das Kleine im Großen, das “ein Blog von Vielen” heißt

Seit Donnerstagabend sind wir wieder zu Hause und bewegen uns in einem seltsamen Gemisch aus Warten, Halten, Rauschen und Rieseln.

NakNak* liegt die meiste Zeit in ihren safe spaces und schläft. Manchmal atmet sie schnell und seit die Tierärztin sagte, dass das bedeuten kann, dass sie Schmerzen hat, machen wir uns hart und versuchen uns gegen den Selbsthass zu entscheiden. Schließlich haben wir ihre Schmerzen zu verantworten. Wir hätten sie nicht aufschneiden, ausweiden und wieder zunähen lassen müssen. Wir hätten nur auf unserer Entscheidung gegen Notoperationen beharren müssen. Dann wäre sie jetzt tot und hätte nie wieder Schmerzen.
Wir hätten nur stärker sein müssen. Nach diesen chaotisch aufreibenden 11 Tagen Radtour, in dem Druck des Moments und dem Druck, den wir allgemein im Leben und Wirken haben.

Wir sind lange genug in Therapie um zu sehen, was für ein überhöhter Anspruch das ist. Wir waren stark und wir waren stark genug. Die Situation hätte sich auch noch ganz viel schlimmer, ganz viel schmerzhafter, ganz viel traumanäher, sowohl für uns als auch den Hund, entwickeln können.
Aber “hätte würde wenn” funktioniert für uns nicht als Trost oder Beruhigung oder als Mittel zum Zweck sich selbst aufzurichten. Wenn wir schon bei “hätte würde wenn” wären, dann wäre NakNak* nie krank geworden und wir hätten uns in Ruhe mit dem Thema Kastration/Sterilisation auseinandersetzen können.

Das hatten wir ja schon angefangen, weil wir ihre Begleitung in der Schule während der Läufigkeit als schwierig betrachtet hatten. Aber wir waren für uns auch klar, dass dieser Hund niemals irgendein Organ(system) an uns und unseren Lebensstil verlieren soll.
Die Gebärmutterentzündung gehört zu den üblich möglichen Erkrankungen von intakten Hündinnen. In einer anderen Version von “hätte würde wenn”, hätte sie eine entwickelt, als wir zu Hause waren, wo wir unserem Tierarzt sagen können: “Keine OP – bitte erst konventionell behandeln – wir brauchen Zeit eine OP finanziell zu stemmen”.

In jedem anderen  Wunsch-“hätte würde wenn”, wäre Zeit gewesen, um selbstbestimmt zu entscheiden und selbstbestimmt abzuwägen, welche Entscheidung am Besten tragbar oder wenigstens aus_haltbar ist.
Solche Notfall-Überrumpelungs-Jetzt-gleich-sofort-muss-etwas-(anderes als geplant)-entschieden-werden-Momente überfordern uns auf mehreren Ebenen. Da geht es dann im ersten Schritt um das Leben oder den Tod des Hundes und uns als awkward Aliens, die niemals je dieses inbrünstige (Tier)Lebensschutzdogma vertreten haben, jedes Leben um jeden Preis zu retten. Für uns wäre es auch möglich gewesen, NakNak* in dem Wissen um 7 ein halb bestmöglich gelebte Leben gehen zu lassen und den Wert dieser miteinander verbrachten Jahre anzuerkennen.

Im zweiten Schritt der Überforderung geht es um den Blick anderer in unsere Zukunft und auf uns im Jetzt. Die Annahmen von Außen über unser Jetzt, sind schon fast witzig irre weit weg von dem, was tatsächlich ist, einfach, weil sich die wenigsten vorstellen und glauben können, wie wir finanziell, emotional, geistig unsere Monate überstehen.

Ohne die Unterstützung von anderen Menschen sitzen wir ab dem 15. eines jeden Monats ohne Geld da. Und das schon seit gut 2 Jahren und sehr wohl im Wissen des Amtes – wird ja grad auch gerne gestreut, wir würden unsere finanziellen Unterstützungen nicht dem Amt melden. Vielleicht, weil man ein selbstgerechtes Menschlein voller Hass ist – vielleicht, weil man nicht weiß, dass man auch in Hartz 4 durchaus eine Summe im Monat bekommen und behalten darf. Und das trotzdem noch weniger als Hartz bedeuten kann.

Wir kaufen NakNak*s Fleisch und Leckerchen, bezahlen unsere Raten und Rechnungen und dann ist Ende. Es gibt keine “unnötige Ausgabe, die man sich für eine Ratenzahlung sparen kann” – wie der Tierarzt, der NakNak* operierte, vorschlug. “Dann zahlen sie einfach 50€ im Monat, dann sind sie in XY Monaten damit durch”. Wie sich diese XY vielen Monate für uns und den operierten Hund entwickelt hätten, war dabei egal. 50€ im Monat könnte der Stromabschlag sein. Oder einmal NakNak*futter und einmal TelefonInternetvertrag. Oder zweieinhalb Wochen Lebens- und Hygienemittel für uns. Oder zwei ausbleibende Ratenzahlungen, auf die bei Aufschub noch Zinsen oben drauf kommen.

Immer wieder stehen wir vor solchen Menschen und wissen nicht, wo genau wir anfangen sollen zu erklären, dass wir uns nicht davor drücken, es unbequem zu haben. Mal einen Monat irgendwie zur Tafel oder zum Foodsharing gehen zu müssen. Mal irgendwie Ratenzahlungen aufschieben zu müssen.
Wir sind damit überfordert, Menschen erklären zu müssen, dass Armut in Deutschland nicht bedeutet, hungern und dursten zu müssen, sondern vielmehr um ein Leben zu rudern, dessen Qualität fragwürdig ist, ohne auch nur einen verdammten Meter weit zu kommen, wenn einem niemand von außen hilft.

