die FAQ-Seite

Heute Morgen habe ich die FAQ-Seite gelöscht.
Auslöser war eine Häufung der Rückmeldung, dass man nicht verstehen könne, was wir schreiben. Dass unsere Texte intellektuell nicht zugänglich seien. Und entsprechend der Eindruck, dass diese Seite ihren Zweck nicht erfüllt.
Und.

Gehen wir mal davon weg, dass es uns empfindlich trifft, wenn man uns sagt, dass man uns nicht versteht. Dass es unfassbar tief triggert, weil das Unverständnis anderer Menschen uns so oft mit so vielen schwierigen Dingen und Lebenslagen alleingelassen hat.
Und gehen wir auch davon weg, wie verwirrend ein Feedback ist, das uns positive Rückmeldungen gibt und gleichzeitig sagt: „Ich hab nicht verstanden, worum es ging.“ Denn, ja, das geht durchaus beides – sagt mir aber auch: „Es ist total egal, was du da schreibst, ich finds gut.“ und das hört wohl niemand gern, die_r auch schreibt, um etwas zu sagen.

Wir können unser Schreiben hier als Überkompensation von Kommunikationsproblemen und notwendige Reflexionsarbeit anerkennen, können aber auch sehen: Wir machen das aber hier und nicht versteckt hinter einem Passwort und im kleinsten Freundes- und Gemögtenkreis, weil wir auch etwas von dem, was in uns vorgeht, teilen wollen. Mit anderen Menschen.

Wir wissen, dass man nicht alles Wissen als gegeben annehmen darf. Wir wissen, dass vielen Menschen der Zugang zu formaler Bildung, zu Allgemeinbildung sehr erschwert ist. Wir wissen auch, dass viele Menschen länger brauchen, um Wissen transferieren und anwenden zu können und Gelerntes im Gedächtnis zu behalten.
Wir wissen aber auch, dass es Fähig- und Fertigkeiten erfordert, das eigene Wissen immer wieder und wieder und wieder und wieder und wieder – über Jahre hinweg und immer ganz persönlich sich selbst betreffend – zu vermitteln. Und diese Fähig- und Fertigkeiten wenden wir bereits in Workshops und Vorträgen an. Müssen wir anwenden, wenn wir mit Behörden zu tun haben oder neue Menschen in unser Leben integrieren.
Zu mehr Erklärbärzirkus sind wir einfach nicht bereit. Und ja, ich nenne das Erklärbär“zirkus“, weil ich es als soziale Selbst_Darstellung wahrnehme, sich und die eigenen vermeintlichen Abweichungen permanent zu erklären, als würden Erklärungen allein reichen, um zu verstehen, mitzufühlen oder sich mit einer Person verbinden zu wollen. Wer sich erklären muss, um verstanden zu werden – wer sich dieser Art des Anspruchs beugen muss, ist in einer Position, aus der heraus wenig bis nichts vorausgesetzt, nichts erwartet werden darf und das halte ich für fatal.
Ich will annehmen dürfen, dass Leute, die hier lesen und nicht verstehen, entweder in den Kommentaren nachfragen oder ihre Frage bei Google eingeben, denn wer es bis hier hinschafft, wird es auch dahin schaffen.

Die FAQs wurden immer mal wieder angeklickt, doch von uns zuletzt 2014 aktualisiert. Da stand nichts über Autismus, über unsere anarchistische Haltung, darüber was nicht binär, pansexuell – queer – sein bedeutet. Da stand nichts zu Inklusion, nichts über Gewaltkultur, nicht einmal die DIS habe ich darin als den Komplex beschrieben, der sie bedeutet. Nicht, weil ich das alles nicht erklären kann, sondern, weil das alles schon zigfach erklärt wurde. Auch von mir – in den hier veröffentlichten 1517 Texten, von denen 1223 öffentlich lesbar sind, aber auch in den vielen Stunden „Viele-Sein“. Ja, die zu lesen oder zu hören ist fordernd, anstrengend und mimimi, aber ganz ehrlich – was glaubst du, wie anstrengend war und ist zu leben, was wir hier aufschreiben und im Podcast aussprechen? Und wie anstrengend es für uns ist, dafür Worte zu finden. Und die Technik hinter allem zu managen. Und sich Gedanken über Inhalte, Reichweite, Zugänglichkeit, Außenwirkung und bliblablö zu machen – während man weiß, dass man am Ende doch kaum wirklich beeinflussen kann, wie einzelne Menschen darauf reagieren oder damit interagieren können.

