Tag 26: Zeit

Am Abend des 25 sten Tages weint die mit der Haut aus Stein auf NakNak*s Kopf. Die Stimme der Therapeutin wie eine akustische Spur aus dem Labyrinth der alten und neuen Zeiten.

Drei Wochen sind lang. Drei Wochen und ein paar Tage geht es noch. So tun als wär nix. Nie gewesen. Und falls da Zweifel sind, fährt man einfach weg. Von DEM DA und dem was so heftig daran erinnert.

Unsere Radtour neigt sich dem Ende. Nicht jetzt gleich bald morgen, aber genug, um immer mehr Kraft daran zu verbrauchen, sich nicht mit Schule und I-Kraft-Theater, den ableistischen Wohltäter_innengewalten und vielen anderen Ängsten zu befassen.

Tag 26 steht im Zeichen von Langsamkeit. Was dem Steinhautmädchen passiert war, ging so schnelllangsamwirr, dass es Puls braucht. Eins zwei, eins zwei. Eins. Zwei. Links auf eins, rechts auf zwei. Jede Ziffer ein Gedanke an das Bein, das unser Rad antreibt.

Heute lassen wir sie nicht flüchten. Heute breiten wir die Weite zwischen dem was uns überfordert und dem wo wir jetzt sind aus, wie einen kostbaren Teppich, den wir allein zu betreten genießen. Mit allem was gerade da ist.

Als sie in die Pedale tritt und der Rhein in seinem Lauf fast mittragend wirkt, wird mir sehr bewusst, wie jung sie noch war. Damals. Als die Wunde geschlagen wurde, die sie bis heute er.trägt.

Als wir auf einer Fähre über den Fluss fahren, sehe ich die Spaltung. Den Wundrand. Die versprengten Kindjugendlichen ihres damaligen Alters, die an der Reling hängen und vor Freude in die Hände klatschen. Die unter ihr brennenden, deren Zittern von ihrer Haut versteckt wird. Sie, die das Gesicht in den Wind hält und versucht kein Heimweh nach einem Früherzuhause zu haben.

In Ingelheim angekommen setzt Regen ein. Wir halten bei Fressnapf und kaufen Hundefutter für eine weitere Woche Radtour nach dem Podstockbarcampfestival.

Es sind unsere Ferien. Es ist unsere Zeit. Und wir brauchen sie.

Tag 25: fließende Grenzen

An Tag 24 erkunden wir Worms. Beziehungsweise den ältesten jüdischen Friedhof Europas, der in Worms liegt.

Eingehüllt in Stille, liegen die kleinen und großen, teils fast tausend Jahre alten Gräber mitten im Trubel der Stadt. Wir freuen uns an der Begleitung des Joker, dem Sprechen und Mit.teilen, das zwischen uns passiert. Die Sonne wärmt uns und es ist ein gutes Dort.sein.

Später schauen wir uns den Dom an und sehen zum ersten Mal eine Reliquie. Ist schon mehr als ein Bravo-Starschnitt so ein Ding.

Wir machen ein Opferlicht an, aus Gründen. Es ist weichgut, aber doch seltsam fern. Eine Wunschbitte an so etwas wie G’tt, kommt mir in dieser Sache doch eher vor wie eine Umleitung im Lauf der Dinge. Aber die Stellen, die wichtig für unsere Wunschbitte sind, kennen wir jetzt noch nicht. Vielleicht ist es gut, wenn sie also noch einen kleinen Schlenker durch den Lauf der Dinge macht, bis ein konkreter Punkt klar ist.

Ich spüre uns Rosenblätter aus einem tieferen Innen beobachtet und verwundert. Was wir machen und warum. Warum hier und nicht woanders. Üblicherweise haben wir ein Gebet für Gründe wie diesen. Aber jetzt ist nicht ‚üblich‘. Seit inzwischen 3 Wochen und 4 Tagen ist nichts üblich, außer die Üblichkeit eines Laufs der Dinge, von dem wir uns mehr umspülen lassen, als ihn zu lenken.

