APunkt

„Langsam, klar, immer wieder gleich“, denke ich und schaue APunkt an. Ich beobachte, wie sie mich, den Raum und jede Bewegung durch die Fransen ihrer Gesichtsbehaarung beobachtet. Bleibt ihre Aufmerksamkeit länger bei mir, reiche ich ihr ein Stück Fleischsnack.

„Langsam, klar, immer wieder gleich.“
In meinem Kopf habe ich vier Bildschirme an. Auf dem ersten ist der Ablauf unseres Trainings. Ich komme an, alle Hunde werden sanft und ruhig begrüßt. Sind APunkt und ich allein, kommen wir runter. Machen den Moment langweilig. Nur sitzen, gucken, sein. APunkt braucht eine Weile, bis sie gezielt mit mir in Kontakt geht.
Kontakt, das hieß bei APunkt anfangs Kontakt zum Snack, und flutsch – schnell wieder weg. Alles im Blick, nichts im Fokus. Dann hat sie bemerkt, dass ich immer das Gleiche mache. Inzwischen beobachtet sie mich beim Hantieren mit den Snacks. Schaut mich sogar direkt an. Und dann regnet es Snackstücke. Jeder Blick in den Bereich meiner Mimik und Gestik ist ein Hauptgewinn. Alle 5 Gewinne darf ich einige Zentimeter näher an sie heran. Trennen uns nur noch anderthalb Meter, kommt sie inzwischen auch zu mir. Nimmt sich erst schnell und geduckt die Stückchen von meinem Knie, dann macht sie einen Schritt zu mir hin. Letztes Mal hat sie sich abgelegt. Ruhig geatmet. Alles im Blick gehabt, doch mich beobachtet.
Dann zeige ich ihr das Geschirr. APunkt lässt sich anziehen, es aber auch über sich ergehen. Das muss anders werden. Sie soll wissen, dass sie an einem Signal vom Menschen erkennen kann, dass sie für einen Spaziergang angezogen wird. Sie soll wissen, dass ihr Signal für Nicht-einverstanden-sein, von Menschen akzeptiert wird (wenn es keine Ausnahmesituation ist). Sie soll wissen, dass sie beim An- und später auch Ausziehen des Geschirrs mitmachen kann. Und dass es Snacks regnet, wenn sie es macht.

APunkt ist nicht damit aufgewachsen, dass Menschen etwas von ihr wollen. Dass Menschen mit ihr zusammen sein, Dinge tun, erleben wollen. APunkt hat gelernt, dass Entfernung und schnelles Reagieren auf alles das Beste für sie ist. Sie hat es so gut gelernt, dass ihr Körper das manchmal auch ohne sie entscheidet.
APunkt ist bald 3 Jahre alt. Aus einer Vermehrungssituation durch animal hoarding. Sie wurde aufgenommen und bis jetzt einfach nicht vermittelt. Wer nimmt auch einen Hund, von dem man nur den Strubbelpo im Busch erkennt?

Ich trainiere mit ihr, wie ich mit Sookie trainiert habe. Wissend, dass ich es mit einem hochreaktiven Hütehund zu tun habe, der nicht die sorglose Neugier eines Welpen hat, aber genauso verwirrbar ist von zu vielen zu neuen Dingen.
Also sitzen wir da auf 3 bis 4 Quadratmetern und üben, dass APunkt ihren Kopf durch die große Öffnung ihres Sicherheitsgeschirrs steckt. Von allein, in Richtung Snackstück. Zwei Mal war sie schon fast durch. Dann war wieder was. Irgendein Geräusch im Haus. Ein Vogel vorm Fenster, eine unerwartete Berührung des Geschirrs in ihrem Gesicht, das Geräusch, das die Schnallen auf dem Boden machen. Und wir fangen wieder mit der Nasenspitze in der Mitte der Öffnung an.
„Langsam, klar, immer gleich. Ausatmen, tief einatmen. Und weiter“, denke ich mir dann und schaue auf den zweiten Bildschirm in meinem Kopf. „Langsam beeilen“ steht da neben einem Bild von einer senkrechten schwarzen Linie auf weißem Grund. Wenn ich angespannt oder selbst erschreckt von einem der Geräusche im Haus bin, wackelt sie. Ich muss sie gerade atmen. Auch meine lockeren Schultern ziehen sie glatt beim Ausatmen.

