weiter

Diesmal wache ich von meinem eigenen Geräusch auf. Bubi ist nicht gekommen. Ich höre seine tiefen Atemzüge im Dunkeln.
Ich weiß, dass dieses Zeitfenster jetzt wichtig ist. Es ist der Grauraum zwischen dem, was ich als „sich reinfallen lassen“ empfinde und dem, was ich als „diszipliniertes dran arbeiten, dass es weggeht“ einordne. Aufstehen, laufen, schütteln, etwas trinken, eine Notiz machen. Uhrzeit, Aufwachgrund, Wie leicht ist es, sich von schwierigen Gefühlen, Gedanken, Handlungsimpulsen zu trennen?, Was ist ok?
Das Bett aufschütteln. Prüfen, ob ich Licht haben will oder nicht.

Mein aktuelles „aus Scheiß aufwach-Protokoll“ fühlt sich vertraut soldatisch an. Ich mache es einfach. Benutze es, um emotional unberührt zu bleiben. Jetzt, hier um 4 Uhr irgendwas, gibt es nichts daran zu lösen oder zu besprechen oder zu prozessieren. Es geht darum, dass ich keine weitere Symptomkaskade auslöse, indem ich darüber nachdenke.
Ich atme. Bubi kommt irgendwann doch zu  mir und lässt mich seine weichen Ohren befühlen. Die Nacht ist still, manchmal kommen Geräusche vom Dach. Irgendwann schlafe ich wieder ein, als wäre nichts gewesen.
Am nächsten Morgen werde ich mir erzählen, dass das deshalb so gut geklappt hat, weil ich nicht so ein Geschiss drum gemacht hab. Weil man solche Symptome auch einfach mal nur zur Kenntnis nehmen kann, sie protokolliert, abheftet und den Deckel zumacht.

Am selben Morgen werde ich zurück an die Ordnung meiner Lebenskrise gehen und eine gewisse Dankbarkeit für meine emotionale Abflachung haben. Die Angst, die ich um Weihnachten, Neujahr, Anfang Januar noch hatte, weil ich sämtliche Lebensentwürfe in Scherben vor mir empfand, spüre ich nicht mehr. Dass sie da ist, weiß ich. Meine Gedanken sind alle noch gleich. Der Zug hinter allem, was ich tue, ist von Angst angetrieben. Aber das Gefühl ist weg.
Auch das ein relevanter Grauraum. Wenn ich jetzt einfach wieder zur Arbeit gehen würde, würde es funktionieren. Bis zur nächsten überraschenden Übererschöpfung.
Man kommt lange hin ohne psychisches Feedback. Ohne Gefühl für die eigenen Gefühle.

Ich werde aber in nächster Zeit nicht wieder arbeiten. Nicht so wie in den letzten Jahren. Meine Disziplin, meine dissoziativen Gewohnheiten, umzulenken, ist gerade meine Arbeit. Es ist prima, wenn ich nicht jeden Flashback, nicht jedes Erinnerungsfragment in voller Breitseite erfasse. Es taugt nicht als Informationsquelle und ohne Begleitung meiner Therapeutin fühle ich mich nicht sicher, damit überhaupt irgendwas zu machen. Also kommt der Deckel drauf, bis Zeit dafür ist.
Nicht prima hingegen ist, nicht zu spüren, dass ich hungrig oder satt bin. Zeit zu verpassen, weil ich meine Timer nicht aktiviere und in Einzelaufgaben versinke. Wenn ich mich von der Welt nur umspülen lasse, statt zu interagieren. Mich zu beteiligen. In Kontakt zu gehen und sei es noch so kurz, belanglos oder schlicht beknackt.

Die gute Dissoziation aufs Bettschränkchen, die schlechte ins Skill-Kröpfchen, das ist der Marschbefehl. So funktionierts.
Nicht gut, nicht schlecht – weiter.


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