Am Abend schwimmen wir zusammen. Spielen Karten. Dösen im Auto. Es ist schön. Und dann rutschen wir in die Traumahölle zwischen Schlaf und Wach.

Ich wache aus einem Wiedererleben auf und bin froh um mein schnelles Erkennen des Ist. Dem Joker hatten wir noch nicht gesagt, was okay/gut ist, wenn genau das nicht passiert und ein Innenkind da ist.

Was sollen wir ihm auch sagen? Es ist doch das Gleiche wie mit mir. Nicht anfassen, NakNak* erkennen, Ort und Zeit begreifen lassen. Buff bamm bäng

Ich bin mir nachwievor nicht sicher, ob und wie Kinderinnens überhaupt sichtbar sind für Außenstehende.

Am nächsten Tag muss der Joker nach Hause und wir nach Mainz. Ab jetzt müssen wir bummeln, denn bis Sohrschied ist es nicht mehr weit. Um den Bummeldruck noch etwas zu erhöhen, fahren wir im Auto mit.

Der Fluß, von dem wir darüber verwirrt sind, ob er nun der Main oder der Rhein ist, fließt vor dem neuen Campingplatz. Wir schlafen heute in Hessen, Wiesbaden, und gehen Eis essen Rheinland Pfalz, Mainz.

Wir sagen dem Joker Tschüß und warten auf seine WhatsApp -Nachricht heute Abend.

Die Grenzen sind fließend und wir beobachten ihren Verlauf.

Tag 23: 80,8 Kilometer

Am Morgen von Tag 23 räumen wir zusammen. Der Joker nimmt NakNak*, den Anhänger, den Rucksack und eine der Packtaschen mit dem Auto und wir können allein fahren. Von Mainflingen bis Worms. Allein. Er fährt später nach. Sucht einen Campingplatz für uns und macht einmal mehr seinen Leichtigkeitszauber.

Wir radeln los und es ist toll. Interessanterweise genauso schwer wie mit den ganzen Sachen nur sehr viel schneller. Bald werden wir warm. Dann kommt der Flow.

Dann kommt Darmstadt. Und Schietwetter. Hehe

Wir machen Pause an einem Einhornbrunnen und lassen uns beregnen. Dann fahren wir weiter und beobachten eine 6 köpfige Familie. Bepackt mit dünnen Plastiktüten voller Kleidung. Sie laufen in einen Gebäudekomplex mit hohem Zaun und Stacheldraht obendrauf.

Ich denke an die Fotos aus dem Warschauer Ghetto. Ich werde wütend auf mein Mitleid für diese Menschen. Auf mein Hier-und-jetzt-nichts-dagegen-tun-können.

Und fahre weiter.

Tag 22: Geborentag

Am Morgen unseres 31 jährig werdens fällt mir auf, wie seltsam das Wort dazu ist. Geburtstag.

Als würde man jedes Jahr geboren werden. Schon wieder.

Dabei ist das, was wir an diesem Tag erleben einzigneu für uns.

Der Joker bringt uns veganen Schokokuchen mit Kerzen ans Zelt. Wir frühstücken lange und bummeln in den Tag hinein. Fahren nach Aschaffenburg – in Bayern – (wer hätte das gedacht) und schauen uns die Johannesburg an. Und die Stiftsbasilika St. Peter und Alexander. Und den Main.

Dann fahren wir zurück nach Mainflingen, wo wir jetzt sind und spielen Phase 10 und waschen unsere Sachen und trinken Wasser, denn es ist sonnig und schön.

Am Abend speisen wir. Ja. Wir speisen. Anders kann man den Genuss, den wir in dem indisch-pakistanischen Restaurant „Punjab Tandoori“ erlebten, nicht umverben. Es ist so lecker. Göttlich. Und der Service. Und die Örtlichkeit. Und alles. Ach. Es war schön.

Zurück auf dem Campingplatz ist Beachparty am Badesee. Deshalb gewinnen wir gleich 2 Mal in Phase 10.

Für solche Tage ist es schön. Dieses geboren worden sein.

