Verantwortung, Schuld und was uns sonst noch so trennt

Eigentlich ist es doch eine ganz einfache Kette:
mir wurde Gewalt angetan —> ich erhielt etwas, dass ich ver- geben kann

Weshalb ich das gerade nicht tun kann, erklärte ich in dem Abschnitt der aufzeigte, dass die FolgenDavidPfister der zugefügten Gewalt von meiner Seele- meinem Sein- diesem blinkenden Kern der “uns” darstellt, bereits so aufgenommen wurde, dass jedes Vergeben hieße: “jemanden” von uns zu ver-geben. Im Sinne von “ein Innen weg- geben”.

Schnell entspinnen sich die Gedanken anderer Menschen auch um das Thema der Schuld und der Verantwortlichkeit von Menschen die zum Opfer (zwischenmenschlicher) Gewalt wurden.

Ja, gut.
Dann also die Themen Schuld und Verantwortlichkeit.

Gerade nach dem letzten Artikel hörte ich: “Nein- du hast keine Schuld gehabt- es war nicht deine Verantwortung.”
Was aber ist Verantwortung?
Entsprechend allgemein gültigen Wortdefinition, ist Verantwortung, eine Art Verpflichtung im Rahmen von geltenden (sozialen, kulturellen, moralischen, religiösen) Normen (die in Gesetzen festgehalten sind) zu interagieren. Es ist etwas, das wir Menschen uns gegenseitig aufdrücken, damit wir vernünftig miteinander leben können.

Das ist eine gute Idee wenn es darum geht, Schäden zu verhindern und Ansprüche auf Ausgleich und Gerechtigkeit definiert und geltend gemacht werden können.

Verantwortung ist keine flexible Pflicht. Sobald man sich in einem menschlichen Kontext mit einem Normenkonzept befindet, ist sie da. Man ist verantwortlich für alles was von einem ausgeht- wie für alles was zu- an einem herangetragen wird. Ganz grundlegend und immer und überall.
Es gibt nur genau einen Punkt an dem man trennen kann zwischen dem, was die eigene Verantwortung ist und dem, was die Verantwortung eines anderen Menschen ist. Und das ist der Punkt an dem etwas nicht mehr im eigenen Einfluss- Beeinflussungsbereich liegt.

Unsere (Staats-) Gesetzgebung nennt Kinder unmündig und stellt sie als besonders hilflos und schutzbedürftig dar. Das heißt: vor dem (Staats)Gesetz haben Kinder keine Verantwortung dafür zu tragen, wenn ihnen Gewalt angetan wird- da ihnen im Sinne der Gesetzgebung jede Möglichkeit zum Einfluss bzw. zur Beeinflussung fehlt.

Ich vermute, weil unsere demokratische Kultur das Konzept der Staatsmacht sehr hoch bewertet (da ihre Standbeine die Aufgabe haben, absolut neutral und ausschließlich den geltenden Gesetzen entsprechend zu agieren), heißt es heute sehr schnell, dass jemand eine Schuld trägt, weil er eine Verantwortung (entsprechend der staatsmächtlichen Normen) abgegeben hat oder einer hilflosen- (einer zu Einfluss unfähigen) Person übergeben hat.

Doch ist für mich- uns diese Überzeugung fern.
Sehr viel näher liegen uns die Felder der Verantwortung, auf die so bewusst scheinbar nur wenige noch Rücksicht nehmen, weil die Staatsmacht soviel Raum einnimmt.
(Pseudo)Religiöse (und damit schnell (sub)kulturelle) Normen und darin begründete Verantwortung wird (vor allem hier in Deutschland) meinem Empfinden nach verachtet- ja manchmal sogar missbilligt und jede weitere Pflicht, die man sich aus ihr heraus annimmt wird abgetan und teilweise sogar kriminalisiert.
Doch sie ist da. Und sie hat für viele Menschen unter Umständen genauso viel Gewicht wie die Staatsgewalt. (Stichwort “nicht integrationswillige Migranten”, Beschneidungsdebatte, Burkadebatte, das Kreuz im Klassenzimmer)

Wir sind mit einem Konzept aufgewachsen in dem unser Einfluss- unsere Möglichkeiten der Einflussnahme auf andere Menschen nicht als inexistent betrachtet wurde.

copy gnar.gn.funpic.deWir wuchsen mit dem Wissen und der Selbstverständlichkeit von Gewalt auf, weil sie in dem Kontext gerechtfertigt ist, aufgrund eben genau dieser Form der Selbstverantwortung und pseudoreligiöser Pflicht..