Dazu: die Behinderungen, die wir im Leben haben. Ich weiß nicht, wann endlich mal alle Menschen kapiert haben, dass das “Aufgrund dieser und jener Behinderung kann ich XY nicht leisten/fällt mir XY schwer” einer behinderten Person, nicht übersetzbar ist mit: “Ich habe keinen Bock auf XY” oder “Diese und jene Behinderung muss weg, dann kann ich das machen – aber du kannst sie nicht wegmachen – Ätschibätsch, musst du jetzt XY machen”

Wenn wir sagen, dass es uns aufgrund unserer Behinderungen im Leben schwer fällt sich um einen operierten Hund zu kümmern, dann bedeutet das: “Aufgrund unserer Behinderungen im Leben fällt es uns schwer, uns um einen operierten Hund zu kümmern.”.
Das bedeutet nicht, dass wir keinen Bock darauf haben oder NakNak* tot sehen wollten, weil wir sie im operierten Zustand nicht gebrauchen können. Es geht einfach darum, dass wir für ihre Versorgung die Kraftreserven  bemühen müssten, die wir schon eine Weile nicht mehr haben.

Unter anderem auch, weil wir uns seit Jahren daran aufrauchen niemals diesem Kackscheißklischee vom inaktiven Hartz-4-“Kunden” zu entsprechen oder irgendwelchen Multimythen oder anderen Tropes um Menschen, die zu Opfern wurden, zu entsprechen.
Nicht, weil das an uns herangetragen wurde. Nicht, weil wir das Gefühl haben, irgendjemand würde uns so sehen. Um unsere mehr als 40 Stunden-Woche für ehrenamtliche, unbezahlte, manchmal auch öffentlichkeitswirksame Arbeit zu stemmen, reicht es, uns zu sagen, das würde für jemanden/etwas gut sein. Reicht es aber auch, uns zu fragen, ob wir glauben, wir hätten Spenden, Geschenke und andere Unterstützungen überhaupt verdient.

Weil nein: wir haben das nie verdient. Natürlich nicht. Denn das sind ja nur wir.  Wir sind irgendne kaputte fast 30 jährige, die in ihrem sozialer Wohnungsbaubullergeddo sitzt und ins Internet schreibt, dass Dinge scheiße laufen, dass sie sich scheiße fühlt, dass sie sich wünscht mit weniger Scheiße umgehen zu müssen. Wir sind nicht mehr und wollten auch nie mehr darstellen.
Wir leiden darunter, nicht aus unserem Kopf zu bekommen, dass wir mehr sein müssten, um freundliche/okaye Zuwendung von anderen Menschen verdient zu haben. Weil wir inzwischen selbst sehen, in was für eine zehrende Spirale wir darüber kommen und wie wenig wir diese überhaupt bedienen können.
Und wofür denn eigentlich? Für etwas, das wir selbst so oft und so viel geben, wie wir können, ohne je in Frage zu stellen, wer was wann wie viel verdient hat. Natürlich machen wir das nicht mit Geld und auch nicht immer mit Sachgütern, aber wir machen das mit Zeit, mit Kraft, freundlicher Wärme und geistiger Zuwendung und mit all dem, was wir Menschen an die Hand geben, wenn sie uns um Rat fragen.

Während der ganzen Fahrradtour spürten wir immer wieder, wie wir von unseren eigenen Bedürfnissen überfordert sind und wie abhängig wir davon sind, uns in Umgebungen aufzuhalten, die allein durch ihre Gestaltung darauf hinweisen, dass alle anderen Menschen diese Bedürfnisse auch haben, damit wir uns diese überhaupt zugestehen können bzw. uns daran erinnern, dass man sich um sie kümmern muss.
Das fängt dabei an, dass wir (trotz mancher Glückstreffer, in denen wir es selbst erinnern) weiterhin unseren Timer brauchen, um aufs Klo zu gehen, geht da weiter, dass wir einen Essplan brauchen, um überhaupt Gedanken an Essen/Nahrung zu haben (und dann an die Arbeit gehen können uns darüber zu einigen, wie okay das ist) und endet irgendwo zwischen “wie müde ist schlafmüde?” und der Frage, wo jetzt genau diese Prellung, jener blaue Fleck und welche Schramme herkommt.
Und inmitten von all dem schwappt unser Kopf umher und produziert Gedanken, Ideen, Analysen und macht, was wird, was uns letzten Endes in den letzten zwei-drei Jahren den Arsch gerettet hat, weil es Menschen berührt, hält, trägt, unterstützt, obwohl es nur für und nur wegen uns da ist.

Es geht um Glück. Um Zufall.
Und darum, wie wenig das Eine mit dem Anderen zu tun haben kann.

Wir fühlen uns mit diesem ganzen Mist so oft so schrecklich alleine.
Und doch stehen über tausend Menschen hinter uns und helfen auf ihre Art und Weise, wenn wir sie um Hilfe bitten.
Wir merken nicht, ob wir am Leben sind, wenn wir morgens aufwachen, aber unterdrücken immer noch 24/7 vor Schmerzen zu schreien.
Wir sind arm, geben aber dennoch Geld für Dinge, die andere nicht haben können.

Das sind alles Widersprüche, die uns selbst völlig kirre machen, wann immer wir versuchen da irgendein anderes Muster als Glück, Zufall, Privileg hineinzubringen. Aber so ist es und so ist es weder leicht, noch gut aushaltbar. Es raucht auf. Es tut weh. Es macht so unfassbar müde. Weil nichts davon zuverlässig immer da ist. Sichere Beständigkeit haben wir nicht. Grund zur Ruhe, zum Innehalten, einfach nur mal ein zwei drei vier Monate ohne Angst, Sorge, ohne irgendeinen dieser Tritte in die Kniekehlen haben wir nicht – völlig scheiß egal, was wir wie wann wo entscheiden.

Während der Narzissmuskrise haben wir verstanden, wie eng schräge (Selbst)Ansprüche an Omnipotenz zur Lösung und Befriedung von allem und allen in der Umgebung an internalisierte Überhöhungsdinger konstruiert werden.
Heißt: so viele Menschen, die zu Opfern wurden, hören ihr ganzes Leben, sie seien schuld an allem oder erhalten fremde Label für sich (reminder: gelabelt wird das Fremde (Falsche/Böse/Schlechte/Kranke) und nicht das “Normale” (Richtige/Gute/Gesunde) ) oder werden über das definiert, was sie machen (oder nicht machen), dass sie irgendwann die Idee bekommen, sie müssten dem allem gerecht werden können, sonst würde man ihnen das ja nicht ständig antragen. Und: selbstverständlich können sie das auch! Denn niemand würde ja je etwas von jemandem verlangen, dass si_er nicht kann!