Tag 18: noch ein Glück

Am Frühstückstisch kaue ich an einem Apfel und es knirscht in meiner Wange. Unvermittelt. Nah. Unausweichlich nah.

Der Backenzahn ist schon seit Monaten nicht mehr als ein Klecks Zement, der eine Ruine ausfüllt. Wir scherzen. Noch.

Beim Zähneputzen habe ich dann ein Stück des letzten Backenzahns im Mund. Das herabröckelnde Quentchen, dass mir alle Fassung raubt.

Die Panik rollt an. Vermischt sich mit der Angst vor der Zahnarztangst und dem dichten Wasmachichjetzt. Ich kann nicht mehr sprechen. Nicht mehr denken als die Idee, der restliche Zan würde am wackligen Stück entlang komplett aus meinem Kiefer brechen.

Ein Kind nimmt mich in den Arm. Holt seinen Papa. Der versucht zu verstehen. Versteht. Hilft. Macht einen Plan für uns. Lässt uns Zeit für Beruhigung.

Wir setzten uns zu NakNak*. Schauen dem Fidget Spinner-Lichtspiel zu. Ein anderes Kind gibt mir einen Grashalm. Die Mama spricht mir gut zu. Dann fahren der Papa der Familie und ich zum Zahnarzt.

Die Landschaft zieht an uns vorbei und das ruhige Summen der Reifen auf dem Asphalt beruhigt uns weiter. Er fragt wie er helfen kann. Hilft sehr. Erklärt. Fragt für uns. Spricht mit und für uns.

In der Praxis sind alle freundlich. Der alte Zahnarzt nennt sich selbst einen alten Sack und hat über dem Stuhl ein Unterwasserbild, in das wir ein ängstliches Kinderinnen hineinschlüpfen lassen. Er zieht nicht den ganzen Zahn. Mit so einer Wunde sollte man nicht unterwegs sein. Aber er zieht das wackelige Stück.

Erleichterung. Glück. Mit einem Schlag tiefe Müdigkeit. Sie lassen uns schlafen. Lassen uns etwas Mittagessen.

Später machen wir alle zusammen Gartenarbeit bis es regnet. Dann laden wir Fotos hoch. Veröffentlichen unseren Text.

Die Zeit vergeht, als wäre normal was wir hier gerade leben. Es ist schön.

Nach dem Abendessen lese ich eine neuerliche Unwetterwarnung. Heute schlafen wir gleich im Haus.

Morgen haben wir einen kurzen Weg zum nächsten Campingplatz. Sehr gut um wieder in den Radtouralltag zurück zu kommen.

Nun sitzen wir draußen. Neben uns NakNak*. Der Himmel steht in Apricot. Die Grillen schnarren. Der Bach rauscht. Es ist ein guter Abend für einen Abschied.

Tag 16: Zufall, Glück und Herzenswärme

Zwei Kinder öffnen mir die beklingelte Tür und ich sage diesen Erwachsenensatz. „Sind eure Eltern zu Hause?“

Sie rufen eine Mama. Später kommt ein Papa dazu. Ich sage meinen Schlafplatzsichesatz und bin stolz auf mich. Sie haben Tiere und Platz. Klar können wir uns wo aufbauen und schlafen. Nur wo… mit dem Hund… nicht zu den Pferden, nicht zu den Alpacas… im Garten gings…

Ich stehe vor diesen Menschen. Stinke. Müde. Bin überzogen mit einer Schweiß-Sand-Panade und merke, wie einige Jemande hinter mir ihre Fühler ausstrecken.

Es ist ein guter Ort, einigen wir uns. Ein sehr guter Ort, als wir erfahren, dass es hier 4 Kinder und zwei Großeltern auf Besuch gibt. Ein bester Ort, als wir zu den Alpacas dürfen und uns eines die Hand küsst.

Die Katzenbabys in der Kammer neben der Küche, die 2 Pferde, die paar Hühner und paar kleine Rinder – der kleine Bach, die großzügigen Angebote der Familie… Das kommt alles noch obendrauf. Wir sitzen in der Küche mit einer Scheibe selbstgebackenem Brot in der Hand und summen hinterm Sternum.

