k.eine Sache der Seriosität

Erneut wurde ein Artikel veröffentlicht, der Rituelle Gewalt als Verschwörungserzählung über satanistische Gruppierungen und inkompetente Psychotherapeut_innen als ihre Quellen darstellt.
In dem Artikel „Erinnerst du dich? Gefangen in Scheinerinnerungen“ von Alexander Rupflin und Eva Sudholt, erschienen im ZEIT Verbrechen-Magazin Nr. 35, werden zudem der Film „Blinder Fleck“ und die Arbeitsweise seiner Produzentin Liz Wieskerstrauch problematisiert. Zu Recht, wie ich finde.
Bedauerlich hingegen ist die neuerliche Rahmung der dissoziativen Identitätsstörung als Teil einer Ideologie sowie die Unterstellung, die Arbeits- und Wirkungsweise moderner Traumatherapie entbehre wissenschaftlicher Grundlagen. Anlass zur Kritik geben auch die offenbar unkritische Übernahme des opferfeindlichen Diskursframings sowie die Selbstverständlichkeit, mit der in diesem Text von Sachständen ausgegangen wird, die faktisch nicht dargelegt werden.

Auch bei dieser Veröffentlichung handelt es sich um einen Text, der emotionalisieren soll. Sein Ziel ist zweifelsohne, Misstrauen gegenüber Menschen zu schüren, die von Gewalt und dem folgend divergenten Selbsterfahrungen oder einer DIS-Diagnose berichten. Doch auch Psychotherapie, Opferhilfen und dem Konzept „Opferschutz“ kritisch gegenüber eingestellt zu sein, ist den Autor_innen anscheinend ein Anliegen.
Diese Verschärfung in der populistischen Berichterstattung ist Anlass meines Textes. Denn in letzter Instanz wird hier erneut eine Geschichte erzählt, die in ihrer Wirkung dazu beitragen soll, dass Hilfe und Schutz an arbiträre und meinungsbasierte Bedingungen geknüpft werden. Genauer: Die arbiträren und meinungsbasierten Bedingungen von Menschen, die ableistische, opfer- und frauen menschenfeindliche Grundhaltungen vertreten und in ihrem Machtbereich durchsetzen können und wollen.

Eine Problematik, die von jeher Gegenstand verschiedener Kulturkämpfe war und bis heute ist.
Das Konstrukt rund um den Begriff „false memories“ ist ein solcher Gegenstand.
Er wurde bereits in den 80er und 90er Jahren als Instrument interessengeleiteter Erzählungen von Menschen, die als Täter_innen angezeigt wurden oder sich von einer Anzeige bedroht empfanden, aufgedeckt.
Damals ging es um Opfer- und Täter_innenschaft im Rahmen der Emanzipationskämpfe, die Frauen geführt haben. Aus diesem Kampf entstanden Dinge, die heute in ihrer grundsätzlichen Wichtigkeit den meisten Menschen absolut klar sind: unter anderem Kinderschutz sowie die Anerkennung des Umstandes, dass Opfer auch über eine Straftat hinaus gefährdet sein können und unbedingten Schutz erfahren müssen.
Wer heute noch „false memories“ anbringt, um die Folgen von Opferschaftserfahrungen oder Aussagen über Gewalterfahrungen von Personen anzuzweifeln, handelt entsprechend in der Tradition von Menschen, die ganz eigene Interessen daran haben, nicht als Täter_in an.erkannt zu werden. Oder als Stellvertretung für diese Personengruppe Gewalt und ihre möglichen Folgen auf eine Art zu definieren, die sich gesellschaftlich zum Vorteil von Täter_innen auswirkt.
Aber natürlich besteht auch die Möglichkeit, dass man sich als Person, die mit diesem Begriff hantiert, nie damit befasst hat und ihn anbringt, weil andere Redaktionen ihn klickstark in ihren Publikationen unterbringen konnten. Was wiederum mit Ignoranz, aber auch mit Macht und entsprechenden Interessen zu tun hat.

