„Also bist du auch pro Organhandel?“, fragt mich jemand, wahrscheinlich aber auch nur ein Bot in einer Kommentarspalte zum Thema sogenannter „Leihmutterschaft“. Ich finde die Debatte unwürdig. Und in weiten Teilen am Punkt vorbei. Widersprüchlich. Moralverheddert. Unschlüssig. Auch die Berichterstattung zu Jens Spahns Elternschaft. Vielleicht fange ich da an.
Die Überschrift ist, dass Jens Spahn und sein Mann Eltern werden mit einer Leihmutter. Das ist so einfach nicht richtig. Einer der Männer wird biologisch, natürlich, wenn man so will, und der andere durch Adoption zum Vater. Die Person, die schwanger war für das Kind, ist im Sprechen vor allem deshalb Mutter, weil es meistens so ist, dass die Person, die schwanger ist, auch die Mutter wird. Wenn diese Person aber schwanger war mit einem Kind, das nicht aus der eigenen Eizelle entstanden ist, dann wird auch diese Person erst durch Adoption Mutter dieses Kindes. Auch wenn sie mit ihm schwanger war und es geboren hat. Ist also Jens Spahns Kind, nicht aus der Eizelle der Person entstanden, die mit ihm schwanger war, so ist diese Person nicht die Mutter des Kindes.
Kompliziert? Wirr? Ja. So verwirrend sind gesetzliche Regelungen vermischt mit Alltagsannahmen, denen cis‑Hetero‑Zweierbeziehungen nach patriarchaler Norm zugrunde liegen.
Patriarchale Normen rund um Schwangerschaften flankieren die gesamte Debatte, während ihre Kerneigenschaften unhinterfragt bleiben. Zum Beispiel die Zuordnung und der Zeitpunkt dafür. Wer schwanger ist, gilt allgemein sofort als Mutter – Eltern- und Kindergeld gibts aber erst ab Geburt. Mutterschutz nur bei Gefahr fürs Kind und bedarfsgerechte Betreuung sowie medizinische Versorgung nur bei passendem Wohnort und Kontostand. Von einem Baby sprechen viele schon bei einem Zellkomplex aus 16 Zellen, die noch nicht einmal mit einer Uterusschleimhaut verbunden sind. Alle Menschen wissen, wie weitgehend irrelevant die biologische Herkunft eines Kindes ist – alle wissen wir, dass die soziale Elternschaft schwerer wiegen kann als die biologische. Trotzdem muss adoptiert werden, wenn sich jemand um „nicht leibliche“ (allein dass es so einen Begriff gibt) Kinder umfassend rechtssicher kümmern möchte.
Für mich sind das Widersprüche, die ich nicht ignorieren kann. Vor allem dann nicht, wenn gesellschaftlich irgendetwas an diesen Verhältnismäßigkeiten neu geordnet werden soll. Denn das ist ja, was Debatten zum Ziel haben und wo die Reibungsflächen entstehen.
Was ich gestern aber oft gelesen habe, sind überwiegend Argumente, um Menschen, die schwanger werden können oder Eizellen haben, zu kontrollieren. Und Behauptungen darüber, dass diese Kontrolle zu ihrem Schutz sei. Vor Ausbeutung. Ohne dass jemand erklären könnte, weshalb diese Schutzmaßnahme dann nur für diese Personengruppe gelten soll und nicht etwa auch für Menschen, die arbeitsfähig sind. Die mit ihren Gehirn- oder Muskelfunktionen jeden Tag gegen Geld etwas von jemandem beauftragt produzieren. Die meisten machen das auch nur fürs Geld.
Ich verstehe und erkenne es absolut an, dass ein Bürojob nicht mit einer Schwangerschaft vergleichbar ist. Gar keine Frage. Aber bedacht wird in der Debatte ja der Aspekt des Handels. Es gilt für viele Kritiker_innen als nicht in Ordnung, wenn jemand diese spezifische Körperfunktion nutzt, um etwas zu machen, was jemand anderes nicht machen kann, darf, soll, will. Und das finde ich im Hinblick darauf, dass nur Dinge, die überwiegend Frauen mit ihren Körpern machen – dazu zähle ich auch Sexarbeit – als problematischer Handel betrachtet werden, weil unter Umständen zwingende Angewiesenheiten zugrunde liegen. Als würden die bei Erntearbeiter_innen, Verwaltungsfachkräften oder Verkäufer_innen nicht auch vorliegen. Als wäre deren Job in keinem Aspekt nie auch entwürdigend, entmenschlichend oder objektifizierend. Als würde da nie Ausbeutung passieren oder die Gefahr dafür bestehen.