Für uns ist klar, dass wir in unserem Blog massiv überschätzt und überidealisiert werden, genauso wie wir verhöhnt und abgewertet werden.
Wir wissen, dass nichts von dem, was wir hier schreiben oder mit_teilen einfach nur als gegeben betrachtet wird. In den letzten Jahren wurden wir zum Vorbild, zur Inspiration, zur Unterhaltung genommen, zur Stellvertreterin verklärt und mit genau diesem Anspruch einer Omnipotenz überfordert, den wir nur allzu gut kennen.

Die Diskrepanz zu dem, was in unserem Er_Leben passiert ist manchmal so groß, dass wir uns fragen, ob das alles überhaupt passiert.
Wie ist es miteinander in Einklang zu bringen, wenn hier Texte so viel Wärme aus dem Innen transportieren, so viel geistige Haltung, sozialpolitischer Aktivismus sichtbar wird und es aber allein unterwegs zu einem Ding wird, die Körperfunktionen nicht zu vergessen, das Sprechen nicht zu verlernen, diese ganzen tausend Muskeln im Gesicht zu bewegen, wenn ein anderes Gesicht vor einem ist.

Und wann haben wir eigentlich aufgehört, darauf zu bestehen, dass nicht alles, was widersprüchlich wirkt, überhaupt widersprüchlich ist?
Wir waren schon an dem Punkt anzuerkennen, dass Viele zu sein einer Logik folgt, die multilinear ist und deshalb widersprüchlich logisch wie linear vielschichtig ist.

Wir haben den Punkt verpasst, an dem wir okay sind mit unserem ganzen Scheiß gleichzeitig und obwohl und trotzdem und trotz alle dem und alle dem. Wir haben ihn verpasst und vielleicht auch unbemerkt aufgegeben, für Versuche von Anpassung, für Versuche von Angleichung, um besser zu erklären, worum es uns geht. Wir haben versucht uns zu erklären, um eine Dynamik zu durchbrechen, die nichts mit uns zu tun hat, sondern mit den Vorstellungen anderer darüber, wer wir sind und was wir wollen und machen.

Vorstellungen von unserem Jetzt, Vorstellungen von dem, was wir “eigentlich sagen”, Vorstellungen um die Diskrepanz zwischen Wirkung und Sein, On – und Offlinepräsenz.

Wenn wir versuchen etwas Positives für uns aus den letzten Tagen zu ziehen, dann ist es nicht das verdammte Glückzufallsprivileg finanziell entlasteter zu sein, die Chance völlig fremden Menschen einen einfacheren Start in einen neuen Lebensabschnitt verdanken zu dürfen, statt wie in den Jahren zuvor, irgendeiner Behörde – nein, es ist die Möglichkeit zur Chance auch aufhören zu können.

Je mehr Menschen hier gelesen haben, desto übergriffiger wurden die Kommentare. Je mehr Menschen hier gelesen haben, desto mehr Erklärungsbedarfe gab es. Alles ist gewachsen und, dass es so weit über uns drüber gewachsen ist, dass wir anfangen mussten, uns selbst mit jedem neuen Artikel aus dem Dickicht von Anspruch und Fehlannahmen herauszuschälen, haben wir erst gemerkt, als wir nach 11 Tagen des Bewusstwerdens um die Krassheit der Diskrepanz zwischen Annahmen und Ist, vor so einem arrogant anmaßendem Menschen standen, der seine aufmunternden Klischeeaufheiterungssprüchlein genauso gut als Kommentar unter einen Artikel von uns hätte posten können – und sich genau nichts veränderte, als wir versuchten dagegen anzugehen.

Ich weiß nicht, ob sich jemand vorstellen kann, was das für eine Erfahrung ist, wenn man merkt, wie wenig es auch im Gegenüber verändert, wenn man versucht sich gegen solche Menschen bzw. solches Verhalten zu wehren oder zu schützen. Wie wenig es reicht, zu erklären, “nein” zu sagen, “die Perspektive auf sich geradezurücken”. Jene, die zwischenmenschliche Gewalt erfahren haben, brauchen sich sowas nicht vorstellen. Die kennen das ganz genau.

“Wir haben euch nichts zu bieten, außer unsere Worte und das, was sie in euch machen.”, war ein Satz, den wir aus dem Artikel gestrichen hatten, in dem wir um eure Unterstützung bei der Geldspendensammlung baten.
Weil das so einer dieser Sätze ist, der uns so sichtbar macht, dass es uns selbst ängstigt.
Das Eingeständnis der eigenen Begrenztheit. Das Eingeständnis nicht höher, weiter, schneller, besser … nichts mehr zu können, als das was man jetzt gerade kann. Es ist eine Art Kapitulation ohne weiße Fahne. Es ist eine Autobahn, deren Ende in eine Wiese hineinbröckelt.
Eine Entschuldigung im Vorraus, weil man mitbedenkt, wie genau gar nicht man bedienen kann (und nie bedienen konnte), was vielleicht und sehr wahrscheinlich an eine_n herangetragen wird.

Das Kleine in dem Riesending, das ein Blog von Vielen heißt.
Und wir.

Wir haben es herausgestrichen, weil wir so fest in der Annahme waren, man dürfe uns nie so nackt, so wenig wie wir nun einmal sind, wahrnehmen. Weil wir das so gewohnt sind, uns zu schützen, noch während wir etwas tun, was uns gut tut, uns hilft und nur für und nur wegen uns ist.

Nach 8 Jahren „ein Blog von Vielen“ sind wir also erneut an dem Punkt, uns selbst in diesem Projekt zurückzuerobern.

Fundstücke #30

NakNak* bekam eine Infusion und ich setzte mich neben die anderen auf die Bank vor der Tierarztpraxis. Sie drängten ihre Wahrnehmung um den Hals der Wasserflasche, wie eine Herde Gnus am Wasserloch und stürzten sich die Flüssigkeit hinein.
Was das für ein erbärmlicher Haufen ist, denke ich immer wieder. “Schwacher erbärmlicher unfähiger Haufen.”

