Schlagwort: Selbstbestimmung

Klapse und Leute, die denken, sie hätten Erfahrung damit

Oh man… ob das jemals ein Ende nimmt?
Das Thema „Psychiatrie“ kommt auf und bumms!- kleben die Rosenblätter überall an der Decke verteilt.

Dieses blöde Kurz-vor-in-die-alte-Ohnmacht-kipp-Gefühl, dieser Wutstrudel, dieses Bedürfnis in die dumm labernden Gesichter reinzubrüllen, die Körper, auf denen die stecken, durchzuschütteln, nur um bloß nicht sofort in Tränen aufgelöst dahinzuschwinden, wie ein Schneemann im Juli.

Ich hab einen Spaziergang gemacht vorhin. Das hilft meistens. Heut ist Tag 1 vom wieder mit dem Rauchen aufhören und ich fand die Klapse als Stressgrund für doch wieder Kippen zu kaufen doppelt zu niedrig.
Und dabei hab ich gemerkt, dass mich (also mich jetzt als Einzelinnen von uns Rosenblättern) gar nicht mal die Psychiatrie so an sich aufregt, sondern so auch die Leute, die mir gegenüber so tun, als hätten sie Ahnung davon was „Psychiatrieerfahrung“ ist.

Die hatten meinethalben vielleicht mal ne erstes oder zweites Date mit dieser janusköpfigen Hybris. Waren mal 3 Tage bis 3 Wochen zur Krisenintervention oder Diagnostik in der psychiatrischen Abteilung ihres Kreiskrankenhauses, das ne Warteliste hat und vielleicht sogar 4-5 stationäre Therapieplätze. Haben vielleicht mal ne depressive Episode gehabt, oder mal n halbes Jahr nichts essen können oder was weiß ich. Den gings halt mal halbes Jahr richtig grottig und die sind dahin und die tollen Doktores haben sie fein wieder hingebogen.

Und deshalb stehen sie da und sülzen irgendeinen Mist von „Selbstbestimmung geht auch in der Psychiatrie“ oder zweifeln einfach, weil sies können, an dem was wir so für Erfahrungen gemacht haben.
Was ne arrogant-privilegierte Kackscheißenlaberei!

Ja nee- es ist keine Psychiatrie-Erfahrung, wenn man nicht fixiert wurde. Abknallende Medis nehmen musste, weils einem einer gesagt hat. Ist auch keine Psychiatrieerfahrung, wenn man nicht erlebt, wie das ist, wenn alle „Muh“ hören wollen- man selber, aber eben nur „Mäh“ kann und dafür seiner Freiheit beraubt wird- vor aller gesellschaftlicher Augen, die einfach nur nicht sehen wollen, wie es ist und einem immer wieder ne Wahl unterschieben wollen, die de facto nicht da ist.

Ja echt Sorry- wenn ihr das nicht erlebt habt, dann habt ihr eben nicht die volle Macht der Psychiatrie am eigenen Leib erlebt und dann habt ihr mir gegenüber einfach gefälligst die Fresse zu halten mit diesem Kackscheiß!

Keiner muss, wie wir als Jugendliche, eine Klinik nach der anderen durchgeeiert haben. Uns wollte keiner haben und „der Gesellschaft“ gehen wir bis heute am Arsch vorbei- ein Gefühl, das ich echt keinem gönne.

Aber ehrlich- nennt so ne kurzen Abstecher ins Land der Psychos und Abgründe der menschlichen Seele weder „Psychiatrie-Erfahrung“ noch „Ich weiß, wie du…“. Das ist ne Lüge und ne Ohrfeige, um die ich nicht gebeten hab.

vom Selbst- sein und der Wahrnehmung des eigenen Selbst- seins

Wer wir sind, erfahren wir nicht, wenn wir wissen zu wem oder was wir uns zuordnen.
Wir erfahren nur, was wir können.

Als wir die Therapie anfingen war es das Grundthema: „Bin ich eigentlich?“
Erst einmal spüren und bei allen von uns klar zu bekommen, dass wir wirklich existieren.
Ein Mensch sind. Was Menschen können, dürfen, sollen, müssen und wo, wie, wann sie das können, dürfen, sollen und müssen.
Ganz basal. Absolut niedrig und fern von Wertung, Bedeutung und Erwartung.

Es ging in unserer Erziehung und auch späteren Sozialisierung viel darum Etwas oder ein Jemand zu sein- nicht darum, wie es ist zu sein. Wie sich dies anfühlt oder wie die subjektive Bewertung dessen war. Es gab in unserem Leben ein Sozialkonstrukt, dass nach körperlicher Reife und Eignung zu diversen Handlungen gestaffelt war. War man 3 Jahre alt, war man etwas (oder jemand) anderes als jemand (oder etwas) der (das) 33 Jahre alt war. Vom Etwas zum Jemand und vom Jemand zum Sein zu werden, war das erklärte Ziel von allem was uns begegnete.

Die eigene Existenz- das ganz ureigene (So-) Sein wie man ist, spielte dabei keine bzw. eine untergeordnete Rolle, als etwas, das defizitär ist und zu formen gilt. Das ist das Gift im Problemkreis der Seelenmörder, Sekten und sektuöser Gemeinschaften: Man ist nicht „Mensch, der nach XY lebt und denkt“, man ist „das was man lebt und denkt“. Man ist „die Gruppe/ der Guru/ der destruktive Partner etc. „.
Es gibt keine akzeptierte und respektierte Grenze zwischen sich als Mensch mit ureigenem Sein und dem was auf einen einwirkt.

Das ist in vielerlei Hinsicht gut, wie ich das jetzt nach der Lektüre von dem Buch „Der Feind im Innern“ von Michaela Huber aufgenommen habe. Wenn man, wie der Täter/ Anführer/ dominante Part oder dessen „Lehre“ entsprechend in seiner Umgebung ist, findet dieser eine Gleichheit und keinen Widerstand, der von ihm gebrochen werden kann/ muss.
Gleichheit schützt. „Gleich und gleich gesellt sich gern“, sagt man nicht ohne Grund.

Wir Menschen sind soziale Wesen. In unseren Zellkernen steckt das tiefe Wissen, dass wir ohne andere Menschen um uns herum, niedrige bis gar keine Chancen haben, unser Leben zu entsprechend unserer Grundbedürfnisse zu gestalten, zu schützen und am Ende sogar weitergeben zu können.

Das Problem dabei ist, dass man eben wie jemand anders agieren kann, doch niemals derjenige sein kann. Selbst Klone haben ein eigenes Sein- obwohl sie gleichen biologischen Anlagen haben. Die Seele- das ureigene Sein ist immer einzigartig.

Es gibt diesen Begriffknoten ums „Sein“.
An der Frage: „Wer bist du?“, kann ich es gut darstellen.
Die meisten Menschen antworten reflexhaft mit: „Ich bin Farfalla Regenbogen“. Nicht: „Ich bin ein Mensch, dessen Körper Farfalla Regenbogen genannt wird.“ (Ich bin mein Sein mit diesen und jenen Eigenschaften, die sich in einem Körper, genannt Farfalla Regenbogen, bündeln.)

Haarspalterei? Vielleicht.
Doch bei Menschen mit Selbstunsicherheit kann so eine Differenzierung eine Hilfe sein, wie für mich auch.
Wer bin ich, was macht mich aus, was bewirke ich?

