Schlagwort: öffentliches Leben

deine Krise, mein Normal

„COVID-19 schränkt das öffentliche Leben in nie dagewesener Weise ein.“ las ich eben.
Für mich weicht das öffentliche Leben gerade auf.
Ich muss nicht mehr zur Arbeit fahren, niemand muss das mehr. Alle verstehen das.
Die 100 % Leistungsfähigkeit der anderen, sind im Moment sehr nahe an meinen 100 %, denn gerade kompensieren sie alle etwas nebenher und verstehen die Belastung.

Ich fühle mich verbundener als je zuvor, obwohl ich merke, wie wenig die Menschen begreifen, dass sie gerade zwar einen Ausnahmezustand er_leben, das aber genau mein Normal ist.

„Öffentliches Leben“ bedeutet für mich einfach nicht, jeden Tag im Café zu sitzen, jeden Tag einkaufen zu gehen, jeden Tag irgendwo wegen irgendwas physisch anwesend zu sein. Mein soziales Leben erfordert keine physische Präsenz. Mein öffentliches Leben findet bei Twitter, im Blog, in Messengern, via Skype und Telefon statt. Mein öffentliches Leben hängt von Strom und Internetverbindung ab. Und, ob ich genug Kraft zum Lesen und Schreiben, Verstehen und Sprechen habe.
Alles, was für die meisten Menschen jetzt eingeschränkt ist, ist für mich, für uns behinderte Menschen praktisch jeden Tag Gegenstand unserer Kämpfe: Teilhabe.

Ich bemühe mich wirklich sehr um Verständnis. Arbeite verstärkt daran weich zu bleiben. Zuzuhören, wahrzunehmen, Geduld zu haben und die Ruhe, die ich aus meiner Verbindung mit dem konkreten Hier und Jetzt ziehen kann, auszustrahlen. Ich möchte nicht, dass dieser Text als herablassendes Belächeln bei Menschen ankommt, die gerade vielleicht zum ersten Mal so umfangreich eingeschränkt werden. Und dann auch noch nicht zur Strafe oder aus einem destruktiv gewaltvollen Zwang heraus, sondern aus einer Logik der Für_Sorge. Aus etwas, worum es nicht um sie selbst als Einzelne_r, sondern um alle als Menschen, die jetzt leben, geht. Also etwas, das als Erfahrung in unserer kapitalistischen Welt kaum noch stattfindet und also kaum gelernt und noch weniger gewohnt ist.

Was ich mir wünsche ist, dass irgendwann bei allen ankommt, dass sie gerade keine generelle Ausnahme – ein nur von ihnen am Ausbrechen verhindertes Chaos – leben, sondern ein weitgehend übliches Normal. Ich wünsche mir, dass irgendwann allen klar ist, dass es ihre jetzt durchgesetzten Bedarfe nach Unterhaltung, Bildung, barrierefreier (as in „verständlich“, „aufnehmbar“, „einzuordnen“, „sicher“ und „verlässlich“) Information sind, die uns allen Zugänge ermöglicht, die sonst nicht gewährt werden.
Solche Dinge muss ich mir üblicherweise gezielt suchen – jetzt ist es scheinbar ein Ding des guten Umgangs miteinander.

„In der Krise sind wir füreinander da“, heißt es jetzt.
Schade, dass es dafür immer eine Krise braucht. Schade, dass unser Normal eure Krise ist und unsere Krise damit wieder unsichtbar.
Denn ja, auch wenn viele von euch jetzt leben wie wir, habt ihr einfach nicht unsere Bedarfe. Zu euch muss niemand kommen, damit persönliche Hygiene, Haushalt, Aufrechterhaltung der körperlichen, seelischen und/oder geistigen Konstitution gewährleistet sind. Ihr seid nicht abhängig vom Betteln, nicht abhängig vom Müll anderer Leute. Ihr seid nicht existenziell von der Freizeit und den Privilegien anderer Menschen abhängig. Ihr geht nicht in den Laden und hofft, dass alle die teuren Markensachen gehamstert haben.

Ihr, die ihr jetzt ins Internet und Feuilleton schreibt, eure Freiheit sei so eingeschränkt, weil von euch ein Mindestmaß an Vernunft und Verantwortungsübernahme verlangt wird, habt offensichtlich keinerlei Bewusstsein für das Ausmaß eurer Freiheit. Und das ist so bitter, wie traurig, denn das bedeutet, dass am Ende niemand etwas von eurer Solidarität hat.
Ihr seid jetzt voller Hochachtung für die Arbeit in Pflege, Medizin und Naturwissenschaft, doch bezieht euch dabei auf das, was geleistet wird. Nicht auf die Bedingungen, unter denen sie erbracht werden und auch nicht wofür und warum sie in dem Maße erbracht werden (müssen). Ihr freut euch, dass da Leute sind, die sich für euch den Arsch aufreißen. Das ist keine Solidarität, das ist Zufriedenheit, Sicherheitsgefühl, Dankbarkeit.

Solidarisch wäre die kritische Auseinandersetzung mit den Ansprüchen, die an die Menschen in diesen Berufsgruppen gestellt werden. Solidarisch wäre die kritische Auseinandersetzung mit den Abhängigkeitsbeziehungen, die sich für behinderte, chronisch erkrankte, arme, alte, aufgrund von Rassismus benachteiligte Menschen durch eben jene Ansprüche ergeben. Solidarisch wäre ein bewusster Umgang mit der eigenen Freiheit.

Ich verstehe, dass das schwierig ist. Freiheit ist schwierig. Solidarität und Miteinander sind schwierig.
Alles ist gerade schwierig für viele Menschen.
Aber glaubt uns, die wir jeden Tag mit diversen Schwierigkeiten leben, dass es schwieriger ist, mit Leuten um Freiheit, Solidarität und Miteinander zu ringen, die kein Bewusstsein dafür haben.