Ich will nicht allein dafür verantwortlich gemacht werden, verstanden zu werden. Das ist eine Gewaltdynamik und ich will sie nicht mehr mitmachen. Oder so tun, als wäre sie legitim, denn sie ist es nicht. Sie ist nur gewohnt, weiter nichts.

8 thoughts on “die FAQ-Seite

  1. Teilen…. hm…. aus welchen Gründen teilen wir? Aus vielerlei Gründen…. Einerseits weil WIR das brauchen uns schriftlich auszudrücken, weil wir dadurch selbst klarer werden in unserem Denken und natürlich fänden wir – also ich – es auch nicht schlecht, wenn wir mehr Kommentare oder gefällt mir bekommen (vorausgesetzt sie sind ehrlich). Doch bei mir ist es inzwischen so, dass ich mich seit ich Blog schreibe derart verändert habe, dass meine Sichtweise für die, die mir früher folgten, oft nicht mehr mitkommen, weil das Tempo enorm ist/bzw. war.
    Vielleicht liegt es an nicht mainstreamigen Themen, warum es da so wenig Kommentare gibt, oder weil es für die Follower so neu ist – jedenfalls sehe ich ja bei wordpress wieviel stumme Mitleser die Texte lesen und sie täten es wohl nicht, wenn sie nicht irgendwie daran interessiert wären. Ich selber lese auch viele Seiten in den Blogbeiträgen bei anderen Leuten, WEIL ich sie interessant und erweiternd finde, weiß aber auch nicht immer was dazu zu kommentieren (oder gar sie zu bewerten – wer bin ich, dass ich Wertungen für andere Denkweisen abgäbe – alles hat seine Berechtigung und andere Meinungen und Schilderungen von Lebenswegen und Methoden können auch anregend sein.) Ich lese schon lange – viele Jahre bei Dir mit und manches ist mir fremd – natürlich weil ich (auch) anders ticke – jeder ist ein Individuum und sieht die Welt nach seinen Maßstäben. Wenn ich manches nicht verstehe – egal ob intellektuell oder emotional oder sonstwie, dann ist das doch das MEIN Problem…. und heißt nur, dass ich noch nicht alles verstehen oder nachvollziehen kann, trotzdem finde ich es interessant.
    Natürlich wollen wir Blogger auch verstanden werden, aber wenn nicht, so kümmert mich das mittlerweile auch nicht mehr so (In meinem ersten Blog vor 5/6 Jahren hatte ich wirklich viele Leser, Kommentierer und Likes, aber das waren aus meiner heutigen Sicht keine konstruktive Auseinandersetzungen mit dem Thema Vielesein, Ungerechtigkeit, Leid und Hilflosigkeit – für mich damals wichtig, aber heute wäre es auf meinem Weg echt behindernd). Und ist es nicht so, dass wir die breiten Autobahnen lieber nicht gehen wollen, die Mehrzahl der Menschen denken nicht in der Tiefe über die Dinge nach und für mich ist das bereichernd, dass ich nun soweit bin, dass ich zu mir – dem was ich schreibe stehen kann und zum Ausdruck bringen darf – auch wenn dieses Denken und Sein nicht grad an jeder Ecke zu finden ist – so ist es doch MEINS und dafür brauche ich keine Rückmeldungen – höchstens von Menschen, die verstehen. Ich habe auch außerhalb des Blogs nun Menschen gefunden, die auf einer ähnlichen Schiene denken und handeln mit denen ich mich austausche auf dem gleichen Level, mit den gleichen Interessen, gemeinsam entwickeln wir uns weiter – egal was andere darüber denken oder verstehen – Hauptsache wir verstehen einander.

  2. Ich denke über Verstehen nach. Und wie es doch immer beschränkt ist, beim besten Willen, die anderen Menschen bestmöglich verstehen zu wollen, von meiner eigenen Erlebniswelt, von meinen eigenen Erfahrungen. Es ist immer nur ein mal besseres, mal schlechteres Übersetzen.

    Natürlich ist das Verstehen eines Menschen mit so vielen so komplexen Gedanken wie bei euch nicht immer einfach. Und natürlich weiss ich nicht, ob es mir gelingt. Aber ich will es immer wieder probieren. Und ich bin oft sehr inspiriert von der Art, wie ihr hier im Blog Worte findet um Dinge zu beschreiben, die ich so und ähnlich oder ganz anders erlebe. Das Lesen hier ist für mich sehr kostbar geworden. Und ich spüre ganz oft auch den Schmerz hinter den Worten, das Ringen dahinter.

