Manchmal schon habe ich von Vielen gehört, dass sie „nicht mehr nur funktionieren“ wollen. Für manche ist „einfach nur funktionieren“ das Gleiche wie „einfach nur überleben“. Meiner Erfahrung nach lohnt es sich, hier noch einmal genauer hinzuschauen.
Grundsätzlich steht Funktion jeder Art nie allein. Nicht wirklich. Und ja, auch dann nicht, wenn man sie komplett selbst-entkernt, also dissoziiert, ausführt.
Jeder Funktion gehen Notwendigkeit, Möglichkeit und Fähigkeit voraus und jeder Funktion folgt Wirkung.
Im traumareaktiven, dissoziierten Funktionieren empfindet man sich von all dem abgeschnitten oder unberührt, erlebt vielleicht oftmals gar kein Vorher oder Nachher. Dieses Empfinden bedeutet aber nichts für die Realität von Funktion als Sachstand, der innerhalb von Sachständen passiert. Es bedeutet nur etwas für das Bild, das wir von uns als Funktionsträger_in haben. Für unsere ErLebensrealität. Unser „sich in der Welt fühlen“. Aber nicht für uns tatsächliches „in der Welt passieren“.
Auch hier also wieder ein Aspekt von Grenzen und Abgrenzung. Differenzierung.
Aber auch ein Aspekt von Wahrhaftigkeit und Verantwortungsübernahme.
Aus meiner Sicht ist es eine Art der Realitätsverweigerung, sich vorzunehmen, jedes Funktionieren einzustellen, weil man zum Beispiel in der Aufarbeitung von traumatischen Lebenserfahrungen zu dem Schluss kommt, man habe schon so viel überlebt und immer nur funktioniert. Und jetzt solle damit Schluss sein, denn jetzt ist ja definitiv alles anders.
Die Realität ist die, dass das Leben in dieser Welt in praktisch jedem Aspekt Funktionalität erfordert. Unabhängig davon, wie viel wer wann und warum bereits funktioniert hat. Lebendigkeit ist das Ergebnis von Funktionen des Organismus und dessen direkter Um- und Mitwelt. Es ist noch kein Mensch ohne die Körperfunktion eines anderen auf die Welt gekommen. Noch nie hat ein Mensch zu essen oder zu trinken gehabt, ohne, dass die Funktionen der Natur dies ermöglicht haben. Das ist Fakt. Das ist die Realität, der man hinzugefügt wurde, unabhängig von persönlicher Konstitution oder Wahlmöglichkeit. Menschen sind. Du, die_r du das hier liest, bist. Und dieses Da-Sein, ist sowohl Folge als auch Wirkung von Funktion.
Und es ist genau das, was Komplextraumatisierungen wiederholt und massiv berührt haben. Die Lebendigkeit, die physische und psychische Präsenz. Die soziale Verbundenheit. Die Funktionalität, die man als biologischer, menschlicher Organismus in dieser Welt einfach hat, hat es ermöglicht, so schwer verletzt zu werden. Sie hat es aber auch ermöglicht, diese Verletzung zu überleben.
Und es ist genau die gleiche Funktionalität, die es ermöglicht, zu heilen, zu wachsen, zu integrieren, sich das Leben nach der Gewalt neu, vielleicht auch ganz anders, zu gestalten.
Natürlich hat jeder Mensch einen eigenen Funktionsumfang. Nicht alle können alles. Nicht alle können alles, was sie können, unter allen Umständen. Aber es ist immer möglich, sich an die gegebenen Bedingungen auch funktionell anzupassen. Einfach, „klarzukommen“. Manchmal ist mehr als das einfach nicht drin.
Und ja, so traurig es ist, geht es einfach auch immer ums Überleben. Menschen haben Grundbedürfnisse, um zu überleben. Wir haben diverse soziale Systeme, um als Spezies zu überleben.
Sich dem Funktionieren zu verweigern, ist entsprechend keine funktionelle Aussage. Es ist im Kern eine suizidale Haltung. Eine Lebensverweigerung. Weit entfernt von edgy Opfer-Rebellentum gegen die Macht der Täter_innen oder generell alle und alles, was bedrohlich ist oder war.
Auch als Therapieziel taugt dieses Vorhaben einfach nichts. Ist aber eine schöne Rampe in ein Gespräch, in dem man vielleicht mal genauer hinschaut, was man mit Funktional-sein, so verbindet. Wer Selbstaufgabe und jedes Fehlen eines Widerspruchs auf An- oder Überforderungen meint, könnte überlegen, ob man nicht vielleicht das Formulieren von Widerspruch übt. Und trainiert, die Mechanismen hinter reflexhafter Selbstaufgabe zu verändern.
Auch eingefahrene Beziehungsmuster könnten eine Rolle spielen. Wenn eine Person zum Beispiel immer wieder den Eindruck hat, sie könne oder dürfe im Kontakt „nicht echt“ und also „nur funktional“ auftreten. Da lohnt es sich ja grundsätzlich schon mal zu überprüfen, ob der Eindruck Folge von traumalogischen Annahmen ist oder auf realen Kontakterfahrungen mit der Person basiert. Auch das ist Folge und Wirkung von Funktionen.
Und speaking of Therapie.
Therapie ist so ziemlich das anspruchsvollste Ding, eine der größten Herausforderungen an psychische, kognitive, soziale Funktionen, die man so hat. Wer nicht funktionieren will, weil sie_r annimmt, die Welt ist aus Gerechtigkeitsgründen für Opfer jetzt mal dran mit Funktionieren, kann von einer Therapie wohl kaum profitieren. Gleiches gilt für Betreuungen und andere Hilfemaßnahmen.
Wichtig ist, sich der Realität zu stellen, dass unsere Lebendigkeit Grundlage jeder unserer Funktionalität ist. Sie zu akzeptieren und für sich zu erforschen. Umgänge zu finden, Bedingungen zu formulieren, mit denen es sich gut, heil, kongruent, leben lässt.