Ich rechnete kurz durch, wie viel ich in den kommenden 7 Stunden bekommen könnte. Wieviel Zeit ich daran verlieren würde, herauszufinden, wo in dieser Stadt der Ort ist, an dem das geht.
“Lass stecken.”, sagte eine und schwenkte die Flasche in der Hand. “Ist das Risiko nicht wert.”. Sie verschwand wieder in dieser saufenden Masse und ließ mir nur den Gedanken da, dass es keine Fähigkeit ist zu tun, was ich tun würde.

Am Abend saßen sie auf der Matratze ihrer Höhle und streichelten NakNak*.
“Habt ihrs bezahlt?”, fragte ich. “Ein Jemand.”, antwortete eine.

“Und das ist was anderes, wa? Heuchler!”, dachte ich und wandte mich ab. “Ich hätte das ganz allein geschafft.”, dachte ich. “Ich hätte einfach –” – “Du hättest einfach so getan, als hätte sich nie irgendwas geändert, ne? Du hättest deinen – unseren Arsch verkauft und tausend andere Gründe dafür gefunden, als den, dass dir buchstäblich alles lieber ist, als irgendwen mit irgendwas von uns erbärmlichen Haufen zu belästigen, richtig? Mädel – wir haben 2016! Komma klar ey – es nervt mich SO AN, wie so Leute wie du immer genau dann rausgekrochen kommen und denken, sie wärn Wunder was zu was fähig, was wir nicht hinkriegen, wenn es um so Sachen geht, wo so VÖLLIG außer Frage steht, dass wir Hilfe von anderen brauchen.
Was du willst ist keine Fähigkeit – das ist ne Fertigkeit. Du und die hinter dir haben das mal gelernt. Euch hat das jemand bei ge bracht. Du musstest das können. Wo sindn wir da die Heuchler, wenn du nichmal sowas klarkriegst?!”

Die Tage vergehen. Sie halten ein Kinderinnen wie einen Korken über eine Scheißeexplosion und geben sich ein High Five, als NakNak* das erste Mal scheißt. Jemand schreibt Scheiße. Irgendetwas frisst Scheiße und ich denke, dass ich froh bin, dass mir jemand überhaupt irgendwas mal beigebracht hat.

Ich hätt ja auch SO enden können.
Als unfähiger Haufen Scheiße.

“Und wie läuft das bei euch mit der Assistenzhündin?”

Wir werden das immer wieder mal gefragt und nehmen uns jetzt die Zeit, um ein bisschen mehr als sonst dazu zu schreiben.

“Assistenzhund” ist kein geschützter Begriff.

In Deutschland sind weder die Ausbildung noch der gesetzliche Rahmen um Rechte und Pflichten von Assistenz- Therapie- und Begleithunden bzw. ihrer Halter_innen, mit Blindenführhunden gleichgestellt. Das heißt, dass im Grunde jede Person von ihrem Hund sagen kann, sie sei ein Assistenzhund – egal, ob man ihn professionell hat ausbilden lassen oder eine Selbstausbildung gemacht hat, oder nicht.
Es gibt keinen einheitlichen Katalog darüber, was Assistenz- Therapie- und Begleithunde können bzw. tolerieren können müssen, um als solche bezeichnet und behandelt zu werden.

Es gibt allerdings mehrere Vereine, Institute und Hundetrainer_innen(verbände), die sich daran gemacht haben Standards zu entwickeln, die darauf ausgelegt sind, am Ende ein stabiles Hund-Mensch-Team, das sich gegenseitig assistiert bzw. in einer Arbeit unterstützt, zu fördern.
Es gibt Vereine, die ausschließlich Hunde ausbilden und dann vermitteln und es gibt Vereine, die Trainer_innen und Menschen und Hunde zusammenbringen, um eine Ausbildung individuell zu ermöglichen.

Man muss lange, gründlich suchen, kritisch hinterfragen und sich selbst überlegen: “Was genau will ich eigentlich von meinem Hund?” und “Was kann mein Hund davon überhaupt gut leisten, ohne eigene Lebensqualität einzubüßen?”. Schon wenn man sich auf die Suche nach einer hundischen Assistenz macht, braucht es klare Positionen zu diversen Themen und Problemstellungen, die im späteren (Assistenz)Hundehalter_innenleben auftreten können.
Da sind nicht nur die Fragen nach Futter, Impfungen, Urlauben und Erziehungsfragen, das sind auch Fragen zum Verhalten in unerwarteten Situationen, wie sie bei uns jetzt eingetreten ist oder danach, welche Besonderheiten im Leben mit hundischer Assistenz auftreten und wie damit umzugehen ist.

Nicht allen Menschen ist klar, wie genau ein Assistenzhund zur Teilhabe am Leben beiträgt oder ein Therapiehund verschiedene Barrieren zur Leistung von therapeutischen Handlungen von Patient_innen abbaut. Man muss sich darauf einstellen sich in seiner Assistenz- Therapie- oder Begleithundehaltung immer wieder vom bloßen Haustierhundehalterdenken abzugrenzen, ohne dies abzuwerten.

Wir hatten damals das Glück, es bei NakNak* mit einem sehr auf uns fixiertem Hund zu tun haben, der bereits als Welpe unsere Krampfanfälle mittels kratzen und allgemein penetrantem Verhalten angezeigt hat. Das Wichtigste also, was sie für uns tut, tut sie schon seit sie bei uns ist, von ganz allein. Alles, was wir machen mussten, war, sie darin zu bestärken.