Der Schlag unter die Gürtellinie ist in so einer Phase: „Ich bin ein Nichts im Universum- ich bin egal, ich hinterlasse nichts, bewege nichts…“. Es ist ein Tiefschlag, weil er einen größeren Denkrahmen impliziert, als er eigentlich verwendet und gebraucht wird. Es wird ein Mangel an Demut, am Wissen um die eigene Begrenztheit im großen Lauf der Dinge impliziert.
Mir wird fix mal Größenwahn unterstellt, wenn ich sage, ich möchte etwas verändern, möchte grundlegende Veränderungen schaffen, möchte gesellschaftlichen Wandel anstoßen. Als würde ich von der ganzen Menschheit oder der Welt sprechen. Dabei spreche ich von meinem kleinen Dunstkreis oder auch ganz allein mir und meinem Miteinander im Alltag.
Was interessiert mich das Universum, wenn es mein kleines „Bullergeddo“ ist, in dem ich lebe und das auf mich einwirkt? Ich muss mich nicht um die ganze Welt kümmern, denn es ist nicht die ganze Welt, die mit mir zu tun hat.

Und überhaupt muss ich dafür erst einmal wissen, wer ich bin. Wie mein Sein ist, wie es wirkt, was für Eigenschaften da sind und wie ich sie im Rahmen meiner biologischen, sozialen, kulturellen und ökomischen Bedingungen nutzen kann. Wo fange ich an und wo höre ich auf?
Wir sind also beim Thema Abgrenzung, Selbstreflektion und Selbstwirksamkeit.

Ich bin bedingt selbstreflektiert. Entweder nutze ich mein Tagebuch als Ursache-Wirkungs-Protokoll, oder meine Mitmenschen bzw. ihre Reaktionen auf mein Einwirken auf sie.
Aufgrund meiner dissoziativen Störungen, kann ich nicht alles, was mittels meines Körpers von meinem Sein transportiert wird, wahrnehmen. Heißt: Ich bin blind für manche Dinge und merke es nicht, wenn es keine für mich wahrnehmbare Wirkung im Außen hat. Etwa, weil ich den sozialen Kontext nicht erlebe, oder weil es darüber keine Aufzeichnung im Tagebuch gibt. Das macht mich selbstunsicher und es ist schwer eine ganzheitliche Einschätzung meiner Fähigkeiten und Eigenschaften bezüglich meines Seins (hier: Selbsts) zu erfahren.

Und das ist es, was die DIS auch mit so komplex macht: Ich weiß, was ich als Innen in diesem Gesamtmenschen kann und tue das auch. Doch ich weiß nicht, was ich als Ganzmensch für alle anderen Menschen wahrnehmbar kann und tue.

Der eine lernt eine C. Rosenblatt kennen und erlebt jemanden, der Hände schütteln, lächeln, sich sachlich und schlicht ausdrücken kann. Der Nächste lernt eine H. kennen, die auf Ausstellungen geht und sich auf die Schulter klopft, wenn sie es schafft sich für ein Kleidungsstück zu entscheiden. Wieder jemand anderes lernt eine E. kennen, die ihn anrotzt, wieso bei Werkstück XY der Schraubendreher Größe 8 bei einer Schraube die auf Größe 6 ausgelegt ist, verwendet wird und so weiter und so weiter.
Sie alle wissen, was sie können und tun dies- doch sie könnten, rein theoretisch, auch jeweils die anderen Dinge. Sie nehmen sie aber nicht bewusst (assoziativ) wahr oder als etwas, dass nicht zu ihrem Gesamtsein gehört.

Wir sind jetzt, nach langer Zeit in Therapie, so weit zu wissen- rein rational-, wo die Eigenschaften und Fähigkeiten insgesamt da sind. Also ich weiß, dass dieser Körper fähig zu Dingen wie schreiben, denken, handwerken, soziale Interaktion etc. ist, hänge aber an dem Punkt, an dem es sich nachwievor nicht so anfühlt, als gehöre dies zu meinem Sein. Zu meinem Selbst- so- sein wie ich als „Gesamtsein“ in einem Menschen bin.
Für mich ist es nachwievor Innen A, B, C, das dies kann.

Dazu gehören auch Positionierungen in sozialen, religiösen oder kulturellen Bezügen.
Ich weiß, dass viele bei uns nach dem jüdischen Kalender leben, würde dennoch von mir selbst nicht sagen „Ich bin Jüdin“. Genauso wenig wie ich sagen würde, ich sei Handwerkerin, Schriftstellerin, Lesbe oder Philosophin.

Ich brauche es ganz basal, um mir meiner selbst sicher zu sein: Ich bin ein Mensch- der Rest sind optionale Etikettierungen, die ich mir später vielleicht als mir zugehörig annehme oder auch nicht.
Mein Sein wird davon nicht berührt, keine dieser Beschreibungen haben etwas mit mir zu tun und das wäre nicht anders, wenn ich sie nennen würde. Mich also irgendwo so vorstellte: Hallo ich heiße XY und bin Handwerkerin.

Ich wäre es nicht, nur weil ich es sage und die Fähigkeiten in meinem Körper inne habe, dieses Etikett zurecht mit mir herumzutragen. Es würde nicht sagen wer ich bin- es würde sich nur anders anfühlen mit dieser Selbstbeschreibung von Menschen angenommen zu werden.

Ich glaube, dass es sehr viel mehr Mut und Selbstsicherheit braucht, als man meinen könnte, auf Etiketten und Zugehörigkeitsbeschreibungen zu verzichten.

Es ist einfach leichter, wenn man für vieles von sich selbst blind ist, sich in Kreisen zu bewegen, die ausschließlich auf den direkt abruf- und reproduzierbaren Fähigkeiten basieren. Zum Beispiel eben auch in zum Beispiel sektuösen Gemeinschaften zu leben, die einem genau vermitteln, wer man ist und was man kann (zu können hat). Dort ist das alles klar und der Rest ist irrelevant.
Deshalb hier auch noch mal der Einschub: Es ist hilfreich eine Therapie zu beginnen, selbst wenn man noch in Täterkontakten steckt! Woher zum Geier soll man sonst erfahren, was noch für Fähigkeiten und Eigenschaften in einem stecken, als die die erforderlich sind, um in Gewaltbeziehungen zu überleben?!
Es ist egal, ob sie auch gleich nutzbar sind- das Erfahren selbst macht den Unterschied und erschafft eine Wahlmöglichkeit, die vorher nicht erfahrbar war. Welche dann wiederum irgendwann soweit wachsen kann, dass sie hilfreich ist, bei der Lösung aus solchen destruktiven Kreisen.

„Vom So-Sein, welches einem hilft zu überleben und funktional zu sein, zur Entdeckung des Gesamtselbst- seins“, so hab ich mir die „Abgrenzungskurse“ in div. Kliniken erklärt.
„Suchen Sie sich hier im Raum den Platz, an dem sie sich am Besten fühlen… Was gibt ihnen dieser Platz und woran merken Sie das? … Wo im Alltag haben Sie noch so einen Platz? … Wann suchen Sie ihn auf- können Sie ihn aufsuchen oder ist es der Wäscheablageplatz ihres Mitbewohners?“… Was können Sie tun, um diesen guten Platz für sich zu sichern?“.
Klingt alles total leicht, oder?
Ich stand in diesem Raum und dachte nur: „Orrr weiß ich doch nicht! Ist doch auch egal- so hier platsch, ich bin hier um meine Aufgabe zu erfüllen und peng. Haken hinter und weiter im Text.“.