An diesem Artikel ist außerdem auffällig, wie überholt die generelle Ausdrucksweise bezüglich Trauma und Traumafolgen ist. Darin wird tatsächlich noch von „Verdrängung“ und nicht von „Dissoziation“ gesprochen, was in Konzept und Grundlage ganz andere Schlüsse über etwa die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung, aber auch der Borderline-Persönlichkeitsstörung und andere Traumafolgestörungen zulässt. Es wirkt, als habe man sich überwiegend in überalterten Texten informiert oder auf beratende Fachpersonen verlassen, die ihrerseits auf die korrekte Vermittlung von aktuellem, fakten- und evidenzbasiertem Wissen verzichtet haben.
Dies zeigt sich meiner Meinung nach auch an der Wahl von Frank Urbaniok als Interviewpartner. Dieser wird mit einer Aussage zitierbar gemacht, welche die Annahme nahelegt, Diagnosen im ICD-10 könnten generell unseriös sein. Zudem spricht er im gleichen Atemzug von „Fällen“, die sich nie bestätigt hätten – ohne zu konkretisieren, um was für Fälle es geht und in welcher Funktion er darin involviert gewesen ist. Außerdem sagt er, dass die Diagnose den Patient_innen nie geholfen habe, im Gegenteil.
Es ist ein sehr kurzer Abschnitt, und doch ist er nutzbar für das, was in einem Artikel mit dem Ziel der thematisch desorientierenden Emotionalisierung wichtig ist: flooding the zone with shit
Der ICD-10 ist veraltet. In Anwendung ist der ICD-11. Diagnosen werden darin gelistet, weil es sie gibt und nicht, um ihnen Seriosität zu verleihen. Die Behandlung von Krankheiten darf in keinem Fall – bei keiner Krankheit jemals – darauf basieren, ob ein_e Behandler_in die Diagnose, mit der sie benannt wird, für seriös hält oder nicht. Arbeitet man als Behandler_in mit einer solchen Prämisse, ist man in erster Linie autoritär und erst in zweiter Reihe vertrauens- und glaubwürdig.
Ein solches Selbstverständnis unter Behandler_innen jeder Profession macht Patient_innen zu Menschen, die per Krankheit unfähig zur korrekten Selbstauskunft sind. In der Psychiatrie zeigt sich diese Unterwerfung bis heute in Diagnosen, die von Behandler_innen mit patriarchalischer autoritärer konservativer Grundhaltung anstelle einer Diagnose aus dem Bereich der Traumafolgestörungen vergeben werden: Persönlichkeitsstörungen (also Störungen, die ihre Ursachen primär in der Persönlichkeitsstruktur der Person selbst haben)

Auf diese Weise mit Menschen in Kontakt zu treten, zeigt mir sowohl eine Ablehnung der Tatsache, dass Gewalterfahrungen in der frühen Kindheit auf alle Entwicklungsachsen tiefgreifende Auswirkungen haben, als auch ein grundlegendes Misstrauen gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen. Diese Haltung verstärkt das Machtungleichgewicht der Situation erheblich und unnötig, da psychische Krankheit bereits ein Diskriminierungsmarker ist.
ICD und DSM wurden unter anderem erstellt, um Patient_innen vor der Willkür von Behandler_innen zu schützen. Sie sind ein Instrument, um professionellen Konsens abzubilden und wissenschaftlichen Disput zu ermöglichen, aber auch internationale Standards in der Diagnostik zu etablieren. Sie zu nutzen, macht Behandler_innen zu seriösen Behandler_innen. Sich darüber aufgrund von Berufserfahrung, Bühnenzeit in Stimmungsblättern und Persona erhaben zu fühlen, spricht meiner Ansicht nach nicht für die beruflichen Kompetenzen des_r Behandlers_in.

