche zack, Pommes und Malzbier kaufen zack.

Was für ein Tag.

Zack zack ins Bettchen.

unterwegs #7, Ostseehundesommertag

Zwischen 10 und 11 soll es regnen auf Fehmarn, deshalb bauen wir schnell ab und schauen, wann wir den Zug nach Lensahn nehmen. So richtig gut passen die Zeiten alle nicht und J. , der uns heute und morgen auf der Tour besucht, weiß auch nicht richtig, wann er in Grömitz ist. Dort wollen wir uns treffen. Mit den Hunden an den Hundestrand, Wäsche waschen, essen, quatschen, Zeit zusammen verbingen.

Wir stoßen auf einen Hinweis der „Meereswelten“ in Burg auf Fehmarn. In der Annahme eines Museums fahren wir dort hin. Drinnen stellt sich heraus, dass es mehrere Aquarien mit Korallen und Fischen sind. Also eine „eingesperrte Tiere“-Sache, wofür wir kein Geld mehr geben wollen.

Tja und jetzt hattens wirs doch gemacht und dann haben wir aber auch wirklich jede Infotafel gelesen. Wer keine Monologe mag, umschifft also nächstens besser alles rund um Korallen, Korallenriffe, diverse Fische, Muscheln und Haie. Ein paar Videos haben wir auch gemacht. Beeindruckend bis krasd ist es dann eben doch. Nicht nur, weil es Gefangenschaft ist, von der alle* wissen, aber völlig gechillt damit sind.

In Burg ist Remmidemmi mit Karussell und Rammtammtamm. Wir kaufen einen Pin in Fehmarnform und eine Postkarte für C. Und dann verschwinden wir schnellstmöglich, um den Zug sicher zu erreichen.

Die Eile hätten wir uns sparen können, denn 2 Stunden lang kommt keiner der Züge, die angekündigt sind. Die_r Bahnmitarbeiter_in von der Hotline weiß von nix, der erste Schienenersatzverkehrbusfahrer erzählt uns Quatsch und die Person, die mit kleinem Kind nach Hamburg will und die Reservierung wie eine Bibel umklammert, schäumt vor hilfloser Wut.

Den nächsten Schienenersatzverkehrbusfahrer fragen wir noch einmal. Der nimmt uns dann mit aufs Festland und auch bis nach Lensahn. Auf der Brücke filmen wir aus dem Fenster, während wir unser Rad, das in dem nicht für den Radtranfer ausgestatteten Bus umherschlackert festhalten. Wenn schon, denn schon.

In Lensahn treffen wir J. und einmal mehr wird jetzt alles ganz einfach.

Hunde knutschen, Rad in den Bulli. Klapp klapp brumm und ab dafür.

Wir fahren zum Campingplatz, kaufen ein, gehen mit den Hunden zum Strand. Machen Fotos und beobachten Möwen bis uns ein Schauer ins Auto scheucht.

Wieder am Platz ist die Wäsche fertig, die Hunde- und Menschenspeisung fällig. Wir reden und lachen bis in die Nacht und begehen J.’s Initiation als waschechte_n Hundehalter_in damit, dass die noch klammen Hunde bei ihm im Bulli, umringt von unseren trocknenden Klamotten, schlafen.

Am Morgen erzählt er uns dann wie breit sich zwei Hunde machen können, die gleichzeitig träumen und auch sonst herzlich wenig Interesse an seinem Schlafkomfort haben.

Wir schlurcheln in den Tag. Fahren erst Mittags nach Grömitz an den Hundestrand, holen uns dort einen Sonnenbrand und das Moment der Freude, als die Hunde zwischen uns, die wir beidalle bis zu den Knien in der Ostsee stehen, hin- und her laufen.

Wir essen Asiatisches zu Mittag und stellen fest, dass es schon Nachmittag ist. J. muss morgen arbeiten, wir wollen allein zu ihm fahren. Er setzt uns in Lübeck ab und fährt weiter.

Wir liegen jetzt im Zelt und haben noch keinen Jubel gehört. Die WM scheint wohl nicht so toll für die deutsche Mannschaft zu starten.

Morgen geht’s Richtung Lüneburg, soweit wie es geht runter. Das hier ist unsere vorletzte Nacht.

