von Zeitfenstern und Nichts

Seit etwas mehr als einer Woche summt es in unserem Körper.
Wir schlafen entweder nicht oder 3-4 Stunden, die sich wie das Aufladen eines sterbenden Akkus anfühlen. Etwas entlädt sich und damit uns in der Nacht mit seiner Angst, Anspannung und unkontrollierbarem Drang raus weg weg weg zu wollen.
Wobei das so richtig auch nicht ist. Neulich hatten wir eine Nacht, in der es okay war. Nach einigen Nächten mit Bedarfsmedikationsbetäubung ging es dann mal gut. Das war Montag. Dann war Therapie, dann Dienstag und gestern sind wir dann auch einmal wieder zur Schule gegangen.
Wir sind hyperarouselproduktiv wie zuletzt – ja, letztes Jahr um diese Zeit. Und vorletztes Jahr. Und damals als wir eigentlich 24/7 in latenter Todesangst waren.

Gestern hatten wir nur einen Unterrichtsblock mit einem Pflichtfach. Bester Einstieg eigentlich. Fremdsprache, später am Tag, danach frei. Die Sonne hat geschienen.
Und dann war es eine unvertretene Vertretungsstunde in einem der Räume, die wir so sehr hassen, weil sie uns körperlich weh tun. Kein Teppich, die PC’s stehen auf dem Tisch, sodass die Lüftung von links und rechts direkt vom Kopf läuft. Kein_e Aufsichtsperson, viele Schüler_innen viele Stimmen. Nichts zu tun, außer der spontanen Selbstentladung entgegen wirken.

Ich kann es nur als Balanceakt beschreiben. Obwohl es überhaupt nicht um Balance geht. Wir sind ungern im Nullpunktbereich, wo es in keine Seite ausschlagen darf, um ja nicht hinzufallen.
Es geht um klar bleiben. Selbst bleiben.
Es ist schwierig für mich zu merken, wie sehr es uns angreift und einfach total leer zieht, wenn die Schule so läuft. Obwohl sie nicht schief lief oder irgendetwas richtig Krasses passiert ist. Das wär ja toll gewesen, dann würde ich jetzt nicht hier am Donnerstagmorgen sitzen und gegen meine Ver.Zweiflung anschreiben, die meinen Gefühlen des “Heute die Schule (schon wieder) nicht schaffen können werdens” folgen.

Der Stapel der zu erledigenden Dinge hat sich verkleinert. Wir haben unsere Abgabetermine eingehalten, haben Absprachen pünktlich eingehalten, haben so etwas wie Tagesroutine etabliert. Alles in unserem kleinen Heuteheute läuft. Die Basis steht.
Die Zweifel in so einer Phase der inneren Zerschossenheit beziehen sich nicht mehr darauf, wie wir denn jemals leben sollen in der Zukunft. Es geht nicht mehr darum, ob das jetzt unser Leben für immer ist, sondern, ob das etwas ist, das als Phase immer und immer Teil der Er_Lebensrealität bleiben wird.
Ist unsere Produktivität nur eine Schale? Show? So getan als ob? Oder ist es diese manchmal so spontan und bodenlos erscheinende Überforderung von allem, was über die Basis und das kleine Heuteheute hinaus geht?

Oder sind wir produktiv und trotz erheblichen Schlafmangels und teils heftigen Zuständen der Desorientierung durch unkontrolliertes Erinnern stabil, gerade weil wir diese Basis inzwischen haben?
Vielleicht haben wir inzwischen auch einfach fein gelernt ein produktives Mitglied der Gesellschaft zu sein, das die Kaputtheiten im Privaten hat, aber im Öffentlichen läuft und läuft und läuft? Und also nur dann ins Öffentliche geht, wenn alles läuft?

In unserer Klasse ist eine Person, die mit einer Panikstörung umgeht. Sie fehlt noch öfter als wir. Wir haben sie nie gefragt, ob sie so eine Angstschleife hat, zu fehlen und dann Angst zu haben wiederzukommen, weil sie ja gefehlt hat und den verpassten Stoff eventuell gar nicht mehr aufholen kann. Und also noch länger fehlt und noch mehr verpasst bis es überhaupt keinen Sinn mehr hat überhaupt zu kommen. Was dann wieder hilft zurück zu kommen, weil es ja sowieso völlig egal ist.
Das ist nämlich etwas, wogegen wir dauernd ankämpfen. Neben dem ganzen anderen Kladderadatsch.