Die Bemerkung Urbanioks, die Diagnose habe noch niemandem geholfen, ist in dem Zusammenhang sogar ironisch. Denn Konsequenz jeder falschen Behandlung bzw. Vorenthaltung der richtigen Behandlung ist, dass niemandem geholfen ist. Das ist kein Alleinstellungsmerkmal der DIS oder psychiatrischer Diagnosen allgemein. Wenn ich mit einem Wasserschaden zum Friseur gehe, erlebe ich das Gleiche.
Die Zitation Urbanioks wurde, wie in anderen Texten mit gleichem Thema, so platziert, dass der Eindruck entsteht, die DIS-Diagnose würde ausschließlich vergeben, wenn ein satanistischer oder organisierter sogenannter „Missbrauch“ in der Kindheit angenommen wird. Die Informationen in den Jahresberichten des „Fonds sexueller Missbrauch im familiären Bereich“ zeigen, dass nur wenige Menschen, die Hilfen nach sexualisierter Gewalt in der Familie dort beantragten, angeben, dass organisierte Rituelle Gewalt die Ursache für ihren Hilfebedarf ist. [1]
Die Veröffentlichungen der Aufarbeitungskommission zu den gesundheitlichen Folgen, die diese sehr kleine Gruppe angibt, kommen zu unterschiedlichen Zahlen bezüglich der Häufigkeit der DIS nach organisierter Ritueller Gewalt, deren Ideologie als satanistisch einzuordnen ist. Doch keine dieser Zahlen liegt bei 100 %. [2]
Menschen mit DIS machen also auch andere Angaben über Gewalterfahrungen.
Und der Annahme folgend, dass in dieser Personengruppe eine Normalverteilung von non-, low- und high-Respondern auf psychotherapeutische Behandlung vorliegt, profitiert sie von der korrekten Diagnose sowie der korrekten Behandlung, wie es alle Menschen mit korrekter Diagnose und korrekter Behandlung tun.
Doch genau das – die Chance auf individuelle Response auf eine angemessene Behandlung nach korrekter Diagnose – wird Menschen mit DIS, zusammen mit vielen anderen Menschen, die an einer Traumafolgestörung leiden, verweigert. Und zwar nicht aufgrund ihrer Diagnose oder der Ursache ihrer Erkrankung, sondern aufgrund struktureller Mängel und genereller (und zunehmender) Unterfinanzierung von Hilfen aller Art und Profession.

Während in diesem Artikel und auch im Film „Blinder Fleck“ die fürchterliche Lebens- und Leidensgeschichte einer Minderjährigen ausgeschlachtet wird, um ein Publikum in eine performative Strittigkeit zu emotionalisieren, streiten (chronisch) erkrankte und davon behinderte Menschen mit Traumafolgestörungen seit Jahren mit Kranken-, Renten- oder Unfallkassen, um Hilfen und Hilfsmittel, die ihnen per Gesetz zustehen.
Seit Jahren wird zunehmend öffentlich thematisiert, dass es nicht genug Psychotherapieplätze gibt. Dass Klinikaufenthalte zu kurz für angemessene und langfristig wirksame Behandlungen sind. Dass praktisch jede stationäre Struktur auf dem letzten Loch der Verantwortbarkeit pfeift, was die pflegerische Versorgung betrifft. Dass Betreuungseinrichtungen zu wenig Fachleistungsstunden für tatsächliche Eingliederung bekommen oder zu knapp besetzt und zu wenig fortgebildet sind, um die Betreuungen abzudecken, für die genug Fachleistungsstunden bewilligt werden. Dass das Opferentschädigungsgesetz auch nach jüngster Ergänzung praktisch nicht anwendbar ist auf Menschen, die als Kinder Gewalt erfahren haben (und deshalb keine anderen Beweise als ihre Körper und psychische Konstitution anbringen können).
Der real stattfindende Streit darum, was Opfer von Gewalt und aufgrund von Gewalt (chronisch) erkrankte Menschen benötigen und zu Recht einfordern, hat enorm viele Facetten. In diesem Text wird keine davon sichtbar, weil man sich auf etwas bezieht, das eingerahmt von berührenden Leidensgeschichten, lediglich vorgetragen wird. Die Autor_innen wiederholen offenbar einzig, was sie in Beiträgen aufgenommen haben, die der Stimmung gegen Traumatherapie und das Konzept einer umweltbedingten Traumafolgestörung dienen: Die Diagnose der dissoziativen Identitätsstörung sei umstritten.

Was sie nicht ist.
Sie ist unverstanden, und das weitgehend mit Absicht.
Sie ist angezweifelt, und das aus Gründen, die nichts mit dem Wohlbefinden der erkrankten Personen zu tun haben. Sie ist spektakularisiert, exotisiert und ausgenutzt, und das schlichtweg deshalb, weil Menschen mit DIS weitgehend ungeschützt sind in unserer Gesellschaft.
Weder Fernsehsender noch Zeitungsredaktionen interessiert es, wie sich die Beiträge, die bei ihnen laufen, auf das Leben der Betroffenen auswirken. Oft genug muss man sich fragen, ob Autor_innen oder Redaktionen, die die Erzählung von „false memories“ und fanatischen Therapeut_innen weitertragen, überhaupt klar ist, dass Patient_innen, denen tatsächlich etwas von Therapeut_innen eingeredet wurde, auch Opfer sind. Die Versorgung brauchen. Die ein Recht auf Entschädigung haben. Die von Aufarbeitungsstudien, Traumaforschung, Opferhilfen und Opferschutz sowie einer internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (kurz ICD) profitieren und möglicherweise existenziell darauf angewiesen sind. Die, genau wie Opfer von sexualisierter Gewalt in der Kindheit, in Gerichtsverfahren landen könnten, die auf eine Aussage-gegen-Aussage-Situation hinauslaufen. Wo ihnen dann per aussagepsychologischem Gutachten vermittelt werden kann, ihre Aussage entspränge einer Autosuggestion oder sie hätten gelogen, um der anderen Person zu schaden.