Wir sind glücklich und unsere Hände riechen nach Ostseehundesommertag.

unterwegs #6, Klackerkracks und Dötschäpfel, dazwischen die Fehmarnbrücke

Von Dersau, wo wir geschlafen haben, bis nach Altenteil auf Fehmarn, sind es wieder einige Stunden Fahrt.

Einige davon über Stock und Stein, öfter müssen wir schieben. Dann, 6 km von Lütjendorf und 20 km vor Oldenburg i. H. kommen plötzlich klackerkracksende Geräusche aus der Kettengegend. Eine grobe Reinigung bringt nichts, auf Sicht kann ich nur den Umwerfer als mögliche Quelle deuten.

Ich frage eine Person, die jetzt um halb 11 unter der Ballersonne im Hemd eine Pflasterarbeit in der Hauseinfahrt macht, ob sie weiß, wo die nächste Fahrradwerkstatt ist. Oder Internet.

Dem Menschen rinnt der Schweiß vom Kinn und trotzdem erklärt er uns den Weg zu einer Werkstatt in Lütjendorf. Das gar nicht auf unserem Weg liegt. Oldenburg liegt auf dem Weg. Ist aber weiter weg.

Wir beschließen, dass es nichts Dramatisches ist und fahren Richtung Oldenburg weiter. Begleitet vom Klackerkracksen hoppeln wir über das, was mal ein Radweg war und kommen an einer offenen Autowerkstatt vorbei.

Mit der Frage wie groß der Unterschied zwischen Auto und Fahrrad denn schon sein kann, rollen wir rein und fragen die beiden jungen Monteur_innen: „Könnt ihr auch ein bisschen Fahrrad?“

Einer kann. Und mit einem beherzten Ruck sitzt der Umwerfer auch wieder da, wo er hingehört. Bezahlen soll ich nix, aber ruhig weitererzählen, dass sie auch ein bisschen Fahrrad können.

Beseelt strampeln wir weiter nach Oldenburg. Machen Pause in einem Durchgang, hören ein weiteres Leben von Käpt’n Blaubär an. Fahren weiter. Fühlen uns frei.

Sind so bewusst scheiße geil privilegiert, obwohl wir inzwischen stinken wie hydrophobe Teenager und aussehen, wie der letzte Schluffschlumpf. Alles egal. Wir sind da und es gibt nichts anderes als das, was jetzt gerade ist.

Bis wir vor der Fehmarnbrücke stehen und die Fähre nicht finden.

Wir haben eine merkwürdige Wasserhöhenangst. Deshalb ist Fähre fahren oder Brücken überqueren ein echtes Ding für uns. Wir fahren lieber mit der Fähre oder einem Boot, weil dann unserem potentiellen Ertrinken nicht auch noch ein schmerzhafter Aufprall vorangeht.

Und dann ist alles was uns da bleibt ein Betriebsweg von etwa 1 Meter Breite oder umkehren. Folgerichtig wackeln wir den Betriebsweg hoch. Sprechen eine Audiodatei voll, um ein potenzielles Angsterstarren selber früh zu merken. Schlimmer als drüber müssen ist nämlich, drauf zu stehen und nicht wieder wegzukommen. Alles schon gehabt. Nicht cool.

Wir kommen drüber, machen sogar 3 Fotos, als wir auf entgegen kommende Radler_innen warten müssen. Kein Blick runter. Immer hübsch am Horizont mit den Augen la li la.

Die Aufregung hat Kraft gekostet. Ab jetzt verfahren wir uns dank der Komoot-App, die uns einen veralteten Weg zeigt und schauen alle 10 Minuten auf die Karte, wie weit es denn noch ist. Es ist noch sehr weit. Aber der Campingplatz ist wunderbar. Sauber, strukturiert, Internet stabil.

Die Nachbarn schauen Fußball, ihre Hunde bellen einander ab und zu an. Wir steigen in den Badeanzug und baden zum ersten Mal auf der gesamten Tour. Der Strand ist bis auf einen Fliegenfischer menschenleer. Wir machen ein Foto, das definitiv einen Platz in unserem Leben bekommt.