Später summen wir im Schlafsack und schlafen sofort ein.

Am Morgen werden wir erst vom Hahn geweckt. Um halb 4. Dann von den Rindern auf der Weide gegenüber. Kurz vor 7. NakNak* Antwortet allen.

Wir gehen ins Haus und frühstücken. Lernen das behinderte Kind der Familie näher kennen. Überlegen was wir heute tun. Im Radio werden wieder Unwetter und Gewitter angekündigt. Wir bleiben heute hier.

Misten den Pferdestall und die Wiese. Machen Fotos. Streifen durchs Gewächshaus. Dann ist schon Mittag. Wir essen Gurkensalat und schlagen vor zum Zeichnen auf den Schloßberg zu gehen.

Der Opa und zwei Kinder kommen mit. Wir sind lange dort. Es gibt viele Insekten, von denen wir einige noch nie gesehen haben und schöne kleine Gärten mit alten Öbsten und Gemüsen.

Auf dem Schloßberg zeigt mir eines der Kinder einen riesigen Baum in den einmal ein Blitz eingeschlagen hat. Man sieht es erst, wenn man zu ihm geht. Wenn man auf die andere Seite schaut. Die riesige Wunde im Stamm die den Baum zu 2 Dritteln ausgehöhlt hat und macht, das man durch ihn hindurchgehen kann.

Der Baum ist sehr sehr alt. Und doch so kraftvoll und lebendig. Er lässt das Moos ungewöhnlich hoch an sich hinauf. Treibt an jedem großen Ast viele viele kleine Triebe mit zarten Blättern kommen. Dieser Baum ist ein Über_Lebender und ich komme einmal mehr zu dem Schluss, dass das alles genau so sein sollte wie es gekommen ist.

Wir finden einen Platz, der so gut ist. Bei Menschen, die so viele Themen und Einstellungen teilen. Bei einer Art Familie Weasley. Und dann sehen wir diesen Baum. Erinnern uns. Finden uns in ihm wieder. Jonglieren mit einer Dankbarkeit an eine Stelle, die über uns hinausgeht.

Am Abend essen wir vegane Bratwürstchen und summen wieder in der Küche herum. Reden mit den Erwachsenen bis halb 12. Gehen schlafen und erinnern uns erst wieder an die Gewitterankündigung als der erste Donner uns weckt.

Nun beginnt Tag 18 und wir können absehen, dass wir unseren Geburtstag in der Gegend Frankfurt am Main verbringen werden.

Es ist kurz vor 8. Wir gehen duschen. Und frühstückssummen am Küchentisch.

Tag 16: 614 Höhenmeter

Dass es ein Fehler gewesen war von Alsfeld aus noch einmal 10 km von der Tour abzuweichen war schnell klar.

Google ist so ein gefährliches Scheißtool für Radfahrende. Wenn 2 von 3 vorgeschlagenen Routen Forstwirtschaftswege sind, die seit Jahren nicht mehr benutzt werden, kann man das nicht anders sagen.

Aus der eingeplanten Stunde wurden fast 3. Wir fielen ins Zelt und schliefen ein ohne noch etwas gegessen zu haben.

Der nächste Morgen beginnt mit Sonnenschein. Auf dem Campingplatz ohne Netz for anything. Außer Radio. Dort erzählen sie von Unwettern und Gewittern.

Den Sonnenbrand auf der Nase vom gelblichen Stich der Sonnencreme abgedeckt, fahren wir weiter. Heimertshausen, Zell, Romrod.

In Romrod gibt’s ein Schloßhotel und ein Schild, dass uns über eine kilometerlange Umleitung aufklärt.

Zwischen Umleitung und Ort in Routennähe liegt ein Wald. Da gehen wir durch. Bergauf. Auf verlassenen zugewachsenen Wegen. Durch Brennesseln, Brombeeren und anderes Piekskraut.

Die meiste Zeit weiß ich nicht, ob ich fluchen oder mich bei den von unserem Geracke gestörten Wildtieren entschuldigen will. So bleibe ich im dumpfen Mittagshitze-ein-Schritt-nach-dem-anderen-Modus.