    Keine Ahnung, ob diese Zeilen irgendwie helfen, aber ich bin immer wieder sehr dankbar, dass ihr so kompromisslos und vielschichtig aus eurem Alltag erzählt.

    1. Hey Sophia
      den Aspekt der Übersetzung finde ich gut. Ja, man muss einander oft übersetzen. Das ist aktives Handeln, dafür muss man einiges aufbringen.
      Ich finde gut, wenn Menschen merken, dass ich hier schon etwas übersetzt habe und sie dann dran sind. Anscheinend machst du das ja so.
      Naja und dann sind da die Leute, die das nicht machen wollen. Mit denen waren wir diese Woche gehäuft konfrontiert.
      Ich glaube, ich finde es nicht mehr so schlimm wie früher, wenn Leute immer wieder so weit an dem was ich ihnen sage vorbei verstehen – aber ich finde immer noch ultra schwierig wenn Leute a) so tun als würden sie voll verstehen, obwohl ich ihnen sage, dass sie das nicht tun
      oder b) ihr Unverständnis zelebrieren und die Verantwortung dafür komplett abgeben. So nach dem Motto: Also wenn ich das wirklich verstehen soll, dann musst du mir das passend erklären.
      Das packt mich jedes Mal so etwas.

  3. Willkommen in der Welt der von den diagnostiziert Gestörten sogenannten „Normalen“!
    Hier versteht ganz grundsätzlich niemand jemanden, vor allem, sobald es um Wesentiches geht. Zu keiner Zeit.

    Und übrigens auch die sogenannten Normalen, also diejenigen, die zum Beispiel keine Autismusdiagnose und keine dissoziative Identitätsstörungsdiagnose erhalten haben, haben in der Menschenwelt Schreckliches erlebt.

    Willkommen also nochmals in der Menschenwelt (die von sogenannten Normalen und sogenannten Gestörten bewohnt und gemacht wird).
    Das hier ist kein schöner Ort.
    Und er wird niemals ein schöner Ort werden, solange Menschen auf ihm leben.

    Beste Grüße aus dem Witwesk
    Corinna

  4. Ich finde es sehr schade, dass ihr diese Erfahrungen (auch) machen müsst. Wir hatten schon einige Blogs in unserem Leben und da hieß es auch manchmal: ich verstehe das nicht, aber es ist voll schön geschrieben! Manchmal hat uns das tatsächlich auch gefreut, manchmal ist es aber auch sehr unflauschig, wenn man eigentlich etwas sagen müsste. (Wir hatten manchmal Gedichte geschrieben und die versteht ja ohnehin jeder komplett anders, also ist es da, denke ich, nicht so wichtig, ob es jemand versteht.) Ich kann aber auch nachvollziehen, dass es stört.
    Ich muss ganz ehrlich sagen, dass es hier auch manchmal Probleme gibt, eure Texte zu verstehen – das ist wohl so, wenn sehr viel Intelligenz zwischen zwei Menschen (oder eben zwei Systemen) liegt. Ich meinte mal zu meinem Freund, dass ich diesen Unterschied beim Lesen sehr deutlich merke. Aber dann lesen wir es einfach drei mal – oder am nächsten Tag nochmal. Oder es liest eine andere Innenperson. Und dann geht es eben auch.
    Ich persönlich gebe mir immer extrem viel Mühe von absolut jedem verstanden zu werden und ich habe jetzt, durch euren Post, erst realisiert, wie kaputt das eigentlich ist. Bei anderen Menschen, wenn ich sie nicht verstehe, gebe ich mir immer extra Mühe, die Sachen noch dreimal zu lesen und Wörter zu googlen (falls es fremde Wörter gibt) oder im Zweifelsfall eben nachzufragen – aber bei mir erwarte ich, dass ich das alles von mir aus so leisten kann, dass die andere Person nichts tun braucht. Ich würde es nicht ändern, weil ich es als eine meiner großen Stärken betrachte, dass ich Sachen oft so erklären kann, dass nahezu jeder sie versteht – aber ich glaube, es nimmt die Schuldgefühle ein wenig raus, das zu verstehen. Also dieses: „Die Person hat mich nicht richtig verstanden, also habe ich es nicht gut genug erklärt.“ Vielleicht hat die andere Person ja auch einfach nicht gut genug zugehört.
    Vermutlich schmeißt unser Gehirn diese Erkenntnis morgen direkt wieder raus, weil, kann ja nicht sein, dass andere Menschen auch mal Verantwortung für irgendwas haben müssen, aber Danke, dass ich die Erkenntnis zumindest für heute haben durfte wegen euch. 🙂

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