Ein Nervenklappmax, ein neuer vorläufiger Personalausweis und zwei gute Gespräche. Das war heute. Jetzt wird geschlafen.
Autor: H. C. Rosenblatt
24
Irgendwann in meinem Leben will ich es schaffen, dass Leute sehen, wenn wir mit einer Akku-Ladung zwischen 5 und 10 Prozent versuchen, dieses Ding namens „Alltagsleben“ geschissen zu kriegen.
10% fühlen sich für mich gerade an wie 100%. Weil ich die meiste Zeit mit 2% rummache.
Vielleicht wirke ich deshalb nicht so schlapp. Ich habe keine Ahnung.
Und eh – wie verwirrend ist das alles. Von allen Seiten wird mir angetragen, doch zu machen und zu tun und werden und zu sein, doch was ich tue ist entweder das Falsche machen, nicht zur richtigen Zeit machen oder irgendwie nicht nachvollziehbar oder „Das musst du selber entscheiden, ich kann dir nur sagen, was ich denke“. Uff. Ja was denn nun. Darf ich, was ich will oder soll ich „das Richtige“ machen?
Ich weiß es wirklich nicht. Denke so oft: Du hast keine Ahnung.
Und verkrieche mich hinter der Härte von K., die macht, was wir wollen, wie wir können, so lange bis von 10 noch 0.2% übrig sind. Weil ich nicht weiß und merke, niemand sonst weiß, aber meint oder glaubt oder wünscht oder will oder findet.
Plötzlich sind da wieder Dinge zu sagen wichtig wie: „Du bist nicht, was du tust.“, „Wenn dir jemand irgendetwas sagt, das dich nominalisiert, dann ist es sehr wahrscheinlich emotional übergriffiger Mist“, „Es ist okay, nicht zu entsprechen.“, „Streiche alles, was dir von anderen angetragen wird, auf die wenigen Dinge zusammen, mit denen du konkret etwas anfangen, verändern, beenden kannst.“
Jetzt Abstand machen können, ohne persönlich zu kränken, ohne irgendwelche Dinge zu verkomplizieren. Einfach ein Fenster ins Jetzt ritzen, durchklettern und nahtlos hinter sich verschließen. Ganz leise. Damit es nicht auffällt, kommentiert wird, bewertet oder zu einer Eigenschaft erklärt wird. Das wär gut. Kurz mal weg sein für eine Weile. Nur kurz. Eine Woche vielleicht. Ohne, dass das was bedeutet oder bewirkt oder erklärt oder gerechtfertigt oder irgendwie mit irgendwas aufgeladen werden muss.
Einfach nur so. Eine Woche nicht sprechen. Nicht außen sein müssen. Nur dem Ladebalken nachspüren. Merkwürdig, was das plötzlich für ein Privileg ist.
23
Fast 7 Stunden durchgehend Sprechen, Reflektieren und Mitgehen. Dann 3 Stunden nach Hause fahren.
Ich hab ein gutes Gespräch aufgenommen, das wars wert. Hoffentlich.
Meine Augen brennen, hinter der Zugfensterscheibe ist es dunkel, der Samstagabend wird von Menschen in Feierlaune beschallt. Ich fühle mich leer und abgefüllt. Spüre die Sorge, um die Podcastaufnahme wie das Kitzeln von Haaren im Nacken. Lasse sie vorbei fliegen, wie die Dörfer und Felder draußen.
Ich bin stolz auf mich, diesen Termin geschafft zu haben. Hoffe, dass die Episode auch gut wird.
Jetzt wo wir schon wieder eine Weile nichts produzieren konnten, habe ich das Gefühl, dass die erste nächste Episode extra supergut sein muss, was auch immer das konkret bedeutet. Mal sehen, wie gut es wird. Mal sehen, mal sehen. Erst einmal schlafen. Ausruhen, die Aufnahme probehören, schlafen, ausruhen, die besten Produktionsbedingungen schaffen. Und dann wieder schlafen und ausruhen und dann starten. Eile, Weile, bliblablö.
22
Viele Stunden im Zug nach Berlin, wir treffen jemanden für ein Podcastinterview. Ich lese, höre Podcasts und Techno. Lasse mich tragen vorbei an allem, was außerhalb von mir passiert.
In Magdeburg steigen wir um, ich sehe im Bahnhof eine Raucherkneipe, in der schon unter abendlichtgelbem Licht Bier getrunken wird. Da ist es 15 Uhr und ich erinnere mich an Dunst, Rauch und schmodderigem Siff, wie etwas, das sich als klebriger Film auf mich drauf legen will.