Ich hatte keine Ahnung, wie sich ein Sicherheitsgefühl anfühlt, weil ich mich selbst nicht gefühlt habe. Durch die Übungen allein habe, ich das auch nicht entwickelt- aber dieser Anstoß mich das mal zu fragen und zu merken, dass ich da einen blinden Fleck habe, der mir hinderlich sein kann, war hilfreich. Ich fragte mich das später immer wieder mal und entknotete meine inneren Fühler, um sie über mein Selbst gleiten zu lassen. Ob sich etwas gut oder schlecht anfühlt, kann ja nur von dort kommen.

Alles was ich dabei so fühlte und spürte war damals noch schwammig (und ist es in manchen Bereichen nachwievor), doch es bekam so eine Grenze. Ich tastete ja mein Sein ab- nicht das eines anderen Menschen. Zu lernen, dass Gefühle und Gedanken nicht deckungsgleich sind und auch nur selten deckungsgleich sein können, war für mich der erste Schritt. 91004_web_R_K_B_by_Michael.O_pixelio.de
So und so fühlt sich XY für mich allein an und löst XY in mir allein aus. Egal, wie es jemand anderes nennt, bewertet oder von mir verlangt. Ich bin ich selbst und das Gegenüber ist das Gegenüber selbst- auch wenn es Aspekte der Gleichheit gibt- wir sind nicht kongruent.

So löste sich an manchen Stellen auch das spontane „mit dem Gegenüber verschmelzen und ihn in der Wahrnehmung einer Gleichheit wiegen, damit er mir nichts tut“ auf. Je deutlicher ich erfahre, was ich kann, um zu überprüfen ob mir reale Gefahr droht oder um klar zu haben, was im Miteinander erlaubt ist und was nicht, desto sicherer werde ich mir in Bezug auf mich selbst. 

Mich zum jetzigen Zeitpunkt einer Gruppe anzuschließen, würde mich dabei behindern. Ich weiß ganz genau, dass ich ganz und gar verschmelzen würde, oder mindestens Gefahr laufen würde, das zu tun. Die anderen Innens würden wieder unterdrückt und schlechter versorgt. Ich würde vermutlich auch wieder aufhören Selbstfürsorge zu betreiben und nicht merken, wenn es uns als Gesamtselbst schlecht geht.

Sich abzugrenzen, wirkt egozentrisch- es ist auch egozentrisch. Doch daran ist nichts Schlimmes- auch wenn der Begriff oft negativ konnotiert ist. Genauso wie es als negativ oder arrogant gilt, sich mit seinem Sein irgendwo kategorisiert wissen zu wollen, wenn es sich für einen selbst nicht stimmig anfühlt.

Im Grunde aber halte ich es für mutig und aufrecht.
Für mich ist es ein Marker von Selbstbestimmung und damit wiederum, gerade bei Menschen die zwischenmenschliche Gewalt erfuhren, ein Teil der Heilung davon.

„Einstieg in die Freiheit“, statt „Ausstieg“

Es ist für uns gerade eine Zeit in der sich unser Fokus weitet und uns vielschichtig aufspreizt- vielleicht auch neu zerreißt? Wieder wird klar, warum wir uns hier nicht offiziell eingemeinden lassen können. Warum wir uns zu Recht noch nicht als „wirklich ausgestiegen“ betrachten können.

Wir leben schon viele Jahre nicht in mehr in physischer Abhängigkeit derer die uns pseudoreligiöse Werte vorlebten und sind auch nicht mehr in der Situation Gewalt und Ausbeutung aushalten zu müssen. Aber wir schleppen ein Erbe mit uns herum.
Sind innerlich noch längst nicht ganz ausgestiegen.

Vielleicht ist „Ausstieg“ auch nicht das, was wir wollen und schaffen möchten. Denn der Begriff des „Ausstiegs“ impliziert einen Standpunkt und einen Zeitpunkt des Einstiegs. Wir aber sind nie eingestiegen- wir wurden hineingeboren und aufgezogen mit diesen Werten und hatten zu keinem Zeitpunkt wirklich einen einzelnen Standpunkt. Es war schon immer so, dass es Innens gab, die sich gegen Unrecht und Gewalt eingesetzt haben- während andere Innens genau Unrecht und Gewalt er- und ge-lebt haben.

Es ist für uns wichtig geworden zu spüren, wie berechtigt der Wunsch ist keine Schmerzen und Demütigung aushalten zu müssen- doch es ist ein anderes Wertesystem. Eines, das nur deshalb als gut und richtig und wichtig geschätzt wird, weil es der Masse der Menschen als gut und richtig und wichtig vorgelebt wird.
Unabhängig davon, wie wir dieses Wertesystem bewerten liegt es an uns, uns dem hinzugeben oder eben auch nicht. Es hat etwas damit zu tun sich dafür zu öffnen und es in sich hineinzunehmen. Es hat etwas mit Anpassung zu tun- aber nicht mit tatsächlicher Freiheit.

Eine unserer ersten Diagnosen war „Anpassungsstörung“.
Kein Wunder- erlebten wir doch gerade einen Weltenchrash der an Parallelen kaum noch zu überbieten war.

Gab es vorher die „helle“ und die „dunkle“ Welt (beides gruselig, weil nie in Gänze erfass- einschätz- und erinnerbar), gab es dann plötzlich „drinnen“ und „draußen“ sowohl räumlich als auch direkt bei uns. Plötzlich waren wir minderwertiger Patient drinnen (der für sich behalten soll, was in ihm ist- aber trotzdem immer wieder gezwungen (ja wirklich- gezwungen!) wird, etwas von sich und seinen Gedanken, Normen und Werten zu erzählen) und draußen waren die, die wertvoll und frei waren (die Ärzte, Therapeuten, Pfleger, Besucher… die man alle nicht zwingen konnte, etwas von sich preiszugeben).

Diese Zeit war für uns ein schlimmer Fallstrick- ja- eigentlich sogar ein ganzes Fallstricknetz, so dass es uns nie wundert, weshalb viele der Betroffenen, die wir so kennengelernt haben im Lauf der Zeit keinen Ausstieg in dem Sinne schaffen, als dass sie in Freiheiten kommen, wenn sie immer wieder in psychiatrische Stationen müssen, die geschlossen sind. (Und dort oft von Helfern behandelt werden, die um ihren Kopf ein herrlich stabiles Holzhaus gebaut haben, auf das dort niemals etwas heraus oder herein kommt.)

Wenn man aus einem abgeschlossenen Sozialkonstrukt heraustritt und alle Handlungen und Tätigkeiten die in ihr als wertvoll und zwingend normal (im Sinne einer Norm) angesehen werden, steht man erst mal völlig allein da- es sei denn man hat sich andere Dinge bewahrt- und sei es die Fähigkeit seine Werte in einem Teil seines Selbst neu bilden zu können.

Ich habe oft den Eindruck, dass der Faktor der Anpassung an „die Gesellschaft“ (hier nicht näher definiert) der Anreiz für den Ausstieg sein soll oder auch die Anpassung den Ausdruck der eigenen Normen und Werte gegenüber anderen Menschen zu finden.
Als sei Freiheit etwas, das man nur erlangen kann, wenn man sich gut an „die Gesellschaft“ und „die Welt, wie sie außerhalb der Pseudoreligion nun mal ist“ angepasst hat und sie für sich nutzt.