Wenn man etwas will, dann soll man es tun. Wenn man etwas nicht will, dann soll man es lassen.

Der Fall, dass man nicht will, dass etwas mit einem gemacht wird, ist schlicht nicht vorgesehen. Das gesamte Konstrukt ist darauf aufgebaut, dass jeder einen Schmerz oder einen Unwillen überwindet (und überwinden will) um stärker und damit wertvoller für alle zu werden.
Und das ist schon alles.

Alle Konflikte die sich darauf aufbauend entwickeln, sind begründet in dem Doppelleben das wir zu leben gezwungen waren (und es innerlich bis heute sind). In der einen Welt, der Welt in der Verantwortung mit potenzieller Schuld, Hand in Hand geht und Kinder vom Gesetz geschützt werden, können wir vieles was uns angetan wurde als definitiv unrecht betrachten und eine Unschuld im Sinne einer Unfähigkeit einer Einflussnahme, sowie all den Schmerz und die Demütigung annehmen. Das gilt zum Beispiel für alles was uns passiert ist, seit wir aus dem direkten Wohnumfeld der Täterkreise (also aus dem direkten pseudoreligösem Einfluss) heraus sind- nicht aber für das, was uns unter dem Deckmantelkonzept der Pseudoreligion angetan wurde, während wir direkt noch dort lebten. In jener anderen Welt hätten wir etwas verhindern können und haben es nicht getan.

Die vom Staat und auch der breiten Masse immer wieder unterstrichenen Trennung von Religion und Staat ist es zu verdanken, dass wir mit unserem Ansinnen diese Punkte irgendwie zu verbinden allein auf weiter Flur zu stehen scheinen.

Ich merke es, wenn ich auf der Suche nach Literatur zum Thema des geistigen Ausstiegs oder auch der spirituell-psychischen Selbstbestimmung bin. Ich merke es, wenn ich auf der Suche nach einem Konzept, einer Idee, einem Stichpunkt bin, der mir erlaubt meine eigene Verantwortung an der uns zugefügten Qual sowohl anzunehmen, als auch gleichzeitig als “Unrecht” zu bezeichnen.

Wir wollen (und können) nicht einfach unseren Kopf aufklappen und einmal feucht durchwischen, um dieses uns gleichsam zerstörende- wie aber auch haltende (Normen- und) Wertesystem abzubauen.
Oft stoßen wir damit auf Unverständnis, stürzen unter Umständen hilfreiche Phrasen, die sich jemand vorsagt, um mit seinen Gewalterfahrungen zurechtzukommen um, wenn ich sage, dass wir nicht vergeben oder wie nun hier, dass wir die grundlegende Verantwortung für das was uns passiert ist, nicht als inexistent oder zu Unrecht auf uns abgewälzt betrachten (können) bzw. beides gleichzeitig gesehen haben wollen.

Würde ich anfangen Tätern eine Verantwortung im Sinne der Gesetzgebung zuzuschreiben, würde ich ihnen eine Schuld aufdrücken, die sie aber im richtigeren Kontext (der ursächlich für die Handlung war) schlicht nicht haben. Ja, würde ich zu einem Richter gehen- der einzig dem juristischen Recht der Bundesrepublik Deutschland verpflichtet ist- käme es zu einem Schuldspruch. Doch würde ich zu einem Richter gehen, der den Gesetzen jenes pseudoreligiösem Konstruktes entspricht, wäre meine Anklage ein Fall für einen Schuldspruch!

Ja, liebe ultra-Schlauen da draußen, es ist völlig klar, dass hier jemand schreibt, der einer Indoktrination unterworfen wurde und der Gedanke, dass diese Worte hier stehen, weil wir mit viel Angst dazu gebracht wurden, so zu denken und zu vertreten, ist verständlich.
Doch bedenken Sie bitte Eines: jemand der schlicht Täterkonzepte- und Inhalte repliziert, der sieht nicht beide Welten.