Die Ignoranz der Lebensrealitäten von Opfern in unserer Gesellschaft ist dermaßen umfassend, dass es ein Leichtes ist, selbst beim bewusst faktenorientierten, ganz unaufgeregt sachlichen und neutralen Arbeiten in diesem Komplex, einem opferfeindlichen Bias anheimzufallen. Und in der Folge zu schaden. Und zwar Opfern, also bereits geschädigten Menschen.
Und im Fall von Menschen mit DIS geschädigten Menschen, die krank sind – unabhängig davon, ob man ihre Krankheit als „Traumafolgestörung DIS“ einordnet oder als „wirre Querköpfigkeit, entstanden durch selber schuld“. Es ist eine schwere Erkrankung mit komplexem Symptombild, die lang anhaltend auf allen Ebenen gleichermaßen die Qualität des Lebens im erheblichen Maß absenkt und individuelle Hilfe- und Schutzbedarfe zur Folge hat.
Diese Schutzbedarfe werden durch die Instrumentalisierung in einem Kampf um Deutungshoheit über die Wahrhaftigkeit von Gewalt und Leid nicht erfüllt.

Schutz entsteht durch Sicherheit.
Kein Mensch, der nach einer Gewalterfahrung psychisch erkrankt ist, kann sich bei so einer Medienberichterstattung wie hier im ZEIT Verbrechen Magazin, aber auch im Film „Blinder Fleck“, sicher fühlen.
Die Menschen, die Gewalt ausgeübt haben, hingegen schon.

[1] https://www.fonds-missbrauch.de/fsm-familiaer/jahresberichte
[2] https://www.aufarbeitungskommission.de/mediathek/sexueller-kindesmissbrauch-in-organisierten-und-rituellen-gewaltstrukturen/

Es gibt Besseres zu tun

Inzwischen bin ich schon so viele Jahre mit all dem vertraut. Die Gewalt, das Trauma, Vielesein; wer glaubt was wem warum; wer verfolgt welche Interessen mit dem Sprechen darüber und dem Sprechen dagegen. Organisierte (Rituelle) Gewalt ist für mich ein Gegenstand der Realität, an dem schon seit Jahren nichts mehr herumgedeutet werden kann. Es gibt Fakten, es gibt Zahlen, es gibt rechtskräftige Urteile in Fällen, die alle Merkmale dieser Gewaltform haben. Niemand muss mehr daran glauben, weil alle davon wissen (können).

Nach meinem Input mit Claudia Fischer bei der survivorship-conference kam mir wieder einmal in den Sinn, wie wichtig ist deutlich zu machen, dass es eine ganz natürliche Reaktion aus echtem Unwissen – aber auch eine ausgenutzte Täter_innenstrategie ist, die Wahrheit von Dingen zu bezweifeln, über die man noch kein umfassendes Wissen hat oder bestehendes Wissen nicht damit in Verbindung bringen kann/darf/will/soll. Es ist ein leichtes Spiel für Mit_Täter_innen, das oft nur deshalb viele Mitspieler_innen findet, weil Vermeidung so ein (über)lebenswichtiges Verhalten ist.
Am Ende ist es jedoch prozessfeindlich, opferfeindlich und damit gesellschaftsfeindlich wie jede andere zwischenmenschliche Gewalt auch.
Ein absolut konservativer Machtakt. Mit wenig anderem Willen dahinter als dem, bestehende Ungleichheiten und dementsprechend auch Ungerechtigkeiten nicht aufzulösen. Also nichts gegen Gewalt tun zu wollen.