Trage Rad und Anhänger über umgestürzte Baumstämme. Puste Insekten aus dem Gesicht. Wir kommen durch den Wald und fahren die letzten 5km Kilometer auf einer Landstraße weiter.

Die Sonne brennt. Die Ortschaften sind bis auf ein paar arbeitende Bauern leer. Ich denke an den Wetterbericht und daran, dass es das Einzige ist, worüber ich mich unterhalten wollte, würde ich jetzt jemanden treffen.

In der Stadt ist das Wetter oft egal. Hier draußen ist es so wichtig wie das täglich Brot. Es ist kein Smalltalk sondern ein Gespräch. Klimawandel ein fester Teil davon. Nix dummdumpfe Bauern, die sowas nicht interessiert.

Dann finden wir ein Schild zu einem Radweg, der uns auf den R4 bringt. Nach knapp 6 km Buckelpistenhölle ohne Schatten, die überwiegend bergauf führt. Wir rufen zwei Freunde an, weil wir nun schon seit gut 3 Stunden überwiegend laufen und das Gefährt schieben.

Keine Antwort. Wir schalten die Podcastabspielliste an. Denken erneut über E-Bikes nach als uns ein alter Mann voller Saft und Kraft überholt.

Die Dinger sind schon toll. Sie bringen immer mehr Menschen unterschiedlichsten Alters und Konstitution auf die Radwege. Das ist ein guter Schritt weg vom Auto. Aber auch ein Schritt dem der Diskurs um Recycling noch nicht gefolgt ist. So weit ich das mitgekriegt habe.

Tausend E-Bikes bedeuten tausend Akkus aus zum Teil begrenzten Ressourcen, die zu entsorgen problematisch ist. Pest, Cholera, tralla la.

Als wir zurück auf der Route sind, ruft eine Freundin an. Wir sitzen unter einer Birke. Rechts NakNak*, links der Sack mit unserem Essen. Um uns herum Wind und Sonne. Es ist unsere schönste Mittagspause.

Der nächste Ort ist Ulrichstein. Mit 614 Höhenmetern der höchste Ort auf unserer Strecke überhaupt. Noch 17km dahin.

17 Bergaufkilometer. Die wir die meiste Zeit schiebend und auf Landstraßen verbringen. Der Wind wird zunehmend stärker. Zweimal reißt er mich plötzlich fast auf die Mitte der Fahrbahn als ich uns eine kleine Abfahrt ausrollen lasse.

Als wir durch einen Windpark fahren und nicht mehr wissen, ob wir jetzt heulen oder es der Wind ist, der uns die Tränen aus den Augen treibt, fällt uns der Satz ein.

Was wir heute schaffen, müssen wir morgen nicht schaffen.

Das gibt nochmal Kraft. Wir fahren weiter und kommen an. 19 Uhr. In Ulrichstein. Wo es keinen Campingplatz gibt. Aber einen Ferienpark und zwei Hotels.

Ich halte an und heule ein bisschen in einem Buswartehäuschen. Ich bin so scheiße stolz dieses Stück geschafft zu haben. Und mir tut einfach alles weh.

Da wir im Ort nichts für uns finden, fahren wir weiter. Traurig, den Ort nicht näher anschauen zu können und entschlossen jetzt einfach irgendwo zu klingeln und zu fragen, ob jemand etwas kennt, wo wir bleiben können.

Wir rollen aus und halten an einem Haus gegenüber von einem Kuhstall.

Und klingeln.

Tag 14: komische Wünsche

An Tag 14 fahren wir durch Kassel und erledigen unsere Dinge. Es weiß nicht, ob es regnen will. Aber kühl ist es und gibt dem stinkenden Krach einen Rahmen.

Dann schnecken wir in Richtung Guxhagen. Laufen bis die Füße weh tun. Kämpfen mit den Steigungen bis die Muskeln sich nach Holz anfühlen.