Und Stichwort Schutz. Dazu hatte mir auch jemand etwas geschrieben. Wenn man sogenannte Leihmutterschaft verböte, wäre das ja auch Kinderschutz. Und einen Punkt daran finde ich richtig. Kinder haben ein Recht darauf, keine Ware zu sein. Im Fall von stellvertretenden Schwangerschaften werden aber nicht Kinder ge- oder verkauft. Wäre dem so, hätten Länder, die Leihmutterschaften erlauben, nicht das Problem, dass behindert oder krankgeborene Kinder von sogenannten Leihmüttern die Kinderheime füllen. Selbst für Mängelware gibt es schließlich Märkte.
Ich bin der Meinung, dass man sich für eine sinnvolle Diskussion über diesen Komplex genauer anschauen muss, wie sogenannte Leihmutterschaften jeweils gestaltet werden. Und in welchen Situationen man was wie nennt.
Vielleicht erinnern sich Lesende an den Film „Juno“? Eine junge Person wird unerwartet schwanger, entscheidet sich für eine offene Adoption des Kindes und lernt die sozialen Eltern noch vor der Geburt kennen. Ich frage mich, ob sie in dieser Konstellation nicht auch schon als „Leihmutter“ bezeichnet werden müsste. Sie bekommt kein Geld fürs Kind, aber in Amerika ist medizinische Versorgung – und damit Fürsorge und Schutz für den Fötus („das Kind“) – nicht kostenlos. Die sozialen Eltern des noch fiktiven Kindes bieten also Geld an. Damit die Jugendliche geschützt ist. Für mich passiert hier bis auf die biologische Beteiligung der zukünftigen Eltern genau das gleiche, wie bei einer sogenannten Leihmutterschaft.
Die soziale Abwertung von nichtamerikanischen Zuschauern bleibt hier aber aus, weil Adoption – die unbeauftragte Schwangerschaft, für deren Ergebnis sich Menschen verantwortlich machen wollen, die sich das unbedingt wünschen – gesellschaftlich nicht als Handel, sondern als soziale Alternative der Familiengründung betrachtet wird. Mit Adoption wird gerettet. Mit Adoption wird Leid verhindert, Zukunft geschenkt.
Leihmutterschaft hingegen gilt als egoistisch und rücksichtslos, der Natur gegenüber hochmütig. Viele zeigen sich angewidert, weil sie jemanden etwas für ein Kind machen sehen, das sie für andere Dinge ständig machen – mit Geld bezahlen.
Und das ist meiner Meinung nach der Punkt, der für mich stets unterbeleuchtet bleibt. Die Bewertung.
Anstatt zu sagen: „Ich finde es peinlich, eklig, abstoßend, falsch, unnatürlich, unmoralisch, dass Leute ihr Kind nicht durch Sex in einer Beziehung bekommen“, erzählen sie was von „vor Ausbeutung schützen“ und „Kinder sind keine Ware, auf die man Anspruch hat“. Am Ende scheint folgendes für mich immer durch: Leute wollen einfach an der patriarchal organisierten Grundnorm der Familiengründung aus Zeiten vor IVF und ICSI festhalten. Sie halten sich für progressiv, wenn sie Pflegschaften oder Adoptionen billigen, weil sie wissen, dass Kinder auch von der Rechtssicherheit ihrer Bezugspersonen abhängig sind. Aber auch das soll es nicht für alle geben. Selbst so vergleichsweise pragmatisch herstellbare Elternschaften – Verantwortungsübernahmen für absolut abhängige Menschen – sollen nicht für alle erwachsenen Menschen gleich möglich sein. Da gibt es Maßstäbe und gesetzliche Vorgaben, die an „natürlich gewordene“ Eltern niemals angelegt werden, teilweise einfach just because. Weil Kinder ja so wertvoll sind. – Nicht wertvoll genug für Schutz vor Kinderarmut, Bildung in heilen Schulen durch gesunde, fachlich bestmöglich ausgebildete Lehrer_innen oder ein Leben auf einem Planeten, der sie auch in Zukunft versorgen kann. Aber wertvoll genug, dass sie nicht bei wohlhabenden Leuten über 40 landen, die sich sehr sehnlich wünschen, (rechtssicher) Kinder im Leben zu haben.
Diese Heuchelei, dieser hingenommene, unreflektierte Widerspruch, stört mich. Wer Menschen schützen will, muss sie schützen. Muss was gegen Gewalt tun, nicht gegen Menschen.