was es macht, wenn man behinderte Menschen zu Menschen mit Behinderung macht

Manchmal ist es für Freund_innen und Bekannte, für Lehrer_innen und Behandler_innen, die mit mir zu tun haben, gut und wichtig, dass ich ein Mensch mit Behinderung bin. Dann bin ich nämlich einfach da und die Behinderung, die ist nur eine Beigabe. Ein Merkmal wie ein T-Shirt, das man manchmal trägt, das grundsätzlich aber keine weitere Bedeutung hat. Man muss sich nicht darum kümmern. Es ist nicht weiter relevant. Man ist ja so frei. Man muss sich nicht auch noch all den unangenehmen, anstrengenden Implikationen widmen, die mit der Thematik einhergehen.

Was ist denn eine Behinderung? – Was hast du denn? – Ich sehe nur dich, du kommst mir so normal vor – du bist doch nicht behindert. – Was ist in unserem Kontakt gut und was nicht? – Behindere ich dich etwa? Ich oder etwas, das ich tue, kann doch unmöglich eine Behinderung sein! Behinderungen sind doch hier … äh sabbern und schaukeln oder hm, naja, irgendwie so körperlich nicht so ganz …

Schon so lange versuche ich, andere Menschen nicht als meine Behinderung wahrzunehmen. Ich versuche unverständliche, unkonkrete Kommunikation als ein Add-on zu sehen, das nichts mit ihnen zu tun hat. Ihre Kommunikation und Interaktion sind nicht sie, ist nichts was etwas zu bedeuten hat. Ich versuche immer nur sie zu sehen und mir alles andere zu erarbeiten, mit aller Anstrengung, die das für mich bedeutet.
Aber ohne gegenseitige Verständigung und gegenseitiges Verstehen ist alles nichts. Denn was bleibt denn von jemandem außer der verkörperte Wert, den ich zuschreibe, weil ich nur sie_ihn sehe? Das ist nicht genug und wird der Komplexität und Fülle des Am und im Leben-Seins der Person nicht gerecht. Es ist unfair, jemanden nur als Mensch zu sehen, weil es das ist, was am nächsten an einem oder einer selbst dran ist. Was am ehesten nachvollziehbar ist. Was man wenigsten Versteh.arbeit bedeutet.

Aber manchmal ist das nötig. Manchmal kann man nicht anders. Manchmal muss man auch nicht anders wollen dürfen. Nicht immer schadet man damit sofort.
Und manchmal ist das so – und es verletzt mich, die behinderte Person, trotzdem. Trotz aller Bereitschaft dafür, die Notwendigkeiten, Bedarfe und Sachzwänge anderer Menschen anzuerkennen.
Und das schadet.

Unsere Podcastepisode über Behinderungen in Viele-Sein.

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