Es sind heute nur 10 Kilometer und ein kurzes Gewitter, das wir zu überstehen haben. Das Gewitter verbringen wir in einer kleinen Kapelle kurz vor Büchenwerra. NakNak* rollt sich ein und lauscht dem Donner. Wir lesen einen Reisesegen und kriegen Angst bei der Vorstellung, jemand/etwas könnte uns immer beobachten.

Trotzdem ist es ein guter Moment. Das Gewitter bringt warme Luft und wir haben Zeit unsere Lunge darauf einzurichten. Wir teilen uns einen Apfel mit NakNak* und einen Dank ins Gästebuch.

Dann fahren wir weiter auf den Campingplatz für heute.

Dort ist eine Familie. Drei Kinder zwischen 2 und 6, zwei Erwachsene. Die so lieb miteinander sind. Selbst als die Kinder knatschen und müde sind. Ich will das auch, denke ich und wundere mich darüber. Denn eigentlich will ich das nicht. Ich will eines der Kinder sein aber doch ich. Erwachsen, halbwegs selbstbestimmt und autonom. Dann denke ich, was die Kinder haben will ich. Dieses lieb miteinander sein.

Später will ich auch noch duschen. Am Abend! Und später will ich Fanta.

Ich mache das alles. Duschen, Fanta trinken, eingemummelt im Schlafsack sein und ein Hörstück anhören.

Mir kommt das komisch vor. Wie ich lieb mit mir bin und es nicht mal so richtig glauben kann.

Tag 13: am Straßenrand heulen

Gegen 9 wurde der Regen weniger. Gegen halb 11 waren wir damit fertig die wichtigsten Textilien mit dem Föhn im Campingplatzduschraum zu trocknen.

Energetisch betrachtet hätte ich mich danach gleich schon wieder hinlegen können. Nach dem permanenten Krach durch den Regen und Wind auf das Zelt, gepaart mit dem Langstreckenkampf gegen Erinnern, „falsche“ Gedanken und das neblige Nichts der Dissoziation, war der Krach des Föhns etwa so entspannend wie Haie füttern.

Wir fuhren durch Hofgeismar und stellten fest, dass es nichts von dem gibt, was wir im Moment brauchen: Eine Postfiliale mit Postbank drin, einen Laden in dem man Handyheadsets kaufen kann, einen Waschsalon.

Mit dem Begleitermenschen haben wir dann abgewägt, was wir machen. Mit dem Zug nach Kassel oder die 35km mit dem Rad fahren?

Weil hier komische Züge fahren sind wir natürlich selbst gefahren. Weil wirs halt voll drauf haben.

Hier in der Gegend ist es hügelig. Die Luft ist noch sehr feucht vom Dauerregen. Wir haben unsere Frischfuttervoräte aufgefüllt. Es ist mir so frustrierend von meinen üblichen 20-25km/h runter auf 10km/h zu sein. Eh schon. Auf gerader Strecke. Mit den Steigungen jetzt wir sind teils zu Fuß schneller.

Alles dauert lange. Alles ist anstrengend. Und diesmal haben wir keine flockige Ablenkung auf den Ohren. Das Headset vom Handy hat die hohe Luftfeuchtigkeit nicht überstanden.

Um den Akku zu schonen, benutzen wir Google Maps. Was totaler Quatsch ist. Aber die Idee war halt da und dann macht man eben Quatsch.

14 Kilometer vor Kassel tut mir alles weh. Nichts ist okay. Die scheiß schöne Landschaft nicht. Die durchkommende Sonne nicht. Dass schon mehr als die Hälfte geschafft ist nicht.

Und dann leitet uns die App auf eine Landstraße. Bergauf. Und ich will denken: „Nein.“. Tatsächlich denke ich:“harghmehemnememmmijimimimimimi“. Stelle das Rad ab, lege den Rucksack ab, setze mich auf das Ende mit dem Schlafsack und heule.

Weil ich nicht Zug fahren will. Weil ich Angst davor habe auf Landstraßen zu fahren. Weil ich stinke und mir in den noch immer klammen Klamotten sofort kalt wird, wenn ich mich nicht bewege.

Dann schalte ich die Komoot-App ein. Sie zeigt mir eine Radweg-Route an. Die nächsten 14 Kilometer gehen wieder besser.