APunkt kann sich nicht lange konzentrieren. Nach etwa 10 Minuten mit dem Geschirr stresst sie mein Angebot. Ich lege es hinter mich. Nehme wieder etwas mehr Abstand ein. Wenn APunkt noch Kontakt möchte, muss sie kommen. Was sie meistens auch tut. Gab es Gewitter, wurden wir unterbrochen oder eine_r von uns beiden hatte einen komischen Tag, dann nicht. Dann mache ich meine Ende-Geste und lasse sie wieder raus. Alle werden nochmal begrüßt, wer mag, lässt sich streicheln. APunkt kommt inzwischen auch ganz selbstverständlich wieder dazu. Immer bekommt sie Snackstückchen.

Manchmal sprechen wir noch länger mit S., dem Menschen, der APunkt gerettet hat. Der Hof ist schön, das Leben wuselig, die Arbeit viel. Es gibt immer etwas, worüber wir kurz oder lang, seicht oder intensiv schnacken. Dafür brauche ich den dritten Bildschirm in meinem Kopf. Ich muss jetzt schnell sein. Unklarheiten weitgehend unhinterfragt, unergründet, unkommentiert lassen. Akzeptieren, dass wir nicht immer über die gleichen Dinge in der gleichen Struktur sprechen können. Dieser innere Bildschirm ist ein Transkript des Gesprächs. In den folgenden Stunden, wird mein Versteh-Gehirn es lesen.

Auf dem vierten Bildschirm ist mein Tetris der Unmöglichkeiten.
Da gibt es die Blöcke „APunkt“. Ihre Reaktivität, die Unsicherheit, der Umstand, dass man ihr Verhalten nur bedingt vorhersehen kann. Dann ist da mein Kinderwunsch mit seinen hundert Blöcken aus Orga, Kraftfressern, Gefühlen und ganz eigenen Dringlichkeiten. Und die feste Klarheit darum, auf gar keinen Fall gleichzeitig einen Säugling und einen Neuhund versorgen zu wollen. Neben der neuen Arbeit, für die ich 4 Stunden am Tag nicht zu Hause bin. Und der anderen Arbeit. Und der Verlagsarbeit. Und meinen Projekten.
Da ist auch noch meine Trauer um Sookie, die ich nach wie vor nur bedingt an mich heranlassen kann. Und meine ganz allgemeinen Wünsche an einen neuen Hund in meinem Leben. Die Wünsche meines Mannes an einen neuen Hund in seinem Leben. Unser alter Oppahund Bubi.
Und da ist die Bedarfslage von S.. Die Nützlichkeit, die mein Hundeverstand in dieser Situation hat. Die Frustration, die so improvisierte Trainingsumgebung und übliche Rückschläge mit sich bringen.
Und das, was ich von mir in APunkt gespiegelt empfinde. Obwohl diese Zeiten nun wirklich schon länger vorbei sind.

Seit Wochen fahre ich regelmäßig zu APunkt. Auf jedem Hin- und jedem Rückweg schüttle ich die Tetrisblöcke auf dem vierten Bildschirm durch und versuche zu erkennen, wie sie ineinandergreifen könnten. Es funktioniert einfach nicht.
Nicht ohne die Zukunft zu kennen.
Und so sind wir alle, APunkt, S. und ich, gerade im gleichen Nimbus. Angewiesen auf die gleiche langsame, klare Kontinuität des „und weiter“, auf das man sich so ungern einlässt, wenn es so viele große, drückende, treibende, wirbelnde, ziehende, schreckende, lockende „Ja aber“s oder „und was wenn?“s oder „vielleicht so?“s gibt.

Es ist anstrengend. Es ist eine Übergangsphase, eine Transition.
Wir werden alle irgendwie, irgendwo, irgendwann ankommen. Das ist sicher.
Vielleicht werde ich mir diesen kernigen kleinen Strubbelkobold, der APunkt auch ist, tatsächlich nicht mit nach Hause nehmen können. Aber Langsamkeit, Klarheit und Vorhersehbarkeit durch immer gleiche Anforderungen und Belohnungen, kann ich ihr geben. Damit kann sie anfangen, ihre generelle Pauschalreaktion auf alles und alle zu verändern. Und mit jemand anderem nicht bei 0, sondern vielleicht schon bei 1 in Sachen Hund-Mensch-Kommunikation anfangen.
Das ist definitiv. Da ist Bewegung drin. Es verändert sich etwas.
Es ist und wird.