Schlagwort: öffentlicher Diskurs

und macht das Teilhabegesetz, dass meine Behinderung sichtbar wird?

klitzeschnecke 2017 soll es dann in Kraft treten: das Teilhabegesetz, welches Menschen mit Behinderungen zu ihrem Recht auf Teilhabe am gesellschaftlichen Leben kommen lassen soll.

Ich mache mir seit einiger Zeit Gedanken darüber, wie eigentlich abstoßend es ist, dass die Gesellschaft an deren Rand ich vor mich hinlebe, in unserer Zeit noch immer daran arbeiten muss, Menschen nicht auszuschließen.
Dass ich mir noch immer anhören muss, ich solle mich nicht selbst am Rand ebenjener Gesellschaft verorten.
Dass Menschen mit Hilfebedarf, Hilfe erhalten, aber letztlich auf einer anderen Achse in unter Umständen Hilfe bedürftiger Position gehalten werden.
Dass Menschen durch die
menschenverachtende Praxis von Hilfegewährung zu schwerbehinderten Menschen gemacht werden- dieses aber in der Regel weder wissen, noch Fürsprache erhalten.

Ich lese Berichte über Teilhabe, Behinderungen und Inklusion und fühle mich ausgegrenzt, weil meine Art der Behinderung nie benannt, geschweige denn problematisiert wird.
Immer wieder gibt es diesen Umgang mit dem Thema der Inklusion, der seinen Fokus auf körperliche und/ oder geistige Defizite, die mittels spezieller Assistenz, bestimmter Raumumbauten und technischem Equipment “ausgeglichen” werden, hat.
Es wird über Inklusion gesprochen, doch agiert, als spräche man über Integration und erklärt so – auch ganz ohne Worte – wieso Menschen mit psychisch bedingten Behinderungen niemals in solchen Berichten auftauchen oder gar gehört werden, wenn es um Konzepte für Teilhabe und Zukunft für alle Menschen geht.

Ich komme mir mit meinen Unzulänglichkeiten so oft wie der Sondermüll unter “den Behinderten ™” vor, weil es für mich weder Seelenprothesen noch gesellschaftlich anerkannte Arbeitsumgebungen gibt.
In meinem Fall reicht es einfach nicht, das Klo zu vergrößern, Haltegriffe anzubringen oder den PC umzurüsten.
Um mir zu helfen braucht es, was der Begriff “Humanität” meint und genau das ist ein Problem.

Psychisch begründete Behinderungen werden immer wieder individualisiert und so auf einer Ebene betrachtet, die die Gesellschaft ™ von der Aufgabe das Grundrecht aller Menschen auf Hilfen und Gleichberechtigung zugänglich zu machen, enthebt.
Immer wieder begegne ich Sprüchen wie “Depression? Ja hatte ich auch mal- ich hab Urlaub gemacht und dann gings wieder. Depressionen haben ja alle irgendwann mal- hast du das gewusst- ist total normal so ne Depression” oder “Traumafolgestörung? Noch nie von gehört- aber ich kann mir vorstellen, dass dein Leben nach dem Trauma, nie wieder sein wird wie vorher. Da muss man sich durchbeißen und du schaffst das auch- du bist so ne starke Persönlichkeit!”.
Wenn ich solche Gespräche führe, blinkt in meinem Kopf ein Leuchtschild, dessen Schrift ich manchmal gerne durch meine Stirn hindurch leuchten lassen würde, einfach, weil ich zu beschäftigt bin, darüber nachzudenken, ob es sich nun lohnt diesen Menschen über seinen Ableismus und seine Ignoranz aufzuklären, um mein Missfallen laut zu äußern.

Ich erlebe es als großen Mangel, dass Menschen mit psychisch bedingten Beeinträchtigungen keine FürsprecherInnen haben, weil Individualismus und das dazugehörige Stigma noch immer so massiv um sich greift.
Für mich begänne gesellschaftliche Teilhabe an genau diesem Punkt: Teilhabe am öffentlichen Diskurs um Inklusion

Meine Kämpfe um Autonomie und Lebensqualität sind so eng mit der Gesellschaft ™ verbunden, dass eine Wortmeldung immer wieder mehr als symbolische Rampeneinweihung, Blindenschriftkurse für alle oder Werkstättenaufbaufinanzierungen zur Folge haben muss.
Oh weia.
Dann müsste neu über die Krankenkasse als Bürokratie um Menschenleben gedacht werden. Medizinische und auch therapeutische Ethik müsste ihre Themenfelder auf allgemeine Zugänglichkeit erweitern. Wir würden plötzlich über marktwirtschaftliche Barrieren sprechen, die sich allein aus bereits bestehenden Diskriminierungen entspannen und immer wieder neu entwickeln.

Wir würden tatsächlich darüber sprechen, dass Geld einen abstoßend menschenverachtenden Gradmesser in der Frage nach lebenswertem Leben darstellt.
Ja, wir müssten uns der Frage nach lebenswertem Leben stellen.