In Berlin tropft er mir von den Wimpernspitzen und verliert sich in der warmen S-Bahn.
Wir treffen L. und ihre Familie. Das wird schön und es gibt ein Babykleinkind zu erleben.
Schönes Jetzt.
21
Heute war der Tag an dem mir klar wurde, dass wir nun Verpflichtungen in drei verschiedenen Städten haben und mit Leuten zusammenarbeiten, die vierte, fünfte und mehr Städte dazu bringen.
War eine schöne Erkenntnis. Wir arbeiten, wir sind verbunden, wir können da etwas aufrechterhalten über längere Zeit und Distanz. Danke Internet, danke Traumatherapie.
Ich wills nicht verklären – es ist auch sauanstrengend, die meiste Zeit habe ich das Gefühl niemandem irgendwo gerecht zu werden, allen Leuten zu viel abzuverlangen, gerade weil es diese Distanzen zu überbrücken gibt und ich glaube auch nicht, dass wir noch erheblich viel länger ertragen können, dass der Regionalbahnverkehr jede Woche, seit inzwischen mehreren Monaten, so eine verfluchte Stückelkacke ist, die mit so viel Warterei für Ministrecken verbunden ist.
Aber es geht nicht anders und anders wollen wir es auch nicht.
Obwohl doch. Ich will mich nächste Woche um den Führerschein kümmern. Ich will mich alleine zum Bahnhof fahren. Es sind 20 Kilometer, die nerven und den Freund einspannen, der sich gerne einspannen lässt und das ja auch vorher schon wusste aber meeh – es nervt mich, dass es potenziell nerven könnte und dann bin ich zu ihm komisch und das macht die Frage nach einer Fahrt komisch und das wird nervig und dann hab ich ihn genervt, obwohl es ihm eigentlich noch gar nicht nervig war.
Außerdem will ich die Verkehrswende. Ich würde diese 20 Kilometer gerne mit dem Rad fahren. Auf der Bundesstraße, wo jetzt die Autos langfahren. Schön schnurgerade und dadurch eben 20 Kilometer und nicht mehr, wie es das mit den Radwegen – immer schön an der lauten Bundesstraße lang oder auf diesen hübschen kleinen Rennstrecken Landstraßen – ist.
Außerdem glaube ich an Bimmelbahnen als das Verkehrsmittel der Zukunft fürs Land. Eine Bimmelbahn, die wie eine Ringbahn die Gemeinden mit mehr als 500 Einwohner_innen untereinander verbindet und ihren Anfang und das Ende am nächsten Bahnhof mit ICE-Halt hat. Wenn die im 2 Stunden-Takt fährt, könnte sie viele Busse ersetzen und den Pendelverkehr auffangen. Wenn es eine schöne Bimmelbahn ist. Einzelsitze, Klimaanlage, Internet, nicht so viel Geruckel, weil sie ja keine Zillionen Jahre alt ist und vernünftig konstruiert wurde. Es gibt einen Fahrradwaggon, das Ding ist von Vornherein barrierefrei, den Fahrbetrieb finanziert man über das, was man als Hundesteuer und andere Quatschluxussteuern vorher abgeschafft hat. So kann man sie kostenlos nutzen und damit vielleicht einige Fahrten mit dem Auto sparen.
Ich hätte nie gedacht, dass ich das Laufen zum Supermarkt und zurück mal vermissen könnte. Aber ich tus. Warum weiß ich nicht und das, was wir jetzt haben ist auch schön, aber es ist halt nicht mehr der Gangs durchs Bullergeddo und vielleicht trifft man Nachbar_innen mit denen man quatschen kann bis man wieder zu Hause ist.
Uff, Heimweh-Welle.
Gute Nacht.
20
Ich habe gestern einen langen Thread bei Twitter geschrieben.
Weil man die oft nicht wiederfindet – und viele sie erst gar nicht lesen – trage ich ihn hier mit hinein und noch etwas nach.
Die Kinderschutzzentren haben ein Erklärvideo zu sexualisierter Gewalt in organisierten und rituellen Gewaltstrukturen für die Praxis veröffentlicht vimeo.com/373360210 mehr Informationen gibt es hier: kinderschutz-zentren.org/index.php?a=v& und hier: ecpat.de
Ich habe Zweifel daran, dass es hilft, mögliche Folgeerkrankungen von Gewalterfahrungen jeder Art, zum Argument der Ächtung oder zum Grund für die Verwerflichkeit der Straftat oder der Forderung nach ihrer Beendigung bzw. Bestrafung selbiger zu machen.