Es ist wirklich nicht schwer das klarzukriegen. Wer sich heute hinstellt und sagt, es gäbe keine organisierte (Rituelle) Gewalt, hat die letzten 20 Jahre absolut isoliert von Menschen und ihren Medien gelebt – oder aus welchen Gründen auch immer – keinen Bock darauf, sich mit der Realität von Gewalt und ihren Folgen im Leben aller Menschen zu befassen. Sie_r ist also nicht geeignet als Verbündete_r etwas für Überlebende oder gegen die Gewalt und ihre Nutznießer_innen zu tun. Punkt.

Solche Menschen stellen die Falle auf, in die noch immer viele hineintappen: das Aufrauchen durch Überzeugungskämpfe.
Die Entwürdigung durch das ständige Suchen von Bestätigung über etwas, das längst durch andere Stellen bestätigt ist.
Diese Falle zwingt die Menschen, die sich eigentlich um die Überlebenden oder die Gewalt kümmern wollen, weg davon und in einen Kampf hinein, der als wichtig gerahmt wird, weil man ja miteinander zu tun hat und miteinander auskommen muss.
Zum Beispiel, wenn man Überlebende nach dem Ausstieg betreut und die Kolleg_innen sagen: „Ach komm – du glaubst doch diesen Quatsch von organisierter (Ritueller) Gewalt nicht wirklich!“ Mit dieser Aussage drängen sie sich in den Fokus der betreuenden Person. Sie zwingen sie dazu, sich um das zu kümmern, was die Kolleg_innen glauben oder nicht glauben und ziehen damit enorm viele Ressourcen weg von den Überlebenden. Ihr Verhalten ist also nicht nur inhaltlich opferfeindlich, sondern auch konkret, weil sie ihnen nehmen, was sie brauchen: Helfer_innen, die genug Ressourcen haben, um gut helfen zu können.

Neben dem Wissen um die Realität von organisierter Ritueller Gewalt ist also auch wichtig, erkennen zu können, welche Kämpfe wann und um wen relevant sind. Wir haben durch die Corona-Pandemie gerade einen hervorragenden Übungsplatz dafür. Alle können schauen: Ja, ist es mir wirklich eine Erkrankung mit ordentlicher Chance auf Long-Covid wert, dass Onkel Lutz durch stundenlange direkte Überzeugungsarbeit an das Virus glaubt? Wie krass bin ich von einem Job abhängig, in dem keiner glaubt, dass COVID19 eine richtig fiese Scheißkrankheit ist und deshalb keine Schutzmaßnahmen einhält? Wie viel Kraft stecke eigentlich in die Arbeit, die es macht, Menschen verständlich zu machen, dass Fakten auch dann bestehen, wenn niemand an sie glaubt? Was für ein Bild haben Menschen von sich, wenn sie erst etwas für alle Menschen tun, wenn sie persönlich von der Richtigkeit dessen überzeugt sind oder sich davon betroffen fühlen und sich deshalb einen Zugewinn versprechen? Sind das Leute, mit denen man sich verbinden möchte? Mit denen man Zeit, Kraft, Ressourcen teilen möchte – um sie mit allen zu teilen, weil alle etwas davon haben?

Wer die faktische Realität von organisierter (Ritueller) Gewalt anerkennen kann, weiß, dass sie_r auch davon betroffen ist.
Organisierte Gewalt entsteht nie aufgrund der Initiative von Einzelpersonen und frei von äußeren Kontexten. Niemals. Jede organisierte Gewalt braucht Strukturen, jede Struktur braucht funktionierende Systeme, jedes System braucht Kommunikation, um sich selbst zu erschaffen und zu erhalten. Niemand auf der Welt ist unbetroffen von organisierter (Ritueller) Gewalt. Auch die, die es noch nicht wissen. Auch die, die nichts davon wissen wollen.

Wer sich auf das Spielchen um die Zweifel einlässt, kann kaum noch hilfreich für den Prozess der gesellschaftlichen Anerkennung und Veränderung eintreten. Deshalb wird es immer wieder angefangen.

Spielt nicht mit.
Es gibt Besseres zu tun.

Offenheit mit eigenen Opferschaftserfahrungen als emanzipatorische Umgangsentscheidung

Neulich stolperte ich über eine Auseinandersetzung, in der es um ‘Opferpositionen’ und ihre Rolle im emanzipatorischen bzw. feministischen Diskurs ging.