In der derzeit öffentlichen Debatte um Inklusion von Menschen mit Behinderungen gibt es diese Haltung von “Nein, nein- Menschen mit Down-Syndrom sind nicht wertlos- sie können noch arbeiten! Und schau mal hier: dieser Mensch im Rollstuhl kann ebenfalls noch super arbeiten, wenn man nur diese und jene Barriere wegnimmt!”
Es geht um (Weiter) Ver _ Wert_ ung, Leistung – diesen Traum von “Wenn du nur willst- wenn du dich nur anstrengst- wenn du nur arbeitest und irgendetwas aus dir machst- dann bist du jemand und deine Existenz hat einen Zweck. So wirst du zur Stütze unserer Gesellschaft und ergo völlig inkludiert.”.

Wie unsere Gesellschaft derzeit mit genau der Frage nach dem Wert des Lebens umgeht und welche Preise sie für die Nichtbeantwortung zu zahlen bereit ist, ist aktuell sowohl in der noch immer krassen Situation der Hebammen, wie in der letzten Planung des GBA in Bezug auf die Psychotherapierichtlinie zu erkennen.

Es geht darum das Minimum zu investieren und das Maximum herauszuholen. Wer dem nicht entsprechen kann, fällt raus und braucht ein Gesetz um noch – nun seien wir doch ehrlich- mindestens im rein kostenverursachendkonsumierendem Teil der Gesellschaft ™ existieren und dies als “Teilhabe” bezeichnen zu dürfen.

Meine gesellschaftliche Teilhabe begänne mit Sichtbarkeit, Entstigmatisierung, dem Ende der Pathologisierung, Schutz vor Gewalt, aller Hilfegewährleistung und der Anerkennung (und Wahrung) meiner Würde in Kontexten der Hilfen.
Das ist eine ziemlich lange Liste, die ich in weiten Teilen auch mit allen Menschen gleich bereits jetzt teile.

Das ist ziemlich peinlich für ein Land, das bereits 2007 die Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat und seit 2009 verpflichtet ist, ihr nachzukommen.

#idpet und Hitzlsperger

Seit Monaten steht auf der Online Plattform “Open-Petition” eine Petition (Link zum Zeitartikel) mit dem Titel: “Zukunft- Verantwortung- Lernen: Keine Bildungsreform 2015 unter der Ideologie des Regenbogens”.
Die offen lesbische Bloggerin Nele Tabler berichtet und recherchiert schon länger über diese Petition, die sich auf das Ziel der Bildungsreform 2015 zur Akzeptanz “sexueller Vielfalt” bezieht. (Twitterhashtag: #idpet)

Es ist ganz klar, dass dort seit Monaten eine homophobe Suppe kocht, die sich derartig in den Kommentaren offenbart, dass (zumindest in meinen Augen) bereits das Level der Hassrede erreicht ist. Doch die Petition steht nachwievor. Der Anbieter sieht sich ganz offensichtlich nicht in der Pflicht die Petition rauszunehmen. Immerhin gibt es inzwischen einen Meldebutton für Kommentare.
Lange genug hats gedauert und Symptombehandlung geht bekanntlich fix.

Dann taucht da ein Mensch auf, der seine Brötchen lange damit verdiente Fußball zu spielen und lüftet sein Geheimnis “Homosexualität” in der Zeit.
Jaja, es ist unbedingt nötig über Homosexualität im Fußball zu sprechen. Wie jede/r weiß braucht es volles Bewusstsein um sowohl die eigene Sexualpräferenz, als auch die der MitspielerInnen, um einen Ball in ein Tor zu schießen.

Perfektes Timing- falsches Ziel! möchte ich dem Menschen zurufen.
Irgendwann bequemte sich die Zeitung im Zuge der Hitzlspergerjubelei die Petition zu erwähnen und auf die über 60.000 zum Teil schwer idioti ideologisch eingefärbt denkenden Homophoben zu verweisen.

Nur- oh weh- die spielen gar nicht Fußball!
Die haben es auf die Bildungsreform abgesehen und denen ist ein nun offen lebender Schwuler, der irgendwann mal Fußball spielte, vermutlich noch ein Anlass mehr, Petitionen und Proteste laut zu machen. Indirekt bestätigt von homophoben CDU- Altmännern aus einer politischen Landschaft von Vorgestern, wie Norbert Blüm, der am letzten Wochenende Platz für seine Homophobie in der FAS bekam.

Was mir an den ganzen großen öffentlichen Debatten auffällt, ist ein gemeinsames Zentrum, das immer mehr aus dem Blick gerät.
Wir sprachen im letzten Jahr über die Grundfrage: “Wie gehen Männer* und Frauen* miteinander um?” und thematisierten allgegenwärtigen Sexismus, der sich in Biologismen und sozialen Ungerechtigkeiten sowie allgemeiner Verhaltens- Norm spiegeln.
Dann plötzlich kam Frau Schwarzer- ihres Zeichens Geschäftsfrau zum Thema “Feminismus” und BÄNG! sprachen wir über Prostitution, über FreierInnen und “Zwangsprostituierte” in einer Art und Weise, die lediglich Pro- oder Kontra zulässt.
Nun geht es um Homosexualität. Pro oder Kontra? Bildungsreform rein in die Schulen, oder raus? Wie offen darf/ kann/ muss/ soll der Umgang mit Sexualität sein?