Wir haben eure Welt gesehen.
Wir sehen sie und wir wollen in ihr leben, wie alle anderen Menschen auch- doch… wo wir die Täter und die ganze Gewalt in uns haben und sie nie werden ver-weg-geben können, da haben wir auch ihre Werte und ihre Konzepte in uns.

Unser Ziel ist kein Zustand in dem wir von einer Freiheit dieser Inhalte sprechen.
Das Ziel ist ein Zustand der Integration, sowohl dessen was in mir ist- als auch mit dem was um mich herum ist.

P.S. So viele Parallelen: Ich denke: Ich möchte beides gelten lassen können. Ich möchte alles (da)sein lassen dürfen.
Und irgendwie ist es wieder auch das Thema: Ich möchte eine Erlaubnis für mein Sein- mein auch so viel(e) sein wie ich- wir eben sind.

0 thoughts on “Verantwortung, Schuld und was uns sonst noch so trennt

  1. Zitat: „Würde ich anfangen Tätern eine Verantwortung im Sinne der Gesetzgebung zuzuschreiben, würde ich ihnen eine Schuld aufdrücken, die sie aber im richtigeren Kontext (der ursächlich für die Handlung war) schlicht nicht haben.“

    Die Täter schaffen sich diesen Kontext selbst um sich frei von Schuld zu schaffen.
    Würde man deinen Gedanken aufgreifen und konsequent weiter entwickeln würden die Mauertoten der DDR oder die Nazi-Opfer wie auch alle Opfer totalitärer Systeme Schuld an ihrem Schicksal tragen die Täter im Kontext – in der Gesetzgebung, der Moral, der Regeln dieser Systeme – nicht schuldhaft handelten und somit keine Verantwortung tragen.

    Es gibt einen Kodex der jenseits aller Gesetze, aller Systeme und aller Religionen steht. Man mag ihn „Menschlichkeit, Menschenrechte“ oder wie auch immer nennen.
    Wer einem Kind Gewalt antut – egal aus welchem Grund, egal unter welchem Deckmantel und mit welcher Rechtfertigung – ist schuldig und trägt die alleinige Verantwortung. Nicht aber das Kind.

    Abgesehen davon unterliegen die Täter in deinem Beispiel der Gesetzgebung des Landes in dem sie sich aufhalten. Sie können nicht für sich erklären dass diese Gesetze nicht gelten. Sie stellen keine Ausnahme dar nur weil sie einem verzerrten Weltbild oder Glauben folgen (oder vorgeben das zu tun).

  2. Schade das meine trennende Darstellung wohl nicht deutlich genug ist.

    Ja es gibt die juristische Schuld aufgrund der in ihr definierten Verantwortung
    aber
    Ja es gibt auch eine Nichtschuld im Kontext des Konzeptes (und der in ihr definierten Verantwortung)

    Ich möchte nur aussagen, dass ich beides gesehen und angenohmmen haben will.

  3. Die Witwe kann keine Perspektive einnehmen aus der heraus sie einem Personenkreis der Kinder schändet, foltert, ausbeutet keine Schuld zuweisen könnte.
    In wieweit die Täter selbst Schuld empfinden bleibt dahin gestellt und ist – aus Sicht der Witwe – unerheblich.

    Die Frage die sich beim Lesen stellt ist auch diese: in wie weit hilft dir/euch diese Einstellung weiter? Geht es doch um Ver-gebung?

    1. Ich denke Sie missverstehen den Text und missachten meine konkrete Verwendung der Begrifflichkeiten.
      Allein schon die Implikation einer globalen Schuld aufgrund einer Tat die ausschliesslich in einem einzigen Kontext als eine schuldhafte gilt, bestätigt mir das.

      Ich formulierte hier keine Einstellung oder eine Meinung.
      Das persönlichste an dem ganzen Artikel ist der Wunsch danach, beide Konzepte in mir zu vereinen.
      Der Rest ist Darstellung.

  4. Wenn die Täter nicht diese Verantwortung haben, weil sie selbst im System gefangen sind, dann kollidiert meiner Meinung nach das Prinzip „haben wir schon immer so gemacht/ bei uns ist das halt so“ mit der Tatsache, dass es Menschen gibt, die aussteigen und obwohl sie es anders gelernt haben, ein klares NEIN für derartige Grausamkeiten haben.