Es darf nicht sein, dass eine Erkrankung/Störung/Zustand direkt zu einer Straftat linkt, auch wenn das sehr wahrscheinlich und bei der absoluten Mehrheit (bei DIS/DDNOS 98,9%) so ist. Warum? Weil man die Leute damit zu lebenden Beweismitteln macht.
Was zum Einen ein weiterer Übergriff ist (nämlich Objektifizierung) und zum Anderen potenziell lebensgefährlich. Vor allem, wenn sich in Sachen Verjährungsfristen für Straftaten der Prozess dahingehend entwickeln sollte, dass es keine mehr gibt.
Es fehlen ja auch Opfer- und Zeug*innenschutzprogramme, es fehlen Fachanwält*innen (und Schutz für sie), es fehlen Schutz-, Wieder_Eingliederungsprogramme, es fehlt praktisch überall medizinische, psychiatrische und psychologische Expertise und Behandlungskapazität. Es fehlen Standards und Kapazitäten zur Spurensicherung, zur Dokumentation von Übergriffen beispielsweise wenn Betroffene in Einrichtungen der Jugend- oder Eingliederungshilfe sind. Es fehlen die Perspektiven neurodiverser Menschen auf Anzeigen- und Strafprozesse, und und und noch so viel mehr.
Und das obwohl da Unrecht passiert. Und der Staat dazu verpflichtet ist, es zu beenden und zu verhindern. Das im Blick erscheint es mir fast als eine Art Derailing, die seelischen Folgen der Opfer so stark hervorzuheben.
Damit wird die Gewalt – die organisiert und absichtsvoll in Gemeinschaften begangen wird! – individualisiert, also am Körper Einzelner manifestiert.Das (die seelischen Folgen für Einzelne) ist ja aber nicht das einzige Problem daran, dass es überhaupt passiert. Diesen Spin vermisse ich an dem Video, aber auch an vielen anderen Projekten und Aktionen, die versuchen der Öffentlichkeit das Ausmaß organisierter (ritueller) Gewalt aufzuzeigen. Denn ja – die Bereitschaft zu handeln und für Empathie steigt bei Kenntnis von Einzelfällen. Aber der Prozess zum Anstoß eines strukturellen Wandels kann nur durch Selbstverortung und Identifikation mit dem bestehenden System und seiner Strukturen erfolgen.
Wer nicht begreift, was organisierte (rituelle) Gewalt an den Strukturen für alle Menschen zerstört/gefährdet, kann gar nicht mitwirken etwas zu verändern. Deshalb fand ich es immer wieder gut, wenn Frau Hahn auf den Tagungen zu ritueller Gewalt in Münster oft betonte, dass Sekten zum Beispiel zutiefst antidemokratische Gruppen sind.
Organisierte Gewalt passiert nicht einfach so im Blauen. Sie passiert in dieser unserer Bundesrepublik Deutschland. Einem Land mit einem Grundgesetz, gewählten Vertreter_innen und einer umfassenden Verwaltungsstruktur, die jeden noch so kleinen Bereich des Lebens einer jeden Person, die hier lebt reglementiert, kontrolliert und verwaltet.
Es muss klar sein, dass jede zusätzliche Struktur, die gleichermaßen umfassend und tiefgreifend nicht nur in das Leben, sondern auch in das Sein, das Selbst, die Identität von Menschen hingreift immer auch diese demokratischen Strukturen an irgendeiner Stelle verdrängt, überschneidet, verletzt. Das geht gar nicht anders.
Wem es also wichtig ist, dass Demokratie herrscht, die_r muss genau das begreifen. Und zwar als Gefahr, die weit über ideologische Inhalte oder individuelle Befindlichkeiten und Stati hinaus geht.
Und – einmal noch zurück zum Video – wenn „die Aufklärung“ die Betroffenen krank und leidend braucht, um die Brisanz und die Straftat aufzuzeigen – was ist mit denen die noch drin sind und gar nicht leiden, weil sie (noch, oder auch ihr ganzen Leben lang) gut funktionieren?
Denen passiert doch auch Unrecht.
Die dürfen wir bitte niemals vergessen.
Wenn man sich darüber einig ist, dass das Gesetz allein definiert, wer Opfer wurde und wer nicht, dann muss diese Verknüpfung im kollektiven Bewusstsein und Gedächtnis gelöst werden. Dann gibt es keine Opfer von organisierter (ritueller) Gewalt, denn das ist keine juristische Kategorie.