Doch gerade jetzt denke ich, dass es nicht darum geht. Und auch nicht gehen sollte.
Der Wunsch nach Anpassung ist da- natürlich. Wir Menschen sind Individualisten mit Gruppenabhängigkeit- unsere Evolution war so nett uns dies als teilweise genetisch verankertes Markerchen mitzugeben. Doch das ist das, was uns frei macht: die Fähigkeit ganz wir selbst- ganz individuell zu sein.

Wir haben uns früher nie eingesperrt gefühlt- weder in der „hellen“ noch der „dunklen“ Welt. Es war einfach unsere Welt. Der große Katastrophenknall der Erkenntnis kam erst, als wir an einem der pseudoreligiösen Feiertage in unserer ersten eigenen Wohnung saßen und merkten, dass die Art der Wertschätzung des früheren Sozialkonstruktes uns auf eine Art verletzte, die dazu führte, dass uns jemand von außerhalb dessen vermittelte, was genau aus ihrer Sicht dort mit uns passierte.
Wir mochten diesen Menschen und fühlten uns ihm verpflichtet- das Gleiche galt aber auch für jene hinter bzw. in diesem uns verletzenden Sozialkonstrukt. Wir haben uns hin- und herziehen lassen, bis wir den Knall endlich rauslassen konnten und wir uns für eine radikale Zu-Nichts-Niemand-Nirgendwo-in-Gänze-Verpflichtung entschieden.

Für konsequente Nirgendwoanpassung sobald wir uns selbst dabei verloren.
Schwupp war der Druck raus, bekamen wir eine Ahnung von freiem Durchatmen und den Möglichkeiten der Denkrichtungen, zu der unser Gehirn als Ganzes in der Lage ist.
Und doch ist bei aller äußeren Freiheit noch das Gefängnis im Innen da.

Da gibt es nachwievor Innens die diesen Selbstbefreiungsrundumschlag nicht miterlebt haben. Die nachwievor in Teilen der früheren „hellen“, der „dunklen“ und auch der „drinnen“ Welt kleben. Sie sind das, was damals alle an uns ziehenden Seiten jeweils noch immer in der Hand halten.

Diese Innens haben keinen Standpunkt- sie können nicht „aussteigen“, weil sie nicht stehen.
Sie haben keine Basis und Trittbretter herbei zu schaffen, liegt an uns. Doch wo sollen wir sie hernehmen, wenn wir doch immer wieder feststellen, dass eine Anpassung- nicht eine Freiheitspraxis von uns erwartet wird?Eine Freiheitspraxis die auch unabhängig von unseren HelferInnen und all dem, das doch nur dafür da ist, uns zu helfen, passieren darf, ohne als unpassend oder sogar minderwertig zu gelten.

Es ist für uns sehr traurige Freiheitspraxis eben nicht eingemeindet zu sein und die Feiertage allein zu 212289_web_R_K_B_by_Ruth Rudolph_pixelio.deverbringen. Sehr anstrengende Freiheitspraxis dem Sog des Suiziddrang-zwangs zu widerstehen und so in Kauf zu nehmen in ein einem bestimmten Konstrukt eben dann als schlecht und und minderwertig zu gelten. Es ist traurige Freiheitspraxis zu wissen, dass die Menschen die uns umgeben (außer denen die das jetzt lesen und uns kennen) keine Wertschätzung dem gegenüber zeigen. Es ist beängstigend zu spüren, dass wir auch keine klinischen Hilfen mehr in Anspruch nehmen können, weil die Strukturen unnachgiebig und starr (und damit für uns kaum bis gar nicht nutzbar) sind- wir also nicht einmal mehr so frei in der Annahme von Hilfe sein können, wie wir uns da doch ursprünglich erkämpft haben.

Es ist außerordentlich schmerzhaft so frei zu sein, dass man fast haltlos ist.
Freiheit bedeutet auch Dinge nicht anzuerkennen und rebellisch und störrisch zu wirken. Anzuecken und zu hinterfragen. Unangepasst an „die Gesellschaft“ und doch Teil von ihr zu sein. Strukturen zu erfassen, ganz für sich abzuschätzen und zu versuchen sich an sich anzupassen- nicht sich selbst ihr anzupassen.

Ich komme mir vor als wandere ich durch die Wüste und sammle trockenes Holz. Trittbretter für jene Innens die keinen eigenen Standpunkt haben. Immer weiter und weiter- einfach weil wir als Einsmensch kein Sklave mehr sein wollen. Schritt für Schritt auf einer Reise, die aber nicht in einem heiligen Land enden wird.
Sondern in der persönlichen Freiheit.

 

Vielleicht sollte man es für alle so nennen: „Einstieg und Anpassung an Freiheit“.
Irgendwie macht mir meine Wortsynästhesie dieses Wortpaar passender für das was erreicht werden will, als die Wortgruppe „Ausstieg und Loslösung aus destruktiven Zusammenhängen“.

An Erstem sind kleine Rippel zum Festhalten dran.

 

P.S. Auch hier gibt es wieder ein offenes Ende- wir wirbeln immer noch herum und taumeln gerade eher ein bisschen hin und her und ergießen uns hier eher als wirklich fest und klar zu schreiben, worauf wir hinaus wollen. Gehört dazu denken wir- also kriegts einen Platz.

von Intelligenz, Bildung und Giftsuppe

„Glotz nich so dämlich!“
„Du bist dumm, wie Bohnenstroh und das kann man nicht mal essen!“
„Frag nich so bescheuert!“
„Was weißt du denn schon?!“
„Du hälst dich wohl für oberschlau!“

Sätze von Menschen die unser gesamtes Versorgungsuniversum dargestellt haben.

Jemandem zu vermitteln, er sei dumm und intellektuell fehlentwickelt geht ganz einfach. Man vermische soziale (und auch gerne strukturelle) Minderwertigkeit mit einem Biologismus und Voila! zeichnet man jemandem ein Selbstbild in den Kopf, dass eine Dummheit, eine Retardierung von Natur aus beinhaltet und genau deshalb keine ernstzunehmende Meinung oder allgemeiner: Aussage, aus ihm heraus kommen kann.