Da wir nun einmal ein Opfer von Gewalt wurden, sind solche Auseinandersetzungen für uns schwierig und letztlich gehen wir vorsichtshalber immer erst einmal davon aus, dass unsere Verletzlichkeit an der Stelle schnell zu Gefühlen führen, die wir nicht hätten, wären wir nicht so konkret betroffen. Das bedeutet: Wir als früheres Opfer hören Personen, die über Opfer und zu Opfern gewordene Personen sprechen zu und ziehen von unseren reaktiv auftretenden Emotionen ein Drittel bis die Hälfte ab.

Denn wir haben gelernt: “Wenn andere über Opfer oder zu Opfern gewordene Personen reden, hast du als ehemaliges Opfer
a) die Klappe zu halten , weil du
b) keine objektive/vernünftige/fachliche/professionelle/richtige Ansicht dazu haben kannst, weil du
c) selbst mal Opfer warst und damit im Falle einer Äußerung
d) ganz eigene subjektive/unvernünftige/unsachliche/falsche Ziele mit jeder Aussage verfolgst, was ergo
e) bedeutet: man muss/braucht/sollte dir sowieso und überhaupt weder zuhören noch deine Worte ernstnehmen, anerkennen und als glaubhaft einstufen, falls doch etwas von dir zu vernehmen ist.”

Ich habe erkannt, dass es sich hierbei um Gewalt und Diskriminierung aufgrund von Vorurteilen und Ergebnissen gelebter Gewaltkultur handelt.
Ich habe aber auch erkannt, dass diese Art der Gewalt so alltäglich und verinnerlicht ist, dass viele Menschen dies nicht merken und entsprechend anerkennen.

Diese Erkenntnisse haben wir uns also so einsortiert, dass wir selbst uns die Hälfte der eigenen Gefühle als unangemessen und falsch abschneiden. Um sie uns dann in einem angemessenen Setting wieder zu erlauben, was uns in der Regel einige Stunden Tage kostet und letztlich dazu führt, dass wir uns nur noch sehr selten mit solchen Auseinandersetzungen befassen.

Wenn in dieser verbliebenen Hälfte eine Empfindung ist von der ich glaube, dass sie, wenn ich sie gut begründe und klar markiere, dass ich davon ausgehe mich vielleicht auch zu irren (weil ich ja weiß: “reaktiv” ≠ “durchdacht und reflektiert” ergo “nicht konstruktiv”), von meinem Gegenüber nachvollziehbar ist, teile ich sie mit.

Und weil ich abwäge zwischen “Anstrengung ein komisches Versteckspiel um die eigene konkrete Betroffenheit + Anstrengung mit einer anderen Person über ein Thema zu sprechen, von dem ich selbst konkret betroffen bin” vs. “Anstrengung mit einer anderen Person zu einem Thema zu sprechen, von dem ich selbst konkret betroffen bin allein” – wähle ich ich oft eher den Weg der Offenheit.

Das bedeutet nicht: “Hey ich bin total offen damit zum Opfer geworden zu sein – ich hab das nämlich alles schon total verarbeitet und kann da jederzeit und mit allen drüber reden”, sondern: “Hey – das hier wird für mich zu schwer, wenn ich nebenbei auch noch was verbergen muss. Also: ich bin konkret betroffen – ich wurde selbst zum Opfer. Das ist ein  Teil des Hintergrundes meiner Argumentation.”.

Für mich ist es wichtig, dass dies für mein Gegenüber klar ist und anerkannt wird.
Und gäbe es eine weitere Verbreitung gegenseitiger und bedingungsloser Annahme und Respekt, würde es andere Menschen weitaus weniger verwirren, erschrecken – und misstrauisch machen, gäbe es auch kein Problem an meiner Vorgehensweise.

Offener Umgang mit eigener Opferschaft bedeutet für viele Menschen eine Wendung im Diskurs, die etwas von ihnen verlangt. Es gibt keine allgemeine Haltung nach der die Erwähnung eigener Opferschaft genau keine weitere Reaktion notwendig macht. Kaum jemand erwähnt die eigene Opferschaft im ganz üblichen Gespräch und niemand erklärt ein Gespräch, in dem auch Opferschaftserfahrungen vorkamen, als eines der üblichen, die man halt so hat.
Und genau das ist das Problem.