Wir sind anfangs mit ihr in eine ganz übliche Welpenspielstunde gegangen, um uns ihr anzunähern, die Bindung zu ihr aufzubauen, sie zu verstehen und selbstsicherer im Umgang mit ihr und anderen Hunden allgemein zu werden.
Wir wussten damals noch nicht, ob eine Assistenzhundeausbildung für uns überhaupt möglich ist, denn immer hört man von den großen Summen, die das kostet und all den besonderen Ansprüchen, denen Assistenzhunde gerecht werden sollen.  Wir hielten uns damals und halten uns auch heute nicht, für eine Person, die solchen Ansprüchen gerecht wird, indem sie sie an ihren Hund, der völlig von ihr abhängig ist, weiterträgt.
Für uns ist und war immer wichtig, dass wir in erster Linie so gut miteinander zurecht kommen, dass uns NakNak*, ohne selbst Schaden zu nehmen, mit ihrem Verhalten bei bestimmten Handlungen im Alltag assistiert. Was für uns bedeutet, dass sie uns beisteht und schwierige Faktoren leichter macht, sie jedoch nicht eigenständig übernimmt, was bei anderen Assistenzhunden durchaus im Repertoire drin ist.
NakNak* trägt keine Gegenstände durch die Gegend oder führt uns von A nach B. Das sind häufige Aufgaben von Blindenführhunden oder Service-/Assistenzhunden im Leben von Menschen, die das brauchen. Wir brauchen das nicht von ihr, deshalb haben wir ihr das nie beigebracht.

Was wir uns damals als Trainingsziele gesetzt hatten, war:

– dass sie die Krampfanfälle mit nur noch zwei gezielten Signalen anzeigt (also: nicht mehr das ganze Programm, damit wir es auch wirklich kapieren, sondern ein bis zwei Ansagen und gut)
– dass sie es toleriert, von uns in jeder Situation angefasst zu werden (egal, ob für die Fellpflege, beim Tierarzt, in Krisensituationen oder auch in für sie stressigen Umgebungen)
– dass sie andere Menschen und Tiere erst für uns anzeigt und auf die Erlaubnis wartet, in Kontakt zu gehen (so haben wir weniger Stress in Begegnungen, wenn sie nicht angeleint ist und wir können uns auch ohne akute Angst vor einem Krampfanfall im Wald oder sonst wo bewegen)
– dass sie den Schalter der Nachtbeleuchtung betätigen kann (wir hatten damals noch keine Strategien für den Umgang mit Flashbacks oder anderem intrusiven Erleben aus dem Schlaf heraus – Licht zu haben, ohne sich durch den Raum bewegen zu müssen, war damals eine große Hilfe)
– dass sie am Geschirr zieht (dabei tragen wir die Leine je nach Bedarf auch um die Hüfte und sind über die physische Rückmeldung des Leinenzugs mit weniger Kraftaufwand in der Lage mit ihr und unserer Umgebung Kontakt zu bleiben – so verlaufen wir uns nicht mehr in eigentlich bekannten Umgebungen und bewegen uns allgemein mit so viel weniger Stress, dass unser Krampfanfallrisiko im öffentlichen Verkehr sinkt)
– dass sie stubenrein wird (als wir noch in der Stadt gewohnt haben, war es ein ernsthaftes Problem für sie, einen ruhigen Ort für ihre Geschäfte zu finden – das Ergebnis war ein Hund, der lieber drinnen als draußen alles erledigte – nach einem Umzug in eine ländliche Umgebung, war das Thema in 2 Tagen durch)
– dass sie Gegenstände, die sie im Maul trägt, auf Kommando fallen lässt
– dass sie von hinten kommende Personen für uns anzeigt
– dass sie zuverlässig auf Kommandos aus größerer Entfernung hört
– dass sie sich von anderen Menschen führen und anfassen lässt
– dass die Kommandos „Stopp“, „Warte“, „links“, „rechts“ und andere weisende Handzeichen zuverlässig klappen

NakNak* ist ein Hund, der devot und vorsichtig ist. Sie geht Pöblern aus dem Weg und beschwichtigt offen, wann immer es ihr sinnvoll erscheint. Auch das ist ein eigenes Verhalten von ihr, das wir als gut bestätigt haben und sehr schätzen.

An der Liste der Trainingsziele sieht man schon, dass viele Elemente auch Teil der Begleithundeprüfung sind, die man in jeder Hundeschule absolvieren kann.
Wir hatten darüber nachgedacht, diese Ausbildung zu machen, haben uns aber dagegen entschieden, weil wir uns mit den Behinderungen, die wir kompensieren, bei dem spezialisierten Trainer besser verstanden gefühlt haben.
Bei diesem Trainer durften wir Einzeltrainingsstunden nehmen, die wir über Einheitenkarten bezahlen konnten. Das hieß, dass wir für 10 Trainingsstunden gespart haben (das waren damals 110€) und diese jeweils über 10 Termine (in denen wir für die nächste Karte gespart haben) ausgegeben haben. In den Stunden selbst wurden dann Kommunikationsfehler aufgezeigt, erklärt und verbessert. Wir sind mit NakNak* später auch in der Stadt, im Zug, im Museum und auf dem Wochenmarkt gewesen, um das Eingeübte auch in anderen Situationen als auf dem Hundeplatz anzuwenden.

Letztlich spielt sich aber unser Lebensalltag weder in der Stadt, im Zug, im Museum oder auf dem Wochenmarkt ab, sondern in der ruhigen Umgebung des Bullergeddo und vereinzelt an anderen Orten. Deshalb dienten diese Übungsstunden mehr uns, als NakNak*, um souverän mit auch ungewöhnlichen Orten umgehen zu üben. Als Hilfe dabei lernten wir verschiedene Handzeichen, denn wir können häufig nicht mehr oder nur mit viel Kraftaufwand noch sprechen und erleben dabei viel Unsicherheit über das, was genau wir da sprechen.

Die Kosten beliefen sich am Ende, mit einer Abschlussprüfung und einem theoretischen Informationsblock auf insgesamt ca. 2.500€, die wir, wie gesagt, alle über das Jahr, das die Ausbildung so insgesamt etwa dauerte, stückeln und im letzten Klops mit Hilfe von Freunden stemmen konnten.
Es gibt Vereine, Institute und Verbände, bei denen man sehr viel mehr, oder aber auch weniger bezahlen muss. Manche wollen, dass man Vereinsmitglied wird, manche fordern regelmäßige Nachprüfungen.
Man muss für sich schauen und entscheiden, was für das eigene Hund-Mensch-Team und die jeweiligen Lebensumstände am Besten passt. Einen einzigen richtigen, höchstoffiziöslichen Weg gibt es nicht und auch hier und da geforderte Nachweise über die Ausbildung sind nicht immer so zu erbringen, wie man das von Menschenausbildungen oder Hundeberufsausbildungen (beispielsweise in der Rettungsstaffel) kennt.
Wie gesagt: der Begriff “Assistenzhund” und die Ausbildung dazu, sind nicht geschützt und das ist ein Problem.