Ich weiß noch, was der erste Intelligenztest für Folgen hatte. Es war eine Zahl, die auch genannt wurde, doch ihre Wertigkeit war egal- wichtig war nur: „Habe ich bestanden? Darf ich noch in die gleiche Schule gehen oder muss ich jetzt in eine Sonderschule?“. Es wurde nicht weiter darüber gesprochen. Irgendwo im Innen versackte diese Episode, denn nichts hätte sich verändert, außer eben das Denken, dass man wohl bestanden haben muss, weil man ja auf seiner Schule bleiben durfte.
Der zweite wurde in einer Klinik gemacht. Huch- ja hm, nennt man „überdurchschnittlich“ . Okay… und das bedeutete nun was?
Nichts! Klinikschule wie bisher, nach der Entlassung auf die Hauptschule. Nicht mehr aufs Gymnasium. Versagerin mit dreistelligem Nummernschild.
Der dritte war ein Marathon. An den erinnere ich mich, weil ich ihn gemacht habe.
Gerade muss ich schmunzeln, weil ich noch weiß, wie dumm es mir erschien, meine Dummheit hier so in Mustern, Reihenfolgen, Zahlen und meiner Fähigkeit zur Übertragung ausgeschlossen sehen zu wollen. Der Psychologe fragte mich, wieso ich so unwillig sei („Oder willst du für immer hier bleiben? Du musst schon mitmachen!“) und ich wunderte mich darüber, wie unglaublich eng sein Kopf mit dem Brett davor verwachsen gewesen zu sein schien. Ich war voll bis oben hin mit Neuroleptika, Tranquilizern und Antidepressiva. Gegessen hatte ich noch nichts und es war 9 Uhr morgens (eine Zeit in der mein Gehirn noch schläft- ob nun chemisch niedergeknüppelt oder nicht) und dieser Mensch meinte ernsthaft, er würde in diesem meinen Zustand, einen realistischen Überblick über die Art Intelligenz erhalten, die er mit seinen Parametern erfassen kann?
Wir mussten uns beugen. Meine Wut darüber, dass jemand der so eine Kurzstreckendenkweise verfolgt, darüber bestimmen darf, wann ich frei gelassen werde, hatte mich angestachelt. Ich lief zur Hochform auf.
Am Ende wurde uns ein Zettel, auf dem „Hochbegabung“ draufstand, um den Hals gehängt.
Aus dem Nummernschild wurde ein Aushängeschild, das dann aber doch niemand genauer betrachtete. Die Diagnose der Schizophrenie hat manchmal diese Wirkung. Du kannst unglaubliches Potenzial haben- doch wenn entweder das was als Wahn bezeichnet wird, oder die chemische Keule das Gehirn dazu abschaltet, ist es nichts weiter, als eine Art Projektionsfläche des eigenen Ideals, über dem andere Menschen stehen und beweinen, was jemandem so durch die Lappen gehen kann.

Wie es kam, dass uns niemals eine wirkliche Förderung dieses Potenzials entgegen gebracht wurde?
Tja… Wir sind ja nun ziemlich gestört, nicht wahr?
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„Gestört“ war das neue „Dumm“.
Wozu einen hoffnungslosen Fall fördern?
In den verschiedenen Klinikschulen sagte man uns uns nicht, dass wir dumm seien. Eher im Gegenteil, doch akademische Förderung ist in diesem Setting schlicht nicht möglich, wie an einer Regel- oder Förderschule.

Mit 17 hatten wir bereits zwei Hauptschulabschlüsse. Zusammengestückelt in einer Gewerbeschule- irgendwo zwischen Tür und Angel aus Alltagstraining und Entlassung aus der Klinik in der wir bereits über ein Jahr wohnten.
Heute haben wir insgesamt vier Hauptschulabschlüsse und einen Realschulabschluss von einer Abendschule.
Wenn wir das Abendgymnasium schaffen, werden wir sagen können: Ich habe 6 Hauptschul(entsprechende)- und 2 Realschul(entsprechende)abschlüsse, 1 Fachabitur und 1 Vollabitur.
Ich bin mir noch nicht so sicher, ob ich darüber lachen oder weinen will. Erscheint mir doch weniger mein Hirnschmalz verschwendet, als jede Menge staatlicher Ressource.
Für die wiederum ich mich zu entschuldigen gezwungen fühle, weil ich noch immer nichts dafür getan habe, um diese Ressourcen in irgendeiner Form zurück zu erwirtschaften. Was aber dann eigentlich wiederum gar nichts mit mir selbst zu tun hat, sondern damit, das man in Deutschland einer gewissen Norm entsprechen muss, um leicht an Förderung oder Maßnahmen zur Integration zu kommen. Sie ist nicht verwehrt, wenn man dieser Norm nicht entspricht, doch es macht kaputt, wenn man beginnt, dafür zu kämpfen. Und das ist, so mein aktuelles Empfinden, gerade auch im Hinblick auf meine Verwahrung in der Rehaabteilung der Agentur für Arbeit, schlicht auch so gewollt.
Schwund ist immer. Menschen sind eine nachwachsende Ressource.

Letzten Freitag saß ich dann abends beim Netzfeministischen* Bier zusammen mit lauter Akademikerinnen.
Vielleicht ist das interessant: Hätte ich in einer Runde offen psychisch erkrankter Menschen gesessen, die alle einem Beruf oder einem Studium nachgehen, hätte ich mich im Bereich „zu gestört, um so schlaue Dinge zu tun, wie sie“- verortet. So saß ich auf dem alten „zu dumm, um jemals in ihre Sphären stoßen zu können“- Giftsuppentopf.
Wir saßen da, schauten den Rauchkringeln zu, hörten, verstanden, sprachen, wurden nicht ausgelacht.
Und dann haben sie Topf angestoßen. Einfach so.
Ich hatte gedacht, vielleicht sei es eine Art Vorwarnung vor eventuell komplett dummen Dooffragen, wenn ich zugebe, dass ich zeitweise knietief im Büchern stehe, um (feministische) Texte zu verstehen. Große Augen: „Was?! Echt jetzt?!“
Nachfragen. Anerkennung der Bemühung.
Kein Lachen.
Irgendwo da unter dem Stuhl, den ich besetzte, dunstet nun dicker Schwapp dieser Giftsuppe vor sich hin.

Ja, wir studieren, um politische, feministische, soziologische, naturwissenschaftliche Texte und Theorien überhaupt erst einmal zu verstehen. Wir studieren, ohne Student zu sein, ohne die Berechtigung zum Studium zu haben oder einen offiziellen Gasthörerstatus zu haben. Nicht weil wir müssen, sondern, weil wir wollen. Und auch, weil wir sonst verdursten würden. Verwissensdursten sozusagen.
Und auch, weil es nicht anders geht.
Man mag es niedrig einschätzen, wenn man im Elfenbeinturm (oder im Fachbereich seiner Uni sitzt) und vielleicht ist es auch nicht sonderlich wichtig, denn viel des Wissens ist meiner Meinung nach Theorie über Theorien, die nur erschaffen wurden, um Dinge zu beweisen oder zu erklären, die auch ohne all das passieren und stimmen und wahr sind. Ich betrachte die Universitäten immer eher als eine Art Dampfstampfpressdruckmaschine zur Wortproduktion von Zusammenhängen. Vorne rein- durch viele Wortsiebe und Aufsatzformen hindurch- und am Ende, kommt ein (meist englischer) Begriff heraus, der nur in der Maschinerie selbst verstanden werden kann. Und das, obwohl er wichtig für das Verstehen des Geschehens (oder auch der Natur und den Menschen) außerhalb selbiger sein kann.

„Du dumme Kuh- du weißt nicht, wovon du sprichst!“
Wissen ist Macht. Die Macht eine Meinung zu haben. Die Macht eine Meinung haben zu dürfen, weil man weiß, wovon man spricht.
Die Macht sich vor Mächtigen nicht still und klein halten zu müssen.
Die Macht eigenständig und frei zu sein, weil man keinen mehr über sich stehen hat.

Heute Nacht dann blinzelte mir ein Halbsatz mit Bezug auf mich ins Auge, gerichtet an viele Menschen: „eine kluge Frau“
Von jemandem der global um mich weiß. Sowohl von der Unbildung, als auch der Gestörtheit.

Und plötzlich waren es meine Wangen, auf denen die Giftsuppe zu verdunsten die Chance bekam.

Klug.
Trotzdem.
Trotz dem Ganzen.
Ich, in der Wertung eines anderen Menschen.

Darauf ein Lakritzbonbon.

Eigenmacht oder: von der neuen Welt des Sex nach Gewalterfahrungen

Ich habe mich bereits bemüht dieser unsäglich-stetig ständigen Falschverwendung des Begriffs der “Opferrolle” anbei zu kommen. Habe sogar ein Ave Multipla geschrieben. um augenzwinkernd zu zeigen, worum es  meiner Meinung nach beim “Opfer-Nicht Opfer-Gutes Opfer-Schlechtes Opfer- Richtiges Opfer- Falsches Opfer” Spielchen gehen kann.

