Fundstücke #50

Vielleicht mach ichs zu groß, dachte ich und stieg die Treppen zur Praxis der Therapeutin hinauf.
Was ich denke, was ich fühle. Was mit mir passiert.
Leide ich überhaupt genug, um das hier zu rechtfertigen?

Letzte Woche hatte ich so viel Mutkraft zusammengerafft. Hatte die Umfrage der Aufarbeitungskommission ausgedruckt und ihr gesagt: Wir haben ein neues Therapieziel. Weil wir in zwei Jahren hier weg sind. Weil das hier nicht das Land ist, in dem wir bleiben können. Wir wollen diesen Fragebogen ausfüllen können, ohne das Gefühl zu haben, dass es um jemand anders geht. Irgendwie ich – aber doch jemand anders.

Vielleicht gehts um Aufwachen, hatte ich gesagt. Aufzuhören mit nur dem höflich allgemein anerkennendem Ohr zuzuhören, ohne das eigene Herz, das eigene Ich zu öffnen. Nicht berührt zu werden von dem, was da war. Was DA_mal.s passierte.

Und dann ist die Umfrage bald geschlossen. In knapp zwei Wochen. Und ich bin noch nicht soweit.
Und habe Angst auch für das Weggehen nicht schnell genug zu sein. Vielleicht auch: insgesamt nicht genug für das zu sein, was kommt und wird und ist und war.

Ich hatte der Therapeutin gesagt, dass wir okay damit wären, es zu schaffen, dass wir einfach gut gehen können. Von ihr weg. Von dem Privileg, das wir an der Arbeit mit ihr haben. Und der Chance, die uns immer wieder an die Hoffnung gebracht hat, irgendwann okay damit zu sein, dass war, was war, egal, was es denn nun war.

Wir hatten Anlass ihr das zu sagen. Anlass zu glauben, dass wir wirklich bald in näher definierbarer Zukunft als bisher wahrgenommen aufhören können mit ihr zu arbeiten.
Das Erinnern verändert sich. Subtil und doch spürbar.

Ich habe das noch nie so erlebt. Aber doch – es passiert und fühlt sich organisch, kongruent, echt, wahrhaftig, nah an.
Dass ich etwas erinnere und selbst aus der Distanz, die wir vor der Therapeutin und dem Aussprechen einnehmen, nicht umhinkomme von mir zu sprechen. Und nicht von dem Kind, das damals war. Oder dem Innen, das ich dort verorte.

Vielleicht bin ich zu schnell mit mir. Vielleicht bin ich unsicher, weil ich m.einer eigenen Entwicklung hinterherstolpere. Vielleicht ist neuronale Verknüpfung einfach schneller, als das kleine Stück “Ich”, das ich bin. Vielleicht ist da eine Verbindung, der ich noch nicht gewachsen bin.

Aber es ist da und ich kann es fühlen. Ob ich will oder nicht, fühle ich etwas, das schon sehr lange her ist und mich be.trifft wie Sonnenstrahlen, Wind oder Regen.
Aber vielleicht mache ich es zu groß. Vielleicht wird es erst durch meine Aufmerksamkeit zu etwas, das mich so bedrängt und leiden macht.
Vielleicht leide ich eigentlich gar nicht daran.

Später verließ ich die Praxis und verschwamm mit dem Alltag eines Besuchs. Einer geteilten Zeit, die konkret passiert und mein Erinnerfühlen zu einem unwirklichen Hintergrundrauschen macht. Es ist da, aber es hat nichts im Außen, wo ich es mal eben abstellen könnte. Es gibt kleine Momente, in denen ich merke, wie ich schwanke und abrutschen könnte. Doch sie gehen so schnell vorbei, wie sie kommen.
Mehr als anerkennendes Bemerken ist gar nicht drin. Mehr als “ja, es war” ist gar nicht möglich.

Und jetzt sitze ich hier an diesem Restfeiertag der deutschen Einheit und habe Angst davor mit dieser Erinnerung zu einer Einheit zu verschmelzen, weil ich zu offen dafür war, mich ihr zu widmen. Weil ich schnell schnell etwas ändern wollte, weil die Welt um mich herum zu schnell zu viel zu furchtbar zu werden droht.

Ja, ich bin dankbar darum immer schneller zu merken, wann ich einen Schritt versucht habe, für den meine Beine noch gar nicht lang und kräftig genug sind.
Nein, es tröstet nicht zu wissen, dass die Verarbeitungszeit von Geschehenem eine ganz eigene ist.

Es ist schlimm. Es ist wirklich schlimm nur zu können, was man kann – nicht was man können will.


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