Wir essen ausgewogene und vitaminreiche Chips zu den Dötschäpfeln aus der Packtasche und schlafen mit dem Abpfiff ein.

unterwegs #5, unplattbar, ächtz und Sonnenaufgang am Plöner See

Am Morgen beobachten wir, wie die Sonne aus der Ostsee klettert und hören den letzten Sätzen von Christine Thürmer’s „Laufen, Essen, Schlafen“ zu.

Sie ist Langstreckenwanderin und beschreibt in dem Buch ihre Erfahrungen auf den 3 großen Wanderwegen der USA. Mann, wie gerne wir das auch machen würden!

Zwei Stunden später frage ich mich, wieso wir uns diese Langenstreckenradwanderung antun. Irgendwie geht es nicht voran, wir haben Gegenwind, die Sonne knallt schon um 10 Uhr morgens und was ist das für ein krasser Hunger keine zwei Stunden nach dem Frühstück?!

Von Pommerby bis Kappeln haben wir eine Stunde gebraucht und an einer Ampel fällt mir auch auf wieso. Der Hinterreifen verliert Luft.

Ausgerechnet der Hinterreifen. Seit wir unser High-Tech-Kettenschaltungsrad haben, hab ich Schiss vor diesem Moment. Denn dort habe ich noch nie was allein repariert. Ich schaue mich nochmal um und entdecke ein Schild. „TÜV Nord“ und daneben etwas kleiner „ab 2018 Fahrradwerkstatt“.

Zing.

Doppelzing, als sich herausstellt, dass wir einen etwa 3cm langen, 2cm dicken Holzspan/Dorn in der Reifendecke haben, die durch die intensive Nutzung seit ihrem Kauf insgesamt schon sehr mürbe ist. Wir kaufen einen „unplattbar“-Mantel und beobachten den Monteur bei seiner Arbeit.

Als wir weiterfahren wird es unbarmherzig Mittag. Die Sonne brennt, der kühle Gegenwind lindert kaum. Wir quälen uns bis Eckernförde und haben dann wirklich keine Lust mehr auf Buckelpisten, ständige Umwege durch verlorenes GPS-Signal und Gegenwind. Mit der nächsten Regionalbahn fahren wir bis Kiel.

Das Getümmel dort frisst sofort an unserer Konsistenz und ich merke richtig, wie sich die Rosenblätter, die ich die ganze Zeit mehr oder weniger peripher am Rand schwimmen habe, vor mein Blickfeld schieben.

Sie manövrieren uns aus Kiel raus und verlieren sich bald wieder irgendwo im Wind auf meiner Haut.

Dann halten wir einfach nur noch durch. Die Strecke führt an einer Bundesstraße lang, der Krach nervt. Zwischendurch müssen wir auf der Landstraße fahren und überlegen währenddessen, ob unser „Wie wir beerdigt werden wollen“- Zettel im Fall des Falls pünktlich gefunden werden würde. Und ob unsere Familie sich daran halten würde. Den Notar für ein Testament, konnten wir uns nämlich immernoch nicht leisten.

Jedenfalls kann ich endlich lesen, wie der Ort heißt, an dem unser Weg zum Campingplatz kreuzt: Ascheberg

Aha. Hier haben wir auch mal gewohnt. Katsching. Als wir durchfahren, erkennen wir nichts wieder. Wie auch, die Einrichtung lag damals ganz am Rand der Stadt.Vermutlich fahren wir morgen daran vorbei. Vielleicht.

Sollen wir mal hingehen? Reingucken und Hallo sagen? Gucken, ob die Bewohner_innen noch da sind? Ob die Leiterin noch da ist? Das ist alles 16 Jahre her. Hm. Wir lassen es offen und konzentrieren uns auf den Muskelkrampf im Oberschenkel und die Erschöpfung unter der Haut. Scheiß auf den Stocksee, wir nehmen den Plöner See, der ist hier und hat auch Campingplätze.

Wir checken ein, fressen Pommes und Gemüseschnitzel vom Imbiss, bedecken dieses Menü mit Oreokeksen und einem Gemisch aus Kalium, Calcium und Magnesium, kuscheln uns in den Schlafsack und schlafen ein. Es ist 19 Uhr und beginnt zu regnen.

Um 4.44 Uhr weiß ich wieder, wieso wir uns diese Touren geben.

Wir duschen, frühstücken, packen. Fahren gleich los Richtung Fehmarn. Ohne Abstecher in die Einrichtung.