nach all dem

Hamburg.
Außenalster. Die Sonne scheint. In einer nicht enden wollenden Masse, schieben sich Menschen unterschiedlichsten Tempos über den Weg. Ich kullere aus dem Strom und schaue aufs Wasser. Kleine Wellen, einige Enten, zwei Nilgänse. Ein Segelboot unten, klarer Himmel oben.
Zu meinen Füßen eine dicke Hummel, die in kleinen Bögen um blühendes Kraut fliegt.

Ich erde mich in den Moment. Spüre der Vertrautheit der Irrniss nach. Jaja, dieser Coronatrallafitti, der ist irreal und absurd, aber ey, wieviel absurder ist, dass ich jetzt hier sitze. Dass ich hier sitze, weil ich weiß, dass es sonst schief geht. Wenn wir uns nicht kümmern, wenn wir diesen einen extra Schritt, diesen einen extra Handschlag, diese eine Extraausgabe nicht machen, dann kann mit einem Mal alles umsonst gewesen sein. Nicht theoretisch, sondern ganz konkret. Unsere sichere Basis wäre – wieder – kaputt. Und, nein, ich verspreche nicht und werde auch nie behaupten, dass wir das noch einmal verkraften könnten. Nicht jetzt. Nicht nach allem bis hier her.

„Sie sind angekommen.“ hat er gesagt.
Ich weiß nicht, was er damit meinte. Vielleicht „im Leben DANACH“?

Meine Füße sind kalt, doch meine Jacke muss ich öffnen. Frühling.
Ja, wir sind angekommen, denke ich. Wenn nicht im Leben DANACH, was soll das überhaupt sein, dann in dem Leben, in dem es zwischen Wollen und Können keine so große Kluft mehr gibt, dass wir uns ergeben müssen.
Dem liegt kein Verdienst zugrunde, das ist mir wichtig zu erwähnen. Bitte, niemand soll je glauben, wir hätten mehr als am Lebensein, Glück haben und annehmen und Weitermachen dafür getan. Es gibt keine Tätigkeit, die man nur oft und stark und richtig genug machen muss, um im DANACH anzukommen. Eigentlich muss man sich dessen nur wirklich bewusst werden und als Realität akzeptieren (lernen).

Die Sonne wärmt den kalten Wind auf meinem Gesicht.
Ja, nach all dem bis hierher. Weiter geht’s nicht. Mehr können wir nicht machen. Wir sind ausgestiegen, der Zug ist abgefahren. Jetzt muss einfach alles, was stützt und hält auch tragen.

Ich fange einen Tränenschwall ab, lasse meine Augäpfel darin schwimmen. Wir können morgen darüber reden. Alles ist irre, jede Routine ist kaputt, die Welt im Ausnahmezustand. Aber morgen sehen wir noch einmal die Therapeutin. Wie jede Woche. Wie besprochen. Wie immer.
Und ja, auch das ist total irreal. Und Realität. Jetzt. Hier. Heute. NACH all dem.

One thought on “nach all dem

  1. Dieser Satz: „Eigentlich muss man sich dessen nur wirklich bewusst werden und als Realität akzeptieren (lernen).“ Ja der ist es – wenn man es geschafft hat irgendwie sich bewusst zu werden, das ist die halbe Miete, das macht das Leben so unendlich leichter…. Ja, so sehen wir das auch.

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