    Klar wäre es angenehmer, eine Erklärung zu haben und noch viel besser wäre es, wenn die Täter, die eigentlich zu uns gar nicht böse hätten sein dürfen in gewisser Weise selbst gar nicht so schuld wären.

    Aber genau so wenig wie man den Kopf feucht wischen kann, kann man meiner Meinung nach diese beiden Konzepte vereinbar machen. Wenn ihr es schafft, dann sagt mir bescheid, das ist dann nämlich nobelpreisverdächtig! 😉

    1. Punkt eins trifft schonmal einen wichtigen Punkt, den ich in dem Artikel nicht noch aufgedröselt hab, weil sonst der Ursprungsfaden verloren geht und wir noch nicht soweit sind
      „..weil sie selbst im System gefangen sind“
      Guten Tag Selbstbestimmung (für uns gabs die nicht. Entsprechend steht die Frage im Raum,ob wir uns das System bis heute annehmen müssen. Das ist aber ein grundlegend anderer Punkt als das Thema der Verantwortung und dem folgend der Schuld an sich. Verantwortung fußt auf Normen- wer von Schuld in Bezug auf Verantwortung zu sprechen beginnt, denkt an die Verantwortung die auf der Staatsgewalt fußt. Punkt.
      Diesen Fuß meine ich aber nicht, wenn ich von der Verantwortung im (pseudo)religiösen Sinn spreche (oder schreibe).

      Punkt zwei zum NEIN der Aussteiger- liegt evtl begründet im Ausstiegsgrund und dem woran sie sich orientieren? Wie gesagt- zwei Welten- hier die Frage der Bewertung der Gewichtung nach dem Ausstieg. Auch wieder grundlegend andere Punkte als der, den ich versucht habe zu verdeutlichen. (Immer wenn ich anfange etwas (pseudo)religiöses niederer zu bewerten, gehts mir richtig richtig schlecht, weil im Innen die BÄÄÄMs explodieren.
      Soll ich etwas von mir (denn die BÄÄÄMs sind etwas von mir) unterdrücken- mir „austreiben“ damit mein Denken als Gesamtperson in einen Rahmen passt, der diesen Teil nicht anerkennt? (ich verweise nochmal auf den Artikel „haben wir richtg gewünscht“) Oder wäre es nicht gesünder für mich, schlicht damit umgehen zu lernen und so zu händeln, dass schädliche Einflüsse dieses Denkens (dieses Gedankenguts)- zum Beispiel Gewalt und Ausbeutung Dritter unter dem Deckmantel von XY- niemanden aussen tangieren?)

      Punkt drei- ist die hier aufgezeigte Differenz nicht ausgedacht oder zu einer Erklärung herangezogen, sondern schlicht dargestellt (aus meiner Perspektive).

      Nehmen wir den Aspekt der Gewalt heraus, entdecken wir das gleiche Dilemma von hochgläubigen und ihre Religion ausleben wollenden Menschen, in einem Staat der dies nicht anerkennt aber gleichzeitig erlaubt.
      Es ist ein Spagat zwischen zwei Welten denen man zu allen Teilen gerecht werden will und muss, will man dort leben, wo man eben lebt und so leben wie man es von seiner Religion angenohmmen hat.

      P.S. vielleicht sollte ich den Artikel „Achtung: zwei Paar Schuhe“ nennen oder so…

  5. Ich bin immer wieder froh und erleichtert, wenn jemand versucht starre vereinfachte Ansichten auf die Welt aufzubrechen und zu relativieren. So viele neigen zu starren schwarz-weiß Sichten, die selten in der Praxis eine sinnvolle Anwendung finden (außer vielleicht bei 2D Barcodes).
    Ein Großteil der in solchen, von euch als pseudoreligiös bezeichneten, Gruppen (mögen den Begriff) zur Anwendung kommenden Mechanismen sind strafrechtlich nicht relevant (was keinerlei Bewertung ihrer Schädlichkeit sein darf) und da kann von einer Schuld im Sinne des Gesetzes nicht gesprochen werden. Schuld und Verantwortung sind keine synonymen Begriffe.
    Nicht jeder kann und mag differenzieren, manche sind zu bequem, für einige ist die intellektuelle Leistung zu groß, die meisten aber kommen mit dem emotionalen Implikationen nicht zurecht.