Liebe/r LeserInnen, versteht mich nicht falsch- ich begrüße diese Debatten und denke, dass wir* (als Gesellschaft) davon profitieren können.
Ich denke aber, dass wir Fehler im öffentlichen Diskurs begehen, aus denen schon längst hätte gelernt werden können.

Ich habe auch hier wieder als Erstes die Medien im Blick, denn allein schon wie erneut über das Coming out einer Person der Öffentlichkeit geschrieben und berichtet wurde, lässt mir als Nichtjournalistin die Haare zu Berge stehen. Serviceinfo: Heute muss sich niemand mehr zu Homosexualität “bekennen”- das musste man bis zur Niederlegung des §175- als Homosexualität noch eine Straftat war. Hier ist ein schöner Artikel dazu verlinkt, wie es besser laufen könnte.
Es ist – mit Verlaub- einfach dumm, jemandem zum offenen Leben als Schwuler zu gratulieren- gleichzeitig aber zu schreiben, als sei er eigentlich ein Krimineller.

Die gleiche Dynamik war beim Thema Prostitution zu beobachten- eigentlich geht es darum, Menschen zu schützen, die in (staatlich anerkannte und mit Steuern belegte!) Arbeitsverhältnisse gezwungen werden. Das ist etwas, das genau gleich in Arbeitsbereichen der Haushaltsführung und auch im Baugewerbe zu beobachten ist: Menschen werden hergeschifft, ihnen werden sämtliche Papiere abgenommen und sie werden zur Arbeit gezwungen.
Doch anstatt tatsächlich über die Formen von Ausbeutung in unserer heutigen Gesellschaft zu sprechen, tauchten Artikel mit fast pornorösen in Rotlicht gehaltenen Symbolphotos auf und die Masse darf sich über eine Kluft zwischen Überfrau Schwarzer und der noch jungen SexarbeiterInnenlobby den Kopf ausschütteln.

Was kommt jetzt?
Sprechen wir darüber, dass Menschen mit gleichgeschlechtlicher Sexualpräferenz, allein aus diesem Grund von unserem Gesetz diskriminiert werden?
Sprechen wir darüber, dass Menschen mit gleichgeschlechtlicher Sexualpräferenz , allein aus diesem Grund als Exoten, die es sich ja auch anders aussuchen könnten, behandelt und im Diskurs benutzt werden?

Sprechen wir nun endlich einmal darüber wie wir als Gesellschaft mit Homosexualität umgehen?

Sprechen wir vielleicht endlich einmal darüber wie wir Menschen miteinander umgehen?

Sprechen wir vielleicht endlich einmal darüber, wie wir besser miteinander zurecht kommen können?

Nein.
Und das ist, was mich aufgerieben und traurig zurück lässt.
Wir leben in einem gesamtgesellschaftlichen Klima, das solche Debatten endlich (erneut) entfachen lässt, doch werden regiert von einer Bundesregierung die an Stoizismus in allen hier erwähnten Debatten nicht zu überbieten ist.

Unsere Regierung wird sich niemals hinstellen und sagen: Hey- ich diskriminiere dich, weil du eine Frau bist (und an den Herd/nach Hause/zu den Kindern gehörst) / weil du ein/e AusländerIn bist (und nur herkommst um an unserem sozialen Busen zu nuckeln- was ja jede/r nur wollen kann, wenn er aus Kriegsgebieten kommt) / weil du mit Menschen deines Geschlechtes Sex hast (was widernatürlich ist, keine Kinder zur Folge und ergo weder Schutz noch gleiche Rechte erfordert- du könntest diesen Quatsch ja auch sein lassen- Liebe ist für Deppen- es wird dir nicht weh tun dich G’tt zu zuwenden und viele viele Kinder zu machen… bis an dein Lebensende- komm schon demographischer Wandel bzw.. seine Folgen- du bist auch Deutschland du kleine ekelhafte Minderheit) etc. etc. etc..
Sie wirds einfach tun.

Vor allem, wenn öffentliche Debatten so einfach umzulenken sind und am Ende nichts weiter steht, als keifende Grüppchen ohne vergleichbare Strukturen, die gegen diese Mauer aus Ignoranz, wegen vermeintlicher Irrelevanz anreden.

Nachtrag: Die Bildungsreform 2015 sieht übrigens eine Vermittlung aller Formen von Sexualität, Geschlecht und Selbstpositionierung vor. Da sich der öffentliche Diskurs aktuell nur auf Homosexualität bezieht, schrieb ich diesen Artikel auch nur darüber.
Dies heißt aber nicht, dass ich als Autorin gewillt bin, andere Formen von Geschlecht, Sexualpräferenz und Selbstpositionierung unsichtbar zu machen.