Wenn man sich darüber nicht einig ist, dann muss man über Strukturen sprechen, die Opfern anders als mit juristischer Rechtsprechung begegnet. Dann braucht es einen neuen Diskurs über den Opferbegriff, dann braucht es eine neue Auseinandersetzung mit dem (sozialen wie rechtlichen) Status von Opfern. Dann braucht es Solidarität von Unbeteiligten, dann braucht Empathie, dann braucht es Mittel und Wege der Versorgung, der Zuwendung und des Schutzes ganz unabhängig vom Staat. Bumms.
Unbeachtet bleibt dabei, dass es ein gewaltvolles Mittel ist und so dazu führt, dass man mit Gewalt gegen Gewalt vorgeht.
Deshalb habe ich das aufgeschrieben.
19
Wir haben heute schon viel geschrieben. Das kommt morgen. In „Nicht-Twitter“ und vermutlich auch besser, weil nicht frisch angestochen.
Heute ein Video. Fürs Herz.
Gute Nacht
18
https://twitter.com/WildwasserWue/status/1196409950777565184
… und Erwachsene, die vorleben, wie man Grenzen anderer erfragt und erspürt. Die zeigen, wie man sie respektvoll und achtsam aufzeigt, schützt und vertritt.
Sie brauchen Erwachsene, die die Grenzen von Kindern als gleichwertig behandeln.
17
Es war das Wort „Kinderzimmer“.
Erst in einer Therapiestunde, in der es DARUM ging und ich der Therapeutin und einem Innen dabei zugehört habe und dann bei der Anhörung am Freitag nochmal.
In dem Gespräch mit der Therapeutin hatte es mich stutzig gemacht, aber irgendwie Sinn ergeben. Das Innen, das mit ihr gesprochen hat, hatte ein Kinderzimmer. War ja ein Kind. Ist es ja jetzt noch.
Bei der Anhörung fiel das Wort auch und hebelte mich irgendwie neben den Inhalt.
Heute morgen hab ich mich gefragt, wieso und die Antwort kam dann jetzt.
Ich hatte nie ein Kinderzimmer. Ich hatte Wohngruppenzimmer und Klinikzimmer und dann 2-Zimmer-Küche-Bad.
DAS DA ist wo passiert, wo es mich auf mehreren Ebenen nicht gab.
Ich war nie Kind und ich war nie das Kind, dem DAS DA passiert ist. Geschweige denn dort, denn meine Zimmer hießen „die 4“, „im 3er“ oder „das, wo vorher X drin war“. Das entfernt die Gewalt, die da passiert ist, für mich doppelt.
Und da ist es wieder. Das Ding, das dazu verleitet von Vielen zu denken, sie hätten unterschiedliche Realitäten oder Welten in sich. Tatsächlich sind es die verschiedenen Lebensabschnitte, die zu eigenen Er_Lebenswelten werden, weil sie nicht miteinander verbunden und integriert sind.
Ich weiß, dass ich mal ein Kind war. Ich weiß, dass nicht nur den Anderen DAS DA passiert ist.
Aber so habe ich das nicht erlebt. So fühlt sich das nicht an.
Und toll ist das auch nicht für mich.
Man könnte ja denken: „K. die Dancefloorqueen im Vermeidungstanz, ist doch sicher total froh darum“. Aber so ist es nicht. Ich empfinde das als Verlust. Es macht mich traurig, ich habe das Gefühl, dass mir da mehr fehlt als die Erinnerung an eine Gewalterfahrung. Ein Kinderzimmer haben ist ja nicht nur das, was man darin erlebt. Es ist ja auch, was man selbst darin macht und auch, was es für den sozialen Status bedeutet, ein eigenes Zimmer zu haben bzw. ein Zimmer zu haben, in dem man Kinderkram, also eigenen Kram haben kann. Und vielleicht auch irgendwie so etwas wie eine eigene Welt haben kann? Kinderkram ist kleiner als Erwachsenenkram. Bunter. Schriller. Wenn ein Raum damit gefüllt ist bzw. insgesamt an die Bedürfnisse eines Kindes angepasst, dann gibt es nochmal ganz andere Optionen der Selbst_Erfahrung, als in der Welt, in der alles auf Erwachsene (Körper) ausgerichtet ist.
Tja. Dissoziative Amnesie.
Again: Kein ausgestanzter Shit, der ausschließlich das Schlimme wegnimmt.
16
Schwierige Nacht, schwieriger Tag.
Nicht das Morgen, das ich mir gestern gewünscht habe. Immerhin: weder die Obst- noch die Salat- oder die Vor-dem-Schlafengehen-Wörter-ins -Blog-tippen-Routine sind daran kaputt gegangen.
Die kleinen großen Dinge.