Ich habe noch keine Schwindler_innen getroffen, die von ihrem Haustierhund behauptet haben, es sei ein Assistenzhund – aber ich habe schon einige Hund-Mensch-Teams getroffen, die keine Hilfe bekommen haben, um einander gut zu assistieren, weil der Trainingsansatz des ausgesuchten Instituts/Verbands/Vereins gar nicht zu dem Team und dessen Arbeitszielen passte.
Was auch immer öfter passiert ist, dass zum Beispiel Blindenhunden sehr viel mehr aufgeladen wird, als wozu sie zu tragen ausgebildet sind. Es häuften sich so in letzter Zeit die Meldungen über Blindenhunde, die Menschen gebissen haben und allgemein nicht mehr von ihren Besitzer_innen haltbar waren.

Ein Assistenzhund ist kein Haustier mit Job.

Ein Assistenzhund ist ein 24/7 arbeitendes Teammitglied. Ein Lebewesen, das gelernt hat Kommandos auszuführen, die für seinen Menschen so unterstützend im Alltag wirken, dass die Lebensqualität für beide gut und gesichert ist.
Es ist der Mensch, der zu jeder Zeit klar haben muss, wo diese Kommandos bzw. die Lerninhalte dazu, anfangen und wo sie aufhören. Denn wo diese Lerninhalte und ihre Auswirkungen aufhören, bleibt ein völlig abhängiges Tier mit Bedürfnissen, die zu erfüllen sind und kein Sozialflauschapparat für einsame Menschenseelen.

Wenn uns Menschen fragen, was NakNak* für uns macht, sagen wir ihnen häufig einfach nur, dass sie unsere Krampfanfälle meldet. Denn das ist, was Menschen von außen häufig, jedoch nicht immer, wahrnehmen und als Arbeit des Hundes erkennen können.
Unsere Behinderungen im Alltag sind häufig keine physischen, sondern energetische bzw. psychische. Wir haben häufiger Sprech- und Ausdrucksprobleme, als man das übers Internet oder im Kontakt, wenn NakNak* dabei ist, merkt. Schwelende (Todes)Ängste sind unsere Begleitung, wann immer wir das Haus verlassen – egal, ob wir nur den Müll wegbringen, einkaufen gehen oder in die Stadt fahren, um Dinge zu machen. Wir haben massive Probleme uns in lauten Räumen (und anderen Umgebungen) zu orientieren und reagieren auf all das immer wieder mit starker Dissoziation, die wiederum zu motorischen Problemen, Miss- und Fehlempfindungen und verstärkter posttraumatischer Belastungssympomatik führt.

NakNak* macht nichts davon zu 100% weg. Das ist aber auch nicht ihr Job. Ihr Job ist es, uns zu ermöglichen, mit weniger Kraftaufwand diese Probleme zu kompensieren. Etwa, indem ihre Anwesenheit und bestimmtes Verhalten unser Stresslevel senkt oder auch Kontakt zu anderen Menschen erleichtert. Ihre Anwesenheit ist überwiegend als beruhigend und positiv in uns verankert und das ist der größte Lerninhalt für uns gewesen.

Hunde spielen in unserer Traumatisierungshistorie eine nicht unerhebliche Rolle und sich auf die Haltung eines Hundes bis an sein Lebensende (nicht nur, wie die Pflegetiere, die wir vorher hatten, für ein paar Tage oder Wochen) einzulassen, mit allen Konsequenzen, die das mit sich bringt, war nach dem Ausstieg aus organisierter Gewalt und dem Beginn der Traumatherapie, eine der größten Entscheidungen in unserem Leben.

Wir mussten für uns abwägen, ob wir, die wir nachwievor so stark dissoziieren, dass wir amnestische und auch allgemein völlig dysfunktionale Phasen durchmachen, die Richtigen sind für diese Aufgabe. Wir mussten und müssen bis heute immer wieder hart daran arbeiten, die Bindung zu NakNak* zuzulassen und zu pflegen, obwohl viele der Entscheidungen um dieses Hundeleben in unserem Lebensalltag auch die Entscheidung beinhalten, sie sterben zu lassen bzw. ihren Tod in Kauf zu nehmen.
Das betrifft solche Entscheidungen gegen kostspielige Notoperationen genauso, wie das Mitdenken jeder früher an uns herangetragenen Drohung von Mit_Täter_innen, die den Tod und große Qualen für alle, die uns etwas bedeuten, beinhalteten.

Was wir Menschen auf den Weg geben möchten, die darüber nachdenken, ob ein Assistenzhund eine gute Unterstützung für sie sein könnte, ist, vielleicht erst einmal darüber nachzudenken, welche Auswirkung eine Hundehaltung ohne genau definierten Anspruch an den Hund für sie bedeutet.
Denn:
Auch ein Hund, der seinem Menschen im ganzen Leben assistiert, kann selbst Assistenz im Leben gebrauchen!

NakNak* zum Beispiel wird ständig von Rüden belästigt. Reagiert in Städten schnell genauso reizoffen, wie wir selbst. Verhält sich in für uns beideallen fremden oder überfordernden Situationen manchmal auch vermeidend-ängstlich-vorsichtig. Das sind Eigenschaften, die sie für ein anderes Hund-Mensch-Team als Assistenzhund komplett ausschließen, die sich für uns aber als Möglichkeit bieten, unsere eigenen Kompetenzen immer weiter zu trainieren und nach Umgangsmöglichkeiten zu suchen, die für uns beidealle passen.