Das große Schweigen über Gewalterfahrungen, das immer wieder erwähnt wird, gibt es meiner Meinung nach nicht.
Es gibt ein Schweigen, wenn es darum geht etwas zu erreichen. Etwa in Kontexten der juristischen und polizeilichen Strafverfolgung. Doch das ist kein Schweigen über Gewalterfahrung – das ist ein Schweigen über Opferschaftserfahrungen innerhalb eines Machtkontextes, der sich auf genau zwei Positionen konzentriert: Opfer und Täter_innen und diese unterschiedlich bewertet bzw. beurteilt.

Wir haben diese Dichotomie im Alltag, in der Sprache und auch in den Diskursen, entlang derer sich zu positionieren und auch zu kultivieren versucht wird. Dies erschwert Opferschaft(erfahrungen) als einen allgemein möglichen Hintergrund einer Person im Diskurs anzuerkennen ohne reaktive Bewertungen und Imperative folgen lassen zu müssen.
Das ist der Punkt weshalb es opferfeindliche Begriffe wie “Opferabo”, “Opferperformance” oder die Formulierung “die Opferkarte spielen” gibt, die transportieren, dass Opferschaft etwas ist, das etwas zur Folge hat bzw. darauf abzielt zu etwas benutzt zu werden, das jemandem etwas bringt. Positive Aufmerksamkeit zum Beispiel. Oder Mitleid. Oder weniger strenge Beurteilungen und Bewertungen von Fehlern. Mehr Flausch.

Ich erlebe durch meinen offenen Umgang mit der eigenen Opferschaft in der Regel nervig umständliche Furchtsamkeit, allgemeine Umgangsunsicherheit, den Wunsch stellvertretend etwas gut für mich zu machen, derailing, Leidvergleiche und oben beschriebene Absprache von Verstand, Vernunft, Berechtigung mich weiterhin zu äußern.
Nichts davon ist etwas, womit ich gut umgehen kann und nichts davon ist etwas, das mir gut gefällt oder gut tut. Aber alles davon gehört zu verinnerlichter Gewaltkultur und hat genau nichts mit mir und meiner Opferschaftserfahrung zu tun.

Ich kann Menschen die Furcht vor Kontakt (Teilhabe, Zeugenschaft – also Mitkenntnis und daraus auch Mitverantwortung in einem weiteren und zukünftigen gemeinsamen Kontext) nicht nehmen, wenn der Umgang einzig unüblich ist. Wenn es immer special irgendwas bedeutungsvolles hat, dann kann es nicht üblich werden und dann kann es in den Köpfen und Erwartungen der Menschen, mit denen ich zu tun habe, auch nie zu etwas werden, das im Zusammenhang mit anderen Menschen, die ihre eigenen Opferschaftserfahrungen transparent machen, nicht mehr als etwas gilt, das synonym mit “die Person will jetzt was von mir” ist.

Es gibt Menschen, die zu Opfern wurden, für die es ein Weg ist Menschen schonungslos zu behandeln, wenn es um die alltägliche Realität von Gewalt geht.
In meinem social media – Kosmos begegnen mir immer wieder mal Personen, die es für wichtig und angemessen halten Gewalterfahrungen in allen möglichen Details zu schildern um niemanden zu verschonen, so wie sie selbst nicht verschont wurden.
Für mich ist das eine Form Gewalt weiterzutragen und kein inhaltlicher Diskursbeitrag. Leider ist es nicht üblich offen als zu Opfern gewordene Menschen auftretende Personen auf gewaltvolles Handeln aufmerksam zu machen. Schon gar nicht gibt es genug etablierte Praxen anzuerkennen und zu verinnerlichen, dass eigene Gewalterfahrungen nicht davor schützen selbst Gewalt auszuüben.

Gänzlich außen vor bleibt im derzeitigen Diskurs die Zeug_innenschaft und die Auswirkungen dessen sind fatal, denn häufig gelten Zeug_innen als gar nicht betroffen von der Gewalt, die in ihrem Beisein geschehen ist oder von der sie erfahren haben. Und wo keine Betroffenheit zugestanden wird, da wird neben einem Leiden unter Belastungsreaktionen auch abgesprochen, eine Mitverantwortung oder Mitbeteiligung oder noch schlichter formuliert: Teilhabe an dem Geschehen zu haben und/oder empfinden zu können.
Durch die Ignoranz von Zeug_innenschaft als wichtiger Bestandteil des Miteinander (auch und gerade im Fall von Gewalt im Sinne einer Schädigung) wird ignoriert, dass es eine Mitbeteiligung gibt, die neben “das gute zu flauschende Opfer” und “die bösen zu hassenden Täter_innen” steht.

