16072020

Manchmal scherzt der Freund, es wäre bald mal Zeit, einen eigenen Blog zu schreiben. „Living with the Rosenblatts“ oder so.
Das sagt er vor allem dann, wenn irgendetwas passiert ist, was er niedlich oder witzig findet. Ob er das manchmal denkt, wenn irgendwas nicht so witziges oder hässliches passiert ist, weiß ich gar nicht. Aber wenn er darüber schreiben würde, gefiele mir das besser, als tippe er den x-ten „Ach wie lustig das Leben mit einer behinderten Person sein kann“- Blog ins Netz.

Autismus wird manchmal romantisiert oder verpositiviert. Inselbegabung, Kämpferherz, scheues Rehlein mit Vertrauengewinnungsauftrag dies das. Zum Kotzen. Die dissoziative Identitätsstörung betrifft das auch. Verborgene Superkräfte, Kämpferherz, Schaf im Wolfspelz im Schafspelz im Wolfspelz… tüdelüt. Machen wir uns nichts vor, das sind Bilder von Leuten, die es anders nicht ertragen. Leute, die sich der Realität, den tatsächlichen Er_Lebenswelten der betroffenen Menschen, nicht anders stellen können und oft genug auch wollen.

Der Freund stellt sich selbst oft zurück, damit wir unsere Bedürfnisse erfüllen können – auf genau den manchmal umständlichen, verquirkten, von Katastrophisierung und allgemeinem Overthinking geprägten Arten und Weisen, wie wir das tun. Romantisch ist anders, wenn ich ihn morgens frage, ob er sich vorstellen könnte, am Abend mit mir zu schlafen, damit ich meinen Tag entsprechend planen kann. Entspannt ist anders, wenn er uns bittet, den einen Einkaufskarton aus der Kammer zu holen und wir den mitbringen, in dem die von ihm schon sehr lange aufbewahrten Pfandflaschen drin liegen, weil wir ja eh grad alle unsere Kraftreserven verballern (aka „einkaufen gehen“) und das dann ja auch gleich effizient nutzen könnten. Und witzig war auf keinen Fall, als ich dachte, er mache einen Scherz, als er mir eine besondere Reise zum Geburtstag zu schenken plante und ich meine Annahme damit begründete, dass ich sein Lügen/Witz-Gesicht doch kenne. Nichts war witzig in der Stunde danach, als wir uns versöhnlich umarmten und ich nicht aufhören konnte zu weinen, weil ich so nicht sein will. So autistisch.

Keine Pride-Aktion – weder „Plural Pride“, noch „Disability Pride“, noch „LGBTQI* Pride“, noch „Mad Pride“ – hat zum Ziel, dass alle Welt erkennt, was für tolle Wesen wir doch sind. Wie stark, wie besonders, wie anders, wie beschenkt unsere Angehörigen mit uns sind und wie super alles wäre, würden wir nur (mehr) wertgeschätzt werden.
Es geht darum zu sehen, dass wir Menschen sind. Ganz banal. Ganz gleich – aber sehr ungleich gesehen und deshalb auch ungleich behandelt. „Pride“ ist an dieser Stelle also nicht gut übersetzt mit „Stolz“ as in „stolze_r Sieger_in“. Es ist eher „Pride“ as in „Es ist nichts Beschämendes, nichts Unwürdiges daran, ich mit meiner Identität, meinem Label, meinem Begehren, meiner Art zu sein.“

Immer wieder an „Stolz“ zu denken, hat etwas mit der Romantisierung und Verpositivierung der Kämpfe von LGBTQI* zu tun, die als Demonstrationen gegen Polizeigewalt begannen und heute als kunterbuntes Tirili verniedlicht halbwegs toleriert werden (auch nicht überall, es gibt bis heute Prides, die von Rechten und Menschenfeinden anderer politischer Haltung, angegriffen werden), aber wenn wir ehrlich sind, schon lange nicht mehr als die Demonstration für gleiche Rechte taugen, als die sie mal begannen.

Romantisierung und Verpositivierung sehe ich entsprechend als Akt der Gewalt. Sie entmenschlicht und entmachtet.
Immer.