Doch dann gabs da so das eine oder andere Momentchen in der Selbsthilfeszene und ich dachte: “Hm, Mensch das ist ja schon ein Phänomen… Hier wird ja dieses Spiel auch gespielt- und man bringt sich damit um eine tolle Ressource.”

Es geht um Sex.
Wohaa gruselig schlimm furchtbar Geschlechtlichkeit Körperlichkeit
Nein- geht ja gar nicht! Trigger! kreisch schrei *flupp *flupp *flupp gehen die Vermeidungsblasen zu, werden Augen und Ohren geschlossen, teilweise sogar gezielt das endokrine System des Körpers unterdrückt und manipuliert; sexuelle Bedürfnisse, Wünsche und Fantasien verleugnet, verschleiert oder hinter krass abstinenter Wissenschaftlichkeit versteckt.

Ja, es ist ein großes Thema, vor allem, wenn man ein Opfer von sexualisierter Gewalt geworden ist. Und alles das machen wir auch- klar- aber nicht mehr nur und ausschließlich und ich kann nur sagen, dass es sich lohnt, diesen mit wichtigsten Dreh- und Angelpunkt der menschlichen Natur- der gesamten Existenz wieder zu erobern. Und sei es als Werkzeug nur für sich ganz allein.

Wie schon in dem Artikel “Lebensfunken” geschrieben:
”Das Leben als Funke ist der coolste Kettenbrief der Evolution. Er lebt einzig durch Weitergabe der Fähigkeit zur Entwicklung von der Fähigkeit zur Weitergabe der Fähigkeit zur Entwicklung von der Fähigkeit zur Weitergabe…”   Um Leben zu erschaffen, ist Sex zwingend (und sei es “einem Sex anzugehören”). Ob wir wollen oder nicht, ist es Teil unserer Existenz- auch wenn wir meinen “auch gut ohne Sex zurecht zu kommen”.. “Sex nicht so zu brauchen”.
Keine Gewalt (= Macht) der Welt schafft es diesen Teil, diesen Sturmdrang der Natur der tief in jedem unserer Zellkerne steckt, aus uns Lebewesen herauszutreiben. Es ist Teil des Lebensfunkens in uns allen.

In diesem Bereich des Körpers verletzt zu werden, seine Genitalien und dessen Reaktions-System ausgenutzt zu wissen, bedroht auf so ziemlich allen Ebenen das, was einem den Sinn des Daseins darlegt.
Doch eines ist klar (und hier muss ich leider das Unwort verwenden): bei sexuellem Missbrauch geht es um Miss- Gebrauch. Um Ausnutzung. Benutzung.
Bei Ver-Gewalt- igung geht es um Gewalt (=Macht). Erniedrigung. Das Zerstören von etwas.

Nicht um das Auslöschen einer Existenz.

Das ist der Fallstrick an der ganzen Sache. Es ist nicht die Tat an sich, die tötet- es ist alles drum herum. Es ist der Mensch der die Gewalt ausübte. Und- neben vielen anderen Faktoren, die Beziehung zu diesem Menschen. An Missbrauch selbst stirbt niemand- sehr wohl aber an der Angst des Täters, an körperlichen und auch an den seelischen Folgen und der stetigen Nichthilfe damit umzugehen und zu heilen.

Die Bedrohung die in dem Moment empfunden wird, ist hoch real und gegeben. Doch sobald “ES” überlebt ist, eigentlich nicht mehr nötig. Klar, umgibt ab dann alles was “DAMIT” (oh G’tt- dem Körper und allen seinen Möglichkeiten!) zu tun hat, die Angst, dass “ES” wieder passiert, dass es wieder weh tut.
[Und ab einem Zeitpunkt merkt man auch, dass man die gleiche Angst auf der Beziehungsebene gegenüber anderen Menschen auch hat (selbst bemerkt bei uns- es zieht sich durch alle Kontakte: Helfer, Gemögte, Ärzte- alle gefährlich im Sinne von global lebens-bedrohlich) wichtiger Aspekt- um den es aber hier nicht im Schwerpunkt gehen soll]

Also was macht man- lieber nicht dran denken- alles ablehnen, negieren, dicken Schleier drüber.  Dicke GrasNARBE drüber wachsen lassen… ein DAS Opfer werden- sein- bleiben
Weder weiblich noch männlich- geschlechtslos. Auf ewig Objekt. Rolle. Position definiert von der Situation. Bloß nicht von seinen Stärken, Schwächen oder gar seiner Persönlichkeit. So macht am wenigsten falsch und das “Drumrum” fällt weg als Quelle weiterer Bedrohung.
Und dann… von ganz allein… rationalisiert man auch gleich noch den genetischen Motor mit weg.
Seine Sexualität.

Dabei kann der Körper so tolle Sachen, die richtig hilfreich sind- gerade wenn es um die Genitalien und Sexualität geht. Man muss sie nicht leben, wie man sich das anliest oder so.
Tüüüüch was das für eine Erkenntnis im Hause Rosenblatt war!
Es ist vielleicht ein bisschen schräg, weil es Innens gibt, die so viel mehr auch abartigen Sex zu ertragen hatten, als das was man im 08/15 Porno findet, aber das ist ja nunmal (und oh heavens to betsy- G’tt sei Dank auch!!!) nicht jedem von uns zugänglich.
Es gibt Innens die noch nicht mal jemanden geküsst haben- oder wie auch
hier schon zu lesen war, von Verliebtheitsgefühlen und körperlicher Lust überrascht werden- mit ihren 26 noch immer Jungfrau sind. Entsprechend gibt es viele Vorstellungen und Einstellungen zum Thema Sex (- und auch, ob es dazu eine Beziehung braucht oder nicht).

Hormoneller Status passend zur Lust auf Party? Ab in den nächsten Laden, den richtigen Menschen suchen und los. “Hingehen, machen, wieder weggehen.”, ist Motto derer, die andere Menschen nicht als mehr betrachten, als als eine Art Objekt oder auch Spielplatz ihrer Begierde.

Gemeinsamkeit, Nähe und Zuneigung geben und annehmen wollen? Sowas kann man mit Sex auch gut tun. Ist hier aber eher Ausnahme als Regel- Stichwort Beziehungstrauma

Es gibt auch Innens die das Ganze als technisch unaufgeregte Werkzeugfrage betrachten: Kopf- Bauch- Rücken- Muskel- Knochen- Menstruations- Narben- alte- Schmerzen, Schlafprobleme, Depressionen, Unruhe, Verspannungen, untergründiger- schwer fassbarer Hunger? 398258_original_R_K_by_sokaeiko_pixelio.de
Ein selbstgemachter Orgasmus und fertig- keine großartigen Arztrennereien, Pillen, Fremdmacht- Gefahr durch Definitionsallmacht. Kein Kontakt zu anderen Menschen.
Na- wenn das kein Tor zu Eigenmacht ist?
Zu Risiken und Nebenwirkungen fand man mal diese sehr gute Website:
http://dodsonandross.com Zur Anleitung war sie auch gut, zum Mut finden, zum irgendwie-sogar-vor-sich-selbst-verheimlicht-in-ein-Zimmer-setzen-und-ganz-privatestens-höchst-allein-mit-sich-lesen-und-von-der-Ungezwungenheit-der Frauen-profitieren, auch.