Da ist keine Angst für Nichtleistung bestraft zu werden. Da ist die Angst diese Leistung niemals mehr erbringen zu können, weil das dafür vorgesehene Zeitfenster vorbei ist.
Bei uns mischt sich das gerade sehr ungut zusammen, denn wir arbeiten mit noch desorientierten Innens, die uns genau jetzt summen und brummen lassen, weil sie auch nach 15-20 Jahren nicht wissen, dass ihre Zeitfenster vergangen sind. Dass ES vorbei ist.

Es gibt einen Unterschied zwischen der Herausforderung im Rahmen eines Schuljahrs bestimmte Lernziele zu erreichen und der Herausforderung, vor der manche von uns als 12, 13, 14 Jährige.s standen, auf den Punkt und ohne jede Möglichkeit von Aufschub, Zögern, Zurückweichen oder Verweigerung etwas zu leisten, selbst dann wenn der Akku, der Geist, die Seele leer war.
Das Problem ist die Nichtkonsequenz.
Wie bringen wir denn nach innen, dass da jetzt gerade nichts passiert? Wie beschreibt man denn Nichts?
Wie spürt man Nichtversehrung nach?

Jede Wahrnehmung ist das Ergebnis der neuronalen Einordnung einer Veränderung am oder im Körper, die zurückgemeldet wurde. Man fühlt Dinge, weil die Haut der Finger die Dinge berührt haben und das etwas macht. Druck, Hautzellabrieb, Temperaturveränderung, Lageveränderung und und und. Man fühlt auch emotionale Dinge nur deshalb, weil die körperliche Reaktion immer eine mehr oder weniger große Veränderung des Hormoncocktails ist, der verschiedene Vorgänge im Körper anstößt oder verhindert.

Aber Nichts macht ja nichts.
So bleibt man dann zurück auf Allgemeinplätzen wie der eigenen Körperlichkeit, der eigenen Lage und der direkten Umgebung.

Da will man gleich das Reorientierungsglöckchen läuten, weil sich das doch total anbietet, aber gerade das tut es nicht. Desorientierte Innens sind nicht nur in der Zeit desorientiert, sie sind es auch in sich und uns, ihn ihrem Status, ihrem Fühlen, ihrem Werten und ihren Befähigungen.
Die, mit denen wir im Moment arbeiten, können gerade gar nichts.
Weil da Nichts ist.

Nichts, was sie wieder_er.kennen. Nichts, was sie selbst machen. Nichts, das ihnen zeigt wer oder was sie sind, oder sein könnten oder sollten. Das ist keine Wahl, die sie treffen und ich merke das sehr deutlich. Sie sind keine Antagonist_innen meines kleinen Lebensglücks heute. Können es schon nicht sein, weil sie das weder sehen noch als solches erkennen oder bewerten können. Es hat nichts mit ihnen zu tun, ist Nichts für sie. Vielleicht bin auch ich, sind wir Rosenblätter, Nichts für sie. Das weiß ich gar nicht.

Aber in dem Zustand kann ich sie gut verstehen gerade.
Denn ich schaue auch auf Nichts, wenn ich nicht irgendetwas mache, das in irgendeiner Form mit Leistung zu tun hat. Ich weiß, wir werden heute nicht nichts machen. Wir werden Behördendinge erledigen, liegen gebliebene Zettelage abarbeiten, werden unseren Lehrer_innen eine Email mit der Bitte um Übersendung der Unterrichtsinhalte schicken und schauen, was wir heute und morgen davon zu Hause schaffen.
Ich könnte es gleichermaßen weder ertragen noch integrieren was gerade an und in mir alles los ist.

Aber ich konnte inzwischen die Erfahrung machen, das wo sich ein Zeitfenster schließt, ein anderes aufgeht.