Unser Hund ist ein Gemeinschaftshund. Die Schutzgebühr hatte eine Freundin damals für uns bezahlt. Ihre Geschirre, Leinen, Näpfe – alles Geschenke und Reste aus der Pflegestellenzeit für den Tierschutz. Die Impfungen und Wurmkuren durften wir bei einem sehr sozial eingestellten Tierarzt abstottern, nachdem der erfuhr, dass wir gerade in der Ausbildung mit ihr sind. Wann immer uns eine unerwartete Zahlungsverpflichtung verunmöglichte für ihr Futter aufzukommen, sprangen Freunde, Gemögte, Verbündete und Unterstützer_innen ein. Wann immer wir NakNak* nicht gut tun, können wir sie in die Obhut von diesen Menschen geben, bis wir wieder dazu in der Lage sind. Ohne das Zutrauen in diese Menschen und ihre Hilfeangebote hätten wir NakNak* nicht.
Wir sind uns des Glücks und des Privilegs dieses Umstandes jeden Tag voll bewusst und dankbar. Wir wissen, wie viele andere Menschen seit Jahren von einem eigenen (Assistenz-)Hund im Leben träumen und sich diese Traum nicht erfüllen, weil sie weder das Geld, noch die Hilfe durch Mitmenschen, noch genug Selbst_Sicherheiten aufbringen können, die sie zur Haltung eines Hundes von sich abverlangen.

Wir wissen aber auch, dass die Hauptverantwortung für das Leben und die Lebensqualität unseres Hundes voll und ganz bei uns liegt und von uns getragen werden muss. Auch dann, wenn unser Netz aus Helfer_innen und Unterstützer_innen nicht einspringen kann.
Und dennoch sind es unsere klaren inneren Haltungen und Positionen darum, was genau wann wie und wo mit ihr passieren soll, wenn wir nichts für sie tun können, die uns die Selbst_Sicherheit geben, um zu tun, was nötig ist.

Das ist die wichtigste Säule in der Haltung gegenüber unserer Assistenzhündin. Wir verlangen von uns, immer zu jedem Zeitpunkt zu wissen, was wir von ihr wollen und für uns klar zu haben, warum wir das wollen. Das ist, was wir brauchen, um einen guten Umgang mit ihr und uns zu halten. Die permanente Reflektion von uns als Mitglied in unserem Hund-Mensch-Team und all unseren Optionen.

Das ist, wie es für uns am Besten läuft mit unserer Assistenzhündin.
Wir sind ein Team und zusammen arbeiten wir an einem für uns beidealle gutem Leben.

 

 

 

actual note: Danke noch einmal an alle alle alle, die etwas in den Sammelpool unseres Freundes für uns gegeben haben! Wir waren heute zur ersten Nachsorgeuntersuchung und bis jetzt sieht es nach einem üblichen Heilungsverlauf aus. Dank eurer Unterstützung können wir gerade durch diesen Prozess mit ihr gehen (ihren Zustand aushalten, sie versorgen und pflegen), ohne zusätzlich mit Geldnot belastet zu sein. Es ist eine neue guttuende Erfahrung, auf so eine Art durch eine schwierige Zeit gehen zu dürfen.
Vielen Dank dafür! <3

Rekonvaleszenz 

Wir liegen mit NakNak* in der Flauschhöhle unter unserem Schleiereulenschlafnest. Schlafen, wachen auf, berühren uns. Ich warte auf ein Kinderinnen, das ich zuletzt verstört und panisch nach Luft schnappend wahrgenommen habe. Irgendwann zwischen dem Registrieren von NakNak*s Leiden und dem Gefühl viel zu langsam durch „diese g’ttverlassene Kackscheißpampa“ zu strampeln.

NakNak*s Zustand ist stabil. Sie frisst, trinkt, piescht, schläft und lässt sich gut vom Lecken an der unfassbar großen Wundnaht abhalten.

Ich merke, wie froh ich bin, zumindest heute, nicht weiter als bis in den Garten raus zu müssen. Merke, wie sehr wir keine Haut mehr haben, um angeschaut, angesprochen, von mehr als dem geschriebenem Wort berührt zu werden. 

Die Haut, die wir hatten, haben wir für das Sprechen mit unserer Therapeutin aufgebraucht. Für die abstrakte Annäherung an die Erfahrungen dieses Kinderinnens, die Instruktion zur Reorientierung im Heute, das Heute ist, und das Moment, in dem ich verstehe, wie schrecklich NakNak*s Anblick für das Kinderinnen gewesen sein muss.

Wie schrecklich es sich selbst fühlen könnte. Wie schrecklich ich mich fühlen könnte. Wäre ich nicht ich und dieses Kinderinnen nicht dieses Kinderinnen.

Und während wir mit diesen Gedanken neben dem Hund im Heilungsprozess liegen, bekomme ich eine Ahnung vom Ausmaß dessen, wovon wir im Innen zu heilen versuchen.

Und versuche keine Angst zu bekommen.

Tag 11

NakNak* weckt mich um 5 nach 4 auf dem unheimlichsten aller Campingplätze bisher.

Aus ihrem Körper rinnt Eiter, die Augen sind glasig. Sie säuft ihre Schüssel dreimal leer und legt sich zitternd zurück ins Zelt. 

Wir packen. Stopfen. Schmeißen alles durcheinander in die Taschen und Körbe, die wir haben. Wickeln den Hund in den Schlafsack und torkeln zwischen heulen vor Muskel-Erschöpfung-Angstschmerz und kämpfen gegen den Widerstand des vollbeladenen Rades.

Aus der 17km-Strecke wird eine mindestens 23 Kilometerstrecke, weil wir uns verfahren. Es ist 10, als wir bei einem Tierarzt ankommen. 

Es ist 10 Uhr und wir haben uns von NakNak* schon verabschiedet. Eine Notoperation ist der Todesstoß für unseren Hund. Das haben wir klar, seit wir sie haben. 

Dem Tierarzt ist das egal. Ihm ist egal, dass wir nicht zahlen können, dass wir vor ihm zerfallen, heulen, krampfen, nicht mehr wissen, wo sprechen aufhört und denken anfängt. 

Unsere Menschen klingen hohl für uns. Nerven. Tun weh. Und sind so sehr gebraucht. Vielleicht zu sehr. Wir fühlen uns fern und denken, vielleicht waren wir nie nah. 

Wir lassen NakNak* operieren. Weil wir keine Kraft dafür haben auszuhalten, dass man uns für unsere Einschläferungsentscheidung verachtet. Weil wir diesen „Was bist du nur für ein egoistischer Mensch“- Blick nicht aushalten. Obwohl wir wissen,  wie leicht es sich so gucken lässt, wenn man denkt, ein lebender Hund sei besser, als ein Mensch, der sein eigenes Überleben nicht mehr finanzieren kann.