Das Phänomen, dass ich neulich bemerkte war die ständige Anwesenheit des Themas- aber das gleichzeitige Nichtnutzen, der körpereigenen Ressourcen im Bereich der Selbsthilfe. Man überging meinen Hinweis auf hilfreiche Orgasmen bei alten Schmerzen (Körpererinnerungen), bei Kopfschmerzen durch Verspannungen…als würde man sich mit jeder Berührung- selbst wenn man sich selbst zuführt- erneut missbrauchen oder vergewaltigen.

Dabei ist mein Eindruck eher der, dass wenn zum Beispiel Masturbation betrieben wird, ein Akt der Selbst-Liebe, der Eigenmacht, des “genau richtigen Gebrauchs” passiert. Also genau das Gegenteil.

Plötzlich schämte ich mich, diesen Vorschlag gemacht zu haben- meine gute Erfahrung geteilt haben zu wollen. Ich hatte beim Lesen des Postings gedacht: “Ach je- sie leidet ja richtig schlimm darunter- so sehr, dass sie Tabletten wie Bonbons isst und sich damit eigentlich sogar schadet.- Wie traurig ist es so passiv- sie macht ja gar nichts selbst. Will lieber Tabletten machen lassen.”

Ich hatte keine Zeit mehr mich besser oder “weiter” als die Betroffene zu fühlen, denn sofort standen die (interessanterweise weiblichen) BÄÄÄMs neben mir und zeterten los. Spielten das “gutes Mädchen- böses Mädchen” –Spiel mit mir.
Ratterten ihren Hass herunter:
– wenn du dir sowas gefällt brauchst du dich nicht wundern…
– wenn du sowas machst, ist doch klar, dass andere auch…
– wenn du sowas machst, bist du ne Schlampe die “ES” [*schmunzelt* sogar die BÄÄÄMs sagen “ES”- interestink] will…
– wenn du Spaß dran hast, kannst du ja nich drunter gelitten haben, wenns ein anderer an dir gemacht hat
– dein Leiden kann ja nicht echt sein, wenn du noch Genuss empfinden kannst

In dem Moment merkte ich aber zum ersten Mal richtig den Landgewinn unter meinen Füßen.
Ich- und andere Innens- hatten uns mit dem “für sich entdecken” von sexueller Lust durch sich selbst etwas zurück erobert- Land gewonnen. Plötzlich merkte, ich dass ich zwar unter dem Geseier der BÄÄÄMs schrumpfte und unsicher wurde- doch ganz gezielt und klar rein in Bezug auf frühere Situationen! Nicht mehr in Bezug auf meine Erleichterung und Befriedigung heute.

Ich war in der Lage auf eine Grund-Lage zu stampfen und ihnen entgegen zusetzen, dass das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Die einzige Gemeinsamkeit ist der Körper und der kann ja nun nicht wirklich etwas dafür wenn ich oder andere ihn benutzen. In keiner Situation kann der Körper- als Metabolismus einfach aufstehen und gehen.

Ich habe darüber nachgedacht, ob manche andere Betroffene vielleicht auch von sich denken, dass sie selbst Misshandler sind, wenn sie sich im Schambereich berühren. Ob es vielleicht eine Art Täterrolle ist, die anzunehmen befürchtet wird. Und, ob es vielleicht damit zusammen hängt, dass man noch nicht so ganz in der Gegenwart angekommen ist. Manches im Leben, im Gefühl und am Körper schlicht noch in der Vergangenheit ruht, aus Angst vor dem Umgang mit EigenMacht- und implizit auch EigenGewalt, die sonst immer dem Täter inne lag.

Hier stieß ich an etwas Wichtiges. Eigenmacht- Eigengewalt geht mit Eigenverantwortung einher.
Es ist schwer eigene Verantwortung anzunehmen, wenn einem ständig und immer die Verantwortung abgenommen wird (bzw. man sie nicht von sich aus annimmt, weil man reflexhaft immer wieder “lieber prophylaktisch” abgibt) Sei es von Helfern, sei es von den Medien, sei es von der Konsumkultur, sei es von gesellschaftlichem Sozialdiktat. Sei es in Bezug auf das persönliche Auftreten oder schlicht die Wahl was man was wie wo und mit wem tut.

Bei uns konnte dieser Landgewinn- dieser Aspekt der Heilung übrigens erst losgehen, als wir uns genau dessen bewusst wurden. Es gab plötzlich einen Wunsch nach eigenen Kindern, Familie, Autonomie und Macht-Kraft, genau das überhaupt als möglich für sich zu betrachten. Die Dämme brachen, als wir merkten, dass andere von unserer Stille und Ohnmacht richtiggehend profitierten (wer es sich geben mag- diese Phase kennzeichnet die ersten Einträge dieses Blogs), obwohl sie uns keine Gewalt antaten.
Dann setzten wir auch noch unsere Medis ab und die Hormone schossen uns seit der Pubertät zum ersten Mal wieder normal durch den Körper.
Wooohaaa schwusch- “Wow- da unten kann sich ja doch auch etwas anderes regen, als das alte schmerzhafte erinnern an Brennen und Reißen! Also das muss ich jetzt mal erkunden…” und so begann eine Eroberung- ein Landgang. Eine Reise in eine neue Welt.

Eine Welt in der wir mächtig sind.
In der wir uns ein Grundbedürfnis selbst erfüllen können, uns sättigen und von Schmerzen befreien können. Einzig mit Hilfe unseres Sex (=Geschlechts-(teils) )- ganz und gar frei. Feststehend im Hier und Heute.

Sogar so frei und mächtig, dass man drauf scheißt, wie viele Pornosuchanfragen nun wieder auf den Blog erscheinen werden.
Es ist etwas, das richtig gut ist. Wichtig. Wertvoll. Heilend. Spannend. Bereichernd.

Wenn das Außen schon diese blöden “Gut”- “Böse” Spielchen mit uns Opfern treibt, um uns Hilfen zu verwehren oder zuzuschanzen- Schuld zuzuschanzen und Verantwortungen aufzudrücken, die nicht unsere sind- dann sollten wir das nicht auch noch ins Innen einbringen und uns unsere ureigenen Kräfte versagen,

der fremde männliche Mensch

Habe ich gestern Mittag noch in einem Blog kommentiert, wie mutig und toll ich es finde, wenn ein (weiblicher) Mensch nicht nur lächelt, wenn er sich eigentlich unwohl und bedrängt von einem Fremden fühlt- aber selbst gedacht: “Hm, wäre ich auch so mutig?”, so hatte ich gestern Abend die Gelegenheit zur Selbstüberprüfung.

Zuerst mal möchte ich mir Note 2+ geben- ich war gut! Wenn auch nicht perfekt (aber das Thema hatten wir schon- deshalb das Plus)

Heute war ich verabredet und fuhr dann im Dunkeln allein nach Hause.
Obwohl ich selbst genau weiß, dass der Überfall vom “schwarzen Mann” im Park seltener ist, als der Überfall durch einen mir bekannten Menschen in einer Wohnung, lässt dieser Umstand den Adrenalinpegel (und das Dissoziationslevel) bei uns steigen (was oft genug zur Folge hat, dass ich “Kleinigkeiten” wie zum Beispiel einen auf dem Eis verstauchten Knöchel, erst Stunden später spüre oder allgemein noch mehr von meiner (Selbst)Wahrnehmung einbüße als sowieso schon abhanden kommt).
So auch gestern.
Schon in der Straßenbahnunterführung (dem Startpunkt) hat mich ein junger männlicher Mensch angesprochen, ob ich zufällig die Sprache spreche, die Erinnerungsprozesse in mir antriggert. Ganz freundlich, aber schon eindeutig zu nah an mir dran und offensichtlich mit einem Flirtbeginnswunsch. Mein Innenleben begann auf seine Art loszujaulen bzw. noch lauter als schon vorher in einen sirenenartigen Hintergrundseelenton zu verfallen, was mich nervös und unsicher machte- ganz unabhängig von dem Kontakt mit dem Menschen an sich.