Viele Zeug_innen wollen nichts mit der Gewalt zu tun haben. Manche, weil sie sich nicht der Mitverantwortung stellen wollen. Manche, weil sie selbst ihre Zeug_innenschaft nicht reflektieren. Manche, weil sie keinen Anhaltspunkt für die Relevanz dessen finden können.
Die meisten Zeug_innen halten sich selbst für irrelevant, weil sie innerhalb der offiziellen Dichotomie zur Klärung von Opfer-Täter_innenschaft im juristischen Kontext keine relevante Rolle innehaben.

Für uns sind Zeug_innen hingegen sehr wichtig. Unsere Therapeutin ist für uns neben ihrer Rolle als unsere Begleiterin in unserem Auseinandersetzungsprozess auch eine Zeugin für ebenjenen Prozess geworden. Wir sprechen mit ihr über unsere Gewalterfahrungen und damit wird sie automatisch auch zur Zeugin.
Durch ihre Zeuginnenschaft (unabhängig davon, ob sie uns in unserer Opfer- oder Täter_innenschaft bestätigt oder negiert!) wird die geteilte Erfahrung zu etwas, das tatsächlich war. Sie wird zu etwas, das nicht zu leugnen, nicht zu ignorieren und deshalb auch zu verarbeiten ist.

Letztlich ist es ihre Zeug_innenschaft, die uns selbst davon entlässt eine Bewertung oder reaktive Beurteilung unserer Rolle überhaupt vornehmen zu müssen. In dem Moment, in dem wir die Gewalterfahrung miteinander teilen (bzw. wir sie ihr mit_teilen) entsteht für uns ein Raum gemeinsamer Betroffenheit bzw. ein Raum, in dem wir spüren, dass wir über ein gemeinsames Wissen um eine Erfahrung miteinander verbunden sind. Darüber treten für uns ganz konkrete Umgangsfragen in den Vordergrund, die durch wertungs- und urteilszentrierte Diskurse häufig eher unnötig verzerrt und gestört werden.

Unsere Gemögten, Gemochten und Bekannten sind ihrerseits aber auch wichtige Zeug_innen für uns. Auch mit ihnen teilen wir gemeinsame Kenntnis von Opferschafts- und/oder Gewalterfahrungen (aber natürlich auch vielen anderen Erfahrungen!) und erleben uns darüber miteinander verbunden.
Auch hier entstehen Umgangsfragen, die letztlich sehr gut auch in emanzipatorische Diskurse einfließen.

Ich möchte nicht, dass das Mitteilen meiner Erfahrungen dazu führt, dass sich andere Menschen unfrei in ihren Entscheidungen und Wahlmöglichkeiten fühlen, nur weil wir miteinander verbunden sind. Eine Auffassung der Zeug_innenschaft an der Stelle ist genau deshalb auch hilfreich, gerade, weil sie von der beurteilenden oder wertenden Instanz entbunden sind.

Wir möchten auch nicht, dass unsere Mitmenschen bewerten oder beurteilen, was wir erlebt haben. Weder die Erfahrungen selbst, noch unseren Umgang damit, denn letztlich sind wir die Person, die diese Erfahrungen gemacht hat und mit den Konsequenzen leben muss. Egal, ob bezeugt oder nicht. Egal, ob bewertet oder nicht. Egal, ob beurteilt oder nicht. Egal, ob als wahrhaft anerkannt oder nicht.

Unsere Offenheit mit unserer früheren Opferschaft ist, neben ganz schlichten Versuchen die eigenen Kräfte zu schonen, also eine auch emanzipatorische Umgangsentscheidung.
Wir erwarten keine Rücksicht, keinen Flausch, keine milden Urteile. Wir erwarten, dass unser Erfahrungshintergrund mitbedacht und anerkannt wird – unabhängig von Täter-Opfer-Dichotomie und anderer gewaltkultureller Praxis.
Wir hoffen, dass Zeug_innenschaft etabliert wird. Wir hoffen auf Verbindung und Miteinander.

Wir wollen einen Diskurs, der sich endlich den Umgangsfragen widmet.
Unsere Offenheit ist ein erster Schritt darauf zu.