Schlagwort: Verspannung

Stellung halten

Ein Korsett von 18 hundertirgendwann
Ich musste daran denken, als ich heute morgen aufwachte.
Nach langer Zeit des Korsetttragens, auf diese damals modische Art, verkümmert die Muskulatur im Rücken, die den Oberkörper stützt.
Haltung war wichtig.
Weniger der Halt an sich

Über die Haltung wird Position bezogen. Die Position definiert wiederum die Stellung.
Eine Stellung zu halten, wird so zu dem, was später wichtig ist. Wofür auch immer.

„Halt die Stellung“ heißt für mich soviel wie: „Geh nicht weg. Bleib und erfülle deine Aufgabe. Steh dazu.“.
Imperativ. Ein Befehl.
(Fahnen-) Flucht hat Konsequenzen. Tödliche vielleicht. Das kann man nie wissen.

Aus meinem Steinchenkrampfimpuls ist ein spürbares Korsett geworden, das meinen gesamten Rumpf bis ins Hüftgelenk hinunter umfasst und zudrückt.
Normalerweise atme ich nach hinten- auf meinen Rücken bzw. das Stückchen zwischen meinen Schulterblättern zu.
Da ist alles drauf. Da ist meine Haltung, da ist meine Verantwortung, da ist meine Schuld. Da ist, was mir Grund zum Stellung halten gibt.

P1010325Jetzt muss ich an einem Kloß im Rachen, durch einen Ring im unteren Hals in ein Niemandsland hineinatmen. Als wären meine Stachel nach innen gerichtet und könnten die mit Luft gefüllten Blasen, die ich mir zaghaft hineinatme, platzen.
Ich muss nach vorn atmen und das tut mir mehr weh, als jedes übliche Schmerzen im Hinten, das mich meiner Haltung versichert.

Vorn, da ist es so schnell auf. Da perlt es, brennt es unter Berührung; ist es weich und Kaltes liegt manchmal ganz nah an Warmem.
In meiner Vorstellung ist mein Vorne eine Art mit Haut und Fett bespannter Ballon, der nur einen Faden breit vom Hinten getrennt ist.
Ein Kinderinnen hat mal gesagt, es habe Angst, dass ihm der Bauch herausfällt. Das konnte ich gut verstehen und nahm es in mein Hinten.

Ich muss mich bewegen, um weicher zu werden.
Aber die Muskeln, die mein Vorne halten, sind verkümmert.

Es kommt mir vor, als sei meine Haltung irgendwie doch nichts weiter, als ein hohles Gerüst, das ich mir anlegte, weil es nötig war und jetzt anlegen muss, weil beim Tragen etwas verkümmerte, das mir weh tut, wenn ich versuche es abzulegen.

Es ist eine Art organischer Käfig, dessen ich mir bewusst und bewusster werde.
Und ich bekomme Angst davor, ihn zu verlieren. Vielleicht eine Art Angst davor, alles Verkümmerte zu spüren und nicht zu wissen, wie ich ohne Stellung halten soll.
So bin ich doch auch gerade dankbar für den Schmerz und auch die erschwerten Bedingungen in Bewegung zu kommen.

Es tut weh, also bin ich.
Ich bin, also bin ich da.
Bin ich da, halte ich die Stellung.
Ich übernehme Verantwortung und trage meine Schuld.

So hat niemand Grund mich einzusperren.