Ich lächelte freundlich und sagte: “Nein, kann ich nicht. Schönen Abend noch.”
Er versuchte ganz offen Kontakt mit mir aufzunehmen- was ich mit einer wie ich finde sehr klaren Körpersprache ablehnte: Ich wendete mich ab und stöpselte meinen Kopf zu.
Bis dahin alles tutti- zwei Fishermänner, schöner Platz in der neuen Bahn und es pegelte sich gut wieder runter.
Noch schnell einkaufen.

Wer kommt mir im Laden entgegen? Der junge männliche Mensch von der Straßenbahnunterführung. Erstmal war ich schon verwirrt darüber, dass ich das überhaupt mitbekommen habe (Wieso bemerke ich immer erst in solchen Momenten meine Therapiefortschritte? Genau in dem Moment wäre es doch viel praktischer gewesen, wenn Frau Zarin ihm begegnet wäre- sie hätte ihn wie einen Untertan desinteressiert beguckt und gut… aber ja…Leben kein Wunschkonzert und Wunschdissos gibt’s nicht- also…). Dann aber war ich obendrein noch verwirrt, warum mich der Mensch überhaupt nochmal angesprochen hat. War ich nicht deutlich genug?
Ich wandte mich wieder ab, nachdem ich ihm ein Nicken des Wiedererkennens (aber schon kein Lächeln mehr) gegeben hatte.

Nach den üblichen Einkaufs-interputus-Überforderungsängsten und dem damit einhergehendem Wechsel (und einem weiteren Fishermann, um eine grundsätzliche Orientierung zu halten) gingen wir aus dem Laden.
Wo wer wartete und mich genau in der Dissoziationsnaht abfing? Der fremde männliche Mensch.

Er fing gleich an zu beteuern, er sei kein Arsch und ich bräuchte mich nicht bedrängt fühlen… Worauf ich sagte (und wer mich kennt weiß: hier ist der Platz für den Trommelwirbel mit anschließendem Tusch): “Ja, kann sein, dass ich mich nicht bedrängt fühlen MUSS- aber ich tue es! Sie sprechen mich immer wieder an, obwohl ich nicht mit Ihnen sprechen will und treten mir viel zu nah! Bitte lassen Sie mich in Ruhe!”

Das war wohl deutlich genug. Er ging. Ob er noch etwas gesagt hat, weiß ich nicht, weil ich mir gleich ganz schnell den Kopf wieder zugestöpselt hab, um wegen einer eventuellen Antwort nicht direkt ein noch schlechteres Gewissen zu haben.
Aber- ich habs geschafft!
Die Pflicht* hab ich gut geschafft.
Ein “sehr gut” hätte ich mir für die gelungene Kür  gegeben, wenn ich mich a) hinterher nicht schuldig im Sinne von „zur Entschuldigung geneigt” gefühlt hätte und b) das direkt bei der ersten Begegnung gesagt hätte.

Bei aller “sich selbst auf die Schulterklopferei”, treibt mich diese Episode aber nun doch um.
Da sind zwei Punkte.
Zum Einen: Wieso unterstellt mir der junge männliche Mensch, ich würde ihn für einen Arsch (oder Vergewaltiger?) halten, wenn ich doch eigentlich nur kein Interesse an (und ja, ehrlich gesagt einfach nur panische (alte) Angst vor) einem Gespräch mit einem mir völlig fremden Menschen habe?

Und zum Anderen: Wo kommt dieser Drang zur Entschuldigung meiner Verweigerung her?
Ich hatte am Donnerstag noch bei Fratzbuck ein Foto geteilt:

sorry

Offensichtlich geht es nicht nur mir so. Schön. Aber was der Feminismus nun in dem Punkt helfen soll oder könnte, mich eben nicht mehr zur Entschuldigung geneigt zu fühlen, verstehe ich dann aber doch nicht so ganz (soviel zur Überzeugung dessen was wir so bei Fratzbuck teilen…)
Ich könnte mir gut vorstellen, dass auch ein männlicher Mensch diesen Impuls in sich fühlt, wenn er von einem anderen (weiblichen) Menschen so angegangen wird. Ich hätte mich auch so gefühlt, wenn der männliche Mensch ein weiblicher Mensch gewesen wäre.

Es ist doch ein ganz basales Symptom unseres Miteinanders, dass wir uns jederzeit und immer wieder als offen und verfügbar darstellen (sollen oder sogar müssen). Selbstbestimmung wird irgendwie selten gern gesehen oder gar widerspruchlos anerkannt. Ich kann keine große Exklusivität des Körpergeschlechtes in Bezug zur Selbstbestimmung erkennen. Die Erscheinungsformen variieren ganz klar, aber die Folgen sind die Gleichen: A will B nicht zur Verfügung stehen, verweigert sich und fühlt sich hinterher mies, obwohl es eigentlich unnötig ist.

Eine Antwort habe ich noch nicht, bis hierhin muss ich vorerst ein “Denkstatus under construction”-Schild aufstellen. (Antwortvorschläge wie immer bitte gerne in die Kommentare)

Nun noch kurz zur Unterstellung des “Arschseins”.
Er hat es nicht gesagt, aber es kam bei mir so an, als ginge der Mensch ganz selbstverständlich davon aus, ich hielte ihn für “schlecht” oder sogar “gefährlich”, weil er mich (allein und im Dunkeln) abfing und Kontakt suchte.

Gemäß unserer Biologie sind wir Menschen alle verunsichert, wenn wir allein und im Dunkeln unterwegs sind. Das ist ein total schlauer Mechanismus, der uns im Zweifel genug Adrenalin zum Kampf oder zur Flucht ausschütten lässt, sollte aus dem Dunkel tatsächlich mal eine Gefahr auf uns zukommen. Ich brauche mich nicht dafür zu schämen oder meine Weiblichkeit als Grund für meine Vorsicht und mein mulmiges Gefühl vorzuschieben.
Und ich verstehe nicht, wo es herkommt, dass es offenbar viele andere Menschen tun und/ oder mir diese Einstellung unterstellen.

Ich denke, dass wir uns mit dieser Einstellung um viel Kontakt und damit Austausch und damit widerum um die Chance auf ein friedliches Miteinander bringen. Das macht mich traurig.

Und plötzlich denke ich, dass ich mich vielleicht dafür entschuldigen wollte.
Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie abwies, wie ich Sie abwies: Ohne zu sagen, dass es nicht daran liegt, dass ich Sie für einen “gefährlichen schwarzen Mann im Parkgebüsch” hielt.
Ohne zu sagen, dass ich einfach nur keinen Kontakt mit einem mir fremden Menschen wollte.

Ohne zu sagen, dass mir Menschen ganz grundsätzlich eine Todesangst einjagen, egal wie freundlich oder unfreundlich sie sich mir gegenüber verhalten.