Das feuchte Knirschen unter meinen Schritten hallt in der leeren Straße. Die Kälte greift in mein Gesicht. Ich flirre. Die Krankschreibung in meiner Tasche ist glatt und zart. Der Tag erst kurz von der Sonne beschienen.
Es ist also wieder da. Die Somatisierungsstörung. Die Schlafstörung. Die PTBS.
Ich bin so richtig, so eindeutig erheblich, krank.
Ich fühle mich besiegt. Geschlagen im doppelten Sinne.
Nix mehr mit tapfer. Mit „Ist schwer, aber geht schon“.
Ich weiß, dass das mein Ding ist. Niemanden belasten. Drüber reden, aber schon immer drauf achten, dass die komplette Breitseite, der Umfang, die konkrete Bedeutung der Diagnosen und der Behinderung, durch optimistische Offenheit, ironischen Witz und alltagsübliche Bagatellisierung, verschleiert bleibt. Meine Traumasache vermeide ja nicht nur ich. Zum „So-tun-als-ob Trauma und Behinderung nichts weiter bedeuten müssen“, gehört mehr als die Vermeidung einer traumatisierten und behinderten Person.
Es macht etwas mit mir, zu merken, dass meine Hausärztin diese Breitseite nicht von mir benannt haben muss, um sie zu erfassen. Meine Verwundbarkeit als ihre Patientin wird mir bewusster und sofort greift die Triggermechanik. Sofort bin ich geistig wieder beim Klinik-GAU, emotional im seelischen Hochmoor. Und genauso schnell vakuumiere ich mich davon weg. Werde steif, strenge mich an. Konzentriere mich auf das, was sie sagt, bohre mir die Gegenwart in den Kopf wie ein Betonfundament. Als ich die Praxis verlasse, merke ich den Wechsel. Den Switch zurück in die compliant Patientin, die besser weder dem eigenen Gefühl über die eigene Lage glaubt, noch weiß, was denn jetzt wirklich angemessen, okay, sicher, richtig ist. Das ist Klinik-GAU-Modus. Psychiatrie-Hannah. Klapsleichen verdrängen und mitmachen so gut es irgendwie geht-Rosenblattsalat.
Ich habe mich lange nicht mehr so rosenblättrig gefühlt. Und dieses Wiederaufbrechen meines Selbstgefühls ist es, was mir gerade den Rest gibt. Meine Arbeitsfähigkeit ist kaputt. Meine Lebensziele wahrscheinlich nicht mehr erreichbar. Und jetzt ist auch das, dieser psychische Kongruenzerfolg, überhaupt nicht festgeschrieben.
Jede Krise ist eine Herausforderung an die persönliche Resilienz.
Und Resilienz ist überhaupt nicht einfach „trotzdem weitermachen“ zu können, wie man sich das heute in Kurzvideos und KI-generierten Webseitenzusammenfassungen erzählen lassen kann. Resilienz zeigt sich in der Fähigkeit, sich anpassen zu können. Resilient ist, wer anders weitermachen kann, ohne auf etwas von sich verzichten zu müssen.
Was auch immer an mir resilient ist – meine Psyche ist es also definitiv nicht. Nichts von mir habe ich je so freigiebig aufgegeben, verdrängt, vermieden, verleugnet, kategorisch abgetrennt wie mich selbst.
Ich habe immer weitergemacht, weil ich nicht weiß, was ist, wenn ich nicht weitermache. Wie mein Tag dann aussieht. Wie sich das anfühlt, in echt nicht irgendwas weiterzumachen. Ich stelle mir das wie ein reflexloses Leben vor. Also ein schon allein biologisch unmögliches Leben.
Krisen sind transformierend. In solchen Phasen gibt es keine Möglichkeit zu wissen, wie was wird. Ich kann mir jetzt keinen Plan machen. Nur Ziele setzen, deren Erreichen überhaupt nicht sicher ist.
Ich glaube, darin zeigt sich letztlich Resilienz – darin, dass man sich in einer Krise Ziele setzt, auf die hin man weitermacht. Obwohl man sie vielleicht nie erreicht oder sie erreicht, aber nie sicher sein kann, dass sie bleiben. Damit okay zu sein, diesen Umstand hinnehmen und aushalten zu können – vor sich selbst vertreten und durchsetzen zu können mit allem, was man in sich hat – das ist eine ganz individuelle Kraftanstrengung. Dafür bemüht man etwas in sich, das vielleicht lediglich ein biologischer Trieb ist, aber vielleicht doch auch das, woraus Seele besteht.
Ich fühle diese Kraft im Moment nicht.
Ich bin müde. An manchen Stellen sehr hoffnungslos. Die meisten Dinge, für die ich mich gerade anstrenge, machen mir zuweilen extreme Angst. Obwohl ich gleichzeitig oft den Eindruck von Sinn- oder Bedeutungslosigkeit habe.
Es gibt aber auch Gutes.
Das ist nicht meine erste Krise. Bisher bin ich früher oder später einfach wieder in die Kraft gekommen, mir Ziele zu setzen und damit zurechtzukommen, dass ich mich selbst in Sicherheitsgefühle reinlügen muss, um mich dem Lauf der Dinge wieder neu, anders, zu übergeben.
Als ich wieder zu Hause bin und ein Tee meinen Bauch entspannt, hört das innere Flirren auf. Ich schaue auf die schmelzende Schneedecke auf dem Feld vor meinem Fenster und bin mir sicher, dass es nicht so bleibt wie jetzt.
Bisher ist nichts geblieben, wie es war.
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Das ist das Gute und Schwierige am Leben: »und bin mir sicher, dass es nicht so bleibt wie jetzt. Bisher ist nichts geblieben, wie es war.«
Dieses ewige Rauf und Runter ist soo anstrengend. Ich wünsche euch, dass es bald wieder leichter wird.
Danke dir <3