Wir landen auf einem Campingplatz mit Waschbären auf dem Gelände. Es ist voll. Es ist laut. Morgen steht alles Stadtzeug an. Wir müssen unsere Route nochmal neu ausrichten und planen.

Ich würde gerne nach Hause fahren und alles dort erledigen. Aber das ist doch auch wieder Quatsch.

Es ist nur ein Tief. Morgen haben wir wieder ein Headset und anderes belastendes Zeug erledigt. Dann wirds wieder leichter.

Bestimmt.

Tag 12: Dauerregen

Interessant ist, dass es uns Spaß gemacht hat. Im Regen fahren und allein sein auf den Wegen durch die kühle Landschaft mit den dampfenden Wäldern auf dem Weg nach Bad Karlshafen. 

Dort hatte noch kein Café auf, in das wir uns so nass und mit NakNak* hätten setzen können um einen Ausruhkaffee zu trinken. Darum sind wir nach einem Abstecher in die Touristeninformation gleich weitergefahren. Im ersten Abschnitt des Diemelradweges (der den Anfang unserer Route macht) gab es einen Unterstand im Wald. Da haben wir uns den Ausruhkaffee selbst gemacht und ein paar Episoden des Geschichtspodcast „Zeitsprung“ angehört. Sehr interessant. 

Dann haben wir einen Fehler gemacht. Weil wir uns nicht erkälten wollten (Schwitzen in Plastik und dann im Kalten sitzen wäre so ein Rezept dafür) haben wir über unsere Sweatjacke noch die Regenjacke angezogen – aber nicht wieder ausgezogen, als wir weiter fuhren. 

Angekommen in Hofgeismar waren wir nass bis auf die Haut. Und es regnete durch. Und regnet immernoch. 

Ohne trockenes Regenzeug können wir nicht raus in den Ort, geschweige denn weiterfahren.

Aber wir haben Glück. Der Campingplatzbesitzer hat uns eine freie Blockhütte angeboten. Die dient üblicherweise zur Lagerung von Gartenmöbeln, aber wir dürfen drin schlafen und unser Zeug zum Trocknen auslegen. 

Zum Schlafen ist es zu fremd und zu kalt – aber die Kleidung trocknet gut – das Regencape ist jedenfalls schon fast wieder trocken, was heißt, dass wir nacher eine Runde mit NakNak* gehen können. Die übrigens seit gestern mehr oder weniger tief mit uns im Zelt rumdöst und offensichtlich kein Problem damit hat, dass heute so wirklich gar nichts passiert.

Auf dem Weg hier her sind wir durch den Deiseler Tunnel gefahren. Ein alter Tunnel für die Carlsbahn, der heute für Wandernde und Radelnde frei ist. Und von Fledermäusen bewohnt. Und einige Meter zu Beginn stockdunkel. Wir wollten gerade umdrehen, weil wir trotz Radleuchte kaum etwas gesehen haben, aber dann ging in Bodennähe eine Reihe Lampen an. Hell genug für uns und auf den Boden gerichtet – nicht störend für Fledermäuse – total schön gelöst finde ich.

Für den Fall, dass ihr da mal durch wollt: von Bad Karlshafen aus, führt der Weg direkt durch, aber dann kommt ein sehr steiler Abstieg. Mit Rad + Anhänger und alleine ist es eine schwere Nummer runter zu kommen. Rauf aber sicherlich noch schwieriger.

Tja. Und sonst?

Ich merke, dass es irgendwo hinter mir arbeitet und Therapieinhalte bewegt. Ich bin froh um die Podcasts, die wir noch im Handy haben. Sie helfen etwas Abstand zu halten. Nicht, dass ich mich dem Bewegten absolut fernhalten will, aber ich merke, dass das zu viel für mich ist. 

Zumindest jetzt, wo wir vom Dauerregen ins Zelt gebannt sind. 

Hofgeismar ist die Dornröschenstadt, denn hier steht das Schloss zum Märchen. Wir spielen heute Dornröschenblatt und schlafen durch diesen Tag.