Wir fangen jetzt an zu bitten. Und ja – auch zu betteln: 

Bitte gebt etwas in unseren Sammelpool (unter „Geburtstag haben“). Wir brauchen genau jetzt Geld.

Kein Mitleid, kein Flausch. Keine Hochachtung, keine Bewunderung. Kein Mitgefühl, keine Tipps für Ratenzahlungen oder hätte würde wenn.

Wir brauchen Geld und eure Hilfe bei der Verbreitung des Links, ohne Verpflichtungen oder Bedingungen hinten dran.

Unsere Radtour endet heute.

Tag 9

Das erste Gewitter erleben wir in Meppen. Wo wir für eine Gurke, eine Paprika und einen Eisbergsalat 5,20€ bezahlen und denken, das wäre ein okayer Tausch mit dem eigentlich geplanten Cafebesuch über Mittag.

Mit der Gurke in der rechten und einem Pulverkaffee aus dem eigenen Vorrat in der linken Hand, sitzen wir dann am Kanal unter einer Kastanie, während der Regen auf unseren Regenponcho und den Anhänger mit der schlafenden NakNak* drin, pladdert.

„Wie lange habe ich nicht mehr innegehalten, wenn es regnete?“, denke ich, als sich das Pladdern in ein Strömen wandelt. 

„Lange.“, denkt ein Innen zurück und rollt sich in meinen Schneidersitz. 

Wir bleiben sitzen und schauen kleinen Möwen mit dunklem Kopf zu, bis sich in unserer Fahrtrichtung die Wolkendecke aufhellt.

Tag 8

Am Morgen verpassen wir den ersten Anruf vom BaFög-Amt und bröseln wieder einmal unter den Strukturen auseinander.

Die Eltern haben das Sorgerecht für uns. Schlimm genug. Jetzt beginnt wieder einmal ein Zuständigkeitstammtamm mit Betteln um die Einzelfallentscheidung, die uns schützt. Auf unsere Kosten. Natürlich. Denn wir wollen ja was. 

Wir deligieren. Lassen unsere Not in Twitternachrichten rinnen. Trinken eine letzte Tasse Kaffee und machen uns auf den Weg von Nordhorn nach Lingen bis zum Speicherbecken Geeste.

Es ist bewölkt, kühlwarm und windig. Wir schlagen unser Zelt neben einem Kinder- JugendZeltlager auf.

Erinnern uns an die Mittelohrentzündung. Damals im Zeltlager. Mit den Falken, dem Geschwist und den Gefühlen des Glücks um Stille, Alleinsein und das Lexikon bei 39°C Fieber. Es war das einzige Zeltlager in dem wir so ein Glück empfanden.

Tag 7

Es sich leicht machen. Annehmen, was kommt. Wann welche Gesten zu Hilfe werden und wie leicht das geht, wenn man weiß, dass man nicht bleibt.

Es gibt soviel Raum, dass die Zweifel, die Not, die Angst daran zur Seite geschoben werden können. „Jetzt sind wir hier und für jetzt ist es ok – wenn wir wieder da sind, kannst du mich bestrafen.“, denke ich.

Dachte ich an Tag 5, an Tag 6, an Tag 7. Nachdem ein Herzmensch kam und Laura, das neue alte Fahrrad für uns kaufte. Mit uns sprach, aß, lachte und miteinander war. Nachdem ein Fremder uns half, als Laura einen platten Hinterreifen hatte und sich die Nacht am Tagesrest entlang heranschlich. Nachdem dieser Fremde am nächsten Morgen noch einmal vorbei kam und uns mit allem Zeug zurück in die nächste größere Stadt mitnahm. Nachdem der junge Mechaniker unser Rad noch reparierte, obwohl die Werkststt schon fast zu war. Nachdem der Herzmensch via Internet lokale Hilfe suchte, fand und vermittelte. Nachdem der Begleitermensch sein Ohr öffnete, damit wir unsere Sorgen, Zweifel und Kummer hineinschütten konnten, und dann erleichtert und von seinem Zuspruch getragen, in die Begegnung mit einer neuen Person zu gehen, die uns Bett, Dusche, Zeit und Raum für uns anbot.

Wir haben Niedersachsen erreicht und das Moment, in dem wir verstehen, dass Hilfe anzunehmen nicht bedeutet keinen eigenen Anteil mehr an der Lösung eines Problems zu haben. An dem ich die Idee habe, ich könnte wirklich stolz und anerkennend unserem Wirken gegenüber sein, weil es tatsächlich sehr anstrengend, kraftzehrend, schwer war durch diese Tage zu kommen, ohne die gewohnten Möglichkeiten des Umgangs zu haben.

An Tag 7 beobachte ich frisch geschlüpfte Hühnerküken, Rinder, die mit Wasser spielen, NakNak*, die ihren ersten Haarschnitt bekommt und uns. Wie wir atmen. Wie wir sind. 

Einfach so. Ganz leicht und angenommen.

Tag 4

Am vierten Tag ist Pitti gestorben.

Wahrscheinlich hätten wir schon an Tag 1, 2 und 3 – vielleicht sogar noch am Morgen des Tages 4 – gemerkt, dass der Tritt schwergängiger war, wäre nicht insgesamt alles schwergängiger, als sonst.

Wir gingen auf einen Hof, fragten nach Strom und Zeltstellplatz, durften bleiben und erlebten, neben einem dieser herzerwärmenden Twitterwunder, wie verbunden wir noch immer sind.

Mit unseren Menschen. Gemögten. Herzmenschen. 

Wie sie da sind, obwohl sie nicht da sind. 

Es gibt uns Kraft auf jemanden und dessen Hilfe zu warten. 

Wir haben seit vielen Jahren nicht mehr auf irgendjemandes Hilfe gewartet. Auf Hilfe wartet man in unserem Leben nicht. Man hilft und hilft sich selbst.Und wenn man das nicht mehr kann, dann wartet man bis man den Tod stirbt, der ein anderes Innen gebiert.

Die Person in Not auf diesem Hof, wartet auf Gott. 

Weil sie niemanden hat.